"Braunfels", "Drachenfels" und "Ehrenfels" am 9. März 1943

Begonnen von Violoncello, 12 März 2021, 10:21:57

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Violoncello

Hallo zusammen,

beim Durchblättern des des bereits 1954 publizierten Buches von Steinweg "Die deutsche Handelsflotte im Zweiten Weltkrieg" ist mir in der Aufschlüsselung der Verluste für  1943 der Eintrag "Selbstversenkung nach Piratenüberfall 3 Schiffe mit 21 941 BRT" aufgefallen. Konkretisiert wird diese Angabe für die drei oben genannten Schiffe der "Hansa", Bremen, beispielhaft in der Darstellung des Schicksals der "Braunfels" mit der Erläuterung:

"Seit März 1940 im Hafen von Mormugoa (Portugiesisch Indien). Am 9.3.43 wurde das Schiff von Männern mit geschwärzten Gesichtern geentert. Bei dem nachfolgenden Kampf wurden mehrere Besatzungsmitglieder erschossen. Es gelang jedoch, das Schiff zu versenken. Nach dem Kriege gehoben."

Viele werden sich an den hochkarätig besetzten Film aus dem Jahr 1980 "Die Seewölfe kommen" erinnern, der nach der Romanvorlage von James Leasor "Geheimkommando: Deutsche Schiffe im Indischen Ozean" aus dem Jahr 1978, der dieses Ereignis als Vorlage verwendet hat.

Witthöft widmete dem Ereignis in "Die deutsche Handelsflotte 1939-1945", 2. Band (Göttingen 1971), S. 56f., immerhin bereits eineinhalb Seiten. Dabei kommt er zu dem Ergebnis, dass es nicht anzunehmen sei, dass sich diese Ereignisse einmal kären würden.

2019 hat Heinrich Bruellau im Selbstverlag ("Books on Demand" das Buch "Seemannsdrama in Goa - Vier brennende Schiffe und ein Superspion, den es nie gab", den aktuellen Kenntnisstand der Ereignisse zusammengetragen.

Viele Grüße

Violoncello



TD

Hallo Hartwig,

Dank für die interessanten Hinweise und Fakten.
Obwohl alle britischen Stellen auch nach dem Krieg noch die Überfälle abstritten
(Neutralitätsverletzungen gegenüber neutralen Staaten) gibt es einen m.E. sicheren
Beweis das Kommandos der Royal Navy die Verursacher waren.
Mit Beginn des 2. Weltkrieges wurden alle vor- und aufgefundenen Schriftstücke deutscher Herkunft mit P.G. 1 ff. gezeichnet bzw. P.I.1 für Italien und P.J. 1 für Japan.
Ich weiß noch das bei den ersten P.G. Nummern ein belangloses Schriftstück eines 1939 im Kanal versenkten deutschen U-Bootes war. Leider waren viele dieser in TS und TR Kisten gesammelten Blätter nicht in den genannten Kisten und Mappen zu finden.
Beim Überfall in Goa wurden aber von dem Kommando viele Schriftstücke, Schiffspläne, Karten u.s.w. mitgenommen welche noch Nummern weit unter PG 1000 erhielten, also weit vor dem Ende in Afrika. Später gingen ja die PG – Nummern weit über die 100.000.
Leider bin ich ja ,,im Moment noch nicht auf dem Damm" und kann nicht weitersuchen.
Hinweisen kann ich nur noch auf die britische ,,Operation Postmaster" im Hafen Santa
Isabel / Fernando Po / Spanien.
Dabei wurde das große ital. Passagierschiff 'Duchessa d'Aosta" und die deutschen Schiffe
LIKOMBA und BIBUNDI geentert und weggeführt.
Seltsamerweise waren hierzu reichlich Akten im damaligen Archiv des Auswärtigen Amtes, Bonn
zu finden.


Schönes Wochenende

Theo

...ärgere dich nicht über deine Fehler und Schwächen, ohne sie wärst du zwar vollkommen, aber kein Mensch mehr !

Bugsierstefan

Moin,

gab es da nicht auch noch den Film "Kennwort Morituri", mit Marlon Brando und Yul Brunner? Auch da soll ein mit kriegswichtigen Gütern beladener deutscher Blockadebrecher in Indien im Zuge einer Kommandoaktion versenkt werden.

Ist lange her, wo ich den Film sah. Ich hatte den aber in guter Erinnerung.

Viele Grüße
:MG:

Violoncello

Lieber Theo,
herzlichen Dank für die inspirierende "Geschichte zur Geschichte"!
Viele Grüße
Violoncello

condor_64

Hallo zusammen,

hier noch als Ergänzung zu dem sehr guten Buch von Herrn Bruellau einige Dokumente und Meldungen über die Bemühungen der deutschen Seekriegsleitung, die Schiffe in Goa wieder in Fahrt zu bringen. Das Problem war, daß die Schiffe praktisch von der Außenwelt abgeschnitten waren. Die Funkstationen waren versiegelt, der einzige Funkschlüssel (H 39) war sowieso veraltet. Verbindung in die Heimat war nur über Lissabon per Brief bzw. Telex (über Bombay, so daß die Briten mitlesen konnten) möglich.

25.01.41
MarAtt/Tokyo meldete nach Berlin, daß ein Besatzungsmitglied der  Braunfels (Leichtmatrose Arnold Boller) als blinder Passagier eines japanischen Schiffes aus Goa Japan erreichte (Anlage).

12.03.41
Die Skl (über OKW/Ausl.IV) schlägt MarAtt/Tokyo vor, die Auslaufbefehle für die Schiffe in Goa durch einen zuverlässigen Japanischen Kapitän (der Mitsui-Line) zu übermitteln 

20.03.41
MarAtt/Tokyo schlägt Entsendung eines V-Schiffes oder HSK nach Goa vor, Übergabe der Fahrbefehle mittels Motorboot, nach Auslaufen Beölung durch das V-Schiff

22.03.41
OKW/Ausl.IV fordert MarAtt/Tokyo auf, weiter nach Möglichkeiten zu suchen, mit den Schiffen in Goa in Nachrichtenverbindung zu treten (zur Übermittlung Auslaufbefehls und Funkschlüsselmaterial).

8.05.41
Mitsui lehnt ab (aus Angst, auf die ,,schwarze Liste" der Briten zu kommen)

22.05.41
Die DDGH meldet beim OKW/Ausl.IV den Eingang von Post aus Goa:
Bunkerbestand 1.03.41 Ehrenfels 258 t, Braunfels 340 t, Gesundheitszustand Besatzungen gut, Rümpfe mit Muscheln bewachsen, teilweise Rostansatz

4.09.41
MarAtt/Tokyo schlägt vor, die  Auslaufbefehle im Mikroformat (7x8mm) durch einen Herrn Lansing (getarnt als Uhrenverkäufer) nach Goa zu bringen, Anreise mit Flugzeug von Tokyo nach Bangkok, dann weiter auf Portugieschem Schiff, Reisedauer ca. 10 Wochen.

31.10.41
Einsatz Lansing wird abgesetzt, stattdessen Einsatz durch MilAtt/Bangkok (Unternehmen ,,Viereck")

25.12.41
MitAtt/Bangkok sieht Möglichkeit der Befehlsüberbringung nach Goa mittels eines Portugiesischen Schiffes ab Macao (evtl. über Timor)

15.03.42
Skl (über OKW/Ausl.IV) an MarAtt/Tokyo:
Braunfels: Ölbestand 290 t, Kühlwasserpumpenschaden, geschätzte Geschwindigkeit daher nur 6 kn, Fahrbereich 2400 nm
Ehrenfels: Ölbestand 200 t, geschätzte Geschwindigkeit 10 kn, Fahrbereich 1400 nm
Drachenfels: ohne Kohlen, ohne Heizer (die indischen Heizer waren Ende 1939 abgemustert worden)

30.03.42
MarAtt/Tokyo schlägt Einsatz des M/S Quito nach Goa zur Überbringung der Auslaufbefehle vor 

Grüße

Violoncello

Hallo,
vielen Dank für die aufschlussreichen wie spannenden Dokumente zu den Bemühungen der deutschen Dienststellen, die einen guten Einblick in die damaligen katstrophalen Kommunikationsmöglichkeiten geben!
Viele Grüße
Violoncello

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