Hallo zusammen,
am 18. April 1945 erhielten 11 Besatzungen von Klein-U-Booten des Typs "Seehund" den Befehl, von Neustadt nach Helgoland zu verlegen. In der Liste der Besatzungen findet sich auf den ersten Blick keine Besonderheit: Die Kommandanten sind Seeoffiziere, in der Regel Leutnante, oder Oberfähnriche zur See, die Leitende Ingenieure Ingenieuroffiziere, in der Regel Leutnante oder Unteroffiziere der Laufbahn XIII (Maschinenpersonal). Eine Ausnahme sticht dann aber doch ins Auge: Der Kommandant von U 5078 ist Matrose der Laufbahn I (Seemännische Laufbahn), mit Mühe dürfte es gelungen sein, für den Kommandanten mit einem Mannschaftsdienstgrad einen passenden Leitenden Ingenieur, in diesem Falle einen Maschinen-Gefreiten, zu finden. Ein vermutlich einmaliger Vorgang (Mattes: Die Seehunde, S. 154f.).
Kommandant dieser außergewöhnlichen "Seehund"-Besatzung war Günther Zedelius, vom 23.02.1943 bis zum 20.07.1944 als Kapitänleutnant Kommandant von "U 637". Am 21.07.1944 wurde Zedelius Dienst enthoben. Zedelius war in eine disziplinarrechtlich zu verfolgende Lage gegenüber Untergebenen geraten, die zur Durchführung eines Kriegsgerichtsverfahrens führte. Mit Rücksicht auf seine bisherige Führung und Bewährung wurde Zedelius degradiert und zur erneuten Bewährung in einer Fronteinheit verurteilt (Lohmann/Hildebrand Kapitel 292 S. 218; Mattes: Die Seehunde, S. 155).
Zedelius hatte das Glück, den Krieg zu überleben.
Neben Zedelius fallen in der Liste der U-Boot-Kommandanten auch Kapitänleutnant Helmut Franzke auf, der als Kommandant von "U 3" im April 1942 ebenfalls degradiert wurde und später als Gefreiter auf einem Vorpostenboot gefallen ist, und Oberleutnant z. S. August-Wilhelm Hewicker, der nach Seinem letzten Kommando als Kommandant von "U 671" am 04.05.1943 aus dem Offizierkorps entlassen wurden.
Kennt jemand die Hintergründe für diese beiden letztgenannten Fälle?
Viele Grüße
Violoncello
Hallo Violoncello ,
Die wenigen bekannten Fakten zur Verurteilung von 20 U- Boots Offizieren
Wurden in diesem Thread mit Post vom 12.04.2013 bereits ausführlich behandelt.
Darunter auch Franzke, Hewicker und Zedelius.
Beste Gruesse
Atlantis
Zitat von: Violoncello am 08 Februar 2014, 14:53:28
Hallo zusammen,
am 18. April 1945 erhielten 11 Besatzungen von Klein-U-Booten des Typs "Seehund" den Befehl, von Neustadt nach Helgoland zu verlegen. In der Liste der Besatzungen findet sich auf den ersten Blick keine Besonderheit: Die Kommandanten sind Seeoffiziere, in der Regel Leutnante, oder Oberfähnriche zur See, die Leitende Ingenieure Ingenieuroffiziere, in der Regel Leutnante oder Unteroffiziere der Laufbahn XIII (Maschinenpersonal). Eine Ausnahme sticht dann aber doch ins Auge: Der Kommandant von U 5078 ist Matrose der Laufbahn I (Seemännische Laufbahn), mit Mühe dürfte es gelungen sein, für den Kommandanten mit einem Mannschaftsdienstgrad einen passenden Leitenden Ingenieur, in diesem Falle einen Maschinen-Gefreiten, zu finden. Ein vermutlich einmaliger Vorgang (Mattes: Die Seehunde, S. 154f.).
Kommandant dieser außergewöhnlichen "Seehund"-Besatzung war Günther Zedelius, vom 23.02.1943 bis zum 20.07.1944 als Kapitänleutnant Kommandant von "U 637". Am 21.07.1944 wurde Zedelius Dienst enthoben. Zedelius war in eine disziplinarrechtlich zu verfolgende Lage gegenüber Untergebenen geraten, die zur Durchführung eines Kriegsgerichtsverfahrens führte. Mit Rücksicht auf seine bisherige Führung und Bewährung wurde Zedelius degradiert und zur erneuten Bewährung in einer Fronteinheit verurteilt (Lohmann/Hildebrand Kapitel 292 S. 218; Mattes: Die Seehunde, S. 155).
Zedelius hatte das Glück, den Krieg zu überleben.
Neben Zedelius fallen in der Liste der U-Boot-Kommandanten auch Kapitänleutnant Helmut Franzke auf, der als Kommandant von "U 3" im April 1942 ebenfalls degradiert wurde und später als Gefreiter auf einem Vorpostenboot gefallen ist, und Oberleutnant z. S. August-Wilhelm Hewicker, der nach Seinem letzten Kommando als Kommandant von "U 671" am 04.05.1943 aus dem Offizierkorps entlassen wurden.
Kennt jemand die Hintergründe für diese beiden letztgenannten Fälle?
Viele Grüße
Violoncello
1372 Zedelius, Günther
Othmarschen / Pinneberg
Linien Seeoffizier Eintritt in die Reichsmarine später Kriegsmarine, Crew 35
05-04-1935 Offiziersanwärter
01-07-1936 Fähnrich zur See
01-01-1938 Oberfähnrich zur See
01-04-1938 Leutnant zur See
01-10-1939 Oberleutnant zur See
01-10-1942 Kapitänleutnant
28-08-1944 Matrose d.R. [Rangverlust und Umernennung] war Berufssoldat und am 28.08.1944 wurde er zu den Soldaten des Beurlaubtenstandes (Reservisten) übergeführt und leistete als solcher weiterhin aktiven Kriegsdienst.
30-11-1938 Flugzeugbeobachterabzeichen für den Dienstleistung bei der Seeluftwaffe
18-12-1939 Eisernes Kreuz 2. Klasse für den Dienst an Luftwaffe
16-07-1941 Frontflugspange für Aufklärer in Bronze für den Dienst an Seeluftwaffe bei der Aufklärungsgruppe 125 [See]
22-07-1941 Verwundetenabzeichen in Schwarz für den Dienst an Seeluftwaffe bei der Aufklärungsgruppe 125 [See]
07-12-1941 Frontflugspange für Aufklärer in Silber für den Dienst an Seeluftwaffe bei der Aufklärungsgruppe 125 [See]
31-12-1942 U-Boots-Kriegsabzeichen 1939 für den Dienst an Bord als 1. WO von "U 130"
01/03/1942-26/04/1942 zur Verfügung U-Boot-Waffe / 2. Admiral der Unterseeboote, U.W.O-Lehrgang 2. Unterseeboots-Lehr-Division, Gotenhafen 27/04/1942-05/07/1942 U.T.O-Lehrgang Torpedoschule, Flensburg-Mürwik.
06/07/1942-02/08/1942 U.W.O-Lehrgang Marine-Nachrichtenschule, Flensburg-Mürwik
03/08/1942-01/09/1942 U.T.O-Lehrgang Torpedoschule, Flensburg-Mürwik.
02/09/1942-14/09/1942 U-Lehrgang 2. U.A.A., Neustadt i. H.
15/09/1942-06/01/1943 1. WO auf "U 130" [Kdt: Kals] / 2. U-Flottille, Lorient. Ein Feindfahrte in der Mittelatlantik, 63 Seetage.
07/01/1943-18/01/1943 Fahrgerät-Lehrgang 2. U.A.A., Neustadt i. H. 19/01/1943-22/02/1943 KSL 26. U-Flottille, Pillau.
23/02/1943-20/07/1944 Kommandant auf "U 637" / 5. U-Flottille, Kiel später 1. U-Flottille, Brest. Drei Überführungsfahrten, 6 Seetage.
21/07/1944-27/08/1944 zur Verfügung 8. U-Flottille, Danzig.
28/08/1944-16/11/1944 zur Verfügung Stabsabteilung Personalbüro der U-Boote, Danzig. Über die Mißhandlung mit Untergebenen wurde er zu 6 Wochen verschärfter Arrest, Rangverlust und Entlassung aus dem Offiziersstand.
17/11/1944-08/05/1945 zur Verfügung Kommando der Kleinkampfverbände, Timmendorfer.
08/05/1945 Kriegsgefangen nach Kapitulation. Britische Krieggefangenschaft im Kriegsgefangen Lager.
06/07/1981 Gestorben mit Alter von 66 Jahren.
Hallo FAlmeida,
vielen Dank für die Darstellung des militärischen Werdegangs von Zedelius. Insbesondere die Gründe für die Dienstenthebung und der Beginn seiner Kommandierung zum Kommando der Kleinkampfverbände waren mir nicht bekannt. Die Zeit dürfte also gerade zu einer Ausbildung zum "Seehund"-Kommandanten gereicht haben!
Viele Grüße
Violoncello
Hallo Violoncello,
hier noch mal zur Ergänzung der Hinweise
http://www.forum-marinearchiv.de/smf/index.php/topic,19769.msg221038.html#msg221038
Leider gab es keine Antworten.
Hewicker hat vom 22.7.43 bis 21.4.44 WG Rathenow eine Teilstrafe abgesessen. Danach wurde ihm Frontbewährung zugestanden. Entlassungseinheit war die 1.MEA.
Frontbewährung auf M 265 ( 18.7.44 bis 18.12.44) an der Invasionsfront. Hier nur in Stichworten seine Beurteilung - Totale Widerstandskraft (Flugabwehr), hochwertige Geistesprozesse, einwandfreier Charakter, hervorragend, beispielgebend.
Sein Gnadengesuch wurde begründet - in Stichworten (Dummheit, Unerfahrenheit, kein Verbrecher). Das Marinegericht-Auffangstelle hat das Gesuch am 18.2.1946 abgelehnt. Mit Hewicker wurden damals der I.WO, ein Bootsmaat und drei Soldaten bestraft.
Franzke hat seine Strafe abgesessen und war erst in Italien eingesetzt. Er hatte durch seine Führungseigenschaften sehr schnell wieder Aufgaben eines Vorgesetzten bekommen. Diese wurden ihm aber wieder untersagt (OKM). Es war damals so, dass Soldaten, die nach § 175 verurteilt wurden, nie wieder Führungsaufgaben übernehmen durften, da sie mit ihrer Homosexualität diese verwirkt hatten.
Franzke und Schimmelpfennig waren beide verlobt und haben vor Gericht bestritten, homosexuell zu sein (was nicht verwundert). Beide haben ihre Taten unter Alkohol begangen.
Zur Ergänzung: immer, wenn ich etwas Zeit habe, suche ich weitere ehemalige Marinesoldaten, die sich freiwillig zu KdK gemeldet haben. Zeit habe ich leider nicht so viel und die Dateien umfassen ca. 3500 Personen.
Beste Grüße
Heinz-Jürgen
Hallo Heinz Jürgen,
ich danke dir für die schnelle Antwort - trotz des Zeitproblems, in das ich mich aus eigener Erfahrung gut hineinversetzen kann. Ich war mir ansonsten ohnehin sicher, dass du die KdK-Fälle im Auge behalten würdest. Ich werde bei Gelegenheit noch einmal einen speziellen Fall eines Marineoffiziers nachlegen, der dich ebenfalls interessieren dürfte - ein Fall, bei dem die Rehabilitierung mit kaum nachweisbarem "Vitamin-B" vergleichsweise gut funktioniert hat.
Nochmals ein Dankeschön!
Viele Grüße
Violoncello
kenne ich
Hallo zusammen,
um die "Familiengeschichte" Zedelius im Kommando der Kleinkampfverbände abzurunden:
Leutnant (Ing.) Hans-Dieter Zedelius wurde etwa am 20. Mai 1945 mit sechs weiteren Offizieren und Portepeeunteroffizieren des Kommandos der Kleinkampfverbände über Eckernförde in die USA nach Key West in Florida verschifft, wo die Gruppe am 10. oder 11. Juni 1945 eintraf. Von dort bis Mitte August 1945 nach Fort Lauderdale weiter transportiert bestand ihre Aufgabe darin, der US Navy die deutschen Kleinkampfmittel wie "Seehund", "Biber", "Molch" oder "Hai" im taktischen Einsatz vorzuführen.
(BArch RM 103/5 Akte Parpart, J. v. Oblt. z. S. a. D.: Schriftwechsel über Tätigkeit in USA (Fort Lauderdale) über Projekt 176, Dez. 1955 - Okt. 1956)
Viele Grüße
Violoncello
Man weiß aber auch von Walter Köhntopp, erster Kdt von U995, das er auf vorherigen Kommandos und in diesem lt Aussagen seiner ehemaligen Besatzungen nicht der mutigsten einer war. Er soll bei Sichtmeldungen oder Kursbefehlen des BdU absichtlich falsch gesteuert haben um nicht in Feindkontakt zu kommen.
Nur durch gute Kontakte der Frau wurde das Urteil des Kriegsgerichts beeinflußt und anstatt Tod wegen Feigheit vor dem Feind wurde er an einer unbedeutenden Stelle an Land gesetzt und quasi kriegsmäßig beurlaubt.
Gruß Frank
Bitte mal Köhntopp in die Forensuche eingeben.
Da stehen etwas andere Sachen...
Zitat von: Steuermannsmaat am 28 Februar 2014, 06:01:16
Man weiß aber auch von Walter Köhntopp, erster Kdt von U995, das er auf vorherigen Kommandos und in diesem lt Aussagen seiner ehemaligen Besatzungen nicht der mutigsten einer war. Er soll bei Sichtmeldungen oder Kursbefehlen des BdU absichtlich falsch gesteuert haben um nicht in Feindkontakt zu kommen.
Nur durch gute Kontakte der Frau wurde das Urteil des Kriegsgerichts beeinflußt und anstatt Tod wegen Feigheit vor dem Feind wurde er an einer unbedeutenden Stelle an Land gesetzt und quasi kriegsmäßig beurlaubt.
Gruß Frank
Da hat er in der Tat Glück gehabt. Denn die U-Boot-Führung hat sich zu Kommandanten, denen sie Feigheit vor dem Feind unterstellte, ganz klar geäußert. Denn wer eindeutige Zeichen eines Geleitzuges missachtete, so Generaladmiral v. Friedeburg, "wird ...mit Recht von uns ausgemerzt, weil er den Ehrenschild unserer Waffe besudelt und gegen die unabdingbare sittliche Forderung verstoßen hat, daß man sich selbst einsetzen muß, wenn man töten will."
Moin zusammen,
alter Beitrag, aber "Neuigkeiten" zu Helmut Franzke.
Hier wurde sein Soldbuch vorgestellt:
http://www.k98kforum.com/showthread.php?37137-U-Boot-Captain-Soldbuch-with-a-twist
Was ist aus den Besatzungsmitgliedern geworden, die an diesen "homosexuellen Handlungen" beteiligt waren?
Vielen Dank!
Gruß
Wolfgang
moin,
Zitat von: FAlmeida am 08 Februar 2014, 15:34:36
30-11-1938 Flugzeugbeobachterabzeichen für den Dienstleistung bei der Seeluftwaffe
...
16-07-1941 Frontflugspange für Aufklärer in Bronze für den Dienst an Seeluftwaffe bei der Aufklärungsgruppe 125 [See]
...
07-12-1941 Frontflugspange für Aufklärer in Silber für den Dienst an Seeluftwaffe bei der Aufklärungsgruppe 125 [See]
Diese Auszeichnungen sind in u-boat.net für Z. nicht bzw. er ist in der entsprechenden Liste nicht erwähnt.
Gruß, Urs
Hallo Wolfgang,
die betroffenen Besatzungsmitglieder blieben unbehellig. Alle Aktivitäten gingen vom Kommandanten aus.
Einer der drei ist in der Crewliste aufgeführt. Über das Schicksal der beiden anderen Soldaten weiß ich leider nichts.
Schöne Grüße
Heinz-Jürgen
Zitat von: Arche am 30 August 2019, 20:35:22
Hallo Wolfgang,
die betroffenen Besatzungsmitglieder blieben unbehellig. Alle Aktivitäten gingen vom Kommandanten aus.
Einer der drei ist in der Crewliste aufgeführt. Über das Schicksal der beiden anderen Soldaten weiß ich leider nichts.
Schöne Grüße
Heinz-Jürgen
Hallo Heinz-Jürgen,
das ist sehr interessant!
Vielen Dank!
Gruß
Wolfgang
Zitat von: FAlmeida am 08 Februar 2014, 15:34:36
1372 Zedelius, Günther
Othmarschen / Pinneberg
30-11-1938 Flugzeugbeobachterabzeichen für den Dienstleistung bei der Seeluftwaffe
18-12-1939 Eisernes Kreuz 2. Klasse für den Dienst an Luftwaffe
16-07-1941 Frontflugspange für Aufklärer in Bronze für den Dienst an Seeluftwaffe bei der Aufklärungsgruppe 125 [See]
22-07-1941 Verwundetenabzeichen in Schwarz für den Dienst an Seeluftwaffe bei der Aufklärungsgruppe 125 [See]
07-12-1941 Frontflugspange für Aufklärer in Silber für den Dienst an Seeluftwaffe bei der Aufklärungsgruppe 125 [See]
Zusatzinfo:
Ab 01. November 1938 - als Versetzt kommandiert zur Luftwaffe geführt !
Als Beobachter ab 01.04.1941 auf einer He 114 B bei der 1. / Aufklärungsgruppe 125 (See) eingesetzt.
13.07.41 Verwundet (WIA) in Hangö durch Jägerbeschuss
18.07.41 Verwundet (WIA) während eines Aufklärungsflug durch Feindeinwirkung.