Ostsee-Flucht: Martha Geiss

Begonnen von TW, Heute um 10:48:20

Vorheriges Thema - Nächstes Thema

0 Mitglieder und 1 Gast betrachten dieses Thema.

TW

Von Stolpmünde nach Stralsund

Frau Geiß hatte einen ihrer kleinen Dampfer mit den Angehörigen ihrer Reederei beladen lassen, und ein zweiter kleiner Dampfer ,,Martha" wurde mit Flüchtlingen besetzt in solcher Fülle, daß jeder auf seinem Flecken stehen mußte. Eine meiner Töchter und unsere Hausgehilfin hatten in einem Rettungsboot Platz gefunden, das der Dampfer mit sich führte. Frauen mit kleinen Kindern wurden in den Laderaum gebracht, wo Stroh aufgeschüttet war. Wir bekamen an Deck Stehplätze. Da es sehr stürmisch geworden war und ein starker Frost herrschte, zögerte der Kapitän mit seinem mit etwa 700 Menschen beladenen Schiff den Hafen zu verlassen.

Als es dunkel geworden war und wir ringsum die Feuerscheine von brennenden Dörfern sahen und die Schüsse der Panzer immer näher kamen aus Richtung Schlawe, entschloß sich der Kapitän doch auszulaufen. Es wurde eine grausige Fahrt! Sobald wir in die offene See gekommen waren, kamen die Brecher über das Vorderschiff, die Mäntel und Decken, welche die Menschen schützen sollten, waren schnell mit einer dicken Eiskruste versehen. Natürlich war alles seekrank. Der Kapitän hielt Kurs in der Nähe der Küste auf Swinemünde zu. Unsere Fahrt längs der pommerschen Ostseeküste in dunkler Nacht bei abgeblendeten Lichtern werden wir nie vergessen. U-Boot und Minengefahr auf der einen Seite, den Blick auf die Küste hin, vorbei an brennenden Ostseedörfern, vorbei an dem lichterloh brennenden Kolberg, und auf der anderen Seite ein Spielball der stürmischen See, waren wir alle dennoch ruhig und gefaßt. Ich habe keinen Laut der Klage gehört. Wir spürten es: Wir sind ganz in Gottes Hand. Wir wußten aber auch: ,,Weiß ich den Weg auch nicht, Du weißt ihn wohl."

Ohne einen Unfall fuhren wir am 8. März 1945 nachmittags gegen 14 Uhr in den Hafen von Swinemünde ein. Das Schiff legte an, aber es durfte nicht ausgeladen werden. Swinemünde war übervoll von Flüchtlingen, der Kapitän sollte weiter nach Stralsund fahren. Er konnte sich nicht entschließen, wegen der Minen- und U-Boot-Gefahr auf offener See weiterzufahren, vielmehr steuerte er das Haff hinauf bis Uckermünde, und von dort wurden wir durch die Peene nach Stralsund gelotst. Hier kamen wir am 9. März abends bei Dunkelheit an. Erst am nächsten Morgen konnte das Schiff verlassen werden.
Schönen Gruß aus Stuttgart
Thomas

Impressum & Datenschutzerklärung