Der neue Diskussionsbeitrag „Deutsche Marine bald kleiner als die Holländische?“ ist wegen seiner Aktualität von großer Bedeutung und ich habe ihn
mit größtem Interesse verfolgt. Die bisher veröffentlichten Beiträge veranlassen mich nun, selber Stellung zu beziehen. Der Grund ist aus meiner Sicht,
dass wichtige Punkte nicht beachtet wurden oder nicht bekannt sind.
Zuvor ein paar Worte zu meiner Person, da ich bei meiner Registrierung für dieses Forum diesbezüglich aus schlechten Erfahrungen mit anderen Internet- Angelegenheiten große Zurückhaltung übe.
Von 4/61 bis 4/97 Marineoffizier, davon 28 Jahre Dienstzeit bei den Marinefliegern, Tätigkeitsfeld „Luftbildaufklärung und Mil. Nachrichtenwesen“ und
dabei seit Herbst 1985 Stabsabteilungsleiter A2 im Stab der Flottille der Marineflieger und wurde in dieser Zeit sehr oft an Überlegungen zur Zukunft der
Marine beteiligt, besonders nach der Wiedervereinigung. Wurde dann zum 31.3.1997 als Fregattenkapitän pensioniert. Bin jetzt 69 Jahre alt, wohnhaft
in Kiel. Seit der Pensionierung befasse ich mich privat und gestützt auf offene Quellen weiter mit diesen Fragestellungen.
Vor diesem Hintergrund möchte ich zu einigen Beiträgen dieses Diskussionsthemas Anmerkungen machen. Wegen des Umfangs der zusammengetra-
genen Fakten stelle ich die Informationen in mehreren Teilen für dieses Thread ins Netz.
Teil I:
@ Big A: Die Infragestellung einer EU-Flotte muss als Gegebenheit festgehalten werden. Ich möchte nur an die Weigerung der Verbündeten bei der Inter-
vention in Somalia erinnern, als die eigenen Interventionstruppen nach dem Scheitern des Einsatzes dort abgezogen werden mussten. Das deut-
sche Heereskontingent musste mit großen Aufwand und den eigenen kleinen Hubschraubern des Heeres und SEA LYNX der Fregatten, Transpor-
tkapazität jeweils max. 6 Personen geborgen werden, da alle anderen Nationen, die über amphibische Kapazitäten verfügten, eine Bereitstellung
für die deutschen Marine verweigerten! Auf Grund der heute überall zu beobachtenden Reduzierung der Flottenstärken würde sich in vergleich-
baren Situationen wahrscheinlich abermals keine Unterstützung ergeben.
@ Ufo: So einfach, wie es in diesem Beitrag dargelegt wird, ist das mit konzeptionellen Vorstellungen für unsere Marine nicht. Der Grund ist, dass ihr
durch das Parlament und den allgemeinen Verteidigungsauftrag eine Reihe von Aufgaben übertragen worden sind, deren Streichung bzw. Bei-
behaltung derzeit nicht diskutiert wird. Diese Aufgaben möchte ich im Folgenden kurz auflisten. Ich beabsichtige nicht, zu den rüstungspolitischen
Konsequenzen daraus abermals Stellung zu beziehen. Siehe dazu
„UNSERE MARINE, GENUG SCHIFFE FÜR ALLE NEUEN AUFGABEN“ (
http://www.marinearchiv.d...ex.php/topic,10067.0.html).
Fakt A: Grundlage aller Überlegungen zum Aufgabenkatalog der Bundeswehr sind die „Verteidigungspolitischen Richtlinien (VPR), 2003 vom damaligen
Verteidigungsminister Struck verabschiedet, sie sind heute noch ohne Abstriche für die Bundesregierung und die Bundeswehr bei allen Diskussio-
nen uneingeschränkt gültig und entziehen sich damit im Moment jeglicher Diskussion. Sie müssten erst einmal vom Parlament geändert werden.
Für die Diskussion in diesem Thread sind daraus die Punkte 28 und 70 bis 83 wichtig, in denen der politische Auftrag für die Bundeswehr definiert
worden ist.
Fakt B: Marineauftrag, allgemein:
Der Auftrag der Deutschen Marine leitet sich aus dieser VPR und der danach erlassenen: „Konzeption der Bundeswehr“, Erlass BMVg- FüS VI 6
Stand 09.08.2004“, den Aussagen der „Konzeption der Bundeswehr/ Teilaufgaben und Fähigkeiten (KdB/ TAF)“ vom Jan.1996 und dem Erlass des
Generalinspekteurs „Konzeptionellen Grundvorstellungen (KGv) Die See als Basis für Streitkräfte gemeinsame Operationen-Basis See“, Kurzform
„Basis See“ Berlin, vom Dez. 2007 ab. Alle diese Dokumente sind bis auf „Basis See“ offen zugänglich.
Allgemein ist festzustellen: Da sich die Aufgaben der Bundeswehr seit 1990 immer mehr weg von der Landesverteidigung hin zu Friedens unter-
stützenden Einsätzen am Rande und außerhalb Europas gewandelt haben, folgert daraus für den Einsatzauftrag der Marine:
1. Schützt Deutschland (DEU) und seine Staatsbürger gegen politische Erpressung und äußere Gefahr.
2. Fördert die militärische Stabilität und die Integration Europas.
3. Verteidigt DEU und seine Verbündeten.
4. Dient dem Weltfrieden und der internationalen Sicherheit im Einklang mit der Charta der UN.
5. Schützt den freien Welthandel und den ungehinderten Zugang zu den Märkten und Rohstoffen in aller Welt im Rahmen einer gerechten
Weltwirtschaftsordnung
6. Hilft bei Katastrophen, rettet in Notlagen und unterstützt humanitäre Einsätze.
Diese Aufgaben haben derzeit folgende Prioritäten:
a. Humanitäre Aufgaben
b. Krisenvorbeugung
c. Krisenbewältigung
d. Konfliktbewältigung
e. begrenzte Bündnisverteidigung
f. umfassende Landesverteidigung
Der Inspekteur der Marine hat in seinen jährlichen Weisungen festgelegt, wie diese Aufträge in der Marine umgesetzt werden. Danach soll die
Marine im Rahmen von Auslandseinsätzen mit Schwerpunkt an streitkräftegemeinsamen Operationen teilnehmen. Sie soll entsprechend dem
Konzept „Basis See“ mit ihren Mitteln von See aus andere Streitkräfte unterstützen, so dass die Hohe See als Basis für militärische Operationen
genutzt werden kann. Besonders ist dabei die maritime Abhängigkeit Deutschlands von den freien Seewegen zu beachten, siehe dazu:
[http://www.bundeswewhr.de/portal/a/bwde/]:
Außerdem soll die Marine im Rahmen der Aufgabe „Schutz Deutschlands und seiner Bürgerinnen und Bürger“ die Seewege gegen asymmetrische
Bedrohungen schützen und so zur Sicherheit des deutschen Seehandels beitragen.
Als Beitrag zu der Aufgabe „Hilfeleistungen“ beteiligt sich die Marine am SAR-Dienst im deutschen Küstenbereich.
Fakt C: Einschub bez. Konzept „Basis See“:
Da das Konzept „Basis See“ Der Wortlaut dieses neuen Konzepts der Marine „Konzeptionellen Grundvorstellungen (KGv) Die See als Basis für
Streitkräfte gemeinsame Operationen-Basis See“ bis heute nicht öffentlich zugänglich ist, wird auf einen Vortrag von KzS. Karsten Schneider,
gehalten auf der 48. Historisch-taktischen Tagung der Flotte, hingewiesen. Der Vortrag ist im vollen Wortlaut abgedruckt im
„MarineForum 4/2008“ abgedruckt [http://de.wikipedia.org/wiki/Deutsche_Marine#Auftrag].
Daraus folgende Punkte:
»Aus einer erheblichen Reduzierung der Streitkräfte sollte sich eine Friedensdividende ergeben. Doch schon im August 1990, also noch vor der
Deutschen Wiedervereinigung, zeigte der irakische Überfall auf Kuwait, dass die Welt außerhalb Europas nicht so friedlich war wie erhofft. …
Die Realität holte die deutsche Öffentlichkeit jedoch schnell ein. Ein Auslandseinsatz der Bundeswehr folgte bald dem nächsten. Den Anfang
machte die Marine mit der Operation Südflanke 1990/91. 1993 wurde ein deutsches Heereskontingent nach Somalia entsandt. Dieser Einsatz
endete mit dem improvisierten Rücktransport von Heeressoldaten auf Fregatten und Versorgern und ließ den Ruf nach einem besser geeigneten
Mittel laut werden.
Die 1998 einberufene Weizsäcker-Kommission gab auch Empfehlungen für das künftige engere Zusammenwirken der Teilstreitkräfte im Einsatz.
Für die Marine stellte sie fest: „Die neuen Aufgaben, vor allem die Unterstützung anderer Teilstreitkräfte, und die Entwicklungen bei den Verbün-
deten verlangen eine weiter reichende Neuorientierung als bisher beabsichtigt. Vordringlich erscheint, die Führungsfähigkeit zu verbessern und
militärische Transportschiffe zu beschaffen, mit denen Streitkräfte auch unter Bedrohung ins Einsatzland gebracht, dort unterstützt und gegebe-
nenfalls zurückverlegt werden können. Das erfordert Hubschrauber und Umschlagtruppen“. Die Kommission empfahl, Einsatzunterstützungs- und
Transportschiffe zu beschaffen, um die Mobilität der Bundeswehr zu verbessern.
Lassen Sie mich mit der Frage beginnen, welchen Wert die Streitkräftegemeinsamkeit in der heutigen Einsatzrealität hat. Vor 1990 war das
erwartete Kriegsbild vom Einsatz sehr großer Truppenkörper in einem äußerst intensiven Gefechtsgeschehen gekennzeichnet. Diese Truppen-
körper mussten auch bei einem kriegsbedingten Ausfall der höheren Führung unabhängig weiterkämpfen können. Jeder war für das ihm zugeteilte
Gefechtsfeld zuständig und konnte dort weitgehend selbst-ständig agieren. Die alliierten Planungen für die Operationsführung der Seestreitkräfte
waren somit von denen der Land- und Luftstreitkräfte weitgehend unabhängig…
Bei heutigen Einsätzen sind die eingesetzten Truppenkörper sehr viel kleiner, und jede ihrer Handlungen steht unter genauer Beobachtung der
Öffentlichkeit und der politischen und obersten militärischen Führung. Einsätze müssen zentral geführt werden. Für gemischte Kontingente sind die
Teilstreitkräfte nur Truppensteller. Was bedeutet das in der Praxis?
Um diese Fragen zu beantworten, muss man die Einsatzrealität noch genauer analysieren. Tatsächlich hat es seit Somalia nur einen gemeinsamen
Einsatz gegeben, der größere öffentliche Beachtung gefunden hat. Das war die humanitäre Hilfe für Sumatra. Weniger beachtet wurden einige
kleinere Einsätze und Übungsvorhaben wie Operation Libelle 1997 in Albanien. Die Fregatte NIEDERSACHSEN unterstützte dort Heereskräfte mit
Führungsmitteln und als Reserve bei der Evakuierung deutscher und ausländischer Bürger aus Tirana. Im Herbst 2005 stand die BERLIN vor der
Elfenbeinküste bereit, um bei Bedarf gemeinsam mit Kräften des Heeres und der Luftwaffe europäische Staatsbürger aus diesem Land zu evaku-
ieren. Und es war wiederum die BERLIN, die 2006 durch ihren Beitrag die Zertifizierung der NATO Response Force auf den Kapverden wesentlich
unterstützte….
Daraus leitet sich nicht ab, dass zukünftig alle Einsätze der Marine tatsächlich streitkräftegemeinsam stattfinden werden. Es wird weiterhin Einsätze
wie UNIFIL oder Active Endeavour geben, an denen die Marine als einzige Teilstreitkraft beteiligt ist. Wenn es aber zu einem streitkräftegemein-
samen Einsatz mit Marinebeteiligung kommt, wird dieser naturgemäß im Küstenraum stattfinden. In diesen Regionen leben zwei Drittel der Mensch-
heit. Konflikte und Instabilität dort sind bereits jetzt keine Seltenheit. Die Vermischung von Piraterie und Terrorismus auf den Philippinen, der auch
auf See geführte Bürgerkrieg in Sri Lanka oder der Zerfall Somalias sind Beispiele für derartige Unruheherde an der Küste….
Küstenregionen können stets von See aus erreicht werden. Es wird zumindest anfangs leichter sein, die See zu beherrschen, als ein Unruhegebiet
an Land. Seestreitkräften kommt zudem der besondere Rechtsstatus der Hohen See zugute. Sie können vor fremden Küsten über lange Zeit ohne
diplomatische Anmeldung und ohne politische Zustimmung eines Staates bereitgehalten werden. Diese besondere Fähigkeit von Seestreitkräften
erlaubt es, politische Entschlossenheit zu zeigen und sich die politische und militärische Freiheit des Handelns zu erhalten. Was liegt da näher, als
die See als Basis für eine streitkräftegemeinsame Operation zu nutzen?
Diese Feststellung war der Ausgangspunkt für den FüM, das Konzept »Basis See« zu entwickeln, an dem man sich innerhalb und außerhalb der
Marine orientieren konnte. Es sollte die Möglichkeiten und Vorteile beschreiben, die ein Einsatz von See aus gegenüber anderen Wegen zu bieten
hat. Es ging uns darum, zu zeigen, was mit unseren bereits vorhandenen Mitteln möglich ist und was wir mit akzeptablem zusätzlichem Aufwand
würden erreichen können. Dabei konnte es nicht in erster Linie um Amphibik gehen, sondern um das Wirken von See im weitesten Sinne…
Die erweiterten Möglichkeiten der Nachrichtengewinnung und Aufklärung von See aus (Hervorhebung von mir) zeigen sich ganz aktuell am
Einsatz eines Flottendienstboots vor der libanesischen Küste. Darüber hinaus können See- und Seeluftstreitkräfte von der Hohen See aus Infor-
mationen über Ereignisse an Land gewinnen und in ein Gesamtlagebild einbringen.
Besonders deutlich geworden sind die Möglichkeiten von Seestreitkräften zur Verbesserung der Unterstützung und Durchhaltefähigkeit
im Einsatz. Hier sind es vor allem Einsatzgruppenversorger mit ihrer leistungsfähigen Logistik und einem Marineeinsatzrettungszentrum MERZ.
Eine unserer Beobachtungen ist, dass bei sehr kleinen Einsatzkontingenten die Unterstützungsaufgaben überproportional viel Personal
binden, das wiederum durch zusätzliche Kampftruppen geschützt werden muss. Dieses Erfordernis entfällt bei der Einschiffung dieser
Elemente. Es sollen dabei nicht die Aufgaben der SKB oder des Zentralen Sanitätsdiensts zu übernommen werden.
Schiffe können in erheblichem Maße zur Überlebensfähigkeit und zum Schutz eines Einsatzkontingents beitragen. An Bord eingeschiffte
Unterstützungseinrichtungen sind weniger gefährdet als solche, die an Land eingesetzt werden. Das dort eingesetzte Personal arbeitet zudem in
einem sauberen Umfeld mit reduzierten gesundheitlichen Risiken. Diese Alternative bietet sich zum Beispiel für einen Teil der logistischen und
sanitätsdienstlichen Aufgaben an.
Hinzu kommen aktive Schutzmaßnahmen durch Seestreitkräfte. So können Flugabwehrfregatten einen Luftraum von mehreren hundert
Kilometern Radius über See und über Land überwachen und einen Beitrag zur Kontrolle dieses Raumes leisten. Damit tragen sie zur Opera-
tionsfreiheit der Streitkräfte bei, wenn bodengebundene oder luftgestützte Luftverteidigungssysteme nicht eingesetzt werden können oder diese
erst noch verlegt werden müssen.
Eine Reduzierung des footprints ist nicht nur wegen der geringeren Gefährdung attraktiv, sondern kann auch politisch gewünscht sein, ins-
besondere in Afrika, einer Region, die immer mehr in den Blickpunkt rückt, wird der Einsatz europäischer Soldaten aus historischen und politi-
schen Gründen vielfach mit Skepsis betrachtet.
Lassen Sie mich an dieser Stelle auf die erforderliche Mobilität zu sprechen kommen. Sie stellt das wohl schwierigste Thema im Zusammen-
hang mit der Basis See dar, weil es hier auch um geeignete Plattformen für Seetransporte geht. Das ist jedoch nicht der einzige Aspekt von
Mobilität. Seestreitkräfte sind in sich mobil. Ihre besondere Bewegungsfreiheit auf der Hohen See habe ich bereits erwähnt. Sie sind auch jetzt
schon in der Lage, in sehr begrenztem Maße andere Kräfte und Mittel an Bord zu nehmen, wie z. B. Spezialkräfte, Sanitätspersonal oder
Logistik...Das volle Mobilitätspotenzial der Basis See kann man jedoch nur ausschöpfen, wenn man über besondere Transportmittel verfügt. Die
Bundeswehr hat sich vertraglich den Zugriff auf zivilen Seetransportraum gesichert. Dieser „Gesicherte Gewerbliche Strategische Seetransport
(GGSS)“, ist jedoch nur in einem weitgehend bedrohungsfreien Umfeld und bei hinreichender Hafeninfrastruktur möglich. Diese Vorausset-
zungen werden bei Einsätzen in weniger entwickelten Konfliktregionen nicht immer gegeben sein. In einem solchen Fall benötigt man eine
„Gesicherte Militärische Seeverlegefähigkeit (GMSV)“. Sie wird mit militärischen Plattformen und Umschlagmitteln sichergestellt. Mit ihrer Hilfe
können Kräfte vor einem Einsatz in der Region, jedoch außerhalb eines Staates und seiner Hoheitsgewässer bereitgehalten werden.
Soweit der Einschub bez. des Konzepts „Basis See“