11. Dezember 1940 Rotterdam - Dresden
Es ist schon lange kein Geheimnis mehr. Nicht nur Schiff und Maschine sind überholungsbedürftig, sondern auch die Besatzung, trotzdem wird die Geheimhaltung darüber bis zum letzten Augenblick gewahrt. Erst heute Morgen gab der Kommandant beim Appell die näheren Einzelheiten bekannt, und die sind erschütternd genug.
Erstens darf nur die Hälfte der Besatzung fahren, in erster Linie die verheirateten und älteren Soldaten, und zweitens gibt es nur ganze sieben Tage Urlaub. Wir müssen also bereits vor dem Fest wieder zurück sein und sollen Weihnachten wie im Vorjahr auch diesmal wieder auf See verbringen. In jeden Urlaub fällt von vorn herein ein Tropfen Wermut, diesmal aber sind es zwei: Nur sieben Tage Urlaub und zu Weihnachten wieder nicht daheim. Als alte Fronttruppe hatten wir wirklich mit etwas mehr Entgegenkommen gerechnet. Der Hut kann einem hochgehen.
Damit er uns nicht ganz hochging, überreichte uns der Kommandant als besondere Würdigung unserer Verdienste das Abzeichen für Minensuch- und Kleinfahrzeuge. Es zeigt im stehenden, ovalen Eichenlaubkranz eine hochgehende Mine. Dieses Abzeichen, im Volksmund „Sprudelorden“ genannt, wird Vorpostenbootfahrern nach 60 vollen Einsatztagen verliehen. Die meisten von uns zählen bereits 200 Fronttage. Es wäre also schon das zweite oder dritte Abzeichen fällig, bzw. ein Großurlaub. Wäre…! Zu so tiefschürfenden Überlegungen ist aber im Augenblick keine Zeit mehr. Jetzt gilt es zu packen, mit Blitzesschnelle die günstigsten Züge auszukundschaften, den Urlaubsschein an sich zu reißen und dann zu türmen.
17.45 Uhr, der Zug setzt sich in Bewegung. 18.05 Uhr bin ich bereits in Utrecht und erreiche hier den direkten Schnellzug Utrecht - Dresden 18.25 Uhr. Nun hat man aber noch die zusätzliche Freundlichkeit besessen und uns blaugestreifte Fahrscheine ausgestellt, mit denen man nur Personenzüge benutzen darf und von den sieben Tagen Kurzurlaub die Hälfte auf der Eisenbahn verbringen kann. Jetzt gibt es nur noch einen Ausweg. Ich appelliere an die Vernunft der Bahnhofswache, umsonst. Der Sturheit sind keine Grenzen gesetzt, und auch der Barbar kann nicht aus seiner Haut.
Damit war aber bei mir der kritische Punkt erreicht, bzw. überschritten. Jetzt stand nur noch die unverrückbare Tatsache fest: Du fährst auf Biegen und Brechen mit dem direkten Schnellzug und wirst deinen Wagemut auch einmal auf diesem Sektor zum Tragen bringen. Schlägt das Unternehmen fehl, dann mögen sie dich die Feiertage über einsperren. Vielleicht kommst du dann auf diese Weise zu deinen vierzehn Tagen Erholungs- und Festtagsurlaub. Vorläufig ist es aber noch nicht so weit, und wie die Götter vor den Sieg den Kampf gesetzt haben, so steht auch vor der Nemesis erst das Erwischen, und dazu gehören erfahrungsgemäß immer zwei, einer, der erwischt und ein anderer, der sich erwischen läßt. Und darauf wollte ich es nun ankommen lassen.
Zunächst sorge ich deshalb für die nötige Rückendeckung, vertraue mich einem Bootsmann an, der einen Transport von 20 Mann führt und der mich kurzentschlossen mit in seinen Verein aufnimmt. Außerdem versichere ich mich noch eines Eisenbahners, der sich immer auf der achteren Plattform unseres Wagens aufhält. Er lacht und sagt: „Ich fahre ja selbst blind und habe nur meine Eisenbahneruniform angezogen, damit man mich für Zugpersonal hält, aber ich will dir gern Bescheid sagen, sobald ich die Zugwache von weitem kommen sehe. So ist mit weiser Voraussicht alles getan.
Bis jetzt hat mich auch noch niemand aufgestöbert, und dabei geht es schon auf Mitternacht. Die Zugwache wird wohl auch schlafen gegangen sein, und ich werde ebenfalls versuchen, etwas zu ruhen. Es fährt sich dann schneller.
12. Dezember 1940
„Das eben ist der Fluch der bösen Tat, daß sie fortzeugend Böses muß gebären“, sagt schon Schiller in weiser Voraussicht, obwohl ihm weder unsere engherzigen Transportbestimmungen noch die militärischen Zugstreifen von heute bekannt waren. Und dieses Wort kommt mir nun nicht mehr aus dem Sinn, und wenn ich es mir richtig überlege, so konnte es auch gar nicht anders kommen. Auf das Verhängnis des blaugestreiften Fahrscheins mußte analog und notwendigerweise die Kollision mit der Zugstreife folgen. Im Detail sah das so aus:
Wir hatten eben Leipzig passiert. Der Transport, dem ich mich angeschlossen hatte, war hier ausgestiegen. Nun saß ich ganz allein in meinem Abteil. Da näherte sich die Streife. Ich hätte noch genügend Zeit gehabt, um mich irgendwie zu verflüchtigen, hielt es aber einfach für unmöglich, daß mir hier in meinem Heimatgau noch etwas Ernstliches zustoßen könnte. Schließlich kannte ich meine Landsleute und schätzte sie so hoch und anständig ein, daß ich ihnen alles, aber nichts Böses zutraute.
Meine Kameraden foppen mich oft ob dieser Einstellung, aber in diesem Punkte bin ich nun einmal sehr national und meine: Wer nicht sein Heimatland über alles hält, der liebt auch nicht sein Vaterland, und niemand spreche von Liebe zu seinem Volk, wenn er nicht Vater und Mutter auf den Händen trägt.
In dieser positiven Auffassung aber sah ich mich diesmal bitter getäuscht; denn der Herr Feldwebel setzte mich an der nächsten Station, es war Wurzen, höchstpersönlich an die Luft. Ich stieg also aus und wünschte, wie man es in solchen Fällen zu tun pflegt, dem guten Manne etwas. Es ist gut, daß diese Wünsche nicht alle in Erfüllung gehen; denn sonst wäre diese Kategorie von Stahlhelmträgern wohl schon lange ausgestorben.
Ja, und nun sitze ich im Bummelzug und klappere die paar letzten Stationen bis Dresden ab. Damit die Zeit schneller vergeht, mache ich mir ein paar Notizen in mein Tagebuch. Schreiben ist gesund, wer es noch nicht wissen sollte: es lenkt ab, beruhigt und bringt Klarheit; denn was ist Schreiben anderes als ein langsames, abgewogenes und überlegtes Denken. Trotzdem verstehe ich aber noch immer nicht, wie ein normaler Mensch im Ernst verlangen kann, daß man bei sieben Tagen Kurzurlaub die etwa 750 km lange Strecke von Rotterdam bis Dresden im Bummelzug zurücklegen soll.
Unterdessen rattert der Zug weiter. Draußen verbeugen sich in stetem Rhythmus die Telefondrähte, eilen die Bilder im schnellen Wechsel vorüber. Bald aber ist es geschafft. Es ist wieder einmal so weit. Ein halb 12 Uhr war ich zu Hause. Mutti und Jürgen kommen im vollen Lauf angesegelt. Die Freude! Günter fehlt aber. Er ist gerade einkaufen, kommt aber bald und ebenfalls im Galopp; denn schon auf der Straße hat er von dem unverhofften Ereignis gehört. Dann hängt er mir auch schon am Halse und will mich gar nicht wieder loslassen, und daran wird sich auch in den nächsten Tagen nichts ändern.
13. Dezember 1940
Wie an Bord, so ist auch zu Hause bereits um 7 Uhr allgemeines Wecken; denn mit der Präzision eines Chronometers beginnt Jürgen zu dieser Zeit mit seinem flehentlichen Rufen. Bald schließt sich Günter ihm an. Das Konzert wird zweistimmig. Dazu setzen in beiden Bettchen kühne Katapultübungen ein. Unter diesen Umständen ist an ein Weiterschlafen nicht zu denken. Der Tag hat unwiderruflich begonnen.
Einquartierung haben wir auch (Infantrieschule Dresden, nach dem Marsch auf die Feldherrenhalle von München nach Dresden verlegt - Rommel - , später Fahnenjunkerschule). Zwar habe ich die beiden Kameraden noch nicht zu Gesicht bekommen, aber Günter hat mir dafür umso ausführlicher davon erzählt, und fühlt sich nur noch in feldmarschmäßiger Ausrüstung wohl.
Den ganzen Tag über schleppt er Opas alten Feldkessel, er soll den Tornister darstellen, auf dem Rücken mit sich herum. An der Seite baumelt in Ermangelung eines echten Spatens Muttis größter Kochlöffel, während ein geschulterter Stecken das Gewehr vertritt. Wenn er Mutti einen Handgriff helfen soll, dann ist er immer gut heraus; denn er hat wirklich keine Hand frei. Soldatenspielen geht vor. So ist man nicht einmal zu Hause vor kriegerischen Bildern sicher, und die schönen Inseln des Friedens werden immer kleiner und seltener.
14. Dezember 1940
Eigentlich hatte ich mir geschworen, während der kurzen Urlaubstage meine vier Wände nicht zu verlassen, aber einige notwendige Besorgungen zwangen mich heute zu einem kurzen Stadtbummel. Wie fremd einem schon alles geworden ist, und dabei hat sich im bewegten Bild der Straßen doch kaum etwas geändert. Aber die Monate des Fortseins waren doch zu lang und die Eindrücke da draußen zu tief und zu elementar. So darf man sich nicht wundern, wenn das Bild der Erinnerung verblaßt und an manchen Stellen verwischt ist. Dafür hat man jetzt die stille Freude, Bekanntes und Vergessenes wieder zu entdecken und sich daran zu freuen.
Während der Fahrt mit der Straßenbahn machte mich Günter (6) auf die einzelnen Flakstellungen aufmerksam. „Da stehen die Schnellfeuerwaffen“, erklärt er sachlich, „dort die Horchapparate und das runde, zugedeckte, das sind die Scheinwerfer. Die nächste Flak-Stellung ist in Reick vor den Gasometern, und dann kommt wieder eine in den Wiesen vor den Elbbrücken.“ „In solchen Sachen weiß Günter Bescheid, “ meint Mutti, „aber wo im Küchenschrank der Milchtopf steht, den er dem Milchmann bringen soll, das weiß er nicht.“
Dafür ist Günter aber auch ein Junge und kein kleines Mädchen, und nun wünscht er sich zu Weihnachten eine kleine Fla-Kanone. Was läge näher als das. lärmproduzierende Spielzeuge, und ich glaube, das ist das primäre, waren immer gefragt. Die Schaufenster der Spielzeuggeschäfte sind aber leer. Es gibt weder ein kleines Auto, noch einen Wagen oder ein Pferdchen zu kaufen. Dabei ist jetzt, zehn Tage vor Weihnachten, die Hauptsaison für Spielwarengeschäfte. Wir sind recht arm geworden, und unsere Kinder auch.
15. Dezember 1940
„Der Tageslauf wird immer komplizierter, und die Schwierigkeiten im häuslichen Nebeneinander wachsen mit den Buben.“ So schrieb mir Gertrud kürzlich einmal in einem Brief. Was sie damit meinte, wurde mir damals nicht recht deutlich, aber jetzt, wo ich die beiden Rangen selbst einmal ein paar Tage von früh bis abends um mich herum habe, begreife ich Muttis Stoßseufzer nur zu gut. „Da siehst du einmal, wie es ist“, resigniert Mutti, „und wie oft am Tage schneiden sich die gegenseitigen Interessensphären, und dann darf man nicht müde werden im Vermitteln und Beschwichtigen. Das zweite Kind ist eben nicht zwei, die Summe aus eins und eins, sondern immer zwei hoch zwei. Und dabei wäre doch alles so lieb und schön, wenn du nur bei uns bleiben könntest.“
16. Dezember 1940
Eben habe ich Jürgen (5/4 Jahr) eine halbe Stunde auf dem Arm in der Stube spazieren getragen. Auch das war nicht leicht; denn der Bengel hielt sich dabei krampfhaft an meinen Ohren oder an der Nase fest und zerrte daran herum, als wenn es Henkel oder Steigeisen wären. Dann wieder fuhr er mir in die Haare oder biß auf meiner Armbanduhr herum. „Kleine Kinder sind nicht anders“, erklärt Mutti besänftigend. Gewiß, aber man muß sie auch noch gewöhnt sein. So, und nun will Günter getragen sein. Natürlich, was dem einen recht ist, das ist dem anderen billig. Dabei haben wir uns schön unterhalten und erzählt, wie es unter Männern nun einmal üblich ist.
Am meisten interessiert Günter begreiflicherweise das Weihnachtsfest. Ein Weihnachtslied kann er aber nicht. Dafür ist ihm das Lied „Bomben auf Engeland“ umso geläufiger. Es ist wohl auch zeitgemäßer.
Danach haben wir ein Weilchen gemalt und auch etwas geschrieben, lauter Einsen. Günter bringt sie fein, fünf bis sechs Stück malt er, eine schöner als die andere. Dann aber macht er auf einmal alle seitenverkehrt, und ich kann mit meinem pädagogischen Anlauf noch einmal von vorn beginnen. Nicht besser fielen die Resultate beim Zählen aus. Er zählt bis neun, und dann kommt hundert, und davon läßt er sich auch nicht abbringen. Dafür aber hat er den einquartierten Kameraden beim Gewehr putzen und zerlegen so genau zugesehen, daß er die einzelnen Teile des Gewehrs und ihre Wirkungsweise mit einer Prägnanz wiedergeben kann, die beinahe meine Kenntnisse von der Hieb-, Stich-, Stoß- und Schußwaffe in den Schatten stellen. Es ist schon eine verrückte Welt.
19. Dezember 1940
Günter hat nicht gefragt, ob und wann ich wieder fort muß. Das ist nun schon selbstverständlich. Nur einmal mitten beim Essen sagte er, als wenn seine Gedanken plötzlich laut würden: „Wenn nur der schreckliche Krieg bald zu Ende wäre.“ Aber beim Abschiednehmen sagte er tapfer: „Vati, heute weine ich nicht“, und er stand zu seinem Wort.
20.33 Uhr. Der Schnellzug Dresden - Haag setzt sich in Bewegung. Die kurzen Urlaubstage sind zu Ende, und aus den Schienen quellen unaufhörlich Kilometer um Kilometer und drängen Heimat und Liebe wieder grausam hinter sich zurück. Die D-Zugsgenehmigung habe ich auf der Bahnhofswache ohne weiteres erhalten und brauche mich deshalb auch nicht um eine eventuelle Rückendeckung umzusehen.
In Magdeburg steigen viele holländische Arbeiter zu, die vermutlich über die Feiertage nach Hause fahren wollen. Nun hört man nur noch fremde Laute und das harte Rattern der Räder. Am besten ist es, man versucht zu schlafen. Dann ist man alle Sorgen los.
Weihnachten in Rotterdam
20. Dezember 1940 Rotterdam
13.30 Uhr Ankunft auf dem Maasbahnhof in Rotterdam. Ich werde nicht gleich an Bord gehen, sondern erst noch einen langsamen Bummel durch die Stadt einschieben. Unterdessen können die Gedanken in Ruhe abklingen und haben genügend Zeit, sich wieder an die neue Tonart zu gewöhnen. Es ist sehr kalt, - 6° C. Innerlich friert man auch. Schließlich beeile ich mich doch, an Bord zu kommen. Im Hafen schwimmen viele Eisschollen. Es wird mit Gewalt Winter. Unser Boot liegt noch in der Werft. An allen Ecken wird noch gearbeitet. Dann können wir morgen eben nicht wieder in den Krieg ziehen. Es ist ja auch alles egal, und weil es so ist, setzen wir uns erst einmal gemeinsam an die Back, setzen eine Flasche Feuerwasser vor uns hin und überlassen alles weitere Gott und dem Kommandanten. Schließlich sind sie dazu da.
21. Dezember 1940 Rotterdam
Aufgefallen ist es mir eigentlich schon gestern, gleich als ich ins Deck trat, aber bei dem allgemeinen Begrüßungsschwall und der lebhaften Erzählerei bin ich dann wieder davon abgekommen. In unserem Deck ist nämlich wieder einmal unsere Borduhr entzwei und zwei Kleiderhaken fehlen auch. Nun will ich nur einmal in Erfahrung bringen, was da eigentlich angelegen hat.
„Habt ihr wieder mit der 8,8 geschossen?“ frage ich Robert. „Nein“, antwortet er, „das gerade nicht, aber Konrad hatte wieder einmal einen Anfall von Werftkoller. Du weißt ja, im Frühling und in der Weihnachtszeit ist die Anfälligkeit besonders groß, und da sagte er plötzlich: „Denkst du denn, die Uhr geht nicht kaputt?“ und dann nahm er einen Stiefel zur Hand, und davon blieb die Uhr plötzlich stehen, und dann ging es eben so weiter. „Denkst du denn, der Kleiderhaken geht nicht ab?“ Rups war er weg. „Meinst du denn, die Glühlampe brennt ewig?“ fuhr Konrad weiter fort, und schon schwirrte eine Muck durch den Raum. Glas klirrte, und dann war es finster. Ja, und Franzens schöne Kartoffelpuffer hat er auch noch an die Wand gezweckt. Kennst das ja alles. Manchmal überkommt einen eben eine solche Raserei.
Und ob ich das kenne. Einmal muß ja irgendwo und irgendwie die ganze angestaute Wut heraus, und sie ist gewöhnlich um so größer, je mehr einer mit dem Herzen dabei ist, und dann bäumt sich eben alles mit solchem Ungestüm und so lange gegen all die Widerwärtigkeiten auf, bis draußen und drinnen genügend zerbrochen ist. Es ist wie eine seelische Explosion, und dagegen läßt sich nichts tun!
An Bord wird weiterhin eifrig gebaut und gebastelt. Es ist der übliche Werftanblick. Alles ist aufgerissen oder liegt kreuz und quer herum. Man kann weder stehen noch gehen. Wenn man von vorn nach achtern will, ist es das beste, man klettert den Vormast hoch, hangelt an den Antennen lang und läßt sich dann am achteren Mast wieder herabrutschen. So kommt man am sichersten über alle Unrathaufen und provisorischen Arbeitsstellen hinweg und gewinnt gleichzeitig einen schönen Einblick in die Arbeiten auf dem Peildeck.
Schon auf den ersten Blick wird man gewahr, daß aus den vorhandenen fünf Sprachrohren inzwischen zehn geworden sind. Es pfeift beinahe aus allen Ecken, und von jeder Stelle und jeder Ruhestatt aus kann man jetzt anrufen. In der nächsten Werftliegezelt wird man dann noch eine Querverbindung schaffen, damit man alle Rohre gleichzeitig besprechen kann. Wird das ein Geschrei geben!
Dann ist das Peildeck nach beiden Seiten hin verbreitert worden. Vermutlich kommt jetzt auf jede Seite noch eine 8,8. Ein Artillerietelefon, das die Brücke mit allen Schießstellen verbindet, ist schon im Bau. So entwickelt sich unser Boot immer mehr zu einem Schlachtkreuzer, und unser letzter Ersatz artet auch schon zum Manne aus. Bald wird es wieder losgehen.
Nachmittags waren wir an Land und abends im Kino. Schon während der Vorführung ver-nahmen wir das Geplauze unserer schweren Flak. Heute zum Sonnabend dürfte der Engländer eigentlich nicht kommen. Er hält viel auf ein geruhsames Wochenende. Heute ist er aber trotzdem eingeflogen. Vielleicht will er die Weihnachtsfeiertage einarbeiten. Und lange hält er sich auf, sodaß wir einen Teil des nächtlichen Schauspieles noch auf dem Heimweg beobachten können.
Einmal haben auch drei und dann sogar sechs Scheinwerfer einen feindlichen Bomber im Schnittpunkt. Die kleine Flak spukt aus allen Rohren, kann ihn aber bei der Höhe nicht erreichen, und die große Flak steht zu weit weg. So entkommt er und verschwindet in Richtung Küste aus unserem Gesichtskreis. Vielleicht erwischen wir ihn morgen.
Im übrigen aber kann ich mich des Eindruckes nicht erwehren, daß mit der Einbeziehung des gesamten europäischen Westens in die Kriegszone den Engländern der Überblick über die riesigen Weiten der Kriegschauplätze verloren gegangen ist.
Während für uns nur noch das englische Mutterland Ziel und Angriffspunkt ist, und wir unser gesamtes Potential aus dem halbkreisförmigen Frontverlauf heraus wie die Strahlen eines Hohlspiegels auf die Insel konzentrieren können, sieht sich der Engländer einer endlosen Frontlinie vom Nordkap bis zur Biskaya gegenüber, an der er sich notwendigerweise aufsplittern muß.
So bleiben seine kriegerischen Unternehmungen nur ein Tasten und Operieren an der europäischen Peripherie, und selbst ein ernst und energisch geführter Schlag muß sich in der Tiefe des Raumes ausrollen oder zum mindesten bis dahin einen Großteil seiner Härte einbüßen.
Jedenfalls ist auf Grund der Beobachtungen und bisherigen Erfahrungen mit Feind weder ein bestimmtes Ziel noch ein bewußter Plan zu erkennen. Vielleicht will er auch Zeit gewinnen? Fehlt ihm nach den bitteren Erfahrungen dieses Sommers der Mut zum totalen Einsatz, oder, was auch nicht von der Hand zu weisen ist, die notwendige Kraft? Aber das sind Churchills Sorgen und nicht unsere.
22. Dezember 1940 Rotterdam
Sonntag, natürlich unternehmen wir am Nachmittag wieder einen kleinen Bummel durch die Stadt. Man weiß nicht, wie lange man sich das noch leisten kann. Deshalb soll man jede freie Minute wahrnehmen. Aber wir müssen auch umschnallen. Es sind wieder Fälle bekannt geworden, daß einzelne Soldaten von der Bevölkerung aus dem Hinterhalt angegriffen wurden. Wir gehen an sich schon meist in kleinen Trupps und zur Vorsicht wollten wir diesmal gleich die 8,8 mitnehmen, aber der Kommandant sagte, so schlimm wäre es nun wieder nicht.
Es ist recht kalt geworden. Schnee ist noch keiner gefallen, aber die vielen Kanäle und Flußarme sind fest zugefroren. Auf ihnen tummelt sich die Jugend im Schlittschuhlauf. Es weihnachtet und immer zeitiger wird es dunkel. Noch ist der Weihnachtsstern nicht aufgegangen, dafür aber hängt wie zum Hohn am Abend grell und flimmernd eine englische Leuchtbombe am nächtlichen Himmel. Es ist noch weit bis zum Frieden, sehr weit.
23. Dezember 1940 Rotterdam
Die Werftarbeiten sind immer noch nicht beendet. Überall wird noch gearbeitet. Es klopft vorn, es poltert achtern. Es pocht unten im Maschinenraum und hämmert oben in den Mast spitzen. Es rumort in allen Ecken. Auf das verbreiterte Peildeck kommen keine Kanonen, nur zwei schwere Maschinengewehre. Trotzdem, die Tendenz ist klar. Der Krieg wird härter und bitterer.
Wie einfach war dagegen in früheren Jahrhunderten die Kriegsführung. Mit welch billigen Mitteln wehrte man sich damals seiner Haut. Ein langer Spieß, ein breites Schwert, ein fester Schild, ein eisern Hemd genügten zum Bekriegen, ja selbst zum Sterben und zum Siegen.
Und was können wir heute gegen unsere Angreifer tun? Nichts! Nicht einmal Margarine würde die Feinde abschrecken. Die Zeit, sprich, die Technik ist zu weit fortgeschritten.
24. Dezember 1940 - Heiliger Abend Rotterdam
Über Nacht hat es geschneit. Nun glänzt alles in einem weißen, weihnachtlichen Zauber. Er zwingt die Gedanken heimwärts, ob sie nun wollen oder nicht. Schade; denn das tut nur unnötig weh.
Für 09.00Uhr ist seeklar befohlen, und um 09.30 Uhr legen wir auch tatsächlich ab, obwohl viele Werftarbeiten noch gar nicht beendet sind. So bleibt uns nichts anderes übrig, als möglichst viel Werftarbeiter einzuladen und mitzunehmen, damit sie unterwegs weiterarbeiten können und die Dinge wenigstens zu einem provisorischen Abschluß bringen.
Schon rucken die zwei Werftschlepper an und zerren unser Boot von der Pier fort ins Fahrwasser. Ich habe gerade noch Zeit, schnell an Land zurückzu-springen; denn ich soll hierbleiben, sammeln, was ich an Arbeitern und Werftleuten noch auftreiben kann und in einer Stunde mit dem Schlepper nach- kommen.
Nach einer Stunde erscheint auch ein Werftfahrzeug. Stolz verfrachte ich das bisherige Ergebnis meiner Sammelaktion. Da ich aber mit dem Ergebnis noch nicht zufrieden bin, bleibe ich zurück und warte noch eine Stunde. Vergebens. Es kommt niemand mehr. Nun bleibt keine andere Wahl, als mich an die Strippe zu hängen und alles, was irgendeine Nummer hat, anzuklingeln: das Werftkontor, die deutsche Bauaufsicht, die holländische, die KMD, Den Haag, Radio Holland und schließlich noch die Werftkantine, falls sich da jemand verborgen halten sollte.
Endlich ist alles erledigt. Ich schiffe mich auf meinem Schlepper ein, der unterdessen wieder eingetroffen ist. Da es hundekalt ist und ich genügend durchgefroren bin, klettere ich zur Aufwärmung in den Maschinenraum hinunter. Die Maschinisten sind oft aufgeschlossene Leute, sodaß man sich gut mit ihnen unterhalten kann. Die Fahrt dauert dann nicht so lange.
Als wir an unserem Boot längsseits gehen, sind die Kameraden bereits fertig mit kohlen und legen ab zum Kompensieren. Es hat also wieder einmal auf die Minute gestimmt. Danach geht es noch in die Schleife. Man will uns heute nicht zur Ruhe konnten lassen.
Während all der Manöver wird an Bord fleißig weitergearbeitet. Überall klettern Werftarbeiter herum, mitunter sogar vierhändig, wenn es gilt, die großen, noch an Deck liegenden Kohlenhaufen zu überwinden. Die Maler pönen noch die letzten Stellen, und vom Peildeck fliegen sogar noch Hobelspäne herun- ter. Von den Brückenaufbauten hängen noch unschlüssig zahlreiche Leitungsenden und Drähte herab und warten sehnsüchtig auf eine fachmännische Verknüpfung. Die Elektriker stehen dabei, schauen gebannt auf ihre Meßapparate und warten immer verzweifelter auf den erlösenden Ausschlag. Es ist ja alles nur halb fertig oder in der Eile notdürftig zusammengeflickt. Noch fehlt dies und das, und bald muß dieser Spezialist und jener Abnahmemann noch tot oder lebendig an Bord gebracht werden. Es ist ein Durcheinander, wie es im Buche steht.
An einer Stelle des Bootes fangen die Matrosen unterdessen an, Rein Schiff zu machen. Was noch herumliegt, wird nunmehr einfach und kurzentschlos- sen beiseitegekehrt und über Bord geworfen. So verschwindet Gerechtes und Ungerechtes, und bald fehlt immer mehr. Unser Antennenausleger ist auch weg. „Ja, wer kann denn wissen, daß ihr das alte Gestell noch braucht. Das ist über Bord!" So lautet die tröstliche Auskunft. Es ist zum Haareausraufen!
Schlepper her! Mit Konrad Fischer, dem auch noch Verschiedenes fehlt, springe ich hinein und wieder geht die Fahrerei los, hin und her und her und hin, vom Boot zum Schihafen, vom Schihafen zur Wiltonwerft. Hat es nicht Sinn, so hat es doch Methode. In der Werft trenne ich mich von Konrad. Er will zum Maschinenbau, und ich werde unterdessen die Tischlerei aufsuchen. Tischlerei? Ich frage einen Arbeiter. Achselzucken ist die Antwort. Der nächste Herr bitte und dann dasselbe Verschen. Wo finde ich die Tischlerei? Tischlerei??! Tischler! Ich schraube die Lautstärke herauf und fange mit den Händen an zu hobeln, umsonst! Schreiner? Holzverarbeitung? Nichts! Holzbauer? Schrankbauer? Schönmacherie? Das muß er doch begreifen; denn darunter versteht man hierzulande schlechterdings alles. Tatsächlich! Jetzt flammt auch ein Lichtstrahl auf. „Simmermann?“ fragt er zurück. Ja, Gott sei Dank, Simmermann, und nun nichts wie hin!
Wieder beginnt beim Zimmermann das ewige Feilschen mit Worten, aber endlich, um 17 Uhr habe ich doch alles beisammen und auch einen neuen Ausleger. Nun zurück zum Schlepper. Konrad wartet schon. „Zum Rodelhafen!“ rufe ich dem Käpten zu und will wieder im Maschinenraum verschwinden. „Rodelhafen?“ - „Ja, zu unserem Schiff im Rodelhafen zurück wollen wir.“ Der Käpten schüttelt immer noch den Kopf. „Nicht Rodelhafen.“ Da dreht sich Konrad um und sagt schmunzelnd: „Dann fahrt halt zum Schihafen.“ Na also, dann seinetwegen zum Schihafen. Ich wußte doch, daß es mit Schnee irgendwie zusammenhing, und dann polterten die Maschinen los.
Die zwei Maschinisten kennen mich nun auch zur Genüge, und so kommen wir rasch wieder ins Gespräch. Zwei Feuer hat der kleine Kahn und die Maschine 350 PS. „Was verdienst du die Woche?“ frage ich. „17,50 Gulden.“ „Bis du verheiratet? Hast du Kinder?“ - „Ja, ein Mädel.“ -„Was bezahlst du Miete?“ - „Wohning?“ - „Ja.“ - „4,50 Gulden.“ So orakeln wir hin und her, und sie wollen von mir dasselbe wissen. Da klappert der Maschinentelegraf. Wir sind am Ziel und klettern wieder auf unser Boot zurück. Jetzt geht es hier weiter. Wir müssen heute noch fertig werden.
Gott sei Dank, die Leute von Radio-Holland sind unterdessen auch eingetroffen und bauen schon an unserer Ultra-Kurzwellen-Station. Mit der Zeit wird alles. Es fragt sich nur noch wie. Zur Kontrolle wollen wir noch eine kurze Übung mit den Nachbarbooten vornehmen, und dann ist Schluß für heute. Es ist mittlerweile 20 Uhr geworden.
Aus dem Lautsprecher ertönen Weihnachtslieder. Richtig, Heiliger Abend ist auch noch. Das hat uns gerade noch gefehlt. Heute vor einem Jahr standen wir vor Moen und ließen uns von Wind und Wellen zerzausen. Wer mir damals gesagt hätte, daß wir in einem Jahr auch noch Krieg hätten, den hätte ich ausgelacht und nicht für zurechnungsfähig gehalten. Heute aber glaube ich, daß wir auch nächstes Weihnachten noch nicht zu Hause sind. Sicher verleben wir das Fest nicht wieder in Rotterdam, aber vielleicht auf See oder in irgendeinem anderen Hafen, bestimmt aber noch nicht daheim. Es ist gut, wenn man sich rechtzeitig mit diesem Gedanken vertraut macht. Die Enttäuschung ist dann nicht gar so groß.
Ich klettere im Vorschiff den steilen Niedergang zum Mannschaftsdeck hinunter. Hier ist die ganze Besatzung zu einer kurzen Feierstunde versammelt. Ein Christbaum ist vorhanden, Kerzen brennen. Die Tische sind feierlich weiß gedeckt. Weihnachtsgebäck steht herum, und die Luft ist gesättigt vom schweren Duft des aufgefahrenen Grogs. Man erzählt, man raucht, man trinkt. Es will aber keine, rechte Stimmung aufkommen. Es findet sich auch niemand, der mit ein paar passenden Worten das Niveau hebt. Es ist am besten, man zieht sich langsam und möglichst unauffällig ins Wohndeck zurück, zumal in dem engen Raum ja sowieso alles übereinander hockt.
Lange bleibe ich hier nicht allein. Einer nach dem anderen trudelt ein, und bald ist unser Deck vollzählig versammelt. Wir sind wieder ganz unter uns. Wenn wir an Bord schon eine schöne Kameradschaft pflegen, so verkehren wir innerhalb unseres Decks wie Brüder miteinander, und aus dieser engen Verbundenheit heraus wollen wir jetzt Weihnachten feiern. Feiern ist dabei wohl zu viel gesagt und nicht ganz der richtige Ausdruck, sagen wir besser, Weihnachten begehen.
Festlichen Schmuck haben wir keinen angebracht. Es war niemandem danach zumute. Weihnachten ist ein Fest der Familie, ist für die Kinder. Viel sehnsüchtige Erwartung gehört dazu und viel tiefe Freude. Mit seinen Jungen muß man an Deck sitzen oder auf allen Vieren der Eisenbahn hinterher rutschen. Auf dem Tisch muß eine kleine Dampfmaschine prusten. Lichter müssen brennen, und die neue weiße Tischdecke muß voll von Wachsklecksen sein. Nach verbrannten Tannennadeln muß es duften und nach dem Gestank von einem Räucherkerzchen, das sich unterdessen still und heimlich halb durch den Tisch gefressen hat. Das nenne ich dann Weihnachten feiern!
Robert Buchheister sieht auch, was fehlt und sucht es aus einem Briefe, den er nun schon zum soundsovielten Male liest: Seppel 828 schreibt. Ja, Seppel, das ist ein neuer und eine Seele von einem Menschen. Er ist als Ersatz für den erkrankten Walter Grabs eingestiegen und von Beruf Heizer bei der christlichen Seefahrt. Es ist ein feiner Kamerad, der außerdem auf die taktische Nummer 828 hört.
Also Seppel 828 schreibt und zwar an seine Frau. Die Feder fliegt nur so über das Papier. Er ist in Braß. Kürzlich war er in Urlaub und hatte seiner Frau drei Pfund astreinen Bohnenkaffee mitgebracht, und jetzt schreibt sie, daß nur noch ein halbes Pfund davon übrig und ein neuer Geleitzug erwünscht sei. „Da hat sie nun wieder alle Kaffeetanten eingeladen und jede richtig vollaufen lassen!“, schimpft er. „Das ist auch so ein altes, dummes Schaf wie ich.“ Und in seinem gerechten Zorn reiht sich flugs Zeile an Zeile. Aber jetzt ist er endlich fertig, und nun ist ihm auch wohler ums Herz.
Erich Lotter packt unterdessen weiterhin seine Serie Liebesgabenpäckchen aus. Er steht immer noch mit halb Deutschland im Briefverkehr, und das hat, wie man sieht, zu Zeiten auch sein Gutes. Die Hälfte der eingegangenen Post stammt von festen Bräuten, während die restlichen fünfzig Prozent von unbekannten Mädchen bestritten werden. Dabei bleibt es uns immer ein Rätsel, wie er diese weibliche Gefolgschaft eines Tages wieder loswerden will; denn wie jeder andere Sterbliche kann doch auch er nur eine heiraten.
In besonders lichten Momenten scheint Erich sich auch selbst darüber im Klaren zu sein, und dann tritt er gern und bereitwillig den Kameraden eine ab. Man kann dann sogar wählen; denn seine Verbindungen reichen von Ostpreußen bis hinab zum Sudetengau und von Hamburg bis ins ferne Erzgebirge oder in die grünen Wälder des Thüringer Landes. Trotzdem hat Erich heute keine rechte Freude daran. Eben ist er beim zwölften und letzten Päckchen angekommen. Er liest nur noch die beigefügten Zellen. „Wie ein so ein Brief aus der Fassung bringen kann“, stöhnt er und zerknüllt einen zarten, mattgelben Briefumschlag mit einer typischen Mädchenschrift. Dann setzt er sich auf seinen Stuhl, legt die Arme auf die Back und den Kopf darauf. Briefe lesen strengt auch an.
Konrad, umsichtig wie immer, hat unterdessen, was aus den Päckchen an Lichtern und Kerzen zum Vorschein kam, zusammengerafft. Jetzt verteilt er sie auf der Back und brennt eine nach der anderen an. Hein, der sich neben mir niedergelassen hat, betrachtet still Konrads geschäftiges Treiben, stiert in die vielen flackernden Flammen, und davon werden seine Augen langsam feucht.
Es muß etwas geschehen. Wir können uns nicht an der Vergangenheit verzehren und an Erinnerungen vergreifen, die schon zur eisernen Ration von Herz und Gemüt gehören. Ich hole deshalb aus der Kombüse eine Riesenkanne Grog. Hein stellt den Kuchen, den ihn seine Mutter gestern geschickt hat, auf die Back. Erich wieder Herr seiner selbst, legt Zigaretten daneben und Robert Schokolade. Irgendwie muß man sich ja gegenseitig etwas Liebes er-weisen.
Und dann wird gebechert und erzählt, ob der Engländer heute auch kommt, ob wir im Frühjahr England angreifen werden, und ob es bald wieder Urlaub gibt. Dann tut auch der Grog allmählich seine Wirkung.
Davon wird Seppel 828 lebendig. Er erzählt aus seinem Seemannsleben. Vom Eismeer berichtet er, von Leningrad und von seinen Fahrten bis hinunter zur welligen Biskaya. So vergehen die Stunden wenigstens etwas schneller. Robert ist allerdings schon still und unauffällig in seine Koje geklettert, und wir anderen wollen jetzt noch einmal zu den Kameraden ins untere Wohndeck sehen.
Ei, da ist ein Leben. Gleich an zwei Backen wird ein handfester Skat gedroschen, eigentlich ist das recht merkwürdig; denn sonst rührt bei uns kaum jemand ein Kartenspiel an. In einer Ecke wird erregt debattiert. Franz, der Koch und Hanne, unser Unterwasserhorcher, haben sich in der Wolle. Hanne ist wütend und will durchaus von Franz wissen, wer ihm eben, als er an Oberdeck austreten war, in der Finsternis einen Eimer kaltes Wasser über den Kopf gestülpt hat. Wenn Hanne noch alle Sinne beisammen hätte, müßte er längst gemerkt haben, daß es Franz selbst war, der sich auf diese nicht gerade faire Weise einen störenden Kiebitz vom Halse schaffen wollte. So aber gelingt es Franz immer wieder, das Gespräch ergebnislos im Kreise zu führen. Seppel 828 erfaßt sofort die Situation, eilt in die verwaiste Kombüse, kocht einen anständigen Kaffee und bringt auch noch einen Ring Wurst mit. Dann winkt er uns. Jetzt wollen wir uns erst einmal stärken.
Ich weiß nicht, soll das nun Abendbrot sein oder schon erstes Frühstück. Es ist schwer zu definieren. Die Uhr zeigt eben zwei. Es ist also schon erster Feiertag. Wir wollen der Zeit nicht hinterherhinken. Das Kalenderblatt fällt, einen Blick muß ich aber doch noch darauf werfen. Wenn der Tag einmal recht schwer war, lese ich gern, was der Kalendermann dazu sagt: 24. Dezember 1940 - Heiliger Abend - Und nun das Verschen: „Mir ist das Herz so froh erschrocken. Das ist die liebe Weihnachtszeit. Ich höre fernher Weihnachtsglocken mich lieblich heimatlich umlocken in märchenstille Herrlichkeit.“ Th. Storm. Sonnenaufgang: 08.10 Uhr - Sonnenuntergang: 15.49 Uhr. 1917 Fliegerangriff auf Mannheim - Gebratene Gans mit Dämpfkraut, frisches Obst oder Kompott. Natürlich. Das paßt gut zu dem Fliegerangriff. -
Immer langsamer und spärlicher tropft das Gespräch. Robert stöhnt im Schlaf in seiner Koje. Konrad verschwindet hinter einer dicken Zigarre. Erich will noch einmal in den Heizraum nach den Feuern sehen, und Hein erbittet sich von mir den Schlüssel zum Funkraum. Er will versuchen, ob im Radio nicht irgendwo noch Musik spielt.
Es kommt keiner wieder. Also lege auch ich mich lang. Es ist mittlerweile 4 Uhr geworden. Einschlafen aber kann ich nicht. Dazu fängt es plötzlich so dumpf an zu poltern. Schießt da die Flak? Sind feindliche Flieger da? Schnell bin ich draußen an Oberdeck. Nein, es ist alles ruhig und stockfinster, und wie in allen fliegerstillen Nächten huscht lautlos der Schein eines fernen Leuchtfeuers in kurzen Intervallen über den Horizont. Aber es poltert immer noch, nur hört es sich, hier draußen mehr gläsern an. Es sind die Eisschollen, die im Strom gegen die Bordwand schlagen. Beruhigt lege ich mich wieder nieder.
Was werden sie zu Hause gemacht haben? Mutti, Günter und Jürgen? Wenn Frieden wäre, dann wären wir jetzt ein vierblättriges Kleeblatt. Wenn! -
25. Dezember 1940 - 1.Weihnachtsfeiertag Rotterdam
09.00 Uhr Wecken. 09.10 Uhr, alles zurück auf Null. Franz hat den Kaffee noch nicht fertig. Also bleiben wir noch eine Stunde in den Kojen stecken. Es ist ja erster Feiertag, und müde sind wir auch noch. Dann aber kommt doch einer nach dem andern zum Vorschein. Nur Hein fehlt noch. Seine Koje ist aber leer. Sollte er uns etwa verloren gegangen sein? Wir suchen ihn, können ihn aber nirgends entdecken. Endlich fällt mir ein, daß Hein ja gestern noch ein Weilchen für sich allein Musik hören wollte. Ob er dabei eingeschlafen ist? Ich eile in den Funkraum. Richtig, hier liegt mein kleiner Bruder Hein. Alle Viere hat er von sich gestreckt und schläft den Schlaf des Gerechten.
Geschneit hat es auch wieder. Nun ist es richtig weihnachtlich geworden. Im Hafen treiben immer dickere Schollen vorbei. Freche Möwen stehen darauf und lugen mit langen Hälsen bettelnd zu uns herüber. Der Himmel ist grau verhangen. Die Sonne blinzelt trüb und scheint auch noch nicht ausgeschlafen zu haben. Es ist ein Wetter wie die Stimmung, weder noch.
Nach dem Mittagessen rüsten wir zu einem gemeinsamen Spaziergang durchs winterliche Rotterdam und verbringen den Tag in der üblichen Weise, bis uns der hereinbrechende Abend wieder an Bord führt und in die altbekannten und ausgefahrenen Geleise zwingt. Damit ist auch dieser Tag überstanden, und wir sind recht froh darüber.
26. Dezember 1940 - 2.Weihnachtsfeiertag Rotterdam
Und noch ein Tag wird uns geschenkt. Morgen erst, aber dann endgültig und unwiderruflich, sollen wir auslaufen. Wir gehen deshalb heute noch einmal, soweit nicht absoluter Geldmangel oder chronisches Schlafbedürfnis vorliegen, an Land. Und dann streift man durch die Straßen, trinkt hier ein Glas Bier und dort eine Tasse Kaffee, und abends kommt man wieder, leer, wie man gegangen war. Es ist ein armseliges Leben!
Allen ein gutes und erfolgreiches neues Jahr
wünscht Euch
Jürgen
