Nach der großen Osterfeier komm ich nun endlich dazu die Antworten zu meinem Beitrag gebührend zu beantworten.
Ist ein wenig lang geworden, aber hoffentlich trotzdem interessant.
@ Königsberg19129Kann dir nur absolut zustimmen
@ Balu der BärDu hast es schon richtig erfaßt. Meine Sammlung sollte nur die Gefahren der Seefahrt darstellen. Natürlich ist es eine komprimierte Sammlung von Unfällen über mehrere Jahrzehnte und ich habe nichts über die Frequenz von Unfällen ausgesagt. Ausserdem habe ich Unfälle aus der weltweiten Schiffahrt dargestellt
und nicht nur von ein paar Schiffchen, die Herr Langensiepen kennt.
Weltweit gibt es ca 105 000 Schiffe über 150 GRZ (inklusive Fischerei ohne Yachten und Kriegschiffe)
Die höchste Unfallquote existiert in der Fischerei.
Die meisten Kollisionen passieren in engen Fahrwasser, Passagen und Hafeneinfahrten, selten aber auch auf hoher See und das hat bestimmte Gründe, die ich im Forum demnächst darstellen werde.
Die zweithöchste Quote ist die Beschädigung von Containern durch Seeschlag
und Feuer.
Natürlich gibt es auch jede Menge Schiffe, die nie einen Unfall hatten.
@ Langensiepen – allgemein-Es ist schon eigenartig, wann immer ich etwas positives über die Seefahrt schreibe, kommt was negatives von Bernd Langensiepen.
Schreibe ich was negatives kommt was positives.
Ist das vielleicht eine Konfrontationsneurose?
@Langensiepen - zur Sache –Es ist schon äußerst naiv, sich eine derartige generelle Meinung auf Basis solch spärlicher Informationen über die Sicherheit in der Seefahrt zu bilden und sie dann noch mit anderen Transportunternehmen zu vergleichen.
Die Seefahrt als ganz normalen ungefährlichen Beruf darzustellen, ist der Höhepunkt an Unkenntnis und mangelnder Erfahrung.
Mein allgemeiner Gefahrenbericht basiert auf fundierten Kenntnissen und eigenen Erfahrungen. Diesen Nachweis werde hier folgend bringen:
Anschließend eine Auflistung meiner eignen See-Unfall-Erfahrung.
I
ch bin 28 Jahre (inklusive Ausbildung) zur See gefahren. In diesen Jahren habe ich persönlich folgende nennenswerte Unfälle auf See erlebt.
a. Leichte Kollision Kümo (Basbeck) im Hafen von Boston (England)1960
b. Strandung in der Einfahrt der Oste (Kümo Basbeck)1961
c. Schornsteinbrand Frachtschiff „Jan ten Doornkaat“ 1963 (Berhard Schulte)
d. Black Ice vor der Küste Neufundlands mit Holzdecklast - 32 Grad Schlagseite („Ellen Klautschke) (Berhard Schulte Reederei) 1964
e. Großbrand Maschinenraum Tanker „St. Petri“ 1966 (Hamburg Süd)
f. Oilspill- durch Overflow beim Laden Tanker „St. Petri“ (Hamburg Süd ) Kuweit 1966
g. „St. Petri“ Wal gerammt – Jungtier lag quer über dem Tropfensteven und mußte per Schlepper in Kapstadt entfernt werden
h. Spülluftkanalbrand Kühlschiff „Cap Valiente“ (Hamburg Süd)
1967 - es passierte sogar 2 mal.
i. 1967 schwerer Schiffsbrand „Alchemist“ (Reederei Eimbke
Hamburg) nach Explosion von „Carbon Disulfid“ an der Pier von
Eurotank Rotterdam, 3 Schwerverletzte
k. Anfang 1968 2 Tote bei Tankreinigung, schwere Vergiftungen durch
Ladungsreste
j. geschleppte Barge mit Stahlrohren kentert in schwerer See im
persischen Golf – Schlepper „Alcyon“ (Phillip Holzmann) 1968
k. Schleusentor in Antwerpen gerammt (Millionenschäden) Tanker
„Alchemist“ (Reederei Eimbke Hamburg)
l. Rohrbruch – austretende Säure – 3 Mann schwere Verätzung
1970 Texas City Tanker „Alchemist“
m. Ende 1970 schwere Kofferdamm Explosion “ Alchemist” 12 Tote
mehrere Schwerverletzte (da war ich allerdings nicht an Bord sondern im
Urlaub.
n. 1973 Strandung auf unbekannter Sandbank - Tanker „Troms“ Reederei Glahr und Co, Bremen, Leichterung notwendig, um das Schiff wieder frei zu bekommen
o. 1974 Schwere Strandung Tanker „Troms“ in der Einfahrt von La Vera (
Südküste Frankreichs) durch schlagartig einsetzenden seitlichem Mistral mit
Windgeschwindigkeiten von 100 km /std – anschließende 3 monatige
Werftreparatur – es mußten 364 Tonnen Stahl erneuert werden.
p. 1975 Wassereinbruch in der Back durch zerschmetterte Ankerklüse in sehr
schwerer See, Südatlantik mit 10 bis 12 m hohen Wellen vor der Küste Argentiniens. 400 Tonnen Wasser im Helligat . Bug kommt nicht mehr aus den
Wellenbergen hoch , schwere Brecher krachen an Deck – Schiff quer in die See gelegt - Lecksicherung – Auspumpen des Wassers mit transportablen
Tauchpumpen - 2 Verletzte mit Arm und Beinbrüchen Tanker „Troms“
q. 1976 VLCC „Virginia Star“ Kharg Island, Iran - Maschine springt nicht auf
Rückwärts an Schiff rammt die Pier trotz 4 Schlepper
r. 1976 ungesicherter Matrose fällt aus dem Mast – Schädelbasisbruch – Tod nach 8 Stunden – angeforderter Hubschrauber von Land kam nicht – kein medizinischer
Sauerstoff an Bord. VLCC „Virginia Star“ (Sanko Line, Tokio)
s. 1977 VLCC “Golden Portsmouth” (Sanko Line, Tokio) – Monsterwelle ca 25 -26 m hoch, Ostküste Südafrika im Algulhas Strom – See zerschlägt Laufsteg, Manifold und
2 Gasmasten abgerissen , Bullaugen Pumpenkontrollraum eingeschlagen – 80 Tonnen Wassereinbruch im Pumpenraum –, Back und Tropfensteven zerbeult - #
Notreparatur Kapstadt.
t. 1979 Strandung auf Sandbank im Rio de la Plata Tanker „Transud II“ Reederei Glahr und Co. Bremen. – Leichterung um frei zu kommen - Propeller leicht beschädigt.
u. 1982 Falklandkrieg – Flucht mit Tanker „Transud II“ mit 40 000 Tonnen Kerosin an Bord – Ladung sollte beschlagnahmt werden- Verfolgung durch altes argentinisches
Mienensuchboot 270 sm auf hoher See – Abruch der Verfolgung da englische Flotte sich nähert.
v. 1983 Einfahrt San Franzisko Multi Purpose Frachter „Tokio Rainbow“ Reederei van Ommeren, Rotterdam- totaler Ausfall der Maschine – Schiff hilflos treibend im
Humboldstrom – 3 amerikanische Schlepper fangen das Schiff ein und bringen es in den Hafen.
w. Ende 1983 Supertanker „Bonaire Cross“ Reederei van Ommeren, Rotterdam – Monsterwelle ca. 28 m hoch Cap Hatteras (USA), Brecher an Deck reißt Ankerwinde aus
dem Fundament, 2 Mooringwinden gehen über Bord, Hauptdeckreeling weg, Laufsteg total zerstört, schwerste Beulen und abgerissene Träger in den Achteraufbauten
– Notreparatur in Newark.
x. Wieder Tanker „Bonaire Cross“ beide Kessel der Turbinenanlage ausgebrannt- hilflos treibend vor der Mona Passage (Karibik) – amerikanischer Hochseeschlepper
schleppt das Schiff 1200 sm nach Savannah (USA)
y. Reparatur in Savannah- 3m hohe Flutwelle läuft den Fluß herunter, Schiff reißt von der Pier ab (14 Drähte und Festmacherleinen gebrochen) – Schiff treibt mit der
Strömung den Fluß herunter – rammt beinahe ein ebenfalls abgerissenes Containerschiff – Maschine unklar-kein Dampf- Notankerung mitten im Fluß mit Bug und
Heckankern- danach Rettung durch Schleper
z. Tanker „Bonaire Cross“ in Inchon (Korea) in den Hochofen zur Abwrackung gefahren. Danach Aufgabe der praktischen Seefahrt.
Ich möchte hier meinen persönlichen Erfahrungsbericht abschliessen, es gab zwar noch eine ganze Reihe von weiteren gefährlichen Situationen aber mir gehen die Buchstaben im Alphabet aus.
Meine Erfahrungen als statistische Grundlage für die weltweiten Gefahren der Seefahrt zu nehmen, wäre natürlich auch Schwachsinn.
Um darüber qualifizierte Aussagen machen zu können, bedarf es weit tiefgreifender und weltweiter Informationen und Kenntnisse.
Zu behaupten, daß die medizinischen Versorgung von akuten Erkrankungen und Verletzungen auf hoher See (besonders bei schweren Wetter)
gesichert ist, zeugt von riesiger Unkenntnis der Fakten. (siehe Arbeitsunfallberichte SeeBG, Loyds, US Coast Guard, weltweite Fischereiverbände usw.)Herr Bernd Langensiepen kann hier zwar jetzt behaupten, daß meine Erfahrungen veraltert sind, aber
ich möchte im Nachstehenden fundiert auf einige Tatsachen hinweisen.Von 1997 bis Ende 2003 war ich Sachverständiger für die deutsche Delegation des Bundesverkehrsministerium bei
MAIF (Marine Accident International Forum)(englisch MAIB), welches aus 60 Nationen besteht. In diesen Forum berichten Fachleute über Unfälle in der Seefahrt in ihrer Region und sie treffen sich jährlich in verschiedenen Mitgliedsländern.
Bis 2001 gab es kein komplettes, internationales und verlinktes Berichtswesen über weltweite Seeunfälle, also auch keine konkreten Statistiken.Da aus den Berichten der MAIF Kongresse hervorging, daß es
viel mehr Unfälle gab als allgemein angenommen, entschoß sich die IMO (International Maritime Organisation) (172 Mitgliedstaaten) eine internationale Gesetzgebung zu verabschiedenen.
Das See-Unfall-UntersuchungsgesetzIn diesem Gesetz werden alle Staaten verpflichtet, alle Seeunfälle international in eine gemeinsame Datenbank zu berichten. Damit nichts verschwiegen wird, wurde eine
„No Blame Culture“ eingeführt.
Das Gesetz wurde vom Bundestag in Berlin 2001 ratifiziert und trat schrittweise in Kraft.
Da Politiker kaum Sachkenntnisse einer solchen Materie haben, stellten sämtliche Parteien
einen gewaltigen Fragenkatalog auf, der von verschiedenen Sachverständigen für die Abstimmung im Bundestag zu beantworten war.
Ich war einer dieser Sachverständigen und ihr könnt meinen Bericht an den deutschen Bundestag im folgenden link anschauen.
Ich denke er ist sehr lesenwert. (der Fragenkatalog der Parteien wurde nicht ins Internet eingestellt)
http://www.ra-paulsen.de/...g/docs/Kapt_Schleiter.pdfAm Tag der Ratifizierung wurden alle Sachverständigen nochmals von allen Parteien im Bundestag befragt.
Zu dieser Befragung wurde ich als Sachverständer für das Bundesverkehrsministerium (Ministerialrat Dr. Steinecke) angefordert.
Zur Abstimmung mußte wir Sachverständige den Sitzungssaal räumen.
Das Gesetz wurde ratifiziert – hoffen wir, daß es auch umgesetzt wird.
http://www.bsu-bund.de/cl...age__node.html?__nnn=trueIch habe mit meiner Firma 112 Reedereien mit ca. 4000 Schiffen in 27 Ländern mit Sicherheitsmanagementsystemen ausgerüstet.
Die „Safety Records“ dieser Reedereien stimmen in keinster Weise mit der Meinung eines Herrn Bernd Langensipen überein.
hier ein paar links die meinen Bericht untermauern sollen:
http://www.vks-hamburg.de...in/aktuelles/toplicht.htmhttp://en.wikipedia.org/w...sters#Peacetime_disastershttp://de.wikipedia.org/w...Katastrophen_der_Seefahrthttp://en.wikipedia.org/w...ki/Sailing_ship_accidentshttp://www.sciencedirect....bf4eca712b97d301421171655http://www.imo.org/About/...opic_id=68&doc_id=553http://www.seattlepi.com/...al/203808_survival15.htmlLinks für Bernd Langensiepen zu Erweiterung seines WissensBei diesen Instituten kann man sich Wissen verschaffen, wenn man bei diesem Thema konkret mitreden will.
http://www.lloydslist.com...accidents/20017619839.htmhttp://www.maib.gov.uk/ab...ationen_uber_die_maib.cfmhttp://www.maib.gov.uk/li...s/international_links.cfmhttp://maritimecalamities...es-msc-napoli-report.htmlZum Abschluß:Ich gebe mir sehr viel Mühe, in meinem Sub-Moderatoren Bereich die Seefahrt mit all ihren Aspekten vielen interessierten Forenmitgliedern
allgemeinverständlich nahe zu bringen.
Ich freue mich über jede qualifizierte Zusammenarbeit.
Fragen, besonders auch von Nichtseeleuten, werde ich so gut ich kann beantworten.
Ich weiß zwar nicht alles, habe aber eine lebenslange Laufbahn in der Seefahrt (Handelsmarine) hinter mir.
Ich hoffe, daß es euch auch weiterhin Spaß macht, meine seefahrtsspezifischen Berichte zu lesen.
Beste Grüße
Kapitän Hans