MNB Nr. 10, Artikel zum Balkankrieg zur See

Begonnen von Leutnant Werner, 29 Dezember 2012, 20:32:57

Vorheriges Thema - Nächstes Thema

0 Mitglieder und 1 Gast betrachten dieses Thema.

Leutnant Werner

Hallo Marine-Nachrichtenblatt-Leser und -Macher,

ich habe die letzte Ausgabe, Nr. 10, erworben und bin mit dem Erworbenen nicht ganz zufrieden. Habe mir lange überlegt, ob ich da ein Feedback anbringen soll. Bringt das was? Außer Unfrieden wohlgemerkt.  Immerhin hatte ich mein Exemplar früh bestellt, aber  viel zu spät bezahlt, so dass ich nicht davon ausgehen durfte, es auch zu bekommen. Vielen Dank dafür, dass das doch noch  geklappt hat.
Ich hatte das vorliegende Exemplar vor allem wegen des Artikels ,,Vor hundert Jahren:  Der erste Balkankrieg zur See 1912-1913" bestellt. Ich hatte hier auf weiteren Erkenntnisgewinn gehofft.

Ich musste feststellen, dass der Autor Dirk Nottelmann  sich leider nicht viel Mühe gegeben hat. Ich bin bereits Eigentümer seines  Buchs ,,Die Brandenburg-Klasse" (Hamburg, Mittler, 2002).
Es hat sich nun herausgestellt, dass Dirk Nottelmann keinen neuen Erkenntnisgewinn herausgestellt, sondern im Wesentlichen aus seinem nun zehn Jahre alten Werk bei sich selbst abgeschrieben hat. Dazu hat er noch die ,,griechisch-angelsächsische Sichtweise" der Geschehnisse einfließen lassen. Ich habe also quasi für fast  ein und denselben Artikel zweimal Geld ausgegeben. Geld umsonst auszugeben ist nun nicht so die Tragödie, aber wenn man einen gewissen Anspruch vermutet, wie man das ja beim MNB durchaus darf, dann ist das ärgerlich.

•   In dem Artikel werden nicht etwa die Kampfhandlungen und Operationen des ersten Balkankrieges zur See geschildert, sondern nur die zwei nach meiner Meinung zu Recht so genannten Seeschlachten von Kap Helles und Lemnos. Damit ist schon der Titel irreführend.
•   Die Vorlage zu dem genannten Artikel, das Kapitel ,,die Jahre bis 1914" (S. 87-94 des genannten Werks ,,Die Brandenburg-Klasse") entbehrt der Wissenschaftlichkeit. Die Fußnoten (es sind nur 6) enthalten keine weitergehende Information. Man ahnt zwar angesichts vieler Zitate im Text, dass die Quellenlage des Autors ordentlich war, die Fundangaben sind indes häufig nicht genannt.
•   Das Vorgenannte kann man 1:1 auf den MNB-Artikel übertragen.

In beiden Werken, dem Kapitel in seinem Buch und dem Artikel in der vorliegenden Ausgabe, äußert sich Dirk Nottelmann auch  zu technischen und taktischen Details in einer Weise, die ich nicht für nachvollziehbar halte. Es sind genau zwei Probleme, die er benannt hat, die der weiteren Erläuterung bedürfen.

Das technische Problem: ,,Der Türke mit dem Holzgewehr"

Zitat ,,Brandenburg-Klasse", S. 93: ,,Nach neuesten Erkenntnissen litten BARBAROS und TORGUD unter einem bislang ungenannten Manko der AVEROF gegenüber, welches dem osmanischen Kommando wohl bekannt gewesen sein dürfte, und dass einerseits die deutlich restriktiven Gefechtsanweisungen ihrer Führung erklärt, zum anderen jene Historiker (Frage: Welche?) korrigiert, die ihr Unverständnis über den Rückzug von zwei Linienschiffen gegenüber einem Panzerkreuzer ausdrücken: Oberhalb einer Entfernung von 3.000 Meter waren die Geschosse beider Schiffe nicht mehr dazu in der Lage, sowohl den Gürtel- als auch den Barbett- und Turmpanzer der AVEROF zu durchschlagen! (Anmerkung: Ausrufezeichen!) Etwas überspitzt könnte man also formulieren, die osmanische Seite ,,kämpfte mit einem Holzgewehr"."
Praktisch wortgleich argumentiert der Autor auf Seite 4 seines Traktats im Marinenachrichtenblatt.

Zu den Fakten:

AVEROF war mit Terni-Stahl gepanzert, das ist KC mit Sternchen, aber das Panzerschema zeigt: Nur das Unterwasserschiff im Bereich der Zitadelle hatte die maximale 200mm-Panzerung, die zu den Schiffsenden auf 80mm reduziert war. Mittig war diese Panzerung im Bereich zwischen den Seitentürmen auf 175mm und 170mm im Bereich des Haupt- und Oberdecks getäpert, seitwärts finden sich noch im Bereich des Mittelschiffs Bereiche mit nur zwei Zoll (51mm) auf dem Hauptdeck und gut zwei Drittel des Oberwasserschiffs sind überhaupt nicht durch Panzer geschützt (Angaben nach Weyer, 1914).

BARBAROS und TORGUD verschossen capped AP-shots von 240 kg mit einer Mündungsgeschwindigkeit  von 705/685 m/s. Die Geschosse waren in der Lage, auf 12.000 m 160 mm Panzerstahl zu durchschlagen, auf 6.000 m etwa 200 mm Panzerstahl. (-> NavWeaps, teilweise mit Originalunterlagen zu den 28cm l/35 nach 1901).

Die maximalen Gefechtsentfernungen bei den Seeschlachten von Helles und Lemnos lagen bei etwa 9.000m, bewegten sich aber im Mittel wohl um die 4.000 bis 6.000 m, und AVEROF schloss jeweils noch näher als die älteren griechischen Schlachtschiffe an die Türken heran. Mit anderen Worten: Die türkischen Panzerschiffe BARBAROS und TORGUD waren in der Lage, über einen Großteil der Schlachten den Gürtelpanzer des AVEROF an den meisten Stellen zu durchschlagen oder einzudrücken, mal abgesehen davon, das jener  in Maximalstärke nur das Unterwasserschiff und weniger stark einen Bruchteil des Überwasserschiffs sowie die schwere Artillerie schützte. Trefferwirkung bei AVEROF ist auf den bekannten Fotos aber nur als Splitterwirkung an den Schornsteinen festzustellen. Brände, die durch Treffer auf weniger geschützte Teile ausgelöst worden wären (wie  - durch den Autor geschildert – z.B. auf BARBAROS, und die die Gefechtsfähigkeit des AVEROF herabsetzen hätten können), sind so nicht auf dem griechischen Panzerkreuzer nachweisbar. Der Autor hätte uns außerdem sicher davon wissen lassen.

Folgt man der ,,Holzgewehr-Theorie" von Herrn Nottelmann, müssten sämtliche Treffer der beiden osmanischen Schiffe auf der AVEROF in einem ziemlich begrenzten Teil von deren Zitadelle eingeschlagen sein, was schlichtweg unmöglich ist.

Ich stelle daher folgendes  Gegen-Axiom zur ,,Holzgewehr-Argumentation" des Autors auf: Die von ihm mit seinen Ausführungen in Schutz genommenen Osmanen waren schlichtweg aus Unkenntnis nicht in der Lage, die zweifellos vorhandenen primitiven Visier- und Feuerleiteinrichtungen an Bord der Schiffe so zu bedienen, dass auch nur ein Treffer erzielt wurde. Angesichts von rund 630 verfeuerten Granaten des Kalibers 28 cm beider Schiffe, die meisten davon gegen  AVEROF, muss ich dann doch meinen Respekt ausdrücken. Den nicht ehrlich Empfundenen selbstverständlich.

Bleibt noch anzumerken, dass, wenn man den Schmalenbach aufmerksam liest, es einem Linienschiff der Brandenburg-Klasse mit einer deutschen Besatzung ein Leichtes gewesen wäre, einen Panzerkreuzer wie die AVEROF auf große Entfernungen zu treffen und in die Flucht zu schlagen.

Das technisch-taktische Problem ASAR-I-TEVFIK

Bei dem genannten Namen handelt es sich um ein altes, aber grundmodernisiertes Panzerschiff der osmanischen Flotte.
Der Autor teilt  hierzu Folgendes mit :,,Am 16. ab 7 Uhr morgens lichteten die osmanischen Schiffe die Anker, das Flaggschiff (BARBAROS) setzte sich an die Spitze, gefolgt von der TORGUD, der MESUDIYE und der altersschwachen ASAR-I-TEVFIK"... ,,Schon jetzt befanden sich die osmanischen Schiffe im Nachteil, denn die ASAR-I-TEVFIK signalisierte aufgrund von Kesselproblemen nur noch 8 Knoten laufen zu können."... ,,Aufgrund der Erfahrungen vom 16. Dezember (bei Kap Helles) befahl der osmanische Befehlshaber der ASAR-I-TEVFIK (am 18. Januar bei Lemnos)  als Sicherung zurückzubleiben; im Lichte der späteren Ereignisse eine berechtigte Maßnahme, wäre das Schiff doch sonst wahrscheinlich verlorengegangen."
Der Autor wiederholt diese in der ,,Brandenburg-Klasse" getätigten Äußerungen (S. 89 ff)  wortgleich in den genannten Ausführungen im MNB (S. 5, 8).

Die Fakten

ASAR-I-TEVFIK war eine 1868 vom Stapel gelaufene Panzerfregatte des Kasematt-Typs, gepanzert mit einem eisernen Gürtel von 200 mm mittschiffs (an den Enden getäpert auf 76 mm) sowie einer zentralen Kasematte mit 152 mm Stärke (Balincourt: Flottes de Combat Etrangeres 1900). Das  Schiff wurde 1903-1906 von der Germania-Werft grunderneuert. Dabei wurden neue Maschinen und neue Kessel des Niclausse-Typs eingebaut, das Schiff erhielt ein Panzerdeck von 76 mm Stärke sowie einen Kommandoturm von 152 mm Stärke, aus KC-Stahl. Die Bewaffnung wurde geändert auf 3 x 150mm Schnellfeuerkanonen l/40 (in Pfeilaufstellung vor und neben dem Kommandoturm, hinter Panzerschilden) sowie 7 x 120 mm Schnellfeuerkanonen l/40, jeweils 2x3 kasemattiert in der gepanzerten Batterie sowie 1 hinter Schutzschild auf der Schanz (vgl. Hugh Lyon in Gardiner: Conway´s all the world´s fighting ships 1860-1905, p. 389). Die Abnahmegeschwindigkeit betrug 1906  15 Knoten, maximal sollen aber schon 1910 nur noch 9 Knoten möglich gewesen sein (Vgl. Ottoman Steam navy, p. 135 ff).

Im Endeffekt handelt es sich hier um ein kampfwertgesteigertes altes Schiff, das sich in Bezug auf seine Geschwindigkeit von den anderen Schiffen der Linie bei den Türken nicht so sehr abfiel. Auch BARBAROS und TORGUD waren nur noch zu maximal 10 Knoten fähig (Abnahme in Istanbul  noch 1910  mit 16,5 Knoten über die Meile = Konstruktionsgeschwindigkeit), MESUDIYE (Abnahme 1903 mit 17 Knoten, in 1910 eher 11 Knoten, Angaben teilweise nach Ottoman Steam navy, pp. 135, 140
)
Vorliegend betrachtet der geneigte Leser eine langsame Flotte, die mit den meisten Geschützen auch nur langsam schießen kann. Die gegen eine Flotte trifft, in der nur ein Schiff schnell ist und schnell schießen kann. Auf dieses Schiff wird ASAR-I-TEVFIK in der Schlacht nur zu ungünstigsten Bedingungen treffen.  Denn AVEROF ist eindeutig gegen die beiden Schiffe der Brandenburg-Klasse eingeteilt, die sie ihrerseits nur mit einem ,,lucky shot" vernichten kann, welcher ausbleibt
.
Die Gegner von ASAR-I-TEVFIK

Das waren die drei kleinen, 1889-1890 in Frankreich vom Stapel gelaufenen Schlachtschiffe der SPETSAI-Klasse. Diese Schiffe waren theoretisch respektgebietend, 100 Meter lang und rund 5000 Tonnen verdrängend schafften sie bei Abnahme Anfang der  1890er Jahre 17 Knoten und hatten mit einem Gürtelpanzer von maximal 305 mm (Verbund und Creusot-Stahl) mit einer Batterie von 3 x 27,4 cm MRK und 5 x 15 cm SK eindrucksvolle Werte vorzuweisen.

Aber  der Gürtelpanzer war nur rund 2,40 m breit, die komplette obere Hälfte nur 76 mm stark. Darüber hinaus waren weite Teile des Überwasserschiffs ungeschützt.  Zwar waren die meisten Geschütze in einer im Vorschiff befindlichen Kasematte geschützt und auch der achtere Geschützturm der Hauptartillerie war gut gepanzert. Aber die ,,über die Bank feuernden 27 cm (waren) ohne Deckung von oben" (Weyer 1914, S. 69). Die Aufstellung der 15cm-Kanonen war so schlecht, dass nur zwei nach seitwärts feuern konnten,  und die Bestreichungswinkel  waren ebenfalls sehr dürftig. Die Geschütze der Hauptbatterie waren machtvoll, der Autor diskutiert ja auch den Treffer der PSARA in die Mittelartilleriebatterie des türkischen Schlachtschiffes MESUDIYE, aber  (angesichts fehlender anderer Angaben ausgehend von etwa baugleichen Hontoria-Geschützen der Spanier) darf die Schießgeschwindigkeit   dieser Geschütze bei maximal einem Schuss alle 3 Minuten geschätzt werden.

Die Geschwindigkeit der SPETSAIs wird in Janes 1906-07 mit ,,present speed: circa 12 kts or less" angegeben und sollte 1912-13 die 10 Knoten auf keinen Fall mehr überschritten haben.

Im Gesamturteil ist festzustellen, dass diese Schiffe keinen Geschwindigkeitsvorteil  gegenüber ASAR-I-TEVFIK hatten. Ihre schweren Geschütze feuerten äußerst langsam. Sie konnten nur 2 x 15cm- Schnelllade-Kanonen ihrer mittelschweren Batterie  in der Breitseite abfeuern. Sie hatten mit der nach oben offenen Kasematte für die beiden vorderen schweren Geschütze und ein 15 cm-Geschütz aber eine äußerst neuralgische Stelle. ASAR-I-TEVFIK konnte andererseits  in der Breitseite 2 x 15 cm SK und 4 x 12 cm SK zum Tragen bringen.

Zum Fernbleiben der ASAR-I-TEVFIK bei der Seeschlacht vor Lemnos möchte ich daher den vorgehenden Ausführungen entgegenhalten:

   Selbst mit Kesselproblemen und nur 8 Knoten macht ASAR-I-TEVFIK eine Linie, die nur 9-10 Knoten schafft, nicht signifikant langsamer. Da auch beim Gegner alle großen Schiffe außer einem nicht schneller als 10 Knoten laufen, bleibt der taktische Nachteil im Rahmen.
   Wie der Autor selbst ausführt, konnte der Gegner (durch das Ausbleiben von ASAR-I-TEVFIK) das Feuer des Panzerkreuzers AVEROF und des Panzerschiffes SPETSAI gegen das Spitzenschiff der türkischen Linie, BARBAROS, vereinen. Mit ASAR-I-TEVFIK in der Schlachtlinie wäre das nicht möglich gewesen. Hier liegt ein klarer taktischer Fehler vor.
   Dass ASAR-I-TEVFIK  vermutlich verloren gegangen wäre, ist angesichts der Bestückung  des Gegners mit langsam feuernden  schweren Kanonen und zu wenigen Schnellfeuerkanonen mit noch dazu schlechten Bestreichungswinkeln schlicht und einfach Spekulation des Autors.
   ASAR-I-TEVFIK hatte nach MESUDIYE  in der Schlacht vor Kap Helles die zweitmeisten Schüsse abgegeben, sie hatte ja nun auch nach MESUDIYE die zweitbeste Mittelartilleriebatterie aller osmanischen Schiffe. Diesen taktischen Vorteil durch ihr Wegbleiben aus der Hand zu geben,  stellt erneut einen taktischen Fehler dar.

Den vorstehenden Argumenten Rechnung tragend, ist die Meinung des Autors ohne weitere Erläuterung nach meinem Ermessen nicht haltbar. Ich stelle im Gegenteil die Theorie auf, dass das Fehlen von ASAR-I-TEVFIK vor Lemnos ein entscheidender taktischer Fehler war und bitte um Diskussion.

Impressum & Datenschutzerklärung