Private Geschichten Teil 3: Mein Studium zum Offizierspatent A5 = Seesteuermann auf großer FahrtMit diesem Beitrag möchte ich das damalige Studium zum Offizierspatent A5 mit all seinen Schwierigkeiten beschreiben.
Ausserdem möchte ich junge Menschen ermutigen, trotzt geldlicher Not ein Studium zu absolvieren. Es ist immer möglich (auch heute), wichtig ist nur der Wille, es zu schaffen.
Ich hatte mich 1965 an drei Schulen um einen Studienplatz beworben, denn damals waren die Schulen überfüllt. (Hamburg, Bremen und Travemünde)
Als ich schließlich die Zusage von der Seefahrtschule Hamburg bekam, war ich schon
viereinhalb Jahre „vor dem Mast“ gefahren und hatte es bis zum Bootsmann auf dem
Frachter „Fiepko ten Doornkaat“ (Berhard Schulte) geschafft.
Die ganzen Jahre als Mannschaftsmitglied hatte ich immer die Hälfte meines Lohns
gespart, um mein Studium zu finanzieren.
Es waren 14 000 DM zusammengekommen, aber ich wußte, daß es nicht reichen würde und mir war klar, daß ich nebenbei arbeiten mußte.
Mein Traum war natürlich, auch ein kleines Auto zu haben und meine Mutter besorgte mir einen 4 Jahre alten VW Beatle (1200er schon mit großer Heckscheibe) für 5000 DM.
Sie gab mir die Hälfte dazu und den Rest mußte ich natürlich bezahlen. Also hatte ich noch ca. 12000 DM und mit denen galt es 4 Semester, Schulgeld, Bücher, die Wohnung
und das Leben zu finanzieren. So wurde ich stolzer Besitzer dieses laubgrünen Wagens.
Es gab aber noch ein Problem - denn ich mußte zusätzlich auf die Abendschule gehen, um mein Abi nachzuholen, welches ich für mein späteres Kapitänspatent brauchen würde.
Zuerst galt es, ein möbliertes Zimmer in der Nähe der Schule zu finden.
Eine alte Dame in Altona vermietete mir schließlich ein 12 m² Zimmer mit Kochplatte und Toilette auf
dem Flur für 120 DM pro Monat. Ein Vollbad pro Woche in ihrem Badezimmer war inklusive.
Als nächstes galt es die Aufnahmeprüfung zu bestehen.
Sie war nicht sonderlich schwer. Wir mußten eine paar einfache Aufgaben in Algebra,
Bruchrechnen und Geometrie lösen sowie einen kleinen englischen Text ins Deutsche und einen deutschen Text ins Englische übersetzen. Ausserdem mußten wir einen kleinen Aufsatz über ein Seefahrtsthema schreiben und zu guterletzt gab es noch eine Reihe von Fragen über die allgemeine Seemannschaft.
Bewertet wurde diese Prüfung nicht, man war entweder durchgefallen oder hatte bestanden.
Nach einer Woche erfuhr ich , daß ich bestanden hatte.
Ich hatte mich nun auch an der Volkshochschule angemeldet und das bedeutete 2 Jahre lang zweimal pro Woche von 6 Uhr bis 9 Uhr abends zusätzliche Schule.
Es gab so viele Studenten, daß zwei Parallelklassen gebildet wurden. Der Unterricht fand
nicht im Hauptgebäude (Rainvilleterasse), sondern in den Baracken im Park hinter dem Hauptgebäude direkt an der Elbchaussee statt. (Hier wurde später der Simulator „Susan“ installiert)
Das Semestergeld betrug 120 DM und die Erstanschaffung von Fachbüchern verschlang
gleich 600 DM (Müller/Kraus, Fulst Nautische Tafeln, Sterntafeln, usw.) Ausserdem
mußte ein guter Rechenschieber angeschafft werden, der allein 110 DM kostete.
Der Unterricht beinhaltete 14 Fächer:
1. Navigation (Terrestisch und astronomisch, Magnetkompasskunde = Kompensierung)
2. Mathematik (von Algebra über Differential- und Integralrechnung bis zur sphärische
Trigonometrie)
3. Physik
4. Chemie
5. Seemannschaft (inklusive Ladungskunde - aber kein Wort über Tanker)
6. Schiffahrtsrecht
7. Geographie
8. Gemeinschaftskunde
9. Englisch
10. Gesundheitspflege (medizinischer Grundkurs , da kein Arzt an Bord)
11. Wetterkunde (inklusive zeichnen von Wetterkarten)
12. Deutsch und Kulturkunde
13. Persönliche und sachliche Betriebsführung
14. Nachrichtenwesen (Sprechfunk, Licht- Morsen usw)
Die Schule begann um 8 und ging bis 2 Uhr Nachmittags.
Folgende zusätzlichen Kurse mußten in 2 Jahren nachmittags absolviert werden:
Radarkurse mit manuellem Plotten
Erste Hilfe Kurs
Feuerschutzschein
Rettungsbootschein
Sprechfunkzeugnis
Strahlenschutz Einführungskurs (Es herrschte ja noch der kalte Krieg)
Nach 4,5 Jahren vor dem Mast fiel mir die Schule und das erneute Lernen nicht gerade leicht.
Unser Klassenlehrer, ein gewisser Herr Mitas, unterrichtete Mathe, Navigation und Physik. Zuvor war er Porfessor an einem Mädchengynasium gewesen. Wir haben ihn gehaßt. Er liebte den Rechenschieber und wenn wir eine gute Klassenarbeit geschrieben hatten, machte er ohne Vorankündigung eine Hasenjagd.
Die Hasenjagd bestand darin, daß er uns 40 komplizierte Matheaufgaben für den Rechenschieber gab und wir 30 Minuten Zeit hatten, sie zu lösen. Natürlich schafften wir das nicht und es hagelte Fünfen. Er grinste dann nur teuflisch und meinte, Klassenarbeit 2, Rechenschieber 5 , Durchschnitt 3,5 das entspricht in etwa der Wirklichkeit.
Er hatte aus dem Krieg eine tiefe Längsdelle im Kopf, worauf wir natürlich behaupteten, jemand hätte ihm den Rechenschieber über den Schädel gezogen.
Wir waren eine sehr wilde Bande und die Lehrer hatten alle Mühe, uns unter Kontrolle zu bekommen. Allerdings - unser Seemannschaftslehrer, Herr Henschel (Ex-Kapitän), schaffte das mit links. Er schnauzte uns in einem Ton zusammen, den wir als Seeleute gut verstanden. Die Volkshochschule war langweilig, hatte aber den Vorteil ,daß wir in Mathe, Physik und Englisch fast den gleichen Stoff hatten wie in der Seefahrtsschule. Wenn ich was nicht kapiert hatte, konnte ich dort noch nachhaken.
Nach dem ersten Semester kam die Zwischenprüfung, die sehr schwer war und alle Prüfungen wurden gegen ein Zeitlimit abgehalten – ich kam mit Ach und Krach durch.
14 von unserer 27 Mann starken Klasse fielen durch und mußten das Semester wiederholen.
Aus dem Rest der beiden Parallelklassen wurde eine neue Klasse gebildet.
Leider behielten wir Herrn Mitas (oller Theoretiker–kein Seemann)als Klassenlehrer.
Nach dem ersten Semester hatte ich schon 5800 DM von meinem gesparten Geld verbraten. Es war klar, daß ich es finanziell nicht schaffen würde, das gesamte Studium zu finanzieren. Ich versuchte ein Stipendium zu bekommen, wurde aber von der damaligen Hamburger Schulsenatorin mit der Bemerkung abgeschmettert: „Mir ist wohl bekannt, daß Seeleute genug Geld verdienen, um das Studium selber zu bezahlen“
Also mußte nun ein Nebenjob her.
Ich ging zur Jobvermittlug für Studenten. Als erstes wurden wir zum Axel Springer Haus geschickt.
Dort wurde im 2-Schicht-System gearbeitet. Bildzeitung von 10 Uhr nachts bis 2 Uhr nachts - für 25 DM pro Schicht oder die „Hör Zu“ Schicht von 11 Uhr Nachts bis 7 Uhr morgens - für 36 DM und einem sehr guten Essen um 3 Uhr morgens. Bei diesen Schichten mußten wir am Fließband arbeiten d.h. es kamen Stapel von jeweils 10 Zeitungen aus der enormen Druckmaschine und wir mußten immer vier 10er Stapel zu einem Paket packen und dann zur Verpackungsmaschine rennen, wo sie weiter verpackt wurde und in den Versand ging. Das hört sich leicht an - ist es aber nicht. Denn die Zeitungen kamen mit einer atemberaubenden Geschwindigkeit an. Bei der „Hör Zu“ saßen wir mit 12 Mann an diesem Endband und schafften es man gerade, ohne daß ein Stapel am Ende herunterfiel.
Ihr könnt mir glauben, Zeitungen sind nach 7 Stunden unglaublich schwer.
Toll bei der „Hör ZU“ Schicht war allerdings, daß es nach 4 Stunden eine volle Mahlzeit
gab und das Band für eine halbe Stunde gestoppt wurde. Um 7 war die Schicht zu ende und um 8 waren wir in der Schule und kämpften gegen das Einschlafen, besonders
wenn Herr Mitas den Lauf der Sterne, Planeten und des Mondes mit gewaltigen Verenkungen (wir nannten es astronomische Freiübungen) darstellte.
Modelle hatten wir nicht, aber ab und zu durften wir ins Planetarium, wo uns alles viel klarer wurde.
Ich stand mit der astromischen Navigation etwas auf Kriegsfuß, es wollte nicht so richtig in meine Birne. Erst viel später (beim Kapitäns Patent) wurde es zu meinem Hobby und Lieblingsfach.
Bei den Axel Springer Schichten gab es aber ein Problem, denn es waren viel mehr Studenten da, als sie pro Schicht brauchten. Manchmal standen wir mit 60 Leuten da und der Vormann suchte sich seine 12 Leute aus.
Dies hieß natürlich auch, andere Jobs zu finden. Ich möchte hier nicht alle beschreiben,aber ein paar Jobgeschichten sind ganz amüsant.
Bei einer Getränkefirma (Holstenstraße) machte ich eine Karriere von der Flaschenspülmaschine, über die Etikettier- ,Füll-, Sortiermaschine bis hin zum Gabelstaplerfahrer, der die mit 50 Kisten Bier beladenen Paletten in den Hof zum Stapeln fahren durfte.
Die Schicht ging von abends 8 bis bis morgens um 4 und war natürlich Schwarzarbeit.
Um Mitternacht gab es ein Brathähnchen und für die Schicht 35 DM. Nach und nach zog ich immer mehr Kollegen in diesen Job, sodaß die ganze Füllstraße mit Seefahrtschülern besetzt war.
Der Letzte am Band hatte die Aufgabe, 50 Kisten auf einer Palette zu stapeln.
Es fiel überhaupt nicht auf, wenn man ab und zu mal 51 Kisten drauf packte. Ich war der
Gabelstaplerfahrer, der die Palette auf den sehr dunklen Hof fuhr. Auf dem Hof gab es eine Seitentür und dort stand mein VW Käfer, in dem die 51ste Kiste landete.
Mit der Zeit hatten meine Kollegen und ich einen florierenden Bierhandel in der Seefahrtschule.
Eines Tages hatte ich vergessen, das Licht am Wagen abzuschalten – also Batterie platt.
Im Wagen 5 geklaute Kisten Bier und drei Seefahrtsschüler. Wir schoben den Wagen auf die Holstenstraße und versuchten ihn anzuschieben aber er soff total ab.
Schließlich um 4 Uhr 30 hielt ein Peterwagen neben uns und fragte, was los wäre. Die beiden Polizisten und meine Kollegen versuchten die Kiste anzuschieben, aber sie wollte nicht. Also beorderten die Polizisten noch einen Peterwagen und schließlich schoben 4 Polizisten und 2 Seefahrtsschüler die Karre an.
Es war schon ein Bild für die Götter, 5 geklaute Bierkisten im Fond und die Polizei schiebt das Fahrzeug an. (Damals waren sie wirklich noch dein Freund und Helfer)
Es wurde natürlich die Lachstory Nr 1. in der Seefahrtsschule.

Irgendwann erwischte uns der Besitzer beim Klauen und schmiß uns raus. Anzeigen
konnte er uns ja nicht, denn es war ja Schwarzarbeit.

Die Woche darauf hing bei uns in der Asta ein Schild, daß der Besitzer wieder Seefahrtsschüler suchte,
aber bitte diesmal ehrliche.
In den Herbstferien bekam ich einen Job als Barhilfe in dem Transvestitenclub „Barcelona“auf der großen Freiheit Reeperbahn. Die Schicht ging von abends 10 bis morgens um 3.
Mir war ganz mulmig, als ich dort anfing aber es war eigentlich ganz toll.
Die Damen (Herren) waren unglaublich schön mit traumhaften Figuren und sie machten erstklassigen Striptease. Unser Klientel waren meistens reiche Säcke und mußten Clubmitglieder sein. Ich verdiente 60 DM pro Schicht und meine Arbeit bestand darin, Bier einzuschenken, einfache Cocktails zu mixen, Bierfässer zu wechseln und am Ende der Schicht aufzuräumen und alle Gläser zu polieren.
Einige der Damen hatten sich in Casablanca umbauen lassen, aber in ihrem ganzen Wesen waren sie Frauen. Sie entwickelten sogar mütterliche Gefühle für mich, steckten mir Geld zu und nach der Schicht gaben sie mir ein volles Menü in einer der Frühgaststätten auf der Reeperbahn aus.
Meine Mutter war inzwischen Wirtschafterin im Range einer Oberschwester in den städtischen Krankenanstalten in Dortmund geworden und beschaffte mir einen Job in den 6 Wochen Sommerferien als Hilfspfleger in der HNO 4 Abteilung .
Ich arbeitete im Schichtdienst auf der Männer Kehlkopf Krebsstation (Todesstation), versorgte unsere sterbenden Patienten, säuberte und ersetzte ihre Kanülen, wusch und fütterte sie mit einer großen Spritze und verflüssigter Nahrung durch einen Schlauch in der Nase.
Ich lernte subgotan, intramuskulär und sogar intravenöse Spritzen zu geben. Auch Infusionen durfte ich anlegen. Ich lernte Verbände anzulegen und erhielt eine recht gute Ausbildung über Medikamente.
Als der Oberarzt Rellinghoff und der Professor Ekkel hörten, daß ich Seemann bin und kein Medizinstudent, interessierten sie sich für mich besonders.
Ich erklärte ihnen, daß wir keine Ärzte an Bord haben und daß ich so viel wie möglich
lernen möchte, um nachher verletzte und kranke Kollegen zu versorgen.
Sie ermöglichten mir sogar mal ein paar Tage im Kreissaal zu helfen und so war ich bei einigen Geburten dabei und sogar bei einer Zangengeburt.
(Dies half mir viel später, meiner damaligen Frau bei der Geburt unserer Tochter beizustehen und meine Tochter selbst abzunabeln – allerdings unter Aufsicht einer Hebamme)
Auch durfte ich bei Sonntagsschichten im OP bei Notoperationen helfen d. h. ich mußte Gasflaschen wechseln und Geräte sowie Instrumente sterilisieren - ansonsten natürlich nur zuschauen.
Sonntags gabs auch einen Mangel an Pfleger und so mußte ich auch manchmal eine Leiche in den Kühlraum fahren. (kein angenehmes Gefühl)
Ich verdiente 2,80 DM die Stunde, aber was ich dort lernte, kann man gar nicht mit Geld bemessen. Es veränderte mein ganzes Leben und relativierte meine eigenen Problemchen.
Auf jedem Schiff, wo ich anschliessend fuhr, war ich natürlich verantwortlich fürs Hospital - also der Medizinmann.
Es gab noch viele andere Kurzzeitjobs, wie Gangwaywachen im Hafen, Autoüberführungen sowie Schichten im Hafen (Säcke schleppen usw.)
Das Studentenleben hat mir viel Spaß gemacht. Es hatten sich viele Freundschaften gebildet und es herrschte eine tolle Kameradschaft.
Wir hatten eine Stammkneipe, das „Spinnrad“ in der Stresemannstraße. Hinter der Kneipe war ein Schwesterheim eines Krankenhauses.
Was für ein perfektes Gemisch – Seeleute und Krankenschwestern- man, was war das toll. Ihr könnt mir glauben, es gab richtig geile Parties.
Meine Lernfähigkeiten verbesserten sich zusehends mit jedem Semester und so konnte ich meine recht bescheidenen Zwischenzeugnisse langsam verbessern und schließlich hatte ich sehr viel Spaß am Lernen und empfand es wie ein Abenteuer.
Diese Freude am Lernen hielt mein ganzes Leben an. Noch heute lerne ich gern und hab immer das Gefühl, zu wenig zu wissen.
Je mehr ich weiß, desto mehr weiß ich, daß ich nichts weiß – der olle Sokrates hatte es schon gesagt.
Schließlich am 10. Juli 1967 bestand ich mein Offizierspatent A5 = Seesteuermann auf großer Fahrt mit der Note 2.
(hab mal mein Zeugnis ,schon sehr vergilbt, angehängt)
Eine Woche danach bestand ich mein Abitur in der Volkshochschule, allerdings nur mit einer knappen 3.
Ich wurde 3.Offizier auf dem Tanker „St. Petri“ eigentlich RAO Rudolf August Oetker
aber schon Reederei Hamburg Süd- doch darüber berichte ich ein anderes Mal.
Zum Abschluß noch eine Bitte:
Bitte nehmt meinen Bericht nicht als meine Selbstprofilierung – meine damaligen Kollegen können alle ähnliche Berichte schreiben.
Mein Bericht beschreibt nur eine damalige Zeit, an die ich mich mit Freude und auch Stolz erinnere.
Ich möchte auch jungen Menschen Mut machen, alles zu versuchen, eine

Bildung
zu erlangen und ihnen sagen, daß man nicht aus einer reichen Familie kommen muß, um dieses zu erreichen.
Man muß es nur wollen!All meine Nebenjobs haben mir viel gegeben und auch dort habe ich viel gelernt und
wenn es nur die Gewissheit war, welche Jobs ich garantiert nicht für den Rest meines Lebens machen wollte.
Trotz allen Kämpfens und einigen Verzichts
Es war eine geile ZeitLiebe Grüße vom Dinosaurier
Hans