Kreuzfahrer säuft ab - mal wieder

Begonnen von Torpedo, 23 November 2007, 12:10:01

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harold

@ Manfred,

keine Kritik an der Besatzung. Sie wurde nur "etwas voreilig" über Bord geschickt.

Die Maßnahmen:
- sofort Kommando zum Dichtschrauben aller StBd-Luken,
- Absaugleitungen auf lower deck legen, Anschluß an Speisepumpen,
- alle StBd-Niedergänge ab upper deck von oben dichtschließen,
- Lenzpumpen Stbd über Schläuche erst in Doppelwandung Bbd entwässern (teilweises Gegenfluten),
- Dichtsetzen aller Luken Bbd

sind Entscheidungen der Schiffsführung, nicht antrainiertes Verhalten eigenständiger Einheiten wie auf einer grauen Einheit.

Dass manche davon offenbar getroffen worden sind, ...

- über Heck AK (aber eben gegenläufig!) mit Ruderhartlage Stbd, Bugstrahlruder nicht verwenden,
- Rumpfmannschaft 1 Maschine, 0 (shit!!) Pumpen, 1 Brücke belassen, weiter über Heck kreiseln,
- Schiff erst aufgeben, nachdem Wassereinbrüche trotzdem nicht gehalten werden können.


... zeigt ja, dass seemännische Kenntnis und Verantwortung (erst im Nachhinein und nicht so ganz angewandt) da waren.

Der "Fehler", den ich vermute, liegt ja "auch nur" in der unterlassenen Dichtsetzung der Bulleyes und im vorschnellen Von-Bord-Geben wichtiger Stationsbesetzungen (Pumpen, Dichtsetzung).

Der Heroismus des Kapitäns und des (je nach Quelle) LI oder IO, die "Explorer" über Heck am Laufen zu halten, ist ohne den koordinierten Einsatz von Pumpen- und Abdichtungstrupps zwar "lesebuchtauglich", aber nicht effizient.

Von einem kommandierenden Kapitän kann man schon erwarten, dass er für einen solchen Fall bestens gerüstet ist.
Das ist Teil seiner Ausbildung.

Gut, kein Menschenleben ist zu beklagen - das ist auch immer die erste Devise. Insoferne hat er schnell und effizient gehandelt!
Das Schiff zu halten -noch vor allen Achteraus-Manövern!- hätte jedoch geheißen, klare Anweisungen an die Besatzung zu geben (wenn sie denn nicht von vorneherein auf solche Fälle trainiert ist - was eigentlich sein sollte).

Das war alles -aus welchen Gründen auch immer- offensichtlich nicht drin.

Mehr und Genaueres werden wir wissen, wenn die Reports zu lesen sind.




4 Ursachen für Irrtum:
- der Mangel an Beweisen;
- die geringe Geschicklichkeit, Beweise zu verwenden;
- ein Willensmangel, von Beweisen Gebrauch zu machen;
- die Anwendung falscher Wahrscheinlichkeitsrechnung.

Ulrich Rudofsky

Das muss nicht unbedingt ein "Unterwassereisberg" gewesen sein.  Gibt's denn so ein Ding überhaupt?  Ich denke an das spezifische Gewicht von Eis.  Und war da kein electronische und menschliche Ueberwachung?  
Ulrich Rudofsky

öli

@harold
Tolle Erläuterungen - sind auch für mich verständlich.

Alle Menschen zu retten war sicher das oberste Gebot, und ich nehme an, dass das Schiff versichert ist.

harold

http://www.janmaat.de/seenot07_11.htm

- als eher seriöse Quelle anzusehen!
Da wird in Bälde auch noch was zum Hergang der Kollision und der Stunden danach stehen, denke ich.

Eine Information ... "verstärkte sich der Wassereinbruch, so dass der Strom ausfiel" noch vor Abfieren der Boote - kann so nicht stimmen, da die "Explorer" anschließend ja noch in Fahrt gekommen ist.
Ins Eisfeld ist sie nicht mit eigener Kraft gelaufen, sondern gegen Abend eingetrieben.

4 Ursachen für Irrtum:
- der Mangel an Beweisen;
- die geringe Geschicklichkeit, Beweise zu verwenden;
- ein Willensmangel, von Beweisen Gebrauch zu machen;
- die Anwendung falscher Wahrscheinlichkeitsrechnung.

Albatros

Hallo Harold,

Habe bis jetzt noch keinen genauen Zeitlichen Ablauf gesehen,Du schreibst die Besatzung hätte zu früh das Schiff verlassen?.

Ich habe in meinem Berufsleben,wie wohl viele andere auch,die Erfahrung gemacht das zwischen Theorie und Praxis oft Meilen liegen.

Genau wie von Dir geschildert hätten die Rettungsmaßnahmen ablaufen sollen,nur warum ist dies so nicht erfolgt?.

Um das so umzusetzen mußt Du eine Besatzung haben die dies  oft geübt hat und dann auch immer auf dem Laufenden gehalten wird,sprich im Training bleibt.wenn das nicht so ist nützt es auch nicht viel wenn der Kapitän weiß was zu tun ist!.
Aber so eine Besatzung gibt es auf keinem zivilen Schiff dieser Welt, schon mal gar nicht Heut zu Tage,ein zusammengewürfelter Haufen der oft wechselt.
Was die oft nur wissen ist,was sie laut Sicherheitsrolle zu tun haben,sofern ein Notfall eintritt,genau das scheint hier zumindest was die Rettung der Passagiere anbelangt gut gelaufen zu sein.Der größte Teil der Besatzung wird zum Wohle der Passagiere eingesetzt worden sein.
Wie in dem Bericht Seenotfälle beschrieben haben ja die Passagiere in den unteren Deck`s den Wassereinbruch zuerst bemerkt(so gegen 0 Uhr)also der größte Teil der Besatzung und der Passagiere schliefen..Dann wird wohl erst mal eine kleine Panik unter diesen ausgebrochen sein.Das bedeutet aber auch das Passagiere aus diesem Deck erst einmal alle geweckt und auf höhere Deck`s verbracht werden mußten.Dabei wird zuviel Zeit draufgegangen sein.Kann mir vorstellen das so mache reiche Dame erst davon überzeugt werde mußte ihre gesamte Gardarobe und den ganzen Schmuck zu verlassen.  :-D
Danach war sicher dieses Deck und die da drunter liegenden nicht mehr zu halten.Zum Stromausfall müßte man mehr über die Maschinenanlage erfahren,möglich das der Strom nicht (oder nicht ausschließlich)von der Hauptmaschine erzeugt wird.Oder es sind zeitliche Unterbrechungen durch Sicherungsausfall entstanden.

Wenn jetzt die Boote auch noch mit der Hand abgefiert wurden,waren hier wieder ein Teil der Besatzung gebunden,andere waren damit beschäftigt den Strom wieder herzustellen,die Boote zu besetzen und mit allem Nötigem zusätzlich zu versorgen usw,usw.
Das läuft nie wie bei einer Übung ab,an der meist ohnehin nur Statisten teilnehmen die Körperlich in Form sind,hier werden die meisten Paxe nicht mal den Überlebensanzug(sofern vorhanden) alleine anbekommen haben.

Du schreibst:Mehr und Genaueres werden wir wissen, wenn die Reports zu lesen sind.Ja,wäre schön wenn man da mal mehr erfahren könnte aber meist bekommt man die ja doch nicht zu sehen,oder sie werden weil nicht mehr interessant nicht veröffentlicht.

Gruß, :MG:

ufo

#20
Zitat von: Ulrich Rudofsky am 25 November 2007, 01:34:43
Das muss nicht unbedingt ein "Unterwassereisberg" gewesen sein.  Gibt's denn so ein Ding überhaupt?  Ich denke an das spezifische Gewicht von Eis.  Und war da kein electronische und menschliche Ueberwachung? 

Eisberge ... tükische Biester das!

Grad diesen Sommer kam ein Ehepaar bei uns aus dem Yachtclub von einer rund sechs Jahres Tour rund um Amerika zurück. Liegt ja gewissermassen in der Natur der Sache, dass man dann an beiden Enden auf Eis trifft auch wenn sie die Nordrunde durch die grossen Seen und dann von Thunderbay huckepack auf einem Trailer nach Vancouver gemacht haben. In 2000 war die Nord West Passage noch ein absolutes nono für Yachten. Selbst jetzt gibt es nur eine Handvoll die die Nordwestpassage gesegelt sind und nur eine, die ganz rum um's Nordpolareis ist.
Egal – die beiden brachten beeindruckende Bilder und Erzählungen mit nach Hause. Da wird einem dann auch klar, warum unsere Sprache (genau wie das Englische) zu arm ist um ,Eis' wirklich schlüssig zu beschreiben.

Da muss man sich dann der Sprachen von den Polarkreisen bedienen, um all die verschiedenen Formen von Eisbergen mit einem Wort auseinanderhalten zu wollen. Oder man bracht lange Sätze.

Wenn da so ein locker gepackter Schneehaufen ist, der halt nun mal zur See fährt, dann ist das doof, aber der ist zumindest noch sichtbar. Aber es gibt ja auch zahllose andere Entstehungsgeschichten. Ein Gletscherfluss kann einfrieren im Winter und der Gletscher die Eisbrocken dann im Frühling ins Meer schmeissen. Das ist dann auf einmal nicht das ,normale' dicht gepackte Schnee-eis sondern eben einfach gefrohrenes Wasser – viel, viel dichter gepackt.

Der Skipper erzählte die Dinger können wasserklar sein wie ein Eiswürfel in Whisky und vielleicht vier Zentimerter Freibord (darf man Fraibord sagen bei Eisbergen?) haben, bei vielen Tonnen Gewicht. Die sieht man wirklich nur, weil sich da an einer Stelle auf einmal das Wasser nicht bewegt.

So gesehen hast Du recht – ein Eisberg kann nicht unter Wasser schwimmen. (Absurde Fälle von einem Gletscherflusseisberg, der einen Felsblock eingeschmolzen hat oder so mal ausgenommen). Aber ein Eisberg kann mit weit, weit mehr als den klassischen Neun Zehnteln aus der Fausregel unter Wasser sein.


In einem Artikel hier wurde der Eisberg, der die ,Explorer' auf dem Gewissen hat als ,Growler' bezeichnet. Entweder hat der Schreiberling einfach ein tolleres Wort für Eisberg haben wollen und ,Growler' klingt ja nu' wirklich viel gefährlicher. Oder er hatte wirklich Ahnung und die Bezeichnung kommt aus offiziellen Quellen. Dann bezeichnet ,Growler' nach der Nomenklatur der Internationalen Eiswacht einen Berg von unter einem Meter Freibord. Schwer zu sehen!

Selbst moderne Doppler Radars zur Eiswacht, die Veränderungen im Wellenmuster der See skannen, können so ein Biest übersehen, wenn das immer mal von Wellen überspült wird und damit keinen richtigen Bruch im Muster erzeugt. 
 
Zitat von: Torpedo am 24 November 2007, 12:20:54
Ich versteh's nicht. Meine Frau hat auch schon gesagt, ich würde immer alles besser wissen als die Experten vor Ort, aber ich begreife einfach nicht, dass man solche Lecks nicht in den Griff bekommt. Was ist mit dem guten alten Lecksegel? Wieso haben die den Wassereinbruch nicht stoppen können? Gab es keine Möglichkeiten zur Pumpenhilfe?

Was das ,Hinterher' betrifft. Mal so im Flur mit jemandem hier von ,Naval Architecture and Marine Engineering' über die Geschichte plaudernd – der meinte gerade bei Kreuzfahrern sei die Evakuierung erstes Gebot auch und selbst dann wenn dadurch Massnahmen verzögert werden das Schiff selbst zu retten! Ein Kreuzfahrer, der kontrolliert sinkt ist doof aber von der Versicherung tragbar. Ein Kreuzfahrer, der bei Versuchen das Schiff zu retten mit allen Passagieren an Bord kentert ist der GAU der Branche.


Zitat von: Albatros am 25 November 2007, 17:09:37
...
Du schreibst:Mehr und Genaueres werden wir wissen, wenn die Reports zu lesen sind.Ja,wäre schön wenn man da mal mehr erfahren könnte aber meist bekommt man die ja doch nicht zu sehen,oder sie werden weil nicht mehr interessant nicht veröffentlicht.

Gruß, :MG:


Wenn man weiss wo man suchen muss, finded man die normalerweise schon. So ein versunkener Kreuzfahrer ist interessant genug, als dass die zustaendige Behoerde den Untersuchungsbericht eines Tages als pdf File auf ihre Homepage stellen wird. Die Krux in unserer schnelllebigen Informationsgesellschaft ist in dem "eines Tages". So eine Untersuchung kann gut und gerne mal zwei Jahre dauern ... oder drei. Mal gucken ob dann jemand von uns den Thread noch ausgraebt und den Link dazu postet.  :-D

Ciao,
Ufo

Torpedo

Danke ufo für den wieder mal sehr kompetenten Beitrag. Ja, vom warmen Schreibtisch sieht das alles immer ganz klar aus...

Hier übrigens der aktuelle Wikipedia-Artikel - man sind die schnell!

http://de.wikipedia.org/wiki/Explorer_%28Kreuzfahrtschiff%29
Uli "Torpedo"   [WoW Nic: Torpedo_uas]

"Man muss seine Geschichte kennen, um nicht die gleichen Fehler zu wiederholen"

Restaurierungsbericht des SEELÖWE, 20er Jollenkreuzer Baujahr 1943
http://facebook.com/r167seeloewe

ufo

Ist uebrigens nicht etwa ein Zeichen unserer dekadenten Zeit, dass die Bahamas nicht mehr gut genug sind und die Leute zur Kreuzfahrt in Gegenden muessen, die fuer die Schiffahrt nur maessig gut geeignet sind.

Im Januar 1930 rumpelte der Deutsche Kreuzfahrer 'Monte Cervantes' in der Magellan Strasse auf einen unkartierten Felsen. Der Dampfer sitzt auf und Passagiere und Gepaeck werden ausgeladen. Zwei Tage spaeter rutscht das Schiff dann vom Felsen und sinkt, wobei leider der Kapitaen ertrinkt.

Und im Sommer 1989 - das ist wohl mehr innerhalb des Erinnerungshorizontes der Mannschaft hier  :-D - war die 'Maksim Gorki' im Nordmeer in ein Eisfeld karriolt. Da gab es dann hinterher die beeindruckenden Photos, die sie mit dem Bug tief im Wasser zeigten. Wenn ich mich recht entsinne haben die auch damals erst die Passagiere ausgebootet und dann begonnen den Dampfer zu stabilisieren. Hat sie damals dann ja auch ueberstanden. Ich glaube die dampft Heute noch durch die sieben Meere. Sieht auch schoen aus mit ihrem markanten Schornstein.

Ja - eine Kreuzfahrt, die ist nicht notwendigerweise lustig ...

Ufo 

Big A

Nähere Infos zur Maksim Gorkiy siehe hier:

http://de.wikipedia.org/wiki/Maxim_Gorkiy

sowie zu den "Abenteuer-Kreuzfahrten" ein Kommentar aus dem "Hamburger Abendblatt" von letzter Woche

http://www.abendblatt.de/daten/2007/11/24/819969.html

Gruss

Axel
Weapons are no good unless there are guts on both sides of the bayonet.
(Gen. Walter Kruger, 6th Army)

Real men don't need experts to tell them whose asses to kick.

Albatros

Hier ein weiterer Artikel zur Explorer aus dem Seenotfälle-Archiv Dezember 2007 http://www.esys.org/news/sos_0712.html  bis 10.12.07 runterscrollen. Da gibt es scheinbar noch einige offene Fragen!.

Gruß, :MG:

Albatros




Albatros


Captain Hans

noch was zum Growler

es ist ein Eisberg, der sich mehrfach gedreht hat und dadurch eine glatte Oberfläche hat, die
nicht im Radar geortet werdenkann.

Gruß

Hans
,Nur wer sich ändert,bleibt sich treu"!!!
,,Nicht was du bist,ist das was dich ehrt,wie du bist,bestimmt den Wert"!!!

Urs Heßling

"History will tell lies, Sir, as usual" - General "Gentleman Johnny" Burgoyne zu seiner Niederlage bei Saratoga 1777 im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg - nicht in Wirklichkeit, aber in George Bernard Shaw`s Bühnenstück "The Devil`s Disciple"

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