Servus DMITRIJ!
Nun, auch ich bin kein Maschinenspezialist, werde aber in Kürze aufgrund meiner fleuzerschen Vorarbeiten wohl noch einiges von mir geben ...
Zu deiner Frage:
Die größtenteils fantastisch hohen Probefahrtsgeschwindigkeiten italienischer Schiffe der Zwischenkriegszeit haben eine überraschend simple Ursache:
Die italienische Regierung zahlte den Bauwerften anfangs eine beachtliche Prämie für jeden erreichten Knoten über der Kontraktgeschwindigkeit!Diese Zahlungen wurden dann später zwar eingestellt, weil diese, mit allen möglichen, noch zu behandelnden Tricks "hochgekitzelten" Probefahrtsgeschwindigkeiten absolut nichts mehr mit den im Dienstbetrieb erzielbaren Geschwindigkeiten zu tun hatten.
Dennoch wurden von den Bauwerften offensichtlich weiterhin derartige Probefahrten veranstaltet - waren ja eine gute Werbung für mögliche Exportaufträge!
Was genau ließen sich nun die italienischen Werften einfallen?
1 Gewichtsreduzierung.
Die Basis einen jeden Kriegsschiffentwurfes ist bekanntlich die Konstruktions- oder Normalverdrängung. Sie wird zwar in den verschiedenen Marinen leicht unterschiedlich berechnet, aber im Einsatz/Gefecht wird das Schiff im Mittel dieses Gewicht, d.h. diese Verdrängung aufweisen. Folglich wird die benötigte Antriebsleistung zur Erzielung einer gewünschten Geschwindigkeit von dieser Konstruktionsverdrängung berechnet. Die Royal Navy berechnet übrigens auch eine „sea speed“ bei „deep load condition“, also Geschwindigkeit bei Einsatzverdrängung – aber das nur am Rande!
Die italienischen Werften haben nun ihre Schiffe so gebaut, daß sie zwar maschinell fertig waren, sonst hat aber bei diesen Probefahrten noch ´ne Menge gefehlt! Das ging so weit, daß beispielsweise die von dir angesprochene ZARA 1931 ihre Probefahrten ohne ihre schweren Türme absolvierte. Offensichtlich wurde derart viel Material nicht eingebaut bzw. Vorräte nicht übernommen, daß vielfach die Verdrängung bei Probefahrten sogar unter der Standardverdrängung lag! Ich könnte mir gut vorstellen, daß neben der fehlenden Bewaffnung der größte Teil der Ausrüstung – von den Beibooten bis zu den Mannschafts-WC´s – nicht an Bord war, abgesehen von minimalen Betriebsvorräten und vielleicht nur einer eingeschifften Teilbesatzung. Ja ich bezweifle sogar, daß man das Gewicht für einen Anstrich verschwendet hat ...
Hier noch ein paar Zahlen:
ZARA hatte eine Normalverdrängung von 13.580 ts, ihre Probefahrt absolvierte sie 1931 mit einer Verdrängung von 10.766 ts, d.s. knapp 21 % weniger und liegt sogar noch unter der Standardverdrängung von 11.870 ts!
COLLEONI hatte eine Normalverdrängung von 6.571 ts, ihre Probefahrt absolvierte sie 1932 mit einer Verdrängung von 5.565 ts, d.s. über 15 % weniger!
2 .Leistungssteigerung
Getriebeturbinen haben die Eigenschaft, daß man sie für kurze Zeit mit erheblicher Überlast fahren kann und genau das machten sich die italienischen Werften zu nutze, teilweise sogar unter Negierung sämtlicher Sicherheitsgrenzen!
ZARA sollte beispielsweise eine Konstruktionsleistung von 95.000 PS auf 2 Wellen aufweisen, erreichte aber bei ihrer Probefahrt 120.690 PS, d.s. etwa 27 % mehr! Damit kam das Schiff dann kurze Zeit auf 35,23 kn! Im normalen Dienstbetrieb kamen die Kreuzer der ZARA-Klasse dann übrigens selten über 29 kn!
COLLEONI hatte die selbe Konstruktionsleistung wie ZARA, erreichte aber 119.177 PS, d.s. fast 25,5 % mehr! Sie erzielte damit 39,855 kn! Das Schwesterschiff BARBIANO kam sogar bei 5.608 ts Verdrängung mit 123.479 PS (fast 30 % Überlast) auf 42,05 kn, wenngleich auch nur für etwa 30 Minuten!
3. Optimale Rahmenbedingungen
Derartige Probefahrten fanden sicherlich in tiefem Wasser und guten Wetter (kein oder wenig Wind) statt, die Schiffe dockten dazu erst kurz vorher mit sauberem, glattem Boden aus! Solche Bedingungen sind dann im Gefecht relativ selten ...
... und vielleicht hat man ja auch noch schnell eine bekannte, günstige Strömung ausgenutzt, um so knapp über 42 kn zu kommen!

Vergleichsweise war SYDNEY bei einem „deep displacement“ von 9.278 ts bei 72.000 PS für 31,5 kn Geschwindigkeit entworfen, die Zerstörer der H-Klasse bei 1.877 ts „deep displacement“ bei 34.000 PS für ebenfalls 31,5 kn!
Hoffe, ich konnte mit dieser kurzen Zusammenfassung weiterhelfen ...
LG & Gute Nacht
Peter K.