Seekrieg
Stabsbootsmann
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« Antwort #16 am: 27 Januar 2012, 13:18:39 » |
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5. Im alten Fahrwasser
1. Mai 1942 Kiel Mai. – Einmal hatte das Wort einen bezaubernden Klang. Jetzt aber ist alles farblos, fade, und ohne jeden Inhalt, wie alles. Wir bleiben im Hafen. Vormittags war Schießen angesetzt, Flinte und Revolver. Vier Bedingungen, vier erfüllt. Wieder einmal ein Grund zum Trinken. –
2. Mai 1942 Im Hafen gelegen. – Durch den letzten Angriff in der Nacht zum Donnerstag sind doch beträchtliche Schäden angerichtet worden. Neben den zahlreichen Wohnhäusern sind auch die Augenklinik, die Laboratorien und die Bibliothek getroffen worden. Vor dem ausgebrannten Bibliotheksgebäude liegen noch jetzt die Bücher wild durcheinandergeworfen in meterhohen Haufen. Stark gelitten hat ebenfalls das Viertel zwischen Brunswiker, Flecken- und Hegewich-straße. An vielen Stellen schwelt in den ausgebrannten Häusern noch jetzt die Asche. Unter der Bevölkerung kursiert das Gerücht, Kiel solle völlig zerstört werden. Im englischen Rundfunk sei verbreitet worden, in Lübeck hätte die englische Luftwaffe Lehrlingsarbeit geleistet, in Rostock habe sie ihr Gesellenstück geliefert und Kiel solle nun das Meisterstück werden. Diese Nachrichten, die durch die letzten Angriffe eine ständige Bestätigung erfah-ren, rufen naturgemäß unter der Einwohnerschaft eine starke Beunruhigung hervor und sind nicht geeignet, den Glauben an ein baldiges, glückliches Ende des Krieges aufrecht zu erhal-ten. –
3. Mai 1942 Kiel Wir sind wieder Wachboot und müssen deshalb an Bord bleiben. Bei dem kalten und unfreundlichen Wetter fällt uns das nicht allzu schwer. Außerdem kann man bei dieser Gelegenheit einmal richtig aus-, bzw. auf Vorrat schlafen; denn heute nacht war bereits wieder von 02.20 bis 03.30 Alarm. Auf die Dauer fällt einem das allnächtliche Aufstehen doch etwas schwer, und es ist dann gut, wenn sich einmal die Möglichkeit bietet, den versäumten Nachtschlaf nachzuholen. Also wird für heute Schlafen angesetzt. Man muß die Feste feiern, wie sie fallen und schlafen, wenn sich die Gelegenheit dazu bietet. Die Zeiten sind jetzt so.
4. Mai 1942 Nachts, bzw. früh wieder eine Stunde Fliegeralarm. Dem U.K. zufolge galt der Angriff Hamburg. Bei den letzten Einflügen scheint der Feind auch Minen geworfen zu haben. Wie anders wäre sonst das heutige FT. zu verstehen: „Dampfer Herrenwyk 14.51 Uhr in Kieler Bucht auf Mine gelaufen und in der Mitte durchgebrochen. Dampfer sinkt auf 17 m Wassertiefe.“ - Tagsüber wieder Schulfahrt.
5. Mai 1942 Kiel Schulfahrt. – Wie die FT. berichten, ist die Durchfahrt nach Kopenhagen wegen Eis bei Stevensdrogden immer noch unmöglich, und dabei schreiben wir doch schon Mai. Der Tag verlief im Übrigen aber ohne jede Besonderheit. Wir stehen wieder einmal auf einem toten Punkt, kommen nicht vorwärts und auch nicht rückwärts. Es fehlt jedes tragende Moment. Jeder Tag aber, jedes Erlebnis und jede Erkenntnis machen uns nur ärmer. Der einzige Reichtum ist noch der Glaube, aber auch er geht schon einer Inflation entgegen. Was dann?
6. Mai 1942 Kiel Fahren für die Schule. Leider mußte ich heute wieder zurückbleiben, um Kamerad „Müllschnut“ in Empfang zu nehmen. Er hat die „Kur“ gut überstanden, sieht wohl und ausgeruht aus und klagt nur über starken Zigarettenappetit. Anschließend war ich im Ausrüstungslager der Werft einkaufen. Dabei fiel neben allerhand technischem Kleinkram auch ein neuer, schöner Radioapparat meinen begehrlichen Blicken zum Opfer. Kamerad Müllschnut half mir mit, meine Beute an Bord zu schleppen. Jetzt sitzen wir gemütlich an der Back hinter ein paar Flaschen Bier und freuen uns des vollen Klanges, der alle Decks erfüllt und das Boot in seinen Grundfesten erzittern läßt. Die Kameraden meinen: „Heute ist es wieder einmal schön bei der Kriegsmarine!“
7. Mai 1942 Kiel Schulfahrt. – Von Rügen und aus der Gegend von Flensburg kommt die traurige Mitteilung, daß drei Tote von M 557 angetrieben sind. Die Kameraden haben sich einen weiten Weg gemacht. -
8. Mai 1942 Kiel Von 01.10 bis 03.20 Uhr Fliegeralarm. Der Kurs der feindlichen Bomber ist Langeland, dänische Küste, Kieler Außenförde. Hier fällt der erste unserem Abwehrfeuer zum Opfer. Das Gros fliegt weiter nach Osten. 09.00 Uhr seeklar. - Schulfahrt. Es ist herrliches, sonniges Wetter. Da sich unser U.K.-Antennenstab dauernd mit dem Kommandantenwimpel in den Haaren liegt, benutzen wir die ruhige See, um eine neue Antenne zu ziehen. So hocken wir denn den halben Nachmittag hoch oben im Mast. Die ganze Kieler Bucht kann man überschauen. Am Horizont zieht eben ein Geleitzug seinen Weg. Rings um uns huschen U-Boote und fahren ihre Übungen. Nicht weit davon probiert ein Vorpostenboot seinen Flammenwerfer aus. Es ist das neueste Abwehrmittel gegen angreifende Tiefflieger. Aller Augenblicke schießt ein riesiger Feuerstrahl aus der Mastspitze empor und macht ein direktes Überfliegen unmöglich. Schade, daß wir das nicht schon auf unserem Vorpostenboot in der Nordsee hatten. Über uns zieht ein Flugzeug seine Kreise. Es schleppt einen Luftsack. Die Küstenflak übt und setzt am Himmel in gerade Reihe ein Sprengwölkchen neben das andere. Es ist Leben, wohin man blickt. Sogar in der obersten Mastspitze regt es sich jetzt. Mein Funkgast ist fertig und gibt das Zeichen zum Abstieg. Eben passieren wir das Ehrenmal von Laboe. Wir laufen ein. Der Tag geht seinem Ende entgegen. -
9. Mai 1942 Kiel Kurz nach Mitternacht war wieder zwei Stunden Fliegeralarm. Der Feind flog aber nördlich von Kiel vorbei und nahm Kurs in Richtung Rostock. Im Hafen geblieben. – Nachmittags war ich einmal an Land, ein kurzer Spaziergang, ein Glas Bier, eine Zeitung. – In Berlin ist der Höflichkeitsrekord ausgebrochen. Was haben die Leute Zeit und Sorgen! denke ich, werde aber schon auf dem Heimweg eines besseren belehrt; denn die Kieler scheinen sich daran ein Beispiel nehmen zu wollen. Wie ist es sonst möglich, daß die Straßenbahn an der Haltestelle hält, obwohl niemand wartet und auch niemand aussteigt. Ich selbst aber bin noch eine halbe Seemeile von der Haltestelle entfernt. Wie wäre es ferner zu erklären, daß mir der Schaffner gönnerhaft von meinen 15 Pfg. Fahrgeld 5 Pfg. wiedergibt und mich die ganze Strecke für 10 Pfg. fahren läßt? Will er der erste Aspirant im Höflichkeitswettbewerb in Kiel sein? Kaum; denn andere Kameraden berichten über ähnliche Erlebnisse. Einer mußte sogar ganz umsonst fahren! Höflichkeit und Verbindlichkeit ist doch etwas Schönes. Das Leben wird dadurch viel geschmeidiger und reibungsloser, und auch Kiel könnte eine so schöne und liebe Stadt sein, wenn seine Menschen ein klein wenig aufgeschlossener wären. Wenn ... -
10. Mai 1942 Kiel Von 01.20 Uhr bis 02.20 Uhr Fliegeralarm. Keine Feindberührung. Die feindlichen Flieger schwirren in Richtung Langeland und Jütland. Nur einige wenige dringen bis zum Schönber-ger Strand vor, suchen aber auch bald wieder das Weite. Im Hafen gelegen. – Sonntagsroutine. Bin an Bord geblieben, hatte große Wäsche und Zeugdienst. Erlebniskoeffizient gleich Null.
11. Mai 1942 Heute haben wir wieder keine Schüler. Nun liegen wir schon den dritten Tag stumpf an der Pier. Dieser häufige Leerlauf macht uns recht müde, viel müder als rechtschaffene Arbeit. Es geschieht nichts, man erlebt nichts und fällt nur sich und den anderen zur Last. Manchmal streiten wir. Streiten macht immer Eindruck und vertreibt die lange Weile. Streiten zerstört aber auch die Kameradschaft und ist infolgedessen auf die Dauer zu kostspielig. Ossi wünscht sich wieder einen richtigen Einsatz. Die anderen aber sind dagegen und meinen: „Damit wir auch noch abblubbern!“ An Land gehen kann man auch nicht dauernd. Außerdem fehlt in Kiel jede Gelegenheit zum Sündigen. Außerdem strengt Liebe auch an. Aber was könnte man sonst noch tun? Denken? Nein! Denken tut weh. Ja, um alles in der Welt, was soll man dann den ganzen langen Tag machen? Was? -
12. Mai 1942 Kiel Es regnet. Über dem Hafen liegt dichter Nebel. Es wird 10.30 Uhr, ehe wir uns von der Pier lösen und endlich hinauswagen. Aber auch hier müssen wir bald ankern. Die Sicht ist gleich Null. Aller Augenblicke wird mit der Schiffsglocke geläutet und mit der Sirene gehupt. Trotzdem weicht der Nebel nicht. So wird denn auch aus unserer Schulfahrt nicht allzuviel, -„und bald ist wieder ein Tag vollbracht, voller Arbeit, Müh und Sorgen, und haben wir auch nicht viel gemacht, so wurde doch der Tag vollbracht. Das andere besorgen wir dann morgen.“ Der erste, der nach dem Einlaufen an Land springt, ist Wilhelm. Er leidet sehr unter dem Frühling und scheint wieder irgendwo einen Angriff fahren zu wollen. Hoffentlich fährt er sich nicht noch einmal fest.
13. Mai 1942 Kiel Heute haben wir keinen Nebel, aber auch keine Schüler, bleiben mithin treu und brav an der Pier. Wir haben ja nunmehr genügend Routine, die Zeit auch im Hafen totzuschlagen. Ich für meinen Teil vergrabe mich gleich in meiner „geliebten“ Wachtmeisterei und wühle im Aktenstaub. Auch die letzten Verordnungen und Gesetzblätter will ich einmal kurz durchblättern. In der vergangenen Woche fiel mir dabei ein interessanter Ukas des 2.A.d.O. in die Hände, der besagt, daß die älteren Jahrgänge von den fahrenden Einheiten zurückgezogen und an Landdienststellen eingesetzt werden sollen. Diese Verfügung kommt mir nun nicht mehr aus dem Sinn, und ich überlege immer noch, ob ich ihr zum Opfer fallen soll oder will. Manchmal wünsche ich mir lieber heute als morgen ein neues Kommando. Dann halten mich die Kameraden und die Annehmlichkeiten des Bordlebens. Ich weiß wirklich nicht, wie ich mich entscheiden soll. Vielleicht ist es am besten, man läßt die Dinge erst einmal auf sich zukommen. Das andere wird sich dann schon finden. Wer warten kann, hat im Leben viel voraus
14. Mai 1942 Kiel Heute fuhren wir für die Schule. Bei dem herrlichen Wetter war es ein Vergnügen. Nach Feierabend unternahm ich dann einen kleinen Spaziergang, um zu sehen, wie weit die Arbeit des Frühlings an Land gediehen ist. An Bord nimmt man den Wechsel der Jahreszeiten ja immer erst mit Verspätung wahr. Infolge dieser falschen jahreszeitlichen Einstellung war ich denn auch nicht wenig überrascht, daß die Bäume teilweise schon in Blüte standen. In den Vorgärten sah ich die Blumen knospen und in den Anlagen zog die Sonne das Gras an den Haaren heraus. Vor den Zeitungsständen aber drängten sich die Menschen und lasen mit Freude die dicken Schlagzeilen vom beginnenden Vormarsch in Rußland. Es scheint tatsächlich Frühling zu sein. -
15. Mai 1942 Kiel Bei schönem, sonnigem Frühlingswetter wieder Schulfahrt und – Fischen. Ein kleines Räumboot, das in unserem Übungsgebiet kurvt, hat Wasserbomben außenbords gerollt und dadurch so viele Heringe und Dorsche an die Wasseroberfläche zitiert, daß wir notgedrungen Pinaß und Dingi aussetzen und mit angeln müssen. Danach fahren wir wieder in dienst-licher Regie und freuen uns des schönen Sonnentages. Immer wieder eigenartig und reizvoll ist der Frühling auf See, anders natürlich als daheim zwischen Wiesen, Feldern und Wäldern, aber letzten Endes doch mit derselben klaren Zielstrebigkeit und der gleichen begehrlichen Beharrlichkeit. Wie leicht und spielerisch gleiten die flachen Wellen im spiegelnden Glanz der Maisonne dahin. Schlohweiß und prickelnd schäumt der flockige Gischt auf dem grün schimmernden Wasser hin und her, kommend und gehend. Vom Spiel der Wellen getragen, gleitet der Blick über die weite See. Wie eine Wiese mit blühenden weißen Blumen, vom streichelnden Wind geliebkost und vom glitzernden Flimmergold des Lichtes durchwirkt, breitet sie sich aus, schier endlos, bis sie, am fernen Horizont verblassend, sich mit dem Himmel still vermählt. Köstlich ist diese Weite, beruhigend diese erhabene Ausgeglichenheit, wohltuend dieses stille Ruhen in sich. Frühling auf See. -
16. Mai 1942 Kiel Im Hafen. – Am Nachmittag unternahm ich wieder meinen üblichen Sonnabendnachmittagsbummel durch Kiel. Dabei traf ich einen alten Kameraden von meiner Vorpostenbootflottille, den Funkmaat Hans Diebitz vom Vp.-Boot 1306. Die Freude war groß und rasch ging es ans Erzählen. Auch er war von seinem Boot zum Maatenkursus beordert und dann einer motorisierten Nachrichteneinheit zugeteilt worden. Mit dieser ging es dann im Galopp nach Rußland hinein, bis der Vormarsch durch den barbarischen Winter aufgehalten wurde. Seine letzte Stellung war kurz vor Petersburg. Hier erkrankte er aber dermaßen, an der Ruhr, daß er im November abgelöst werden mußte. Anschließend fuhr er dann den ganzen Winter hindurch auf dem Eisbrecher „Wal“, bis dieser schließlich nach einem Bombentreffer im Rostocker Hafen sank. Nun sitzt er hier in Kiel, lebt einen guten Tag und wartet auf ein neues Kommando. Da ist nun die Welt so groß, und die Menschen werden so weit hin und her gewirbelt, und doch treffen sie sich wieder. Wenn der Himmel auch nicht größer ist, dann gibt es dort sicher auch dann und wann ein Wiedersehen.
17. Mai 1942 Kiel Man kann vor Kakerlaken nicht mehr geradeaus sehen. Deshalb ist für heute nachmittag eine große Entseuchungsaktion angesetzt. Bis 14 Uhr müssen alle das Boot verlassen haben. Zum Glück ist das Wetter wieder frühlingshaft schön, so daß sich ein Sonntagsnachmit-tagsspaziergang verlohnt. Wilhelm schließt sich mir an. Erfreut bin ich zwar nicht sehr davon; denn bei seiner einseitigen Blickrichtung betrachtet er die Naturschönheiten doch nur unter dem Gesichtswinkel der Beinperspektive, und das ist nicht zu jeder Zeit angebracht. Wir schlendern durch die Straßen, peilen im Vorübergehen in eine Konditorei und versuchen dann, im eigentlichen Zentrum angekommen, eine Kinokarte für die Abendvorstellung zu ergattern. Es bleibt aber vergebliche Liebesmüh. Vor den Kassen der wenigen noch heilgbliebenen Kinos stauen sich schon so viele Menschen, daß es zwecklos erscheint, sich mit dazuzustellen. So müssen wir denn notgedrungen unsere Langeweile wieder selbst verzehren. Wilhelm hat dieselbe Empfindung und meint: „Ich sehe schon, ich muß mit wieder einen zweibeinigen Zeitvertreib suchen“, und damit steuert er auch schon in das seichte Fahrwasser, das ich wegen seiner sexuellen Untiefen gerne gemieden hätte. Nun läuft nichts Weibliches mehr vorüber, das nicht kritisch gemustert, stieläugig beaugenscheinigt und erotisch fixiert wird. Dabei legt Wilhelm wie üblich das Hauptaugenmerk auf schöne Beine. Auf seine besseren Instinkte bauend, verweise ich ihm bald diese einseitige Betrachtungsweise und sage: „Schöne Beine tun´s nicht alleine.“ Wilhelm entgegnet aber sofort: „Oh, sage das nicht! Wo eine gute Gleisanlage ist, da ist auch ein guter Bahnhof.“ - Ich habe nicht die Absicht, ihm auf der Gasse der Frivolitäten zu folgen und den Sonntagnachmittag zu verstreiten. Ich verabschiede mich deshalb und stelle nur noch bedauernd fest: „Aus dir, Wilhelm, wird nie ein feiner Mann werden!“ Er lacht, schüttelt mir die Hand und meint: „Hast recht, aber so lange ich täglich zwei Eßlöffel „Okasa brutal“ für Elefanten und Marine nehme, kannst du auch nichts anderes erwarten.“ Und dann geht er, leicht, behend und unbeschwert, ein Mensch ohne Tiefgang, der nie auf Grund geraten wird. -
18. Mai 1942 Kiel Von 00.30 bis 02.00 Uhr Fliegeralarm. Feindliche Flugzeuge am Belt. Vermutlich Minenflieger. Tagsüber Schulfahrt. Abends Post von daheim. Es ist ein Sonntagsbericht. „Bei dem schönen Frühlingswetter waren wir heute einmal ein Stückchen an der Elbe spazieren. Die Schiffe und die Fähren waren überfüllt, und der Strom der sonntäglichen Spaziergänger riß überhaupt nicht ab. Wir ließen uns mit treiben und die Kinder hatten auf diese Weise auch ihre Unterhaltung und Ablenkung. …Ich bin ja so froh, daß wir wenigstens brieflich miteinander plaudern können, und über alles andere will ich hinwegsehen, wenn wir Dich nur heil und gesund wiederbekommen.“ – Wenn. -
19. Mai 1942 Kiel – In See Für 08.00 Uhr ist seeklar befohlen. Da wir aber im Augenblick keine Schüler zur Ausbildung erhalten, hat der Flo-Chef einen zweitägigen Seespaziergang angeordnet. Leider haben wir mit dem Wetter Pech. Kaum im freien Fahrwasser, bläst uns ein scharfer NW 7-8 so in die Seiten, daß wir schon gegen 10 Uhr die ruhigere Strander Bucht aufsuchen, hier vor Anker gehen und auf sanfteres Wetter warten. Darüber vergeht schließlich der ganze Tag. Da es auch nachts in der windgeschützten Strander Bucht einigermaßen ruhig ist, wird beschlossen, bis morgen früh hier vor Anker liegen zu bleiben. Wir finden diese Art der Seefahrt sehr erträglich, bewundern die aufgehenden Sterne, den keimenden Mond und das spielerische Geplätscher der leichten Wellen, die neckisch an die Bordwand klopfen und – begeben sich zur Ruhe. -
20. Mai 1942 In See - Kiel Ich habe herrlich geruht bei dem sanften Geschaukel und fühle mich so wohl, daß mir von aus die Fahrerei nunmehr wieder beginnen kann. Schließlich kommt man auch meinen Wünschen nach und befielt für 9 Uhr seeklar. Wir holen die Anker auf und zotteln seewärts. Das Wetter ist zwar noch nicht ganz wunschgemäß, aber immerhin so, daß man sich zwischen den Wellen wieder einigermaßen sicher bewegen kann. Heute spielen wir zur Abwechslung einmal selbst Schüler und fahren eigenhändig unser diverses Gerät. Man muß ja sehen, ob man es noch bringt. Punkt 12 Uhr ist Mittag. Wir werfen den Anker noch einmal für zwei Stunden weg. Nach Tisch variieren wir unsere Vormittagsbeschäftigung noch etwas und nehmen gegen 17 Uhr wieder Kurs auf Kiel. Hier hat sich unterdessen an unserer Pier ein dicker Bobby breit gemacht. Wir machen ihn bald als den Schweren Kreuzer „Prinz Eugen“ aus und erfahren, daß er auf seinem Kriegsmarsch südlich von Kap Lindesnäs von zahlreichen Bombern und Torpedo-flugzeugen angegriffen worden ist. Zwar gelang es ihm, sieben aus der Meute herauszuschießen, dafür aber mußte er seinerseits einen Treffer am Heck hinnehmen. Nun soll das Schiff hier in der Werft wieder zusammengeflickt werden. Mit Eintritt der Dunkelheit stellt man vorsichtshalber noch einige Autos mit Nebelgeräten in seine Nähe, um ihn bei Fliegeralarm notfalls verschwinden zu lassen; denn ein solches Objekt ist eine kostspielige und wertvolle Waffe, als daß sie bei einem feindlichen Angriff leichtfertig aufs Spiel gesetzt werden darf. Die Dinger müßten auch tauchen können wie unsere U-Boote, dann wäre manches einfacher.
21. Mai 1942 Kiel Fahren für die Schule. Abends kohlen. – Meine Abkommandierung scheint nunmehr doch akut zu werden. Habe so etwas läuten hören. Als routinierter Nachrichtenmensch muß man ja seine Verbindungen haben. Ich habe dem 2.A.d.O. daraufhin wissen lassen, daß im Falle einer Abkommandierung als neues Kommando nur Dresden in Frage käme. Notfalls sollte man dort eine Marinefunkstelle bau-en. Bin gespannt, wie er darauf reagiert.
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