Seekrieg
Stabsbootsmann
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« Antwort #7 am: 03 Februar 2012, 20:17:28 » |
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19. Juni 1941 In See - Kiel 00.50 Uhr: Ankern vor der Kieler Sperre. 00.50 Uhr bis 02.45 Uhr Fliegeralarm. 04.00 Uhr: Weitermarsch. 05.00 Uhr: In Kiel festgemacht. 05.30 Uhr: „Feuer aus“. Hafenbetrieb. - [J.P.] 19. Juni: Der Volkskommissar der Roten Flotte, Adm. Kusnezow, verkündet die Alarmstufe 2.*J. Pikalkiewicz: Seekrieg
20. Juni 1941 Kiel Wie gestern, so begann auch heute der Tag bereits um 00.50 Uhr mit Fliegeralarm. Zum Glück war es recht neblig, so daß die zahlreichen Leuchtbomben im Dunst versackten und sich nur wie harmlose Glühwürmchen ausnahmen. So mußte der Tommy lange nicht, wo er ansetzen sollte. Er brummte über eine Stunde über uns herum und zog dann unverrichteter Dinge wieder ab. Wahrscheinlich hat er nach der „Tirpitz“, unserem größten Schlachtschiff gesucht. Tagsüber lagen wir wieder im Hafen, überholtem unser Boot und nahmen einige Reparaturen vor, wie sie nach einer längeren Fahrt gewöhnlich nötig sind. Auch allerhand Schreibereien sind angefallen, die ihrer aktenmäßigen Verarbeitung harren. Ernst knobelt gerade über dem Maschinentagebuch und Wilhelm berechnet den Kohlenverbrauch. Ich setze mich zu ihnen und rechne mit. 70 t Kohle hat uns die Fahrt nach Pillau gekostet. (Kiel - Pillau 340 sm) 70 t, das ist der ungefähre Jahreskohlenbedarf von 25 Haushaltungen. Wir haben ihn in einer Woche verkachelt. Der Verbrauch pro Seemeile beträgt mithin etwa 2 Zentner und kostet, über den Daumen gepeilt, 2 Mark. Billiger kann eine Privatfirma auch nicht arbeiten!
21. Juni 1941 Kiel Die Reparaturarbeiten werden fortgesetzt. Auch die Kessel werden neu gemauert. Sonst an und hinter den Fronten nichts Neues. [J.P.] Kusnezow: „ Am 21. Juni, um 23.15 Uhr hat der Befehlshaber der Baltischen Flotte von mir den mündlichen Befehl bekommen, zur Alarmstufe 1 überzugehen und im Falle der Bedrohung von den Waffen Gebrauch zu machen.“ Ab 23.30 Uhr legen deutsche Minenschiffe eine Minensperre zwischen dem Fanö-Fjord und Dagö (Finnischer Meerbusen), eine zweite etwa 30 Seemeilen östlich davon. Die Arbeit der beiden Gruppen wird von einem sowjetischen Schlachtschiff und einigen Zerstörern aus beobachtet.* . Pikalkiewicz: Seekrieg
22. Juni 1941 Kiel Nun ist auch im Osten der Vorhang zu dem großen Kriegstheater aufgezogen worden. Der erwartete neue, große Kriegsschauplatz hat sich aufgetan. Unser Heer marschiert in die Sowjet-Union ein. An der Pier gelegen. -
11. Der Sommer und seine Sorgen.
23. Juni 1941 Kiel Im Hafen. - Reparaturen und Arbeitsdienst. Abends Umtrunk und festliche Tafelrunde anläßlich der Beförderung unserer seemännischen Nummer I zum Oberbootsmannsmaaten. Ein fürchterliches Wort. Trotzdem, unser Ossi freut sich und ist glücklich, daß er nach zehn langen Dienstjahren endlich bis zu diesem hohen Dienstgrad vorgedrungen ist, und daß, obwohl er nach eigenen Angaben stets im dritten Glied gestanden hat und nur während der Dienstzeit austreten war. Und das will viel heißen und erfordert die innere Disziplin eines ganzen Mannes; denn manchmal kommt es einem ja schließlich auch in der Freizeit an. Er verspricht uns trotz dieses Zuwachses von 5 cm Litze stets der alte zu bleiben und immer Kamerad vom Scheitel bis zur Sohle, eingedenk des Grundsatzes, daß Diensteifrigkeit schön ist, aber immer einen Mangel an Kameradschaftlichkeit voraussetzt.
24. Juni 1941 Kiel 01.25 Uhr: Wieder einmal Fliegeralarm. In 4 000 m Höhe kreisen sechs Bomber über uns. Die Scheinwerfer sind gut, aber in solchen Höhen läßt sich der Feind nur schwer fassen. Trotzdem schlägt ihm starkes Abwehrfeuer entgegen. Die „Tirpitz“, die gleich neben uns an der Pier liegt, schaltet sich auch mit ein und entwickelt einen Feuerzauber, daß einem Hören und Sehen vergeht. Es dauert etwa eine Stunde, bevor wieder Ruhe eintritt. Bombenwürfe haben wir keine beobachtet, aber über Klein-Kiel sollen Luftminen niedergegangen sein, und die haben es bekanntlich auch in sich. 08.00 Uhr: Wir nehmen unsere Schulfahrten wieder auf. Eigentlich hatten wir erwartet, daß man uns noch einmal einsetzen würde. Diese Spekulation erweist sich scheinbar aber doch als irrig. Belassen wir es also vorläufig weiterhin beim harmlosen Training. Vielleicht ruft man uns später noch einmal.
25. Juni 1941 Kiel Langsam werden die nächtlichen Fliegerangriffe zur gewohnheitsmäßigen Selbstverständlichkeit, und man registriert sie beinahe nur noch aus Gründen statistischer Vollzähligkeit. Die Zeiten, wo man am Morgen nach einem nächtlichen Fliegrangriff die Flaksplitter an Deck als eine Rarität zusammenklaubte, sind längst und endgültig vorüber. Also: 00.50 Uhr bis 02.30 Uhr Fliegeralarm. Bomben im Hafengelände, Brände in der Stadt, ein Abschuß. Tagsüber Schulfahrt. In der Förde und Strander Bucht einlaufender Schiffsverkehr und zahlreiche Schiffsansammlungen als Folge des deutsch-sowjetischen Krieges. Die Ostsee ist wieder einmal leergefegt.
26. Juni 1941 Kiel 01.00 Uhr bis 03.00 Uhr Fliegeralarm. Feuerschein über der Stadt. Keine Abschüsse. Schulfahrt. -
27. Juni 1941 Kiel Von 00.40 Uhr bis 02.30 Uhr Fliegeralarm. Bombenwürfe in Stadt und Hafen. Ein Abschuß bei Stein. Tagsüber Fahren für die Schule. An solchen leeren Tagen ist ein Brief von daheim immer noch das größte und schönste Erlebnis. Gertrud schreibt: „Wie sehr uns die steten, bangen Sorgen immer quälen, kann uns ja niemand nachfühlen, am wenigsten die, die niemanden im Felde haben. Dabei klagen aber gerade diese Leute am meisten. Sie jammern über die Markenwirtschaft, machen sich Sorgen, wie sie den Tag am besten und gottesfürchtigsten hinbringen und kommen sich recht bedauernswert vor.“
28. Juni 1941 Kiel Im Hafen. Nachmittags war ich an Land. Für den morgigen Sonntag hat man mir die Funktion des B.d.W. in die Hand gedrückt, und so wollte ich mir wenigstens heute ein paar Stunden Landluft vergönnen. Wenn ich dann aber wieder an Bord zurückkehre, dann frage ich mich immer: Warum bist du eigentlich an Land gegangen? Man findet doch weder Erholung noch Entspannung. Die vielen zerstörten Häuser vergällen einem doch jede Freude. In der Gegend der Bergstraße, wo vor kurzem eine Luftmine niedergegangen ist, stieg ich wieder über endlose Haufen von Schutt und Glas. Mein Stammcafé ist auch zerstört, ein zweites noch nicht wieder eröffnet, und erst in der dritten Konditorei bekam ich für Geld, Marken und gute Worte ein ganzes Stückchen Kuchen. Dabei ist der Besuch einer Konditorei für viele von uns der Grund zu einem Landgang. So pendelt man zwischen Boot und Land einher und überlegt, was von beiden das kleinere Übel ist. -
29. Juni 1941 Kiel Nun ist der Sonntag auch vorüber. Viel Neues hat er nicht gebracht. Die einzige Störung brachten ein paar feindliche Flieger, die zwischen 16 und 17 Uhr einflogen und die Gegend unsicher machten. Für mich verlief der Tag im Übrigen ruhig, obwohl ich den ganzen Tag Bootsmaat der Wache gespielt habe. Die Bootsmannsmaatenpfeife ist dabei das Wichtigste. Auf ihr kann man ein hohen und ein tiefen Ton blasen. Außerdem kann man den Ton mit der Zunge zu einem Triller variieren. Es ist wie bei einer Oper die „Ouvertüre“. Jeder Befehl wird durch eine bestimmte Klangfolge eröffnet. Unbedarfte könnten denken, daß der Bootsmaat früh beim Wecken Rücksicht nimmt. Der hohe Ton wird zunächst leise gepfiffen, es wird „gelockt“. Doch dann schwillt der Ton an und das hohe „Zirpen“ ist nicht mehr zu überhören. Es treibt auch den Schläfrigsten, wenn auch widerstrebend, hoch. Die Flaggenparade um 20.26 Uhr klappte bei mir einigermaßen. Hier besteht nämlich die Schwierigkeit darin, beim Pfeifen mit der Bootsmannspfeife den Ton solange auszuhalten, bis die Flagge hernieder geholt ist, und dann mit einem solennen (feierlichen) Trillerschwänzchen zu schließen. Dazu reicht mir aber normalerweise die Puste nicht aus. Ich pfiff deshalb nur die erste Hälfte, und als der Ton dann blasser wurde, blendete sich unser Bootswachtmeister, versteckt in der Telefonzelle, ein und pfiff für mich die zweite Hälfte durchs offene Bullauge. Diese Täuschung gelang so fein, daß diese akustische Nahtstelle nicht einmal der Obersteuermann wahrnahm, der beobachtend in der Brückennock lehnte und den ich rechtzeitig zu wittern das Glück hatte. Dann aber sank rasch die Abenddämmerung hernieder und die eintretende beschauliche Ruhe schob mich bald wieder auf private Gleise. Ich kletterte in meine Funkbude, gleichzeitig mein Studierzimmer hoch und schmökerte in interessanten, geschichtlichen Quellen. Und darüber ging der Tag dann vollends zur Neige.
30. Juni 1941 Kiel Im Hafen. Gegen 13 Uhr Fliegeralarm. Zwei Staffeln von je drei Bombern ziehen über uns hinweg. Müdes Abwehrfeuer schlägt ihnen entgegen. Unsere Flak scheint es noch gar nicht für möglich zu halten, daß es feindliche Flugzeuge sind. Aber da fallen auch schon die Bomben und wieder mitten in die Stadt. Möchte wissen, wo nur unsere Jäger bleiben. Abends an Land. Wieder sind drei Häuser zerstört. In den Straßen gähnen wieder tiefe Bombentrichter. Verbogene, aus den Bettungen gewuchtete Straßenbahnschienen sperren den Verkehr. Es riecht nach trockenem Mörtelstaub und Leuchtgas. 26 Bomben sollen gefallen sein. Eine Sondermeldung besagt, daß von 12 nach Kiel eingeflogenen Bombern neun abgeschossen worden seien. Aber davon stehen unsere Häuser nicht wieder auf und unsere Toten auch nicht.
1. Juli 1941 Kiel Fahren für die Schule. Thema: Wasserbombenwerfen und – Fischen. Bilanz: 10 Wabos a 400,00 RM = 4000,00 RM + 42 kg Fisch a 0,23 RM = 9,89 RM - 3990,11 RM
2. Juli 1941 Kiel Im Hafen. - Unser elektrischer Lötkolben, für uns Funker ein unentbehrliches Werkzeug, ist durchgebrannt. Was lag näher, als bei der nächsten vierteljährlichen Anforderung für Verbrauchsstoffe auch einen Heizwiderstand für unseren Lötkolben mit zu bestellen, um den kleinen Schaden gleich selbst zu beheben. Leider macht uns die Verwaltung wieder einen Strich durch unsere glatte Rechnung. Sie beruft sich auf § X der Verordnung sowieso, nach der uns einzelne Ersatzteile nicht zustehen und entstandene Schäden zur Behebung der Werft zuzuweisen sind, notfalls mit dem Vermerk des Dringlichkeitsgrades. Schön, auch daran gewöhnt man sich mit der Zeit. Unbegreiflich aber finde ich es, daß man dann ausgerechnet auf den Flur vor diesen Amtsstuben die Wand mit einem Bilde schmückt, das gewissermaßen als Aushängeschild den gewaltigen und löblichen Unterschied zwischen dem alten Amtsschimmel und dem neuen Zeitgeist herausstreichen soll. Das Fresko vergleicht nämlich den schwerfälligen Amtsapparat von einst mit einem schweren, unförmigen Pferdegöpel, vor den jetzt der neue Geist, verkörpert durch ein edles Roß, gespannt wird. Es legt sich sofort feurig und so stark in die Seile, daß sie reißen. Freudig und befreit galoppiert es davon. Diesen Augenblick hält der Maler im Bilde fest, und er mag für den oberflächlichen Betrachter und die anwohnenden Federfuchser etwas Bestechendes und Erhebendes haben, und das ist wohl auch der Sinn dieser Malerei und ihr tieferer, ökonomischer Zweck. Trotzdem kann ich mir die logische Feststellung nicht verkneifen, daß hinter dem davongaloppierenden, neuen Geist der Amtsapparat, der sich bislang, wenn auch langsam, immer noch drehte, nunmehr vollends stehen bleibt.
3. Juli 1941 Kiel Wieder fahren für die Sperrschule. - So vergehen nun die Tage. Schon hat das Jahr seinen sommerlichen Höhepunkt erreicht. Der lichtblaue Himmel ist weit und breit ohne jedes Wölkchen und der klare Silberspiegel der See, auf dem der schwere Glast der grellen Sonne liegt, ist bis zum fernen Horizont ohne jede Welle. Ringsum ist stille Ausgeglichenheit und tiefer Friede. Nur dem Herzen fehlt jede Ruhe. Es schlägt immer noch hastig, bang und schwer. Wie lange noch? -
4. Juli 1941 Kiel Bei diesigem Wetter und vereinzeltem Sperrfeuer von 01.40 Uhr bis 02.45 Uhr Fliegeralarm. – Tagsüber Übungsfahren und Evolutionieren im Verbande. Tage kommen und gehen, Kameraden auch. Bald wird dieser, bald jener abkommandiert. Andere nehmen ihre Plätze ein. Sie akklimatisieren sich, und bald ist wieder alles beim alten. Die Tage gleichen sich wieder und die Kameraden auch. Von uns Unteroffizieren sind Maschinenmaat Opitz und Steuermannsmaat Kolbe abkommandiert worden. Es waren zwei ruhige und angenehme Kameraden, deren Interessen ganz im Dienstlichen und Fachlichen lagen, und die ihre Kreise stets so zogen, daß sich keine Schlingen bildeten. An ihre Stelle traten die beiden jungen Maate Kurt Klipp und Hans Rodewald, unkomplizierte Naturen, die sich leicht in unserer Atmosphäre auflösten. Im Übrigen sind sie mehr an Land als an Bord und mit Vorliebe nächtlichen Offenbarungen zugetan. Besonders Kurt mit seiner Windhundnatur ist es gegeben, sich rasch und unauffällig von der straffen Leine des Dienstes zu lösen und ein ungebundenes Dasein zu führen, was ihm allerdings schon nach wenigen Tagen den bezeichnenden Beinamen Fips eintrug. Zusätzlich wurde ihm dann noch die Bezeichnung Palavermacher zugesprochen, weil er, ohne sich dessen bewußt zu werden, stundenlang flach plätschernd von sich und seinen angeblichen Erlebnissen palavern kann. Trotzdem passen sie ganz gut in unseren Kreis, und wir werden sie schon im Laufe der Zeit so ausrichten, daß sie unser Boot und unser Ansehen nicht in Mißkredit bringen und die große Linie auch in Zukunft gewahrt bleibt.
5. Juli 1941 Kiel - Kellenhusen Am Vormittag war ich mit meiner Belegschaft in der Werft und im Arsenal, um unsere Vierteljahresanforderungen abzuholen und die vom Zeitgeist gestrichenen Heizplatten für unseren Lötkolben privatim zu besorgen. Nach vollbrachter Tat quirlten wir dann gegen 12 Uhr mit unserer Motorpinasse wieder zu unserem Boot im Scheerhafen zurück. Schon von weitem sahen wir mit Erstaunen, daß unsere Boote Dampf auf hatten. Aus allen Schornsteinen quoll dicker schwarzer Rausch steil in die flimmernde Sommerluft. Was mochte da heute zum Sonnabend Nachmittag noch eiliges anliegen? Wir beschleunigten den Schritt unserer Pinaß und eilten, um nicht zu spät zu kommen. „12.30 Uhr ist seeklar!“, berichten die Kameraden, „und schuld daran ist das herrliche Sommerwetter. Da wollen wir das Wochenende nicht wieder im muffigen Wasser des Hafens und im Schatten der Pier verbringen, sondern den Sonntag einmal nach eigenem Gutdünken gestalten.“ So kneifen wir denn der Sperrschule einfach aus. - Pünktlich 12.30 Uhr legen wir ab und paddeln in den sommerlichen Tag hinein. Wir zwängen uns durch den Fehmarn-Sund und steuern dann südlich den Bädern der Lübecker Bucht zu. Vor Kellenhusen scheren wir als erstes Boot aus unserem Verband aus und halten auf die Seebrücke zu, während „Arkona“ und M 129 noch einige Seemeilen südlicher ziehen. Wir müssen sehr vorsichtig navigieren und drei Anläufe fahren, um bei dem flachen Wasser nicht auf Grund zu geraten. Schon jetzt ist die zuvor noch so klare See vom aufgewirbelten sandigen Grund vollkommen getrübt. Interessiert schauen die zahlreichen Badegäste, die bei unserem Herannahen auf die Brücke geeilt sind, den Anlegemanövern zu. Endlich gelingt es uns, wenigstens mit einer Ecke an die Brücke heranzukommen und uns festzuhalten. Es ist 18.20 Uhr. Die Maschine wird abgeklingelt. Das Wochenende kann beginnen. Großzügig und bevölkerungspolitisch weltblickend gibt der Kommandant Urlaub bis 02.00, bzw. 7.00 Uhr. Im Handumdrehen ist die Besatzung an Land und das Boot leer. Nur ich gammle noch an Bord herum und lasse mir Zeit. Zeitlassen gehört nach meiner Auffassung auch mit zum Genuß des Wochenendes. Außerdem ist es erst 19 Uhr. Bis morgen früh um 7 Uhr verbleiben mir immer noch zwölf Stunden. Soviel Zeit brauche ich nicht. Als Funker arbeitet, schaltet und trinkt man schneller. Ich werde schon noch auf meine Kosten kommen. Zuvor aber muß ich noch einen nicht ungeschickt unternommenen Angriff des B.d.W. zurückweisen, der mir durchaus seinen Posten andrehen will. Dann stärke ich mich mit einem frugalen Abendbrot und verlasse schließlich lt. Urlaubsbuch 21.25 Uhr das Schiff. Zunächst geht es die lange Seebrücke entlang. Rechts und links von der Brücke ist Wasser. Ein Geländer zu beiden Seiten hindert einen am Hineinfallen. Es ist fest. Morsche oder lecke Stellen, wie in Dünkirchen etwa, sind nicht vorhanden. Man muß das sicherheitshalber immer vorher untersuchen und feststellen; denn man weiß nie, wann und in welchem Zustand man wieder an Bord zurückkehrt. Von der Seebrücke kommend, stößt man rechtwinklig auf die sogenannte Promenade, einen 2 m breiten zementierten Wegstreifen längs des Strandes. Dahinter liegt, eingebettet zwischen Bäumen und dunklen sommerlichen Grün der Ort mit seinen Hotels, Pensionen und kleinen, mit Schilf gedeckten, bzw. getarnten Fischerkaten. Jetzt, zu dieser vorgerückten Abendstunde, ist der Strand natürlich verlassen, und die Strandkörbe sind leer. Was der Badeort an Belegschaft aufzuweisen hat, zeigt sich entweder lustwandelnd auf der Promenade, oder sitzt in seriöser Zurückgezogenheit in den zahlreichen Lokalitäten der Strandbasars. Schon lange halte ich Ausschau nach meinen Kameraden. Bisher aber vergebens. Nicht einen kann ich entdecken. Sicher sind sie schon irgendwo untergeschlüpft. Ich verlasse mich deshalb nur noch auf mein Gehör und schlendere mit gespreizten Ohren weiter. In der Strandhalle, fast am Ende des Ortes, scheint der Rabatz am größten zu sein. Hier werde ich, nach marinemäßiger Voraussicht, auch am ehesten auf meine Kameraden stoßen. Dies erweist sich indessen als sehr schwierig; denn das Lokal ist wegen Überfüllung geschlossen, und der Hausdrache vor dem verschlossenen Schott läßt zwar jeden heraus, aber niemanden hinein. Ich fahre deshalb einen Überrumplungsangriff und sage in forschem militärischen Ton: „Wehrmachtsstreife, mein Fräulein!“, während ich meine Erkennungsmarke aus dem Busenlatz nestle und sie der angejahrten Dame wie eine Polizeimarke unter die bartumflorte Stupsnase halte. Das wirkte. Ein Schlüssel dreht sich. Das Schott geht auf und ich bin im Lokal. 1:0 für mich! Es ist tatsächlich alles überfüllt. Doch dort sitzen die Kameraden, und wo sie sind, da ist auch Platz für mich. Es ist zunächst etwas schwierig, unseren kriegerischen Ton und Elan auf die Ruhe und Bedächtigkeit des Badeortes abzustimmen. Allmählich aber gelingt es uns. Die jüngeren Kameraden kommen in Tuchfühlung mit anderen Geschlecht und wir älteren in alkoholischen Kontakt. Wir verleben einen unterhaltsamen Abend, trotten dann mit etwas Schlagseite an Bord zurück und schlingern langsam und unmerklich vom Sonnabend in den Sonntag hinein. Und das war ja beabsichtigt.
6.Juli 1941 Kellenhusen Es ist merkwürdig, aber es ist so. Auch der standhafteste Seemann, den draußen auf See kein Sturm aus den Angeln heben kann, der verliert gewöhnlich allen Halt, sobald er seinen Fuß an Land setzt, und so ist es dann passiert. Da hat doch so ein kleiner Matrose heute nacht sein Mädel so lieb gewonnen, daß er glaubte, er müsse zur Beteuerung seiner Liebe unbedingt Blumen sprechen lassen. Nun sind aber auch in einem Badeort die Läden nach 24 Uhr dicht. Also mußten auf einem anderen Wege irgendwie Blumen „besorgt“ werden. Das bedeutet aber im Sprachgebrauch der Marine bekanntlich die Heranschaffung des gewünschten Gegenstandes mit allen Mitteln und ohne Rücksicht auf eventuelle Verluste. Hatten also die Blumengeschäfte geschlossen, so waren doch die Blumenbeete noch offen. Und so hat denn der besagte Herr, entsprechend der Größe seiner Liebe, wohl das halbe Blumenbeet eingepackt. Wie es sich im einzelnen abgespielt hat, weiß man natürlich nicht. Jedenfalls aber soll es, nach dem zorngeröteten Gesicht und den wild fuchtelnden Gebärden zu schließen, mit denen der Besitzer des Strandhotels unseren Kommandanten noch in der Nacht zur Rede stellte, einfach furchtbar gewesen sein. Zugegeben, daß wir nicht nur einen „Störtebecker“ an Bord haben, so hat dieser jammernde Ankläger doch sicher noch nichts vom Krieg gesehen; denn sonst hätte er sich wegen ein paar abhanden gekommener Blumen nicht bis zu dem Worte „furchtbar“ verstiegen. Aber diese Betrachtungen haben ja nun alle keinen Sinn. Jetzt nimmt das Schicksal seinen Lauf. „10.30 Uhr die gesamte Besatzung auf dem Achterdeck antreten!“ Die Sonne hat sich verkrochen. Dunkle Wolken machen sich breit. Sogar der Himmel scheint gegen uns zeugen zu wollen. Der Kommandant kommt. Mit harten Worten gibt er das peinliche Vorkommnis bekannt und fordert den Sünder auf, sich anschließend bei ihm zu melden. Anderenfalls, und seine Stimme nimmt einen grollenden Unterton an, sei er, um eine Wiederholung derartiger Vorkommnisse zu unterbinden, zur Verhängung einer allgemeinen Urlaubssperre gezwungen. – „Wegtreten!“ – Ich weiß nicht, wer die Worte des Kommandanten auf die Seebrücke gehoben und von dort an Land getragen hat. Tatsache ist jedenfalls, daß die interessierten Kreise Kellenhusens eine halbe Stunde später bis ins einzelnste unterrichtet waren und die entsprechenden Gegenmaßnahmen sofort in Szene setzten. Man hatte klar erkannt, daß die Angelpunkte in dieser Affäre einmal unser Kommandant und zum anderen der Besitzer des Strandhotels waren, und hier galt es die Hebel der Befreiung anzusetzen. Lag uns die Bezwingung des ersteren ob, so machten sich die Kellenhusener, voran die jüngeren weiblichen Jahrgänge anheischig, den Strandhotellist zu Fall zu bringen. An beiden Fronten verliefen denn auch die konzentrischen Angriffe planmäßig. An Bord nahmen sie folgenden Verlauf: Obwohl es in keiner Weise geklärt und auch jetzt noch nicht bekannt ist, wer sich nun eigentlich der Blumen bemächtigt hat, vorausgesetzt, daß es überhaupt jemand von unserem Boot war, so meldeten sich doch sofort nach der verhängnisvollen Bekanntgabe am Vormittag unabhängig voneinander drei Mann beim Kommandanten, die angaben, daß sie die Blumen dringend benötigt und deshalb den Unfug angestellt hätten. Ein schöner Beweis dafür, daß der deutsche Soldat auch in aussichtsloser Lage selbständig eigene Entscheidungen zu treffen und zu handeln vermag, und zum anderen, daß die Dosis an Edelmut und Kameradschaftlichkeit niemals zu groß genommen werden darf; denn allen dreien wurde der Umstand zum Verhängnis, daß sie die Frage des Kommandanten, was für Blumen und aus welchem Garten sie diese genommen hätten, nicht glaubhaft zu beantworten wußten. Keiner von ihnen hatte mit dieser, für einen Kommandanten immerhin beträchtlicher Pfiffigkeit gerechnet. So kam es denn, daß der Kommandant den Vierten überhaupt nicht mehr vorließ. Immerhin aber war durch diesen dreieinhalbfachen Vorstoß die Stellung des Kommandanten schon stark angeschüttert, und den Rest mag ihm dann der Blumenbeet-Bankrotteur vollends gegeben haben, der kurz nach Tisch an Bord einscherte. Die Badegäste hatten ihm nunmehr genügend zugesetzt. Vielleicht dachte er auch an Boykott und zerbrochene Fensterscheiben. Er zog jedenfalls seine nächtlichen Anschuldigungen wieder zurück. Bei Licht besehen wäre alles nur halb so schlimm, und wir sollten um Gottes Willen nicht ihm und dem Badeort unsere Anwesenheit entziehen. Der Kommandant hob daraufhin die Urlaubssperre auf und M 575 siegte wieder einmal klar. - 15.00 Uhr: An Bord wimmelt und kribbelt es von Badegästen und Besuchern. Der Kommandant hat das Schiff zur Besichtigung freigegeben. „Die Besucher auch!“, meint Störtebecker und verschwindet sofort mit jemandem im Dunkel der Minenlast. Trotz dieser handgreiflichen Gefahren hält der Ansturm unentwegt an. Jung und alt, Männlein und Weiblein, kurz, was nur irgendwie krauchen kann, klettert auf unser Boot. Der Leitende steht an der Reling und versucht den Verkehr zu regeln. Lange hält er es aber nicht aus. Von der Schußwaffe darf er doch keinen Gebrauch machen, und so läßt er lieber den Ansturm und dem Schicksal seinen Lauf. „Lauter Frauen und nicht eine Dame“, stellt er noch mit Verbitterung fest und wendet sich dann zur Flucht. Seine gerötete Nase deutet die Richtung an. Unterdessen ist das Getriebe an Bord noch größer geworden. In keinem einzigen Raume ist man mehr sicher. Man kann weder eine Stiege herauf noch einen Niedergang hinunter. Nicht einmal in der eigenen Hose kann man sich noch umdrehen. Unter diesen Umständen ist es am besten, man rettet sich an Land. Zwei Kameraden nehmen mich mit und versprechen mir, auf mich aufzupassen. So gesichert kann mir schwerlich etwas zustoßen, und sorglos und behütet wie selten, überlasse ich mich nunmehr ganz dem Sonntag. Ich weiß, daß es klargehen wird.
7. Juli 1941 Kellenhusen - Dahme 09.00 Uhr: Strahlend steht die Sonne an lichten Sommerhimmel. Trotzdem ist seeklar befohlen. Weh, daß wir scheiden müssen! Vorsichtig beginnen sich die Schrauben zu drehen. Weiß quirlt am Heck das schäumende Wasser und grau der sandige Grund. Schade, eben konnte man noch durch das klare Wasser bis auf den flachen, gelben Grund sehen und die zahlreichen Kotelettknochen zählen, die vom gestrigen Sonntagsbraten übrig geblieben waren. Auch ein zerbrochener Teller lag dazwischen. Wilhelm hatte ihn beim Essen zerschnitten. Langsam lösen wir uns über den Achtersteven von der Brücke und versuchen freies Fahrwasser zu gewinnen. Zahlreiche Zuschauer haben sich eingefunden und winken uns zum Abschied zu. Wir bleiben ihnen nichts schuldig und hoffen, bald wiederkommen zu können. Dann segeln wir mit nördlichem Kurs davon. Bald tauchen voraus unsere beiden Kameraden „Arkona“ und M 129 auf. Sie streben, gleich uns, dem vereinbarten Treffpunkt zu. In einer guten halben Stunde ist die Flottille wieder vereinigt und geht im Päckchen vor Anker. Bei der ruhigen See läßt sich das leicht machen. Das Wasser ist spiegelglatt und still liegt der Abglanz der Sonne über der schimmernden Weite. Unseren Kameraden auf den beiden anderen Booten die in den benachbarten Badeorten zu Gast waren, hat es ebenfalls ausgezeichnet gefallen. Ja, es war so schön, daß sich der Flottillenchef veranlaßt sieht, aus der Summe der günstigen Umstände den einzig möglichen Schluß zu ziehen. Er erliegt der militärischen Notwendigkeit und befiehlt, sofort beizudrehen und der nahen Küste wieder zuzustreben. Gesagt, getan. Bald standen wir vor dem Seebad Dahme und gingen auf flachem Grunde vor Anker, da wir uns an die Seebrücke selbst, die zudem recht baufällig war, auch beim besten Willen nicht heranpirschen konnten. Um 11 Uhr gab es bereits Mittagessen und anschließend Landurlaub bis 16 Uhr. Bis dahin aber sollten wir wieder zurück sein; denn dann wollten wir endlich den Rückmarsch nach Kiel antreten. 16.00 Uhr: Weil es so schön ist und die Aussichten so verlockend sind, wird seeklar belegt und auf 24 Uhr verschoben. Im nächsten Augenblick flitzt unsere Pinaß wieder zwischen Boot und Land hin und her und zehn Minuten später ist es an Bord wieder wie ausgestorben. Die meisten Kameraden bleiben aber nicht hier in Dahme, sondern eilen spornstracks ins benachbarte Kellenhusen, um dort die angeknüpften Beziehungen lieblicher Natur fortzuspinnen und wenn möglich zu vertiefen. Das ist die oft geschmähte treue Liebe der Matrosen! Die Kellenhusener sind glücklich. -
8. Juli 1941 Dahme - Kiel 00.30 Uhr: Die Ankerwinden kreischen. Durch die großmäuligen Ankerklüsen haspeln polternd die schweren Ankerketten. Langsam beginnen die Maschinen zu stampfen. Wir lösen uns von dem gastlichen Gestade und treten den Rückmarsch nach Kiel an. Der Mond ist aufgegangen und zieht eine lange, glitzernde Straße über die nächtliche See. Von ferne blinzeln uns die beiden Leuchtfeuer von Dahmes Hoved und Pelzerhaken zu und weisen uns den Weg durch die stille, laue Sommernacht. Es ist die dritte, die wir durchwachen. Der Leitende hat schon recht, wenn er sagt: „Der Dienst bei der Kriegsmarine ist immer schwer und anstrengend.“ Gegen 6 Uhr laufen wir in Kiel ein. Zwei Stunden später ist unser Boot wieder seeklar. Pünktlich und programmgemäß beginnen wir mit unserer Fahrt für die Sperrschule um 8 Uhr. Sie dauert wie üblich bis gegen 17 Uhr. Anschließend sind wir Wachboot. Das hat sein gutes; denn auf diese Weise brauchen wir heute wenigstens einmal nicht an Land zu gehen, und können uns einmal etwas zeitiger niederlegen. Müde sind wir ja, und verdient haben wir es auch.
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