16. Dezember 1941 Kolberg
08.30 Uhr: Die Sturmwarnung hat recht behalten. Wir können wieder auslaufen. Mit A.K. geht es an die Arbeit. Wir wollen doch vor Weihnachten noch fertig werden. Schließlich wird die Jahreszeit auch immer unangenehmer, und es ist durchaus kein Vergnügen, einen ganzen Wintertag lang auf dem zugigen Oberdeck zu stehen.
Seit dem Untergang von M 529 verholt sich auch niemand mehr in die Maschinen- oder Kesselräume. Es ist zu riskant. Selbst die Maschinenwache hockt nach Möglichkeit in der Nähe der Oberlichtfenster, um im Notfall schnell herausturnen zu können. Minensuchen ist nun einmal nicht ganz ohne. Da ist der Tod in Bereitschaft. Jeder hat jetzt auch sein Köfferchen mit den notwendigsten Habseligkeiten gepackt und auf dem Oberdeck oder auf den Aufbauten in Reichweite verstaut. Viele Kameraden haben außerdem noch ihre erste Garnitur bereitgelegt, damit sie im Ernstfalle nicht nur auf das abgetragene Takelpäckchen angewiesen sind, das sie gerade auf dem Leib tragen.
Ich habe meinen Koffer im Funkraum stehen und vor allem meine Bücher und meine Schreiberei in Sicherheit gebracht. Den Spielzeugkran, den ich für meine Jungs gebastelt habe und retten möchte, aber nicht mit unterbringen kann, habe ich auf dem Koffer festgebunden. Es ist nun einmal so, daß der eine mehr belastet ist als der andere. Vorerst aber hoffen wir immer noch, daß wir nie in die Verlegenheit kommen, unser Boot verlassen zu müssen.
Es ist nur gut, daß es „kleine“ Minen sind, die wir räumen, sogenannte U-Bootsminen. Sie sollten den Hafen in erster Linie vor anschleichenden feindlichen U-Booten schützen. Sie enthalten „nur“ 120 kg Sprengstoff. Wären M 511 und M 529 mit den sonst üblichen großen Minen in Berührung gekommen, die 250 kg Trinitrotoluol in ihrem Leibe bergen, dann wäre von ihnen wohl nicht ein Fetzen beieinandergeblieben.
16.45 Uhr: Bojen lichten und einlaufen. Wir haben als Tagesergebnis eine ganze Mine geschnitten, M 502 hatte gar keine und M 557 drei. Die Gesamt- beute beträgt mithin vier. Ein mageres Resultat!
Nach dem Einlaufen begebe ich mich in meine Wachtmeisterei und arbeite hier weiter. Schließlich muß die anfallende Arbeit ja irgendwie bewältigt werden. Es wird 22 Uhr, ehe alles erledigt ist. Meine Bitte, mir einen Matrosen als Schreibhilfe zuzuteilen, hat der Kommandant abgelehnt. So viel Arbeit wäre da nicht, meinte er. Mag sein, daß alles flotter von der Hand geht, wenn ich einmal eingefuchst bin. Trotzdem, der Kommandant sieht nur die fertige Arbeit und setzt seinen Wilhelm unter die Schriftstücke. Er weiß aber scheinbar nicht, welche Mühe, wie viel Zeit, Wege, Rückfragen und Schreiberei notwendig sind, um ihm alles mundgerecht vorzulegen.
Heute hatte ich mich nun gar nicht um meine Funkstation gekümmert und hoffte zuversichtlich, sie würde sich heißlaufen und stehen bleiben. Dann hätte ich bequem auftrumpfen können und sagen: „Na, bitte, entweder die Funkstation oder die Wachtmeisterei, aber beides zugleich geht nun einmal nicht." Leider ist nichts dergleichen eingetreten. Meine Funkgasten haben mich gräßlich im Stiche gelassen. Vielleicht sind sie froh, daß sie mich zeitweise los sind. Sie arbeiten mit einer Präzision und Exaktheit, die über alles Lob erhaben ist. Nicht einen Funkspruch ließen sie unterschneiden. Nicht ein Buchstabe war unklar oder verstümmelt. Sauber trugen sie die Meldungen in ihre Kladde ein, schrieben Wetter mit „tt“, Mine ohne „ie“ und Schnee mit Doppel-„ee“. Es war nichts zu machen. Hier kann ich den Hebel zu meiner Befreiung aus der Wachtmeisterei also nicht ansetzen. Ich muß einen anderen Ausweg finden, irgendeinen. Man hat eben so seine Sorgen. -
17. Dezember 1941 Kolberg
Von 08.30 bis 16.50 Uhr an der Sperre geräumt. Nachmittags melden mir meine Gasten die Verstärkeranlage des Rundfunks unklar. Sie hätten den Verstärker schon an allen Punkten durchgemessen, könnten aber den eigentlichen Fehler nicht finden. Ich besehe mir den Schaden, rühre aber keinen Finger, bin ja nur noch nebenamtlich zuständig. Abgetakelt und in die einzelnen Bestandteile aufgelöst, bleibt alles liegen. Ich habe jetzt keine Zeit. Es muß einmal gelegentlich gemacht werden. Gut Ding will Weile haben. Dann tauche ich in meinem Wachtmeisterschap unter und verschanze mich hinter Papier, viel Papier und warte. Jetzt muß die Zeit für mich arbeiten.
18. Dezember 1941 Kolberg - Swinemünde
Von 08.30 bis 16.00 Uhr wieder Minen gesucht. Wir sind verbundenes Gerät gefahren, haben unsere Räumleine also von Boot zu Boot gespannt und hinter uns hergezogen. In Dwarslinie ging es die Sperre auf und ab. Auf diese Weise konnten wir zu dritt bei einem Anlauf 450 m abkämmen und wesentlich größere Flächen bearbeiten als mit der Otter. Das Gesamtergebnis betrug zwei. Es scheint sich langsam „auszuminen“. Anschließend fuhren wir zum Kohlen nach Swinemünde. Eingelaufen 21 Uhr.
Eigentlich wollte ich während der schönen langen Fahrt den letzten Brief beantworten, mußte aber in der Wachtmeisterei einen schwierigen Fall erledigen. Schwierig insofern, als der Storch als Angeklagter mit in die Sache verwickelt war. Die Angelegenheit lag nämlich so: Unser Kamerad Triebke, Gefreiter der Laufbahn I bekam vor etwa vier Wochen einen Brief, in dem er der Vaterschaft bezichtigt wurde. Bei der engen, schicksalhaften Verflochtenheit der Kameraden im M-Deck aber war es selbstverständlich, daß jeder diese Angelegenheit als die seine betrachtet und dem gestrauchelten Kameraden mit allen Mitteln unter den Arm griff.
Die Folge war ein geharnischtes Protestschreiben, in dem klipp und klar nachgewiesen wurde, daß dies in keinem Falle in Frage käme, bzw. kommen könne, da das Boot in der fraglichen Zeit in See gewesen sei und nach seiner Rückkehr der physiologisch engbegrenzte Zeitraum schon wesentlich überschritten gewesen wäre. Wenn trotzdem Beziehungen irgendwelcher Art bestanden haben sollten, so wären sie niemals von solcher Innigkeit und Herzlichkeit gewesen, daß man daraus eine so tiefgreifende und nachhaltige Wirkung ableiten könnte. Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer und ein Kuß kein Kind. Die frage der Vaterschaft sei mithin überhaupt nicht diskutabel und ein Rückgriff auf ein Besatzungsmitglied entbehre somit jeder moralischen Grundlage. So leicht ließe man sich kein Kind unter die Weste jubeln, und bitten deshalb von weiteren, beschwörenden Mitteilungen dieser Art Abstand zu nehmen.
Die Antwort auf diesen geschlechtlichen Offenbarungseid traf infolgedessen auch nicht bei uns, sondern beim Kommandanten ein, dem nun mit Hilfe einiger anderer Dienst- und Amtsstellen die Schlichtung dieser Angelegenheit oblag.
Sie geschah in der Weise, daß dem Delinquenten nahegelegt wurde, die für solche Fälle vorgesehenen sieben Tage Sonderurlaub in Anspruch zu nehmen und in Kolberg eine Familie zu gründen, welchem Ansinnen vom Beklagten nach einigem Hin und Her auch stattgegeben wurde. Nun ist es meine Aufgabe, die nötigen Papiere zu ordnen und bei der militärischen Obrigkeit anzufragen, ob der Mann heiraten dürfe. Der Befähigungsnachweis liege bereits vor. So habe ich denn auch meine Beschäftigung und brauche mich über Mangel an Arbeit nicht zu beklagen. Gerade das aber war niemals das Ziel meiner Wünsche.
19. Dezember 1941 Swinemünde
Vormittags kohlen. Unser Boot nimmt als einziges wieder Decksladung. Es sieht ja so schön aus, wenn überall an Oberdeck die Kohlenhaufen herumliegen. „Wer angibt, hat mehr vom Leben“, meint Wilhelm. „Wer angibt, hat es nötig“, widerspricht Ossi. „Wer angibt, lebt länger“, spöttelt Ernst. Daß man immer lästern muß! Vielleicht ist die Decksladung auch befohlen oder aus irgendwelchen anderen Gründen, die außerhalb unseres Maatenhorizontes liegen, voll gerechtfertigt. Vielleicht läßt sich dies überhaupt nur von höherer Warte aus richtig beurteilen. Trotzdem hat man immer eine schnoddrige Randbemer- kung auf der Zunge. Es ist aber so: Ein bißchen spotten, und ein klein wenig lästern, sind nun mal das Salz zum trockenem Brot des Alltags.
Zu mittag gab es heute Leipziger Allerlei, d.h. es sollte Leipziger Allerlei sein. Unser neuer Verpflegungsunteroffizier Amenda hat es so getauft. Ich habe dagegen protestiert, konnte aber gegen seinen harten Westfalenschädel nicht aufkommen. Aber so ist es, die Westfalen machen aus der strunkigen Kohlrübe eine Oldenburger Ananas und aus einem zusammengehauenen Eintopf Leipziger Allerlei. Ich nenne das: „Westfälisches Durcheinander“.
Mein Gegner blieb mir natürlich auch nichts schuldig und meinte, ich solle mich statt um seine Angelegenheiten zu bekümmern, lieber Sorge tragen, daß die Rundfunkanlage wieder in Gang komme. Da habe ich nun meinen Knochen, an dem ich knappern konnte. Ich habe natürlich nicht daran geknappert, obwohl die Verstärkeranlage für unseren Rundfunk tatsächlich noch unklar ist und bis auf weiteres noch unklar bleibt. Aber das hat doch eine ganz andere Bewandtnis, ganz andere Hintergründe, die ich dem guten Amenda nicht gut ausein-anderpuhlen kann. Zwar würde er mich dann sofort verstehen und mir in jeder Weise beipflichten, aber damit würde ich zugleich mitten im Spiel die Karten auf die Karten aufdecken und das will ich nicht gern. Es dauert mich, daß auch meine Kameraden unter der sang- und klanglosen Zeit zu leiden haben, aber es hilft nichts und muß durchgestanden werden, bis es schließlich auch dem Kommandanten leid wird und er seine Techniker wieder an die Apparate setzt, wo sie hingehören, und nicht hinter das Tintenfaß. Lange kann es sowieso nicht mehr dauern, denn er hat schon ganz vernehmlich geknurrt.
20. Dezember 1941 Swinemünde - Kolberg
Rückfahrt: 08.30 Uhr Swinemünde ausgelaufen, Kolberg eingelaufen 13.30 Uhr.
Die Fahrt verlief ruhig, abgesehen von einer bewegten, knappen halben Stunde, in der es zu der erwarteten Auseinandersetzung mit den Kommandanten kam.
Er fragte mich, ob meine technischen Fähigkeiten, bzw. meine handwerklichen Fertigkeiten, an meiner Dienstauffassung selbst wagte er nicht zu rütteln, nicht ausreichten, die Verstärkeranlage des Rundfunks instand zu setzen. Diese Ansicht wies ich natürlich entschieden zurück und versicherte ihm, daß der Schaden längst behoben wäre, wenn ich Zeit dazu gefunden hätte. Leider könne ich mich gemäß seinen Anordnungen nur noch „nebenbei“ mit den technischen Anlagen befassen.
Ich wies dann darauf hin, daß durch diese unheilvolle Personalunion auch in Zukunft in beiden Ressorts ein reibungsloser Ablauf nicht gewährleistet sei, und daß ich unter diesen Umständen laufend und naturnotwendig das zweifelhafte Vergnügen hätte, mir entweder in meiner Eigenschaft als Funkmaat oder aber als Wachtmeister seinen höchsten Unwillen zuzuziehen.
Das Ergebnis dieser Aussprache war ein Vergleich. Ich bekomme für meine Wachtmeisterei eine Schreibhilfe, muß aber für beide Abschnitte weiterhin voll verantwortlich zeichnen. Ich bin zufrieden. Es ist ein Remis, aber ein tragbares.
Nachmittags: Ich weise meinen Schreibgasten ein. Es ist Matrose Zacharias Zippel, ein älterer Kamerad, mit dem ich schon vorher Fühlung genommen hatte. Er ist froh, aus dem überfüllten Matrosendeck und dem jungen Volk herauszukommen und freut sich auf ein ruhiges und matrosenwohlgefälliges Leben in der Wachtmeisterei. Ich werde ihn nicht stören; denn er wird mich hier kaum noch sehen.
Danach mache ich mich über die Verstärkeranlage her. Es ist höchste Zeit; denn in allen Decks, oder wo ich mich sonst nur blicken lasse, muß ich mir die beschwörendsten Klagen über die musiklose Zeit anhören. Geduld, es hat am längsten gedauert.
Punkt 16.00 Uhr kann ich den Hebel auf „Ein“ legen. Durchs ganze Boot braust Musik. Der frohe Samstagnachmittag hat begonnen. Im Heizerdeck bricht ein frenetisches Freudengeheul los. Aus des M-Deck erschallt jubelnd ein Sprechchors: „Wir wollen unseren Funkmaat sehen!“ Jetzt kommt auch noch Jonny in unseren Funkraum heraufgeprustet und meldet, daß im U-Raum sechs Flaschen Bier, gestiftet von den Unteroffizieren des M-Bootes 575 für mich zum Empfang bereitstünden. Ja, ich komme. Man muß sich dem Volk zeigen!
21. Dezember 1941 Kolberg
Bei erträglichem Wetter haben wir heute wieder von 08.40 bis 16.45 Uhr Minen gesucht. Gefunden haben wir nichts. Das Führerboot hat eben ein FT. abgesetzt und an alle interessierten Stellen gemeldet, daß die Sperre frei ist. Damit steht wohl unsere Abberufung von Kolberg unmittelbar bevor; denn was sollen wir sonst noch hier. Die Kieler fiebern schon und freuen sich, daß sie Weihnachten zu Hause sind und im Familienkreis verleben können.
Für meine Person habe ich mir diesen Gedanken allerdings aus dem Kopf schlagen müssen. Nachdem ich den Funkspruch von der Freimeldung der Sperre gelesen hatte, habe ich den Kommandanten auf vielseitigen Wunsch noch einmal in meiner Eigenschaft als Wachtmeister um Urlaub angesprochen, stieß aber auf ein unverrückbares „Nein“.
Am 12. Dezember hat er ein paar junge Kameraden fahren lassen. Das war aber auch alles. Von den älteren und verheirateten Soldaten bekommt nicht einer Urlaub. „Wenn wir wieder in Kiel sind, dürfen sie fahren. Hier aber brauche ich alle“, war sein letztes Wort. Ich streiche auf meinem weihnachtlichen Wunschzettel die Nummer 1. Bleibt nur noch Nummer 2.
Neidisch blicken wir auf die beiden andern Boote, wo man viel freigiebiger ist und einen weit höheren Prozentsatz beurlaubt hat. Auch wenn wir morgen schon nach Kiel abfahren würden, so kämen wir Auswärtigen doch nicht mehr rechtzeitig nach Hause. Wir haben schon hin und her überlegt und es durchgerechnet. Es geht nicht. Wir wollen uns keinen Illusionen mehr hingeben, so schwer es auch jedem Einzelnen von uns ankommen mag. Es wär´ so schön gewesen, es hat nicht sollen sein.
Die Kameraden im eisigen Rußland können auch nicht in Urlaub fahren und wären wahrscheinlich schon glücklich, wenn sie nur mit uns tauschen könnten. Man soll auch vom Schicksal nicht mehr verlangen, als es nun einmal zu geben bereit ist. Wir wollen froh sein, daß wir leben und noch nicht unten bei den Minen und Fischen sind!
22. Dezember 1941 Kolberg
Im Hafen gelegen und auf unsere Abkommandierung nach Kiel gewartet. Sie kam natürlich nicht. Man läßt uns zappeln. Die Kieler toben. Mir ist alles gleichgültig. Mich kann nichts mehr erschüttern.
Eben komme ich von Land zurück. Jedes Musikwarengeschäft und jede Rundfunkhandlung habe ich abgeklappert, aber schließlich habe ich doch bekommen, was ich suchte. „Ja, wenn es für ihr Boot ist“, sagte der Geschäftsinhaber, ein altes, biederes Männchen, nachdem ich ihm meinen Wunsch auseinandergesetzt hatte, „da muß ich schon eine Ausnahme machen. Es ist die letzte, viel gefragt und eigentlich schon verkauft, aber für die Minensucher, da machen wir alles möglich!“
Und dann hatte ich sie: die Platte von der „Lili Marleen“.
Es ist ein wundervolles Lied, schlicht und einfach, dabei fein und tief empfunden wie ein echtes, gewachsenes Volkslied. Klar und volkstümlich ist die Melodie und berückend die Art, wie es von Lale Andersen vorgetragen wird. Man kann sich ihrem Zauber nicht entziehen, und jeder ist still und versonnen, sobald es irgendwo aufklingt.
Der Belgrader Soldatensender hat das Lied zuerst verbreitet und spielt es jeden Abend. Lei-der bekommen wir den Belgrader Sender aber nur zeitweise in unsere Antenne, und dann auch noch schwankend, so daß wir häufig auf diesen schönen Genuß verzichten müssen.
Aus diesem Grunde habe ich mir auch diese Platte besorgt. Jeden Abend nach dem Nachrichtendienst will ich sie spielen lassen. Sie soll den Abschluß bilden und der Gute-Nacht-Gruß an die Kameraden sein. Jetzt aber will ich sie das erste Mal auflegen und den Kameraden meine neueste Errungenschaft vorspielen. Sie werden sich freuen und ich will ganz still dasitzen und lauschen:
Vor der Kaserne, Unser beider Schatten
vor dem großen Tor, sah´n wie einer aus,
stand eine Laterne, daß wir so lieb uns hatten,
und steht sie noch davor. das sah man gleich daraus.
So woll´n wir uns da wiederseh´n, Und alle Leute soll´n es seh´n,
bei der Laterne woll´n wir steh´n, wenn wir bei der Laterne steh´n,
wie einst Lilli Marleen. - wie einst Lilli Marleen. -
Schon rief der Posten, Deine Schritte kennt sie,
sie bliesen Zapfenstreich. deinen zieren Gang.
Es kann drei Tage kosten. Alle Abend brennt sie,
Kamerad, ich komme gleich. doch mich vergaß sie lang.
Da sagten wir auf Wiederseh´n. Und sollte mir ein Leid gescheh´n,
Wie gerne würd´ ich mit dir geh´n, wer wird bei der Laterne steh´n,
mit dir, Lilli Marleen. - mit dir, Lilli Marleen. -
Aus dem stillen Raume,
aus der Erde Grund,
hebt mich wie im Träume,
dein verliebter Mund.
Wenn sich die späten Nebel dreh´n,
werd´ ich bei der Laterne steh´n,
wie einst Lilli Marleen. -
23. Dezember 1941 Kolberg
Ich bin doch froh, daß ich meinen alten braven Zippel habe und mich nicht mehr allein mit dem Papierkram in der Wachtmeisterei herumzuschlagen brauche. Ich weiß auch nicht, warum mir das so zuwider ist. Alles möchte ich sein, aber nur kein Federfuchser. Ich weiß, daß sie notwendig und bei uns das A und 0 sind, und nicht umsonst hat man das geflügelte Wert geprägt: Ohne Schriftverkehr keine Kriegsmarine. Ich weiß auch, daß achtbare und sehr tüchtige Kameraden in ihren Reihen stehen. Ich sehe anderseits aber auch, daß sich diese Laufbahn am wenigsten abnützt, daß sie nie ausstirbt und immer größeren Zulauf erhält, und deshalb ist mir jeder kleine Matrose lieber und wertvoller als irgendein goldbetreßter Schreiberling.
Damit habe ich natürlich nichts gegen meinen Kameraden Zippel gesagt. Er ist ja auch Matrose, und wenn er sich jetzt des Papierladens angenommen hat, so deshalb, weil es ihm von seinem Berufe her liegt, und weil er hofft, hier ein etwas stilleres Leben führen zu können als in dem stets lärmdurchwogten Matrosendeck. Ich lasse ihm völlig freie Hand und glaube in ihm einen guten Kameraden und Mitarbeiter gefunden zu haben.
Wir liegen im Hafen und warten immer noch auf unsere Abberufung. Die Kameraden orakeln: „Warum entläßt man uns nicht? Warum dürfen wir nicht nach Kiel zurück? Was sollen wir noch hier? Wir sind doch längst fertig mit unseren Sperren. Hat man uns höheren Ortes etwa vergessen?“ So gehen die Fragen hin und her, und bald löst ein Gerücht das andere ab. Schon spricht man in Kreisen oder, um milieugetreu zu sein, in Kringeln. Es kommt nichts mehr dabei heraus, trotzdem können sich die Kieler gar nicht beruhigen. Sie wollen durchaus heim, und uns anderen liegt ja auch daran, weil wir von Kiel aus sofort in Urlaub fahren können und wenigstens noch etwas weihnachtlichen Abglanz erhaschen wollen. Am niedergeschmettertsten ist Ossi. „Ich laufe die Wände hoch oder kippe den ganzen Kahn um“, wettert er.“ Da will man nun als Verheirateter Weihnachten das erste Mal im Kreise von Frau und – nein, es ist noch nicht ganz so weit - verbringen, und nun ist wieder nichts. Dafür hat man sich nun Tag für Tag abgerackert und sogar noch eine Mine mehr gefunden als ausgelegt worden ist.“ -
Die Decks sollen weihnachtlich ausgeschmückt werden. Keiner hat auch nur ein Fünkchen Lust dazu. Weihnachtsstimmung auf Befehl. Das wird nichts. Für uns ist kein Weihnachten! -
24. Dezember 1941 - Heiliger Abend Kolberg
Um 17.00 Uhr findet im Matrosendeck die offizielle Weihnachtsfeier statt. Die Menage spendiert Backwaren, Nüsse und Zigaretten, und die Kantine packt für jeden Mann 20 Mark aus, für die wir uns, unseren Wünschen entsprechend, etwas kaufen sollen. Anschließend steigt das Festdiner. Es gibt Kaßler Rippenspeer mit Kartoffelsalat. Als Getränk wird Punsch serviert. Wir leben also nicht schlecht.
Wie vorauszusehen war und wie es bei solchen anberaumten Feiern die Regel bildet, lockerte sich, kaum daß der offizielle Teil vorüber war, das Gefüge sehr schnell, und jeder strebte wieder in sein Wohndeck und den engeren Kameradenkreis zurück, wo er sich, wenn er an einem solchen Festtag schon nicht zu Hause sein kann, immer noch am wohlsten und geborgensten fühlt.
Im U-Raum ist nichts los. Wir sitzen einander gegenüber und keiner weiß recht, was er sagen soll. Jeder scheint mit sich selbst beschäftigt zu sein. Auch bei mir gehen die Gedanken immer wieder durch. Stets weilen sie daheim, zaubern immer neue Bilder hervor und schwelgen in einer Fülle lieber Erinnerungen, daß einem ganz schwach werden könnte. Nein, ich will nicht mehr an zu Hause denken. Es ist jetzt das dritte Weihnachten, das ich fern von daheim hier draußen an der Front erlebe. Nunmehr muß ich es können, ohne mit der Wimper zu zucken.
Der Weihnachtsbrief von zu Hause, der pünktlich heute Vormittag einging, spiegelt auch Festigkeit und ruhige Gelassenheit wieder. „Wir wollen Dir“, schreibt Gertrud, „wenigstens herzliche Weihnachtsgrüße senden, wenn Du nun einmal wieder nicht bei uns sein kannst.
In Gedanken und mit unserem ganzen Fühlen sind wir doch bei Dir und werden Dich von Herzen lieb haben. Verlebe die Feiertage so gut wie möglich und komme dann zu uns. Wir werden die Tage und die Stunden zählen und uns erst dann richtig freuen, wenn wir Dich wieder in unserer Mitte haben und mit all unserer Liebe umarmen können.“ -
Wie dankbar sind wir dem Rundfunkmann, daß er fast gar keine Weihnachtslieder bringt, sondern andere schöne Weisen. Sie hören sich genau so lieb an und sind nicht gar so verfänglich. Still sitzen wir und lauschen. Walter stellt den Lautsprecher noch ein wenig lauter, damit wir besser hören können; denn im Heizerdeck über uns ist ein Tumult, daß der Lärm bis zu uns herunter dröhnt.
Heute nachmittag sagte Walter zu mir: „Wenn ich die Weihnachtslieder höre, dann geht mir das durch und durch. Es ist gerade so, als wenn mir ein Idiot von einer frisch verbundenen Wunde immer wieder den Verband herunterreißt und nachsieht, ob es noch blutet.“ Ja, es ist fast so. Weihnachten kann auch ein sehr grausames Fest sein! -
Am schlauesten ist Wilhelm gewesen. Er hat an Land ein Doppelzimmer gemietet, für heute und morgen Urlaub genommen und feiert jetzt mit seiner Ingeborg Verlobung. Das laß ich mir gefallen!
Oben im H-Deck scheint man vollkommen blau zu sein. Es grölt und knallt am laufenden Band. Wir müssen einmal nach dem Rechten sehen. Unsere Nummer I kommt auch. Er hat das Poltern bis achtern gehört. „Da haben sich zwei in den Haaren“, meldet der H.v.D., der uns entgegenkommt. „Störtebecker“, sage ich; denn anders kann es ja nicht sein, und ... ?“ „Und der Balzer“, lautet die Antwort. „Er liegt noch unter Back und blutet am Kopf. Aufstehen kann er auch nicht.“ Heiliger Abend, stille Nacht. Es ist immer dasselbe.
Nummer l schafft Ruhe. „Schluß für heute!“ befiehlt er. „Klar Deck überall! In zehn Minuten liegt alles im Korb! Es ist 23.00 Uhr. Morgen habt ihr dann nicht ausgeschlafen und für 8 Uhr ist seeklar befohlen.“ –
Ja, es stimmt. Morgen früh zum ersten Feiertag ist seeklar befohlen; denn, so schloß man folgerichtig, wenn wir nicht abberufen werden, dann sollen wir weitersuchen. Hoffentlich finden wir dann keine Minen mehr; denn sonst haben wir nicht nur eine, sondern gar zwei oder drei zu viel.
Wir Unteroffiziere sitzen wieder zusammen im U-Raum. Zum Schlafengehen ist es noch zu zeitig. Wir würden uns doch nur unruhig von einer Seite zur anderen wälzen. Eine rechte Unterhaltung kommt heute aber auch nicht zustande. Die Tendenz bleibt weiterhin lustlos. Ernst merkt es als erster. „Schiet ist das“, brummt er „ein ganz verdammter Schiet!“ Er geht an seinen Spind, holt eine Flasche Feuerreiter und eine Flasche Danziger Goldwasser her-vor und stellt sie auf die Back. Dann mustert er kurz die Runde, macht eine einladende Handbewegung und sagt: „ Kommt Kameraden, jetzt saufen wir solange, bis wir nicht mehr wissen, daß Weihnachten ist." Und so wird es wohl auch gewesen sein. -