Kann es sein, das eine ganz andere Geschichte gemeint ist?
Am 25. Mai 41 entschlüsselte Bletchley Park eine Meldung aus dem Schlüsselkreis "Red" der Luftwaffe.
Hans Jeschonnek, Stabschef Luftwaffe erkundigte sich nach einem Verwandten auf BS.
Als Antwort bekam er, das BS auf Brest zulaufe.
Quelle: Michael Smith "Enigma entschlüsselt"
Diese Sache ist mysteriös. In dem Buch von Ronald Lewin
Entschied Ultra den Krieg? Alliierte Funkaufklärung im Zweiten Weltkrieg [Wehr & Wissen, Koblenz/Bonn 1981, S. 241 ff.] heißt es dazu:
Keith Batey erinnert sich sogar immer noch an einen Funkspruch "an den Militärbefehlshaber Athen", in dem die Position des Schlachtschiffes angegeben wurde. [S. 241]
Von den beiden entzifferten Sprüchen, die Bletchley Park mit größerer Geschwindigkeit lieferte, ist der erste manchmal als "der diplomatische Funkspruch" bekannt. Er wurde anscheinend im Luftwaffenschlüssel "Rot" nach Athen gefunkt den Bletchley entziffern konnte, und zwar in Beantwortung der Anfrage einer hochgestellten Persönlichkeit, deren Neffe sich an Bord der Bismarck befand. [...] Das war der Funkspruch, an den sich Keith Batey erinnert. [S. 243/244]
Allerdings sollte man sich nicht allzusehr auf britische SIS-Schreiberlinge verlassen. Deren Werke dienen nicht selten eher der Verschleierung des wirklichen Geschehens als dessen Aufklärung. Man erinnere sich an Winterbotham, Cave-Brown et al., von denen bösere Zungen auch durchaus behaupten könnten, sie lügen wie gedruckt (und das mit offizieller Genehmigung des SIS, ohne die sie gar nicht hätten publizieren können) - siehe dazu z.B. Wladyslaw Kozaczuk,
Geheimoperation Wicher. Polnische Mathematiker knacken den deutschen Funkschlüssel »Enigma« [Karl Müller-Verlag, Erlangen o.J., S. 11 ff. - Originalausgabe bei Bernard & Graefe].
Müllenheim-Rechberg schreibt im Kapitel »Die Rheinübung im Rückblick« seines Buches
Schlachtschiff Bismarck [Bechtermünz, Augsburg 1999, S. 282]:
Der britische Nachrichtendienst hatte Ende April 1941 erfahren, daß Bismarck beim Flottenkommando die Anbordgabe von in Gotenhafen nicht erhältlichen Seekarten für einzuschiffende Prisenkommandos beantragt hatte. [...] Der britische Nachrichtendienst hatte sein Wissen durch die Entschlüsselung des Funkspruches erlangt, mit dem Bismarck die Seekarten angefordert hatte.
Ludovic Kennedy erwähnt diese Episode in seinem Buch
Versenkt die Bismarck! [Molden Taschenbuchverlag, Wien/München 1977, S. 35] ebenfalls, allerdings stellt er als Quelle "den Bericht eines Agenten" dar, was nichts heißen will, da die englische Originalausgabe 1974 erschienen ist, im gleichen Jahr wie Winterbothams
The Ultra Secret, das seinerseits eine Reaktion auf das 1973 erschienene, den Briten offensichtlich höchst unwillkommene Buch des ehem. Chefs der französischen Funkaufklärung, General Gustave Bertrand
Enigma ou la plus grande énigme de la Guerre 1939 - 1945 war, den die Briten seither mit Charakterisierungen belegen, die nicht einer gewissen rachsüchtigen Gehässigkeit entbehren. Zum Zeitpunkt als Kennedy sein Buch schrieb, gab es "Ultra" offiziell nicht.
Im übrigen ist die weiter oben im Thread erwähnte Sperrfrist von Dokumenten von 100 Jahren, die vor nicht allzu langer Zeit um 30 Jahre verlängert worden sei, ein beredtes Zeichen für die vielgerühmte "Transparenz" der westlichen Siegermächte. Ich möchte gern wissen, was man uns da 100 Jahre lang vorenthalten muß...
Nachdem, wie weiter oben in diesem Faden ausgeführt, Bletchley Park damals angeblich keine Marinefunksprüche außer den im Ubootschlüsselkreis abgegebenen entschlüsseln konnte, ergibt sich hier ein weiterer Widerspruch.