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Webseite Historisches Marinearchiv => Flucht über die Ostsee => Thema gestartet von: TW am 12 Mai 2026, 16:45:45
Bericht über meine Flucht mit dem Dampfer "Memel" (https://www.historisches-marinearchiv.de/projekte/ostseeflucht/ausgabe.php?active_ostsee=schiffe&where_value=579)
von Martin Wisbar
Von dem Ort Starrischken (am Kurischen Haff) war schon damals [im Dezember 1944] nicht mehr viel übrig, es brannte Tag und Nacht. Aus meist alten Leuten wurde ein Fähr- und Brückenkommando gebildet. Ich selbst war auf der großen Sandkrugfähre im Einsatz bis zum 19.01.1945 und war stolz darauf, auf unser heimatlichen Scholle zu bleiben und einen kleinen Beitrag zu Verteidigung unserer geliebten Heimatstadt Memel zu leisten.
Als die Sowjetarmee bis kurz vor Königsberg vorgedrungen war, haben wir den Brückenkopf Memel am 18. zum 19.01.1945 aufgegeben. Wir sollten in einem langsam geordneten Geleit nach Pillau auslaufen, leider klappte die Anordnung nicht. Da die Sandkrugfähre nicht seefähig war, sollte uns die "Memel" auf Schlepptau nehmen. Der Molenkopf lag unter Artilleriebeschuß. Zeit war wenig zu verlieren, und jeder Kapitän handelte schnellstens aus dem Beschußbereich zu kommen. Wir gingen mit unserem Schiff auf Seetiefe und gerieten in eine Nebelbank. Da wir nur geringe Fahrt aufweisen konnten, verloren wir unser Geleit bei Nacht schnell außer Sicht.
Wohl oder übel blieben wir mit einem unsicherem Fahrzeug auf hoher See. Der Kompaß funktionierte nicht, so waren wir angewiesen nach einem feststehenden Stern zu orientieren und zwei Mann waren nötig das Steuerrad zu bedienen. Bei 18-20 Grad Kälte war das nicht ein Leichtes. Nachtsüber verhielt sich die See ruhig, als der Morgen graute, wurde die See immer unruhiger und um die Mittagszeit hatten wir schon hochbewegte See, so daß die Brecher über Bord platscherten und wir dauernd vom Kurs abgetrieben wurden. Wir hatten keine Blinksignale noch Flaggensignale am Bord, drum konnten wir uns auch mit keinem fremden Schiff verständigen im Fall, wenn die Not am Mann geht. Letztenendes dachte ich, wir gehen bald zu den Fischen. In der Bucht am Leuchtturm Brüsterort flaute die See allmählig ab. Bereits vier Stunden später als unser Geleit liefen wir vereist wie ein Eisklumpen, aber noch wohlbehalten gegen Abend in Pillau ein.