17.Oktober 1939 Swinemünde
Nun drehen wir uns schon eine halbe Stunde lang vor dem Hafen im Kreis herum. Es sieht beinahe so aus, als würden wir die Einfahrt nicht finden, aber es scheint eben nur so. Wir machen nämlich unsere Funkbeschickung und stellen mittels optischer Peilung die durch die Eisenmassen des Schiffes hervorgerufene jeweilige Abweichung des elektrischen Peilstrahls fest, und das dauert seine Zeit.
18. Oktober 1939 Swinemünde
Heute Vormittag liefen wir wieder aus. Rollenexerzieren in See, stand auf dem Dienstplan. Es wurde aber nicht viel daraus. Die See war so unartig, daß sich kaum ein Manöver richtig ausführen ließ. So verholten wir uns schon am zeitigen Nachmittag wieder in den Hafen, improvisierten noch etwas Dienst und glitten dann langsam in den bereitstehenden Feierabend hinein.
19. Oktober 1939 Swinemünde
Heute Vormittag waren wir kohlen. Das ist immer eine schmutzige Angelegenheit. Zum Glück dauerte es nicht lange. Wir benötigten nur 45 Tonnen. Dann waren die Bunker bereits wieder gefüllt. Sie fassen 180 Tonnen.
Anschließend wurde noch Proviant und Wasser übernommen. Es hat fast den Anschein, als sollten wir wieder einmal einen Ausflug machen.
Manchen Kameraden bekommt das Wasser aus den Tanks nicht. Auf der Haut bilden sich Pickel und Ausschläge.
20. Oktober 1939 Swinemünde - In See
Heute ist Freitag und für 10 Uhr ist seeklar befohlen. Das paßt nicht gut zusammen; denn freitags läuft man nicht gern aus, aber wer nimmt heute noch Rücksicht auf gute alte Sitten und Gebräuche.
In Eile werden die letzten Vorbereitungen getroffen. Dann begibt sich jeder auf seine Station. Auf der Brücke wird es ebenfalls lebendig. Pfiffe und Kommandorufe ertönen. Unten an Deck zieht man die Stelling ein und wirft die Leinen los. Über uns im Mast züngeln bunte Signalflaggen
hoch. Heiser sprudelt die Dampfpfeife. Ringsum ist Leben und Bewegung. Wir legen ab. Ein leises Zittern läuft durch das Boot. Die Pier tritt zurück und langsam beginnt es wieder zu wiegen. Bald haben wir die Fahrrinne erreicht. Der Leuchtturm schiebt sich vorüber und die lange Mole, die sich schon wieder mit wilden Wellen balgt. Im Zickzackkurs wird die breit angelegte Minensperre passiert, die den Hafen vor unliebsamen feindlichen Überraschungen sichern soll. Dann schlagen wir einen Haken nach backbord und stampfen davon, stampfen; denn die See zeigt sich wieder von ihrer unliebsamen Seite. Dazu scheint in unverantwortlicher Weise die Sonne.
12 Uhr: Eben hat mich mein Kamerad Herbert Richter auf Wache abgelöst. Nun will ich zum Mittagessen gehen. Es schmeckt. Ich esse aber trotzdem vorsichtig. Man weiß nie, wie sich See und Magen im Laufe des Tages noch anlassen werden.
21. Oktober 1939 In See
Wir stehen am Sund und stampfen mühsam dahin. Es stürmt immer noch. In unserem Funkraum haben wir alles, was nicht niet- und nagelfest ist, vorsichtshalber angebunden, damit es bei dem Auf und Ab nicht auf Wanderschaft gehen kann.
Austreten kann man auch nicht mehr gehen. In unserem SOS-Raum, so benannt nach diesen drei Buchstaben, die ein Spaßvogel beim Deckpönen ans Schott des stillen Örtchens gemalt hat, arbeitet die Wasserspülung bei diesem Seegang rückläufig. Nun ist der ganze Raum voll Sommersprossen.
24. Oktober In See
Wir pendeln am Sund und schießen Treibminen ab, die der Sturm der letzten Tage leicht-sinnigerweise losgerissen hat. Diese Schießerei ist eine ganz unterhaltsame Sache und etwas für die Scharfschützen an Bord. Trotzdem müssen sie oft mit ihren Gewehren drauf-halten, bis die Minen endlich durchlöchert sind und mürbe abblubbern. Gefährlich sind diese treibenden Minen besonders nachts; denn dann besteht immer die Gefahr, daß man einmal auf eine solche stachlige Kugel auffährt. Zweimal hatten wir auch U-Bootsalarm. Die Wachen wurden verdoppelt, das MG besetzt und die Wasserbomben klar gemacht. Auch das Horchgerät haben wir ausgefahren. Genaues konnte man indessen nicht feststellen, aber das ist so bei U-Booten.
26. Oktober 1939 In See
Ein Funkspruch hat unserem Patrouillendienst hier am Sund ein schnelles und voreiliges Ende bereitet. Wir sollen statt dessen die Sicherung eines großen Schwimmdocks übernehmen, das von Swinemünde nach Kiel unterwegs ist. In flotter Marschfahrt dampfen wir ihm entgegen.
27. Oktober 1939 In See
1. Das Wetter: Tiefhängende Wolken, konzentrisch angesetzte Winde und böige Regenschauer in der Bereitstellung.
2. Das Dock: Es ist neben uns. In den frühen Morgenstunden haben wir es erreicht. Es ist ein mächtiger Kasten, der von drei kräftigen Schleppern mühsam gezogen wird.
3. Kurs und Fahrt: Generalkurs SW, halbe Fahrt. Dabei umkreisen wir das Dock beständig und sichern bald vorn, bald achtern. So laufen wir die Strecke doppelt und dreifach ab und kommen infolgedessen auch nur langsam von der Stelle.
16 Uhr: Unser Transportunternehmen stößt auf schier unüberwindliche Schwierigkeiten. Abgesehen von dem immer stärker aufkommenden Seegang, ist es besonders der Wind, der uns schwer zu schaffen macht. Er stemmt sich in die hohen Seiten des Docks. Was hilft es, daß sich unsere drei Schlepper wie schwere Ackergäule mit ganzer Kraft in die Seile legen! Der Wind hat mehr PS, ist stärker. Die Taue reißen, und das Dock treibt ab. Nun haschen es unsere kleinen Schlepper wieder und bringen stärkere Zugseile an. Das Spiel beginnt von neuem. Wie lange?
Eben trudelt der Wetterbericht ein. Eine Sturmwarnung folgt. Für die gesamte westliche Ostsee besteht bei aufkommendem NNW 6-7 Sturmgefahr.
,,Die guten Leute merken auch alles", glossiert Herbert beim Entschlüsseln der Meldung. Und nun will ich die Sturmwarnung noch hinaus zum Kommandanten auf die Brücke tragen. Viel-leicht weiß er auch noch nicht, daß es aufgebrist hat.
Unser Empfänger tickt unterdessen fleißig weiter. Ein FT. nach dem anderen rollt heran. ,,Dockbegleitung Vp.-Boote 1304 usw. Warnemünde einlaufen." Endlich etwas Vernünftiges! Unser weiteres Verbleiben wäre doch sinnlos; denn helfen können wir nicht, und unser Dock geht schon lange wieder seine eigenen Wege. Wir wenden. Karten- und Ruderhaus arbeiten hastig. Die Position wird genommen. Auf der Seekarte haschen sich Lineal und Winkel. Kurs SSW. Der Rudergänger kurbelt. Kurs SSW. Recht so! Zeit? 1825 Uhr. ,,AK", befiehlt der Kommandant. Der Kamerad am Maschinentelegraph wiederholt und schaltet. Ein Klingelzeichen tönt zurück. Der Maschinenraum meldet: ,,AK." - Recht so!
Steil spritzen am Bug Wogen und Gischt auf. Klatschend schlagen sie an Deck und zerflattern. Andere greifen an den Flanken an. Hart stoßen sie das Boot von einer Seite zur anderen und stolpern dann polternd und schlürfend über Brücke und Aufbauten hinweg. Es ist eine Berg- und Talfahrt wie noch nie.
2200 Uhr: Es ist stockfinster. Man kann die Hand nicht vor den Augen sehen. Nur der weiße Schaum der anrollenden und sich überschlagenden Brecher malt mit mattem Weiß für kurze Augenblicke schemenhaft die flüchtigen Konturen der aufgeregten See ins dunkle Schwarz der Nacht. Auf der Brücke herrscht tiefe Stille. Nur ab und zu knackt das Echolot, fällt die Frage nach Kurs, Zeit und Mißweisung. Knapp sind die Antworten. Recht so? Vier Stunden quälen wir uns schon mühselig durch die wilde See voran. Eben taucht voraus ein Lichtschein auf. Jetzt ist er weg. Da leuchtet es wieder. ,,Warnemünde", meint der Obersteuermann, ,,genau hinhalten." Eine Stunde vergeht. Langsam kommen wir näher. An Land muß man unsere hüpfenden Positionslichter gesehen haben. Die Warnemünder Signalstation blinkt uns an. Nun müssen unsere beiden Signäler noch einmal hinaus. Max Giermann hängt sich die Klappbüchse um und stemmt sich, um bei dem steten Auf und Ab Halt zu bekommen, fest gegen die Brüstung. Da er aber die Hände zum Morsen braucht, versuchen Hans Dievenow und ich ihn zu stützen, damit er bei dem Seegang nicht plötzlich vornüber kippt oder rückwärts über das Peildeck rollt. So muß es gehen. Jetzt fängt die Signalstation von Warnemünde wieder an zu blinken. Eine Serie Kurz blitzt auf. Also ,,H". Kurz-lang folgt. ,,A". ,,Ha-, buchstabieren wir. Es geht weiter. ,,Ha - ben - sie -, Haben sie das Dock gesehen?" fragt Warnemünde an. Wir antworten. Es blinkt weiter. Unsere Hände werden klamm. Die Sturzseen machen uns auch zu schaffen. Kälte und Nässe nehmen den Körper ein. Endlich ist die Signalstelle befriedigt. Nun aber schnell hinunter in den warmen Funkraum. Irgendwo hat die überkommende See auch Einlaß in unser Heiligtum gefunden. Der Empfänger ist naß, die Schreibtischplatte schwimmt und an Deck stehen große Pfützen. Darauf gondeln Bücher, Mappen und Eichkurven, die der Seegang vom Schreibtisch gewor-fen hat, schlürfend hin und her. Sogar meine Koje ist naß. Mitternacht ist vorüber, als wir uns behutsam durch eine schmale Einfahrt in den Hafen zwängen. Endlich haben wir auch unser Liegeplätzchen gefunden und können schlafen gehen.
28. Oktober 1939 Warnemünde
Es war gegen 2 Uhr, als wir endlich zur Ruhe kamen. Jetzt ist es gleich 7 Uhr und schon wird es wieder an Bord lebendig. Ich bin noch recht schläfrig, habe gar keine Lust zum Aufstehen und reibe mir lange die Augen. Es hat doch nicht etwa in unsere Funkbude geschneit? Aber der Schreibtisch ist ganz weiß, der Empfänger auch und auf dem Fußboden scheint Glatteis zu sein! Salz? Seesalz, natürlich! Das eingedrungene Wasser ist über Nacht verdunstet und das Salz ist zurückgeblieben. Am Empfänger klemmen sogar die Schalter und die Knöpfe.
29. Oktober 1939 Warnemünde - In See
Das Wetter ist annehmbar, also hinaus aus dem Hafen und dem Dock hinterher. Abends treffen wir auf unser Dock. Es lebt noch und pendelt gehorsam im Kielwasser seiner drei Schlepper. Wir begleiten es und ziehen wieder unsere Sicherungsspiralen. Langsam bricht die Nacht herein.
30. Oktober 1939 In See
Die Fahrt verläuft programmgemäß. Wir kommen gut vorwärts und als bei Einbruch der Dunkelheit von der nahen Küste die hohe Silhouette des Ehrenmals von Laboe herübergrüßt, betrachten wir unsere Aufgabe als beendet und melden dem BSO: ,,Befehl ausgeführt. Dock nach Kiel gebracht." Dann wenden wir und treten mit eiliger Marschfahrt den Rückweg an.
Das gab mal einen interessanten Einblick. Danke Jürgen top
Grüße Ronny
28. September 1939 Stettin - Oderwerke
Das ist es nun, unser Boot, oder soll es wenigstens werden! Zwischen vielen anderen Schiffen und versteckt hinter hohen Kränen liegt es eingezwängt im Werftgelände der Oderwerke an der Pier. Noch pocht und hämmert, kratzt und pönt man an allen Ecken. Auf Schritt und tritt stößt man auf ausgebaute Schiffs- und Maschinenteile. Werkzeuge, leere Farbbüchsen und Stapel von Leinen liegen umher, und immer wieder rennt man gegen aufgetürmte Kästen und Kisten und gegen die zahlreichen Werftarbeiter, von denen es in allen Decks noch wimmelt.
Trotzdem weht seit heute mittag die Kriegsflagge am Heck, und damit ist die Indienststellung unseres Bootes zumindest theoretisch vollzogen. Immerhin empfanden wir es alle als Erleichterung, als wir heute morgen mit Sack und Pack einsteigen konnten. Seit über drei Wochen liegen wir schon hier in Stettin und harren der Dinge, die da kommen sollen. Für uns hatte der Krieg bereits am 3. September begonnen. Mit der englisch-französischen Kriegserklärung flatterte zugleich der Gestellungsbefehl ins Haus. Ein schöner, spätsommerlicher Sonntag fand einen jähen Abschluß. Überfüllte Züge brachten uns Männer hastend zu den verschiedenen Sammelplätzen und Gestellungsorten. Im verödeten Heim blieben Frauen und Kinder in traurigem Alleinsein zurück. Das Furchtbare und Unfaßliche war geschehen. Der Krieg hatte begonnen.
Ich mußte mich mit vielen anderen Kameraden in Stettin treffen. In der Turnhalle der Elisabeth-Schule bezogen wir Wartequartier. Hier sollten aus unseren Reihen die Besatzungen für die 13. und 15.Vorpostenflottille zusammengestellt und auf die einzelnen Boote verteilt werden. Soweit die Schiffe bereits eingelaufen waren, wurde fieberhaft an ihnen gearbeitet, um sie so schnell wie möglich kriegsmäßig auszurüsten und zum Einsatz zu bringen. Mit ihrem allmählichen Fertigwerden schmolz dann unser Häuflein immer mehr zusammen. Heute waren wir an der Reihe, wir, die Besatzung des Vorpostenbootes 4 der 13. Vorpostenflottille. Damit vollzog sich im ersten Akt des großen Schauspiels der erste Szenenwechsel.
29. September 1939 Stettin - Swinemünde
Es ging schneller, als wir dachten. Heute morgen schon kam ein Werftschlepper längsseits. Er wühlte unser Boot aus den anderen Schiffen heraus und zerrte es ins Ausrüstungslager. Hier wurde noch einmal alles Mögliche eingeladen. Dann plätscherten wir oderabwärts und immer dorthin, wo zufällig Wasser war. Das war kein schwieriges Unterfangen und verlaufen, bzw. verfahren, konnten wir uns auch nicht; denn die nahen Ufer wiesen Richtung und Weg. Bald wichen sie indessen weit zurück. Tonnen und Wegezeichen traten an ihre Stelle und halfen uns sicher weiter. Das Haff nahm uns auf. Langsam versanken in ihn die fernen Türme von Stettin.
Es war eine schöne Fahrt, das Wasser wie ein Spiegel und das Wetter sonnig und herbstlich warm. Zu geruhsamer Betrachtung blieb indessen kaum Zeit; denn wir hatten nebenbei auch unsere Beschäftigung. Es galt unsere Funkstation in Gang zu setzen. Auf der Brücke hinter dem Kartenhaus ist sie untergebracht. Groß ist sie auch nicht, nur 2 m im Quadrat und 1,70 m hoch. Dafür aber ist jedes Fleckchen ausgenützt. Auf Steuerbordseite, gleich am Schott, steht der große Schreibtisch und davor, fest an Deck verschraubt, der breite, drehbare Schreibtischsessel. Auf dem Schreibtisch hat der Allwellen-empfänger seinen Platz, während der kleine 10-Watt-Sender darüber an der Decke aufgehängt ist. Rechtwinklig davon schließen sich Kommode, Waschtisch und Bücherbord an, und das breite Wandbrett darüber ziert ein schöner, neuer Rundfunkempfänger. So wirkt diese ganze Front beinahe komfortabel. Die Backbordseite trägt privaten Charakter. Sie wird in ihrer ganzen Länge von meiner Koje beansprucht. Darunter befinden sich Schubkästen für Wäsche und Schuhwerk und die Schränke für die zahlreichen Akkumulatoren. Die vierte und letzte Wand enthält schließlich das schmale Schott, das den Zugang zu unserem Heiligtum vermittelt, und die Peilanlage. Das wären sozusagen unsere vier Wände, die praktisch aber nie in Erscheinung treten, weil sie, selbst dort, wo sie vorübergehend einmal geahnt werden, von Schalttafeln, Meßinstrumenten, Kabeln und anderem technischen Filigran überwuchert werden.
Von den zwei Bullaugen weist das eine nach Steuerbord auf See hinaus, während das andere nach achtern führt und den Blick auf den mächtigen Schorn- stein freigibt und die dunkle Rauchwolke, die achteraus im Winde zerflattert. So viel zur flüchtigen Orientierung über unsere Funkstation und unser Arbeitsbereich. - Halt! Eines habe ich noch vergessen! In der Mitte des Funkraumes ist ein freier Platz von ¾ Quadratmeter Größe. Dort kann man stehen!
Zeitig bricht der Abend herein. Es dunkelt, als wir in Swinemünde einlaufen. Die Positionslaternen werden gesetzt. Dann suchen wir uns im Hafen ein Liegeplätzchen und machen schließlich neben einigen schwarzen Schiffsschatten fest.
Der Hafen ist verdunkelt. Was an Schiffen und Booten noch unterwegs ist, schiebt sich vorsichtig tastend das Fahrwasser entlang, bald aber ersterben auch dort Leben und Bewegung. Nur das helle Feuer des Leuchtturmes wird nicht müde. Unentwegt und unbekümmert macht es seine Runde und greift mit hellen Armen weit über das Meer in die finstere, ungewisse Nacht. Träumend folgen ihnen die Gedanken. Was werden die nächsten Tage und Wochen bringen? –
4. Oktober 1939 Swinemünde
Die Tage vergehen. Wir haben alle Hände voll zu tun und sind bald hier, bald dort. Wir übernehmen im Arsenal Stapel von Munition, decken uns in der Ausrüstung mit allem Notwendigen ein, machen an der Liebesinsel fest, fahren zum Kohlen, verholen nach Osternothafen und legen uns schließlich als wohlformiertes Päckchen einsatzbereit an den Hohenzollernkai.
Im Hafen herrscht von früh bis in die späten Abendstunden reges Leben. Es ist ein stetes Kommen und Gehen. Eben ist das Lazarettschiff ,,Der Deutsche" eingelaufen. Jetzt rauschen zwei flinke Zerstörer vorüber und steuern ihren Liegeplatz an. Dort manövriert schwerfällig und unbeholfen ein riesiger Schwimmkran. Dann beleben wieder kleinere Boote das Fahrwasser. Sie eilen hin und her, und alle haben sie gleich uns an allen Ecken und Enden noch Einkäufe und Besorgungen. Auffällig ist die große Anzahl neutraler Schiffe im Hafen, die mit Bannware aufgegriffen oder zur Untersuchung ihrer Ladung nach Swinemünde dirigiert wurden. So brachten allein drei Boote unserer Flottille, die gestern von ihrem ersten Einsatz zurückkamen und in Zusammenarbeit mit einem Zerstörer und zwei Flugzeugen Schiffahrtswege in der Ostsee kontrolliert hatten, zwölf Schiffe ein, darunter einen Engländer, zwei Holländer, Dänen, Finnen und Schweden.
Wir erwarten in den nächsten Tagen ebenfalls unseren ersten Einsatz. Da aber die meisten von uns Landratten sind, denen das Bordleben noch ungewohnt ist, geht der allgemeine Wunsch dahin, daß sich See und Wetter bald beruhigen mögen, damit uns das neue Betätigungsfeld nicht gleich mit einem maximalen Schwierigkeitsgrad entgegentritt. Vorläufig aber zeigt die See keinerlei Entgegenkommen. Ständig fegt ein kalter Herbstwind darüber hin, und die lange Hafenmole verschwindet immer wieder unter dem weißen Schaum der anrollenden Wogen und Brecher. Das ist selbst für mutige Gemüter wenig verlockend.
5. Oktober 1939 Swinemünde
Um unser Boot auch einmal auf See auszuprobieren, waren wir heute zum ersten Male einige Stunden unterwegs. Es war Rollendienst angesetzt, damit die Mannschaft mit dem Boot vertraut wird und sich gegenseitig aufeinander einspielt. Es ging auch alles klar, obwohl der herrschende Seegang alle Manöver unnütz erschwerte. Um 19 Uhr liefen wir wieder ein und machten am Hohenzollernkai fest.
6. Oktober 1939 Swinemünde
Von Tag zu Tag wird man mit den Gepflogenheiten an Bord vertrauter. Man lernt sich sicherer bewegen und das Boot immer besser kennen. Das ist auch eine unerläßliche Voraussetzung und umso wichtiger, als unser Schiff jetzt und für die nächste Zukunft nicht nur unsere Waffe und unser tägliches Zuhause ist, sondern zugleich und vor allem der Garant unserer Sicherheit.
Unser Schiff hat 330 Brutto-Register-Tonnen. (Netto-Rauminhalt 125,26 Register-Tonnen = 354,5 m³) Es wurde 1928 als Fischdampfer im Auftrag der ,,Nordsee", Deutsche Hochseefischerei Bremen/Cuxhaven AG Bremen, für rund 350 000 M gebaut und auf den Namen ,,Eisenach" getauft.
Eine mittschiffs untergebrachte Dreikolben-Heißdampfmaschine bringt das Schiff Geschwindigkeit von reichlich 11 sm. Die Aufbauten sind ebenfalls mittschiffs und enthalten die Brücke mit dem Kartenhaus und die Funkstation. Daran schließen sich der Dom, die Maschinenoberlichter und die Kombüse an. Überragt werden die Aufbauten von dem mächtigen Schornstein von 7m Höhe und den beiden 16 m hohen schlanken Masten. Am vorderen klebt in halber Höhe das klotzige Auge des Scheinwerfers. Der Anstrich des Bootes ist einheitlich grau.
Die Armierung besteht aus einer 2 cm-Flak, einem schweren MG auf der Back und einigen Handfeuerwaffen, die auf der Brücke untergebracht sind.
Damit niemand außenbords fällt, sind überall Haltestangen und Geländer angebracht, und um das ganze Oberdeck zieht sich ein etwa 1 m hoher Eisenzaun, den man aber hierzulande Reling nennt. Das scheint mir überhaupt eine schwierige Seite der Seefahrt zu sein, daß man viele Dinge anders bezeichnet als bei uns zu Hause. So nennt man, um gleich noch ein Beispiel zu erwähnen, die schweren eisernen Sessel, die auf dem Vor- und Achterschiff zu beiden Seiten fest montiert sind und auf denen es sich so gut sitzen läßt, Poller.
Wohnräume sind auf unserem Boot drei vorhanden. Achtern ist das Logis für den Kommandanten und die Unteroffiziere. Unter der Back befindet sich das Matrosendeck, und der dritte entstand schließlich im ehemaligen Fischraum. Alles ist sauber und praktisch eingerichtet.
Und nun zur Besatzung selbst. Sie besteht z. Z. aus dem Kommandanten, 18 Mann seemännischen und 12 Mann technischen Personals. Bis auf zwei sind alles Reservisten. Sieben Mann davon gehören der ehemaligen Stammbesatzung an. Als lebendes Inventar wurden sie gemeinsam mit dem Boot auf Kriegs- dauer gechartert. Sie sollen auf Grund ihrer seemännischen Erfahrungen und schiffsmäßigen Verbundenheit ein ungefähres Klarfahren garantieren und den Sauerteig abgeben für die Masse der übrigen, die von der See noch nicht angesäuert sind. Die Zukunft wird lehren, ob und inwieweit dieses Experiment gelingen wird.
7. Oktober 1939 Swinemünde - In See
Gemeinsam mit drei anderen Booten unserer Flottille laufen wir um 8 Uhr zu unserem ersten Unternehmen aus. Aufgabe ist Kontrolle der Ostseewege und Unterbindung des feindlichen Handels. Kaum auf freier See und jenseits der Minensperren setzen sich die einzelnen Boote von einander ab und streben verschiedenen Operationsstreifen zu. Das Wetter ist erträglich, die Sicht gut.
Gegen 11 Uhr machen wir bereits die erste Rauchfahne aus und halten darauf zu. Das ist ein kleinerer Frachter mit einer hohen Decksladung Balkenholz. Schwerfällig und langsam schaukelt er unter seiner schweren Last dahin. Auf unsere Aufforderung hin stoppt das Schiff. Der Kapitän kommt herüberge- rudert und weist das Schiff als den Dänen ,,Keiserinde Dagmar" aus, der mit einer Ladung Grubenholz nach England unterwegs ist. Unterwegs war, muß es nun heißen.Der dänische Kapitän erhält seine Anweisung und wird dann nach dem vereinbarten Sammelplatz entlassen. Betreten zuckelt er mit südlichem Kurs davon. Vom Nachmittag erhofften wir denselben Erfolg, aber die Rauchfahne, die wir jagten, erwies sich als eine deutsche. Auch das kommt vor. Es ist eben nicht alles Gold, was glänzt und nicht alles Feind, was auf See fährt.
8. Oktober 1939 In See
Der erste Sonntag in See? Von Sonne ist natürlich nichts zu spüren, wohl aber von Wind und Wogen, und wir neuen ,,Seeleute" haben alle Hände voll zu tun, uns aufrecht und in Gang zu halten. Von feindlichen Schiffen ist auch nichts zu sichten, trotz stets wechselnder Kurse, so daß wir den ganzen Tag über die See nur zum eigenen Vergnügen durchfurchen, eine Beschäftigung, die uns der Plattenspieler noch dadurch besonders schmackhaft macht, daß er von Zeit zu Zeit durch alle Deckslautsprecher das Lied jagt: Ja, das ist mein Sonntagsvergnügen!
9. Oktober 1939 In See
Wir kreuzen vor Öland, um zu sehen, was sich hier unter Land oder hinter der Insel versteckt hält, aber wieder ist alle Mühe vergeblich. Vielleicht hat es sich doch schon herumgesprochen, daß die 13. Vorpostenflottille auf Seeräuberpfaden wandelt. Von unseren Nachbarbooten hören wir allerdings, daß sie ein britisches und ein dänisches Schiff gestellt haben. Das Wetter ist weiterhin häßlich. Der NW versteift sich auf 7 bis 8. Wir drehen deshalb bei und treten den Rückmarsch an. 2200 Uhr: Bornholm wird passiert. Morgen früh wollen wir wieder in Swinemünde sein.
10. Oktober 1939 In See - Swinemünde
Unser erster Seetörn ist beendet. 9.15 Uhr haben wir im Osternothafen festgemacht. Gott sei Dank, möchte man sagen; denn drei Tage und drei Nächte Ostseegeschaukel genügen für den Anfang. Nun zur Bilanz: Von unseren Booten wurden insgesamt fünf Prisen eingebracht. Wir waren also bei weitem nicht so erfolgreich wie die anderen drei Boote unserer Flottille, die vor acht Tagen die Ostsee abkämmten und mit zwölf Schiffen heimkehrten. Was nun uns selbst betrifft, so haben wir unser erstes Unternehmen relativ gut überstanden. Zwei Kameraden mußten wir allerdings ins Lazarett einliefern. Bei dem einen hatten sich infolge des Seeganges schwere Magenkrämpfe eingestellt und der andere hatte sich bei dem Geschaukel mit heißem Wasser verbrüht. Es ist also so, daß man es nicht nur mit dem feindlichen Gegner zu tun hat, sondern auch mit einer feindlichen See. Das ist eine Erkenntnis, die vielen von uns noch gar nicht zum Bewußtsein gekommen ist.
moin,
Informationen "aus erster Hand" - top top top und danke :MG:
ein Gedanke aus eigener Erfahrung: nicht für alle Einträge ein neues Thema anlegen, es kann ein (fortlaufendes) Thema sein.
Gruß, Urs
Hallo Urs,
danke für den Hinweis. Ich bin noch etwas unbeholfen im veröffentlichen. Es soll alles unter 1304 laufen? Jürgen
Ich führe die beiden Themen mal zusammen. :O/Y
Hast Du meine PN bekommen?
Hallo Jürgen deine weiteren Beiträge aus dem Tagebuch deines Vater´s sind sehr spannend einfach Spitze top top top
...das Bild "Der Deutsche" erinnert mich an meinen Vater,er ist 1936 oder 37 durch die KdF mit diesem Schiff in Italien gewesen. :MG:
Dieses Bild hing bei uns auf dem Flur..
moin, Häuptling,
Zitat von: t-geronimo am 14 August 2011, 13:25:47
Ich führe die beiden Themen mal zusammen.
... dann auch noch mit dem thread "Weserübung-Erinnerungen ... " ?
Gruß, Urs
Hallo Jürgen,
Dein Vater hat einfach unglaublich gut beschrieben wie der Alltag auf so einem Vorpostenboot war.
Auch betreffend der Technik und der Ausrüstung, wie spärlich doch die Bewaffnung zu beginn des Krieges war......sie besteht aus einer 2 cm-Flak, einem schweren MG auf der Back und einigen Handfeuerwaffen.....
Ich bin schon ganz gespannt auf den nächsten Teil...... :O/Y
:MG:
Manfred
Zitat von: Urs Hessling am 14 August 2011, 13:56:43
moin, Häuptling,
Zitat von: t-geronimo am 14 August 2011, 13:25:47
Ich führe die beiden Themen mal zusammen.
... dann auch noch mit dem thread "Weserübung-Erinnerungen ... " ?
Gruß, Urs
Ja, das wäre schön...
:MG:
Manfred
Hallo Jürgen,
auch von mir ein großes DANKESCHÖN für Deine Beiträge über VP 1304.
Dadurch werden die furchtbaren Ereignisse der Kriegszeit aus der Anonymität gerissen und erhalten ein Gesicht.
Als Hintergrunginformation über die Lage in der Ostsee im Herbst 1939 findest Du auch in einen sehr ausführlichen
Beitrag von Hans R. Bachmann in der Marinerundschau Hefte 4 bis 7 1971.
"Die deutsche Seekriegsführung in der Ostsee nach Ausschaltung der polnischen Marine im Herbst 1939"
Hier wird im 1.Teil u. a. auch auf die Tätigkeit der 13. Vorpostenflottille eingegangen.
Einen schönen Abend
Harald
Mit Genuss gelesen. VIELEN DANK FÜR DEINE MÜHEN! top
Sehr gerne mehr davon!
Gruß
Sebastian
Ja, herzlichen dank, mach rühig weiter! top
Gruss,
Maurice
Moin zusammen,
zwei Anmerkungen zu den Fotos oben:
Fischdampfer, jetzt Vp.B. zeigt Vorpostenboot V 409 (AUGUST BÖSCH = BX 246, C. C. H. Bösch) in schwerer See am 28. November 1939.
Sturm zeigt U-Jäger UJ 178 (Fischdampfer FÄRÖER = PG 517, Norddeutsche Hochseefischerei AG) im Jahre 1940.
Gruß Hans
3. November 1939 Warnemünde
Sich für den Krieg begeistern, heißt sich am Tode freuen, und das tut niemand. Anderseits aber erwartet man vom Krieg, wenn er nun schon einmal da ist, ein gewisses Fließen der Ereignisse, ein die unerträgliche Spannung lösendes Vorwärtsschreiten. Dieses beruhigende und auflösende Moment fehlt aber im Augenblick gänzlich, und mit der vorgerückten Jahreszeit schwindet immer mehr die Hoffnung auf eine schnelle und glückliche Lösung des Völker- konflikts. Trotz dieser verharrenden Tendenz erwarten wir stets voll Ungeduld den Nachrichtendienst mit dem Wehrmachtsbericht und sitzen, wie alle Tage, auch heute wieder hörbegierig vor unserem Rundfunkapparat. Zwei Handgriffe, ein Aufleuchten, ein leises Summen. Es ist so weit. ,,Deutschland-sender. Wir bringen Nachrichten. Das Oberkommando der Wehrmacht gibt bekannt": Jetzt! Wir lauschen! ,,Im Westen keine nennenswerten Kampfhand-lungen. ...Der Nachrichtendienst ist beendet. Wir bringen noch einmal die genaue Zeit... " Enttäuscht und ärgerlich hat Herbert ausgeschaltet. ,,Mist ist das?" schimpft er. ,,Warum geht es denn nun nicht weiter? Worauf wartet man eigentlich noch? Wenn sie nicht wissen, was sie mit uns anfangen sollen, dann mögen sie uns nach Hause schicken. Ich gehe lieber heute als morgen!"
,,Krieg in der Schwebe" war ein Artikel überschrieben, den ich gestern in der Marinefrontzeitung las.
6. November 1939 Warnemünde
Zwei Tage steht meine Wäsche nun schon im Eimer. Jetzt ist sie gut eingeweicht. Ich gieße das Wasser, das unterdessen kaffeebraun geworden ist, ab und fülle frisches zu. Dann leite ich Heißdampf hindurch. In zwei Minuten kocht meine Wäsche. Eine Zigarettenlänge laß´ ich sie wallen. Lustig flattert meine Wäsche nun auf der Leine hinter dem Schornstein im Winde. Schnell trocknet sie. Leinen soll nach jeder Wäsche weißer werden. Meine Wäsche weist allerdings noch andere Farbnuancen auf. Marine-Weiß nennt man hierzulande diesen Farbton.
Werftliegezeit
21. November 1939 Stettin
,,Nanu, gibt es noch immer kein Geld? Heute ist doch schon der 21.und gestern war bereits Zahltag. Hast du schon Wehrsold bekommen?" So fragt ent- rüstet einer den anderen, aber jeder verneint. Wo ist der leitende Maschinist, unser Zahlmeister? Wer sucht, findet. ,,Ja, Geld gibt es schon", verteidigt er sich, ich brauche es ja selber, aber das muß erst in der Stadt geholt werden." – ,,Na, dann mal los!" - ,,Leicht gesagt. Habt ihr 20 Pfennige für die Straßenbahn?" - ,,Wir? Jetzt am 21.? Welche Zumutung! Wer hat hier im Hafen und noch dazu in Stettin noch Geld? An Land gewesen, Mollen getrunken, Mädel kennen gelernt, " so spricht man durcheinander. Wo soll da noch Geld herkommen! Und wer noch etwas hatte, hat längst seinem Kameraden aus- geholfen. 20 Pfennige, ungeheure Summe! ,,Hier sind 5 Pfennige. Wer hat noch etwas?" - ,,Hier ein Sechser!" – ,,Ich habe nichts mehr." - ,,Ich auch nicht." – ,,Hier noch 4 Pfennige." - ,,Hier 3." - ,,Ich habe auch noch einen, meinen Glückspfennig. Fort damit!" - Wir zählen. 5, 10, 14, 17, 18. 18 Pfennige zum ersten! 18 Pfennige zum zweiten! Pause. 18 Pfennige zum dritten - und letzten. 18 Pfennige, es bleibt dabei. ,,Ich kann doch nicht gut den Schaffner anborgen", meint der Leitende, ,,muß ich's halt dem Alten melden." Es ist 12 Uhr. Der Leitende kommt zurück und berichtet: ,,Die 20 Pfennige sind voll, aber bis um 13 Uhr komme ich nicht mehr bis in die Stadt zur Kasse. Nein, es wäre schade um das Fahrgeld. Ich gehe morgen, ja, gleich früh." Also ist heute noch einmal Fasttag!
23. November 1939 Stettin
Otto Seiler ist wirklich Kamerad. Das muß man ihm lassen. Heute kam er nicht nur mit seiner Braut, nein, gleich vier brachte er angeschleppt. Zwei hatte er steuerbords, zwei backbords untergehakt. Wir haben den weiblichen Geleitzug in unserem Deck verstaut, und Otto hat das Wort des Evangelisten wahr werden lassen: ,,Wer zween Röcke hat, der gebe dem einen, der keinen hat." So feiern wir denn Abschied von Stettin; denn unsere Werftliegezeit geht zu Ende. Wer weiß, was die nächsten Tage bringen.
27. November 1939 Dresden
Urlaub. Nachmittags besuchte ich die Kollegen Schule, anschließend ins Rathaus meine Lebensmittelkarten holen und auf der Girokasse das nötige Kleingeld besorgen. Wohin man aber auch kommt, stets begegnet man denselben Fragen. ,,Wann geht denn der Krieg nun eigentlich los? Wann fahren sie nach England hinüber? Wie viel Schiffe haben sie denn schon versenkt?" Schiffe! Das ist die Mehrzahl! Wie viel also? Wie sich die Leute das vorstellen. Sie denken, man fährt hinaus, und dann kommen die feindlichen Schiffe und rufen schon von weitem: ,,Hallo! Ahoi! Hier sind wir! Wollt ihr uns nicht versenken? Vorbereitet ist schon alles." - Daß zu diesem Zwecke erst so und soviel Einheiten Tage und Nächte lang ununterbrochen auf Lauer liegen müssen, bevor man überhaupt eine Rauchfahne sieht, das wollen sie nicht begreifen. Das ist ja auch viel zu uninteressant. Daß der gesichtete Dampfer dann außerdem als harmloser Neutraler oder gar als Deutscher ausgemacht wird, das ist dann noch weniger hübsch. Daß das Vorhandensein dieser wenigen Seestreitkräfte schon genügt und das völlige Veröden der Schiffahrtsstraßen zur Folge hat, das können sie auch nicht einsehen. Wir fahren, und das bedingt, daß die anderen, z. Z. wenigstens, nicht fahren. Größer kann der Erfolg gar nicht sein. Andere wieder machen ihre mehr oder weniger angebrachten Witze. Nun bin ich kein Spaßverderber, aber es gibt Späße, die weh tun. So erzählte mir der Kassierer auf der Girokasse, daß die Urlauber von der Westfront alle die Finger der rechten Hand verbunden hätten und auf meine verwunderte Frage erklärte er mir, daß sie sich diese Verwundung durch allzu viel Skatspielen zugezogen hätten. Versteht man denn in der Heimat nicht, daß der Soldat auch dann große Opfer bringt, wenn der Heeresbericht keine nennenswerten Kampfhandlungen meldet, daß die Opfer bereits in dem Augenblick beginnen, wenn er den Seinen die Hand zum Abschied reicht und daß sie sich täglich und stündlich erneuern. Schließlich kann man bei diesen Leuten nicht alles mit geisti¬ger Armut entschuldigen.
Position Trelleborg
4. Dezember 1939 Swinemünde - In See
1800 Uhr. Stockdunkel ist es. Wir laufen aus, Richtung Sund. Unsere Aufgabe besteht in der Bewachung der Sundsperre und in der Kontrolle der neu- tralen Schiffahrt. Das ist ein heik¬les Unterfangen und weckt wenig Begeisterung; denn manches Boot hat dort im eigenen Minenfeld schon ein jähes Ende gefunden. Die See ist ruhig. Die Boote formieren sich zur Kiellinie und rauschen davon. Es ist 2 Uhr. Ich muß auf Wache. Vorsichtig taste ich mich im Dunkeln über das Vorschiff und klettere zur Brücke hinauf. Die See ist ruhig. Auf Backbordseite flackert ein Leuchtfeuer auf. Wir passieren Arkona. An Funksprüchen ist nichts eingegangen, aber jetzt scheint der Be¬trieb einzusetzen. Ich schreibe mit. Nun geht es ans Entschlüsseln. ,,Vp.Boot eins eins null vier", entziffere ich, ,,nach Explosion an der Sundsperre gesunken." Das ist der erste Funkspruch auf dieser Fahrt. Mich friert und dann wird mir ganz übel. 1104, und mit allen Kameraden, die brauchen wir nun nicht mehr abzulösen. Ein ,,schönes" Omen.
5. Dezember 1939 In See
Wir stehen auf Position. Vor uns ist die Sperre, querab Trelleborg. Die Schwimmwesten werden angelegt und genaue optische Peilungen vorgenommen. Dann fahren wir einmal an der Sperre entlang und werfen leuchtende Markierungsbojen, die uns besonders nachts bei der gefährlichen Nachbarschaft ein sicheres Navigieren ermöglichen sollen. Damit haben wir vorerst alles getan, was wir für unsere Sicherheit unternehmen können. Alles Weitere wird sich finden. Langsam sinkt darüber die Dämmerung herein. Drüben in Trelleborg; flammen die Lichter auf, ein schönes, lang entbehrtes Bild. Dort ist also noch Frieden und wenige Seemeilen davon entfernt, beginnt bereits der Krieg. Es regnet, leise und lau. Wir stehen auf und ab, bald hier, bald dort, die Augen am Glas, die Hände am Peiler.
Unsere Aufgebe hier im Sund besteht in der Überwachung der großen Minensperre, die den Zugang zur Ostsee abriegelt. Sämtliche Boote der Flottille sind zu diesem Zwecke eingesetzt und jedem einzelnen ist eine bestimmte, festgelegte Teilstrecke zur Überwachung zugewiesen. Wir halten den östlichsten Streifen besetzt. Er beginnt im Osten an der schwedischen Dreimeilenzone (sm) in der Höhe von Trelleborg. Etwa in der Mitte der Minensperre befindet sich die Sperrlücke. Sie ist durch den hier vor Anker liegenden Sperrlotsendampfer gekennzeichnet. Schiffe, die den Sund passieren wollen, steuern ihn an und werden dann sicher durch die Minenfelder gelotst. Dies zur allgemeinen Orientierung.
Langsam und vorsichtig pendeln wir Tag für Tag und Nacht für Nacht unsere Position ab. Durch ständige Peilung und genaueste Orientierung nach unseren Markierungsbojen bemü-hen wir uns, den Kurs auf den Zentimeter genau einzuhalten. Trotzdem besteht die ständige Gefahr, namentlich bei Nacht oder Nebel, oder aber infolge von Stromversetzungen in die eigene Sperre zu geraten, wir wären nicht die ersten. Auch mit verschleppten oder vom Sturm losgerissenen Minen muß immer gerechnet werden. Da die deutschen Funkfeuer seit Kriegsbeginn schweigen, sind wir gänzlich auf die neutralen Peilsender angewiesen. Zum Glück empfangen wir das schwedische Peildreieck Trelleborg - Falsterborev - Drogden gut. Auch die dänischen Stationen Stevens und Mittelgrund leisten oft gute Dienste. Auf den Grad genau pirsche ich mich an das Peilminimum heran und rufe dann die ermittelten Werte ins Kartenhaus, wo aus Kompaßstand, Mißweisung und Funkbeschickungskurve die Position gewonnen wird. Es muß genauestens durchgeführt werden; denn die Verantwortung ist groß und das Fahren am Rand der Sperre erfordert nun einmal navigatorische Millimeterarbeit.
9. Dezember 1939 In See
Den ganzen Tag über jagt ein Funkspruch den anderen. Der Spatz ist wieder einmal draußen, und das muß er nun jedem groß und breit erzählen. Spatz, so nennen wir ihn, weil er uns immer durch seine Redseligkeit auf die Nerven fällt. Früher hieß er ,,Rugard" und war ein stiller und bescheidener Rügen-dampfer. Jetzt aber hat er einen Stab an Bord und gibt nun eine Stange an. Zum Glück räkelt er sich die meiste Zeit an der Pier. Ist er aber wirklich ein- mal unterwegs, dann weiß er nicht, wie er tun soll und schwatzt in einem fort. Unsere Antenne ist schon ganz heiß.
11.Dezember 1939 In See
Wir kreuzen vor Trelleborg und zählen die Dampfer, die sich dort zum Auslaufen fertig machen. 24 Schiffe sind es. Teilweise können wir mit dem Glas sogar ihre Namen lesen. Sie sammeln sich dicht unter Land in der Dreimeilenzone wie zu einem Konvoi und werden sich wahrscheinlich in der Nacht still und heimlich unter Land davonmachen. Das einzige Schiff, das die Hoheitsgewässer verläßt und unsere Position kreuzt, ist das Fährschiff nach Saßnitz. Sonst aber läßt sich niemand sehen und noch weniger fassen. So wird es wieder Abend. Die See beruhigt sich etwas, und die Wewa bestätigt es. Südost 6, abflauend.
12. Dezember 1939 In See
Die See, und das ist morgens immer unser erster Blick, hat sich vollends beruhigt. Langsam und bedächtig pendeln wir im Zeitlupentempo wieder auf unserem Überwachungsstreifen hin und her. Gegen 10 Uhr kommt unsere Ablösung. Wir können abdampfen. Das lassen wir uns nicht zweimal sagen und rauschen davon. Um 12 Uhr treffen wir uns mit den anderen Booten der Flottille. Dann geht es mit rascher Marschfahrt heimwärts. Wir freuen uns nach dem anstrengenden Seetörn auf ein paar ruhige Tage im Hafen. Unser Kommandant zieht sich, nachdem er in den letzten Tagen kaum die Brücke verlas- sen hat, in seine Kammer zurück und klemmt sich hinter das Kriegstagebuch. Obersteuermann Jakob Visser klettert auf das Peildeck und übernimmt die Wache. Da wir in Kiellinie fahren und noch dazu als letztes Boot, ist der Kurs gegeben. Aus dem Schornstein quillt dicker, schwarzer Qualm. Die Bugwelle schäumt auf, und man merkt, daß wir die höchste Fahrtstufe anstreben.
18. Dezember 1939 Swinemünde - In See
1910 Uhr: Wir legen ab und laufen wieder aus zur Sundüberwachung. Es ist stockdunkel. Außenbords scheuern die Eisschollen polternd an der Schiffs- wand. Seit gestern hat der Eis-gang eingesetzt. Bald haben wir das freie Fahrwasser erreicht und schleichen lautlos durch die Nacht. Die See ist schweigsam, wir auch. In der Ferne langen von der Greifswalder Oi her in regelmäßigen Abständen die Strahlenbündel des Leuchtturmes wie bleiche Finger einer Geisterhand über den Horizont.
19. Dezember 1939 In See
Wir sind am Ziel, Trelleborg ist wieder querab. Das abgelöste Vp.-Boot quirlt eilig davon. Die Kameraden wollen Weinnachten zu Hause verbringen. Nachmittags kommt ein schwedischer Zollkreuzer längseits, ein niedliches Ding. Er bringt uns Zeitungen. Es gibt also auch hier noch freundliche Leute. Er erhält dafür von uns eine Flasche Korn. So ist uns beiden geholfen. Dann geht es wieder los, das Fahren hin und her, das Stehen auf und ab.
22. Dezember 1939 In See
0200 Uhr nachts. Nach der Gewalt, mit der es mich durch den Funkraum wedelt, schätze ich auf Windstärke 8 - 9. Die Wogen fegen über die ganze Brücke hinweg, und von der Decke unserer Behausung tropft es unentwegt. Obersteuermann Jakob Visser sucht Landschutz auf. Wir gehen auf Südkurs und krebsen für den Rest der Nacht vor der Insel Möen. Hit dem Hellwerden läßt der Sturm etwas nach. Wir begeben uns deshalb wieder auf unsere Position. Da haben wir die Bescherung! Der Sturm hat Minen losgerissen. 1245 Uhr schießen wir die erste durch Gewehrfeuer ab. 1530 Uhr erledigt eine Maschinengewehrgarbe die zweite.
Gegen 17 Uhr treffen wir die ,,Freiburg", Nr. 1303. Das Boot hat auch zwei Minen abgeschossen. ,,Uranus", unser Führerboot, das drei Stunden später unseren Weg kreuzt, signalisiert: Drei Minen erledigt. Der Nordwest hat auf 5 bis 6 abgeflaut, aber dafür hat sich Nebel eingestellt.
23. Dezember 1939 In See
0030 Uhr: Das Katz-und-Maus-Spiel zwischen uns und dem Sturm scheint sich zu wiederholen. Es hat erneut aufgebrist. 0145 Uhr: Es wird immer toller. Die See gefällt sich wieder einmal in Superlativen. Die Wewa gibt Sturmwarnung NO 8/9. Der ,,Sperling", der auch unterwegs ist, quittiert sofort und meldet: ,,Suche Landschutz auf". Wir mit unserem ,,Filzlausgeschwader" bleiben natürlich noch auf Position. Es gibt eben neben der Bodenverbundenheit auch eine Seeverbundenheit und in dieser Hinsicht lassen wir uns von niemandem etwas vormachen. Also weiter mit AK den Wellenberg hinauf und auf der anderen Seite wieder herunter, tief steckt unser.Boot dabei die Nase ins Wasser. Jetzt holt es wieder ganz und gar nach backbord über, um sich im nächsten Augenblick tief nach steuerbord, zu verneigen. Gleichzeitig hüpft es auch noch auf und nieder. Wir loten vorsichtshalber, damit wir bei dem Gehopse nicht etwa auf dem Meeresboden aufstoßen. 18 m! Da wird es wohl noch gehen. Weiter im Hexentanz. Wir klammern uns irgendwo fest, damit wir in unserm Bau nicht wieder herumkollern wie Steinchen in einer Kinderklapper. Wenn jetzt Heinz Rühmann mit an Bord wäre, müßte er uns auf der Stelle das Lied ,, Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern", vorsingen. Zu zweit halten wir die Station besetzt. Der Empfänger tickt. Nun soll man auch noch aufnehmen. In einsichtsvoller Weise gibt die Landstelle die FTs langsam und exakt und manchmal zwei und dreimal. Endlich stehen wir wieder im Schatten der Insel Möen und atmen etwas auf, aber bereits um 8 Uhr wagen wir uns wieder hervor, obwohl die Wettermeldung immer noch WSW 8 vorsieht. Langsam gewöhnt man sich an die ewige Schaukelei.
24. Dezember 1939 - Heiliger Abend In See
Nun liegen wir schon die dritte Nacht hinter der Insel Möen und suchen Landschutz. Im kargen Mondlicht sieht die Insel mit ihrem steilen Profil wie eine dunkle Wetterwolke aus, die aus der See heraufsteigt. Unser Führerboot ist auch hier. Es kommt längsseits und will zwei Sack Kartoffeln haben. Mit einer Beule am Heck bezahlen wir die Gefälligkeit, aber so ist es, wenn der Flottillenchef zum Heiligen Abend durchaus Kartoffelsalat haben will und sein Smutje vergeßlich ist. Diese Angelegenheit hatte außerdem ein neckisches Vorspiel; denn da zu jedem Stelldichein auch eine vorherige Vereinbarung gehört, so sah sich der Koch von 1301 zuvor genötigt, uns sein Anliegen wissen zu lassen. Er setzte deshalb folgenden Morsespruch auf: ,,Koch am Koch - Haben Sie Kartoffeln?" und der Signalgast blinkte los: ,,K an K - Haben sie Kartoffeln?" Unser Signalgefreiter Giermann nahm den Spruch auf und sagte sich, K. an K kann wie üblich nur Kommandant an Kommandant heißen und reichte ihm den Spruch. Dieser aber war mitten in der Nacht nicht zu Spaßen auf- gelegt und ließ antworten: ,,Ich bin kein Bauer." Daraus entwickelte sich dann ein lebhafter Blinkverkehr, bis man schließlich dahinter kam, daß es sich lediglich um einen Naturalienaustausch von Koch zu Koch handelte und dem wurde dann auch stattgegeben. -Der Wetterbericht ist wieder heiter. West 8, auffrischend. Ich gehe ins Ruderhaus und gebe den Bericht durch das Sprachrohr hinauf zum Kommandanten auf dem Peildeck.
Wenn der Sturm bis heute abend nicht nachläßt, müssen wir unseren Christbaum anbinden und uns daran. Auf diese Weise ist dann vielleicht eine kleine Weihnachsfeier möglich. Hans Hellriegel, mit dem ich mich recht gut zusammengelebt habe und dessen Gedanken in derselben Richtung zu schweifen scheinen, wirft die Frage auf, ob wir uns nicht rasieren und etwas schön machen wollen. Was heißt hier schon schön. Wir sind keine Stadtsoldaten. Gestern hat mich die See beim Überdeckgehen zweimal abgebraust. Das ersetzt ein Vollbad. Also verzichten wir auf die bürgerlichen Bräuche und lassen alles beim alten. Vorläufig wäre Rasieren ja auch noch eine technische Unmöglichkeit. Unten im Wohndeck machen die Matrosen rein Schiff, einer putzt sogar den Christbaum an. Mich könnten dazu keine zehn Pferde bewegen. Um 1730 Uhr ist Abendbrot. Franz Pellin hat Kartoffeln, Bockwurst und Sauerkraut gekocht. Es schmeckt. Anschließend versammelt uns der Kommandant im großen Wohndeck und spricht ein paar Worte, schlicht und ohne Pathos. Dann bekommen wir aus der Kombüse unseren Weihnachtsteller mit Schokolade, Backwerk und Rauchwaren und vom Himmel endlich vernünftiges Wetter. Danach wird Grog aufgetragen, das internationale Getränk der Seeleute.
20 Uhr. Meine Freiwache geht zu Ende. Nun habe ich wieder Dienst bis 0200 Uhr nachts. Auf der Welle ist wenig Betrieb. Ob zu Hause wie jedes Jahr im Fenster die geschnitzten Bergmänner stehen, die mit ihren Lichtern nachts verkünden, daß hier Kinder Weihnacht feiern. Nein! Zu Hause ist ja auch verdunkelt. Das Licht ist gefesselt und die Freude auch.
25. Dezember 1939 - 1. Weihnachtsfeiertag In See
0030 Uhr treffen wir uns mit ,,Uranus", Nr. 1301 und ,,Freiburg", Nr. 1303 und gehen in einer ruhigen Ecke vor Anker. Schrill klingen das Rasseln der schweren Kette und das Rattern der Winde. Jakob Visser kommt zu mir. Wir wollen vorsichtshalber noch einmal funkpeilen. Eineinhalb Stunden dauert diesmal unser Peilen. Liegt das nun am Peiler oder am Grog? Stevens kommt klar, aber Trelleborg verheimlicht heute ganz und gar sein ,,Tr"-Morsezeichen. Nach meiner Ablösung um 3 Uhr unternehme ich einen Rundgang durchs Boot. Die Wachen sind nur halb besetzt. Auf dem Peildeck steht Alwin Kalauch. Eingehüllt in seinen dicken Wachmantel lehnt er in einer Ecke an der Persenning und schaut hinaus in die Nacht. Hell ist der Mond jetzt hervorgetreten. Auf der gleißenden und spiegelnden Fläche der See suchen seine Augen nach Minen und feindlichen U-Booten.
An Oberdeck ist niemand zu sehen. Alles ist ruhig. Nur im Wohndeck der Matrosen herrscht noch lautes Leben. Eberhard Henke, einer unserer Ruder-gänger, voll des süßen Weins, kann sich gar nicht beruhigen und lehnt es kategorisch ab, auf Wache zu ziehen. Kein begütigendes Wort verfängt, kein noch so gut gemeinter Ratschlag der Kameraden. Er fühlt sich stark. Auch der Kommandant vermag nichts auszurichten; denn auf alle seine Vorhaltungen antwortet Eberhard nur durch lautes Absingen des Schlagers: ,,Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern." Davon platzt unserm Alten schließlich der Kragen. Er läßt sich aus seiner Kammer sein Schießeisen holen. Unterdessen aber hat unser Eins WO mit einigen anderen schon den grölenden Sänger dingfest gemacht und in die SOS-Zelle (Klo) gesperrt. Sie erfüllt auch in diesem Falle eine befreiende Wirkung. Außerdem stellt man noch einen Posten vor das Schott.
Erster Feiertag. 0800 Uhr: Wir fahren wieder. Die See ist ruhig, unser Funkempfänger auch. Gegen 11 Uhr kommt Nr.1309, ,,Stemmer", und bringt Post, zwei Seesäcke waren voll. Mit dem Mittagessen, Truthahn und Spargel, hat sich unser Koch heute selbst übertroffen. Nach dem Kaffeetrinken werden Liebesgaben verteilt. Unsere Patenstadt Eisenach hat unserem Boot, das ja den Namen Eisenach trägt, 2 000 Zigaretten, 500 Zigarren, Tabak, Spiel-karten und ein schönes Bild von der Wartburg geschickt. Dann kommt uns Obersteuermann Jakob Visser besuchen. Er beschreibt mit der Hand einen Bogen und sagt: ,,Wir gehen hier herum und dann vor Anker. Es regnet, und aufgebrist hat es auch schon wieder. Da werden wir nicht hier mitten im Wasser stehen bleiben." Von unseren Obersteuerleuten ist mir der aIte Visser der liebste. Er hat so eine ruhige, natürliche und auch so völlig unmilitär- ische Art und ist von der Stammbesatzung mit übernommen worden. Zwar peilt er nach alter Seemannsart gern über den Daumen, aber da seine Navi- gation trotzdem stimmt, und er von jeder Rauchwolke am Horizont schon sagen kann, wie viel Tonnen da den Berg heraufkommen, so geht alles in Ordnung, und so muß es wohl auch sein. 1900 Uhr: Der Anker rasselt in die Tiefe.
26. Dezember 1939 - 2. Weihnachtsfeiertag - In See
0730 Uhr seeklar. Wir hieven den Anker. Laut rumpelt die schwere Kette über Deck. Von den beiden Nachbarbooten erschallt dasselbe Gerassel. Es ist noch dämmrig und leichter Schneefall hat eingesetzt. So kommt es, daß uns unser Nebenmann ,,Freiburg" zu nahe kommt und uns einen argen Rippenstoß versetzt, aber dafür verläuft der Tag dann umso ruhiger. Aus dem Schnee wird Regen und trübes Wetter. Wir pendeln hin und wieder her. Um 16 Uhr bricht bereits die Nacht herein und bald geht auch der zweite Feiertag zu Ende.
27. Dezember 1939 In See
Unser Christbaum verliert schon recht die Nadeln. Auch für die Kameraden hat der Baum seinen Zauber verloren. Sie füllen ein klei¬nes Fläschchen, daß in besseren Tagen Rum enthielt, mit Bier und hängen es in die Zweige. Wir wollen sehen, ob jemand darauf hereinfällt.
Auf Wache ist heute wieder Betrieb. Dann gibt es noch eine U-Bootsmeldung. Ein Vorpostenboot funkt: ,,Feindliches U-Boot im Quadrat RT. Habe acht Wasserbomben geworfen." Dieser FT ist wichtig. Ich gehe sofort ins Kartenhaus nebenan. ,,Jakob, hallo! Feindliches U-Boot im Quadrat RT. Ist das in unserer Nähe?" Jakob Visser meldet es dem Kommandanten, der auf der Pritsche im Kartenhaus einige Minuten der Ruhe pflegt. Er wühlt in den Karten und hat endlich die richtige. Hier muß es sein. Also Quadrat RT. R hier und T da. Genau Lüneburger Heide. Allgemeines Hallo. Sogar der Kommandant lächelt. Rarität! Dann will man auch noch wissen, wie man dort Wasserbomben wirft.
Mit rotem Kopf und in meiner Funkerehre verletzt, ziehe ich mich in meine Höhle zurück. Haben mich die Feiertage so mitgenommen? Mein Ansehen als Funker steht auf dem Spiel. Eine Stunde schleicht dahin. Dann tickt der Empfänger wieder. ,,Standort unmöglich", melden die U-Jäger. Kurz darauf folgt die berichtigte Standortangabe. Jetzt bin ich rehabilitiert und kann wieder hervortreten. Der Kommandant und Jakob Visser ziehen ihr Lächeln zurück.
28. Dezember 1939 In See
Im Morgengrauen kreuzt ein Kutter unsere Bahn. Wir halten ihn an, lassen ihn aber bald als unverdächtig wieder ziehen. Die See ist unruhig geworden. Schon beim Frühstück rollt das Brot über die Back, hüpft der Kaffee aus den Tassen, laufen schwarze Pfützen hin und her. Wir schlagen die Schlinger-eisten hoch, damit uns nichts an Deck rollt. Gegen 11 Uhr erscheint unsere Ablösung. Wir erstatten Bericht, weisen sie ein und steuern dann den Sperr-lotsendampfer an, wo wir uns mit den anderen Booten der Flottille zum gemeinsamen Heimmarsch treffen wollen. Endlich ist es so weit. Ein schönes Ge- fühl, und unser Boot fühlt es auch. AK läuft es und zittert förmlich vor Freude und Aufregung. Zeitig wird es Nacht. Urlaub. Morgen um diese Zeit wollen wir schon zu Hause sein. Brav stampft unser Boot Meile um Meile. Der Mond verbreitet wieder sein fahles Dämmerlicht, und wie dunkle Schatten schieben sich unsere Boote durch die bewegte See. Apathisch torkeln darüber die Positionslaternen in den Masten. Es geht heimwärts!
29. Dezember 1939 Stettin - Dresden
0600 Uhr: Es ist noch stockdunkel. Knarrend und scharrend schieben sich die Boote der Flottille das letzte Stück durchs Haffeis nach Stettin. Es ist ein klarer, eiskalter Wintermorgen. Alles andere geht dann sehr schnell. Wir erreichen noch den D-Zug um 10 Uhr und sind 1230 Uhr bereits in Berlin. Hier gebe ich noch ein Telegramm auf. 1327 Uhr geht die Fahrt weiter und um 17 Uhr bin ich zu Hause.
Zitat von: Seekrieg am 17 August 2011, 14:18:46
5. Dezember 1939 In See
Trotzdem besteht die ständige Gefahr, namentlich bei Nacht oder Nebel, oder aber infolge von Stromversetzungen in die eigene Sperre zu geraten, wir wären nicht die ersten.
dazu der Chronik-Text
21.10.– 4.12.1939
Ostsee
Auf den im Belt und Sund ausgelegten dt. und dän. Defensiv-Minensperren gehen die dt. Vorpostenboote V 701 (21.10.), V 301 (25.11.) und der U-Jäger UJ 117 (4.12.) verloren
Gruß, Urs
moin, Häuptling,
Zitat von: Urs Hessling am 14 August 2011, 13:56:43
Zitat von: t-geronimo am 14 August 2011, 13:25:47
Ich führe die beiden Themen mal zusammen.
... dann auch noch mit dem thread "Weserübung-Erinnerungen ... " ?
warum nicht, evt. dann, wenn komplett, im HMA unter "Erlebnisberichte" ?
Gruß, Urs
Das Angebot hatte ich schon unterbreitet, aber darauf wurde nicht eingegangen, und ohne Einwilligung mache ich das nicht.
Mit Weserübung habe ich es nicht zusammengeführt, weil das ja thematisch doch zwei verschiedene Ereignisse sind.
30. Dezember 1939 Dresden
Schön ist es, wenn man wieder einmal mit Frau und den Kindern gemeinsam am Kaffeetisch sitzen kann. Die Fensterscheiben sind gefroren. Draußen ist es sehr kalt,– 15° C, aber das erhöht nur die familiäre Traulichkeit. Den Nachrichtendienst um 22 Uhr wollen wir aber noch anhören. Er meldet: ,,Ein deutsches Vorpostenboot strandete infolge Sturmes in der Höhe von Trelleborg. Die Besatzung wurde gerettet." Eiskalt durchzuckt es mich. Das ist unsere Ablösung! Gestürmt hat es dort auch immer. Sie werden Landschutz aufgesucht haben, und dabei wird es passiert sein. Mutti ist nicht weniger erschrocken, und ich muß lange reden, bis ich sie beruhigt habe. Trotz aller Seelenmassage bleibt ein dunkler Schatten zurück. -
1. Januar 1940 Dresden
Am liebsten möchte man sich den ganzen Tag nur mit den Kindern beschäftigen. Nach den Nachrichten hat Günter Fragen: ,,Sind Minen eigentlich feindlich?" will er wissen. Dann soll ich ihm auf dem Atlas noch zeigen, wie das große Schiff, die ,,Bremen", gefahren ist, daß sie die Engländer nicht gefunden haben.
5. Januar 1940 Dresden
,,Morgen muß der Vati fort. Dann sind wir wieder so allein." Unvermittelt spricht Günter das aus, was im Stillen schon wieder alle bewegt, und dann weint er. ,,Die könnten dich auch noch einen Tag länger bei uns lassen, oder könnte nicht wieder ein Ventil kaputt sein?" fährt er fort, jede eventuelle Möglichkeit überdenkend.
7. Januar 1940 Stettin - In See
0900 Uhr: ,,Leines los! Ruder hart steuerbord! Maschine ganz langsam anlaufen lassen!"
Von der Pier freizukommen, wird nicht leicht sein. Der anhaltende strenge Frost hat eine feste Eisdecke über den Strom gespannt. Soweit auch das Auge stromauf und -ab schaut, nirgends entdeckt es ein Fleckchen offenes Wasser, und an den Ufern geht das Eis unmerklich ins Weiß der winterlichen Landschaft über. Alle Grenzen und Konturen sind verwischt.
Schier ausgestorben ist in diesem Morgenstunden das Leben im Hafen. Sogar die Möwen mit ihrem ewig hungrigen Gekrächze fehlen. Es ist ein Gemälde von grauen Silhouetten auf mattweißem Grunde. Der leichte Dunst eines eiskalten Nebels liegt darüber und stellt viel zu hohe Anforderungen an das Vermögen einer schwachen Januarsonne.
Und nun soll Leben in diese winterliche Stille kommen, in dieses Schweigen auf dem Strom. Die Maschine läuft an. Krachend bersten unter dem schweren Bug die dicken Eisschollen. Senkrecht richten sie sich auf und versuchen das Boot zurückzuhalten. Allein, 780 PS vermögen auch etwas. Schließlich eilt noch ein kleiner Werftschlepper herbei, faßt unser Boot am Hinterteil und zerrt es vollends in die Fahrrinne. Das ist ein schmaler Streifen in der Mitte des Stromes, wo das Eis infolge des Schiffsverkehrs brüchig und aufgelockert ist. Es sieht aus, als habe ein braver Bauer mit seinem Pfluge in einer Breite von drei bis vier Furchen das Eis umgebrochen. In diesen aufgelockerten Eisstreifen zwängt sich nun unser Boot und schiebt sich langsam oderabwärts.
Es geht recht mühsam, und mit einem steten Schürfen und Scharren, Kratzen und Poltern. Unter Deck hört sich das Rumoren an wie das stete Kreisen des Mahlwerkes in einer alten Mühle. Trotz allem, wir fahren.
Am linken Flußufer treten jetzt Fabriken und Werftanlagen bis dicht an das Wasser heran. Frisch aufgeworfene Kohlenhalden erzwingen eine schlichte Schwarzweißkunst. Weiter stromab begegnen wir Fischern. In dicke Mäntel gehüllt stehen sie mitten auf dem vereisten Strom, schlagen Löcher in die starke Eisdecke und fordern vom Fluß ihren Tribut. Bald aber schaut das Auge nur noch Schnee und Eis. Breiter und weiter dehnen sich die Flächen. Wir fahren durchs Haff, holpernd und polternd. Verloren und starr hängen in regelmäßigen Abständen als Markierungszeichen schwarze Bojen im Eis. Wie vereinzelte Kommas auf einem Bogen weißen Schreibpapiers nehmen sie sich aus und scheinen zu kurzem Verweilen aufzufordern. Wir tun ihnen den Gefallen, müssen es wohl auch; denn die Zuleitungsrohre für das Kühlwasser sind zugefroren. Maschine und Kondensator laufen heiß. Nach kurzer Pause nehmen wir einen neuen Anlauf. Es geht weiter. Langsam nähert sich unsere Flottille Swinemünde. Hier nimmt uns endlich freies Fahrwasser auf.
Der Abend ist hereingebrochen. Letzte Vorbereitungen werden getroffen. 2045 Uhr laufen wir aus. Ich schalte die FT.-Station ein und Iasse zur Unterhaltung den Rundfunkapparat spielen. Leise klingt eine bekannte Melodie auf: Schön war die Zeit, da ich dich so geliebt. Bescheiden tritt mein FT-Empfänger zurück und verharrt im andächtigen Schweigen. Nur der Kopplungston singt und schwingt leise als Kontrapunkt im schweren Liede mit. Schön war die Zeit. -
8. Januar 1940 In See
Die erste Fahrt im neuen Jahr scheint sich für mich recht schwierig zu gestalten. Schwierig insofern, als mein Kamerad Hans Hellriegel nicht rechtzeitig vom Urlaub zurückgekehrt ist. Gegen Mittag sind wir auf Position und übernehmen unseren Abschnitt. Die See ist ruhig, trotzdem ist unser Boot infolge überkommender Böen völlig vereist. Besonders stark ist die Eisschicht auf den Wabos. Das ist schlimm; denn wenn uns jetzt ein feindliches U-Boot begegnet, könnten wir nichts unternehmen und müssen mit dem Bekämpfen bis zum Frühjahr warten. Dicht unter Land machen wir das Wrack des am 30. Dezember gestrandeten Vorpostenbootes aus. Es liegt horizontal mit starker Schlagseite nach Land und schaut mehr aus dem Wasser heraus als wir. Wir stellen die Lage auf der Seekarte fest. Kullagrund heißt die Untiefe. Sie setzt mit zehn Metern ein und zeigt an der Stelle des Wracks drei Meter.
Es geht auf 21 Uhr. Ich bin recht müde. Für heute Nacht, wenn der Funkverkehr ruhiger geworden ist, werde ich meinen FT-Neuling einmal versuchsweise an die Brust des Empfängers legen. Es ging nicht. Um 2400 Uhr schrieb ich mich von Wache. 0040 Uhr bin ich wieder aufgezogen. Mein neuer Kamerad kam allein nicht klar. Es geht, solange wie es geht!
9. Januar 1940 In See
Wir pendeln unsere Position ab, schön langsam hin und her und her und hin. Jetzt haben wir Kurs Nordwest. Dann wenden wir. Rückwärts geht die Fahrt mit umgekehrtem Kurs. Trotzdem darf man sich einen solchen Seetörn nicht langweilig und eintönig vorstellen. Irgendetwas geschieht immer, und ist es nicht an Bord, dann im Äther. Zunächst gibt der eingehende Wetterbericht Anlaß zu allerhand Beobachtungen und Besprechungen. Dann wieder schreit ein vor Anker liegendes Sperrfahrzeug: ,,Schickt mir einen neuen Anker! Meiner ist samt Kette bei einer Minenexplosion plötzlich verschwunden." Anschließend mischt sich ein Vp.-Boot ins Gespräch und meldet Wetter und Eislage im Sund. Zwei Stunden später jagt wieder ein dicker FT durch den Kopfhörer. Ausgewickelt entpuppt er sich als eine dicke Zigarre vom BSO. Man kann nämlich auch funktelegraphisch seinen allerhöchsten Unwillen zum Ausdruck bringen, und das ist noch fataler. Alle Welt hört mit, und viele sind es, die sich daran ergötzen. Man lebt so gern vom anderen. Interessant sind auch die Nachrichten, die den Verkehr auf den einzelnen Schiffahrtswegen betreffen oder die Ausbeute des Kaperkrieges melden. Manchmal muß man auch die Seekarte zur Hand nehmen und die Untergangs-stelle eines Schiffes einzeichnen, wenn sein Wrack in flachem Wasser liegt und ein Schif-fahrtshindernis bildet.
So bringt jede Wache ihre Neuigkeiten und wenn man dann zum Mittagessen ins Deck hinuntersteigt, dann erfährt man von den Kameraden, was sich unterdessen an Bord zugetragen hat. So ist z. B. unser Pirunje wieder einmal ohne Wasser im Kessel gefahren und hätte damit dem kleinen Maschinen-obermaat, - ,,Schleichender Igel" nennen ihn die Kameraden, beinahe zu einem Ohnmachtsanfall verholfen. Man erfährt ferner, daß der Kommandant Briefe schreibt und daß infolgedessen mit der Ankunft eines Postbootes zu rechnen ist. Die Signäler vom Peildeck erzählen, daß es lausig kalt ist, daß heute morgen an die dreißig Dampfer in den Hoheitsgewässern von Trelleborg lagen, und ich gebe, soweit es angängig ist, meine ,,FTs. am Mittag" zum Besten.
Heute abend kam ,,Uranus" längsseits. Wir machten aneinander fest und gingen vor Anker. Bald trat auf den Booten Stille ein. Es braucht sie ein jeder. Nur die Boote selbst wollen sich nicht beruhigen. Trotz der stillen See wiegen sie auf und ab und puffen sich gegenseitig in ihre rostigen Flanken. Ängstlich klagen die Fender. Laut stöhnen die starken Taue.
10. Januar 1940 In See
Der Tag endet mit Wache, mit Wache beginnt der neue. Eben knirscht leise und taktmäßig ein kleiner 10-Watt-Sender durch die Nacht. Mit gewichtigem Baß mischt sich eine 200-Watt-Station dazwischen. Kräftig schlägt sie durch. Sie will den Kleinen durchaus zum Schweigen bringen, aber dieser gibt unbeirrt seine Zeichen weiter, so sehr auch der große dazwischenbellen mag. Kleine Leute haben auch ihren Stolz. Jetzt setzt sich noch ein Dritter auf die Welle und quakt dazwischen. Es ist wie in einem Dorf, wenn die nächtliche Stille plötzlich unterbrochen wird durch das heisere Gekläff eines Hundes. Im nächsten Augenblick sind alle anderen auch wach und lassen über die Gehöfte hinweg von einer Ecke zur anderen ihr Gebell hören, und keiner will sich vom anderen etwas sagen lassen. Nun müßte ich mich auch noch an die Taste hängen und ein paar Viktors zum Besten geben, aber ich hoffe, daß sie auch ohne mich klarkommen.
Gegen Morgen meldet sich unser Kamerad ,,Wuppertal", Vorpostenboot 1305. Er steckt im Eis fest. ,,Weiterfahrt nicht möglich", heißt es im Funkspruch. ,,Standort Greifswalder Oi, 6 sm ab." Das tut uns in der Seele leid, ,,Wupp" soll doch unsere Post mitbringen, und ich persönlich hoffe, daß auch Hans mitkommt. Ich kann doch nicht alle Wachen allein gehen.
Seit gestern abend drückt sich die Schreibmaschine vom Chef in unserem Funkraum herum. Was soll sie hier? Sie verlockt ja gerade zum Schreiben. Der Kommandant ist frühstücken gegangen. Gleich wird er wohl nicht wiederkommen und notfalls muß mich Obersteuermann Visser wahrschauen. Also her damit, ein Brief muß werden, und gleich drei Durchschläge.
,,In See, den 10.1.40. Meine Lieben! Da möglicherweise Postverbindung besteht, will ich schnell ein paar Zeilen schreiben und Euch berichten, wie es mir geht, usw." In einer halben Stunde sind zwei Schreibmaschinenseiten fertig. Name darunter und nun fehlt nur noch das Postboot. Die drei Durchschläge verteile ich an Kameraden. Ich habe den Brief so allgemein abgefaßt, daß er für alle und an alle paßt. Dankbar werden die Durchschläge abgenommen. Zehn hätte ich davon haben sollen, so stark ist die Nachfrage. ,,Wenn schreibst du wieder?" - ,,Morgen." - ,,Dann bekomme ich einen Durchschlag." - Ja." - ,,Bestimmt?" - ,,Jawohl, ganz bestimmt!"
Eben wird unser Ruderboot klargemacht. Acht Mann steigen ein, Schwimmwesten um, und dann pullen sie los, Kurs auf das gestrandete Vorpostenboot. Sie wollen einmal sehen, wie es dort aussieht. Aufmerksam beobachten wir Zurückgebliebenen sie durch die Gläser. Unterdessen meldet sich ,,Wuppertal" noch einmal. ,,Standort Quadrat Max Toni. Bei Höchstfahrt 3 sm über Grund. Freies Fahrwasser aus Vormasthöhe nicht erkennbar." - Pech!
Auf der Brücke beobachtet man weiterhin angestrengt unsere Kameraden auf dem Wrack. Zwei Stunden sind darüber schon vergangen, aber jetzt schicken sie sich zur Rückfahrt an und legen ab. Taktmäßig schlagen die schweren Riemen ins Wasser. Da schraubt sich ein kleiner, schwedischer Küstenkreuzer schnell heran. Was will er? Schon ist er am Boot. Der Schwede geht noch dichter heran. Jetzt nimmt er wieder Fahrt auf. Weiß steht die Bugwelle vor seiner grauen Schnauze. Er hat unser Ruderboot in Schlepp genommen und steuert auf uns zu. Anständig ist das und geht schneller als Rudern. In wenigen Minuten sind sie längsseits. Wir helfen unseren Kameraden über die vereiste Bordwand heraufklettern. Der schwere Walter Grabs rutscht uns natürlich ab und plumpst in den Bach. Schnell hieven wir ihn hoch. Das Wasser ist eisig. Naß geworden ist er aber dadurch nicht. Er war es schon, wie alle anderen auch. Bei der flotten Fahrt sind sie alle durch das überkommende Wasser eingeweicht worden. Jetzt schiebt sich auch der schwedische Kreuzer heran und macht fest. Gehört unser Boot schon zu den Zwergen, so ist dieser ,,Kreuzer" noch viel kleiner, nur halb so groß wie wir, aber schmal und schnittig gebaut und fast ohne Aufbauten. Wie ein Spielzeug sieht er aus. Trotzdem möchte ich nicht in dieser Blechschachtel zur See fahren. Er ist sicher auch nur für die ruhigen und flachen Küstengewässer berechnet.
Der Kapitän ist zu uns herübergeklettert und leert mit dem Kommandanten eine Flasche Bier. ,,Nach einem deutschen Hellen habe ich schon lange ge- lechzt", erklärt er. Den schwedischen Matrosen reichen wir eine Kanne Grog hinüber. Sie wird dankbar in Empfang ge-nommen. Das sind die anständigen Schweden. Es gibt aber auch noch andere. So fällt uns besonders der schwedische Hubschrauber auf die Nerven, der öfters unsere Position anfliegt. Manchmal glaubt er auch, er muß uns Vorschriften machen und gibt durch Zeichen zu verstehen, daß wir zu nahe an der schwedischen Küste ständen. Da wir uns aber streng außerhalb der Hoheitsgewässer bewegen, beantworten wir sein Winken nur mit einem energischen Kopfschütteln. Manchmal stellt er sich mit seiner Luftschaukel auch direkt über unser Boot, als wolle er nachsehen, was es bei uns zum Mittagessen gibt. Dann fällt es uns schwer, ihn nicht mit unserer 2 cm-Flak anzukläffen, aber schließlich gewöhnt man sich auch an lästige Gesellschaft.
Beim Abendbrot lasse ich mir vom ,,Taucher", wie unser ins Wasser gefallene Wilhelm Grabs nunmehr im Volksmunde heißt, einen Bericht vom Wrack geben. Es liegt etwa 500 m vom Strand entfernt in 4 Meter Tiefe auf Grund. Die starke Schlagseite nach Land hin läßt die Backbordseite weit über das Wasser treten und erweckt von See aus den Eindruck, als läge das Boot bedeutend höher. In Wirklichkeit aber sind nur die Brücke und der FT-Raum zu betreten, und vom Oberdeck ragen nur noch die Lüfter und die Hauben der Niedergänge hervor. Alles ist über und über vereist und bildet ein trauriges Bild. Als einzige Beute brachten unsere Kameraden einen FT-Umformer mit. Alles andere war bereits abgetakelt, der Kompaß, die Funkapparate und das Geschütz. Selbst die Persenning vom Peildeck hatte schon ihre Ab¬nehmer gefunden. ,,Es tat einem in der Seele leid", erzählte Walter weiter, ,,wie das Boot so ausgeplündert und ergeben dalag, den gierigen Wellen zum Fraß freigegeben. Ich mußte dabei an meine Mutter denken. Wenn sie ein unwider-ruflich abgetragenes Jackett dem Lumpensack überantwortete, dann schnitt und trennte sie immer erst noch alles ab, was ihr einigermaßen brauchbar erschien. –
Es ist stockdunkel, als ich nach dem Abendbrot über Deck hinauf zur Brücke klettere. Man kann sich nur schrittweise und vorsichtig entlang tasten. Auf der Brücke ist reges Leben. Drei Dez steuerbord voraus hat man rote Notsignale gesehen. Jetzt steigt wieder ein roter Stern, in den nächtlichen Himmel empor, noch einer. Unser Boot geht auf Kurs und jagt mit aller Kraft dahin. Ich schalte sofort die Seenotwelle und kurbele am Empfänger. So angestrengt ich aber auch lausche, es ist nichts zu hören. Notsignale sichten wir auch keine mehr. Wir setzen einen Funkspruch ab. ,,2025 Uhr von Quadrat PT in Richtung 245° Notsignale gesichtet, laufen dahin." Das ist aber auch alles, was wir tun können. ,,Schrecklich muß jetzt der Tod in dem eisigen Wasser sein", sagt mein junger Kamerad Hans und ich hatte den gleichen Gedanken. Ertrinken ist schon schlimm, aber erfrieren und ertrinken. -
11. Januar 1940 In See
Wieviel Tage sind es denn eigentlich noch bis zum Einlaufen? Ich schätze auf etwa fünf. Wenn nur Hans bald käme, damit ich wieder einen geregelten Wachtörn gehen könnte. Tag für Tag und Nacht um Nacht allein ist wirklich zu viel. Da wird jede Stunde doppelt so lang und von der Nacht ist auch erst die Hälfte weg. 4 Uhr ist es eben. Auf der Brücke ist Wachablösung. Jakob Visser übernimmt die Brückenwache. Zackig ist seine Meldung, und das Hackenzusammenschlagen klappt wunderbar. Trotzdem weiß jeder ,,Einheimische", daß das nie echt ist, sondern daß Jakob Visser einfach mit dem Stiefelabsatz an den eisernen Kompaßfuß schlägt und dadurch dieses imitierende Geräusch und diese soldatische Fiktion erzeugt. Warum soll man nicht auch in seinen späteren Jahren die Dunkelheit einmal zu seinem Vorteil ausnützen?
Langsam, unendlich langsam kriecht der Morgen herauf. Es ist 8 Uhr vorbei, ehe es einigermaßen hell wird. Ruhig ist die See heute und fade. Ich vermisse auf See so sehr das Grün der Wiesen und Bäume. Alles ist grau, das Meer, der Himmel, das Schiff, die Sonne hinter den Wolkenfetzen und der liebe Gott auch. Das erdrückt fast.
Im Spätvormittag kommt Vorpostenboot 1305 angezottelt. Es ist also doch noch freigekommen, bringt Post mit und, was mir im Augenblick am wichtig- sten ist, auch Hans. Nun hat meine Dauerwache wenigstens ein Ende. Christlich teilen wir uns wieder in unsere FT-Sta-tion, und ich kann heute einmal zwei Arme voll Schlaf nehmen. Erst muß Hans aber noch über seinen Verbleib Rechenschaft ablegen. Er spricht von schlechten Wegverhältnissen, Zugverspätungen und Schneeverwehungen, aber er redet zu viel, um echt zu wirken. Der Franzose hat für solche Fälle sein bekanntes ,,cherchez la femme", während wir umständlich von einer Verquickung unvorhergesehener Umstände sprechen. Nun habe ich auch Zeit, nach Tisch noch ein Weilchen bei meinen Kameraden sitzen zu bleiben, nicht Iange; denn auf See hat jeder seine Funktion und seine Arbeit, und wenn wir von Wache kommen, sind wir meist so müde und abgespannt, daß wir, wie wir von unseren Stationen kommen, in die Kojen fallen und schlafen. Vier Stunden sind dazu nur Zeit, und die müssen ausgenützt werden. Ausziehen dürfen wir uns auch nicht, und wenn es erlaubt wäre, würde man es nicht tun, weil die Zeit dafür zu schade wäre.
12. Januar 1940 In See
Heute morgen hatte ich Freiwache und konnte wieder einmal meinen langentbehrten Spaziergang durchs Boot unternehmen. Auch unserem Horcher habe ich bei dieser Gelegenheit einen Besuch abgestattet. Das ist nun der jüngste Sproß unserer Kopfhörergemeinschaft. An der tiefsten Stelle im Bauch des Bootes hat er seinen Platz. Das Horchgerät (KdB) ausgefahren, den Kopfhörer auf den Ohren, sitzt er breitspurig am Peilrad. Es sieht aus, als steure er eine Limousine. Angestrengt Iauscht er dabei nach Unterwassergeräuschen. Hannes Burmeister ist es, ein Fischer von der Insel Poel und eine Seele von einem Menschen.
Ich setze mich zu ihm und lausche mit. Ein helles, klirrendes Rasseln ist zu hören, das von dem vorbeifließenden Wasser herrührt. Hin und wieder läßt sich auch das taktmäßige Mahlen einer Schiffsschraube vernehmen. Nun gilt es, dieses Geräusch einzupeilen und den genauen Standort des Schiffes zu bestimmen, das erfordert viel Übung und noch mehr Gefühl. Gilt es doch gleichzeitig herauszuhören, ob da eine Dampfmaschine oder eine Turbine im Gang ist oder ob es sich gar um das E-Motorengebrumm eines U-Bootes handelt. Hanne, so nennen wir unseren ,,Horchgucker", kann das, und man behauptet von ihn, daß er sogar ein Motorrad, das am Strand von Trelleborg entlang fährt, genau zu orten wüßte. Das geht natürlich zu weit, aber Hanne ist nun einmal eine sagenumwobene Person, und man sagt ihm noch ganz andere Dinge nach. So behauptet man z.B. von ihm und seinen Dorfleuten überhaupt, daß sie noch unentdeckt wären, auf der primitiven Stufe der Südseeinsulaner ständen und Menschen fressen würden. Das bringt dann den armen Hannes immer zur Verzweiflung und als man heute an Bord erzählte, daß die Bewohner seit Einführung der Fleischmarken wieder begonnen hätten, Missionare zu schlachten, da war er so wild geworden, daß sich den ganzen Tag über niemand mehr zu ihm hinuntertraute.
Bewegen sich all diese Angaben über Hannes Burmeister auf der Basis bisher unbestätigter Nachrichten, so sind die Gerüchte, die sich um den kleinen Matrosen ranken, durchaus verbürgt. Sie setzten ein, als sich herausstellte, daß er die Karten und Briefe, die er von zu Hause erhielt, vorgelesen be- kommen mußte, weil er sie allein nicht zu entziffern vermochte. Er zählt jetzt 18 Jahre und hat die meisten davon auf See zugebracht. Seine Heimat muß im äußersten Zipfel Ostpreußens liegen, dort etwa, wo Deutschland 1939 zu Ende ging. Genaueres läßt sich darüber nicht feststellen, da er einer präzi- sen Ortsangabe stets ausweicht, eingedenk der drei Mark, die ihm der Bürgermeister seines Heimatortes beim Abschied in weiser Voraussicht unter der Bedingung in die Hand gedrückt haben soll, daß er nie verrate, woher er sei. Zu diesem Versprechen steht er denn auch, wie ja Treue und Zuverlässigkeit besonders kleinen Leuten eigen und selbstverständlich sind.
Seine Eltern leben noch und sind fleißige Fischersleute in irgendeinem Haffwinkel. Von seinen zwei Brüdern ist der eine Pfarrer und der andere Offizier, Angaben, die nicht etwa einem dummen Geltungsbedürfnis entsprachen, sondern durch die eingehende Post bestätigt wurden. Jetzt steht er am achteren FlaGeschütz Wache, der gegebene und zuverlässigste Mann für diesen Posten.
Der Nachmittag brachte uns zunächst eine Fülle von Funksprüchen, so daß wir kaum drei Mann hoch klarkommen konnten. Die Funkspruchzettel stauten sich zu Bergen.
2030 Uhr: Eben spürten wir im Boot einen heftigen Schlag, so etwa, als wären wir mit einem anderen Boot zusammengestoßen oder ein Riese hätte mit einem großen Schmiedehammer einmal kräftig gegen die Bordwand geschlagen. Unser Ausguck meldet: ,,Weit voraus eine Minenexplosion. Wir belauschen wieder die 600 m-Seenotwelle, umsonst. Auch wir haben schon lange die Hoffnung aufgegeben, bei einem möglichen Minentreffer mit heiler Haut davon-zukommen. Bei Tage passen wir gut auf und gehen um treibende Minen herum wie um etwas, auf das man nun einmal nicht gern tritt. Nachts aber hoffen wir das Beste. Meine Schwimmweste binde ich auch nicht mehr um; denn selbst wenn man das eine Promille Aussicht auf Rettung in Rechnung setzen wollte, so würde es in dem eisigen Wasser doch sofort zunichte, und festes Eis, über das man schnell nach Trelleborg hinüberrennen könnte, gibt es nicht. Wir fragen auch nicht mehr, wie lange der Krieg noch dauert. Für uns kann er jeden Augenblick zu Ende sein.
13. Januar 1940 In See
Nachmittag: Es ist Nebel aufgekommen. Eben hing er noch in Fetzen über dem Wasser. Jetzt aber haben sich die Atemschwaden der See verdichtet. Kaum 200 m beträgt die Sicht. Wir müssen Anker werfen. Laut rasselt die Ankerwinde. Dann wird es still im Boot. Nur die notwendigen Wachen sind besetzt. Alles andere ist zum Kaffeetrinken weggetreten. Aber nur etwa zehn Minuten dauert diese köstliche Ruhe. Dann meldet Hannes Burmeister durchs Sprachrohr zur Brücke herauf: ,,Steuerbord achteraus stärker werdendes Schraubengeräusch." Die Gläser suchen die Richtung ab, aber es ist nichts zu sehen. Erst nach Minuten tauchen die verschwommenen Umrisse eines 3 000-Tonners auf. Rasch kommt er auf und will sich in etwa 100 m Abstand auf Steuerbordseite vorbeischieben. Im Nebel diese flotte Fahrt und noch dazu auf unserer Route, die wir sozusagen in Erbpacht haben, das macht uns stutzig. Die Alarmglocke gellt auf. Aus allen Niedergängen quellen die Kameraden herauf. In wenigen Augenblicken steht jeder wieder auf seinem Posten. Der fremde Dampfer beantwortet unsere Signale nicht und ist schon in gleicher Höhe mit uns. Während die Ankerwinde noch rollt, gehen wir schon auf Fahrt. ,,Einen Schuß vor den Bug, weit vorhalten!" ruft der Kommandant nach dem Geschützstand. Es kracht. Nun stoppt der Fremde. Ein Boot wird ausgesetzt und kommt zu uns herübergerudert. Die Schiffspapiere weisen ihn als Schweden aus, der mit neutraler Ladung nach einem neu- tralen Hafen unterwegs ist. Wir müssen ihn laufen lassen. Nach diesem kleinen Intermezzo ankern wir wieder. Der Nachmittagskaffee ist unterdessen kalt geworden, aber das ist nichts Neues. Kalt ist heutzutage die Normaltemperatur.
14. Januar 1940 In See
Es ist uns beinahe peinlich, dem Chef noch die Wettermeldung vorzulegen. Seit zwei Tagen wird schon Nordwest auffrischend auf acht gemeldet, werden Sturmwarnungen ausgegeben, aber die See steht Gewehr bei Fuß und rührt sich nicht von der Stelle. Hier klappt die gegenseitige Zusammenarbeit noch nicht. Wir freuen uns über das ruhige Wetter, denn dann ist das Arbeiten viel leichter und zum Schlafen kommt man auch. Uneinheitlich dagegen sind die Auswirkungen einer ruhigen See auf das Gemüt und die Stimmung. Manchmal empfindet man die Ruhe und Ausgeglichenheit der See wie eine Erlösung. Eine tiefe Befriedigung geht dann von ihr aus. Manchmal aber wirkt ihre Ruhe auch unheimlich, und dankbar begrüßt man den Sturm als eine offene und ehrliche Herausforderung und Kampfansage.
15. Januar 1940 In See
Wir haben – 15° C und endlich den erwarteten Nordwest 8. Eine Minute an Oberdeck genügt, und man ist Gefrierfleisch. Selbst durch die dicksten Mäntel beißt die Kälte. Die Brecher, die über Bord kommen, erstarren im nächsten Augenblick, und schon hat eine faustdicke Eiskruste Deck, Bordwände und Aufbauten überzogen. Alles Tauwerk ist steinhart gefroren und läßt sich nicht bewegen, soweit es überhaupt noch als solches zu erkennen ist. Selbst die dünnen Leinen und Strickleitertaue weisen auf einmal einen Umfang von Armesstärke auf. Riesig sind die Eiszapfen, die an der Brücke und den Aufbauten entstehen. Es ist ein herrliches Bild. Wenn man es nur recht genießen könnte, aber der Sturm bläst einen fast um. Dazu hat man auf dem eisigen Deck keinerlei Halt und schindert bei dem Seegang bald nach rechts, bald nach links, sofern man es nicht vorzieht, sich von vornherein gleich hinzu-setzen.
Auch die Sturmwarnung, die gegen Mittag programmgemäß wieder eintrifft, hat heute ihre volle Berechtigung. Rein toll ist die See. Gleichzeitig springt sie uns von backbord und steuerbord an. Im nächsten Augenblick aber stürmt sie wieder von vorn an. Das ganze Vorschiff ist von den Brechern zugedeckt. Das klatscht und spritzt, gurgelt und quirlt, wütet und kracht. Wie eine Katze ist das Meer, kratzend und heimtückisch, aber das läßt sich ja alles gar nicht beschreiben.
Jetzt ist die Sicht wieder einmal für einige Augenblicke frei. Wie der ganze MG-Stand am Vormast unter den Schlägen des Wassers noch nachzittert. Kein Mensch könnte sich im Ernstfall dort halten. Unten an Deck öffnet jetzt jemand das Schott vom Niedergang einen schmalen Spalt. Drei Köpfe lugen vorsichtig heraus und peilen die Lage. Wir winken ihnen von der Brücke aus zu. Wie sie sichern, wie die Infanterie, wenn sie zwischen zwei Lagen Artillerie zum Sprung ansetzt. Jetzt wagen sie es und springen heraus. Da sind die ausgespannten Strecktaue doch gut. Auch wenn man in der Not daran baumelt wie der Fisch an der Angel, etwas Halt geben sie doch. So, nun schnell weitergehangelt, ehe der nächste Brecher kommt. Ein Sprung bis zur Ankerwinde, flink das Schott zum Dom auf und hinein.
Sch-sch-klatsch! Die See paßt auch gut auf. Eine kräftige Backbordlage. Der letzte hat es nicht geschafft. Er ist zurückgesprungen. Im Niedergang sucht er noch einmal Schutz. ,,Ich komme das nächste Mal", schreit er herüber. Nach wenigen Augenblicken versucht er erneut sein Glück. Endlich ist die Ablösung vollzählig zur Stelle. ,, ... meldet sich als Rudergänger abgelöst, Kurs 120 Grad." ,,Maschinentelegraf abgelöst, Maschine läuft zweimal halbe."
Die Kameraden nehmen ihre Plätze ein. Weiter geht die Fahrt, auf und ab.
Es wird zeitig finster. Blasser wird der Strich am Horizont, und bald gehen Himmel und Wasser wieder ineinander über. Weiter brechen die Wogen, schäumen die Wellen. Hell hebt sich das Vorschiff unter der weißschäumenden Gischt aus der Finsternis der Nacht.
Wir suchen Landschutz und wollen vor Anker gehen, aber die Ankerwinde ist dermaßen vereist, daß wir sie nicht in Gang bringen können. Mit der Lötlam- pe kann man da nicht beigehen. Also Heißwasser an Deck. Eine halbe Stunde lang muß sich die Winde diese Prozedur gefallen lassen, dann erst rollt sie langsam an. Der Anker fällt. Gott sei Dank. Nein, noch nicht; denn bald merken wir, daß unser Boot treibt. Wir peilen. Es bleibt dabei. Anker auf, gün- stigeren Ankergrund suchen. Dasselbe Manöver, dieselbe Warmwasservorbehandlung und - wieder schliert der Anker. Also fahren wir lieber, hin und her, her und hin, die ganze Nacht.
16. Januar 1940 In See
Es hat sich nichts geändert, nur daß es im Osten langsam hell wird. Der neue Tag bricht an. Er hat lange auf sich warten lassen. Ob er uns nicht gleich gefunden hat? Wir machen immer noch halbe Unterwasserfahrt. Wenn wir nach Hause kommen, erhalten wir sicher das U-Bootsabzeichen. Es ist 10 Uhr geworden. Es scheint aufzuklaren. Auch der Sturm hat etwas nachgelassen, die Kälte nicht. Wir dampfen bis auf die Höhe von Trelleborg. Hier setzt Nebel ein, Sicht 150 bis 200 m, dazu Schneetreiben. Wir ankern. Nach dem zweiten Anlauf haben wir Glück. Im nahen Umkreis heben sich die Schatten weiterer Schiffe ab, die ebenfalls hier vor Anker liegen. Wir benutzen die Rast und klopfen alle Mann Eis. Schade, es sah so schön aus, stellt aber für das Boot eine zu gefährliche Belastung dar. Heute sollen wir abgelöst werden. Ob man uns bei dem Nebel auch findet?
15 Uhr: Die Sicht wird wieder besser. Wir nehmen unseren Pendelverkehr wieder auf. In den frühen Abendstunden trifft unsere Ablösung ein. Froh zuckeln wir davon. Morgen früh wollen wir in Swinemünde sein.
17. Januar 1940 In See - Swinemünde
Die Heimfahrt gestaltete sich recht schwierig; denn von Saßnitz bis Swinemünde bildete die See eine einzige, riesige Eisbarriere. Mühsam bahnten wir uns im Gänsemarsch einen Weg durch die Eismassen. Schon einen Meter hinter dem Heck schlossen sie sich wieder, dass man unsere Spur kaum noch im Eis sehen konnte. Soweit das Auge blickte, dehnte sich das grelle Weiß. Schimmernd lag der Glanz der Januarsonne darüber. Endlich gegen 11 Uhr hatten wir es geschafft und machen am Hohenzollernkai fest. Wir kamen uns vor wie heimkehrende Polarforscher.
Der erste Tag im Hafen soll nach altem Seemannsbrauch als Sonntag gelten. Mit dieser schönen Sitte hat man aber längst gebrochen. Die Maschinenwachen laufen weiter, und auch für die anderen gibt es Arbeit in Hülle und Fülle. Wir nehmen zunächst Proviant über, und anschließend geht es kohlen. Im eisigen Winde auf dem Peildeck darf ich persönlich den Kohlenkran dirigieren und zusehen, wie er mir wieder zwei Antennenisolatoren zerschlägt. Fluchen ist verboten. Es nützt auch nicht viel. Endlich gegen 21 Uhr sind wir fertig, langsam wird Ruhe im Karton. Wir brauchen sie.
moin, Jürgen
wieder ein :MG:
besonders die Beschreibung der Mühen der Seefahrt im Winter ist 1a top
Zitat von: Seekrieg am 20 August 2011, 10:24:26
,,Ein deutsches Vorpostenboot strandete infolge Sturmes in der Höhe von Trelleborg. Die Besatzung wurde gerettet."
Dicht unter Land machen wir das Wrack des am 30. Dezember gestrandeten Vorpostenbootes aus. Es liegt horizontal mit starker Schlagseite nach Land und schaut mehr aus dem Wasser heraus als wir. Wir stellen die Lage auf der Seekarte fest. Kullagrund heißt die Untiefe.
Das war
V 704 ex
Claus Wisch ... "Die Besatzung wurde gerettet." war übrigens mMn im KTB der Seekriegsleitung nicht das Wichtigste :roll: sondern "Alle Schlüsselmittel wurden geborgen bzw. vernichtet" ...
Zitat von: Seekrieg am 20 August 2011, 10:24:26
So fällt uns besonders der schwedische Hubschrauber auf die Nerven, der öfters unsere Position anfliegt. Manchmal glaubt er auch, er muß uns Vorschriften machen und gibt durch Zeichen zu verstehen, daß wir zu nahe an der schwedischen Küste ständen.
kann eigentlich nur dieser http://www.avrosys.nu/aircraft/Heli/Cierva_se-aea/CiervaSE-AEA.htm gewesen sein.
Gruß, Urs
Hallo Urs,
Du bist permanent "dran". Ich danke für Deine bisherigen Hinweise. Vaters persönliche Tagebücher, während des Krieges im Geheimsachenspind sicher verwahrt, litten in der SBZ-/DDR-Zeit unter der Lagerung in der Dachboden-Zwischendecke. Dabei war auch das Bild von dem (Deinem) Hubschrauber. Irtümlich habe ich beim Einfügen der Fotos eins doppelt gemacht. Wie kann ich es wieder los werden, um ein anderes einzufügen? Hast Du eine Idee?
Danke
Jürgen
Wenn Du Deinen Beitrag editierst, dann kannst Du oberhalb des Menüs zum Einfügen von Bildern bereits gezeigte wieder deaktivieren (unter "Erweitert" unterhalb des Textfeldes). :)
I V. G R O S S E W E R F T L I E G E Z E I T
1. Oderwerke Stettin
18. Januar 1940 Swinemünde
Vormittags Rein Schiff, eine harte Arbeit. Langsam kommen unter dem Kohlenstaub wieder Schnee und Eis zum Vorschein, und an manchen Stellen entdeckt man sogar ein Stückchen vom Schiff. Ich klariere unterdessen meine Antennen, aber so verwachsen ich auch mit Draht und Litze bin, bei dieser Kälte machen die Dinge keinen Spaß. Anschließend suche ich den Arzt auf. Am 7., kurz vor dem Auslaufen, bin ich in der Morgendämmerung über eine schwere Ankerkette gestolpert und leide seit dem unter heftigen Brustschmerzen. Auf See habe ich diese körperliche Diskrepanz ignoriert und war ge- sund. Gesund sein ist in erster Linie eine Willensfunktion. Da mir aber auch jetzt noch jeder Atemzug, insbesondere aber das Husten starke Beschwerden verursacht, möchte ich die Zusammenhänge von maßgebender Seite doch etwas genauer kommentiert haben. Der Onkel Doktor untersucht mich also und stellt zusammenfassend Prellung, Bluterguß und zwei angeknackte Rippen fest. Ich soll mich schonen, rät er mir und auf mein fragendes und verwun-dertes Lächeln lautet die Antwort: ,,Soweit dies möglich ist." Möglich ist es ja kaum, aber ich freue mich trotzdem; denn 99 % der Maschinerie sind ja noch intakt.
19. Januar 1940 Swinemünde - Stettiner Haff
Unser Boot soll zur Überholung in die Werft nach Stettin. Befehlsgemäß macht es sich 0630 Uhr auf den Weg. Vorsichtig tastet es sich durch das diesige Grau der Morgendämmerung. Schon nach kurzer Zeit aber hemmt festes Eis die Fahrt. Mühsam hackt die Schraube, knirscht der Bug. Es geht nur noch langsam voran. Kurz voraus, mitten in der Fahrrinne, taucht ein dunkles Etwas auf. Den Umrissen nach muß es ein großer Vogel sein. Unser Boot schiebt sich bis auf 30 m heran. Er rührt sich nicht von der Stelle. Still hockt er auf dem Eis. Vielleicht ist er eingeschlafen. Rammen wollen wir ihn aber auch nicht. Scheinwerfer aufblenden! Grell trifft ihn der Lichtkegel. Davon wird er mun-ter. Es ist ein Seeadler, ein kräftiges Tier. Groß blickt er uns an, schlägt dann verlegen mit den Flügeln und hebt sich leise davon. Wieder ein Schiffahrtshindernis beseitigt. Endlich wird es hell. Viel ist uns damit aber nicht gedient; denn der aufkommende Frühnebel ist so stark, daß an ein Weiterfahren nicht zu denken ist. Wir halten deshalb an und läuten warnend mit der Schiffsglocke. Eine Stunde dauert das neckische Spiel. Dann endlich weicht der Nebel dem lärmenden Gebimmel. Wir setzen unsere Fahrt fort, kom¬men aber nur langsam voran. Zögernd und allmählich weitet sich das Haff. Es ist eine einzige, riesige Eisfläche. Einem Silberreier begegnen wir, und dann kreuzt noch gemächlichen Schrittes Reinecke Fuchs unsere Bahn. Ob er auf dem Eis spazieren geht oder den Wolf sucht, um mit ihm verabredetermaßen Fische zu fangen?
Zu solchen Betrachtungen ist aber jetzt keine Zeit. Im Augenblick quälen uns andere Sorgen. Wir kommen nicht mehr vom Fleck. In den letzten zwei Stunden betrug die Durchschnittsgeschwindigkeit 0,7 sm, das sind ganze 1 300 m in der Stunde. Es geht wie bei einer mittelalterlichen Wallfahrt, zwei Schritte vorwärts, einen zurück. Mit Elan nehmen wir Anlauf. Polternd bersten unter dem scharfen Steven die Schollen. Sie weichen aber nicht, sondern richten sich steil auf. Senkrecht stehen die starken Eistafeln vor dem Bug und hemmen den Lauf des Schiffes. Immer langsamer wird die Fahrt, immer qualvoller der Schraubenstrudel, und dann stehen wir. Neuer Anlauf, äußerste Kraft zurück, äußerste Kraft voraus. Vielleicht sind wir dann zehn Meter weiter gekommen. So geht es nun schon den ganzen Vormittag.
Voraus tauchen drei Schiffe auf. Sie scheinen auch nicht weiter zukommen. Langsam nähern wir uns. Der erste Dampfer ist ein Schwede, etwa dreimal so groß wie wir. Dicht zwängen wir uns an ihm vorbei. Seine Besatzung hat den Kampf mit dem Eis aufgegeben, steht an Deck und schaut zu, wie wir uns mühsam abquälen. Vorige Woche sind sie in Malmö ausgelaufen und seit Sonntag, den 15., sitzen sie hier schon fest. Ob wir Brot übrig hätten, fragen sie. Wir reichen ihnen 29 Stück hinüber. Von den anderen beiden Schiffen ist ein Teil der Mannschaft ausgestiegen und geht auf dem Eis spazieren. Soweit wollen wir es nicht kommen lassen, mit Volldampf rucken wir deshalb wieder an, vorwärts, rückwärts. Das Eis ist jetzt bis zu einem halben Meter stark. Die Heizer vor den Kesseln sind schweißgebadet. Sie können es kaum noch schaffen und sind vollkommen aufgebraucht. Wir fahren ständig äußerste Kraft und haben außerdem das Eisventil angestellt. 1400 Uhr. Von den drei Schiffen, denen wir heute mittag begegneten, sind wir kaum ab- gekommen. Tausend Meter vor uns liegen vier weitere im Eis fest. Auch sie kommen nicht weiter, obgleich ihre dicken Rauchwolken verraten, daß sie sich noch nicht geschlagen bekennen. 1430 Uhr. Jetzt haben wir es auch geschafft und sitzen rettungslos im Haffeis fest. Eine halbe Stunde läuft die Maschine schon wieder auf Hochtouren vor- und rückwärts, aber unser Boot rührt sich nicht mehr von der Stelle. Wir versuchen ein Alle-Mann-Manöver. Der Kommandant läßt die gesamte Freiwache an Oberdeck antreten und in gleichmäßigen Intervallen von backbord nach steuerbord hüpfen und wieder zurück, aber der Kahn rührt sich nicht. Der leitende Maschinist schleppt die schwerste Pokerstange herbei und stößt damit an der Bordwand hinab ins Eis. Zweckloses Unterfangen! Was 780 PS nicht vermögen, das kann eine kleine Menschenkraft erst recht nicht erreichen, aber in solch temperaturextremen Situationen leidet man unter den verwegensten Ideen.
Alwin Kalauch stellt unterdessen eine Fußballmannschaft auf. Er will aufs Eis hinaus und sich austummeln. Ein kleiner Fender wird als Ball herhalten müs- sen. Ich aber mache meinen Sender klar, werde Hilfe herbeirufen müssen. Da taucht im letzten Augenblick weit voraus eine niedliche Rauchwolke auf, die sich langsam nähert. Die Kameraden auf der Brücke zücken die Ferngläser und machen einen Eisbrecher aus. Er kommt wie gerufen. Nach einer knappen Stunde ist er heran. Jetzt patscht er um uns herum und versucht uns loszueisen. Wie er das nur fertig bringt. Er ist doch viel kleiner als wir, aber gelernt ist eben gelernt. Nun gehen auch wir wieder mit AK an die Arbeit, aber die Schraubenwelle springt im Lager herum, als hätte sie einen genommen. Die Maschine läuft heiß. Die Maschinisten sprechen von einem ,,Brandenburger". Nun müssen die Lager ausgewechselt werden. Schöne ,,Bleisoldaten" haben sich darin festgesetzt. Es ist ein hartes Stück Arbeit, aber in einer Stunde haben es die Kameraden geschafft. Die Maschine ist klar. Wir knirschen wieder durchs Eis. Inzwischen ist noch ein zweiter Eisbrecher angelangt. Er greift uns hilfreich unter die Arme. Unter seiner Assistenz arbeiten wir uns an die vier Schiffe vor uns heran und schieben uns stolz am größten vorbei. Er mag seine 9 000 t haben. Hoch über uns lehnen sich ein paar Leute über die Reling und schauen spöttisch auf uns herab. ,,Bleibt mal hier!" ruft einer, ,,wenn wir es mit unseren viereinhalbtausend Pferdestärken nicht schaffen, dann bringt ihr es erst recht nicht." Abwarten, vorläufig kommt unser Boot noch voran, nein, doch nicht. Der Spötter scheint recht zu behalten. Nach 50 m sitzen wir wieder fest, unser Vorsprung aber hat dem großen Bremerhavener keine Ruhe gelassen, und in dem von uns gelockerten Eis stapft er uns hinterher. Will er uns nun ärgern oder hat er das Steuer nicht mehr in der Gewalt? Der Riese kommt direkt auf uns zu. Die Alarmglocke ertönt. Alles stürzt an Deck. lmmer dichter schiebt sich der große Kasten heran. In 50 cm Abstand zwängt er sich an uns vorbei.
Wir halten sämtliche verfügbaren Fender außenbords. Seine überragenden und ausladenden Bordwände kratzen an Brücke und Aufbauten. Wenn er will, kann er uns jetzt wie eine Reblaus zerquetschen. Das starre Eis ermöglicht kein Ausweichen. Die Signalgasten auf dem Peildeck haben sich schon auf Backbordseite in Sicherheit gebracht. Jetzt! - Nein, es geht noch einmal alles klar. Schon fahren auch wir wieder. Ja, es gelingt uns sogar den großen Dampfer wieder zu überholen und uns an die Spitze zu setzen. In so einem kleinen, unscheinbaren Vorpostenboot steckt doch mehr, als man im ersten Augenblick erkennen kann.
So fahren, rutschen und schindern wir weiter. Es ist gleich, wie man es nennt. Unablässig dröhnt die Bordwand vom Bersten und Rollen der Eisschollen wieder, aber in der von den Eisbrechern aufgelockerten Fahrrinne geht es jetzt fast ohne Stockung voran, allerdings nur mit 2,1 sm Fahrt, wie Ober- steuermann Visier beruhigend feststellt. Immer weiter bleibt die Konkurrenz zurück. Längst ist es dunkel geworden. Der Mond ist aufgegangen, aber noch immer schweift das Auge nur über Schnee und Eis, über die weite, weißschimmernde Ebene des Stettiner Haffs.
20. Januar 1940 Stettin
Es war 1 Uhr nachts, als wir endlich in den Oderwerken anlegten. 18 Stunden hat diesmal unsere Fahrt durchs Haff gedauert statt wie gewöhnlich drei.
Über Nacht ist Schnee gefallen. Fein säuberlich hat er unser Schifflein zugedeckt. Über das Eis, das uns wieder eng umschlungen hält, trippeln ent- täuscht und frierend ein paar Möwen. Manchmal kommen sie ganz nahe heran, um zu sehen, ob wir ihnen etwas mitgebracht haben. Sonst aber ist alles recht still und friedlich. Ich glaube, wir sind hier gut aufgehoben.
21. Januar 1940 Stettin
Heute morgen kamen die ersten Arbeiter, um zu sondieren, was bei uns alles baufällig ist. Sie freuen sich, daß wir da sind, ohne uns hätten sie nächste Woche keine Arbeit mehr gehabt, denn bei den augenblicklichen Eisverhältnissen läuft kaum noch ein Schiff ein. Wir selbst leben einen ruhigen Tag. Jetzt treibt uns nicht mehr das laufende Band der Wachen, jetzt hetzen uns keine FT.-Leitnummern. Vorläufig ist es aber noch nicht so weit, und augenblick- lich habe ich außerdem ein anderes und wichtigeres Problem zu lösen. Hans will nämlich heiraten. Warum auch nicht? ,,Nur jetzt so mitten im Kriege, ist das nicht ein bißchen gewagt?" frage ich ihn. ,,Ratsamer wäre es doch zu warten, bis wieder Frieden ist und geregelte Verhältnisse herrschen." Aber davon will Hans nichts wissen. Kurz und lakonisch antwortet er: ,,Bist du nun so dumm oder stellst du dich nur so? Glaubst du, der Krieg ist in zwei Monaten zu Ende?" - ,,Nein, so groß ist mein Optimismus nun auch wieder nicht." - ,,Na also, dann wird auch Hochzeit gemacht. 7/9 bin ich ja sowieso schon verheiratet." Dann allerdings. Aber so ist es. Da heißt es, man kauft die Katze nicht im Sack und die Braut nicht im Schlüpfer, und dann wird gelotet und schon ist man auf dem Grund. Frauen sind ein sehr flaches Fahrwasser.
So setzen wir denn zunächst eine Verhandlung darüber auf, daß der großdeutsche Funkmaat H.H. mit dem Fräulein so und so die Ehe einzugehen beab- sichtigt und um den Segen der Kriegsmarine bittet. Das geht uns flott von der Hand; denn der Tatbestand ist gegeben, das Korpus delicti unterwegs und der Täter geständig. So braucht der ganze Tatbestand nur noch in wenige Worte gekleidet zu werden. Wesentlich schwieriger gestaltet sich dagegen die Befriedigung des dazugehörigen Fragebogens, der den Nachweis über 1 500 M Eigenkapital erbringen, die Liebe finanziell fundamentieren und eine stan- desgemäße Ehe garantieren soll. Hier müssen Zahlen sprechen, genau umrissene Werte, faßbare Größen. Als erstes und nicht wegzuleugnendes Positivum setzen wir die 600 M Ehestandsdarlehn ein und als zweites Möbel im Werte von 500 M, das Geschenk des angehenden Schwiegervaters. Dann steuert Hans als persönliches Eigentum den Rest aus der letzten Wehrsoldzahlung in Höhe von nochmals 17 M bei. Mithin fehlt uns nur noch ein Differenzbetrag von 383 M. Aber auch dieses Defizit findet nach einigem Nachdenken bald seine Deckung durch die Wäscheaussteuer der Braut. Hilde hat natürlich viel mehr, aber was geht die Kriegsmarine an, was man alles noch in der Hinterhand hält. Über dieser Rechnerei vergeht der Nachmittag. Uns wird noch wohler und wir beschließen diesen geglückten mathematischen Start von Hansens Ehe mit einem großen Kuchengelage zu feiern. Appetit auf etwas Süßes haben wir ja schon seit Trelleborg. Ein kleines Café ist bald gefunden. Gleich am Büffet suchen wir uns unseren Kuchen aus. ,,AIso Fräulein, ein Stückchen Schokoladenkuchen, ein Stückchen Mandel, einmal von dem da und...." ,,Meine Herren, wir geben jeweils immer nur zwei Stück ab." Hans schaut mich verdutzt an und ich blicke auch erst einmal glatt und verwendt. Der Krieg scheint doch ernstere Formen anzunehmen. ,,Nun, dann geben sie uns bitte jeweils nur zwo Stück und sagen uns, wo sich die nächste Konditorei befindet."
23. Januar 1940 Stettin
Die Arbeit am Boot ist im vollen Gange. Der Werftbetrieb hat eingesetzt. Werft heißt die Fabrik wohl deshalb, weil man hier alles aus dem Boot heraus- wirft. Da wird von früh bis abends geschleppt und gekrant, gehämmert und gepocht. Was abzuschrauben geht, wird abmontiert, und was sich weigert, wird herausgeschweißt. Heute morgen hat man uns auch noch eingedockt. Es war ein schweres Stück Arbeit bei dem Eis. Nun doktern die Werftleute am Bauch unseres Schiffes herum. Das Horchgerät ist verbogen und muß wieder ausgedengelt werden. Ein Leck hat man auch festgestellt. Im Maschinenraum fallen unterdessen Kessel und Räder auseinander. Es ist ein Drüber und Drunter, wie in den Tagen der Schöpfung. Chaotisch gehen die Dinge ineinander über. AIle Grenzen sind verwischt, die Konturen verschwommen. Haltlos hängt man im Raum. Man fühlt sich nicht mehr wohl.
In einer stillen Stunde habe ich aus Langeweile einmal alle Schalter und Knöpfe gezählt, an denen ich im Laufe des Tages drehen kann. Das Ergebnis sah so aus:
Schalter und Knöpfe, dazu Voltmeter
am Empfänger 14 2
am Sender 10 3
am Peiler 19 3
am Rundfunkapparat 6
für Beleuchtung 3
Summa summarum 52 Schalter und Knöpfe, 8 am Voltmeter und - 5 Kontrollampen.
25. Januar 1940 Stettin
Heute waren wir im Kino. Die neue Wochenschau brachte auch Bilder vom vereisten Haff. man schaut zu, wie sich die Schiffe durchs Eis quälen. Was sie veranschaulichen, das ist ein kleiner Ausschnitt aus den Wahrnehmungen, die Auge und Ohr vermitteln. Das Erleben selbst setzt sich aber aus viel mehr Komponenten zusammen. Wer spürt hier im warmen Saal die eisige Kalte, die rote Nase und den heiseren Husten? Wer fühlt in den weichen Sesseln das harte Schlagen und Poltern des Schiffes? Wo atmet man hier den Ölgestank der Maschine, den Dunst der feuchten Bord-wände, den trockenen Staub der Bunker? Niemand denkt an die schwere Arbeit vor den Kesseln und die heißgelaufenen Lager und an die Zigarren, die von der Brücke her durchs Sprachrohr in den Maschinenraum purzeln und stillen, würgenden Verdruß bereiten. All diese Empfindungen aber ergeben in ihrer Gesamtheit erst ein ungefähres Bild von dem, was man eine Fahrt durch das winterliche Haff nennt.
2. Werfttage
1. Februar 1940 Stettin
Heute nacht um 2 Uhr hin ich wieder in Stettin eingetroffen, aber schon die Morgenvisite durchs Boot belehrt mich, daß ich zu früh gekommen hin und alles noch beim Alten ist. Man hämmert und klopft, baut zusammen, reißt auseinander, ändert um, baut wieder zusammen, kurz: Man beschäftigt sich, und niemand weiß, wie lange das noch dauern kann.
3. Februar 1940 Stettin
Und wieder ist es Abend. An Bord herrscht Geruhsamkeit. Wer an Land wollte, ist längst fort, und die Stubenhocker haben sich im warmen Deck zu einem ausgedehnten Abendschoppen versammelt. Wohlig glüht der gute Dobbelmann in der heißen Tabakspfeife und von der Back lacht die dickbauchige Rumbuttel. Neben mir sitzt Franz Pellin, unser Koch, augenblicklich noch ganz nüchtern. Zur Linken hockt Maschinenmaat Damser, die ,,Stinkende Socke" genannt, und gegenüber haben sich, die Mütze weit in den Nacken geschoben, der alte Obersteuermann Visser niedergelassen und der junge Artur Rohleder, ein Handelsschiffsmatrose, der so gern von den wilden Wogen des Biscaya erzählt und von Venedigs heimlichen Freuden. Es sind Seeleute, Kameraden und seelisch gesunde Menschen.
Seelisch gesunde Menschen erkennt man daran, daß sie die glückliche Eigenart besitzen, alles Unangenehme zu vergessen und sich nur des Schönen und Guten zu erinnern. Sie vergessen sogar die gräßlichen Minuten im Marterstuhl des Zahnarztes, aber von den geschmeidigen Samtpfötchen seiner Sprech-stundenhilfe, die ihnen dabei den Kopf hielt, schwärmen sie noch nach Jahren. So schaffen sie sich eine glückliche Vergangenheit, eine Ebene voll Son- nenschein und stufen sich außerdem in eine Kategorie von Menschen ein, die überall gern gesehen und gelitten ist. Unter solchen Menschen sitze ich gern. Sie erzählen von ihren ausgedehnten Fahrten und vom Fischfang in den nördlichen Gewässern. Ich höre zu. ,,Groß war oft die Beute", berichtet Franz, verschränkt dabei seine nackten Arme auf der weißen Küchenschürze und läßt die tätowierte Bildergalerie von Ankern und verschlungenen Herzen auf seinen Muskeln spielen. ,,Wenn wir die richtigen Jagdgründe gefunden hatten, quirlten wir oft mit 150 Booten in einem kleinen Gebiet von nur wenigen Quadratkilometern Ausdehnung herum. Einmal brachten wir dabei in nur drei Monaten für 150 000 M Fisch heim." ,,Da hast du gut verdient". "Na, und dann hatte ich ja noch das Essen und alles andere frei, und damals gab es andere Schläge zu stauen als heute. Schlecht war es allerdings in den ersten Jahren nach dem Weltkrieg, als noch alles mit Minen verseucht war. Da sind viele von unseren Booten verloren gegangen, so einmal bei einem Seetörn allein 34. Manchmal hatten wir diese Teufelskugeln auch in unseren Netzen. Die konnten wir dann natürlich gleich wegwerfen, und das war auch wieder ein Schaden." ,,Ja, so war es in all den Jahren", pflichtet ihm die ,,Stinkende Socke" bei. Nun sind wir inzwischen Soldaten geworden und fahren wieder zur See."
,,Nichts Neues, haben wir im Weltkrieg schon gemacht", fällt Jakob Visser ein und erzählt nun von seinen Erlebnissen, und Jakob hat viel erlebt. ,,Nur schade", fährt er fort, ,,daß sie uns damals geschnappt haben und ich als Kriegsgefangener drei Jahre in Südamerika hinter Stacheldraht zubringen mußte. Aber diesmal werde ich besser aufpassen."
So berichtet einer nach dem anderen, und aus all ihren Worten klingt immer wieder die Sehnsucht nach dem Meer. Seeleute leiden ja alle unter derselben Krankheit. Wenn sie nicht in ihrem Element sind, fühlen sie sich nicht wohl. ,,Ganz waschechte Seeleute seid ihr aber trotzdem nicht", halte ich ihnen vor. ,,Ihr wollt immer hinaus. Wenn ihr aber draußen auf See seid, dann wollt ihr wieder durchaus an Land und malt euch schon mit brennenden Farben aus, was ihr alles anstellen wollt. Seid ihr endlich im Hafen, so schreit ihr nach zwei Tagen bereits wieder! ,,Wann laufen wir aus?" Ich finde das komisch."
,,So ist es nun auch nicht", entgegnet Franz. ,,Schau einmal an, du mußt da ganz anders rechnen. In den zwei Tagen an Land schlafen wir nämlich nicht. Infolgedessen entsprechen diese zwei schon einem Zeitraum von vier Tagen. Außerdem sind wir dann meist duhn und sehen und erleben alles doppelt. So werden aus diesen vier Tagen schon acht, und nach acht Tagen ist der Wunsch wieder zu fahren, schon begreiflich. Stimmt´s oder habe ich recht?" Zwei, vier, acht Tage. Ich zähle an den Fingern nach. ,,Wenn ihr in Potenzen denkt, dann allerdings!"
Es ist in der vierten Stunde, als wir die Sitzung aufheben und schlafen gehen. Da wird die Nummer Eins ihre liebe Not haben, wenn sie uns morgen früh wieder auf die Beine stellen will.
4. Februar 1940 Stettin
Der harte Winter hat unsere Flottille in alle Winde verweht. Wir und Vorpostenboot 1306 liegen hier in Stettin in der Werft. Drei Boote sind in Swine-münde, eins liegt in Kiel und drei stecken vor Saßnitz im Eis fest. Wir können zusammen nicht kommen, das Eis ist viel zu stark. So hat jedes seinen eigenen Törn und lebt seine individuellen Interessen, und das ist auch einmal schön.
5. Februar 1940 Stettin
Wir haben neuen Ersatz bekommen, ganz junge Soldaten, richtige Milchgesichter noch, schlohweiß und ohne jeden Anflug von Bart, aber mit gut entwickelter Kau- und Sprechmuskulatur. ,,Kommt ihr von der Arbeitsfront, weil ihr alle solche Zahnräder auf den Ärmeln tragt?" fragen wir sie. ,,Nein, von Kiel." ,,So, von Kiel. Na, da stellt euch gleich einmal beim Flo-Ing vor." ,,Flo-Ing? Was ist das?" ,,Nun, der Flottilleningenieur. Er wohnt achtern, den Nie- dergang runter. Er ist leicht zu erkennen, hat als Rangabzeichen zwei gekreuzte Schmierkannen auf dem Arm." ,,Gibt's denn das?" ,,Ja, an Bord sind die Laufbahnabzeichen etwas anders." Nun gehen sie und suchen den Flo-Ing mit den beiden gekreuzten Schmierkannen. Ich glaube, mit denen werden wir noch manchen Spaß erleben.
6. Februar 1940 Stettin
Großmutter sagte immer: ,,Abends Juchhe und morgens Oh weh." Und das stimmt auch. Seit dem Aufstehen klagt Hans wieder über heftige Kopf- schmerzen. In keine Mütze paßt sein Poller mehr. Er läuft herum wie ein abgebrochener Riese. Alwin wieder hat solchen Durst, daß er zehn Flaschen Sprudel um sich versammelt hat und eine nach der anderen lenzen muß. Aber das ist alles nicht so schlimm. Mittags wird es schon besser sein und abends sind die seelischen Verfallserscheinungen verschwunden. Dann ist jeder wieder kerngesund und munter und kann aufs Neue an Land ,,schießen". Es ist alles Gewöhnung!
7. Februar 1940 Stettin
Jetzt läuft auch hier in Stettin der Film ,,Paradies der Junggesellen", und an allen Ecken und Kanten hört man den Kehrreim ,,Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern." Aber nicht genug damit. Auch der Postbüttel betet das Verschen her, wenn er mit leerer Tasche kommt. Der Bahnhofs-offizier beruft sich darauf, wenn er die Schnellzugsgenehmigung zum Urlaubsschein verweigert, und selbst der Zahnarzt verlangt Erschütterungsfreiheit, wenn er mit seiner Bohrmaschine auf dem nackten Nerv quirlt, und dabei sind das doch Dinge, die schon an den Grundfesten von Leib und Seele rütteln. Auch der Krieg gehört mit dazu, aber das hat sich noch nicht überall herumgesprochen.
3. Swinemünde
8. Februar 1940 Stettiner Haff
Also doch! 0800 Uhr seeklar. Auslaufen nach Swinemünde. Wenn das mal gut geht. Die beiden Eisbrecher ,,Berlin" - 300 t, 800 PS - und ,,Stettin" - 280 t, 700 PS - stehen uns zur Verfügung. Sie hängen sich an unser Boot und wollen es von der Pier wegzerren. Es rührt sich nicht. Es hat genau so wenig Lust wie wir. Ein neuer Anlauf. Es muß. Langsam fügt es sich der Übermacht und mit Gekrach und Gepolter geht es langsam vorwärts. Auch Stecken-bleiben gibt es wieder, aber unsere dienstbaren Geister machen uns immer wieder flott. Gegen Abend haben wir die Hälfte unseres Weges durchs Haff hinter uns. Das genügt für heute. Jetzt geht es erst einmal in die Waagerechte. Morgen ist auch noch ein Tag.
9. Februar 1940 Swinemünde
Ho ruck! Ho ruck! Wir fahren wieder. Aber es wird noch einmal Abend, ehe wir es vollends geschafft haben. Als fünftes Boot reihen wir uns in das Päck- chen unserer Flottille ein und sind wieder dort, wo wir normalerweise hingehören. Wir liegen noch nicht richtig fest, und schon beginnt die Kletterei von einem Boot zum ändern. Die Kameraden haben sich so lange nicht gesehen, und jeder hat doch auf jedem Boot einen oder mehrere Kumpane, auf die er besondere große Stücke hält und die er jetzt schnellstens einmal besuchen muß. Darüber aber wird es wieder Nacht, bzw. Morgen.
10. Februar 1940 Swinemünde
Wir liegen in Bereitschaft und sollen wieder auf Position. Der Wetterbericht und die Eisverhältnisse sind indessen so ungünstig, daß an ein Auslaufen vorläufig nicht zu denken ist. Sogar der Hafen ist gänzlich vereist, und der Schiffsverkehr ruht fast vollständig. Nur ganz selten zwängt sich einmal ein Eisbrecher aus alter Gewohnheit die Fahrrinne entlang. Sonst aber ist alles still und erstarrt. Das einzig Bewegliche befindet sich im Leuchtturm. Abend für Abend und Nacht für Nacht schickt er seine leuchtenden Strahlenbündel in die Runde. Alles andere aber hat der Winter in Fesseln gelegt. Zeit und Leben stehen still.
11. Februar 1940 Swinemünde
,,Kernfest und auf die Dauer", so heißt es im Lied vom Winter, und dieses Jahr trifft es auch zu. Zwar werden die Tage schon länger und lichter, aber die linden Lüfte sind noch nicht erwacht, und das Thermometer zeigt mit seltener Beharrlichkeit täglich seine 14, 16 und auch 18° Kälte an. Der Hafen ist wie ausgestorben. lmmer seltener frißt sich ein dickköpfiger Eisbrecher durch die zähen Eismassen. Auf unseren Booten ist das Leben auch ausgestorben. Eingefroren und starr liegen sie an der Pier, fünf Boote, eng aneinandergeschmiegt, als wollten sie sich gegenseitig wärmen. Zwei dicke Heizschläuche verbinden uns mit dem Heizkanal an Land und ziehen sich quer über die Boote. Sie bilden eine herrliche Gelegenheit, nachts darüber zu stolpern und Hals und Beine zu brechen, aber es geht ja kaum noch jemand an Land. Die Kälte hemmt die Lebensgeister und Swinemünde auch. In Swinemünde bleibt doch immer alles nur Wunsch, Erfüllung ist Stettin. So hocken wir denn lieber im Boot, selbst auf die Gefahr hin, daß wir dabei einrosten. Aber so groß ist die Gefahr auch nicht. Jeder Tag hat seine Forderungen und stellt seine Aufgaben. Man geht seine Wache und nebenbei fallen immer noch Reparaturen an. Wenn man will, ist immer etwas entzwei. Dann müssen der SOS-Raum und die Pumpen aufgetaut werden. Man möchte Schnee schippen, das Deck fegen und Sand streuen. Dafür sind dann die Abende umso angenehmer, wenn man im warmen Deck um die Back hockt und draußen das Eis vor Kälte knackt und stöhnt. Und jeden Abend werden die Sitzungen länger und anstrengender. Man glaubt gar nicht, wie weit man Zeit und Menschen ausdehnen kann.
13. Februar 1940 Swinemünde
Eine Sehenswürdigkeit ist in diesen Tagen die Swinemünder Hafenmole. Sie ist zu einem riesigen Schnee- und Eiswall geworden und lockt uns schon lange. Heute nachmittag statten wir ihr einen Besuch ab. Dabei brechen wir oft bis zur Hüfte in den hohen Schneewehen ein. Dann wieder robben wir auf allen Vieren auf dem vom Sturm blankgefegten Eisbrocken entlang. Es ist fast so romantisch wie am Nordpol. Trotzdem sind wir froh, als wir endlich die äußerste Molenspitze erreicht und unter Schneehöhlen den Eingang zum Bunker gefunden haben, in dem eine Handvoll Flaksoldaten an ihrer Kugelspritze Wache halten. Sie freuen sich über den seltenen Besuch und über die willkommene Abwechslung. Beobachtungen und Erinnerungen werden ausge-tauscht. Darüber vergeht die Zeit und erst in der Finsternis tasten wir uns wieder zurück in die wohlige Wärme unseres Bootes. Ich möchte kein Flak- soldat sein. Die Flaksoldaten wieder wollen nichts von Schiff und Wasser wissen. So hat jeder seinen eigenen Schwarm.
14. Februar 1940 Swinemünde
Nun sitzen wir hier und warten auf den Frühling, auf vernünftiges Wetter und eisfreies Wasser. Warten zehrt; denn es lebt sich schlecht von einer mageren Gegenwart und von Tagen und Wochen, die gleichsam stille stehen. So leben wir denn viel von Erinnerungen oder nehmen Anleihen bei der Zukunft, aber auch das sind Dinge, die sich mit der Zeit aufbrauchen.
15. Februar 1940 Swinemünde
Unser Rudergänger, Matrose II Artur Rohder hat sich einen Bandwurm zugelegt. Der Bandwurm ist ein liebes, zahmes Haustier. Wer kann, soll sich einen anschaffen. Er macht sich immer nützlich und bezahlt. Man kann die größten Schläge stauen und wird nie dick. Darüber hinaus hilft er einem gern in kritischen Lebenslagen. Trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, wurde Artur Rohleder ins Lazarett überwiesen. Dies aber ließ wieder unseren Kameraden ohne nähere Herkunftsbezeichnung, - wir nennen ihn nach dem bekannten Lied ,,Nie sollst du mich befragen", nur noch ,,Tannhäuser", nicht ruhen. Im Handumdrehen besaß auch er ein solches Tier, bzw. wollte es besitzen. Da es aber sehr verschämt, scheu und zurückhaltend war, konnten es die Ärzte auch nach dreitägiger Kur nicht zu Gesicht bekommen und keine positive Diagnose stellen.
Umgekehrt aber genügte diese kurze Spanne Zeit unserem Patienten ,,Tannhäuser" vollauf; denn er hatte sich in diesen wenigen Tagen durch allerhand Hilfeleistungen wie Öfen anheizen, fegen und verschiedene andere Handreichungen im wirtschaftlichen Sektor dieses medizinischen Betriebes als so tüchtig erwiesen, daß das Lazarett nicht mehr auf die tatkräftige und umsichtige Hilfe dieses jungen Intellektuellen verzichten konnte und wollte. Es forderte ihn bei der 13. Vorpostenflottille an. So wurde er über Nacht zum Assistenten des heiligen Äskulap. Wir aber wurden unseres interessantesten Mannes beraubt. Daran änderte auch die verspätete Warnung unseres Eins WOs, daß die Nachahmung und Imitierung von Bandwürmern strafrechtlich verfolgt wird, nicht das geringste. Es gibt eben auch bei der Kriegsmarine noch Männer, die gewohnt sind, ihr Schicksal in die eigene Hand zu nehmen und die ein neues und besseres Kommando zur Not auch mit Hilfe eines Bandwurms zu erzwingen wissen. Und das sollen nicht die Dümmsten sein!
16. Februar 1940 Swinemünde
Die Schönheit der Winterlandschaft und der Zauber des vereisten Meeres lockten uns wieder hinaus. Wir nahmen Kurs auf die See, kletterten über die verschneite Düne hinweg und über die von der Brandung aufgetürmten riesigen Eistafeln und -blöcke. Nach Überwindung dieser winterlichen Höhenzüge ging es dann auf spiegelglatter Eisfläche hinaus auf die See. See ist dabei allerdings nicht ganz der richtige Ausdruck; denn wir waren bereits eine halbe Stunde gelaufen, aber noch immer erblickte das Auge, so weit es auch suchend in die Runde schweifte, nichts anderes als riesige Flächen starren, weißen Eises. Man hatte den Eindruck, als könne man über die ganze Ostsee bis nach Schweden hinüberlaufen. Auch der Wetter¬bericht meldet von überallher das gleiche Bild.
Zum ersten Male seit Jahren ist auch der Große Belt zwischen Seeland und Fünen wieder einmal zugefroren. Inmitten dieser schneeigen Weite und der erdrückenden Einsamkeit überkam uns bald ein Gefühl des Unbehagens. Ein leises Grauen vor dem Alleinsein auf dem weiten Eisfeld kroch in uns hoch. Wir wendeten deshalb und suchten wieder das feste und sichere Ufer auf. Eis ist immer ein trügerischer Aggregatzustand. Immerhin wird er noch einige Zeit anhalten, und an ein Auslaufen ist vorerst nicht zu denken.
17. Februar 1940 Swinemünde - Stettin
Die Erkenntnis, daß die Eisverhältnisse z. Z. ein Auslaufen nicht gestatten, hat sich mittlerweile auch in der Flottillenführung durchgesetzt, und um die Zeit nicht ganz nutzlos zu vertun, hat man uns noch einmal eine längere Werftliegezeit zugebilligt. Wir wenden deshalb unsere Boote und fahren, von fünf Eisbrechern eskortiert, wieder nach Stettin zurück. Von 10 bis 18 Uhr dauert die Fahrt. Die Freude, wieder in Stettin zu sein, ist groß. Leider gießt uns der Kommandant im anschließenden Appell viel Wasser in den Wein unserer Begeisterung. Es gibt keinerlei Urlaub, und die Stimmung sinkt noch einmal um einige Grad, als wir erfahren, daß es sich dabei um eine Spezialbeschränkung für unser Boot handelt. In frommer Eintracht dazu steht die vom Stand- ort neuerdings verfügte Urlaubsreglung. Danach ist der Zapfenstreich auf 22 Uhr festgesetzt worden, für Unteroffiziere und Soldaten über 30 Jahre auf 24 Uhr. Die Gaststätten sind auch nur noch von 18 bis 22 Uhr geöffnet.
Mit dieser Beschneidung der Freizeit und der Einschränkung der Freuden sind wir gar nicht einverstanden, und es sind Verhandlungen im Gange, die zu- mindest für Frontkommandos einen längeren Standorturlaub erwirken wollen. Besonders der Kommandant des Vp.Bootes 1302 will in dieser Sache schärf- sten Protest einlegen und notfalls ebenda mit seiner Mannschaft dienstlich an Land gehen, und dem Dienst sind ja bekanntermaßen zeitlich keinerlei Grenzen gesetzt. Ich halte diesem Protest auch für berechtigt; denn draußen auf See schickt uns auch kein Mensch um 22 Uhr ins Körbchen, und ausschlafen können wir, wenn einmal so oder so, alles vorüber ist.
...das liest sich wirklich gut - bei 30° im Schatten :-D
Nur schade, dass das Copyright immer middemang im Bild ist :|
Grüße Ronny
Wieder sehr informativ geschildert........ top
Zitat von: Seekrieg am 26 August 2011, 14:33:35Der erste Dampfer ist ein Schwede, etwa dreimal so groß wie wir. Dicht zwängen wir uns an ihm vorbei. Seine Besatzung hat den Kampf mit dem Eis aufgegeben, steht an Deck und schaut zu, wie wir uns mühsam abquälen. Vorige Woche sind sie in Malmö ausgelaufen und seit Sonntag, den 15., sitzen sie hier schon fest. Ob wir Brot übrig hätten, fragen sie. Wir reichen ihnen 29 Stück hinüber.
Mal eine Frage, bis wann im WKII haben schwedische Schiffe denn deutsche Häfen zum Handel treiben angelaufen ?
:MG:
Manfred
Hallo,
mit Schweden hatte das D. Reich ja keine Probleme. Ich kann nur vermuten, daß die Güter wegen der Gefahren nur noch mit deutschen Frachtern transportiert wurden. Im Tagebuch ist dazu nichts weiter vermerkt
J.
zu Schweden....
Bis Ende 1944 liefen die Beziehungen Schweden ./.Deutschland ganz normal ( das genaue Datum habe ich zuhause) dann erließ die schwedische Regierung an einen Nachmittag u.a. das Ausfuhrverbot für die vielen deutschen Handelsschiffsbauten in Schweden. Der Handel mit bestimmten Waren wurde zwar verboten und deutsche Schiffsbesatzungen durften z.B. in schwedischen Häfen nicht mehr von Bord.
Die immer gefährlicher werdenen Besuche deutscher Gewässer erhöhte die schwedische Kriegsversicherug dermassen das fast alle Fahrten für die schwedischen Reeder total unrentabel wurden und somit der Handelsverkehr schon so zum erliegen kam:
Ganz zu Ende des Krieges durften aber wohl deutsche Häfen nur noch in Notfällen angelaufen werden.
Gruß
Theo
Vielen lieben Dank, die letzten 2 Berichte haben mir den Start ins Wochenende versüßt. :-)
57 Seiten (inklusive Bilder) ist der Bericht nun schon stark. Fast schon ein kleines Buch. Du solltest es binden lassen und für ein paar Euro verkaufen!
Insbesondere freue ich mich über die Detailbilder, da ich als technologischen Versuchsträger als nächstes Modellbauprojekt ein Vorpostenboot aus dem zweiten Weltkrieg bauen möchte - den entsprechenden Rumpf habe ich schon.
Gruß
Sebastian
Hallo Sebastian,
als Modellbauer (Plast 1:72, Dampfmaschine usw.) freue ich michbesonders über Dein Vorhaben. Deshalb greife ich mal in die "Detailkiste". Möglicherweise helfen Dir ein paar Maße weiter:Vp.Boot 1304
...Unser Schiff hat bei einer Länge von 45 Metern, einer Breite von 7,50 Metern und einem durchschnittlichen Tiefgang von 3,15 Metern 330 Brutto-Register-Tonnen. (Netto-Rauminhalt 125,26 Register-Tonnen = 354,5 m³) Es wurde 1928 als Fischdampfer im Auftrag der ,,Nordsee", Deutsche Hochseefischerei Bremen/Cuxhaven AG Bremen, für rund 350 000 M gebaut, auf den Namen ,,Eisenach" getauft. Eine mittschiffs untergebrachte Dreikolben-Heißdampfmaschine mit zusätzlicher Turbine leistet 780 PS. Damit erreicht das Schiff bei 112 Schraubenumdrehun- gen in der Minute eine Stundengeschwindigkeit von reichlich 11 sm. Die vierflüglige Schraube hat einen Durchmesser von 2,20 m.
Die Aufbauten sind ebenfalls mittschiffs und enthalten die Brücke mit dem Kartenhaus und die Funkstation. Daran schließen sich der Dom, die Maschinenoberlichter und die Kombüse an. Überragt werden die Aufbauten von dem mächtigen Schornstein von 7 m Höhe und den beiden 16 m hohen schlanken Masten. Am vorderen klebt in halber Höhe das klotzige Auge des Scheinwerfers. Der Anstrich des Bootes ist einheitlich grau. Die Armierung besteht aus einer 2 cm-Flak, die achtern postiert ist, einem schweren MG auf der Back und einigen Handfeuerwaffen, die auf der Brücke untergebracht sind. Die Besatzung besteht z. Z. aus dem Kommandanten, 18 Mann seemännischen und 12 Mann technischen Personals. ...
Als Funker, der mit Lötkolben, Blechschere u.a. umgehen konnte, hatte uns Vater während der langen Stunden auf See mehrere Modelle gebaut, u. a. ein Vp.Boot. 2 Generationen überstanden sie aber nicht!
Die Idee mit dem Buch habe ich schon lange, vor allem, weil es über 100 Schreibmaschinenseiten sind (nur 1304)! Aber die Verlage haben kein Interesse. Früher in der DDR waren die Russen die Helden. Da gab es genügend Bücher. Heute, na ja! Wie heißt der Spruch von Montgomery? "Die Geschichtsschreibung ist der zweite Sieg der Sieger über die Besiegten!" Außerdem, es wird ja kaum noch gelesen und die interessierten alten Kameraden verabschieden sich. Leider!
Also, viel Erfolg beim Bau.
Mit Modellbauergruß
Jürgen
Zitat von: Seekrieg am 27 August 2011, 13:49:06
Daran schließen sich der Dom, die Maschinenoberlichter und die Kombüse an.
Jürgen
Hallo Jürgen ( Seekrieg),
der Dom , was war das? Und ist Dir der Dienstrang des Kommandanten bekannt ?
Zitat von: TD am 26 August 2011, 19:52:59
zu Schweden....
Bis Ende 1944 liefen die Beziehungen Schweden ./.Deutschland ganz normal ( das genaue Datum habe ich zuhause) dann erließ die schwedische Regierung an einen Nachmittag u.a. das Ausfuhrverbot für die vielen deutschen Handelsschiffsbauten in Schweden. Der Handel mit bestimmten Waren wurde zwar verboten und deutsche Schiffsbesatzungen durften z.B. in schwedischen Häfen nicht mehr von Bord.
Die immer gefährlicher werdenen Besuche deutscher Gewässer erhöhte die schwedische Kriegsversicherug dermassen das fast alle Fahrten für die schwedischen Reeder total unrentabel wurden und somit der Handelsverkehr schon so zum erliegen kam:
Ganz zu Ende des Krieges durften aber wohl deutsche Häfen nur noch in Notfällen angelaufen werden.
Gruß
Theo
Danke Theo,
Da ich über keine genauen Informationen verfüge kann ich den verschiedenen Thread`s nur entnehmen das es Dir im Augenblick nicht sonderlich Gut geht, daher wünsche ich Dir eine baldige Vollständige Genesung!
:MG:
Manfred
Hallo,
Deine Fragen kann ich leider erst später nach dem Urlaub beantworten, da ich nicht das ganze Material dabei habe.
Gruß Jürgen
20. Februar 1940 Stettin
Die Wehrmachtsstreife hat gewechselt. Weniger geistreiche und intelligente Leute versehen jetzt das schwere und verantwortungsvolle Amt. Franz fuhr gestern schon die erste Ramming mit ihnen. ,,Ich hatte so meinen Törn", berichtet er, ,,weißt du, so von einer Gaststätte zur anderen und war eben im Mokkastübchen hinter einem Glas Bier gelandet. Da kam die Streife. Nun weiß ich nicht mehr genau, war nun meine Ehrenbezeigung nicht zackig genug oder habe ich doch ein kleines bißchen gewackelt. Jedenfalls fragte mich der Streifenführer: ,,Wieviel Biere haben Sie denn schon?" Ich tat natürlich ganz entrüstet. ,,Ich habe mir eben erst eins bestellt", sagte ich, ,,nicht wahr, Herr Ober?" Der Ober erschien als Kronzeuge und bestätigte meine Aussage. ,,In einer halben Stunde kommen wir wieder", meinte dann der Feldwebel. ,,Bitte", antwortete ich, ,,da bin ich aber möglicherweise nicht mehr da. Da sitze ich wahrscheinlich in dem Lokal nebenan." Daraufhin ließen sie mich dann in Ruhe und zogen ab. Ich ging aber dann auch und suchte mir ein störungsfreies Lokal. Das war nicht ganz einfach; denn in Stettin gibt es z. Z. ganze 72 Lokale, die für Wehrmachtsangehörige verboten sind, aber ich dachte, bes¬ser ist besser. Bei der bösartigen Sturheit dieser Wehrmachtstreifen muß man damit rechnen, daß sie einem noch einmal über den Weg laufen, und ob man dann noch so friedlich ist, das weiß man im voraus nie genau." Nein, das läßt sich schwer berechnen. Auch die Friedfertigkeit hat ihre Grenzen.
21. Februar 1940 Stettin
,,Wenn es dem Esel zu wohl wird, geht er aufs Eis tanzen oder gibt dem Alten Kontra." Die alte Weisheit mußte sich Hans heute von Jakob Visser sagen lassen, weil Hans immer Widerpart gab und infolgedessen mit dem Kommandanten in Kollision geriet. ,,Eure Rede sei: Ja, ja; nein, nein. Was drüber ist, das ist von Übel." Im übrigen ist das alles halb so schlimm. Kleine Meinungsverschiedenheiten kommen in jedem Betrieb und selbst in den besten Familien vor. Das ist ein Teil vom Allzumenschlichen. Manchmal gibt es bereits schon früh solche kleinen Reibereien, wenn unsere Nummer Eins zum Aufstehen pfeift und sein Weckruf ertönt: ,,Seemann! Seemann! Reise, Reise, nach alter Seemannsweise! Lüft an das Kätchen! Hoch das Bein! Ein jeder muß der Erste sein; kommt hoch ihr müden Leiber! Der Bäcker von Laboe ist da. Komm hoch, Seemann! Reise! Reise! Aufstehen!" Ist er recht freundlich, dann stehen wir auch gleich auf und sparen ihm die Hälfte der Litanei. Setzt er aber seine strenge, zivile Postschalter-Beamtenmiene auf, dann muß er noch einmal wecken kommen, vorsichtig natürlich und mit Bedacht; denn nicht umsonst hat Walter Grabs an seine Koje geschrieben: Vorsichtig wecken! Bin leicht erregbar! Der Morgen hat nun einmal seine kritischen Momente und mit recht heißt es im Sprichwort: Aller Anfang ist schwer, auch der vom Tage. Dafür sind wir aber abends umso freundlicher, auch zu unserer Nummer Eins, und das weiß er und so drückt er manchmal beide Augen zu.
22. Februar 1940 Stettin
Was unser Koch Franz Pellin auf den Tisch bringt, das schmeckt immer gut. Nur für sein berühmtes Labskaus kann ich mich nicht begeistern, obwohl andere Kameraden diese graue Masse mit Vorliebe und in rauhen Mengen vertilgen.
Was ist Labskaus? Labskaus ist eine Art norddeutsches Nationalgericht, ein ausgesprochenes Seemannsfutter und entspricht ungefähr dem, was wir zu Hause schlicht und einfach Kartoffelmus, bzw. Püree nennen. Laut Kochbuch setzt sich dieser Gaumenkitzel wie folgt zusammen: Man schneidet Fisch in kleine Stücke, stellt es mit Salz und Zitronensaft hin, dünstet es dann in Speck und Zwiebeln gar. Das Ganze gibt man zu zerstampften Salzkartoffeln, verdünnt das Gericht mit Brühe oder Wasser und schmeckt es mit Salz und Pfeffer ab. Zum Schluß mischt man kleingeschnittene Salzgurken unter das Gericht. Es ist immerhin möglich, daß diese Definition stimmt. Trotzdem kann ich dieses Menü privat nur als Aufwaschgericht bezeichnen; denn wie man beim Aufwaschen und Geschirrspülen zuerst einmal alle Töpfe leert, so schüttet auch Franz zunächst sämtliche Essensreste und Küchenüberbleibsel der vergangenen Woche in eine große Tonne, bindet dieses billige Kombüsenspreu dann mit etwas flüssigem Kartoffelmus an und nennt das Ganze hoch- trabend und gottesfürchtig Labskaus.
Dieses Gericht gilt als vorzüglich, wenn die Geschmacksrichtungen so gemengt sind, daß bei einem Gabelbissen, gleichzeitig der Zunge eine Handvoll Kartoffelmus, den rechten Backenzähnen Heringsreste und der linken Kaumuskulatur Rindfleischbrocken zugeteilt werden und wenn außerdem am Gaumen ein Scheibchen saure Gurke kitzelt. Über den Geschmack läßt sich streiten, besonders natürlich mit Kochkünstlern und Meistern des Geschmacks, und zu ihnen gehört unser Franz Pellin. Er hält sich an das BibeIwort: Was Gott tut, das ist wohlgetan, und was ich koche, das schmeckt gut!
23. Februar 1940 Stettin
Es schneit und stürmt. Mit Hans mache ich es mir in unserem Funkraum bequem. Hier sitzt es sich ruhig und gemütlich, und gestört werden wir auch nicht; denn noch keiner hat das kleine Emailleschildchen am Schott zu unserem Funkraum abgeschraubt, daß die Reederei in früheren, friedlichen Zeiten hat anbringen lassen. Ein zackiger Blitz ist darauf, und darunter steht: Vorsicht Hochspannung: Zutritt streng verboten! Die Direktion. Es hat mithin auch heute noch Gültigkeit und wird von den meisten auch vorsichtshalber respektiert. So ist man hier oben meist allein, mit sich und mit seinen Gedanken.
Im Kartenhaus schnarcht´s. Das war nicht ausgemacht, aber es geht auch so. Jakob Visser ist´s. ,,U.v.D. soll ich heute spielen", meinte er vorhin. ,,Du weißt Bescheid", und damit legte er sich nebenan auf die lange Bank im Kartenhaus. Es schläft sich gut dort. Die Bank ist gepolstert, und höchst selten kommt jemand zu uns herauf auf die Brücke, und wenn, dann weiß ich eben Bescheid. Ehe jemand die eiserne Stiege und den Gang zur Brücke vorge-kommen ist, habe ich ihn längst gehört und Jakob geweckt. Er wird einen U.v.D. abgeben, der in bezug auf Wachsamkeit und soldatischem Schneid schwer zu überbieten ist, und darauf kommt es ja an.
24. Februar 1940 Stettin
Franz T. ist H.v.D. Einsam und versonnen sitzt er im Heizraum vor den Kesseln. Die Kameraden sind wieder an Land gegangen. Ich will ihm ein Weilchen Gesellschaft leisten, klettere die steile Leiter hinunter und nehme neben ihm auf einer alten Kiste Platz. Schwarz türmen sich um uns die großen Haufen Kohlen, die aus den Bunkern nachgerollt sind. Schaufel und Poker stehen daneben. Vor uns glühen rot die Feuer unter den drei mächtigen Kesseln. Ihr heißer Atem weht herüber. Mechanisch hackt die Speisewasserpumpe, und nervös zittern die Zeiger der Manometer über uns. Franz hat sie alle im Auge. Er kann das; denn er schielt etwas und ist deshalb für diesen Posten der geeignete Mann. Wir klönen. Viel haben wir uns ja nicht zu sagen. Wir erleben doch beide dasselbe, und unsere Gedanken sind auch dieselben, aber vielleicht kann mir Franz manches aus seinem Bereich erzählen; denn hier unten im Heiz- und Maschinenraum bin ich Laie.
Wir quetschen uns durch das enge Schott hinüber in den Maschinenraum. Fettig glänzen die geputzten Flurplatten. Satter Öldunst steigt in die Nase, aber sonst herrschen auch hier die Ruhe und Gelassenheit des Werftbetriebes. Still stehen jetzt die vier großen, schwenkbaren Zylindertöpfe. Stumm und untätig langen aus ihnen die starken Kolbenstangen heraus und stützen sich schwer auf die mächtige Kurbelwelle, die sich als Schraubenwelle bis zum Heck fortsetzt und die schwere, vierflüglige Schraube trägt. Matt spiegelt sich im dunklen Öl der Bilch der blanke Stahl der Welle. Und stark ist sie, fast wie Mutti in der Hüftgegend. Daß sich dieser Koloß überhaupt zu drehen vermag! Als unser Boot im Dock lag, haben wir uns ein-mal mit fünf Mann an einen Flügel der Schraube gehängt, aber selbst dann rührte sie sich nicht von der Stelle. Welch ungeheure Kraft muß doch im Dampf stecken, der solche Mas-sen in Bewegung setzt und auf Touren hält. Durch ein krauses Gewirr von Dampfrohren und -leitungen wird er den oszillierenden Zylindern zugeführt. Eine Serie bunter Ventilräder davor regelt den Pulsschlag der Maschine.
Zur Linken strahlt das blanke Messinggehäuse des Maschinentelegrafen. Der Zeiger, sonst gewöhnt in hastigen Sprüngen auf der Skala mit den einzelnen Fahrtstufen hin- und herzueilen, verweilt jetzt beharrlich auf Stopp. Gleichfalls auf Null stehen der Umdrehungs- und Fahrtanzeiger. ,,Wenn wir AK fahren", belehrt mich Franz, ,,macht die Schraube 107 bis 108 Umdrehungen in der Minute und dann laufen wir gut unsere zehn Seemeilen."
Die sechs Sprachrohre und die Signalglocken dienen ebenfalls der Befehlsübermittlung. Einmal klingeln bedeutet zehn Umdrehungen mehr, zweimal zehn weniger. Dieses Handrad hier führt zur Umsteuerungsmaschine und ermöglicht den Vor- und Rückwärtsgang, und das kleine Ding da ist die Zirkuline. Sie arbeitet mit 2,5 Atmosphären. Hier brummt der Generator", erklärt Franz weiter und führt mich auf die Backbordseite. ,,Er versorgt uns mit elektrischem Strom, wenn wir die Feuer aus haben, und das wird voraussichtlich schon morgen der Fall sein, dann übernimmt der Diesel daneben diese Arbeit. Nun will uns die Werft noch einen zweiten Diesel mit Generator einbauen; denn wenn die Scheinwerfer eingeschaltet werden, dann schafft es unsere alte E-Maschine nicht mehr. Es greift eben eins ins andere." Wir wandern wieder in den Heizraum zurück. Franz kontrolliert Wasserstand und Dampfdruck und wirft ein paar Schaufeln Kohlen auf. ,,So", meint er, ,,nun habe ich wieder eine ganze Weile Ruhe. Draußen auf See müssen wir anders ran. Da wandern gewöhnlich 6 bis 7 Tonnen pro Tag über die Schaufel. ,,6 Tonnen? Das wären 120 Zentner? Damit langen wir zu Hause gut zwei Jahre, und unser Boot frißt diese Menge an einem einzigen Tage. Kostspielige Angelegenheit! Ich bin noch lange bei Franz sitzen geblieben. Wir haben ein paar technische Probleme gewälzt und über dies und das gesprochen. ,,Früher genügte es, ein tapferer Soldat zu sein", meinte Franz zum Schluß, ,,aber heute möchte man, um bestehen zu können, neben dem Mut noch eine gute Portion technisches Wissen und handwerkliches Können mitbringen. Heutzutage ist das Kriegführen eine technische Angelegenheit. Pfeil und Bogen tun´s nicht mehr!
25. Februar 1940 Stettin
Die vier jungen Heizer, die vor etwa drei Wochen zu uns kamen, haben sich recht gut bei uns eingelebt. Zwar haben wir sie hier und da noch etwas zurechtbiegen müssen, aber jetzt sind sie Kameraden, wie wir sie uns nicht besser wünschen können. Einer von denen ist der Hamburger Heinz B., die Ruhe und Gelassenheit selbst. Noch hat ihn keiner einen Schritt rennen sehen, unvorstellbar ist uns allen, wenn Heinz einmal ein Mädchen haben sollte. ,,Du wirst selbst in der Hochzeitsnacht nicht zurechtkommen", hän-selte ihn heute Konrad Fischer, ,,und noch beim Bluseaufknöpfen sein, wenn die Sonne schon wieder hoch am Himmel steht."
26. Februar 1940 Stettin
Die Kälte halt unvermindert an. Wenn das Thermometer wirklich einmal nur -5° C anzeigt, glaubt man schon, es wird Frühling, und dann erweist es sich als Falschmeldung. Einige Kameraden sind krank. Die Grippe geht um. Gefährlicher in¬dessen erscheint mir noch das Werftirresein zu sein, das nach wie vor den größten Teil der Besatzung erfaßt hat. Gefährlich nenne ich das Werftirresein deshalb, weil es in seinen Anfangssymptomen schwer zu erken-nen ist und sich im Endstadium kaum noch überblicken lässt. Es wird hervorgeru¬fen durch das Gewühle des Werftbetriebes, das dauernde Pochen, Hämmern und Rumoren, durch die Passivität und den Anblick der abgetakelten und auseinandergenommenen Umgebung. All diese Umstände und das dauernde ,,in-der-Luft-hängen", färben ab und verursachen dann eine analoge geistige Einstellung und einen Gemütszustand, der ähnliche Auflockerungen aufweist. Planlos irrt man umher, immer ist man auf der Suche nach neuen Abwechslungen und unterhaltenden Abenteuern. Trotzdem findet man weder an Bord noch an Land Befriedigung und Ruhe. Man dreht neue Bolzen, haut über den Zapfen, geht gerade und krumme Wege, aber die latente Miß- stimmung bleibt, der Rapport auch. Und schließlich gleitet die Entwicklung mit dem Auftreten akuter Anfälle von Zerstörungswut langsam ins chronische Fahrwasser über. Unter diesen bedenklichen Vorzeichen machten sich heute auch Funkmaat Hans und sein Funkgefreiter zum Landgang fertig. Sie zogen wieder zur Stadt, auf daß sie sich zerstreuen ließen. In den niedrigen Räumen des ,,Mokkastübchens" berauschten sie sich zunächst auftaktgemäß am Neuen und tranken ein paar Gläser Grog. Dann wechselten sie hinüber in ein besseres Café mit Kabarett, Musik und Tanz. Jetzt ist am Eingang etwas los. Was? Ja, was? Der ganze Saal reckt schon die Hälse. Hans hat es zufällig beobachtet. Neue waren angekommen, auch einige Kameraden von der Marine. Einer von ihnen hat einen besseren Herrn vom Heer nicht ganz vorschriftsmäßig und exakt genug gegrüßt. Er muß noch einmal zurück und den Gruß ordentlich wiederholen. Tollpatschig so etwas hier im Lokal, in dieser öffentlichen Weise zu ahnden. Und selbst wenn unsere soldatischen Manieren draußen auf See etwas gelitten haben und nicht mehr ganz kasernenhofrein sind, so ließ sich dieser militärische Fehltritt auf andere Art und Weise aus der Welt schaffen. Peinlich ist das. Der ganze Saal ist aufmerksam geworden.
Die Neuen nehmen in unserer Nähe Platz. Der Gemaßregelte aber segelt quer über den Saal zur Kapelle. Eben verhandelt er mit dem Dirigenten. Ich möchte gern wissen, was er dort will. Die Musik setzt ein, zwei, drei Takte. Jetzt wissen wir Bescheid. Er revanchiert sich mit einem Schlager. ,,Bravo!" ruft es aus einer Ecke des Saales. Schon stimmen einige ein und bald singt alles im Rhythmus der Kapelle mit: ,,Das kann doch einen Seemann nicht er-schüttern, keine Angst, keine Angst Rosmarie!" - Ein Stuhl ist leer geworden.
Unterdessen komme ich mit einem Unteroffizier vom Heer, der mit an unserem Tisch sitzt, ins Gespräch. Wir erörtern die Kriegslage und politisieren. ,,Wir sind jetzt alle mit holländischen Landkarten ausgerüstet worden", erzählt er und orakelt etwas von einer möglichen Offensive in diesem Raum. Ich will es ihm nicht glauben. Es wird zu viel ge¬sprochen und noch mehr phantasiert, und das meiste reimt sich nicht. Auffällig ist jedoch, wie gut unterrich-tet meist die jungen Mädchen sind. Sie wissen genauer als wir, welche Schiffe hier im Hafen liegen, was aus- und einläuft und eventuell geplant ist. Eine Fahrlässigkeit ist in dieser Beziehung eingerissen, an der der feindliche B-Dienst seine helle Freude haben wird.
2. März 1940 Stettin
Hättest auch an Bord bleiben können, mußte ich gestern abend denken, als ich durch die Finsternis stapfend, heimkehrte. Es war ein herrliches Rund- funkprogramm. Laut und vernehmlich klang es von dem Rauboot an der Pier herüber. Eine Koloratur jagte die andere. Ich blieb stehen und lauschte. Schließlich trat Ruhe ein und dann ein Stimmengewirr. Radio ist das aber auch nicht, sagte ich mir. Das interessierte mich nun einigermaßen. Ich ging dicht an das an der Pier liegende Boot heran und riskierte einen Blick durch ein halbgeöffnetes Bullauge. Eben ging der Singsang wieder los, diesmal im Chor. Geschunkelt wurde auch, und mitten zwischen den Kameraden saßen fesche Blondinen, und der Käpt´n war auch dabei. Das war ein Remi-Demi!
,,Wie bringen sie nur jetzt noch die Mädels an Bord, wo es doch so streng verboten ist und die Werftpförtner ebenfalls Anweisung haben, genaue Torkontrolle durchzuführen?" fragte ich heute morgen beim Frühstück. ,,Ach", antwortet Otto Seidler, und er ist auf diesem Gebiet Spezialist, ,,das geht alles. Auf 1308 haben sie dieser Tage abends zwei Mädel einfach in Uniform gesteckt, die Haare fein säuberlich unter die Mütze geschoben und dann sind sie mit vier Mann eingehakt und ein Lied auf den Lippen durchs Werfttor marschiert. In der Nacht sind doch alle Katzen grau. Die Blondinen vom Rauboot aber haben sie heute nacht über die Mauer gehoben." ,,Über die 2 m hohe Einfriedigung?" ,,Natürlich, das war doch erst der Hauptspaß. Kannst du dir nicht vorstellen, wie die gestrampelt haben?"
3. März 1940 Stettin
Ein Telegramm für Funkmaat Hell. ,,Helge ist da. Mutter und Kind wohlauf. Deine Magdalena." - ,,Gott sei Dank!" sagt Hans. Er ist schon fort zur Kantine; denn das ist ein Ereignis, das begossen werden muß. Das war ein schwerer Sonntagnachmittag. Ein Kasten Bier nach dem anderen rollte ins Deck, und zuletzt mußten wir uns gar noch vom Nachbarboot zwei Kisten Exportbier, das sind zweimal fünfzig Flaschen, ausborgen. So gut geht es uns! Gesang, Zerrwanst und Backsgeschirr sorgten für die lärmende musikalische Umrahmung. Darüber ist es Nacht geworden. Müde und bettschwer ist einer nach dem andern in die Koje gerollt. Still und leer ist es jetzt im Deck. Nur Walter Grabs klemmt noch als einziger beharrlich hinter der Back, aber die Augen in seinem roten Kopf blicken auch schon glasig. Wehmütig und unbeweglich hän-gen sie an den vielen leeren Flaschen auf der Back, ein untrügliches Zeichen, daß er scharf nachdenkt. Sicher plant er wieder einmal die Vergrößerung seines Betriebes ins Überdimensionale. In solchen Stunden fällt ihm das Denken und Unternehmen am leichtesten.
Wie in einer Kneipe am Morgen steht die stickige Luft grau und schwer im Raum, gelangweilt gähnen sich die leeren Bierkisten an und in den leeren Flaschen wohnt das Grauen. Mit langer Rauchfahne verglimmt im überfüllten Aschebecher die letzte Zigarettenkippe. Langsam sinkt nun auch Walter vornüber auf die Back, der allerletzte. Hans habe ich schon vor einer Stunde zur Ruhe gebracht. Es war schwer, den neuen, stol-zen Vater dazu zu bewegen, aber als ihn ein magenbeschwerender Druck zu darmbetrügender Tätigkeit an die Reling zwang, hakte ich ihn unter und schleppte ihn nach achtern in seine Kapsel. Er war schwer mitgenommen, sprach krauses Zeug und hielt den Mond für den Swinemünder Leuchtturm. Ich ließ ihn bei seinem Glauben und war froh, als ich ihn endlich im Korb hatte. Schwer und stöhnend wälzte er sich hin und her. Ich habe noch die Schlingerleisten hochgeklappt, damit er nicht herausfällt. Sicher ist sicher. Kinderkriegen ist nun einmal eine schwierige Angelegenheit. Mutter und Kind sind zwar wohlauf, aber dem Vater, dem geht's sehr schlecht.
5. März 1940 Stettin
So vergeht nun die Zeit, langsam, unwirklich und mit minimalem Nutzeffekt. Da war es doch, weiß Gott, auf See besser. Da gab es Bewegung, Leben und Erleben. Dort waren wir eine verschworene Gemeinschaft. Hier dagegen sieht an bereits wieder das schichtenweise Übereinander und manchmal treten, mit Ausnahmen natürlich, die oberen Zehntausend schon recht eckig; in Erscheinung. So macht sich denn langsam eine im¬mer größere Leere in uns bemerkbar. Sie muß ausgefüllt werden; denn nichts ist gefährlicher als das Nichts.
6. März 1940 Stettin
Es geschehen noch Zeichen und Wunder. Es gibt Urlaub!
11. März 1940 Dresden
Heute nachmittag besuchten uns einmal die Großeltern. Wir kamen aber vorerst nicht recht zum gegenseitigen Erzählen; denn Günter (5) benützte diese personelle Ausweitung sofort für seine Zwecke, brachte jedem einen Stuhl herbei und nun mußten wir uns nach seiner Anordnung in Reih und Glied setzen. Dann suchte er die Stäbe herbei, mit denen wir abends die Verdunklungspappen in den Fensterrahmen befestigen und band an jeden ein Taschentuch, einen Schal oder ein Handtuch, was eben gerade zur Hand war. Nun sollten es Fahnen sein, und die mußten wir in die Hand nehmen und schwenken. Nach diesen Vorbereitungen bestieg er einen Stuhl und hielt eine Rede, wie er sie in ähnlicher Form wohl im Rundfunk gehört hat. ,,Soldaten an den Rheinen", hub er an, ,,Soldaten im Westwall und ihr Soldaten auf den Schiffen! Jetzt ist Krieg. Da kommen die Flieger und da wird geschossen, und die Vatis schießen auch alle. Krieg ist nicht schön. Da sind die Muttis so traurig, und Günter ist traurig und Jürgen ist auch ganz traurig." - Er sprach eine ganze Zeit. Wir haben ihm still zugehört und hatten wohl alle die gleichen Gedanken.
12. März 1940 Dresden
Wohin man auch kommt und mit wem man auch immer spricht, alles wartet auf die große Entscheidung, die doch nun endlich kommen muß. Die erste Frage lautet danach, der erste Blick in die Zeitung gilt diesem Verlangen und der Nachrichtendienst wird hauptsächlich aus diesem Grunde erwartet und abgehört. Irgendwie muß es ja nun weitergehen.
Ein Kollege, den ich gestern sprach, brachte die augenblickliche Stimmung in der Heimat wohl am klarsten zum Ausdruck, wenn er sprach: ,,Man kann doch nicht ewig mit erhobener Faust stehen bleiben. Man muß auch einmal zuschlagen, noch dazu, wo jeder Muskel bis zum Zerreißen gespannt ist. Wartenkönnen mag gut sein und eine Kunst, aber, auch das zehrt am Körper eines Volkes."
Soweit die Meinung der Heimat. Die Front selbst hat keine, wenigstens keine offizielle, dazu ist ihr Menschen-Material zu labil, zu variabel. Natürlich sehnen sich alle nach einem baldigen Ende des Krieges, die Soldaten in den Bunkern des Westwalles, das Heer in den weiten Gefilden Polens, und auch wir wollen nicht noch einmal in Eis und Schnee vor Trelleborg liegen, wenn daheim die Kerzen am Weihnachtsbaum brennen und voll und schwer die Glocken klingen. Solche Wochen des Wartens und Harrens deprimieren. Sie kommen einer verlorenen Schlacht gleich, und mit solchen Dingen muß man vorsichtig umgehen.
19. März 1940 Stettin
Nun sind die schönen Tage vorüber. Heute früh traf von den Urlaubern einer nach dem andern wieder in Stettin ein. Verpaßt haben wir scheinbar nichts; denn wir liegen immer noch in der Werft und bauen, bauen. Vielleicht paßt das Heck doch nicht so richtig ans Vorschiff, weil es gar so lange dauert. Die Kameraden gehen weiterhin fleißig an Land und von Tag zu Tag steigt ihre Anwartschaft auf das Stettiner Ehrenbürgerrecht.
Franz hat unterdessen Wilhelm in die Zange genommen und preßt ihn nach seinen Urlaubs-erlebnissen aus wie eine alte Zitrone. ,,Wie war´s denn nun zu Hause", fragt er. ,,Schön." ,,Hattest du gute Zugverbindung?" ,,Ja." ,,Wann warst du denn zu Hause?" Gegen 19 Uhr abends." ,,Hat sich deine Frau denn recht gefreut?". ,,Ja." ,,Was hast du denn dann gemacht?" ,,Ich habe in aller Ruhe einmal Abendbrot gegessen." ,,So, und dann?" ,,Dann haben wir er-zählt." ,,Na, und was hast du dann gemacht?" ,,Dann bin ich schlafen gegangen". ,,Allein?" ,,Nein, meine Frau auch." ,,Na, - und dann?" ,,Dann habe ich das Licht ausgemacht." ,,So, und dann?" ,,Dann, war's finster." ,,Schade", resigniert Franz, ,,ich dachte schon, ich hätte von dir noch etwas lernen können."
22. März 1940 Stettin
Friedfertige laufen immer Gefahr von weniger Friedfertigen angegriffen zu werden. Diese Erfahrung mußte nunmehr auch unser Kamerad Wilhelm machen. Nachdem er dieser Tage erst, allerdings vergeblich, nach seinen Urlaubserlebnissen interviewt worden war, hat man jetzt einen fingierten Brief in Umlauf gesetzt, in dem sich seine Frau beim Kommandanten über die sittliche Abwertung ihres Gatten beschwert.
Er beginnt gleich nach den üblichen Einleitungsfloskeln mit der brüsken Frage: ,,Was haben Sie aus meinem Mann gemacht? Bevor Sie sich seiner im September vorigen Jahres bemächtigten", fährt dann die resolute Briefschreiberin anklagend fort, ,,war er ein Muster von einem Ehegatten. Heute dagegen erlebt man an ihm nur noch Enttäuschungen und zivilisationswidrige Lebensäußerungen. So entfernte er gleich nach seiner Ankunft mein teures Meißner Kaffeegeschirr und setzte statt dessen große Kaffeetöpfe, die er Mucken nannte, auf die Back, und damit meinte er wieder unseren guten, ausziehbaren Speistisch. Seine Klamotten, ein anständiger Mensch sagt Jacke und Hose dazu, knüllte er fest in den Kleiderschrank und sagte: Ich habe sie im Spind seefest verkeilt! Alles hat jetzt eine andere Bezeichnung und keine gute. Sogar unsere beiden Ehebetten, der Stolz meiner Ausstattung, heißen nur noch Kojen oder Körbchen. Gleich nach der ersten Nacht hat er außerdem an seinem Bett, bzw. seiner Koje, die beiden gegenüberliegenden Beine etwas gekürzt, so daß es jetzt unangenehm kippelt. Mein Wilhelm aber sagt, es müsse schaukeln, sonst könne er nicht filzen, worunter er schlafen versteht. Auch das Rauschen des Meeres will er nicht entbehren. Infolgedessen muß die ganze Nacht die Wasserleitung laufen und das Meeresrauschen vortäuschen. Kein Wunder, daß die Wasserrechnung nun höher ausfällt als das Kostgeld. ,,Dramatischer gestaltet sich am Morgen noch das Aufstehen. Erst pfeift mein Wilhelm ein paarmal durch die Zähne. Dann brummt er etwas wie Reise, Reise, erzählt von einem Bäcker aus Laboe, von Pier und nackten Frauen, von Sonne am Firmament, von Filzlaus rennt, lauter krauses und wirres Zeug. Dann springt er plötzlich aus seinen Bettkorb und steht stramm. Ich muß mich neben ihn stellen, und zuletzt werden noch unsere beiden Kinder und meine alte Mutter, die mit bei uns wohnt, nach der Decks- naht ausgerichtet. Nach der Vollzähligkeitsmusterung, so nennt er diese Schikane, wird der Dienstplan bekanntgegeben. Die Kinder dirigiert er in die Schule. Ich bekomme den Herd als Station zugewiesen und unsere in Ehren ergraute Omi muß die Decks feudeln. Mein Wilhelm aber legt sich unter-dessen auf die Couch und sagt, er wäre kaputt und brauche eine längere Liegezeit. Sie dauert gewöhnlich auch ein bis zwei Sunden nach Tisch. Dann sticht er mit mir in See. So bezeichnet er neuerdings unseren Nachmittagsspaziergang. Ich muß in seinem Kielwasser folgen. Im Zickzackkurs patrouilliert er durch die Straßen von Niederwalluch. Bald heißt es 2 Dez nach backbord, 4 Strich Steuerbord, hart Steuerbord, halbe Kraft, 6 Knoten. Es ist schreck- lich, mit ihm zu gehen. Man könnte heulen. Das darf ich aber auch wieder nicht; denn dann heißt es gleich, ich wäre eine Heultonne und die dürfe er nicht ansteuern. Dabei bin ich gar nicht so stark. Was mich etwas stämmiger erscheinen läßt, hat seine natürliche Ursache, und nicht ohne Grund spricht mein Wilhelm in sei¬nem schiffstechnischen Jargon von einem kleinen, auf Stapel gelegten Peter. So werden, wie mir mein Mann erklärte, doch die Schiffs-embryos genannt. Mit Vorliebe steuert mein Mann bei diesen Patrouillenfahrten natürlich sein Stammlokal an. Hier geht er vor Anker und übernimmt Proviant. Einmal trafen wir dort auch unseren alten, verdienten Hausarzt. Pietätlos begrüßte er ihn mit den Worten: Na, wie geht's, alter Leichenheini. Hast du viel Betrieb in deinem Schlunz? Ich war sprachlos und frage mich oft, ist das nun dein Wilhelm oder ist er's nicht. Er spricht so anders, er denkt ganz anders und er fühlt auch ganz anders. Am meisten aber macht mir die Sprache zu schaffen. Sie ist so sehr milieugebunden. Wenn ich z. B. auch weiß, daß ich die Stubentür schließen muß, wenn er ruft: Schott dicht!, so bleiben mir andere Redewendungen dagegen völlig verschlossen, und ich wäre Ihnen zu Dank verpflichtet, wenn Sie mir in dieser Richtung etwas unter die Arme greifen würden. So lagen z. B. eines morgens noch in unseren soge-nann¬ten Kojen. Da klingelt es einmal. Es war der Milchmann. Mein Wilhelm aber ruft sofort: Zehn mehr! Was muß man da tun? Und was bedeutet: Die Waschfrau zeigt von achtern klar! Was ist achtern? Was klar? Und was hat mein Mann mit einer Waschfrau zu tun? Sie sehen, Herr Kommandant, auch in einem Urlaub bleiben noch viele Fragen offen, und ich glau¬be, es ist nicht zu viel verlangt, wenn ich Sie deshalb, und hoffentlich nicht vergebens, um die nötige Auskunft bitte."
Dieser Brief, mit Schreibmaschine geschrieben, lag gestern abend in unserem Wohndeck auf der Back und wandert nun reihum von Mann zu Mann, er wird schmunzelnd gelesen, glossiert und weitergereicht. Es ist eine harmlose und aus dem augenblicklichen Leerlauf zu erklärende kameradschaftliche Foppe- rei. Anderseits zeigen diese Zeilen aber auch sehr deutlich, wie sich das neue Erleben, die jetzt völlig andere Umgebung während der paar Urlaubstage im alten, familiären Milieu auswirkt, und wenn das ganze auch humoristisch und versöhnlich abgefaßt ist, so sind die geschilderten Diskrepanzen trotzdem vorhanden und lassen eine bestimmte psycho-physische Analyse zu. Wer diesen mit ,,Ihrer geschätzten Antwort entgegensehende Isolde B." verbrochen hat, läßt sich mit Bestimmtheit nicht sagen. Da es aber an Bord nur zwei Schreibmaschinen gibt, die eine gehört dem Chef, die andere dem Flo-Ing, so geht man sicher nicht fehl, wenn man als Urheber dieses ,,Pamphlets" den jungen, schreibmaschinengewandten Maschinengefreiten Konrad F. annimmt, der beim Flo-Ing Schreiberdienste versieht.
24. März 1940 - 1. Osterfeiertag - Stettin
Ostermontag. Es schneit. Trotzdem hat uns der Osterhase gefunden. Er hat drei Eier gelegt und ein anständiges Mittagessen gekocht. Da es keinen Urlaub gibt, der Kommandant meint, es sei so schön, wen wir einmal alle beisammen wären, haben manche Kameraden ihre Frauen kommen lassen. Sie sind zum Mittagessen eingeladen, und nun ist wieder allerhand Leben an Bord. Ich bin M.v.D., verlebe den Tag an Bord und wundere mich, daß das überhaupt geht.
Es ist unglaublich interessant das ganz ,,Normale Leben" der Leute in diesen Kriegszeiten geschildert zu bekommen. Was haben sie empfunden, gedacht, getan, gesagt......
Zitat von: Seekrieg am 27 August 2011, 17:58:10
20. Februar 1940 Stettin
Die Wehrmachtsstreife hat gewechselt. Weniger geistreiche und intelligente Leute versehen jetzt das schwere und verantwortungsvolle Amt.
Auch wenn es nur ein Tagebucheintrag ist, war sicher nicht ganz ungefährlich so eine Aussage :MZ: top
:MG:
Manfred
Erst dachte ich "blöder Kommentar":
Zitat von: RonnyM am 26 August 2011, 17:19:25
...das liest sich wirklich gut - bei 30° im Schatten
Jawie 30 Grad im Schatten, es ist Winter! Wo ist der Kerl, im Urlaub? Dann hab ich aus dem Fenster geschaut um die Schneelage zu peilen. Und hab mich gewundert, warum die Bäume so grün sind... Und dann hab ich gedacht "blöder Elektroheizer" :MLL:
Also dieses Tagebuch nenne ich wirklich anschaulich geschrieben top
14. April 1940 Swinemünde
Der Kreis hat sich geschlossen. Wir sind an unseren Aus¬gangspunkt zurückgekehrt. Sonntag ist es auch wieder. Eine arbeits- und ereignisreiche Woche liegt hinter uns, die kommenden werden ihr nicht nachstehen. Die Dinge sind in Fluß geraten und werden bei der ihnen inne-wohnenden Schwerkraft vorerst auch nicht zum Stehen kommen. In weni¬gen Tagen ist die Front um einige hundert Seemeilen vorge¬tragen worden. Das hat zur Folge, daß auch die Kette der Vorpostenboote vorverlegt werden muß und die Häfen Swine¬münde und Stettin die längste Zeit unsere Stützpunkte ge¬wesen sind. Ein Hafen im Norden Dänemarks ist als neue Ausgangsbasis für unsere Flottille vorgesehen. Schon mor¬gen sollen wir uns auf die Chaus-see machen.
4. Die Front wird vorverlegt
15. April 1940 Swinemünde - In See
Unsere Flottille zieht um. Es wird gepackt, geschnürt und genagelt, gekarrt, geschleppt und gestapelt. Auch die ge¬samte Verwaltung, die ihr sonniges Dasein bisher in Swinemünde ver-bracht hat, steigt mit allem Drum und Dran ein. ,,Wer die Welt gestalten will, muß darauf ver-zichten, sie zu genießen", sagt schon Lenau, er scheint auch ein Milita¬rist gewesen zu sein!
Eben wird die große eiserne Kassette mit dem Kriegsschatz gebracht. Der Postbüttel krebst auch schon an Deck herum. Dort wird eben der Schneider samt seiner Nähmaschine an Deck gehievt. Der Schuster folgt mit demselben Apparat und all seinem Werkzeugkästen, und zum Schluß, nicht zu vergessen, da besonders wichtig und kriegsentscheidend, kom-men Packen und Kisten mit Papier und Formu¬laren, Akten und Mappen.
1900 Uhr: Es ist alles vollzählig an Bord. Die Leinen werden losgeworfen, und ratternd schiebt sich unser Seeomnibus in die Kiellinie der auslaufenden Flottille. Im Minenfeld schla-gen wir noch ein paar Haken und dann geht es mit flotter Marschfahrt nach Norden davon.
16. April 1940 In See
Weiter geht die Fahrt. Die Gjedser Sperre wird passiert, ein langer Minenwall, der, eine Er-gänzung der Sundsperre, den feindlichen Schiffen den Übertritt von der westlichen nach der mittleren Ostsee verwehren soll. Dann schlängeln wir uns um Lolland herum, an Langeland vorbei und als die Sonne sinkt, stehen wir mitten im Großen Belt.
Die See ist leicht bewegt, das Wetter kalt und frisch. Der Sturm im Antennenwald ist im Ab-flauen, und es gibt wieder Augenblicke, wo man kurz aufschauen, einen Blick durchs Bullau-ge werfen oder mit einem Kameraden ein paar Werte wechseln kann.
Mit einigen habe ich mich schon an¬gefreundet, besonders mit einem jungen Seemann, der bis Kriegsausbruch die Afrikalinien befuhr, verbindet mich engerer Kontakt. Er ist ein ruhiger Mensch. Schön läßt es sich mit ihm unterhalten und vernünftig sind seine Anschauungen und Ansichten. Ich wundere mich, daß ich ihn nicht schon eher entdeckt habe. ,,Ja, weißt du", antwortet er mir, ,,ich bin erst kürzlich wieder zugestiegen, war einige Tage verreist", und dann berichtet er treu und brav, wie er sich aus alkoholischen Gründen drei Tage Bau zuge-zogen hätte, und dann wären noch einmal drei Tage hinzugekommen, weil er, als der Ar-restdirekter seine Zel¬le zur Inspektion betrat, ,,Seite!" gerufen hatte. ,,Weißt du", erklärt er entschuldigend, ,,man hat manchmal solche unvorhergesehene Anwandlungen."
Neben ihm und manchen anderen ruhigen und feinen Kamera¬den haben aber die übrigen, die sich nur bei lautem Wortschwall und nur unter soundsoviel Phon wohlfühlen, das Über-gewicht. Sie reißen das Maul so weit auf, daß man noch das letzte Mittagessen sehen kann, oder sie treten einem in ihrem ungestümen Geltungsdrang dauernd auf die Zehen und sind dann noch entrüstet, wenn man sie beisei¬te schiebt.
Die Welt ist eben groß und die Natur mannig¬fach in ihren Spielarten, und nicht immer sind dem lieben Gott seine Schöpfungen hundertprozentig geglückt.
17. April 1940 In See - Frederikshavn
Langsam kommen wir dem Kriegsschauplatz näher. Flieger¬- und U-Bootsalarme treten im-mer häufiger auf. Der Feind hat seine Gegenmaßnahmen getroffen und sucht mit allen Mit-teln unsere Seewege im Skagerrak, Kattegat und der westlichen Ostsee zu unterbinden. An Bord werden Ausguck und Wachen verdoppelt.
Der Tag verläuft ohne besondere Ereignisse. Nur unser Kalender im Funkraum fiel klat¬schend von der Wand, und wir waren im Augenblick im Zwei¬fel, ob man das nicht für ein böses Omen halten sollte. Benötigten wir ihn etwa nicht mehr? Sollte der 17. April unser letz-ter Tag sein? - Vorsichtshalber hängten wir unseren Kalender aber doch wieder auf und ka-men auch wohlbehalten in Frederikshavn, unserem neuen Stützpunkt, an. Um 2230 Uhr la-gen wir fest.
18. April 1940 Frederikshavn - In See
Frederikshavn, die Eingeborenen sagen Fredrikshaun, ist ein Provinzstädtchen von etwa
10 000 Einwohnern. Fast unmerklich hebt es sich aus der See heraus und umschließt huf-eisenförmig den ausgedehnten und geräumigen Hafen. Blick und Anlage sind nach Osten gerichtet und bieten, vor Nord- und Weststürmen geschützt, den einlaufenden Schiffen eine ruhige und sichere Zuflucht. Schon in frü¬heren Zeiten muß man die Bedeutung und Wichtig-keit dieses Ortes erkannt haben, wie die altertümlichen Befestigungs¬anlagen und dickwan-digen Wehrtürme verraten, von denen man hier und da noch verbliebene Reste, versteckt zwischen Lagerschuppen, Gebäuden und Werftanlagen entdeckt. Sie werden überragt von den Türmen der Stadt und beschattet von den zahlreichen Kränen und Schornsteinen der Werften, die der Stadt ihren Charakter verleihen. Es ist ein sau¬beres, fleißiges und betrieb-sames Städtchen.
Dies ist der erste flüchtige Eindruck, der sich auf dem kurzen Sondierungsgang durchs Städtchen gewinnen ließ. ,,Hier laßt uns bleiben und unsere Zelte aufschlagen", sagte mein neuer Kamerad, nachdem er festgestellt hatte, daß nicht nur Kaffee und Kuchen von beson-derer Güte sind, sondern daß auch das Bier durchaus genießbar ist, und da¬mit traf er zwei-fellos das richtige. Vorläufig ließen sich diese Pläne allerdings noch nicht verwirklichen. Es wurde seeklar befohlen, um 2300 Uhr liefen wir aus und bald nahmen uns Nacht und See wieder auf.
5. Auf Vorposten
19. April 1940 In See
Man merkt doch deutlich, daß wir jetzt immerhin 250 sm nördlicher stehen. Eisig weht wieder der Wind. Böen schütteln uns und zeitweilig jagen dichte Schneegestöber über die unruhige See. Die Sicht ist miserabel. Erst ge¬gen Mittag klart es etwas auf. Jetzt kann man auch wie¬der sehen, wo wir uns befinden. Mit dem Artillerie-Schulboot ,,Delphin" (525 Tonnen, 16 Kno-ten) grasen wir die Gegend ab und sehen nach, wo es etwas für uns zu tun gibt.
Wir brauchen auch nicht lange zu warten. Bald machen wir voraus ein Schiff aus. Es liegt still und hängt auf¬fällig tief und schief im Wasser. Vorsichtig pirschen wir uns heran, um fest-zu-stellen, was eigentlich anliegt. Bald sind wir im Bilde. Es ist das 5 847 BRT große, 1921 in Dienst gestellte Turbinenschiff ,,Hamm" der Hapag mit einer Ladefähigkeit von 8 520 Tonnen, das gestern hier einer Mine oder einem Torpedotreffer zum Opfer fiel. Ein Werftschlepper ist bereits längseits gegangen. Wir ma¬chen ebenfalls an dem Schiff fest, während ,,Delphin" uns ständig umkreist, um zu verhindern, daß ein möglicherwei¬se in der Nähe befindliches U-Boot dem Schiff noch den Fangschuß verabreicht und uns gleichfalls mit zum Teufel schickt.
Um die Lage noch gründlicher peilen zu können, klet¬tern wir auf das getroffene Schiff hin-über. Es ist von seiner Besatzung verlassen. In den Decks und Maschinenräumen gurgelt dumpf das eingedrungene Wasser, ein un¬heimlicher Anblick. Nur die Brücke und die Räume in den Aufbauten kann man noch betreten. Sie müssen fluchtartig verlassen worden sein. Schränke und Kästen stehen offen, als habe man im letzten Augenblick schnell noch das Notwendigste zusammengerafft und mitgenommen.
Über das Ach¬terdeck spülen bereits die Wellen, gierig und frivol. Noch aber hält sich das Schiff zäh und verbissen. Dieser Umstand veranlaßt den Kommandanten, einen Abschlepp-versuch zu wagen. Gelingt es uns nicht, das Schiff bis in den Hafen zu bringen, dann kann man es immer noch in flachem Wasser auf Grund setzen. So spannen wir uns denn davor, treten auf den Gashebel und zuckeln los. Mit 3 sm Fahrt geht es auf die Küste zu. Darüber wird es Nacht. Der volle Mond geht auf. Sein heller Schein gibt uns das Geleit. Sichernd zieht ,,Delphin" in großen Schleifen seine Kreise um uns. Ob wir es schaffen?
20. April 1940 In See - Frederikshavn
Kalt, feucht und diesig steigt der neue Tag herauf. Auf¬frischende Winde leisten ihm Gesell-schaft. Die See wird unruhig, und bald geht unsere Fahrt auf und ab. Immer unwilliger zerrt das zerschossene Turbinenschiff ,,Hamm" an den starken Tauen. Mit allen Kräften hält es die trotzige See zurück. Sie will ihr Opfer haben. Kurz vor Mittag ist es so weit. Wir müssen die Seile kappen und das Schiff seinem Schicksal überlassen, wenn wir uns nicht selbst gefähr-den wollen. Nur vier bis fünf Stun¬den hätten wir noch gebraucht. Die nahe Küste ist schon in Sicht. Es hat nicht sollen sein.
Zäh wehrt sich das Schiff, sinkt aber unaufhaltsam tiefer, und dann ver¬schlingt es die See, ein kurzer Strudel. Es ist vorbei. Auf 24 m Tiefe hat es seine Ruhe gefunden. -
Wir steuern Frederikshavn an. Da die Gewässer minen¬verseucht sind, bringt ,,Delphin" sein Bugschutzgerät aus. Da unserem Boot diese Einrichtung noch fehlt, folgen wir dicht aufge-schlossen im Kielwasser. Gegen 18 Uhr sind wir von unserem ersten Ausflug in das Skager-rak zurück und machen in Frederikshavn fest.
6. In Frederikshavn in der Werft
21. April 1940 Frederikshavn
So ein Motorschlitten hat doch seine Mucken und ist gern krank, besonders dann, wenn er am dringendsten gebraucht wird. Gutes Zureden hilft auch nichts und so fahren wir denn in die Werft. Die Zylinder müssen ausgeschliffen, die Kolben überprüft werden, und das ist ein schweres Stück Arbeit und wird einige Tage dauern; denn sie sind etwas größer als der an meinem 200 cm³-Motorrad.
Unterdessen geht der Krieg weiter. Immer neue Truppen rollen an, werden hier verladen und treten die Überfahrt nach Norwegen an. Frederikshavn scheint einer der Hauptumschif-fungsplätze dafür zu sein. In den späten Abendstunden laufen die Transporter gewöhnlich aus. Heute ist das Mo¬torschiff ,,Ahrensburg" an der Reihe. (Bananenschiff, 1939 in Dienst gestellt, 96 m lang, 13 m breit, 2 988 BRT, 16 kn). Besorgt schauen wir ihm nach. Kalt und mondhell ist die Macht, und im Skagerrak wimmelt es von englischen U-Booten. Gute Fahrt!
22. April 1940 Frederikshavn
Der Werftbetrieb geht wieder los. Arbeiter kommen an Bord und Leute mit dicken Zeich-nungsrollen unter dem Arm. Zwar gestaltet sich die sprachliche Verständigung noch schwie¬riger als bei uns zu Hause, aber bei etwas gutem Willen ist ein allmähliches Klarkommen doch möglich. So sehr uns dieser Werftbetrieb auch zuwider ist, so bietet er doch den Vor-teil, daß wir jeden Abend an Land gehen können, und davon machen wir auch reichlich Ge-brauch.
In einer fremden Stadt läßt man sich gern treiben, wohin soll man auch gehen. Zunächst hat man doch noch kein Ziel. So vertraut man sich am besten dem Strom der Straße an. Er führt immer ,,Unter die Linden", auf die ,,Reeper¬bahn", den ,,Holm" oder wie immer die euro-
päische Bezeich¬nung für den Begriff stärkster geselliger Konzentration auch lauten mag. Hier in Frederikshavn ist die ,,Danmarkgadet" die Hauptschlagader des Verkehrs. Sie läuft paral¬lel zur Küste durchs ganze Städtchen, wird beiderseitig flankiert von abgehenden Quer-straßen, die entweder zum nahen Strand führen, oder auf der anderen Seite bald zwi¬schen Wiesen und Feldern versickern.
Die ganze Siedlungsform verrät die zweckmäßige Form einer Fischgräte, die nach allen Sei-ten eine gleichmäßi¬ge Belastung und gerechte Wahrnehmung aller Interessen ermöglicht. Sie deutet zugleich die Entstehungsgeschichte des Städtchens an, daß von ackerbautrei-benden Fischern und seefahrenden Bauern gegründet und gestaltet wurde, jedenfalls von Leuten, die mit einem Bein im Feld und mit dem anderen im Wasser standen. Später trat zu diesen bei¬den, wirtschaftlichen Primäreffekten noch der Handel zur See, ein gesteigertes Geschäftsleben und, gebunden an die Werften, eine nicht unbedeutende Industrie. All diese Faktoren führten das Städtchen schließlich zur Blüte und zu einem harmonischen Wachs-tum.
Bevölkert wird Frederikshavn in der Hauptsache von zwei Sippen, den Petersen und den Nielsen. Das sonst noch im Städtchen lebt, sind unbedeutende Minderheiten ohne jeden lokalen Einfluß. Ruhig und gelassen verläuft das Leben. Friedlich und abwartend ist die Ten-denz. Wir füh¬len uns wohl in unserem neuen Stützpunkt, und die kommen¬den Tage und Wo-chen werden zeigen, inwieweit der erste Eindruck berechtigt war.
Im Straßenbild ist begreiflicherweise jetzt das Feldgrau des Heeres und das Blau der Ma-rine vorherrschend. Truppen, die zum Schutz von Stadt und Hafen hier statio¬niert sind, und auf dem Durchmarsch befindliche Verbände, bestimmen das Gepräge.
Frederikshavn ist stark gesichert. Da ist keine Schutt¬halde zu klein, keine hölzerne Kiosk-Bude so schwach gebaut, daß nicht ein 2 cm-Fla-Mg darauf Platz findet. Keine Mulde im Gelände, kein Straßengraben ist zu flach, um nicht ein Geschütz aufzunehmen oder einen Scheinwerferstand unterzu¬bringen. Es gibt keinen Stein und kein Grasbüschel am Strand, hinter dem nicht ein MG versteckt lauert. In weni¬gen Tagen ist ganz Dänemark in einen äu-ßerst stachligen Igel verwandelt worden.
Deshalb hielt sich auch der englische Flieger, der in den späten Nachmittagsstunden Frede-rikshavn anflog, gar so hoch. Anstandshalber schoß unsere Flak. Im Nu verschwand er vorn Himmel und die Zivilbevölkerung von der Straße. Wahrscheinlich aber wollte er nur einmal sehen, was bei uns anliegt und welcher Transporter heute abend ausläuft. Wenn er niedriger geflogen wäre, hätte er sehen können, daß heute das Schwesterschiff ,,Togo" Dienst hat. Eben schiebt es sich still und leise aus dem Hafen. Aufdringlich leuch¬tet wieder der Mond dazu. Dann wird es still im Hafen und an Bord auch. Die Kameraden schlafen schon. Wir haben die Ruhe nötig und viel Schlaf nachzuholen. Am besten wäre es, man könnte auf Vor-rat schlafen, aber so weit ist die Technik noch nicht.
23. April 1940 Frederikshavn
Unser Boot kommt ins Dock. Ich weiß nicht, welch schwieri¬ge Bauchoperation wieder vor-genommen werden soll. Jeden¬falls klopft und schweißt es schon wieder an allen Ecken, nur mit dem Unterschied, daß es diesmal dänische Arbeiter und dänische Maschinen sind, die diese Reparaturen ausführen. Und nicht nur an unserem Boot wird gearbeitet. Es liegen hier noch mehr deutsche Schiffe zur Überholung, und wie es in Frederikshavn aussieht, so wird es in allen dänischen Werften sein. Das bedeutet eine starke Entla¬stung der heimischen Werften und ein Defizit für die englischen; denn bislang arbeiteten die dänischen Werften fast ausschließlich für England. Dies beweisen auch die vielen für englische Rechnung in Auftrag gegebenen Schif¬fe, die nun von deutschen Ingenieuren fertig gebaut und in Dienst gestellt werden.
Ähnlich verhält es sich mit den landwirtschaftlichen Produkten des Landes, die zu einem hohen Prozentsatz nach England exportiert wurden, nunmehr aber in Deutschland ihren Ab-nehmer finden. In Kriegszeiten verkehren sich Potentiale oft ins Gegenteil, und im Augen-blick liegen die Verhältnisse so, daß Dänemark als Industrie- und Agrarland für England ausfällt. Das aber sind nicht unbedeutende Auswirkungen, die wenigstens am Rande einmal mit erwähnt werden müssen.
24. April 1940 Frederikshavn
Unentwegt rollt der Nachschub. Unaufhörlich treffen neue Transporte ein. Kolonnen mar-schieren durch die Straßen nach dem Hafen, werden verladen, und beinahe fahrplanmäßig starten die Transportschiffe, ehemalige Frachtdampfer der,,Deutschen Afrika-Frucht-Co.", zur Überfahrt nach Norwegen. Oft beobachten wir von Bord aus mit dem Glas das Verladen. Manchmal gehen wir auch zum Verladekai hinüber und schauen zu.
Welche Gedanken mögen die feldgrauen Kameraden bewegen, wenn sie das feste Land verlassen und in dem dunklen La¬deraum verschwinden oder sich, bepackt mit Gewehr, Stahlhelm, Gasmaske und dem schweren Tornister, mühsam das steile Fallreep herauf-zwängen. Sie fürchten sich vor keiner Gefahr, so hört man sie oft reden, aber von einer Seefahrt, da sind sie nie begeistert. Dann wollen sie schon lieber mit dem Flugzeug fliegen. Das ist ihnen wenigstens bekannt und vertraut. Hier an Bord dagegen ist ihnen alles gar so fremd und neu, so ungewohnt und unheimlich.
Wie wenige mögen es sein, die das Meer überhaupt schon einmal gesehen haben, und nun sollen sie sich ihm gleich auf Gnade und Ungnade anvertrauen. ,,Wir fahren ja auch", hielt ich dieser Tage einigen Feldgrauen entgegen, mit denen ich mich darüber unterhielt. ,,Ja", mein-ten sie, ,,ihr seid´s gewöhnt." Gewöhnt nicht, aber gewohnt worden.
Neulich standen einmal ein paar Landser rätselnd vor unserem Boot. ,,Was könnte das sein?" beratschlagten sie, ,,ein Zerstörer oder gar ein Schlachtschiff?" Schließlich wandten sie sich an mich. Ich hatte ihnen, an der Reling leh¬nend, schon eine ganze Weile amüsiert zugehört. ,,Das ist ein Vorpostenboot", antwortete ich ihnen, aber das woll¬ten sie nicht glau-ben. Unter Vorpostenboot stellten sie sich, dem binnländischen Sprachgebrauch des Wortes Boot folgend, etwas Kleineres vor, etwa einen größeren Holzkahn mit Paddel. ,,Das wäre dann ein Boot", meinten sie, ließen sich dann aber doch überzeugen, daß man mit solchen Miniaturkähnen nicht gut zur See fahren kann.
Das Verladen geht noch immer weiter, Infanterie, Ar¬tillerie, etwas Motorisiertes, Kavallerie und Pioniere werden eingeschifft, von jedem etwas. Man packt nicht mehr ganze, geschlossene Einheiten auf einen Transporter, damit bei einem etwaigen Verlust eines Schiffes, mit dem ja auch bei stärkster Sicherung gerechnet werden muß, nicht eine Waffengattung völlig ausfällt und der Verband dann, schließlich ohne ein einziges Geschütz oder einen Panzer dasteht.
Auf der Verladerampe halten Wagen, Autos, Motorräder und einige Panzer. Alles muß mit. Die Verladekräne knar¬ren. Ein ganzes Bündel Kisten hieven sie auf einmal hoch. Ein anderer Kran nimmt Pferde an Bord. Schön in Kisten verpackt, schweben sie in der Luft. Dort bau-melt eine Gu¬laschkanone am starken Drahtseil. Ruhig raucht dabei die Esse. Die Boh-nen müssen ja noch weich werden. Was so ein Schiff alles in seinem Leib verstaut, und wie schnell ist unter Umständen alles verloren.
Meinen Kameraden von der Afrikalinie, der neben mir steht und mich auf meinem abend-lichen Spaziergang beglei¬tet hat, scheinen ähnliche Gedankengänge zu bewegen; denn nachdem wieder einmal allerhand Kriegerisches in der gro¬ßen Ladeluke verschwunden war, meinte er: ,,Manchmal mutet einen all das Tun wie Wahnsinn an." Als ich aber die Un¬terhal-tung mit ihm fortsetzen will, geht er nicht weiter aus sich heraus. So bleibt denn der kurze Satz isoliert im Raume stehen und bietet den Gedanken einen willkommenen Fluchtpunkt.
,,Manchmal mutet einen all das Tun wie Wahnsinn an." Manchmal? Das Wort stört mich. Gleiche Dinge müssen doch immer die gleiche Erkenntnis und die gleiche Schlußfolge¬rung auslösen. Warum also das einschränkende ,,manchmal". Das bedeutet doch, daß diese krie-gerischen Vorkehrungen mitunter auch als nicht wahnsinnig, also als vernünftig, bezeichnet werden können.
Und dem ist wirklich so; denn es gibt zwei Möglichkei¬ten zu denken. Einmal kann ich meine Überlegungen als Einzelmensch, als isoliertes Individuum vornehmen und zum anderen aber auch als Teil einer kompakten Staatsmasse. Als Einzelmensch fühle und handele ich aber nach ethi¬schen Prinzipien. Der Staat dagegen setzt sich bewußt dem Einzelnen, wie auch der Gesamtheit gegenüber, über all diese sittlichen Grundsätze hinweg. Er denkt und han-delt nach dem Gewaltkodex vorsintflutlicher Steinzeitmenschen, und hält sich außerdem noch Leute, die dieses Tun philoso¬phisch begründen und gesetzlich untermauern.
Wenn es also diese zwei Wege gibt, dann kann man auch bei¬de beschreiten, den einen als Individualist und den ande¬ren als Verfechter des brutalen Staatsgedankens. Man kann die Standpunkte auch wechseln oder miteinander verquicken, ganz wie es einem beliebt, da ja beide Komplexe in Perso¬nalunion in uns vereinigt sind. Schon Goethe sprach bedau¬ernd von diesen zwei Seelen in unserer Brust. Je nachdem, ob wir also die humanistische Seite in uns zum Tragen bringen oder nach Machiavelli die tierischen Restinstinkte spielen lassen, wird die Überlegungsresultante jeweils eine andere. Daß dabei die private ethische Argumentati-on wertvoller ist und höher im Kurse steht als die staatspolitische, ist erwiesen und bekannt. Sie deshalb aber zum kategorischen Imperativ zu erheben, ist gewagt. Dies käme einer Kampfan¬sage an jede Staatsform gleich und wäre völlig zwecklos, solange die Welt sowohl von der reinen als auch von der praktischen Vernunft dirigiert wird.
Nun sind mir wieder meine Gedanken durchgegangen. Ich mußte ihnen nachrennen und sie wieder zurückholen. Man weiß nie, was sie für Unheil anrichten, wenn man sie sich selbst überlässt.
Unterdessen ist auch das letzte Kriegs¬material verstaut. Jetzt kommt Bewegung in die dazu-gehö¬rigen Einheiten. Die Soldaten nehmen ihr Gepäck auf. Die lange Reihe der Ge-wehrpyramiden auf dem Verladekai ver¬schwindet und ein Zug nach dem andern tritt den Marsch ins Dunkel des Schiffsrumpfes an. Bis zur Dämmerstunde muß die Einschiffung be-endet sein; denn über Nacht soll der Sprung über das Skagerrak gewagt werden.
Heute ist es wieder ein ehemaliges Bananenschiff der ,,Deutschen Afrika-Frucht-Co", das sich zur Überfahrt bereit macht. Der ,,Pionier", 1933 gebaut, 107 m lang, 13 m breit,
3 285 BRT, läuft seine 15 sm und fährt am liebsten allein. Wie oft hat er das Skagerrak schon überquert. Mancher Torpedo hat schon seine Bahn gekreuzt, aber mit geschickten Haken und Sprüngen gelang es ihm bisher, diesen gefährlichen Begegnungen auszuwei-chen. Das beweist natürlich keineswegs den KdF-Charakter sol¬cher Seefahrten!
25. April 1940 Frederikshavn
Jetzt hat sich auch die Feldpost bis zu uns durchgefragt. Postalisch fette Tage folgen den mageren. Es regnet Brie¬fe, große und kleine, dicke und dünne, zartsüße und sol¬che nüch-ternen Charakters. Die Heimat ist uns wieder auf den Fersen, und oft sind unsere Gedanken wieder zu Hause. Oft weilen sie aber auch bei den Kameraden draußen auf See; denn im Zuge der Ausweitung der Fronten, nehmen die kriegerischen Auseinadersetzungen auch auf See immer härtere Formen an. Dies ergibt sich aus der neuen strate¬gischen Lage, die nicht nur Vorteile, sondern auch beacht¬liche Nachtelle im Gefolge hat. Einer der schwerwiegend¬sten ist bei diesen langen Anmarsch- und Versorgungswegen die offene Flanke. In offene Flanken stößt man aber von jeher gern. So wimmelt es denn im Skagerrak und Kattegat von feindlichen U-Booten, und oft dringen auch leichtere Überwasserseestreitkräfte bis in dieses Seegebiet vor.
Dieser Tage gelang es einer Minensuch-Flottille drei englische Unterseeboote einzukreisen und mit 60 Wasser¬bomben zu bekämpfen. Zugute kam ihr dabei, daß der Eng¬länder unsere Bewaffnung nicht näher kennt; denn sonst hätten sich die drei U-Boote bei ihrer wesentlich stär¬keren Armierung wohl leicht die M-Boote von Halse halten können oder mindestens in einer Entfernung, die ihnen nicht mehr gefährlich werden konnte.
Auch zwei französische Zerstörer, die sich zu einem Ausflug ins Skagerrak aufgemacht hat-ten, wurden von unseren Kleinfahrzeugen vertrieben. Das mag unglaublich klingen, aber in einem Gebiet, in dem der Feind operiert, lassen schon einzelne kleine Boote auf die An-wesenheit weiterer Streitkräfte schließen, und ist die Kimm auch weit, für Operationen zur See ist sie immer noch nah genug, um nicht unliebsame Überraschungen in der Hinterhand zu haben.
Und daß das Skagerrak auf alle Fälle gehalten werden muß, liegt auf der Hand; denn die Front in Norwegen steht und fällt mit der Sicherheit der maritimen Zufahrtswege. So sieht sich die deutsche Seekriegsführung im entschei¬denden Einsatz und durch die Entwicklung des Krieges vor größte Ausweitungen gestellt. Sie sind um so schwieriger zu meistern, als die Flotte bei ihrer größeren Anlaufzeit im Bau rüstungsmäßig noch nicht auf den Höchst-stand ge¬bracht werden konnte, den Heer und Luftwaffe bereits einnehmen. Armeen lassen sich aus dem Boden stampfen, Schlachtschiffe nicht. Es bleibt abzuwarten, ob England die-se Chance erkennt und mit einem energischen Vorstoß ins Skagerrak und Kattegat die in Norwegen stationierten deutschen Streitkräfte von ihrer strategischen Basis ab¬schneidet, oder ob es seine Flotteneinheiten wieder wie im ersten Veitkrieg abwartend auf Eis legt.
26. April 1940 Frederikshavn
Schwerfällig und den kleinen Kindern gleich, die eben an¬fangen sprechen zu lernen, ver-suchen wir mit stolpernder Zunge die Formulierung fremder Laute und Worte; denn die Zei-chen-, Gesten- und Gebärdensprache ist nun einmal kein dauernder Notbehelf. Damit kommt man allenfalls beim Fri¬seur klar, wo die lange Mähne und das stopplige Kinn schon für sich selber sprechen und die Zusammenhänge bei etwas Intelligenz zu erraten sind. Auch im Café ist die Ver¬ständigung noch relativ einfach. Man angelt sich am Büfett das Nöti-ge zusammen, legt einen Zehnkronenschein daneben, und schon stimmt die Richtung.
Schwierig ist dagegen schon die Konversation in einem Konfektionsgeschäft. Gestern wollte ich für die liebe Gattin ein Paar schöne, weichseidene Strümpfe erstehen, um die steten Lie-besbeteuerungen auch einmal etwas materiell zu untermauern. Optimistisch betrat ich den Laden und verlangte Strümpfe. Achselzucken war die Antwort. Also deutete ich auf meine Beine. ,,Benklaeder", sprach das Mädchen und legte ein Paar Hosen auf den Ladentisch. Nun blieb mir nichts anderes übrig, als meine Haxe zu heben und ein Stück Stumpf heraus zunesteln. ,,Stroemper?" ,,Ja, Stroemper!" Gott sei Dank!
Nun muß ich ihr noch klarmachen, was für welche; denn den Stoß Herrensocken, der jetzt anrollte, den wollte ich ja auch nicht. Wie sage ich es ihr nur? Ich kann doch nicht gut auf ihre Beine zeigen oder an ihre Waden fassen. Vielleicht sagt sie dann: ,,Bitte erst nach La¬denschluß!" Also fahre ich einen neuen Anlauf. ,,Stroemper für die Frau." Nichts. ,,Mädchen. Gattin. Für die Alte!" Endlich fällt der Groschen. ,,Damenstroemper?" ,,Ja, Damenstroemper." Langsam treten die Schweißperlen wieder von der Stirn zurück.
Einige dänische Sprachkenntnisse erweisen sich doch als unbedingt nötig. Etwas können wir auch schon, und merkwürdig, es sind dieselben Worte, die auch das kleine Kind zuerst er-faßt. Es spricht von einer Flasche Milch und wir von einer ,,Flaske Oil". Das ist Bier. Dann will das Kind noch etwas anderes. Dazu sagt man hier ,,Toilet". Es sind die beiden Grund-begriffe, die man für einen an¬ständigen und gesitteten Lebenswandel nun einmal benötigt.
Auch das ,,Vesko" und ,,Magne tak" geht uns schon recht geläufig über die Lippen. Schließ-lich sind wir höfliche Menschen. Und was die jüngeren Kameraden betrifft, so wissen sie sogar schon, wie Mädchen und Fräulein auf dä¬nisch heißt. Für sie ist auch das lebenswich-tig, und da¬bei wird es allein nicht bleiben.
27. April 1940 Frederikshavn
Unsere Werftarbeiten sind beendet, vorläufig wenigstens. Etwas muß man ja auch noch für die nächste Liegezeit üb¬rig lassen. Morgen laufen wir wieder aus. Die Kameraden brauchen uns. Das ist ein zusätzlicher Grund zu einem kleinen Abschieds- und Dämmerschoppen. Also verbringen wir den Abend hinter einer Flaske Oil und vor einem Wie¬ner Schnitzel. Das Wiener Schnitzel ist international und gibt es infolgedessen auch hier, aber in bezug auf das Oil machen wir eine einschneidende und betrübliche Erfahrung. Die Gaststätten führen hier nämlich zwei Sor¬ten von Bier, ein kräftiges, das tagsüber verabreicht wird, und ein alkohol-armes, die zweite Sorte, die ab 18 Uhr ausgeschenkt wird. Am Abend liebt man keine alko¬holischen Exzesse. Nach Feierabend will man seinen gutbürgerlichen Frieden haben.
Das ist auch gut für uns; denn wohin sollte es führen, wenn wir uns jetzt einen antrinken woll-ten, wir würden dann alles doppelt sehen. Es wäre kein Klarkommen mehr. Haben wir doch so schon alles doppelt, doppelte Währung, doppelte Zeit und doppelte Sprache. Wir rechnen mit Kronen und bezahlen mit Mark, sehen die dänische Turmuhr und richten uns nach der deutschen Sommerzeit, essen ein Paar warme Würstchen und sagen dazu ,,Polster". Es ist schon gut, wenn von Staatswegen etwas auf Ruhe und Ordnung gehalten wird. Man lebt dann ruhiger und vermut¬lich auch länger.
7. Im Kattegat
28. April 1940 Frederikshavn - In See
1230 Uhr seeklar. Mit Vp.Boot 1301 und 1303 laufen wir aus, Kurs Nordwest. Klar ist der Himmel, ruhig die See und schön die Fahrt. Auf Backbordseite begleitet uns noch einige Zeit der schmale Streifen der Küste. Skagen mit seinem Leuchtturm kommt in Sicht und ver-schwindet wieder. Dann ist ringsum See, das Kattegat.
,,Bei freier Jagd Vorpostenstreifen auf den Hauptverkehrslinien des Kattegat", lautet die Auf-gabe. Die Wachen sind vollzäh¬lig besetzt. Scharf wird nach allen Seiten Ausschau ge¬halten. Es kann losgehen.
Sonntag ist auch wieder und in 14 Tagen ist bereits Pfingsten. Wie die Zeit vergeht! Zu Hau-se werden die Glocken läuten, die Bäume blühen. Die Leute werden schö¬ne Kleider anzie-hen und spazieren gehen, vielleicht auch tanzen. Hier hebt kein Fisch deswegen die Flosse höher. Für sie ist alle Tage Feiertag oder Werktag, ganz wie es gebraucht wird. Hier gehen die Tage ineinander über wie die Wogen und Wellen. Im Kriege müßte man eigentlich die Sonntage abschaffen. Sie haben keine Berechtigung mehr und machen das Leben nur noch schwerer.
29. April 1940 In See
Wir fahren. Zu sehen ist nichts. So haufenweise laufen die französischen Zerstörer auch nicht mehr herum, und was von feindlichen U-Booten vorhanden ist, das ist längst wegge-taucht und in den Keller gegangen. Glatt ist die See, ohne Wogen und ohne Schiff. Wir stop-pen, wollen doch einmal horchen, ob nicht irgendwo etwas rauscht oder wackelt. Die Unter-wasserhorcher haben das Gerät ausgefahren und kurbeln, nichts! Nur das blecherne Klirren des Wassers tönt an ihr Ohr.
Also weiter! Sprung auf! Marsch, Marsch! Mit A.K. pre¬schen die Boote wieder davon. Etwa eine halbe Stunde dauert der Galopp. Dann wird wieder gestoppt, das Hör¬rohr angesetzt und das Wasser nach Schraubengeräuschen abgetastet. Vergebens,
Das Spiel beginnt von neuem. Meist wird dabei der Kurs um einige Grad geändert. Andere Fahrt stufen und Formatio¬nen werden gewählt. Auf diese Weise haben wir bald das ganze Kattegat abgekämmt und durchgehorcht, und wenn wir auch keinen unmittelbaren Erfolg zu verzeichnen hatten, so haben wir doch die feindlichen U-Boote wenigstens zeitweise von unseren Transportwegen abgedrängt und ihnen die Beobachtung und die Aufstellung in ih-ren Wartepositionen nach Möglichkeit erschwert.
30. April 1940 In See - Frederikshavn
Bis dicht unter die Küste Norwegens sind wir vorgesto¬ßen, nun drehen wir bei und zacken zurück. Alle Kurse, Fahrtstufen und Formationen werden wieder durchprobiert. Aus dem Stopp springen wir auf A.K, von 0° auf 180° und von der Kiellinie in die Dwarslinie. Manch-mal bleibt unser Boot dabei ein Stückchen zurück, wie ein Mensch, der mitten im Laufen Seitenstechen bekommt; denn 1305 ist einer solchen impulsiven Fahrtweise nicht gewach-sen. Das kann eine gute alte Dampfmaschine durchhalten, nicht aber die Motoren. Sie arbei-ten unregelmäßig und laufen heiß. Wir versuchen unser bestes.
Nachmittags: Es geht nicht mehr. Das muß nun auch der Kommandant einsehen. Während der letzten Wache, das sind 6 Stunden, haben wir 77 Manöver gefahren. Das war zu viel und ging zu weit. Lager, Kolben und Zylinder sind heißgelaufen, und die Kompressoren kann man überhaupt nicht mehr anfassen. Sollen wir warten, bis sie auseinander fliegen und die Brocken durch die Gegend schwirren?
Frage: Was nun? Die Kompressoren werden doch am not¬wendigsten gebraucht. Sie liefern die Preßluft, die zum Anwerfen der Motoren benötigt wird. Es ist ja nicht wie bei einer Dampfmaschine, die man einfach umsteuert und dann wieder laufen läßt. Unsere Motoren müssen nach jedem Stopp neu angeworfen werden. Während der Fahrt wer¬den dann die Pressluftflaschen wieder neu gefüllt. Jetzt aber wa¬ren die Laufzeiten ständig so kurz, daß die Kompressoren ununterbrochen laufen mußten, und trotzdem ist unser Vorrat an Preßluft schon bis auf 25 Atmosphären abgesun¬ken. Vielleicht reicht er noch für zwei oder drei Manö¬ver, vielleicht auch nicht. Dafür aber kann man jetzt auf den Zylinderdeckeln Spiegeleier bra-ten.
Der Flottillenchef bekommt Meldung, damit er das Boot nicht vollends ,,zur Kracke" fährt. Nach zwei Stunden hat er sich zu einem Entschluß durchgerungen und läßt uns laufen, heimkommen werden wir wohl noch. Langsam und heißer prusten wir davon. Gegen Mitter-nacht machen wir in Frederikshavn fest. Morgen geht es wieder in die Werft. Wir waren lan-ge nicht dort!
8. Frederikshavn - Flensburg
1. Mai 1940 Frederikshavn
Wir kommen nicht wieder in Frederikshavn in die Werft. Die notdürftige Ausflickerei hat kei-nen Zweck. Eine gründliche Generalüberholung ist nötig. So wird denn unserem Boot eine größere Werftliegezeit von etwa sechs Wochen verordnet. Sie soll in Flensburg stattfinden. Morgen brechen wir auf.
2. Mai 1940 Frederikshavn - In See
14.00 Uhr. Wir laufen aus, Kurs Süd, heimwärts. Das war ein kurzer Fronteinsatz. Daß 1305 gerade jetzt ausfallen mußte, jetzt, wo jedes Schiff und Schiffchen dringend gebraucht wird. Aber Schiffe sind keine Menschen. Ma¬schinen und Boote geben her, was ihre Konstrukteure und Erbauer berechnet haben, was das Leistungsschild be¬sagt. Eine Steigerung darüber hinaus aber, oder ein Durchhalten auch dann, wenn einmal nicht alle Rädchen laufen, das gibt es nicht. Nur der Mensch vermag bei genügend starker willensmäßiger Konzentration über sich hinauszuwachsen. Er allein vermag das Volumen seiner Kräfte auszuweiten und besonders in Stunden der Gefahr Höchstes zu leisten. Trotzdem tut man gut, solche menschliche Superlative nicht in Rechnung zu setzen, sondern sich an die nüchternen Worte eines modernen Philo¬sophen zu halten, der erklärt: ,,Der Mensch ist nicht das, was er in ein-zelnen hohen Momenten zu sein vermag, son¬dern was er in jedem Augenblick mindestens ist. Der Wert eines Menschen richtet sich nach der untersten Grenze seines Wesens und seines Seins." (nach Stöcker)
Auf Steuerbordseite zieht die dänische Küste vorüber, auf der anderen Seite die Weite der See. Aus den Bull¬augen unseres Funkraumes hat man einen herrlichen, stets wechselnden Rundblick. Als ich im Vorjahr meinen Urlaub an der See verbrachte, kostete ein Zimmer mit Blick auf die See stets zehn Mark mehr. Jetzt ist alles umsonst, die Aussicht, das Essen, die Schlafgelegenheit, das Trinken und das Rauchen. Nicht einmal Kurtaxe braucht man zu be-zahlen. Trotzdem ist man nicht zufrieden, aber das liegt wohl in der menschlichen Natur.
Bei der flotten Marschfahrt können wir morgen abend schon in Flensburg sein. Bis dahin verbleiben uns noch etwa 24 Stunden. Wir werden sie uns christlich teilen und immer zwei Mann werden je vier Stunden Wache gehen. Es ist noch lebhafter Funkverkehr, aber zu zweit kann man schon auf dem laufenden bleiben. Mein Kamerad ent¬schlüsselt, und ich nehme auf. Buchstabe reiht sich an Buchstabe, Gruppe an Gruppe. Merkwürdig ist dabei, daß trotz der scharfen gedanklichen Konzentration zweitstufi¬ge Assoziationen entstehen, und ob man nun bei Tage seine Funkwache absitzt oder ob man zu nächtlicher Stunde mit fließendem Stift die Buchstabenkolonnen auf dem Papier aufmarschieren läßt. Plötzlich rennt mitten durch die Buchstabenreihen ein kleiner Junge, dreht sich um und lächelt. Dann ver-blaßt das unwirkliche Bild. So schnell wie es gekommen, verschwindet es auch wieder. Dafür zeigt sich auf dem Weiß des Funkspruchzettels langsam Gertruds liebes Gesicht. Einzelne Züge bekommen schärfere Konturen. Deutlich tritt die Mundpartie hervor, jetzt wieder blicken die Augen hell und klar. Dann breitet sich ein Schleier über alles. Eigensinnig verweilt noch die dunkelblonde Haarlocke über der Stirn, bis auch sie vom Bleistift durch immer neue Schriftzeichen zerstampft und verwischt wird. Grüße von daheim. –
lch möchte gerne wissen, was sie jetzt machen und wie es ihnen geht. Im letzten Brief be-klagte sich Gertrud über zu wenig Post. Günter fragt immer wieder: ,,Wenn kommt denn nun endlich unser Vati?"
3. Mai 1940 In See - Flensburg
Nun ist es schon wieder Mittag geworden. Eben hat man auf der Brücke den Standort be-stimmt. Knapp 80 sm haben wir noch zu fahren. Vor 20 Uhr werden wir kaum in Flensburg einlaufen.
Bei der Wachablösung finde ich wieder ein paar inter¬essante FT´s vor. Ein Vp.Boot ist von fünf englischen Fliegern angegriffen worden, nachdem zwei abgeschossen waren, drehten die restlichen drei ab. Auch ein engli¬sches U-Boot ist nach heftigem Wasserbombenangriff von unseren U-Jägern versenkt worden. Ein großer Ölfleck be¬zeichnet die Untergangsstelle.
Mit dem bewußten Ölfleck auf dem Wasser hat es aller¬dings seine besondere Bewandtnis. Gewiß rechtfertigt das Auftreten von Öl die Annahme, daß das Boot getroffen und zumindest die Betriebsstoffzellen leck sind. Nun hat aber der Engländer, eben aus dieser Überlegung heraus, in sei¬ne Unterseeboote eine besondere Ölzelle eingebaut, aus der bei Gefahr Öl abgelassen werden kann. Dadurch soll die Vernichtung des Bootes vorgetäuscht und der Gegner von weiteren Angriffen abgehalten werden. Es ist also ein tot stellen, wie es auch in der Tierwelt, besonders von den Insekten, bei Gefahr gern angewandt wird. Bedau¬erlicher-weise ist dieser Trick aber bekannt, und nicht umsonst besteht die Anweisung: Mit Wabos grundsätzlich nicht sparen!
Die Sonne ist im Untergehen. Lange kann unsere Fahrt nicht mehr dauern. Wir sind schon in der Flensburger Förde. Immer näher treten zu beiden Seiten die Ufer her¬an, und immer schmäler wird die Nahtstelle zwischen Däne¬mark und Deutschland. Voraus kommt jetzt, um-spielt vom letzten Licht des scheidenden Tages der massig Bau der Marineschule in Sicht. Weitläufig breiten sich ihr zu Füßen die Anlagen der Marinenachrichten- und der Torpedo-schule aus. Dann nimmt uns Flensburg auf. Im Werftgelände le¬gen wir an. Von einem nahen Kirchturm schlägt es eben 22 Uhr. Wir sind wieder in Deutschland.
4. Mai 1940 Flensburg
Klar Deck überall und dann gibt es Urlaub. Wie ein Blitz aus heiterem Himmel trifft uns die Kunde und sie zündet. Im Geschwindschritt wird gearbeitet. Wabos und Munition werden ab-gegeben. Die Decks werden gefeudelt, Pütz und Besen geschwungen. Aus allen Luken und Schotten strömen und spritzen Bäche reinigenden Wassers wie bei Windstär¬ke 8.
Auch bei uns im Funkraum herrscht Hochbetrieb. Die Geheimsachen werden überprüft und im großen G-Spint in der Kommandantenkammer verstaut. Dann werden die Stöße von Schlüsselzetteln sortiert, gebündelt und verpackt. Sie sollen heute noch vernichtet werden. Schnell setze ich eine Vernichtungsverhandlung auf.
Die mühevolle Arbeit vieler Tage und Nächte geht unter den Kesseln des nebenanliegenden MS-Bootes 1109 in hellen Flammen auf. Kurzlebig ist die Arbeit des Funkers. Mit dieser letz-ten kriegerischen Handlung schließt der Dienst. Freiheit und Urlaub treten jetzt an seine Stel-le.
Fortsetzung etwa Mitte September
hi, Jürgen,
wieder top :TU:) :MG:
Zitat von: Seekrieg am 29 August 2011, 15:35:05
das 5 847 BRT große, 1921 in Dienst gestellte Turbinenschiff ,,Hamm" der Hapag mit einer Ladefähigkeit von 8 520 Tonnen, das gestern hier einer Mine oder einem Torpedotreffer zum Opfer fiel.
torpediert durch das britische Unterseeboot HMS
Seawolf http://www.uboat.net/allies/warships/ship/3426.html
Zitat von: Seekrieg am 29 August 2011, 15:35:05
In den späten Abendstunden laufen die Transporter gewöhnlich aus. Heute ist das Mo¬torschiff ,,Ahrensburg" an der Reihe. (Bananenschiff, 1939 in Dienst gestellt, 96 m lang, 13 m breit, 2 988 BRT, 16 kn). Besorgt schauen wir ihm nach. Kalt und mondhell ist die Macht, und im Skagerrak wimmelt es von englischen U-Booten. Gute Fahrt!
Der gute Wunsch hat etwas genützt : http://www.historisches-marinearchiv.de/projekte/asa/ausgabe.php?where_value=581 Die "Ahrensburg" überstand den Krieg
Zitat von: Seekrieg am 29 August 2011, 15:35:05
Heute ist es wieder ein ehemaliges Bananenschiff der ,,Deutschen Afrika-Frucht-Co", das sich zur Überfahrt bereit macht. Der ,,Pionier", 1933 gebaut, 107 m lang, 13 m breit, 3 285 BRT, läuft seine 15 sm und fährt am liebsten allein. Wie oft hat er das Skagerrak schon überquert. Mancher Torpedo hat schon seine Bahn gekreuzt, aber mit geschickten Haken und Sprüngen gelang es ihm bisher, diesen gefährlichen Begegnungen auszuwei-chen.
versenkt am 2. 9. 1940 durch das britische Unterseeboot HMS
Sturgeon, mehr als 300 Mann gehen mit dem Schiff unter ... http://www.historisches-marinearchiv.de/projekte/asa/ausgabe.php?where_value=673
Zitat von: Seekrieg am 29 August 2011, 15:35:05
Auch zwei französische Zerstörer, die sich zu einem Ausflug ins Skagerrak aufgemacht hat-ten, wurden von unseren Kleinfahrzeugen vertrieben.
Auszug aus der Chronik ... zeigt, daß es auch anders hätte ausgehen können ...
23.– 25.4.1940
Nordsee
Kurze Gefechtsberührung der 8. franz. Zerstörer-Division (Kpt.z.S. Barthes) mit den Großzerstörern
L'Indomptable,
Le Malin und
Le Triomphant im Skagerrak mit
V 702 und
V 709 (7. Vorpostenflottille). Dabei passieren die Minenleger
Roland und
Cobra auf dem Marsch von Wilhelmshaven nach Kristiansand in unmittelbarer Nähe, ohne gesichtet zu werden. Ein Angriff deutscher Bomber auf den Zerstörerverband am 24.4. bleibt erfolglos. In der Nacht vom 24./25.4. bringen die Minenleger unter Sicherung von fünf Torpedobooten im Skagerrak die Minensperre V aus.
und zu Frederikshavn hätte ich als ehemaliger Schnellbootsfahrer auch einiges zu erzählen :O/Y aber das lassen wir hier :wink:
Gruß, Urs
Wieder mit Genuss gelesen top
Hallo Jürgen Suuuuper top top top...vor allem die Erklärung vom Labskaus :ROFL:...kann die nächsten Berichte kaum erwarten :MG:
Hallo Manfred u.a.
dank für die guten Wünsche.
Gestern neue OP, geplante Entlassung Mitwoch im Eimer,
heute morgen mühselig erreicht Wochenende nach Hause und
dann passiert wieder etwas und es wird wohl nicht klappen..
Da kann man nur froh sein daß man so ein schönes Hobby hat ud nebenbei dieses nette Forum !
Gruß
Theo
Zitat von: Seekrieg am 29 August 2011, 15:35:05
Es ist ja nicht wie bei einer Dampfmaschine, die man einfach umsteuert und dann wieder laufen läßt. Unsere Motoren müssen nach jedem Stopp neu angeworfen werden. Während der Fahrt wer¬den dann die Pressluftflaschen wieder neu gefüllt. Jetzt aber wa¬ren die Laufzeiten ständig so kurz, daß die Kompressoren ununterbrochen laufen mußten, und trotzdem ist unser Vorrat an Preßluft schon bis auf 25 Atmosphären abgesun¬ken. Vielleicht reicht er noch für zwei oder drei Manö¬ver, vielleicht auch nicht. Dafür aber kann man jetzt auf den Zylinderdeckeln Spiegeleier bra-ten.
Hallo Jürgen ( Seekrieg),
Irgendetwas ist mir da entgangen, ich hatte geglaubt Vp.Boot 1304 hatte eine Dampfmaschine ( Kohle) als Antrieb...... :MV:
:MG:
Manfred
Hallo Manfred, gut aufgepaßt!!!
Ein kleiner Sprung im Tagebuch. Vater war für ein paar Tage wegen Erkrankung des Wachleiters ausgeliehen auf Vp. 1305 (ex. Wuppertal-Cuxhaven). Dort gab es die Probleme, leider nicht nur mit der Maschine, sondern auch mit der Kameradschaft. Ich habe diesen Texteil ausgelassen. -
Gruß Jürgen
Das mit 1305 war mir entgangen..... :O/Y
:MG:
Manfred
Zitat von: Seekrieg am 29 August 2011, 15:35:05
Fortsetzung etwa Mitte September
(http://www.pinkmelon.de/forum/images/smilies/vala_04.gif).........ich glaube nicht nur ich hoffe das es bald weiter geht....... :MZ:
:MG:
Manfred
Hallo Manfred,
ja, es sollte weitergehen, aber vorher wollte mich noch jemand anrufen. (bis jetzt noch nicht). Deshalb die Sendepause. Aber schau mal in - Kaiserliche Marine - Vp.Boot "Dirk v. Minden", auch ganz interessant. Außerdem: der Beitrag "U-Boot Seal gefangen" ist ein weiter Teil von 1304!
Mit abendlichen Grüßen
Jürgen
16. Mai 1940 Frederikshavn
Heute fand eine Besichtigung der in Frederikshavn liegenden Verbände durch Admiral Carls statt. In seiner Ansprache würdigte er unsere Sicherungsarbeit und betonte, daß durch den unermüdlichen Einsatz der Vorposten-, U-Jagd- und Minensuchflottillen das Norwegenunternehmen erfolgreich und mit so geringen Verlusten durchgeführt werden konnte. Von den bisher über See transportierten Verbänden in Stärke von 70 000 Mann seien nur 1,2 % verloren gegangen, und das sei eine gute Bilanz. Ein gewisser Stolz, mit unseren kleinen Booten dabei gewesen zu sein, bleibt hängen. -
17. Mai 1940 Frederikshavn
Wir haben einen neuen Funkraum bekommen. Der alte hinter der Brücke ist Kommandantenkammer geworden. Unsere neue Station besteht aus einem großen Holzkasten, der fix und fertig geliefert, nur achtern auf die Aufbauten aufgesetzt zu werden brauchte. Kartoffelkiste nennen die Kameraden respektlos dieses Gehäuse, aber damit haben sie zweifellos unrecht. Für uns bleibt es unsere Station, und nicht umsonst wird die Heiligkeit und Unantastbarkeit dieser Stätte wieder durch das bekannte Emailleschildchen deklariert: Zutritt verboten. Lebensgefahr! Die Direktion.
Räumlich weist unsere neue Arbeitsstätte ungefähr die gleichen Ausmaße auf wie die alte. Inhaltlich aber ist sie bedeutend großkalibriger geworden. Zu unserem kleinen 10 Watt-Sender ist ein neuer, größerer mit 200 Watt Leistung getreten. Mit ihm kann man schon ganz vernehmlich an die Heaviside-Schicht klopfen und Rabatz im Äther machen. Einige neue Umformer gehören natürlich auch dazu. So sind wir denn jetzt im FT. für en gros und en detail eingerichtet, und das Plus von wieder 12 Schaltern und 5 Meßinstrumenten nehmen wir dafür gern in Kauf. Hans scheint von der neuen Station so begeistert zu sein, daß er sie gar nicht mehr verlässt. Aber wie gesagt, das scheint nur so. In Wirklichkeit büßt er hier in Ermangelung einer anderen Zelle einen fünftägigen Stubenarrest ab.
Ein neues Geschütz haben wir auch noch bekommen. Vorn auf der Back hat es seinen Platz gefunden. Es war höchste Zeit, damit man sich wenigstens aufdringliche Feinde etwas vom Halse halten kann.
Nachmittags half ich Konrad bei seinen umfangreichen Schreibarbeiten. Er versinkt förmlich zwischen Papieren und Formularen. Zur rechten Hand und zum technischen Sekundanten des Flo-Ings avanciert, hat er alle Hände voll zu tun, und viel Last ruht auf seinen jungen Schultern. Als blutjunger Ersatz stieg er im Februar bei uns ein. Vor seiner Einberufung zur Wehrmacht war er HJ-Führer. Er hat die Oberschule absolviert und wurde von der Partei geformt. Auf Grund dieses geistigen und politischen Übergewichtes spielte er sich sehr bald in den Vordergrund, und bei seinen aggressiven Ungestüm und der sehr schlaggewandten Zunge konnte es nicht ausbleiben, daß er im Kameradenkreis bald überall aneckte und sich reichlich unbeliebt machte.
Mit Vorliebe suchte er sich auch an mir (Lehrer) zu reiben und den bestehenden Gegensatz zwischen Schule und HJ an Bord wieder aufleben zu lassen. Dann gab es harte Worte und kompakte Vorwürfe. Schließlich aber war er konkreten Argumenten gegenüber nicht verschlossen, und wenn man ihm auf gleich hohem Niveau entgegentrat, ließ er sich auch gern widerlegen. Er war, wie konnte es in seinem Alter anders sein, immer noch ein Suchender, und als es mir endlich gelang, den staatspolitisch gesteuerten Teil seiner Seele von seinem eigenen, persönlichen Ich zu trennen und mit einer sauberen Individualethik zu versehen, hatte ich gewonnen. Er schloß sich mehr und mehr mir an und wurde mir schließlich zu einem vertrauten Kameraden. -
Heute nehme ich Konrad das Maschinentagebuch ab und beginne mit den Eintragungen, der täglichen Bilanz und der Kurvenübersicht. Es ist eine monotone Arbeit, aber nicht uninteressant für den, der diese Art von Tagebuchführung nicht kennt.
Von Zeit zu Zeit schaut uns dabei unser neuer Decksgenosse Jumbo, unser Bordhund über die Schulter und erzwingt sich durch seine freundliche Aufdringlichkeit ein paar flüchtige Liebkosungen.
18. Mai 1940 Frederikshavn - In See
Am 15.5. kapitulierten die Niederlande. Kurz vorher mußte der erste aus der Verwandtschaft sein junges Leben lassen. Gertruds Cousin, Kurt Escher, war Feldwebel im I.R.72. Mit einigen Kameraden hatte er sich freiwillig zu einem Stoßtrupp gemeldet. Beim Angriff auf den Bahnhof in Dortrecht am 13.5.40 fiel er, gerade mal 27 Jahre alt.
An der Westfront geht der Vormarsch unaufhaltsam weiter. Gestern wurde Brüssel eingenommen und die Maginotlinie in 100 km Breite durchstoßen. Auch unser kleines Vorpostenboot 1304 begibt sich heute wieder auf den Kriegspfad; denn nach wie vor können die Fronten in Norwegen nur gehalten werden, wenn die Nachschubwege frei sind und Skagerrak und Kattegat fest in deutscher Hand bleiben, dies aber ist in erster Linie Aufgabe der kleinen Verbände.
Um 1300 Uhr legen wir ab und laufen gemeinsam mit dem Artillerieschulschiff ,,Fuchs" (525 t, 16 kn) aus, Kurs Nord, Position Skagerrak. Aufgabe: Vor- postenstreifen.
Die See ist still. Ruhig dampfen wir dahin. Es ist ein Glück, daß wir diese Strecken nicht zu laufen brauchen. Mit Grauen gedenken wir manchmal der armen Infanteristen, die jeden Kilometer zu Fuß und oft kämpfend zurücklegen müssen. Wie mag auf den endlosen Märschen der schwere Tornister niederdrücken, das Gewehr auf den Schultern scheuern, wie werden die Füße in den Stiefeln bren¬nen, todmüde werden die Kameraden niedersinken und wie froh werden sie sein, wenn sie eine trockene Unterkunft finden und einmal nicht auf die Gastfreundschaft des Chausseegrabens angewiesen sind.
19. Mai 1940 Skagerrak
Kurz vor 5 Uhr schon geht die Sonne strahlend auf. Mit ihr zugleich erscheinen die ersten Flugzeuge am Himmel. Sie fliegen Sicherung und halten Ausschau nach feindlichen Streitkräften. Auch an Bord ist alles auf dem Posten. Die Wachen sind besetzt, und scharfe Augen suchen laufend die See nach feindlichen Überraschungen ab. Auf dem Peildeck stehen drei Mann und halten Augen und Ohren offen. Drohen sie müde zu werden, treten drei andere an ihre Stelle. Fünf weitere Kameraden stehen auf der Brücke. Sie halten ebenfalls angestrengt Ausschau. Im Kartenhaus studiert der Steuer- mann eingehend die Seekarte, um allen Unebenheiten aus dem Wege gehen zu können. Unten übern Schiffsboden klebt der Horcher am Gerät und bannt die Gefahren der Tiefe. Zur weiteren Sicherung "haben" Maschinenwehre, ein Fla-Geschütz und die neue 8,8 "blank gezogen". Und an der Reling liegen griffbereit die Wabos. Theoretisch dürfte uns also nichts passieren.
Ich habe Funkwache. Der Betrieb ist z. Z. ruhig. Mit Funkmaat Hans und Hänschen, dem kleinen Funkgast, der im Dezember bei uns eingestiegen ist, teilen wir uns in unsere Aufgaben. Hänschen hat sich schön gemacht und gut herangebildet. Er wird jetzt mit allem allein fertig, und ist für uns eine wertvolle Hilfe. Seine Leistungen sind wieder ausschlaggebend für den Grad der kameradschaftlichen Wertung, und da Hänschen sich auch sonst gut einfügt, so herrscht bei uns immer ein schönes, harmonisches Verhältnis. Und das erleichtert die ,,Kriegführung" wesentlich.
1100 Uhr, die Post ist da! Es ist schon allerhand, wenn ab und zu ein Vorpostenboot losfährt, wenn sich 50 Mann abrackern und unter Umständen in Gefahr und Not begeben, nur um ein paar Briefe an Ort und Stelle zu bringen. Rauschend kommt 1309 angeschoben und macht längsseits fest. 09 ist recht vielseitig. Es macht seine Kriegsfahrten und erledigt nebenbei noch unsere postalischen Geschäfte. Außerdem betreiben die Kameraden auf 1309 auch Fischfang. Neuerdings haben sie sich auch noch auf die Viehzucht verlegt, wie die zwei Schweine beweisen, die vergnügt an Oberdeck herumrennen. ,,Auf See dürfen sie das", erklärt mir ein Kamerad von nebenan, ,,sonst aber haben sie ihre Stallung unter dem Fla-Geschütz, dessen Podest zu diesen Zwecke mit einigen Brettern verkleidet ist. Die Verpflegung erhält unser vierbeiniger Proviant aus den zahlreichen Abfällen der Kombüse. Die Streu liefert die Kantine in Form von Holzwolle und Strohhülsen, die zur Verpackung von Flaschen usw., dienten und das Ausmisten besorgt von Zeit zu Zeit das überkommende Wasser der See. So haben wir weiter gar keine Arbeit mit den Schweinen, nur daß wir sie eines Tages werden essen müssen".
Großartig, wie sie das gemacht haben. Vielleicht kann man auf der Back auch noch einen Schrebergarten herrichten und damit den anfallenden Natur- dünger auch noch einer sinngemäßen Verwertung zuführen.
Der Nachmittag gestaltet sich etwas kriegerischer. Wieder gab es allerhand treibende Minen abzuschießen. Mit Gewehr und Mg halten unsere Scharf- schützen so lange hin, bis die gefährlichen Kugeln endlich absacken. Auch Robert Buchheister beteiligt sich mit an dieser Schießerei, allerdings auf seine Art. Als Heizer darf er nicht an das Schießeisen; denn seine Waffe ist die Pokerstange, und auch bei der Marine gilt der Grundsatz: Schuster bleib´ bei deinem Leisten. Robert weiß sich aber zu helfen. Er holt sich eine ganze Schaufel Kohlen an Oberdeck und wirft nun mit den einzelnen Kohlenbrocken nach den Minen. Seitdem Kameraden von einem anderen Boot auf diese Weise eine Mine zur Explosion gebracht und sich damit von B.S.O. eine öffent- liche Belobigung zugezogen haben, drängt sein Ehrgeiz in die gleiche Richtung, bisher allerdings ohne Erfolg. Aber Robert ist ja noch jung, und was nicht ist, das kann noch werden. So wird es langsam Abend, Sonntagabend, und der erste Tag mit 1304 auf See geht seinem Ende entgegen.
Hallo Jürgen, Deine Vortsetzung top
Zitat von: Seekrieg am 01 Oktober 2011, 10:22:52
Der Nachmittag gestaltet sich etwas kriegerischer. Wieder gab es allerhand treibende Minen abzuschießen. Mit Gewehr und Mg halten unsere Scharf- schützen so lange hin, bis die gefährlichen Kugeln endlich absacken. Auch Robert Buchheister beteiligt sich mit an dieser Schießerei, allerdings auf seine Art. Als Heizer darf er nicht an das Schießeisen; denn seine Waffe ist die Pokerstange, und auch bei der Marine gilt der Grundsatz: Schuster bleib´ bei deinem Leisten. Robert weiß sich aber zu helfen. Er holt sich eine ganze Schaufel Kohlen an Oberdeck und wirft nun mit den einzelnen Kohlenbrocken nach den Minen. Seitdem Kameraden von einem anderen Boot auf diese Weise eine Mine zur Explosion gebracht und sich damit von B.S.O. eine öffent- liche Belobigung zugezogen haben, drängt sein Ehrgeiz in die gleiche Richtung, bisher allerdings ohne Erfolg.
Erstaunlich das dies erlaubt war, .........wie weit mag man so ein Stück Kohle werfen können 30-50 m, mehr sicher nicht.......ob das eine so gute Idee war wenn in dieser Entfernung die Mine hoch geht ? :MZ:
:MG:
Manfred
Hallo Manfred,
Du hast recht, aber im jugendlichen Übermut und ggf. Langeweile (wetten) passiert so etwas schon. Bei Vaters Einsatz auf M 575 vor Kolberg passierte folgendes. Das dritte Boot hatte Aufgabe, die von den beiden vorderen Booten mit der Räumleine abgeschnittenen und auftreibenden Minen abzuschießen. Das geschah einmal in zu geringer Entfernung. Die Reaktion des Kapt. vom Führerboot: Anfrage über den "Lumpenschwenker" (Signalgast): "Sind Sie verrückt?" Antwort des Kapt. vom "Schießboot": " Nein, ich bin (Kapt.) Lepski!"
So war eben die Realität gegenüber den Vorschriften! :ND//)
Gruß Jürgen
...Kohle werfen... Erstaunlich, dass das erlaubt war. Ist doch schließlich der "Treibstoff" des Bootes :?
Grüße Ronny
Zitat von: RonnyM am 04 Oktober 2011, 08:57:53
...Kohle werfen... Erstaunlich, dass das erlaubt war. Ist doch schließlich der "Treibstoff" des Bootes :?
Grüße Ronny
Naja Ronny, es war Mai 1940, man befand sich noch auf der Siegestrasse, man glaubte eventuell noch an ein schnelles Ende und nicht daran das Kohle mal knapp werden könnte...... :MZ:
:MG:
Manfred