Vor 100 Jahren : Versenkung der "Lusitania"

Begonnen von Urs Heßling, 07 Mai 2015, 11:04:34

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Wilfried

Moin, moin!

Völlig unbeleckt von diesem Thema - gibt es Fakten, die nicht von irgendeiner Seite geschönt sind? Wo sind die wirklichen Beweise, die nur deshalb nicht öffentlich gemacht werden, weil sie der Geschichtsschreibung widersprechen würden? Stellt nicht jeder seine Seite als die lautere und menschlichere dar, weil es dem eigenen Ansehen hilft?
Das Löschen von tatsächlichen Details in Berichten ist ja nicht ein Produkt der Neuzeit .. und - sind wirklich alle KTBs mit Maschine geschrieben? Sollte es vielleicht Handaufzeichnungen gegeben haben, die der Kommandant in sein Heftchen und die dann später mit einer ..
Ich nehme die Sachverhalte hier erst einmal zur Kenntnis - schmunzele über manches und .. erspare mir eine Beurteilung gleich welcher Art aus meiner Unkenntnis und eine Wertung sowieso ... Gelassenheit ist manchmal nicht das Richtige aber oft auch nicht so ganz daneben ...
Bilder haben damals schon gelogen ..

in diesem Sinne - mit einem lieben Gruß
Wilfried
... Tradition pflegen, bedeutet nicht, Asche aufzubewahren sondern Glut am Glühen zu halten ...
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michael-1

Eine gesunde Portion SKEPSIS ist, besonders bei Themen mit politischem Bezug, nie fehl am Platze. Und der Fall LUSITANIA war ja hochpolitisch. Rein zufällig stieß ich bei Invenio (RM 20/655, Bilder 98-111) auf eine Darstellung dieses Falls aus deutscher Sicht, verfasst von Korvettenkapitän Friedrich Lützow.

Darin wird auch auf die Untersuchung des Vorfalles durch Lord Mersey im Jahr 1915 eingegangen, in der festgestellt wurde:
ZitatThe cargo was a general cargo of the ordinary kind, but part of it consisted of a number of cases of cartridges (about 5,000). This ammunition was entered in the manifest. It was stowed well forward in the ship on the orlop and lower decks and about 50 yards away from where the torpedoes struck the ship. There was no other explosive on board.
Link: https://www.rmslusitania.info/primary-docs/mersey-report/the-ship/#cargo
Allerdings verlegte Lord Mersey den Treffpunkt des Torpedos nach achtern, zwischen den 3. und 4. Schornstein und erfand den zweiten Torpedo, den niemand kommen sah.

Sowohl lt. U20, als auch anderen Zeugen war der Treffpunkt knapp vor der Brücke, dort wo die Munition gestaut war. Zu der Munition hat sich 1920 der ehemalige Zollinspektor von New York, Dudley Field Malone, geäußert. Der Name führte auf die Seite Shipping Munitions.

Nicht nur die Lusitania, sondern auch andere Liner dienten damals als Express-Transporter für dringend benötigte  Artilleriemunition. Die Lusitania beförderte neben Speck und Butter wohl auch 1.248 Kisten mit jeweils 4 13-Pfünder-Schrappnellen für die Ordnance QF 13-pounder Feldgeschütze.

Das dürfte die zerstörerische Sekundärexplosion und den schnelle Untergang des Schiffes erklären.

PS: Die Jungs von lusitania.net haben auch in Richtung Voegele recherchiert und erwähnen einen gewissen Bernd Langensiepen.

 :MG:
Michael

maxim

Wie hat den diese Schrapnell-Munition für die 13-Pfünder funktioniert?

Enthielt diese nennenswerte Mengen Sprengstoff? War die Treibladung schon dabei?

Es gibt in der Literatur neben einer Munitionsexplosion auch alternative Erklärung für die zweite Explosion, u.a. laut dem deutschen Wikipedia:
"Explosion dort transportierten Aluminiumstaubes, eine Kohlenstaubexplosion und eine Dampfkesselexplosion"

Laut dem englischen Wikipedia umfasste die Munition:
Zitat4200 cases of rifle/machine-gun ammunition, 1,250 cases of empty shrapnel artillery shells, and the artillery fuzes for those shells stored separately. This comprised a total of 173 tons

Hier wird darauf hingewiesen, dass die Zünder separat gelagert waren (was man erwarten würde) und dass die Granaten für die Schrapnel-Munition leer waren, so dass man hier eigentlich weder Sprengstoff in den Granaten noch Treibladungen erwarten würde.

Da wird auch auf den Aluminiumstaub hingewiesen:
ZitatBeesly has stated that the cargo also included 46 tons of aluminium powder, which was used in the manufacture of explosives and which was being shipped to the Woolwich Arsenal,[104][96] while Erik Larson has stated that the cargo included 50 barrels and 94 cases of aluminium powder, as well as 50 cases of bronze powder.[63]
https://en.wikipedia.org/wiki/RMS_Lusitania


Das Wrack wurde im Zweiten Weltkrieg als Übungsziel benutzt, so dass die Untersuchungen des Wracks keine Anhaltspunkte zu der Quelle der zweiten Explosion erbracht hat.

ufo

Ja, der Dampfer wird sicher noch fuer Generationen Munition fuer Spekulation liefern.

Hier:
http://www.gwpda.org/naval/lusika00.htm
Hat es ein Beispiel fuer eine der eher skeptischen Webseiten, die wie auch von maxim angedeutet eher die 'banaleren' Erklaerungen fuer den Untergang des Schiffes bevorzugt.

Ein Punkt, der auf jener Webseite argumentiert wird ist eben auch, dass da wenig Grund bestand fuer irgendwelche Nacht und Nebelaktionen. Der Dampfer transportierte natuerlich Bannware. Hierzu aber noch Dinge zu laden, die einen Verstoss gegen Transportbestimmungen auf Passagierschiffen darstellten, machte wenig Sinn. So schrecklich knapp war Transportraum nicht. Viel Platz war nicht auf Passagierschiffen. Klar waren die flott unterwegs aber das Transportvolumen war gering verglichen mit Frachtern. 


michael-1


Die Aussage in wiki "1,250 empty shell cases" ist zunächst nur die Wiedergabe der "offiziellen" Ladepapiere.

LIest man etwas weiter findet man:

Zitatand in the Bethlehem Steels papers, it is stated that the "empty shells" were in fact 1,248 boxes of filled (with metal shrapnel) 3" shell, 4 shells to the box, totalling 103,000 pounds or 50 tonnes.

Das deckt sich mit der in meinem Beitrag verlinkten Darstellung:

ZitatThe 1,248 cases of shrapnel came from the Bethlehem Steel Corporation, and their shipping note was a little more specific than the ship's cargo manifest. The shipping note, dated 28 April 1915, shows 'consignment number 23' as being '1,248 cases of three-inch calibre shrapnel shells, filled; four shells to each case'.

und weiter

ZitatOn June 3rd 1915, The New York Times ran a front page story reporting a visit by the German Ambassador, Count Bernstorff, to President Wilson. On page two, there is a bye-line; SHELLS ON THE LUSITANIA. Bernstorff laid a copy of the ship's manifest in front of Wilson and then quoted direct from a copy of Bethlehem Steel's shipping note, that "the consignment of 1,250 cases of shrapnel was in fact 5,000 shrapnel shells, filled; and that the total weight of this consignment was 103, 828 lbs".

Die Engländer verschossen damals an der Front mehr Munition als sie produzieren konnten. Also wurde rangekarrt was ging - ,,Right or wrong – my country!".

michael-1

Zunächst vielen Dank an ufo für den Link.

Es findet sich dort eine interessante Formulierung:
ZitatPatrick Beesly, seizing on the adjective "filled," assumes the official description to be a lie, and the cases to in fact be a highly explosive and dangerous load. It is difficult to see how this interpretation can be made by anyone who understands what shrapnel is; it would seem extremely obvious that a non- explosive but filled shrapnel case is by no means an oxymoron, but refers to shells containing the metallic fragments of shrapnel without the fuzes and the small gunpowder charge used to scatter the shrapnel.

Leider übersehen die Verfasser in ihrer Kritik an Beesly, dass das Schrapnell-Geschoß nicht nur eine kleine Ladung Schießpulver (beim deutschen 7,7 cm 80 g) enthielt, sondern sich zwischen den Kugeln ebenfalls Sprengstoff (powder pellets) befand (beim deutschen 7,7 cm 250 g Füllpulver 02). Dazu kommt, da es sich um eine Patrone handelte, die Treibladung in der Patronenhülse von 1,25 pounds Cordite MD, insgesamt also gute 3 Tonnen!

ufo

#21
Zitat von: michael-1 am 13 Juli 2023, 15:02:20Zunächst vielen Dank an ufo für den Link.

Es findet sich dort eine interessante Formulierung:
ZitatPatrick Beesly, seizing on the adjective "filled," assumes the official description to be a lie, and the cases to in fact be a highly explosive and dangerous load. It is difficult to see how this interpretation can be made by anyone who understands what shrapnel is; it would seem extremely obvious that a non- explosive but filled shrapnel case is by no means an oxymoron, but refers to shells containing the metallic fragments of shrapnel without the fuzes and the small gunpowder charge used to scatter the shrapnel.

Leider übersehen die Verfasser in ihrer Kritik an Beesly, dass das Schrapnell-Geschoß nicht nur eine kleine Ladung Schießpulver (beim deutschen 7,7 cm 80 g) enthielt, sondern sich zwischen den Kugeln ebenfalls Sprengstoff (powder pellets) befand (beim deutschen 7,7 cm 250 g Füllpulver 02). Dazu kommt, da es sich um eine Patrone handelte, die Treibladung in der Patronenhülse von 1,25 pounds Cordite MD, insgesamt also gute 3 Tonnen!

Ich kann dieses 'uebersehen' nicht recht nachverfolgen. Ist es nicht so, dass die Ladungspapiere 'shells' ausweisen, nicht 'rounds' (Shell plus Patrone)? Keine Treibladungen da.

Die interne Ladung der Shells wurde spaet in 1914 eingefuehrt mit dem doppelten Zweck ein Rauchzeichen zu setzen wo die Granate explodierte. Das sah man sonst wohl sehr schlecht. Auch fuehrte die extra Ladung in der Granate dazu, dass der Wirkungskegel etwas weiter wurde. Das war wohl erwuenscht.

Aber - nein, ich kann die Autoren da durchaus nachvollziehen. So eine Kiste ist bei einem Treffer wohl immer noch weitgehend reaktionstraege. 

michael-1

Zitat von: ufo am 13 Juli 2023, 16:17:41Ich kann dieses 'uebersehen' nicht recht nachverfolgen. Ist es nicht so, dass die Ladungspapiere 'shells' ausweisen, nicht 'rounds' (Shell plus Patrone)? Keine Treibladungen da.

Nein, weder von shells noch rounds oder cartridges ist dort die Rede, denn die Munition wurde in Kisten verladen. Der Original-Eintrag lautet wohl: 1.250 cases shrapnel.
Sie dürfen diesen Dateianhang nicht ansehen.
Darunter sind die kompletten rounds oder cartridges, allerdings ohne Zünder, die 18 Kisten sind auch separat aufgelistet, zu verstehen:

ZitatThe American-made shells were indistinguishable from their British-made counterparts apart from the manufacturer's mark, and to save a considerable amount of precious time, as Colonel Phillips' staff confirmed to us in writing, they were imported from America as complete rounds, with a simple transit plug in place of the 'Type 80 Time and Percussion fuze'[H.d.V.] It is therefore important at this point to properly explain the difference between a shell and a complete round, and to explain a little about the anatomy of this ammunition and how it was packed, transported and used.

Ich bitte darum, die weiteren Ausführungen auf der Seite selber nachzulesen.

Am Fuß der Seite findet sich auch eine email-Adresse, ich könnte mir vorstellen, dass die Betreiber substantielle Hinweise dankbar aufnehmen.

Das Geschütz wurde ab 1904 eingeführt. Zur Munition von 1914 ("Details correct as at 1 August 1914.") siehe: https://en.wikipedia.org/wiki/File:QF13pdrMkIIShrapnelRoundDiagram.jpg

Bzgl. der Kohlenstaubexplosions-Theorie möchte ich noch anmerken, dass die Kaiserliche Marine trotz der Risiken Kohlen als Bestandteil des Seitenschutzes verwendete. Durch die Pulverisierung der Kohlen sollte die Explosionsenergie von Torpedotreffern abgebaut werden.
 

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