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Name: Hans-Hermann Hutzfeld
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« Antwort #4 am: 13 Februar 2011, 10:29:54 » |
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Hallo,
das Schiff „Antrax“ – ob Schlepper, Bergungsdampfer, Stationsfahrzeug sie vorerst dahingestellt – der Torpedoschule Mürwik verließ am Mittwoch, 20. Dezember 1922 Mürwik und sollte am Morgen des folgenden Tages in Kiel eintreffen, um dort Weihnachtspakete zu übernommen. Seitdem gilt das Schiff als verschollen.
Ich habe versucht, auf Grund von damaligen Zeitungsberichten – nicht von amtlichen Quellen, die mir leider nicht vorliegen – das Schicksal des Schiffes nachzuvollziehen.
Damals – im Ende Dezember 1922 und Anfang Januar 1923 – berichteten (fast) alle regionalen Zeitungen von der „Antrax“.
Nachstehend gebe ich einige Berichte wieder, wobei besonders der Bericht von den „Flensburger Nachrichten“ vom 28. Dezember 1922 wegen der zeitgenössischen und emotional-gefühlvollen Berichterstattung der damaligen Zeit aus meiner Sicht besonderer Beachtung wert ist.
Tageszeitung „Flensburger Nachrichten“ von Donnerstag, 28. Dezember 1922
„In den Weihnachtstagen erreichte uns die erschütternde Kunde von einem Schiffsunglück. Wir sind gewohnt, bei jedem Sturm, der über unsere Dächer hinbraust, der Angehörigen, Freunde und Bekannten zu gedenken, die zu derselben Stunde draußen mit den unsicheren Elemente ringen. Ein sorgender Blick geht zu solchen Zeiten durch die Blätter, ob von Schiffbrüchigen oder sonstigen Unfällen auf See etwas darin steht. Die Nachricht vom Untergang des Mürwiker Bergungsdampfers „Antrax“ aber berührt uns Flensburger besonders nahe, nicht allein, weil sie unnennbare Trauer in viele Häuser bringt, nicht nur, weil sie ihnen so schmerzlich harten Gegensatz zu der Friedensstimmung des Weihnachtsfestes bildet, sondern auch, weil es den Marinestandort Mürwik trifft, an dessen Schicksal die Stadt Flensburg von jeher innig Anteil genommen hat. Seit der furchtbaren Kesselexplosion auf dem „Blücher“ ist die Marinestation im Frieden nicht von solch einer Katastrophe betroffen worden, wie sie der Verlust des Dampfers „Antrax“ darstellt,
Es wird wohl niemals aufgehellt werden, wie und wo sich der Unfall zugetragen hat, ob ein Fehler oder ein Verschulden des rasenden Unwetter Gewalt gab über das kleine, aber seetüchtige Fahrzeug und seine erprobte Besatzung. An der dänischen Küste ist die Leiche eines Matrosen in einem Rettungsring angetrieben. Das ist die einzige, aber zuverlässige Kunde. Der Mund des Toten ist stumm; er erzählt nichts von der schlimmen Weihnachtsüberraschung, die die Mannschaft betraf, nichts von ihrem aussichtlosen Kampf, nichts von dem letzten, unweigerlichen Verzicht auf Heimkehr. Das Meer hat seinen Vorhang gezogen vor eine Tragödie, die keine Zuschauer hatte und Schmerz und Trauer können sich nur eine schwache Vorstellung machen von diesem Seemannsschicksal.
Der Bergungsdampfer „Antrax“ ähnelte in Größe und Bauart unseren Fördedampfern, hatte aber eine stärkere Maschine. Er dient hauptsächlich dazu, bei den Übungen in der Geltinger Bucht und den benachbarten Gewässern die Torpedos zu bergen. Außerdem vermittelte er, seitdem der Marinestandort Mürwik wieder bezogen worden ist, den Verkehr zwischen Mürwik und Kiel.
Wir lassen hier zwei Berichte über das Unglück folgen:
Der Standortälteste von Flensburg-Mürwik teilt uns mit:
Der zum Kommando der Torpedoschule gehörige Bergungsdampfer „Antrax“ befand sich Mittwoch, den 20. Dezember, auf einer dienstlichen Fahrt nach Kiel und hätte bestimmungsgemäß am Donnerstagmorgen dort eintreffen müssen. Das Fahrzeug ist seit dem genannten Zeitpunkt verschollen. Alle Nachforschungen der Küstensignalstationen sowie Absuchen der westlichen Ostsee mit Torpedobooten sind erfolglos geblieben. Es ist somit mit der traurigen Tatsache zu rechnen, dass der Dampfer aus noch nicht ermittelten Ursachen untergegangen ist.
An Bord befanden sich 2 Unteroffiziere und 10 Mann, von denen die beiden Unteroffiziere und sechs Mann zum Kommando der Torpedoschule, die übrigen vier Mann zum Kommando der Marineschule gehörten.
Der Standort Mürwik muss somit mit hoher Wahrscheinlichkeit den Verlust von zwölf braven Seeleuten beklagen, was umso wahrscheinlicher ist, als inzwischen bereits die Leiche eines Matrosen an der dänischen Küste mit verschiedenen Wrackteilen des Dampfers angetrieben ist.
Die Personalien der Besatzung sind folgende:
1. Maschinist Feldwebel Schlömer, Hans; Flensburg 2. Bootsmaat Sommerfeld, Kurt; Flensburg 3. Obermatrose Gefreiter Bock, Hans; Mörke (Rudolstadt) 4. Obermastrose Schürmann, Ferdinand; Altenbochum 5. Obermatrose Möhle, Kurt; Wilhelshaven 6. Obermatrose Natschke, Bruno; Osterfeld in Westfalen (angetrieben) 7. Heizer Gefreiter Schneider, Alfred; Annaberg 8. Heizer Gefreiter Strasser, Ludwig; München 9. Matrose Gefreiter Schmidt, Hugo; Katarinenward 10. Matrose Gefreiter Röttmer, Heinrich; Hamburg 11. Heizer Gefreiter Illgen, Kurt; Rosswein 12. Oberheizer Henning, Walter; Erfurt
Eine spätere Meldung sagt:
Alle weiteren Nachforschungen nach dem Dampfer und seiner Besatzung sind erfolglos geblieben. Irgendwelche neue Tatsachen, die eine Vermutung über die Ursache des Unglücksfalles zulassen, haben sich nicht ergeben. Der endgültige Verlust von Dampfer und Besatzung ist nun als traurige Tatsache auszusprechen.
Der Marinestandort Mürwik beabsichtigt, Sonnabend, den 30. Dezember 1922, nachmittags 3 Uhr, auf dem Friedhof Friedenshügel eine Trauerfeier für die Gebliebenen zu veranstalten. Die Leiche des, wie bereits mitgeteilt, an der dänischen Küste angetriebenen Obermatrosen Natschke von der Torpedoschule, die in den nächsten Tagen mit einem Torpedoboot der Torpedoschule hierher kommt, wird im Anschluss an die Trauerfeier auf dem Friedhof Friedenshügel bestattet.“
Kieler Zeitung vom 28. Dezember 1922
Beileidskundgebung des Reichspräsidenten zum Verlust der „Antrax“
Der Reichspräsident hat an den Reichswehrminister folgendes telegraphiert:
Die Mitteilung von dem Verluste, der die Marine durch den Untergang des Dampfers „Antrax“ betroffen hat, berührt mich schmerzlich. Ich bitte Sie, den Hinterbliebenen der braven Marineangehörigen meine herzlichste Teilnahme zu übermitteln.
Von der Torpedoschule Flensburg wird mitgeteilt, dass die Leiche des Obermatrosen Natschke bei Kekenis (Südküste Insel Alsen) angetrieben ist. Die Beerdigung findet am Sonnabend Nachmittag in Flensburg statt.
Tageszeitung „Kieler Zeitung“ vom 30. Dezember 1922
Über die „Antrax“- Katastrophe wird noch aus Sonderburg berichtet, dass am Freitag bei Osterby einige Kisten mit Lebensmitteln und Äpfeln, Korbflaschen sowie eine Matrosenmütze und eine wollene Matrosenjacke antrieben. Nachmittags fand man am Strande eine angeschwemmte Leiche. Die Untersuchung ergab, das der Tote der Matrose Bruno Natschke vom Stationsfahrzeug „Antrax“ war. Die letzte Meldung über das Schiff liegt vom Feuerschiff „Kalkgrund“ vor, von wo der „Antrax“ am Mittwoch Nachmittag etwa um 4 Uhr bemerkt worden ist. Es wird angenommen, dass der „Antrax“ mit seiner Besatzung in dem Sturm einer Kesselexplosion zum Opfer gefallen ist. Die Leiche des ertrunkenen Matrosen wurde in Schauby eingesargt. Das von der dänischen Marineverwaltung entsandte Torpedoboot „Hvalrossen“ stellte eine Ehrenabteilung für die Überführung der Leiche vom Kreisbahnhof zum Hafen. Auch das dänische Torpedoboot hatte einen Kranz gestiftet. Der Sarg des Ertrunkenen, der in die deutsche Kriegsflagge eingehüllt war, wurde von den dänischen Matrosen aus dem Eisenbahnwagen gehoben und zum Leichenwagen gebracht. Oberleutnant Ruhfus sprach den dänischen Behörden den Dank der Reichsregierung und des Kommandos der Marienschule Mürwik für ihre Hilfsbereitschaft und die Anteilnahme an dem betrüblichen Anlass aus.
Tageszeitung „Flensburger Nachrichten“ vom 6. Januar 1923
Über den gesunkenen Bergungsdampfer „Antrax“ ist Positives noch nicht ermittelt. Es wird dauernd von Torpedobooten und Minensuchbooten nach der Untergangsstelle gesucht, ohne dass man jedoch ein Erfolg gehabt hätte. Mit Schleppinstrumenten wird der Grund des Meeresbodens abgesucht. An Bord befinden sich Taucher, um im Falle des Auffindens in Tätigkeit zu treten. Da auch weitere Leichen bisher noch nicht angetrieben sind, liegt die Vermutung nahe, dass der angetriebene Matrose Ratsche in den Unglücksstunden als Wache allein an Deck und die übrige Besatzung sich unter Deck befunden hat. Bestimmtes lässt sich jedoch erst nach Auffinden des Wracks vermuten.
Tageszeitung „Flensburger Nachrichten“ vom 8. Januar 1923
Zum Untergang des Bergungsdampfers „Antrax“ wird weiter gemeldet, dass außer Flensburger auch Kieler Fahrzeuge sich an dem Aufsuchen des untergegangenen Schiffes beteiligt haben, bisher leider ohne jeden Erfolg. In dieser Woche sollen die am Sonnabend unterbrochenen Nachforschungen fortgesetzt werden.
Tageszeitung „Flensburger Nachrichten“ vom 12. Januar 1923
Auf der Suche nach der untergegangenen „Antrax“ fanden die ausgesandten Minensuchboote und das Torpedoboot T 154 so stürmisches Wetter vor, dass sie nichts unternehmen konnten. Die Fahrzeuge kehrten daher nach ihren Häfen zurück
Tageszeitung „Flensburger Nachrichten“ vom 9. Februar 1923
Spuren vom „Antrax“. Wie uns von der V. D. G. mitgeteilt wird, ist zwischen Schelde und Sonderburg ein graues Steuerhaus mit einem Maschinentelegraphen angetrieben. Es kann mit ziemlicher Sicherheit daraus geschlossen werden, dass dies Wrackstück von dem Mürwiker Dampfer „Antrax“ stammt. Nach der Sturmrichtung nimmt man an, dass die Unfallstelle zwischen dem Kalkgrund-Feuerschiff und Schleimünde gewesen ist.
Tageszeitung „Flensburger Nachrichten“ vom 13. Februar 1923
Weitere Spuren vom „Antrax“. Wie aus Sonderburg gemeldet wird, sind bei dem Bootsbauer Michaelsen an der Sundewittseite einige Türen und Bruchstücke des Steuerhauses angetrieben, das anscheinend beim Stranden zertrümmert geworden ist.
Danach ließ das Medieninteresse stark nach – auf jeden Fall habe ich bis zum Herbst 1923 keine Berichte mehr gefunden.
Die anderen Zeitungsberichte der Jahreswende 1922 / 1923 ähnelten sich und basierten auf den offiziellen Meldungen der Marine (siehe „Flensburger Nachrichten“ vom 28. Dezember 1922.
Ich habe versucht, den letzten Weg der „Antrax“ sowie die Findorte der Leiche und der Trümmerteile nachzuvollziehen...
Mittwoch, 20. Dezember 1922: Abfahrt von Mürwik; zuletzt gesehen gegen 16.00 Uhr von der Besatzung des Feuerschiffes „Kalkgrund“
Freitag, 22. Dezember 1922: Einige Kisten mit Lebensmitteln, Korbflaschen und Bekleidungsteile treiben bei Osterby an- nachmittags treibt die Leiche des Obermatrosen zwischen Osterby und Kekenis an (Südküste der dänischen Insel Alsen).
Samstag, 30. Dezember 1922: Trauerfeier für die gesamte Besatzung und Beisetzung des Obermatrosen Natschke.
Dienstag, 09. Januar 1923: Zeitungsmeldung, dass zwischen Skrelde und Sonderburg ein graues Steuerhaus mit einem Maschinentelegraphen angetrieben sind.
Samstag, 13. Januar 1923: Zeitungsmeldung, dass auf der Sundewittseite Türen und Bruchstücke des Steuerhauses angetrieben sind.
Da mich das Schicksal dieses Schiffe sehr interessiert, möchte ich folgende Fragen klären:
1. Hat jemand Fotos oder Zeichnungen von dem Schiff? Auch im „Gröner“ ist kein Bild vorhanden, der dort genannte Schiffsname „Anthrax“ ist – nebenbei bemerkt - nicht richtig.
2. Herkunft: Nur eine Zeitungsmeldung („Schlei-Bote“ vom 03. Januar 1923) spricht von einem ehemals russischen Schiff – evtl. ein Anhaltspunkt?
3. Schiffstyp: Der „Gröner“ spricht von einem Schlepper, die Zeitungen von einem Bergungsdampfer, der Ähnlichkeit mit einem Fördedampfer hatte. Dazu eine Zusatzfrage, ob überhaupt 12 Personen auf einem derartigen Schlepper „vernünftig“ untergebracht werden können?
4. Grund des Unterganges: Die Zeitungen sprechen von einer Kesselexplosion in einem schweren Sturm; in einer Zeitung aus Essen soll – nach mir vorliegenden Informationen – „...ging in dichtem Nebel verloren...“ gestanden haben.
5. Windrichtung: Nach meiner Einschätzung müsste damals ein Sturm aus östlicher bzw. südöstlicher Richtung geherrscht haben – aber ich lasse mich gern überzeugen.
6. Woher stammt der Name „Antrax“?
7. Wie ich schon eingangs anführte, habe ich nur damalige Zeitungsberichte ausgewertet. Nach meiner Einschätzung müsste aber in irgendeinem Archiv noch ein offizieller (Unfall-) Bericht der Marine „schlummern“ – aber wo?
Ich hoffe auf möglichst viele Antworten aus dem Forum und
grüße aus Kronshagen bei der Marinestadt Kiel
Hans-Hermann H. alias longwood
PS: Auf dem ehemaligen Marine-Stützpunkt Flensburg-Mürwik – jetzt Wohngebiet Sonwik – steht auf Privatgrund (Fördepromenade 3) ein Gedenkstein zum Gedenken an die 12 Opfer der Schiffskatastrophe. Es ist ein unbehandelter Findling aus Granit, der beiderseits beschriftet ist; auf der einen Seiten sind die Dienstgrade und Namen der Opfer eingemeißelt.
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