20. Januar 1942 Hamburg
Immer dichter rücken die Eisschollen im Hafenbecken aneinander. Wie lange wird es dauern, und sie haben uns eingekesselt. Was dann? Schon jetzt ist es im Boot hundekalt. Uns allen tropft die Nase, und das einstimmige, heisere Husten ist so laut, daß es das Gehämmer der Schaffenden übertönt. So entsteht eine Geräuschkulisse, die einen Großeinsatz der Werft vortäuscht und uns eine 90 %ige Einsparung von Arbeitskraft ermöglicht. Aber das sind Dinge, die uns schon von klein auf im Blute liegen und über die man besser nicht spricht.
Abends war wieder einmal von 22.30 Uhr bis 22.45 Uhr Fliegeralarm. Der Angriff galt also nicht uns. Schön ist es, daß die Flieger immer so zeitig kommen und uns wenigstens unsere Nachtruhe lassen. Aber das soll man nicht beschreien, den Tag nicht vor dem Abend und die Nacht nicht vor dem Morgen loben. Was nicht ist, das kann immer noch werden.
21. Januar 1942
Unsere Ecke hier am Ellerholzkai ist für die Werft sozusagen das, was für den Onkel Doktor das Wartezimmer ist. Demzufolge kommt nach abgebüßter Wartezeit schließlich auch jeder einmal an die Reihe. Beim Onkel Doktor erscheint von Zeit zu Zeit die Sprechstundenhilfe und bittet freundlich um den „Nächsten“. In der Werft übernimmt diese Aufgabe ein Schleppper. Er bittet nicht so höflich, sondern rülpst ein paarmal heiser mit seiner Dampfpfeife und zerrt dann den Patienten an ein paar strammen Seilen hinter sich her zur Behandlung in die einzelnen Abteilungen der Werft. Heute morgen hat er unser Führerboot abgeschleppt. Uns will er morgen oder übermorgen holen. Üben wir also noch ein oder zwei Tage Wartezimmergeduld. Schließlich verpassen wir nichts. Unterdessen nimmt die homöopathische Vorbehandlung der Maschine durch die drei Meister und dem einen Gesellen weiterhin ihren vorgeschriebenen Verlauf. Von den Kameraden aus der Maschine, den „Bilgenkrebsen“, erfahre ich, daß die Arbeit nur langsam vorangeht und daß das, was man auf der einen Stelle flickt, an einer anderen wieder in die Brüche geht. Eine ausgesprochene Lästerzunge behauptete sogar, heute wäre einem bei der Arbeit der Hammer aus der Hand gefallen und der hätte gleich ein Loch in den Schiffsboden geschlagen. So morsch sei alles!
Selbst wenn man von dieser Geschichte die üblichen 3 % rhetorischen Diskont abzieht, so bleiben immerhin noch 97 % Wahrscheinlichkeit. Es wird mithin höchste zeit, daß unser guter Wellenhopser einmal einer gründlichen Generalüberholung unterzogen wird.
22. Januar 1942
Dieselbe Kälte, dasselbe Frieren und dasselbe scheinheilige Gewühle. Am wohlsten fühlt sich noch das technische Personal, tief unten im Bauch des Schiffes zwischen den Trümmern der Maschine. Wenn es der Dienst ermöglicht, verhole ich mich gern einmal dorthin; denn hier unten geht es gewöhnlich rund. Hier wird das neuste vom neuen auseinandergepuhlt.
Führend im Reesen ist immer Fips, unser Palavermacher, und Stenz, der Chinese, ein kürzlich zukommandierter Maschinenmaat mit gelben Teint und schmalen Augen, der gleich Fips über ein unglaubliches Repertoire wahrer und unwahrer Erlebnisse verfügt. Wir hören ihnen gerne zu; denn sie wirken rhetorisch befruchtend auf unseren Kreis und demonstrieren zugleich konkret, wie leicht bei geltungsbedürftigen Renomisten eingebildete Geschichten durch Selbstsuggestion zu einem wahren Bestandteil ihres Erlebnisschatzes werden können.
Allzu lange halte ich mich allerdings nicht in der Maschine nie auf; denn meine Nase ist noch nicht neutral genug, um den penetranten süßöligen Geruch der Maschine widerspruchslos entgegenzunehmen. Außerdem bleibt dieser Ölgeruch mit Vorliebe in den Kleidern und am Körper haften, und so sehr man sich auch am Feierabend und vor dem Landgang waschen mag, ganz läßt sich dieser Maschinendunst nie abschütteln. Unser Palavermacher hat mithin ganz recht, wenn er behauptet: „Da hilft kein Pudern und kein Schminken, ein Maschinenmaat muß ölig stinken!“
Unnötigerweise aber verunreinigen unsere Kameraden von der Maschine nicht nur die Luft, sondern zugleich auch noch unsere deutsche Muttersprache; denn bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit bewegen sie sich in sprachlichen Niederungen oder verfallen in ihre gewohnte technische Ausdrucksweise. Infolgedessen kann man mit ihnen auch nur höchst selten eine hochdeutsche Konversation führen; denn wenn der Durchschnittsbürger beispielsweise spricht: „Ich habe mir bei der anhaltenden Kälte einen starken Schnupfen zugezogen“, dann sagen unsere Bilgenkrebse: „Die Nase leckt.“ Sie benutzen in diesem Falle auch kein Taschentuch, sondern einen „Putzlappen“. Meist ist es auch nur ein lappenähnliches, textiles Gebilde.
Fips wieder hatte dieser Tage nicht seinen Fuß verknackst, sondern „ausgeschäkelt“, und wurde zur Reparatur in die Werft, d. h. ins Revier gebracht. Gestern gab es zu Mittag gebratene Niere. „Oh“, schrie Wilhelm über die ganze Back, „Pißkondensatoren, fein, die werden mir schmecken.“ Dazu lenzte er eine Flasche Bier, und als er genügend „Proviant übernommen“ hatte, hieß es: „Und jetzt gehe ich ausschlacken und Wasser ablassen.“
Ein alter Seemannsspruch besagt:
„Alles was nichts taugt auf Erden,
kann doch einmal Seemann werden,
und was als Seemann nicht mehr taugt,
das wird als Stoker aufgebraucht!
Manchmal hat es tatsächlich den Anschein.
23. Januar 1942
Bei – 8° C morgendlicher Ausgangstemperatur verläuft der Tag parallel zum gestrigen, kalt, unfreundlich und monoton. Die innerliche Erwärmung und Auflockerung erfolgt durch ein paar Kurze und einen lieben Brief von daheim.
„Nun geht das Briefschreiben wieder weiter“, schreibt Gertrud. „Es war so schön, daß man jetzt einmal 14 Tage nicht zu Papier und Feder greifen brauchte. Jetzt aber sind wir schon wieder mitten in den Alltagen, oder besser, Alleintagen. Die ersten zehn Tage des Alleinseins fallen mir immer recht schwer, und es dauert eine geraume Zeit, bis ich mich wieder mit allem abgefunden habe, und dann ist es mir, als wäre alles nur ein schöner, schöner Traum gewesen.“
„Hast Du Dich auch wieder langsam eingerichtet und zurechtgefunden? Günter war recht traurig, als er aus der Schule kam und uns allein vorfand, und auch Klein-Jürgen fragt oft, wo der Vati ist. Wir sprechen oft von dir und meine Gedanken suchen Dich immer.
Etwas Belebung und Abwechslung bringt uns jetzt das herrliche Winterwetter...."
1. Im Dock
24. Januar 1942
13 Uhr: der Werftschlepper kommt und röhrt: „Der Nächste bitte!“ zwei Stahltrossen werden unserem Schiff um den Hals geschlungen, und dann legt sich unser Schlepper kraftvoll in die Seile. Eisschollen knacken, kratzen und poltern. Langsam löst sich unser Boot von der Pier und trottet folgsam dem Schlepper hinterher. Ich wundere mich immer wieder über die enorme Kraft, die diese unscheinbaren, kleinen nautischen Nippfiguren im Bauche haben. Da kann man nur sagen: „Klein, aber oho!“
In der Werft soll als erstes der Unterleib unseres Bootes einer genauen Untersuchung unterzogen werden. Da man aber ein so großes Schiff nicht gut auf den Rücken legen kann, so lassen sich Arbeiten am Schiffsrumpf und an den Schrauben nur im Dock durchführen. Dorthin führt uns auch auftragsgemäß unser Schlepper. Das Dock ist ein ganz ansehnlicher Kasten und nimmt nicht nur uns, sondern zugleich auch noch einen Zerstörer auf. Neben uns liegen noch zwei weitere Docks, die ebenfalls bis an den Rand mit Schiffen vollgepfropft sind.
Die Pumpen beginnen zu arbeiten. Langsam steigt unser Dock aus dem Wasser empor und hebt auch unser Schiff mit hoch. Gleichzeitig versteifen Dockarbeiter unser Boot seitlich mit starken Balken gegen die Dockwände, um es in seiner labilen Gleichgewichtslage zu halten. Das ist eine sehr schwierige Arbeit, zumal bei dieser strengen Kälte jeder Wassertropfen am auftauchenden Boot augenblicklich zu Eis erstarrt. Jetzt hebt sich auch der Dockboden, bedeckt mit zahlreichen Eisschollen und mächtigen Eisbrocken aus dem Wasser. Das Eindocken ist beendet.
Neugierig klettern wir sofort auf einer langen Leiter vom Boot ins tiefe Dock hinab, um ein-mal die Dinge aus nächster Nähe zu betrachten. Das Klettern auf den mächtigen Eisschollen, das Kraxeln an den senkrecht eingeklemmten Eistafeln und manche unfreiwillige Rutschpartie machen diesen dienstlichen Ausflug zu einem Vergnügen.
Der Schiffsboden sieht noch gut und heil aus. Hier wird es kaum etwas zu nieten geben. Aber die beiden Schrauben sind recht zerhackt und ausgefranst. Kein Wunder bei dem Gequirle im Eisbrei. In der Backbordschraube hängt außerdem noch ein längeres Tauende, eine Erinnerung an unser Kolberger tete a tete mit dem Fischlogger. Wie gläsern die schwarzen, eisverkrusteten Schrauben glitzern. Man kann sich nicht satt sehen an dieser winterlichen Schönheit, und immer wieder wandert das Auge die vereisten Bord- und Dockwände hinauf und freut sich an den schimmernden Reihen bizarrer Eisgebilde und Eiszapfen. Man kommt sich vor wie in der Grotte des Zwergkönigs.
Aber kalt ist es! Daran können auch die eisernen Körbe mit dem glühenden Koks nichts ändern, die hier und da aufgestellt sind, und jetzt unter unser Boot gerückt werden, damit die Trinkwasserzellen nicht einfrieren. Auch wir wollen nicht anfrieren und hangeln deshalb wieder in unser Boot zurück. Hier genehmigen wir uns sofort eine Serie Kurze. Was sein muß, das muß sein! Und es muß immer wieder sein; denn in den Decks ist es reichlich kalt, zumal jetzt, wo wir in freier Luft schweben uns unser Boot nichts anderes ist, als ein eisgekühlter Eisenkasten. Ganz dicht sitzt an den Bulleys das Eis und an den Wänden der glitzernde Reif. In den unteren Kojen, die unmittelbar an der Außenwand liegen und in die mitunter das Schwitzwasser von den Wänden läuft, sind die Matratzen und Decken an der eisigen Bordwand festgefroren. Viele Kameraden kleiden sich deshalb zum Schlafengehen gar nicht mehr aus. Trotzdem überkommt die meisten, sobald sie in der Koje klettern, ein Hustenanfall. Dann steckt einer den anderen an und schließlich entsteht ein Gebell wie von Polarhunden. Unsere Nasen sind auch alle zu melken und bedürfen steter Wartung. Die Kälte sitzt eben schon tief in uns, und hier und da fängt schon das Zipperlein an, leise an den Knochen zu feilen. – Oft denken wir dann an unsere Kameraden an der Ostfront. Wie gerne würden sie mit uns tauschen!
25. Januar 1942
Es ist wieder einmal Sonntag. Das Thermometer zeigt – 15 ° C. Uns fröstelt. Wenn wir an Land gehen, friert uns auch nicht mehr, und außerdem sehen wir dann einmal ein paar ande-re Bilder. Gegen diese zwingende Logik läßt sich kaum etwas einwenden. Also starten wir, innerlich etwas feucht-heiter angewärmt, gegen 17 Uhr.
Unser Ziel ist zunächst wieder die Reeperbahn. Was uns dorthin zieht, ist schwer zu sagen. Vielleicht ist es bei uns allen das unbestimmte Verlangen, die undefinierbare Sehnsucht, das Eintönige und sattsam bekannte Einerlei der Tage und Wochen durch irgendeine unvorhergesehene Entgleisung zu kom- plizieren und dadurch wenigstens etwas interessanter und erträglicher zu gestalten. Dafür scheint uns die Reeperbahn mit ihrem Auftrieb von Menschen und den ungezählten Anschlußmöglichkeiten das geeignete Pflaster.
Die Reeperbahn selbst ist zunächst einmal eine Straße, sehr breit. In der Mitte ist nichts. Dafür stehen dann an beiden Seiten, wie anderswo auch, dichtgedrängt die Häuser. In jedem Haus aber, und das ist nun das spezifisch „Reeperbahnische“, befindet sich eine Gast-, bzw. Vergnügungsstätte: Also etwa ein Weinlokal, ein Tanzsaal, ein Kino, eine Schießbude, eine Biervertilgungsanstalt, oder wie diese allzumenschlichen Zeitvertreibe immer heißen mögen. Es ist im vergrößerten Maßstab ungefähr das, was man bei uns zu Hause Jahrmarkt, Vogelwiese oder Schützenfest nennt, nur daß das, was sich bei einem Schützenfest in provisorischen Zelten abspielt, hier in massive Räumlichkeiten verlegt ist.
Nun, was soll ich noch berichten? Auch hier ist es heute kalt. Auch hier spürt man den schweren Atem des Krieges. Nicht einmal ein richtiger Hamburger Grog ist zu haben; denn was heute unter diesem Namen angeboten wird, sieht aus wie Kunstkaffe und schmeckt bestenfalls wie Asphaltwasser. Unter diesen Umständen halten wir uns dann auch nirgends länger auf und trotten bald wieder bordwärts. Hamburg ist schön, aber es muß Frieden sein.
26. Januar 1942
Es gibt kein Wasser, d. h. wir haben schon lange keins, und das bißchen, was noch vorhanden und der Kombüse vorbehalten war, ist in den Zellen eingefroren. Es sind wieder – 17 ° C, und die Kokskörbe unter unserem Schiff sind über Nacht ausgegangen. Natürlich, gestern war ja Sonntag.
Nun haben wir uns, zumal bei der strengen Kälte, das Waschen schon lange abgewöhnt. Es genügt ja auch vollkommen, wenn man im Gesicht früh und abend einmal Staub wischt. Die Hände allerdings geben sich mit einer so billigen und antiken Prozedur nicht zufrieden. Man braucht ja nur einmal über Oberdeck zu gehen, und wie oft tut man dies im Laufe des Tages, und schon sind sie rußig und ölverschmiert. Und was wollen erst die Kameraden sagen, die in der Maschine arbeiten? Sollen wir nun aber wegen jeden Tropfen Wasser die weite Reise über sechs Schiffe und drei Docks antreten, und dann noch durch die halbe Werft pilgern, bis wir in dieser Eiswüste auf die nächste wasserführende Oase treffen? „Ich wasche mich heute nicht“, verkündet Wilhelm. „Willst du etwa mit diesen schwarzen Händen heute abend in deine Koje gehen?“, frage ich entgegen. „Gewiß“, antwortet er. „Warum nicht, ich halte meine Tatzen einfach querab.“ Der Vorschlag fand einstimmige Billigung und willige Nachahmung.
Abends noch zweimal eine knappe Stunde Fliegeralarm. Keine Feindberührung.
27. Januar 1942
Die ganze Nacht über die Hände aus der Koje halten ist doch nicht das richtige. Erstens strengt es an und zweitens vergißt man es manchmal. Ich weiß eine bessere Lösung und ziehe von früh bis abends Handschuhe an, nicht der Kälte wegen, sondern um Wasser zu sparen. Vor dem Schlafengehen legt man dann die Handschuhe gemeinsam mit seinen Sorgen auf den Stuhl neben der Koje und schläft dann ruhig und unbeschwert, und am Morgen nimmt man dann, je nach Bedarf, beides wieder auf.
Achtern werden von unserem Haupttelefon aus zwei Nebenanschlüsse gelegt, einer führt in die Kommandantenkammer und der andere in die Kammer des Leitenden.
Elektrische Anlagen gehen mich an, und ich erkenne auch sofort die Gefahr. Mit den neu eingebauten Telefonen lassen sich bequem die Gespräche am Hauptapparat, den wir alle, manche sogar sehr ausgiebig benutzen, abhören und überwachen. Das darf nicht sein. Das Liebesleben des gesamten Bootes käme dadurch in Gefahr. Der Zustimmung aller meiner Kameraden gewiß, setze ich mein Veto dagegen.
Meine Vorstellungen, eine Schachtel Zigaretten, und die historische, proletarische Verbundenheit der Werftarbeiter mit den unteren Dienstgraden der Marine, voranlassen den Installateur schließlich auch, die Kabelverbindung um 180 Grad zu wechseln und den Vorzeichen der Situation reziproken Wert zu verleihen. Man muß eben immer auf Draht, manchmal sogar auf dem Draht sein.
Die strenge Kälte hat nachgelassen. Dafür bröckelt eine Fülle von Schneeflocken herab. Dadurch wird der winterliche Zauber vervollkommnet und renoviert. Sogar die niedrig hän-genden Sperrballone haben sich ein keckes Schneemützchen aufgesetzt. Es ist ein schönes, winterliches Bild.
28. Januar 1942
Der Witterungsumschwung hält an. Die Temperatur ist noch milder geworden, und liegt mit einem Male über Null Grad. Aus den schlohweißen Schnee-flocken werden trübe Regentropfen, und aus unserer schönen, vereisten Kristallgrotte des Zwergkönigs eine Schlammhöhle. Sogar durch die Decke meiner Funkbude tropft es, taktmäßig und unaufhörlich. Auf dem Fußboden sammeln sich Pfützen. Sie erinnern mich an ein Kinderzimmer. Was wird Klein-Jürgen jetzt machen?
29. Januar 1942
Von M 557 fehlt nach wie vor jede Spur. Der 2. A.d.O. hat eine Untersuchung angeordnet und einen Auszug aus dem Logbuch abgefordert. Ich habe heute die einzelnen Daten zusammengestellt und füge sie als Anlage bei.
In diesem Zusammenhang erhebt sich natürlich die Frage, inwieweit die verantwortliche Führung die herrschenden Wetterverhältnisse überhaupt in Rechnung gesetzt hat und ob bei der bedingten Seetüchtigkeit der Boote die Fahrt nach Kiel nicht hätte unterbleiben müssen. Aber ich will den Dingen nicht vorgreifen. Im Übrigen keine besonderen Vorkommnisse.
30. Januar 1942
Das Wetter ist weiterhin teils - teils, die Temperatur 0°C. Im trauten Verein wirbeln Regen und Schnee vom Himmel. Von der Sonne ist nichts zu sehen. Alles ist grau in grau. Dazwischen hängen Dunst und Nebelfetzen.
Auch im U-Raum herrscht dichter Nebel. Man huldigt wieder einmal der Devise: "Wir trinken Schnaps, wir trinken Bier. Auf Alkohol verzichten wir."
So ein Schwätzchen im Kameradenkreis bei ein paar Flaschen Bier ist doch etwas Herrliches, und zu erzählen gibt es immer. Das liegt schon in der Struktur unserer Tafelrunde. Aus den verschiedensten Teilen Deutschlands bunt zusammengewürfelt, alters- und berufsmäßig stark differenziert, hat jeder etwas zu sagen und will vom anderen etwas wissen. So sitzen wir denn eng beieinander, damit niemandem nichts entgeht und finden, wenn wir einmal im Zuge sind, gewöhnlich schwer ein Ende.
All das aber ist so selbstverständlich, daß es einem erst zum Bewußtsein kommt, wenn es einmal anders ist, wie ja überhaupt das Zuständliche immer erst dann erfaßt wird, wenn es sich aus irgend einem Grunde verlagert. Infolgedessen fällt es auch sofort auf, daß unser liebes Gaudi heute einsam und verlassen in der entgegengesetzten Ecke ganz allein hinter einer Flasche Feuerreiter hockt.
Diese Distanzierung nimmt aber niemand tragisch; denn unser lieber Ernst ist freiwillig ins Exil gegangen. Sein Gemütsmanometer zitterte wieder einmal so nahe am roten Strich, daß niemand mehr mit ihm anstoßen und trinken wollte. So zog er sich denn etwas gekränkt in seinen Schmollwinkel zurück, stößt mit seiner Flasche an und zitiert dabei süßsaure Trinksprüche. Eben deklamiert er:
„Versoffen die Heuer,
vermatscht das Gehirn.
Von der Jungfrau verstoßen,
geliebt von der Dirn,
von innen vermodert,
nach außen auf Draht,
das ist der richtige Marinesoldat!“
Ernst ist und bleibt nun einmal unser Sorgenkind, aber solange er uns in Ruhe und den U-Raum hell läßt, mag alles noch angehen. Im Übrigen aber glaube ich, daß er sich selbst nicht wohl fühlt. Das Beste wäre für ihn, wenn er einmal einer recht lieben und verständigen Frau in die Hände fiele. Aber mit den Frauen ist es gemeinhin so, daß alle, bis auf die letzte, Blindgänger bleiben. Diese Letzte aber hat ihn noch nicht getroffen. -
31. Januar 1942
Unsere Dockarbeiten sind beendet. 12.00 Uhr wird geflutet. Langsam sackt das Dock ab. In den Schnee auf den Dockboden kluckert trüb das schwarze Hafenwasser. Höher und höher steigt es. Schon plätschert die dunkle Flut wieder um unser Boot und bald nimmt sie uns wie eine liebe Mutter wieder ganz in ihre starken Arme.
Wir schwimmen. Schon kommt auch der bewußte Schlepper wieder, zerrt uns durch Schnee- und Eisschollen heraus, und packt unser Boot an die Außenseite des Docks. Ein Prahm kommt längsseits und verpflegt uns mit elektrischem Strom und Dampf; denn wir wol-len hier liegen bleiben, bis die restlichen Arbeiten im Boot beendet sind, und in acht Tagen etwa in unseren Heimathafen Kiel verholen. Wollen wir! - Ich weiß nicht, ob man bei dieser Kalkulation auch in Rechnung gesetzt hat, daß man in der Werft erfahrungsgemäß unter acht Tagen zirka zwei bis drei Wochen versteht. Aber das soll nicht meine Sorge sein.
Zunächst will ich heute einmal an Land gehen. Das bin ich dem Wochenende schuldig, und außerdem haben sich der Dunst und der Nebel der letzten Tage mir so auf das Gemüt gelegt, daß ich zur Auflockerung der Lebensgeister unbedingt etwas unternehmen muß. Ich gehe deshalb auch alleine, weil ich einmal ganz ungestört mir und meinen Gedanken nachlaufen will.
Zuerst besuche ich ein Kino. Danach pendele ich plan- und zwanglos zwischen der Großen Freiheit und der Reeperbahn hin und her. Schön ist das, sich so treiben zu lassen. Irgendwo lese ich „India-Bar“. Das klingt stark nach Dschungel und lockt an. Der Name aber verspricht mehr, als er halten kann; denn mit ein paar bunten Papierlampions allein läßt sich das sonnige Reich des Buddha nicht nach Hamburg verpflanzen. Es verflüchtigt sich sofort in dem unruhigen Stimmengewirr der Gäste, und selbst die schönste Lotosblüte erscheint in den schweren Nebelschwaden aus Tabakrauch und Bierdunst fahl und europäisch verzerrt. Hier ist kein Asyl für anspruchsvolle Mitteleuropäer.
Nicht weit von der India-Bar gehen ein paar Stufen hinab in ein Kellerlokal, das als Hypodrom deklariert ist. Das heißt auf gut deutsch: Hier kann geritten werden. Dies ist zwar nicht meine direkte Absicht, aber schließlich kann man sich das Treiben ja einmal ansehen.
Das Kernstück des Lokals bildet in der Mitte die runde, mit Sägespänen wattierte Reitbahn, in der sich sechs kleine Pferdchen tummeln. Begrenzt wird diese Arena von einer, einen Meter hohen Brüstung, hinter der sich die Tische befinden, an denen die zahlreichen Gäste und Zuschauer PlatZ genommen haben. Hier will ich mich auch für ein Weilchen niederlassen. Es ist einmal ganz unterhaltsam und amüsant, zuzusehen, wie sich hier Mensch und Pferd miteinander die Zeit vertreiben; denn schließlich reiten nicht nur die, die reiten können, sondern auch diejenigen, die nur reiten wollen. So ergeben sich oft ergötzliche Situationen. Auch Damen schwingen sich oft in den Sattel und lassen, wenn die Pferdchen in Trab verfallen, die bunten Röckchen flattern und die eigentlichen Reithöschen farbenfreudig zu Tage treten.
Manche Pferdchen sind etwas müde und auch erhitzt. Die gerissensten von ihnen gehen deshalb an den nächststehenden Tisch und lassen sich ein Glas Bier geben, das sie gar geschickt austrinken. Häufig fressen sie hinterher auch noch den Bieruntersetzer aus Pappe als Nachtisch. Dann traben sie weiter.
Ein Weilchen schaue ich diesen gemischten zoologischen Darbietungen zu. Dann pendele ich noch ein Stündchen kreuz und quer hin und her und husche schließlich gegen Mitternacht durch den Elbtunnel wieder zurück an Bord. Morgen ist ja auch noch ein Tag.
2. Winterlicher Leerlauf
1. Februar 1942
Punkt 16 Uhr starte ich mit Ossi zum Sonntagnachmittagsbummel. Zuerst besuchen wir das Panoptikum. Nachdem wir hier die Größen von heute und gestern gebührend beaugenscheinigt haben, beschließen wir die Dämmerstunde im Kino zuzubringen. Im Kino vergeht die Zeit am schnellsten und schmerzlosesten. Danach lassen wir uns einfach vom Strom der Besucher mit fortschleifen. Da uns aber bald die Zunge vor Durst wieder querab steht, steuern wir ein Bierlokal an. Hier gibt es auch zu essen. Es duftet appetitlich. Schade, daß wir keine Lebensmittelmarken besitzen. Also halten wir uns ans Bier. Es soll flüssiges Brot sein und macht auch satt.
Plötzlich stellt eine dralle Kellnerin vor jeden von uns eine tüchtige Portion Bratkartoffeln mit Sauerkraut und Bockwurst. Eben wollte ich stottern: „Wir haben doch keine Marken“, als sie mir auch schon ins Wort fällt und sagt: „Iß und halt den Mund.“ Wir haben beides befolgt.
Mit neuem Mut und frisch gestärkt wechseln wir dann hinüber in die Gaststätte „Oberbayern“. Hier erwartet und eine schneidige Kapelle und das un- vermeidliche Übel: Saalpost. Wir setzen uns an eine Back zu zwei Fliegern und trinken unser Bier, und als es keins mehr gibt, Bierersatz, hier Alster-wasser genannt. Die Farbe ist dieselbe.
Unterdessen kommt die erste Post von Tisch 41 schräg hinter uns, an dem ein paar Hamburger „Jungfrauen“ Platz genommen haben und uns schon länger liebäugelnd beobachten. Text: „Was wird aus uns beiden?“ Sofort geht die Antwortkarte ab: „Ein strammer Junge!“ Die Mädels lassen das natürlich auch nicht auf sich sitzen und antworten: „Ein kleines Mädchen wäre uns lieber.“
Backbord querab sitzt ein älterer, kahlköpfiger Stabsfeldwebel mit seinem angetrauten Weibe. Beide lassen unseren Tisch nicht aus den Augen und scheinen jede unserer Bewegungen mißbilligend zu kritisieren. Das stört uns schon lange. Nicht weit von ihnen, am Tisch 56, hockt ein Mädchen älteres Semester im lila Kleid, und beobachtet uns ebenfalls unausgesetzt. Auch das stört uns.
Ossi weiß Rat: „Paßt auf meint er, die schlagen wir beide mit einer Klappe.“ Er nimmt eine Postkarte, zückt den Bleistift und kritzelt los: „An den Stabsfeldwebel mit Glatze, Tisch 50.“ - Absenders Tisch 56. – Dame lila Kleid. - Text: „Wollen Sie verreisen, weil Sie Ihre Haare schon eingepackt haben?“ Fertig. Karte in den Kasten. So, und jetzt unterhalten wir uns ganz intensiv und riskieren immer nur pro Mann einen Blick. Die Karte an den Stabsfeldwebel kommt an. Seine Frau nimmt sie ihm sofort aus der Hand und liest. Dann sprudelt sie wie ein Mg. Der Stabsfeldwebel bekommt einen roten Kopf, greift zum Bleistift und schreibt ebenfalls, was wissen wir natürlich nicht.
Sehr verbindlich scheint er aber nicht geschrieben zu haben; denn kaum hatte die Dame im lila Kleid seine Karte erhalten, so schnellte sie auch schon auf und eilte an seinen Tisch. Wir wollen nicht hinsehen, um uns nicht zu verraten, aber sie scheinen sich gütlich zu einigen und sich nunmehr wohl beide ihren Teil denken. Danach bekamen wir wieder Karten, teils heiterer Natur, teils ernstgemeinte Offerten. Wir beantworten sie im gleichen Tonfall.
Es wurde ein unterhaltsamer Abend und wieder einmal war es schön - bei der Kriegsmarine.
2. Februar 1942
Man glaubt gar nicht, was es an einem Schiff immer zu bauen und zu reparieren gibt. Das meiste Kopfzerbrechen bereitet die Dampfmaschine. Z.Z. arbeiten sechs Mann daran, ein deutscher Meister, ein italienischer Kupferschmied, ein Maschinenschlosser aus Frankreich, ein Mechaniker aus Dänemark und ein spanischer, sowie ein holländischer Schlosser. Überarbeiten tut sich natürlich keiner. In Hamburg sind z. Z. Arbeiter aus 21 verschiedenen Nationen beschäftigt. Das nennt man Völkergulasch. Amtlichen Verlautbarungen zufolge sollen in Deutschland jetzt 2,5 Millionen Fremdarbeiter werken.
Das zweite Sorgenkind neben der Dampfmaschine ist unsere elektrische Kraftstation. Tag und Nacht auf Touren und durch allerhand Apparate und zusätzliche Geräte überlastet, kann sie ihr vorgeschriebenes Soll nicht erfüllen und geht deshalb von Zeit zu Zeit in die Knie. Dann ist immer guter Rat teuer. Aber auch die Rudermaschine, die Heizung und die Ankerwinde wollen überholt und einmal liebevoll behandelt sein. Daneben aber gibt es noch hunderterlei andere kleine Dinge, die ebenfalls nachgesehen und repariert sein wollen.
Es heißt immer, M 575 sei ein Gammeldampfer. Das stimmt schon teilweise; denn wenn, um nur ein paar Beispiele zu nennen, unser Kamerad Wilhelm die Stiege zur Brücke hochpoltert, dann bricht eben eine Trittplatte durch. Und hält er sich am Geländer fest, dann hat er im nächsten Augenblick das Gestänge in der Hand. Kommt man an ein Schott, daß noch eine Klinke hat, so kann man von Glück sprechen. Schlägt man das Schott aber hinter sich zu, dann entdeckt man mitunter, daß die Klinke nur einseitig war und daß man gefangen ist.
Kleiderhaken gibt es auch keine, aber das liegt wieder an unserem Gaudi, der so viel und so lange daran hängt, bis auch der massivste Haken losläßt. Für all diese Übelstände an Bord kann man Wilhelm und Ernst natürlich nicht verantwortlich machen. Manches liegt auch in der Natur unseres Bootes, das nun einmal einen leichten, gammligen Charakterzug nicht ganz verleugnen kann.
Auch dafür ein paar Beispiele: Wird man am Telefon verlangt, so hört man zwar die Stimme des akustischen Antipoden, aber die eigenen Laute trägt der Apparat z. Z. trotz allen Geschreis nicht weiter. Sitze ich aber in meiner Funkbude und drehe die Dampfheizung an, so sprüht Dampf und heißes Wasser aus dem Rohr, und man kann nun wählen, ob man ein Dampfbad nehmen oder lieber im kalten sitzen will. Drückt man auf die Schreibmaschine und liest dann das Geschriebene, so glaubt man, sie hat gestottert; denn manches steht da und manches wieder fehlt. Unseren Apparaten haften natürlich auch diverse Mängel an. So stottert unser Sender ebenfalls hin und wieder, der Empfänger stellt sich mitunter taub und die „Schnurgurke“ in unserem Ultra-Kurzwellen-Telefon läuft sich wieder mit Vorliebe heiß.
Selbstverständlich muß man ihnen andererseits zugute rechnen, daß so zartbesaitete Naturen wie unsere Nachrichtenapparate das ungestüme Wellen-geschaukel und das dauernde Geplauze mit den Minen nicht widerspruchslos hinzunehmen brauchen. Wer also eine gründliche und praktische funktechnische Ausbildung erlangen will, der mag einen alten M-Bock fahren. Dort ist stets etwas unklar und zu reparieren, und oft liegt die Hälfte der Funkanlage auseinandergetakelt auf dar Back, so daß jederzeit ein Rückgriff auf die Wurzeln der Technik möglich ist. Das aber ist immer von Nutzen.
3. Februar 1942
Ich bedauere es immer wieder, daß ich nicht mit Zeichenstift und Pinsel umgehen kann; denn dann würde ich, bei der Fülle von Motiven, die einen hier Tag für Tag ansprechen, mein Skizzenbuch nicht mehr aus der Hand legen. Als erstes würde ich einmal die abendliche Stimmung im Hafen einzufangen versuchen.
Den Vordergrund des Bildes müßten scharf und kantig die dunklen Konturen unseres schwarzen Bootes beherrschen. Zwischen Schornstein, Aufbauten und Reling hindurch aber ließe ich den Blick auf die vereiste Fläche des Hafens gleiten und den Kontrast zwischen Schwarz und Weiß und Senkrecht und Waagerecht voll zur Geltung kommen. Den Hintergrund bildeten die gegenüberliegenden Kaianlagen, die, belebt durch die Silhouetten der Kräne und einiger großer Schiffe, schließlich den Übergang in den dämmrigen Abendhimmel vermitteln. Der Himmel selbst, bleiern und grau, würde unterbrochen durch die dunklen Punkte der Sperrballons, deren vorderster, von einem kleinen Prahm aufgelassen, den Blick wieder herab in den Vordergrund zieht. Das ganze Bild aber müßte beherrscht werden von einem verschwommenen Grau, daß die Dinge ahnen, aber nicht greifen läßt und die Härte des kalten Wintertages auffängt in der aufsteigenden, weichen Dämmerung der Nacht. Schade, daß mir malerische Talente so völlig abgehen. -
4. Februar 1942
Das Wetter ist mild und der Himmel verhängt mit schweren, grauen Wolken. Im Hafen hat sich das Eis gelockert. Langsam treibt es am Vormittag seewärts hinaus und kommt gegen Abend mit der Flut wieder zurück. Es ist ein stetes Hin und Her wie ein dauerndes, tiefes und schweres Atemholen.
Gern schaue ich dem Treiben dieser Eisschollen zu. Eng beieinander quirlen sie schürfend und kratzend von der Unterströmung getrieben dahin wie Menschen im Strom der Zeit. Manche Schollen sind scharf und kantig und ecken überall an. Andere wieder sind mehr rund, abgeschliffen und beweglich und schmuggeln sich reibungslos überall durch.
Die einen gleichen den Menschen, die sich ihren Charakter, ihre schöne, menschliche Eigenart noch erhalten haben. Sie stoßen infolgedessen auch oft an und werden gern von allen Seiten bedrängt; denn das ist leicht, billig und entspricht dem Herdentrieb. Und die anderen sind eben die anderen, die abge- schliffenen und gleichförmigen. Sie haben jede menschliche Eigenart, jeden Rest vom individuellen Eigenbewußtsein abgestoßen und das gängige, gesell-schaftliche Normalmaß erreicht, mit dem man sich überall glatt durchschlängeln und rasch vorwärts kommen kann. Sie sind zu Rundlingen der Gesellschaft geworden, die sich bereitwillig von Strom und Zeit treiben und in jede Niederung führen lassen. Merkwürdig, wie die Gedanken kommen und dann wieder davonlaufen. Eben huschte eine ganze Gedankenkette vorüber und ließ nur die Erkenntnis zurück, daß man gar keine Charaktere wünscht. Sie lassen sich so schwer handhaben und dirigieren. Auf was man alles kommt, wenn man sich einmal ein paar Minuten über die Reling beugt und dem Spiel der Eis- schollen zuschaut. -
5. Februar 1942
Die Werftarbeiten gehen langsam ihrem Ende entgegen. Ein Kohlenprahm kommt längsseits und mühsam wird die Kohle korbweise in die einzelnen Bunker geschüttet. Dadurch wird der Tag länger als sonst, aber nach dem System: „Stöhnen ist die halbe Arbeit“, wurde es schließlich doch abend. Ich habe wieder die meiste Zeit in meinem Wachtmeister-Schap gehaucht und Papierkrieg geführt. Ab und zu besuchte mich dabei Wilhelm. Ich weiß nicht, ob er dem Kohlen aus dem Weg gehen oder mit mir in einen Gedankenaustausch kommen wollte. Jedenfalls glückte ihm beides.
Wilhelm hat Sorgen. Wir wissen es. Er hat die Kurve in die Ehe viel zu eng und zu schnell nehmen wollen und ist dabei unter starkem seelischem Gepolter umgekippt. Das war in der Nacht zum ersten Weihnachtsfeiertag. Auch sein Sprachzentrum schien in Mitleidenschaft gezogen zu sein; denn er schwieg einige Wochen beharrlich, und erst jetzt lockert sich mit zunehmendem, geschichtlichem Abstand seine Zunge. Nach und nach erfährt man, daß zwi- schen ihm und Ingeborg alles aus sei, daß von ihrem hochgewölbten Busen nur die Hälfte echt war und daß er nicht gesonnen sei, auf diesem Gebiet nur mit einer Attrappe vorlieb zu nehmen.
Nun hat jede Tragik auch ihre Komik, und ich konnte es mir nicht verkneifen, meinen frauengewandten Wilhelm darauf hinzuweisen, daß Mädchen immer Paketen gleichen und wie diese am vorteilhaftesten von oben nach unten und nicht von unten nach oben auszupacken sind. Aber das ist ja das typische bei der Marine und speziell bei Wilhelm. Immer AK! Alles kann nicht schnell genug gehen, und dann faßt man die Dinge am verkehrten Ende an und - rutscht ab.
Diese Pille schluckte er denn auch tapfer, fuhr mir aber dann ins Wort und sprach: „Ich weiß schon, was du sagen willst. Man soll die Rosinen nicht vorweg aus dem Kuchen klauben und den Samstag nicht schon zum Sonntag machen, und in normalen Zeiten, wenn man sich für die einzelnen Dinge genügend Zeit lassen kann, magst du auch recht haben. Heutzutage aber liegt für solche Dinge das Morgen viel zu weit. Im Kriege ist nun einmal jeder Tag Anfang und Ende zugleich, ein abgeschlossenes Stück Leben, hinter dem stets ein Punkt, kein Komma steht. Der Augenblick ist alles! Er kann nicht voll, nicht satt genug sein.“ Und dann schwieg Wilhelm geraume Zeit, und als er wieder anhub, da sprach er nicht so fließend, sondern stockend, um- wegig und in Kehrreimen, und deutete schließlich an, daß er bei diesem verunglückten Abenteuer auch noch einen kleinen Wilhelm auf Stapel gelegt hätte. Das macht die ganze Angelegenheit natürlich noch komplizierter. Ich konnte ihm infolgedessen auch nur mein herzlichstes Beileid aussprechen und der Hoffnung Ausdruck geben, daß der Zahn der Zeit, der alle Tränen trocknet, einst auch über diese offene Wunde Gras wachsen lassen wird.
6. Februar 1942
Das Kohlen geht weiter. Bei der Marine wird viel und gern gekohlt und im Übrigen hat es den Anschein, als ob wir uns langsam reisefertig machen und nach Kiel hinüberwechseln wollten. Indessen, es bleibt beim Anschein; denn einmal ist der Kanal wegen der Eisverhältnisse noch gesperrt und ein Wegfahren sowieso nicht möglich, und zum anderen stößt man immer noch auf Probleme und Arbeiten, die gelöst und erledigt werden wollen. Sobald man aber erst irgendwo anfängt beizugehen, so entdeckt man, daß darunter oder daneben wieder etwas anderes defekt, morsch oder faul ist. All das muß aber dann auch noch nachgesehen werden, und dann geht es auch noch nicht, weil wieder etwas anderes bockt. Auf diese Weise aber wird die Werft-liegezeit wieder um Tage verlängert und daraus werden Wochen. Es ist immer derselbe Refrain. Man kennt ihn schon und gewöhnt sich auch daran. Es tut ja nicht weh. -
7. Februar 1942
Sonnabend ist immer Groß-Reinschiff. Das ist wie stets eine schreckliche Angelegenheit. Kein Eckchen an Bord bleibt trocken. Hoch oben vom Peildeck stürzen die Wassermassen kaskadenförmig herab auf die Brücke und auf die Decks. Von hier aus plätschern sie außenbords oder gurgeln die Niedergänge hinab in die Logis und Kammern. Überall stehen feudel- und schrupperbewehrte Kameraden und sorgen für die gleichmäßige Verteilung des nassen Ele- mentes. Wohin man auch flüchtet, nirgends findet man ein trockenes Fleckchen. Ein Mensch, der auf freiem Felde von einem Gewitterguß überrascht wird, kommt trockener nach Hause, als einer, der während des „Rein-Schiff“ an Bord von vorn nach achtern geht.
Das beste ist, man verholt sich und tätigt an solchen Tagen seine Einkäufe, und da ich immer etwas einzukaufen, bzw. zu besorgen und zu organisieren habe, begab ich mich heute morgen zum Ausrüstungslager. So einfach wie 1939 und 40 ist das Einkaufen heute im dritten Kriegsjahr allerdings nicht mehr. Die Bestände sind gelichtet, und die Industrie hat Mühe, die laufenden Anforderungen zu bewältigen. Schließlich erhält man aber doch, was man zum Leben bzw. zum Kriege braucht. Ich hatte es heute auf drei neue Kopfhörer und einige Empfängerröhren abgesehen, und konnte auch alles erhalten.
Im übrigen aber ist es so, daß nicht nur der Mann vor, sondern auch der Mann hinter dem Ladentisch die verschiedensten Bedürfnisse hat, und bei einiger geschickter, kaufmännischer Diplomatie lassen sich die Interessen beider bald auf einen gemeinsamen Nenner bringen. Wenn man dabei noch etwas Tabak oder Alkohol, und beides sind bei uns an Bord keine Engpässe, in die Waagschale werfen kann, dann vermag man leicht jede Bestimmung und Verordnung aus den Angeln zu heben und erhält, was man braucht. Ja, es soll auf diesem Gebiet sogar Spezialisten geben, denen man nachsagt, daß sie ihre ganze Wohnungseinrichtung und den gesagten Hausrat auf diese Weise in der Werft „organisiert“ hätten. Ich zweifle nicht, daß davon wieder 97% wahr sind.
Sonnabend Nachmittags ist es auch nicht schön und gemütlich an Bord. Da stellt sich gewöhnlich allerhand Besuch ein, so daß man in dem engen U-Raum kaum noch ein Plätzchen für sich findet und das eigene Wort nicht mehr versteht, und wir sind doch bestimmt allerhand Getöse gewöhnt.
Heute hat unser Maschinen- und Verpflegungsmaat, der quadratische Westfale, der hier in Hamburg versippt, verschwägert und veronkelt ist, seine ganze bucklige Verwandtschaft eingeladen. Nun kribbelt und krabbelt es bei uns wie in einem Ameisenhaufen. Sogar unseren Schlafraum haben sie mit Beschlag belegt. Hier entdecke ich in der äußersten Ecke auch meinen lieben Ernst, völlig entalkoholisiert in einem heißen Geflüster mit einem damen- ähnlichen Gebilde. Völlig weidwund scheint er ihr eine Lebensbeichte abzulegen. Es geschehen also auch im 20. Jahrhundert noch Zeichen und Wunder. Ausgerechnet unser Ernst, der für das andere Geschlecht gar nichts übrig hat und von ihm nur als von einem einmal vorhandenen Übel und notwendigen Negativ sprach. Oder sollte das schon der Volltreffer sein?