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Webseite Historisches Marinearchiv => Flucht über die Ostsee => Thema gestartet von: TW am 15 Mai 2026, 12:02:05

Titel: Ostsee-Flucht: Regulus
Beitrag von: TW am 15 Mai 2026, 12:02:05
Mit dem Schulschiff ,,Regulus" (https://www.historisches-marinearchiv.de/projekte/ostseeflucht/ausgabe.php?active_ostsee=schiffe&where_value=764) von Rügenwalde nach Swinemünde
Von Helga Greinke

Die knapp 14jährige Schülerin Helga Greinke hatte das Glück, mit ihrer Mutter und Schwester aus Rügenwalde zu entkommen. Erst am 2. März 1945 durften die Bewohner von Rügenwalde offiziell die Stadt verlassen. Es blieb damals nur noch der Seeweg, aber es fehlten die Schiffe.

Am 6. März machten wir uns in aller Frühe mit Bettsack, Rucksack und großer Tasche auf den Weg zur Münde. Im Hafen befanden sich bereits viele hundert Menschen. Von Schiffen war jedoch nichts zu sehen. Erst am frühen Abend nahmen zwei Schiffe Kurs auf den Hafen. Die ,,Zenith" und die ,,Regulus" schoben sich rückwärts zwischen den Molen in die Zufahrt. Die ,,Regulus" macht genau vor uns fest und wir konnten schon mit den ersten Wartenden an Bord.

Wir fühlten uns auf dem Schiff sicher und geborgen. Im Schiffsrumpf befand sich ein großer Raum, in dem wir Unterschlupf fanden, mit langen Tischen und Bänken. In der Mitte verlief ein Gang. Vor unseren Bullaugen waren Metallblenden angebracht und bei zunehmender Dunkelheit wurden sie verschlossen, sodaß kein Licht nach außen drang. Wir hockten dicht an dicht auf einer Bank, keiner rührte sich von Fleck. Wir hörten das Maschinengeräusch und spürten, wie das Schiff Fahrt aufnahm. Etwa 900 Menschen sollten sich an Bord befinden.

Nach einiger Zeit verstärkte sich das Auf und Ab des Schiffes. Offenbar lagen die schützenden Molen bereits hinter uns. Der Wind hatte zugenommen und mit ihm die Seekrankheit der Flüchtlinge, die den Seegang nicht gewohnt waren. Die Luft in unserem Raum wurde stickig. Man konnte kaum atmen. Selbst an ein Schlafen im Sitzen, den Kopf in den Händen und mit Ellenbogen auf dem Tisch, war bei der Schaukelei des Schiffes nicht zu denken. Unendlich langsam strich die Zeit voran, ging die Nacht vorüber.

Als es hell wurde, durften wir Kinder an die frische Luft. Rasch fanden wir heraus, dass uns auf den oberen Decks nicht so fürchterlich übel wurde wie unten. Deswegen blieben wir oben an der Reling, obwohl es dort eisig kalt war. Oben war die Seereise viel interessanter als unter Deck. Wir sahen aufgetauchte U-Boote und Schnellboote, die bei den hohen Wellen mit dem Bug mehr in der Luft als auf dem Wasser lagen. Als wir uns Swinemünde näherten, sichteten wir immer mehr Schiffe. Große und kleine, aber auch gesunkene Schiffe, teils mit dem Bug oder Heck aus dem Wasser ragend. Ein größeres weißes Schiff mit einem aufgemalten roten Kreuz lag auf der Seite.

Am Morgen des 7. März 1945 erreichten wir die Reede von Swinemünde. Die ,,Regulus" stoppte und ankerte. Mutter hatte bereits aus Gesprächen in der Nacht aufgeschnappt, dass wir in Swinemünde gar nicht aussteigen dürften, sondern erst in Saßnitz auf der Insel Rügen. Warum also jetzt dieser Halt ? Später sprach sich herum, daß wir nicht nach Saßnitz kämen, weil dort tags zuvor der Hafen bombardiert und zerstört worden sein. Man wolle uns daher in Swinemünde von Bord schicken. Die Unruhe auf dem Schiff wuchs. Wie sollten wir von Swinemünde aus weiterkommen?

Die Hoffnung, rasch in den Hafen einlaufen und aussteigen zu können, erfüllte sich nicht. Es hieß warten. Wie lange wußte niemand, auch die Matrosen nicht, die wir fragten. Die ,,Regulus" ankerte auf der Reede und rührte sich nicht vom Fleck. Immer mehr Schiffe kamen dazu und ankerten in unserer Nähe – Schiffe aus dem Osten und voller Flüchtlinge. Stunden und Tage vergingen. Die Besatzung unseres Schiffes gab sich Mühe, uns Flüchtlinge wenigstens etwas zu versorgen. Es gab trockenes Brot, und wir bekamen heißen Kaffee oder eine wärmende Suppe dazu. Ein Gerücht machte an Bord die Runde. Man warte auf einen Geleitzug mit mehreren Schiffen nach Dänemark, dem sich die ,,Regulus" anschließen solle.

Wieder näherte sich ein Tag dem Ende. Die Luft in dem Laderaum, in dem wir nun schon einige Tage saßen, stank und wurde immer unerträglicher. Lüften war nur durch Öffnen der Türen möglich. In der Nacht ertönten laute Stimmen an Deck. Jemand war – vielleicht aus Verzweiflung – über Bord gesprungen. Ein Rettungsboot wurde zu Wasser gelassen und mit Scheinwerfern nach dem Mann gesucht. Er konnte aus dem Wasser gezogen und zurück an Bord gebracht werden.

Am Morgen des 11. März 1945 sprach sich herum, dass die Wartezeit endlich vorüber sei. Der erhoffte Geleitzug nach Dänemark war in der vergangenen Nacht an unserem Schiff vorbeigefahren. Die Regulus" lief endlich in den Hafen ein und die Ausschiffung der Flüchtlinge begann.

Ein Bild von der Regulus -- wieder als holländisches Fährschiff W.F. van der Wijck (https://de.wikipedia.org/wiki/W._F._van_der_Wyck#/media/Datei:HUA-165630-Afbeelding_van_het_motorschip_WF_van_der_Wyck_van_Rederij_Koppe_voor_de_bootdienst_Enkhuizen_Stavoren_in_de_haven_bij_het_NS_station_Enkhuizen_te_Enkh.jpg).