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Flotten der Welt => Die Royal Navy => Royal Navy - Geschichte und Einsätze => Thema gestartet von: halina am 27 März 2017, 15:11:08

Titel: Die Operation "CHARIOT" 1942
Beitrag von: halina am 27 März 2017, 15:11:08
Heute vor 75 Jahren begann das  Unternehmen von Streitkräften der Royal-Navy und der RAF in der
Nacht zum 28.3.1942 auf den Marinestützpunkt St. Nazaire unter der Bezeichnung "Operation Chariot"
Ziel sollte sein die Zerstörung des grossen Docktores da man befürchtete , dass evtl. die "Tirpitz"
in den Nordatlantik auslaufen könnte und somit nach Beshädigungen hier eindocken müsste .
Zu diesem Zweck wurde der ehemalige Zerstörer der US-Navy , die USS "Buchanan" zuletzt als die
HMS "Campbeltown" 1941 so umgebaut , dass er eines T-Bootes der Reichsmarine ähnlich war .
Vor dem Einsatz wurden im Bug des Zerstörers einige Wasserbomben eingebaut die mit einem Zeit -
Zünder versehen  später detonieren sollten  .Mit einem Speed von ca. 20 Kn rammte der Zerstörer
das Docktor und machte es unbrauchbar und die von Bord gehenden Mannschaften zerstörten auch
noch den Docktechnikraum , in den Vormittagsstunden erfolgte dann im Vorschiff die Explosion .
An dem Unternehmen waren wohl ca. 600 Soldaten der RN und BA beteiligt , die auch von den MTB
abgesetzt wurden , denn davon gingen ca. 200 in deutsche Gefangenschaft .
Die RN hatte einen Verlust von 169 Toten zu beklagen , auf deutscher Seite waren es 42 und 127
Verwundete .   
                                                                                                                            halina

Bild # 1  Der von der US-Navy übernommene Zerstörer USS "Buchanan" , gemeinfrei

Bild # 2  Der US-Zerstörer nun als HMS "Campbeltown" beim Umbau 1941 für den geplanten Einsatz

Bild # 3  Der Zerstörer nach dem Rammen des Docktors , Foto vom 28.3. 1942 ,
               Bundesarchiv , Bild 101 II-MW -3724-01 / Schaaf/ CC-BY-SA 3.0

Bild # 4  Hier die Aufnahme nach der Wasserbomben-Explosion im Vorschiff einige Stunden später .
              Bundesarchiv , Bild 101 II-MW-3722-22 / Kramer/ CC-BY-SA 3.0
Titel: Re: Die Operation "CHARIOT" 1942
Beitrag von: lafet944 am 27 März 2017, 15:38:20
Hallo,

die oben genannten deutschen Verluste beziehen sich nur auf die Kämpfe während der nächtlichen Kommandoaktion und stiegen durch die Explosion der CAMPBELTOWN-Sprengladung nochmals stark an. Leider waren davon auch Zivilisten betroffen, insgesamt sollen durch die Explosion ca. 250 Menschen umgekommen sein. Eine genauere Aufschlüsselung habe ich nicht gefunden.

Viele Grüße
Titel: Re: Die Operation "CHARIOT" 1942
Beitrag von: halina am 27 März 2017, 15:49:41
Moin lafet 944 ,

Die nachträglichen Verluste an Menschenleben hätten verhindert werden können , wenn unsere
Spezialisten den Zerstörer gründlicher untersucht hätten , denn bei einer durchgeführten Inspektion
wurden die Wasserbomben im Vorschiff nicht entdeckt .
Ein von MTB 74 abgeschossener Torpedo explodierte wie vorgesehen erst am 30.3. wodurch nochmals
16 Zivilisten getötet wurden .
                                                                                                                          :MG:   halina

Auf der englischen WIKI-Seite sind ausführlich die beteiligten Einheiten und Verluste beschrieben

                       https://en.wikipedia.org/wiki/St_Nazaire_Raid
Titel: Re: Die Operation "CHARIOT" 1942
Beitrag von: TD am 27 März 2017, 17:42:19
Hallo !

Vor vielen Jahren habe ich einmal einen Bericht gelesen dass die schwachen Marine- Einheiten nach dem Überfall die "Campbeltown" nicht einmal gegenüber den haufenweise anrückenden Heeressoldaten, anderen Marinedienststellen, Rüstungs- und deutschen Zivilbetrieben abriegeln konnten.
So wurden Landser Haufen gesichtet welche teilweise große Andenken mit von Bord nahmen, Messe und Kantine geplündert hatten usw..
Schon damals wurde gemeldet dass die Anzahl der Toten und Vermissten nicht zu ermitteln war.

Gruß

Theo
Titel: Re: Die Operation "CHARIOT" 1942
Beitrag von: Urs Heßling am 29 März 2017, 23:41:56
moin,

es wäre ja einmal interessant, nachzuforschen, ob die offensichtlich schon im Herbst 1941 (Umbau Buchanan) geplante Operation angesichts des "Rückzugs" der deutschen Schiffe von Brest (Kanaldurchbruch) im Februar 1942 noch einmal auf den Prüfstand gestellt wurde, ob die Analyse des Angriffs der Tirpitz auf PQ.12 auch eine Rolle spielt und ob die risikoreiche Operation "trotzdem" durchgeführt wurde, obwohl der Anlaß bei kritischer Betrachtung kaum noch gegeben war, nach dem Motto "Jetzt haben wir das Ganze vorbereitet, jetzt machen wir es auch".

Gruß, Urs
Titel: Re: Die Operation "CHARIOT" 1942
Beitrag von: lafet944 am 30 März 2017, 08:32:07
Hallo,

noch eine Anmerkung zu Halinas Fotos: Sämtliche Aufnahmen zeigen die CAMPBELTOWN vor der Detonation der Wasserbomben. Danach war das gesamte Vorschiff atomisiert. Eine Luftaufnahme des Schiffes im Normandie-Dock zeigt das deutlich:

http://www.navsource.org/archives/05/0513116.jpg

Viele Grüße
Titel: Re: Die Operation "CHARIOT" 1942
Beitrag von: Big A am 30 März 2017, 08:39:25
In der aktuellen Ausgabe von "Naval History" ist ein langer Artikel genau diesem Unternehmen gewidmet; wie ich finde, sehr gut geschrieben und recherchiert.

Axel
Titel: Re: Die Operation "CHARIOT" 1942
Beitrag von: halina am 30 März 2017, 12:19:55
Moin lafet ,

Leider sind Deine Angaben nicht zutreffend , denn das von Dir bezeichnete Luftbild der RAF ist bereits
am 1. Januar 1942 gemacht worden , also vor dieser Operation .
Wie sollte denn auch das Wrack über das zerstörte Docktor in das Dock gelangen und dann noch in
verkehrter Richtung liegend .

Edit : Die beiden Aufnahmen unterscheiden sich schon , denn beim letzten Bild sind grosse Löcher
         zu erkennen die auf innere Explosionen hindeuten , aber nicht die Hauptexplosion darstellen .

                                                                                                                               :MG:   halina
Titel: Re: Die Operation "CHARIOT" 1942
Beitrag von: Pisces am 30 März 2017, 13:00:12
hallo Leute,

Halina:
das Schleusentor wurde NICHT vor dem Raid von den Deutschen "versiegelt", warum auch :| ?,
wie auf der Aufnahme doch klar und deutlich erkennbar.
Das Bild entstand somit klar nach der Operation Chariot und ihren Folgen! 
Übrigens:
Nach der Detonation wurde die Champbeltown in das nun geflutete Doch förmlich hereingespült.
Die beiden drin liegenden Tanker Passat & Schlettstadt kollidierten dadurch zudem miteinander.
Das Wrack hat sich dabei entweder gedreht bzw. wurde später mit dem Heck nach vorne im Dock trocken gelegt.

MFG
Ch. Harder
Titel: Re: Die Operation "CHARIOT" 1942
Beitrag von: halina am 30 März 2017, 14:26:34
Es ist vorstellbar , dass durch die Explosion das Schleusentor zerrissen wurde und geflutet wurde ,
aber ich kann mir nicht vorstellen , dass danach wie von Dir genannt eine Trockenlegung erfolgt ist .
Das Luftbild zeigt aber ein geschlossenes Docktor ohne Beschädigungen , also müsste doch die
Aufnahme vorher gemacht worden sein . Hier mal ein Ausschnitt des Luftbildes vom 1. Januar 1942
wie auch hier angegeben ,  ( created = erstellt )  die Schleuse konnte erst ca.1950 wieder in Betrieb
genommen werden . Es wäre nicht das erste Mal , dass Bildbeschreibungen nicht mit dem Zeitpunkt
des Geschehens übereinstimmen .

Edit :  Wenn es so sein sollte , daß das Zerstörer-Wrack über das Docktor in das Bassin gestürzt sei,
          so müsste doch an der Luftbildaufnahme ein riesengrosses Loch infolge der Detonation zu
          erkennen sein , hier ist aber nur ein durchgehender heller Streifen auf der Oberseite des Tors
          sichtbar , hier passt einiges nicht zusammen .

                                                                                                                          :MG:  halina
Titel: Re: Die Operation "CHARIOT" 1942
Beitrag von: lafet944 am 30 März 2017, 18:14:41
Hallo,

dann mal zur Entwirrung:

Das Luftbild ist ungefähr -90° gedreht, links ist Süden. Dort liegt auch das seeseitige Schleusentor. Im Foto erkennt man noch den Schacht, in dem das Tor bewegt wurde, von geschlossener Stellung (unten) nach oben. Die Dockeinfahrt ist zugeschüttet, das Luftbild ist also wenigstens mehrere Tage, wenn nicht Wochen nach dem Raid aufgenommen worden. Das hafenseitige Docktor (rechts) ist intakt geblieben. Die CAMPELTOWN liegt also immer noch auf dem Kurs, mit dem sie das Dock angesteuert hat.

Viele Grüße
Titel: Re: Die Operation "CHARIOT" 1942
Beitrag von: Pisces am 31 März 2017, 07:24:46
hallo Leute,

Halina:
Deine Spekulation lässt sich klären wenn Du über den "Google Horizont" hinaus
mit Fachbüchern ( ua. in englisch u. französischer Sprache angeboten, habe ich hier im Regal stehen) 
zum Thema auseinander setzen würdest   :wink:.
Zudem sollte man nicht alles blind glauben was rund um ein Foto tituliert wird.

Gruß
Christian
Titel: Re: Die Operation "CHARIOT" 1942
Beitrag von: halina am 31 März 2017, 11:24:48
Moin , lafet944 und Pisces ,

Habe mich leider beirren lassen wegen des nicht korrekt angegebenen Aufnahmezeitpunktes auf dem
Luftbildfoto , bedauere dies sehr , sorry .
Für Eure Darstellung den Fakten entsprechend sage ich somit ein herzliches Dank und   top

Wünsche Euch noch ein schönes Wochenende                                              Gruss  halina
Titel: Re: Die Operation "CHARIOT" 1942
Beitrag von: Besitzer am 31 März 2017, 14:14:03
Moin! :MG:

Hier mal ein Video dazu:  https://www.youtube.com/watch?v=-g_r-k271Dw



.........und hier Part 1 - Part 6:  https://www.youtube.com/watch?v=pL1gL2gwuH0


:MG: Uwe
Titel: Re: Die Operation "CHARIOT" 1942
Beitrag von: Ritchie am 31 März 2017, 19:45:30
Gemäß Tätigkeitsbericht MGK West 1942 waren die Verluste der Marineeinheiten überschaubar.
Titel: Re: Die Operation "CHARIOT" 1942
Beitrag von: Ritchie am 31 März 2017, 19:55:18
Die englischen Verluste an Bord von Schiffen und Booten betrugen 103 Mann:

Campeltown      32 Tote
MGB 314            2 Tote
MTB 74              6
ML 177              5
ML 192              4
ML 262              7
ML 267            11
ML 268              8
ML 298            10
ML 306             4
ML 447             5
ML 457             9
Titel: Re: Die Operation "CHARIOT" 1942
Beitrag von: Bugsierstefan am 01 April 2017, 10:22:24
Moin,

mein Opa war Marineinfantrist in St. Nazaire und war zur Bewachung der dortigen Hafenanlagen eingesetzt.
Zu seinen Lebzeiten hatte er mir mal erzählt, dass er dieses Kommandounternehmen miterlebt hatte.
Er erzählte von einer völlig unübersichtlichen und vor allem chaotischen Lage und dass er im Dunkeln einen Zugang zu einer Pumpenstation des Docks kontrollierte. Er stand oben auf der Abgangstreppe und sah plötzlich eine Person im unteren Bereich der Treppe, er meinte, man müsste sich das wie eine Kellertreppe vorstellen.
Diese Person konnte er eigentlich nur an seinen hellen Augen erkennen, er hat sofort geschossen.
Aufgrund einsetzendem Gefechtslärms in unmittelbarer Nähe packte ihn die Angst und er brachte sich in Deckung.
Er erzählte, dass sie damals eigentlich auf sich allein gestellt waren, eine geordnete Führung zur Abwehr des Angriffs gab es nicht.
Am nächsten Tag fiel ihm ein Stein vom Herzen, als sich herausstellte, dass diese Person, welche er in dem Treppenaufgang wohl erschoß, ein britischer Soldat war. Er hatte bis dahin Ängste ausgestanden, dass er aufgrund der "Whooling" einen Kameraden beschossen hatte........und hatte sich auch nicht getraut, selbst nachzuschauen.
Er reklamierte diesen "Erfolg" auch nicht für sich, er will darüber geschwiegen haben.
Zu dem Zeitpunkt, als das Vorschiff der "Campbeltown" in die Luft flog, befand er sich zur Verpflegungsausgabe in einer nahegelegenen Baracke.
Er beschrieb, das die Baracke ihnen dabei förmlich um die Ohren flog.
Wieder soll es ein heilloses Durcheinander gegeben haben, die Flak schoss, ohne das Flugzeuge in der Luft waren, eigene Kräfte sollen sich in dem Durcheinander gegenseitig beschossen haben.
Mein Opa hat die gesamte Zeit in St. Nazaire verbracht und geriet dort auch in franz. Kriegsgefangenenschaft.
Aus dieser kam er 1948 zurück nach Hamburg und hatte von all dem gehörig die Schn.......voll!!
Er erzählte nicht gern aus dieser Zeit und war froh, dass er diesen Wahnsinn überlebt hatte und sogar noch seine Familie unversehrt nach seiner Entlassung wiederfand.
Mir hatte er diese Erlebnisse erst kurz vor seinem Tode geschildert, er war in keinster Weise stolz drauf, einen britischen Kommandosoldaten getötet zu haben. im Gegenteil, ihn plagten bis zu seinem Tode Gewissensbisse und er hatte im Jahr 1948 einen Schlußstrich unter sein bisheriges Leben gesetzt und neu angefangen.
Er versuchte, so gut es mit seiner beschädigten Lunge wg. TBC ging, was er sich in der Gefangenschaft einfing, seiner Familie ein neues Leben aufzubauen.
War nicht einfach mit drei Kindern und als Maurer, welcher wegen seiner Lunge keinen Akkord mehr arbeiten durfte und auch nicht konnte.
An seinen Vorgesetzten in dieser Zeit ließ er größtenteils kein gutes Haar, besonders nicht in der Zeit der Operation Chariot.
Bei den anschließenden Wochenschauen, wo natürlich dieses propagandamäßig aufgearbeitet wurde, habe er ko..........können, so erzählte er.
Das obige habe ich so aus dem Gedächtnis niedergeschrieben, so wie ich es aus seinen Erzählungen in Erinnerung habe.

Viele Grüße  :MG: