Rümpfe von Schnellbooten

Begonnen von kielwasser, 06 Mai 2007, 08:27:19

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kielwasser

Ahoi alle zusammen,

ich frage mich schon seit ewigen Zeiten, wie die bei den deutschen Schnellbooten bevorzugte Rumpfspantform ihre "Beliebtheit" erringt? Es ist immer wieder zu lesen, dass diese Rumpfform im Gegensatz zu der V-Spant-Form, die bei anderen Nationen verwendet wird/wurde, auch bei schlechterem Wetter hohe Geschwindigkeiten zulässt. Warum das so ist, steht leider nie dabei.
Meine Frage nun: Gibt es hierfür eine logisch nachvollziehbare Erklärung, oder wurde das einfach nur anhand von Tests festgestellt?
(Falls diese oder eine ähnliche Frage hier schon mal beantortet wurde, bitte ich um Entschuldigung. Dann hab ich die wohl überlesen)

Gruß aus Kiel
Tino

Peter K.

Rundspanter sind Verdränger, alle V-Spanter sind Gleiter und sind somit im Seegang von Haus aus benachteiligt!

Reine V-Spanter sind am schnellsten und am günstigsten zu bauen.
Sie setzen aber im Seegang sehr hart ein, besonders wenn der Boden sehr flach konstruiert ist. Weiters vertrimmen sie bei hoher Fahrt stark achterlich. Bei schneller Fahrtverminderung pendeln sie gerne um die Querachse und bei niedrigen Fahrtstufen sind sie oft schlecht zu steuern.

V-Spanter mit konkavem Boden sind in der Herstellung etwas teurer und zeitaufwändiger und haben eine etwas größere Verdrängung, setzen aber im Seegang etwas weicher ein, als reine V-Spanter.

Wellenbinderboote mit konkav-konvexem Boden sind wiederum teurer und zeitaufwändiger zu bauen, weisen aber auch nochmals verbesserte Seeigenschaften auf.

Rundspanter sind im Bau am teuersten und zeitaufwändigsten, haben aber naturgemäß schon ausgezeichnete Seeigenschaften, setzen weich in die See ein und steuern auch schon bei geringen Geschwindigkeiten gut. Die typischen Stampfbewegungen eines Verdrängers beim Fahren gegen bzw.vor achterlicher See können beispielsweise durch Knickspanten, die extreme achterliche Vertrimmung bei hoher Fahrt durch Staukeile minimiert werden.

Rundspanter sind widerstandsmäßig allen V-Spantern etwa bis zur Froudschen Zahl 1,0 (das entspricht beispielsweise 35,53 kn beim Typ S26) überlegen, durch Stauruder (Lürssen-Effekt) und andere Verbesserungen (Kühlwassereintritt, Unterwasserauspuff) beim Typ S26 sogar bis 1,098, entsprechend 39 kn. V-Spanter sind in diesem Geschwindigkeitsbereich vor allem durch den höheren Reibungswiderstand benachteiligt. Im Bereich von 39 bis 40 kn sind V- und Rundspanter widerstandsmäßig etwa gleichwertig, darüber hinaus steigt beim Verdränger Widerstand und damit Leistungsbedarf stark an, während sie bei V-Spanter durch Verringerung der benetzten Oberfläche durch dynamisches Austauchen abnimmt. Diesen Vorteil kann der V-Spanter aber eben nur bei relativ ruhiger See zum Tragen bringen!
Daher sind auch Rundspanter meist größere Boote, V-Spanter kleinere.
Grüße aus Österreich
Peter K.

www.forum-marinearchiv.de

Q

Schick schick.
Wieder was gelernt.

Danke Peter.

Don't Panic
Quand tu veux construire un bateau, ne commence pas par rassembler du bois,
couper des planches et distribuer du travail,
mais reveille au sein des hommes le desir de la mer grande et large.

St.Ex

Teddy Suhren

Hai

hier (drittes Bild)

kann man sehr gut die Stauruder und den Staukeil sehen.
Gruß
Jörg

WoWarships Nick: Teddy191

kielwasser

Wow, das is doch mal eine verständliche Erklärung! Sowas fehlt in meiner Literatur eindeutig! Da hat man wirklich was dazugelernt! Das erklärt doch mal, warum überall steht, dass deutsche S-Boote den anderen so überlegen waren. Wenn die V-Spanter erst ab einer Geschwindigkeit von knapp 40 kn die Nase vorn hatten... Viel schneller als 42 warn die meiner Ansicht sowieso nich! Das is doch mal deutsche Ingenieurskunst!
Danke für die ausführliche Antwort!

Gruß
Tino

Thor

Hallo,

hier würde ich "Die deutschen Schnellboote 1914 - 1945" von Harald Fock empfehlen.

Weitere Stichwörter in diesem Zusammenhang wären Lürssen-Effekt, Stauruder und Staukeil.
Fock geht weiters auf die (Klein-)-Dieselmotor - Entwicklung in der Zwischenkriegszeit ein, denn erst die erfolgreiche Entwicklung starker Dieselmotoren kleiner Abmessungen machte die deutschen S-Boote den ausländischen Konstruktionen überlegen (natürlich im Zusammenhang mit der Bootform).

Gruß
David
"Wooden ships with iron men beat iron ships with wooden men" - Zusammenfassung der Seeschlacht von Lissa (1866)

Peter K.

Schön, daß ich helfen konnte!
Im übrigen stammen fast alle Angaben aus DAVID´s Buchempfehlung - das ist schon sein Geld wert!

Aber abgesehen davon stelle man sich bei moderatem Seegang zum Vergleich ein übliches Sportmotorboot (V-Spanter) und eine gleich lange Segelyacht (Rundspanter) vor! Letztere wird je nach Kurs zum Wind mehr oder weniger Lage machen und entsprechend stampfen. Aber die Crew wird sich unter diesen Bedingungen weiterhin wohl und sicher fühlen können. Die armen Teufel auf dem Motorboot werden aber - besonders, wenn nicht sehr feinfühlig gefahren wird - voll in jeden Welle krachen, die Lebensbedingungen an Bord werden durch das harte Aufsetzen schnell unerträglich werden.
Segler pflegen dann wenig schmeichelhaft zu vermelden: "Sieh´ mal, da kommt ein "kurzer Hals mit langen Ei.rn!"  :-D
Grüße aus Österreich
Peter K.

www.forum-marinearchiv.de

kielwasser

#7
steht in dem büchlein auch etwas drin, warum man sich für die überwiegend nachts im einsatz befindlichen schnellboote ausgerechnet weiß ("schnellbootweiß") ausgesucht hat? ich kann mir nicht vorstellen, dass ausgerechnet weiß nachts schlecht gesehen wird. (kann sein, dass ich mich irre :?)

gruß
tino

t-geronimo

Ich hab grad V.E. Tarrants Buch "Jutland - the german perspective" am Wickel.

Darin stellt er klar, daß bei den Nachtgefechten gerade die schwarze Farbe der britischen Zerstörer von Nachteil war, da sie im dunkeln besser auszumachen gewesen sind als die grauen deutschen.
Kurz nach der Schlacht wurden demnach alle britischen Einheiten in grau umgepönt.

Aber frag mich jetzt nicht nach den optisch-physikalischen Hintergründen. Die schildert Tarrant leider auch nicht.
Wird aber wohl was mit dem Kontrast zu tun haben, denke ich mir in meinem laienhaften Hirn.  :wink:
Gruß, Thorsten

"There is every possibility that things are going to change completely."
(Captain Tennant, HMS Repulse, 09.12.1941)

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kalli

vielleicht ist an der Redensart "nachts sind alle Katzen grau" was dran ? :O/Y

kielwasser

die sache mit dem grau scheint mir ja noch einleuchtend, aber gerade weiß?! naja, wird schon irgendeinen physikalischen hintergrund haben... :? es heißt ja auch, dass man bei nebel grüne pkws eher wahrnimmt als z.b. schwarze. ich war noch nie gut in solchen "nur-physikalisch-erklärbar"-dingen, wo man jegliches logische denken einstellen sollte :-D

Peter K.

@TINO

Grundsätzlich muß man sich mal fragen: "Was soll oder kann denn so ein (Tarn-)Anstrich denn überhaupt bewirken?"
1. Er kann ein Schiff seiner Umgebung anpassen, beispielsweise einer Küstenlinie.
2. Er kann die typischen Merkmale eines Schiffes durch ein gestaltauflösendes Schema verdecken oder sogar ein anderes Schiff darstellen.

Korv.Kapt. Dechend unterschied da 1942 etwas genauer in:
1. Sichttarnung (umgebungsanpassend)
1.1. In freier See operierende Schiffe
1.1.1. Tarnung gegen Seestreitkräfte
1.1.2. Tarnung gegen Luftstreitkräfte
1.2. Schiffe in Küstennähe
1.3.Fahrzeuge im Hafen
2. Typtarnung (gestaltauflösend)
2.1. Handels- und Hilfskriegsschiffe
2.2. Seestreitkräfte
3. Tarnung der Fahrt und Lage (gestaltauflösend)
4. Gemischte Tarnung (umgebungsanpassend und gestaltauflösend)
5. Falsche Tarnung (betonend)

Nun, unser "Schnellbootweiß" gehört eindeutig in die Gruppe der umgebungsanpassenden Tarnung. Das Geheimnis, warum es auch bei Nacht so schlecht zu sehen war, liegt wohl in der Tatsache begründet, daß es eben kein reines Weiß war, sondern durch geringe Beimengungen von Ultramarineblau und Zinnoberrot "lichtschwach", also nicht mehr leuchtend gemacht wurde. Später vermengte man dann die Schiffstarnfarbe 30 (weiß) und 31-1 (hellgrau) im Verhältnis 2:1 zum Schnellbootweiß, das dann besonders zum Einsatz in der Dämmerung und bei Nacht geeignet war.
Hellgelb ist ebenso wie reines Weiß besonders bei diesigem Wetter und direkter Sonneneinstrahlung sehr gut sichtbar, ebenso "leuchtet" reines Schwarz bei Nacht, wie THORSTEN schon richtig festgestellt hat. Später mischte man dann übrigens Ultramarinblau und Umbra gebrannt und mengte ebenfalls etwas Zinnoberrot bei - Ergebnis war ein lichtschwaches Schwarz!

Bereits in der Reichsmarine erkannte man zumindest partiell, daß dunkle Farben betonend wirkten und helle daher zur Sichttarnung besser geignet waren. Wissenschaftliche Versuche erfolgten aber erst später, praktische Erprobungen fanden erst im Februar 1944 (!) durch die 3. T-Flottille statt. Auch hier erwies sich das Schnellbootweiß bei allen Beleuchtungsverhältnissen und Tageszeiten als am besten geeignet.

vgl. in unten genannter Empfehlung Seite 40 (Z6 THEODOR RIEDEL) und Seite 80 (TIRPITZ), Schnellbootweiß als Teil der Typtarnung

Literaturempfehlung:
Jung/Abendroth/Kelling,
Anstriche und Tarnanstriche der deutschen Kriegsmarine
ISBN 3-7637-5964-6
Grüße aus Österreich
Peter K.

www.forum-marinearchiv.de

Spee

Schaut euch die "Sunderlands" oder "Liberators" vom Costal Command an . Unterseite hellgrau, fast weiß. Gerade in der Dämmerung ist diese Farbe sehr schwer wahrzunehmen. Die Beobachtung von Möwen (ob zufällig oder nicht, keine Ahnung) trug zu dieser Entwicklung mit bei.
Servus

Thomas

Suicide Is Not a War-Winning Strategy

kielwasser

@ peter:

dein wissen schient ja grenzenlos! beeindruckend! da kann man ja nur klüger werden! :O-_ :TU:)

@ spee:
da kann der mensch noch so herumtüffteln, am ende hat mutter natur doch die (nahezu) besten ideen gehabt!

Peter K.

@KIELWASSER

Zitatdein wissen schient ja grenzenlos! beeindruckend! da kann man ja nur klüger werden!

Nun, es freut mich, wenn ich dir weiterhelfen konnte, aber mein Wissen ist ganz und gar nicht grenzenlos und hier lerne ich gerne dazu - manchmal habe ich allerdings das Wissen zu wissen, was Wissende wissentlich veröffentlicht haben ...  :-D
Grüße aus Österreich
Peter K.

www.forum-marinearchiv.de

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