Ich versuche gerade die Schilderungen von →
Werner Fürbringer, damals WO auf U 20 bis Ende März 1915 in seinem Buch
Alarm! Tauchen!! U-Boot in Kampf und Sturm [Deutscher Verlag, Berlin 1933] mit den bekannten Versenkungen in Übereinstimmung zu bringen. Allerdings will das nicht recht zusammenpassen.
Fürbringer schreibt (S. 36 ff.):
[Aus den vorhergehenden Ausführungen ergibt sich, daß sich die geschilderten Ereignisse im Januar 1915 abgespielt haben müssen, Anm. GvB]
Wir laufen bis dicht vor die Straße Dover - Calais, dann tauchen wir. Bei der unsichtigen Wetterlage fürchten wir, im aufgetauchten Zustand überrascht zu werden und dann nicht mehr rechtzeitig unter Wasser zu kommen. Tatsächlich kommen ein paar große englische Zerstörer in Sicht. Das Wetter wird dann klarer, wir wollen auftauchen, aber dazu müssen wir erst Abstand von den Zerstörern gewinnen, so fahren wir, 20 Meter unter Wasser, mit großer Fahrt in Richtung auf die französische Küste zu; wir glauben, in der Mitte des Kanals zu sein, aber da stoßen wir schon derart heftig auf felsigen Grund, daß einige von uns vom Anprall einfach umgeworfen werden. Schwieger fragt ganz ruhig aus dem Turm: "Was ist los?" Ich versuche ebenso ruhig zu antworten: "Wir müssen aufgebrummt sein, Herr Kapitänleutnant." Unser Boot, das wir eigentlich für leckgeschlagen halten, zeigt plötzlich die Tendenz, an die Oberfläche zu kommen. Schwieger stoppt zunächst die Maschinen, geht dann aber sofort wieder an, als er sieht, daß das Boot sich hebt und Gefahr läuft, an die Oberfläche zu kommen. Obwohl wir unsere Reglertanks sofort nachfluten, um das Boot unten zu halten, durchbricht es wenige Augenblicke später die Oberfläche. Schwieger öffnet sofort das Turmluk und ruft herunter: "Donnerwetter, Fürbringer, sehen Sie mal, wir sind direkt unter den Felsen von Gris Nez." Gottlob sind keine Zerstörer und Bewacher in der Nähe, die uns angreifen könnten, uns so können wir in aller Ruhe wieder abhalten von der Küste.
Es gelingt uns, wieder zu tauchen und das Boot einzusteuern, ohne daß wir die Ursache seines Hochkommens ergründet hätten. Merkwürdigerweise müssen wir, um das Boot wieder in tauchklaren Zustand zu bringen, den Regler wieder um etwa 3 Tonnen fluten. Was im Augenblick des Aufbrummens eigentlich geschehen war, bleibt uns zunächst ein Rätsel.
Wir steuern gegen die Mitte des Kanals, der ohne jeden Verkehr ist, und fahren glatt durch nach Westen, greifen vor Liverpool einen Transporter an und versenken ihn, ebenso einen weiteren im Nordkanal, dann treten wir durch den Südausgang der Irischen See den Heimweg an.
Im Englischen Kanal begegnen wir in der vorletzten Nacht der Unternehmung einem vollständig abgeblendeten Dampfer. Pechschwarz und unheimlich wälzt sich der dicke Kerl heran, nur seine Bugsee leuchtet grellweiß auf. Er läuft offenbar direkt von England nach Le Havre. Es muß ein Truppen- oder Materialtransportdampfer sein, und Schwieger gibt Befehl zum Überwasserangriff. Der erste Überwassernachtangriff eines U-Bootes im Weltkrieg!
Mit wunderbarer Ruhe und Selbstverständlichkeit fährt Schwieger den Anlauf. Seine Kommandos gibt er genau so ruhig wie bei den Übungen auf der Ems. Sobald "Torpedo fertig!" gemeldet ist, läuft Schwieger mit hoher Fahrt auf den Dampfer zu, gibt dann noch ein paar Kommandos, und schon jagt aus 300 Meter Abstand der Torpedo mit gurgelndem Aufbrummen auf den Dampfer los. In wenigen Sekunden hat er sein Ziel erreicht und detoniert mit ungeheurer Explosion; der Dampfer wird in Atome zerfetzt, so daß die Sprengstücke nur so auf unser Deck hageln. Ich stehe neben Schwieger auf dem Turm. Wir ducken uns unwillkürlich. Von der aufgeworfenen Wassersäule, unter der wir direkt durchfahren müssen, werden wir klatschnaß. Zwanzig Sekunden nach der Explosion ist vom Dampfer nichts mehr zu sehen, nur Ölflecke und hölzerne Wrackteile bezeichnen die Untergangsstelle. Jedes menschliche Wesen, das sich an Bord befand, muß in wenigen Sekunden vernichtet worden sein.
Die Fahrt geht dann weiter durch die Straße Dover - Calais.
[...]
Wenige Wochen später machen wir mit Schwieger eine weitere Unternehmung, diesmal ist unser Operationsgebiet die Gegend von Le Havre. Wir legen in kurzer Zeit im Unterwasserangriff zwei größere Dampfer um.
Eines Nachmittags kommt von England herüber ein großer Lazarettdampfer mit Kurs auf Le Havre. Er kommt direkt auf uns zu, und Schwieger beschließt, ihn mal scharf unter die Lupe zu nehmen, da wir seit einiger Zeit vermuten, daß die Engländer Mißbrauch mit ihren Lazarettdampfern treiben. Schwieger läßt ihn ganz dicht an uns herankommen und ruft: "Fürbringer, mal schnell in den Turm kommen!" Ich muß durchs Sehrohr gucken und mir den Lazarettdampfer ansehen. Ich traue meinen Augen kaum: an der ganzen Reling entlang wimmelt es von dichtgedrängten englischen Soldaten. "Sie haben es doch einwandfrei gesehen, Fürbringer?" fragt mich Schwieger. "Jawohl, einwandfrei, Herr Kapitänleutnant!" antworte ich. "Dann Angriff, Heckrohr beschleunigt fertigmachen, hart Steuerbord!" ruft Schwieger. Wir müssen uns mächtig beeilen, um zum Schuß zu kommen, aber es gelingt doch noch gerade, wenn auch aus ganz achterlicher Position. Leider ist Torpedo Fehlschuß, und Schwieger ist tief geknickt, daß er gerade in diesem wichtigen Fall, wo er den Engländern Mißbrauch von Lazarettschiffen so klar hätte nachweisen können, vorbeigeschossen hat.
Aber schon am nächsten Morgen werden wir für diesen kleinen Mißerfolg entschädigt; direkt vor der Einfahrt von Le Havre versenken wir einen ganz feisten Engländer. Am Nachmittag desselben Tages laufen wir unter Wasser von Le Havre ab, wir wollen den Rückmarsch antreten, weil der Ölvorrat zur Neige geht. [...]
Aus den Angaben bei →
uboat.net ergibt sich jedoch, daß die drei Versenkungserfolge im März 1915 an der Westküste Englands stattfanden, während am 30. Januar 1915 drei Dampfer vor Le Havre und im Kanal versenkt wurden.
Der im Buch von Fürbringer zuerst genannte vor Liverpool versenkte Transporter müßte demnach wohl die →
Princess Victoria gewesen sein (+ 9.3.1915), "im Nordkanal" wurde lt. →
uboat.net im fraglichen Zeitraum, d.h. zu Fürbringers Zeit als WO, kein Schiff von U 20 versenkt.
Bei dem Munitionsdampfer, der im Überwassernachtangriff mit Kurs auf Le Havre versenkt wurde und der in einer gewaltigen Explosion zerrissen wurde, müßte es sich wohl um die →
Oriole gehandelt haben (
"Sunk with all hands and posted as missing. Torpedoed about 20 miles NW of Cap d’Antifer 30.1.1915").
Der
"feiste Engländer", der direkt vor der Hafeneinfahrt von Le Havre versenkt wurde, könnte demnach die →
Tokomaru (6.084 ts, versenkt am 30.1.1915
"7 miles NW of Le Havre LV") gewesen sein.
Sollte die Geschichte mit dem Lazarettschiff zutreffen, so muß man wohl froh sein, daß Schwieger dennoch vorbeigeschossen hat, denn dies wäre im Februar/März 1915 ein gefundenes Fressen für die Greuelpropagandisten in London, Paris und New York gewesen, über das sie sich wohl die Hände gerieben hätten. Außer den Aussagen des Kommandanten und des Wachoffiziers auf U 20 hätte den Deutschen kein unwiderlegbarer Sachbeweis (hier wäre eine Sehrohrkamera von unschätzbarem Wert gewesen) zur Verfügung gestanden und diese Aussagen wären in der ganzen Welt außerhalb des Machtbereichs der Mittelmächte sogleich als "teuflische Hunnen-Lügen" gebrandmarkt und als wertlos abgetan worden.
Nun meine Frage: Weiß jemand, was das KTB von U 20 zu diesen von Fürbringer anscheinend datumsmäßig etwas konfus geschilderten Ereignissen (offenbar hat er Ereignisse aus der Januar-Unternehmung mit denjenigen der März-Unternehmung verwechselt) sagt, insbesondere zu dem angeblichen Mißbrauch des Lazarettschiffes vor Le Havre und dem in einer gigantischen Explosion zerplatzenden Munitionsdampfer?