Wie ich Decksjunge (Moses) in der Handelsschiffahrt wurde
Nach den vielen technischen und informativen Beiträgen möchte ich
hier mal eine menschliche Geschichte über einen jungen Mann schreiben,
der voller Träume und Fernweh war - nähmlich über mich.
Ich hoffe, daß ihr sie genauso amüsant findet, wie ich sie heute empfinde.
Die Geschichte beginnt im Jahre 1958 – ich bin 15 Jahre alt.
Mein ganzes junges Leben träumte ich davon zur See zu fahren und einmal Kapitän
zu sein, Abenteuer zu bestehen und die fernen Welten kennen zu lernen.
Zig Bücher über die Seefahrt hatte ich schon gelesen und ich konnte es kaum erwarten
daß es endlich soweit ist.
Oma, Mutter und ich lebten in einer 2 Zimmer Wohnung in Essen und wir waren sehr, sehr arm.
Vater war schon lange tot, Mutter quälte sich im Schichtdienst als Köchin in einer Großküche und Oma bekam eine Rente von der sie weder sterben noch leben konnte.
Ich ging zu Krupp Oberrealschule und Mamas einziges Ziel war, mich wenigstens
durch die Mittlere Reife zu bringen. In den Sommerferien arbeitete ich als Schüler im Akkord in verschiedenen Maschinenfabriken um die Haushaltskasse etwas aufzufrischen.
(Poliermaschinen, Galvanisiererei, Säureätzungen und weitere Scheißarbeiten)
Es war also sehr triste zu Hause.
Ende 59 hielt ich es nicht mehr aus – ich wollte auf ein Schiff.
Also ging ich heimlich zu unserem Kolonialhändler (da hatten wir Kredit) borgte mir
20 DM und hatte nun zusammen mit meinem Sparschwein ca. 50 DM
Heimlich packte ich meinen Seesack, nahm meinen Personalausweis (Reisepass hatte ich noch nicht) und war so naiv zu glauben, daß ich damit anmustern könnte..
Per Bus zur Autobahnauffahrt, dann per Anhalter (LKW) nach Hamburg.
Ich schaffte es tatsächlich in 7 Stunden bis nach Hamburg Altona zu kommen, für 5 DM schlief ich im Seemannsheim.
Nächsten Morgen (Sonntag) lief ich zum Freihafen und auf einer Brücke (Mattentwiete) kam mir ein ein Mann im Anzug entgegen.
Er sagte nur ,,Hey du bist doch der Hans Werner – nach dir suchen wir schon überall"
(Mama hatte sich bei meinem Verschwinden schon gedacht wo ich sein könnte)
Ich wurde also verhaftet, schlief eine Nacht mit 6 anderen in einer Zelle auf der Wache.
Nächsten Tag ging es mit Handschellen (kein Witz) und Begleitperson per Bahn und "grüne Minna" zur Polizeiwache
in der Nähe unserer Wohnung in Essen – und wieder eine Nacht in einer Zelle.
Ich hatte schlichtweg die Hosen voll vor Angst.
Nächsten Morgen Vorführung beim Jugendrichter mit meiner total zerstörten und weinenden Mama.
Der Jugendrichter schiß mich derart zusammen, daß ich vor Angst und Scham am liebsten gestorben wäre.
Er verurteilte mich zu einer Jugendstrafe, bei der ich die Auflage bekam, 20 Zentner Koks bei der Polizeiwache in den Keller zu schaufeln.
Danach war ich vom Weglaufen geheilt und machte ein Jahr später meine mittlere Reife und
dann begann meine Karriere zum Decksjungen .
Ich wurde auf der Seemannschule Falkenstein Blankenese (auch Mosesfabrik genannt) angenommen.
Die Grundausbildung dauerte 3 Monate inklusive der im Haus zu absolvierenden Berufsschule.
Wir waren 80 Decksjungen in verschiedenem Alter. Es ging zu wie beim Komiß. Der Drill war knallhart, die Kameradschaft aber sehr groß.
Die Ausbilder waren die reinsten Schinder und wenn einer von uns nicht spurte, gab
es Strafdienst – nähmlich zentnerweise Kartoffel schälen in der Küche anstatt Ausgang.
Hier wurde noch die alte Seemannschaft gelehrt über Knoten, Spleißen, Rudern, Segeln.
Sauberkeit an Bord, Eigenhygenie, Teamgeist und körperliche Fitness und absoluter Gehorsam. Die Ausbilder kamen alle von Segelschulschiffen der KM..
Damals hätte ich gern ein paar von ihnen umgebracht – heute bin ich ihnen sehr dankbar, denn was sie mich lehrten kann ich erstens noch heute gebrauchen und zweitens war es die Grundlage zur notwendigen Disziplin, viel später einmal Kapitän zu werden.
Im kleinen Hafenbecken an der Elbe, das zur Schule gehörte, stand ein nachgebauter Segelschiffsmast von ca 35 m Höhe. Also richtig mit Wanten, Mars und Saling. Dort lernten wir unsere Höhenangst zu überwinden und uns zu sichern, wenn wir in großer Höhe arbeiteten.
Nach 3 Monaten war die Ausbildung abgeschlossen und ich wurde auf einen Kümo (M.V. ,,Basbeck" 425 BRT ) vermittelt. (Später erfuhr ich, daß die Offiziere dafür Schmiergelder erhielten, denn die Seefahrt suchte damals händeringend Seeleute)
Der Kahn lag in Itzhoe mit Staubkohle für die Portland Zementfabrik.
Ich fühlte mich als ganzer Kerl und wollte nun allein anmustern.
Pustekuchen, Mama hatte inzwischen das Buch ,,Das Totenschiff" gelesen und panische
Angst, daß ich auf so einem Seelenverkäufer lande.
Als ich aus der Schule herauskam, stand sie natürlich vor dem Eingang und fuhr mit mir nach Itzehoe.
Da die Stör wenig Wasser führte und sowieso Niedrigwasser (Ebbe) war, schaute von dem kleinen Kahn nur die Brücke über die Pier.
In der Nock standen 4 ziemlich wilde Gestalten mit nacktem Oberkörper, tätowiert und natürlich jeder eine Flasche Bier in der Hand.
Sie beobachteten die Anäherung ihres neuen Decksjungen, die Gitarre in der einen Hand und Mama an der anderen.
Natürlich bogen sie sich vor Lachen - ich hätte in den Boden versinken können und
verfluchte insgeheim meine Mama, die unbedingt dabei sein mußte.
Mama blieb 3 Tage (damals dauerte das Löschen noch lange), lernte den Kapitän und den Steuermann kennen und wurde der Liebling der 4-köpfigen Mannschaft. Sie kochte, backte und wusch die Wäsche für die Jungs.
Kuddel, unser einziger Vollmatrose, erzählte ihr dafür einige haarsträubenden Geschichten von der Reeperbahn und von der berüchtigen ,,Silbersack" Kneipe.
Mama schlief in einer Koje und paßte auf, daß es ihrem Jungen gut ging.
Dann reiste Mama ab, und die Mannschaft nahm mich mit an Land in eine Kneipe.
Natürlich füllten sie mich so mit Bier ab, daß ich zum ersten Mal in meinem Leben sturz besoffen war (zu Hause durfte ich nur mal ein Gläschen Wein trinken)
Mir riß der Faden und die Jungs mußten mich an Bord tragen (schleppen).
Am nächsten Tag hatte ich natürlich einem gewaltigen Kater und der erste Gedanke
war: ,,Mama wo bist du, mir geht es soooooooo schlecht"
Der Steuermann bemerkte nur , ,, Wer saufen kann – kann auch arbeiten"
(Den Spruch habe ich später als Kapitän auch verwendet)
Nächsten Tag liefen wir aus nach England und meine Karriere als Seemann begann .
Zum Abschluß noch ein link zur Seemanssschule Falkenstein. Die darin erwähnten
Ausbilder waren auch meine Ausbilder.
http://www.e-len.de/seefahrt/mosesfabrik/schule.htm
http://margaretha-bischoff.de/cgi-bin/index.py?p=00-5
ich hab keine Ahnung, wie solch ein Bericht bei euch ankommt, wollte mal versuchen
die menschliche Seite zu schildern.
Aber bitte weiter jetzt!
:MZ: Harold
Ja, bitte unbedingt weiter, HANS! :MG:
Hans - auch ich bitte Dich weiter zu schreiben :MG:
Trimmer. Achim
Hallo Hans
Bin tief beeindruckt....hat mich sehr berührt Deine Lebensgeschichte.
Liest sich für mich wie ein Abenteuerroman an....
Von solchen ,,Realitäten" träumt ein wohl behütetes Kind aus der Schweiz ohne Meer mit einem glücklichen Elternhaus im Rücken, wie ich es erleben durfte.... nur.
Braucht ziemlich Mut in einem Forum so menschlich aufzutreten wie Du es machst.
Aber Mut und Rückgrat ist ja bei Dir vorhanden bis der Arzt kommt....
Auch das Du Fotos von Dir einstellst ist super. Jetzt weiss ich wie Du aussiehst.
Ich lese Deine Thread's jetzt ganz anders. Man sieht jetzt einiges in einem anderen Blickwinkel.
Ich hoffe Du schreibst auf alle Fälle weiter.
Das Marine-Forum bekommt eine ganze andere reale Dimension, jetzt wo die Menschen hinter den Accounts hervortreten. Ich hatte das Glück ein Forum-Mitglied aus der ehemaligen DDR per PN ein wenig näher kennen zu lernen. Auch ein sehr sympathischer warmer Mensch.
Wäre wirklich wünschenswert, wenn auch andere Mitglieder einen Einblick in Ihre Lebensgeschichte gestatten würden.
Wäre glaube ich das erste Forum, wo sich die Mitglieder kennen mit allen Stärken und Schwächen, aber sich nie begegnet sind.
Eine faszinierende Vorstellung.
Ich hoffe das das ein Versuch wert ist.
Mit getauchten respektvollen :MG: Grüssen Thomas
@ THOMAS
... guckst du mal hier (http://forum-marinearchiv.de/smf/index.php/topic,963.msg12704.html#msg12704) bzw. hier (http://forum-marinearchiv.de/smf/index.php/board,239.0.html)!
Hans,
vom Feinsten, schöner Bericht :TU:)
Hans,
klasse Bericht top.
Jetzt will man auch wissen wie es weitergeht......also hau rein :-D
Kapitän Hans, richtig gut, deine kleine Geschichte hat mir Spaß gemacht, war aber ein wenig enttäuscht, daß auf einmal Schluss war. Stell dir vor, Du gehst zum Hafen, siehst ein Originalschlachtschiff aus vergangenen Zeiten, gehst und gehst, fängst an zu träumen und plötzlich schiebt sich eine Wand zwischen Dir und der Ursache deiner Träumerei, ist Ende mit kucken und träumen.
Ich hoffe, dass diese Wand, sich als schnell fahrendes Schiff erweißt und wir wieder träumen dürfen. :-) ::Y>
Gruß Michael
freut mich, daß meine kleine private Geschichte so gut bei euch angekommen ist.
Ihr habt mich ermutigt zwischen den ganzen technische Beiträgen ab und zu mal eine private Story einzustellen.
Alles kann ich nicht schreiben, denn das würde ein Buch füllen und ist auch nicht immer interessant.
Eins möchte ich jedoch klarstellen - ich will mich hier nicht als den großen Meister darstellen, denn viele
Seeleute haben mindestens ebenso viel geleistet wenn nicht mehr.
Aber hinter jeder Leistung auf See standen Menschen mit Bedürfnisssen, Ängsten und Träumen.
Wir waren keine Helden sondern ganz normale Menschen.
Ich hab halt noch eine Zeit in der Seefahrt erlebt, die noch recht abenteurlich war.
Heute ist es mehr, wie einen schwimmenden Bus zu fahren und die Liegezeiten sind so kurz, daß der Landgang
fast gar nicht mehr möglich ist.
in diesem Sinne
viele Grüße aus Costa Rica (Regenzeit langsam vorbei - der Sommer beginnt)
Hans
Zweiter Teil? Wo isser denn???? :MZ:
Hallo Hans,
das ist ja wohl eine klasse Vorlage für ein Drehbuch... top
Nein wirklich Hans, deine Geschichten sind für jeden der sich für die Seefahrt interessiert sehr spannend.
viele grüße Michael
@ Hans,
nicht so bescheiden, Dein Bericht ist ganz große Klasse! Nur weiter so, denn bestimmt kann nicht jeder auf so ein erlebnis- und ereignisreiches Leben zurückblicken wie Du.
Das mit dem Busfahren ist richtig, Seefahrt ist nicht mehr schön.
Jedesmal, wenn ich in Warnemünde in Uniform unterwegs bin und ein Touri-Dampfer liegt an der Pier fragen einen die Leute (auch :W/( Touris :W/()
ob ichnicht auch darauf fahren wollte.
Ich sage dann immer , dass ich weder Busfahrer bin noch Fleischdampfer fahren möchte um mich zum Deppen der Passagiere zu machen :-D
Axel
@ Axel
ja solche Fragen kenne ich auch.
Passageuse fragt mich mitten auf See:
wie weit ist es bis zum Land
Meine Antwort:
ca 2700 m
Sie: Kann aber kein Land sehen :?
Ich hab dann mit dem Finger nach unten gezeigt. :-D
Mir erging es fast so einige Jahre später. mit 15 Jahren aus der Schule, nach erfolglosem Beginn einer Lehre auf dem Lande fuhr ich zur See. Wie Kpt. Hans hatten auch wir, Mutter und ich, kein Geld. Mama arbeitete Nachts in einer Seemannskneipe auf der Reeperbahn. (Bunte Kuh), und war alleinerziehend.
Zu der Zeit mußte man für die "Mosesfabrik" ich glaube 340 DM zahlen. Hatten wir nicht. Also zuerst als Messejunge auf See. Heuer 80 DM im Monat. Wie sollte ich so 340 DM zusammen bekommen.
Zwei Reisen bei HAPAG MS Weissenburg und MS Rheinland. Dann wurde es November und ich braucht dringend Geld für den im Februar beginnenden Lehrgang in Bremervörde. Also Job in einer Großbäckerei, Bedienen der Brotschneidemaschine sowie für Weihnachten Stollen zuckern. Anfang Februar nach Bremervörde. Der Bootsmann, Kapt. Hans kennt ihn, war Papendick, Hände wie Schaufeln, wo er hinlangte wuchs kein Gras mehr. Er lispelte und sein Vergnügen war die Seemannschüler feudeln zu sehen. Beim Reinemachen ging er den Flur entlang und kippte den Feudeleimer um. Nun konnte er nicht so wie er wollte, denn wir hatten ein Mädchen im Kurs und er mußte sich benehmen.
In den drei Monaten wurde von Zeugwäsche bis zur Seemannschaft fast alles gelernt war man brauchte.
Mein erstes Schiff danach war die Thor ein Kümo mit 499 BRT frisch von der Werft.
Das über meine Moseszeit in der Handelsschiffahrt.
Zitat von: Kapitän Hans am 29 Oktober 2009, 16:20:59
Passageuse fragt mich mitten auf See:
wie weit ist es bis zum Land
Meine Antwort:
ca 2700 m
Sie: Kann aber kein Land sehen :?
Ich hab dann mit dem Finger nach unten gezeigt. :-D
:ROFL: :ROFL: :](*,) :](*,) :ROFL: :ROFL:
Mit getauchten lachenden Grüssen :MG: Thomas
Hallo Hans, wäre schön wenn`s weiter geht..... :O/Y
Gruß, :MG:
Manfred
Ja, bitte weiter.
Hab das jetzt gelesen und die Zeit verging, wie im Flug und der Nachtdienstist bald vorbei.
Ich kenne solche Geschichten ja auch Freunden und dem Vater meines Sohnes ( ist auch bei Schulte und Bruns gefahren auf der Susanne Schulte)
Lg öli
Hallo,
danke Hans für diesen sehr lebendig ( :=D> ) erzählten Abschnitt deines Lebens.
Normalerweise schimpft man "jetzt komm doch nicht scheibchenweise rüber", aber hier freue ich mich schon auf die übernächste Folge. Gut Ding will Weile haben!
Danke auch an poseidon48. top
Grüße
Tri
Hallo Kapitän Hans, ich habe mich herrlich erfreut über Ihre Erlebnisse und viele Parallelen zu meiner Laufbahn entdeckt, auch bei Ihren Landaufhalten.
Da Sie fast gleichaltrig sind, war es vermutlich generell so zu dieser Zeit. Ich staune nur, dass Sie noch alle Papiere haben und Fotos dazu.
Mit Dank für die Unterhaltung,
gruss I.M.