MS Mülheim-Ruhr / Gefangenentransporte von Norwegen nach Nordenham (Bremerhaven)

Begonnen von timmkai, 01 April 2026, 19:41:22

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timmkai

Moin
1 kurze Vorstellung - 2 einige Fakten - 3 meine Fragen:

1:  ich bin neu hier, aber (Ahnen-)forsche schon einige Zeit ...
... insbesondere zum Ende der Militärzeit und Kriegsgefangenschaft meines Vaters in Norwegen.
Glücklicherweise befinden sich zahlreiche Dokumente im Familienarchiv, aber einige Details fehlen immer noch.
Ex-WaSt bzw. BA haben  mir nur einige (rudimentäre) Hinweise zu seiner Militärzeit gegeben (keine Gefangenenakte).
Und natürlich habe ich immer wieder (online) in diversen Archiven, Foren, Google etc. recherchiert.
Ich kenne also den Vorgang, der ,,Übergabe" deutscher Kgf. aus Britischen Lagern in Norwegen, von den Amerikanern an die Franzosen.
Soweit zur ,,Vorrede" ...

2:  Bisherige Fakten 1945:
letzter Dienstgrad: Stabsarzt;
06.03.1944 - 06.03.1945:  Kriegslazarett 901 in Oslo, als Stationsarzt bei Prof. Dr. Weickert (Inneren Abt. D);
09.02.1945: "Rot-Kreuz-Ausweis", der ihn als Sanitätsoffizier unter den besonderen Schutz des Genfer Abkommens stellt;
März 1945: letzte bekannte Versetzung, zum Vers. Rgt. 702;
14.07.1945: Auszug einer Personalakte im KGL (Reservation) Spillum/Namsos
letzte Einheit: 2. Heeres-Küsten-Artillerie-Regiment 975 (s. Anlage)
Abkommandiert als Lagerarzt zum Divisions Versorgungs Regiment 702 in Spillum/Namsos Norwegen
Aug./Sept. 1945: 2 Postkarten an seine Ehefrau mit Absender ,,MS Mülheim-Ruhr", Reederei Poseidon, Nordenham. Er berichtet von Gefangenentransporten mit dem Schiff aus Trondheim und Oslo, die er als Schiffsarzt begleitete. Er durfte nicht von Bord - war also noch Kgf.
14.11.1945: ,,Entlassungsschein" aus Kriegsgefangenschaft (Certificate of Discharge)
19.11.1945: wieder zuhause ...

3:  meine Fragen:
 - Gibt es irgendwo Details/Aufzeichnungen zur Abwicklung der Gefangenentransporte aus Norwegen nach Bremerhaven/Nordenham? (und andere Häfen, wie ich mittlerweile weiß)
 - Gibt es Infos zur MS Mülheim-Ruhr aus der Zeit? (ca. Juli-November 1945; vlt. Besatzungslisten oder Bordbücher)

Von der angeschriebenen Reederei Poseidon (später Stinnes) kam keine Antwort.
Bei Ivenio gibt es einen Link zu den beschlagnahmten Schiffen der Reederei Poseidon, der die ,,Mülheim-Ruhr" beinhaltet.
Die gleiche Fragestellung habe ich bereits erfolglos am 18.03. dJ. im Forum der Wehrmacht gepostet - jetzt also hier noch einmal der Versuch bei den Marine-Spezialisten.

Jede Information oder weiterer Recherche-Vorschlag ist willkommen!

LG Timm

Teddy Suhren

Hai

Willkommen im FMA.  :O/Y

Fanden den solche Transporte unter deutscher Regie statt?
Gibt's vielleicht Aufzeichnungen dazu in Norwegen oder Großbritanien.
Gruß
Jörg

WoWarships Nick: Teddy191

Darius

Hallo,

ich habe in den online verfügbaren Admiralty War Diaries geschaut.
Es sind ab 07/1945 nur die "Foreign Stations" enthalten, d.h. keine Hinweise auf Schiffsbewegungen Norwegen / Deutschland.

Es gab neben dem brit. Flag Officer Germany auch den Flag Officer Norway.
Kenne aber die Aktenlage dazu nicht.


:MG:

Darius

PS

ZitatGefangenentransporte aus Norwegen nach Bremerhaven/Nordenham?
There are lots of information to be found in the national archive of Norway.
List of ships, port/destination, numbers of persons and so on. Added a example, Mulheim Ruhr leaving Trondheim 26/8-45 for Bremerhafen.
regards
PS
https://media.digitalarkivet.no/view/168013/1


Darius

Hallo PS,

:TU:)

In den Akten mit Karteikarten der zurückgeschickten Deutschen sind neben persönlichen Angaben auch handschriftlich die jeweiligen Schiffe vermerkt, mit welchen die Rückführung wohl erfolgt ist. Z.B.:
Hjemsendte tyskere , AV/RA-RAFA-6487/D/Db/L0006: Adam-Zimmerman + Ableiter-Barta, 1945-1947, p. 1
Quick link: https://www.digitalarkivet.no/db60087508000001

@Timm:
Kannst Du uns den Namen & Vornamen des Gesuchten mitteilen?


:MG:

Darius


timmkai

Erst einmal vielen Dank an alle f. d. Antworten. Ich bin heute erst dazu gekommen, mich wieder einzuloggen.

Der vielversprechendste Hinweis ist der, auf die norwegischen Archive. Dort habe ich noch keinen sprachlichen Zugang gefunden, scheint aber lohnenswert, sich mehr drum zu kümmern.

-> Name meines Vaters: (Stabsarzt Dr. med.) Hans Müller
Die Verwaltung der KGF in Norwegen war offensichtlich recht autonom.
Die Transporte sind sicher von den Engländern veranlasst, aber von deutschen (Behörden/Mil.Verwaltungen) ausgeführt. Ob die Transporte durch englische Einheiten begleitet wurden, kann nur vermutet werden.

Da mein Vater offensichtlich mehrere Transporte begleitete, sollte er wohl eher als Schiffsarzt auf der Besatzungsliste stehen, als auf einer Liste der zurückgeführten KGF.

Es wurden auch zahlreiche andere Schiffe für solche Überführungen genutzt u. es sind wohl auch andere Häfen in Nord- u. Ostsee angelaufen worden.

Über ivenio bin ich noch auf einen interessanten Link gestoßen (Signatur "R 147/106")
invenio Mülheim-Ruhr
Reichskommissar für die Seeschiffahrt
>> R 147 Reichskommissar für die Seeschiffahrt/Seeschiffahrtsamt
>> Ausländische Schiffe und Anlagen
>> Beschlagnahme von Schiffen und Anlagen
>> Beschlagnahme von Schiffen aus Norwegen
Laufzeit:  (1939) 1944-1947
Enthält (u.a.):  ...  "Mühlheim Ruhr"

... aber keinen Hinweis auf Heuer-/Besatzungslisten ...

Ich kümmer mich jetzt mal um das norwegische Archiv. Hat jemand hilfreiche Hinweise zum Umgang? Habe grad den englischen Zugang gefunden ...

LG Timm

timmkai


Dank des Links von PS  :TU:)   zur Liste der "Repatriation of Germans"            
https://media.digitalarkivet.no/view/168013/1         
konnte ich eine schlüssige Zeittafel für das 2. Hj. '45 erstellen:

 - am 14.07.45 von Briten erstellte Personalkarte von H. M. im Lager Spillum-Namsos.
    (danach vemtl. direkt nach Narvik überstellt zur Begleitung der KGF-Transporte)

 - Fahrten der "Mülheim-Ruhr":   
1. S. 19   20.07.45   Narvik - BRV      
2. S. 19   04.08.45   Storsteinnes - BRV      
3. S. 21   23.-26.08.45   Trondheim - BRV      
4. S. 23   01.-03.09.1945   Oslo - BRV      
5. S. 23   09.-13.09.45   Narvik - BRV      

 - am 14.11.1945 erhält H. M. seine offiziellen Entlassungspapiere durch die Englische Militärverwaltung.

Die Fahrten 3+4   sind durch Briefe an die Familie bestätigt. Der Inhalt der Briefe lässt stark vermuten, dass er auch bereits die Fahrten davor mitgemacht hat. Über den Zeitraum/Aufenthalt bis zur Entlassung ist nichts bekannt.

t-geronimo

Gruß, Thorsten

"There is every possibility that things are going to change completely."
(Captain Tennant, HMS Repulse, 09.12.1941)

Forum MarineArchiv / Historisches MarineArchiv

Darius

Hallo Timm,

sehr schön.

Vielen Dank, dass Du uns hier bzgl. des Fortschritts bei den Recherchen auf dem Laufenden hältst.

 :MG:

Darius

timmkai


Moin

Aus anderen Quellen ist bekannt, dass die größten KGF-Transporte wohl Ende Sept. '45 abgeschlossen waren. Und nicht alle KGF sind an die 'Hungerlager' der Franzosen überstellt worden. Die Transferlisten geben an, dass je ein Viertel an die jeweiligen Besatzungsmächte überstellt werden sollte. Was allerdings tatsächlich geschah ...
Diese Listen zeigen aber ebenso, dass es noch zahlreiche kleinere Transporte bis zum Jahresende '45 gab. Ob mein Vater noch eine der Überführungen auf einem anderen Schiff begleitet hat, lässt sich nicht ermitteln.

Am 14.11.45 erhält er von den Briten seine Entlassungspapiere (Certificate of Discharge), die Reisefähigkeit wird durch einen norwegischen Arzt bescheinigt, also wird der Vorgang in Norwegen stattgefunden haben. Da er dann nach 4 Tagen wieder am Heimatort eintrifft, kann als sicher angenommen werden, das 3 Reisetage auf See u. 1 Tg an Land waren.

Es ist alles recht schlüssig und gut belegt, wenn auch noch das "kleine Loch" von der letzten dokumentierten Reise (13.09.) bis zur Entlassung bleibt.

Dieses Kapitel in meinem 'Familienbuch' kann jetzt - auch dank Eurer Hilfe - geschlossen werden.

LG Timm

Teddy Suhren

Gruß
Jörg

WoWarships Nick: Teddy191

Axel66

Hallo,

hier noch einige allgemeine Hintergrundinformationen, die ich mal im Rahmen einer privaten Recherche gesammelt hatte (mein Großvater war bei Kriegsende beim Sicherheitsdienst in Narvik).

In Norwegen wurden die ca. 350.000 deutschen Wehrmachtssoldaten nach Kriegsende größtenteils offiziell nicht als reguläre Kriegsgefangene (PoWs), sondern zunächst als sogenanntes sog. ,,Surrendered Enemy Personnel" interniert. Dies war eine neue Klassifizierung im Rahmen des Völkerrechts. Faktisch entsprach diese Kategorie einer entwaffneten Armee, die zwar unter Aufsicht der Alliierten stand, aber ihre alten Strukturen und militärischen Hierarchien vorläufig beibehielt. Es gibt dazu die Hypothese, dass die Alliierten – besonders die Briten unter Churchill – ganz bewusst eine Armee aus vorläufig entwaffneten deutschen Kriegsgefangenen in Bereitschaft halten wollten, um mit ihrer Hilfe den befürchteten Expansionsdrang der Sowjets in Westeuropa zu verhindern. Notfalls hätte man die deutschen Truppen im Falle eines erneuten militärischen Konflikts wiederbewaffnet und in den dann zu erwartenden kriegerischen Auseinandersetzungen eingesetzt.

Die Soldaten wurden in sogenannten Reservationen interniert, wo sie mehr oder weniger sich selbst überlassen waren und selbst für Unterkünfte und Verpflegung usw. sorgten. Sie blieben auch unter dem bisherigen deutschen Kommando mit der Folge, dass die deutschen Dienststellen und Kommandobehörden auch noch nach der Kapitulation die gleiche Disziplinargewalt über die Soldaten ausübten wie zuvor, jedoch auf der Grundlage alliierten Rechts. Das Militärstrafgesetzbuch und die Kriegsstrafverfahrensordnung blieben jedoch in Kraft. Außer Geltung gesetzt wurden die spezifisch nationalsozialistischen Gesetze wie die Strafvorschriften gegen »Zersetzung der Wehrkraft«. Die Feldkriegsgerichte wurden durch alliierten Befehl aber ausdrücklich aufrechterhalten. Interessant in diesem Zusammenhang ist die Geschichte des damligen Marinerichters Hans Filbinger, der nach Kriegsende in einem dieser Lager in Norwegen maßgeblich an mehreren Todesurteilen deutscher Soldaten beteiligt war, und deshalb später in der 70ern bekanntlich als Ministerpräsident von Baden-Württemberg zurücktreten musste.

Die Wehrmachtssoldaten wurden dann in Gruppen von bis zu 4,000 Mann größtenteils über das Lager ,,Mandal" in Südnorwegen (bei Kristiansand) auf dem Seeweg nach Bremerhaven transportiert. Hierzu gibt es einige Fotos im Internet: https://www.vintag.es/2021/03/norway-after-liberation.html#google_vignette

Die Mehrheit der Männer wurde nach Deutschland entlassen. Etwa 100.000 von ihnen wurden jedoch an die Amerikaner übergeben, die sie dann über das berüchtigte Lager Bretzenheim an Frankreich zur Arbeitsleistung weitergaben. Diese Soldaten wurden später in Frankreich teilweise sogar noch als Zivilarbeiter mit regulären Arbeitsverträgen eingesetzt, bevor sie am Ende nach Deutschland entlassen wurden.

Eine kleinere Gruppe von Kriegsgefangenen wurde über schwedische Häfen (z.B. Trelleborg) und dann weiter nach Travemünde verschifft (so z.B. mutmaßlich ca. 50 Tsd. Kriegsgefangene aus Narvik, Trondheim und Oslo, die im August 1945 unter britischer Aufsicht verschifft wurden).

Es gab auch Soldaten, die als mutmaßliche Kriegsverbrecher gesondert behandelt, in speziellen Lagern für längere Zeit interniert und verhört eurden (u.a. in Akershus). Einige davon wurden nach England verlegt. Andere wurden in vormals besetzte Länder wie Russland, Polen oder Jugoslawien überführt wurden, wo sie dann interniert und teilweise wegen früherer, dort verübter Kriegsverbrechen verurteilt wurden (bzw. wegen in norwegischen Lagern verübter Verbrechen an Kriegsgefangenen dieser Länder).

Gruss
Axel
 

Axel Held
STO auf S60 Kranich (5. SG) von 1991-93
OLtzS dR

Deichkind

Hallo zusammen!
Lese mit Interesse hier mit. Weiß jemand (vielleicht Axel?) wie es dann von Bremerhaven aus für die entlassenen Deutschen weiterging?
Gab es für sie in Bremerhaven (eigentlich ja damals Wesermünde) Lager, in denen sie zwischenzeitlich verblieben, oder ging es für sie direkt mit den damals verfügbaren Verkehrsmittel weiter?
Und mit Hinblick auf das ,,Surrendered Enemy Personnel": War das vergleichbar mit den in Schleswig-Holstein entwaffneten deutschen Truppen?
Besten Dank und schöne Restwoche!
Deichkind

Axel66

Leider weiss ich nicht, wie es für die "normalen" Wehrmachtsangehörigen weiterging, nachdem sie nach und nach aus Norwegen nach Deutschland / Bremerhaven gebracht wurden. Angehörige der Marine wurde teilweise auf ihren Einheiten nach England bzw. Schottland überführt. Soweit ich weiss, betraf dies einen Teil der U-Boot-Leute aus z. B. Narvik.

Im Falle meines Großvaters (Unteroffizier beim SD) lief es anders: Er kam von Narvik zuerst in ein Lager in Tromsdalen und wurde dann im Oktober 45 nach Akershus bei Oslo zu einer Art Untersuchungshaft überführt. Vermutlich von dort ist er dann nach Neuengamme verlegt worden, wo die Briten auf dem Gelände des KZ ein sog. Civil Internment Camp (,,CIC 6") eingerichtet hatten. Dort wurde er im Frühjahr 1947 entlassen.

Die Briten betrieben mehrere solche CIC's, zum Beispiel auch in Fischbek bei Hamburg. Während mutmaßliche und namentlich bekannte Kriegsverbrecher (,,Suspected War Criminals") von vornherein gezielt inhaftiert wurden, internierte man andere Personengruppen pauschal im Rahmen des so genannten ,,Automatic Arrest". Dazu gehörten u.a. Angehörige des Führungskorps der NSDAP, der SS, des SD, Gestapo, Geheime Feldpolizei usw.

Axel Held
STO auf S60 Kranich (5. SG) von 1991-93
OLtzS dR

Deichkind

Hallo Axel,
schade, vielleicht weiß es jemand anders? Aber danke für die anderen Infos zu den Civil Internment Camps!
Schönes Wochenende!
Deichkind

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