Bill Bryson, Sommer 1927

Begonnen von Urs Heßling, 26 April 2015, 18:51:05

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Urs Heßling

moin,

Ich habe Brysons Bücher bisher sehr geschätzt: voll von Fakten, gut leserlich und mit viel Humor geschrieben.

Seit der Lektüre von "Sommer 1927" ist meine Begeisterung deutlich gedämpfter.

Im Zusammenhang mit der Entstehung der "Prohibition"-Idee (Alkoholverbot in den USA) behandelt Bryson am Rande auf Seite 222 die Versenkung der Lusitania.

Dabei stellt er folgende Behauptungen auf
- das Deutsche Reich drohte, Passagierschiffe auf hoher See zu versenken
- die Lusitania wurde in neutralen Gewässern versenkt
- das Deutsche Reich feierte die Versenkung mit einem nationalen Feiertag

Alle drei Behauptungen sind falsch
- Die deutsche Admiralität erklärte am 4.2.1915 die Gewässer rund um die Britischen Inseln zur Kriegszone, in der feindliche Handelsschiffe zerstört werden könnten, siehe http://wwi.lib.byu.edu/index.php/German_Admiralty_Declaration_Regarding_Unrestricted_U-Boat_Warfare
Von "Passagierschiffen" ist darin keine Rede

- Die Lusitania wurde ca. 11 sm von der Küste entfernt versenkt, also außerhalb der irischen Hoheitsgewässer. Aber auch die Hoheitsgewässer wären nicht neutral gewesen. Irland als selbständige Nation war im Zweiten Weltkrieg neutral, im Ersten Weltkrieg war es britisch und kriegführend.

- Der angebliche "Nationalfeiertag" war eine geschickte britische Propagandalüge, um die Stimmung in den noch neutralen USA zu beeinflussen.

Komplettiert werden diese Unwahrheiten mit dem Verschweigen
- der Tatsache, daß die Lusitania - mit Wissen und Billigung der US-Zollbehörden! - Munition und Sprengstoffe für die britische Armee an Bord hatte, die möglicherweise (das ist ungeklärt) Gegenstand der "2. Explosion" nach dem Torpedotreffer von U 20 waren, durch die der Untergang beschleunigt und die große Zahl der Opfer verursacht wurde, und

- der nicht bewiesenen, aber auch nicht widerlegten Hypothese, daß die britische Admiralität durch Abzug des vorgesehenen Geleitschiffs Juno und durch Änderung von Kursbefehlen die Lusitania zusätzlich gefährdete, um ein Motiv für den Kriegseintritt der USA zu schaffen.

Alles in allem bin ich enttäuscht, daß eine solche Darstellung so kurz vor dem 100. Jahrestag der Katastrophe so unwidersprochen möglich ist.

Gruß, Urs
"History will tell lies, Sir, as usual" - General "Gentleman Johnny" Burgoyne zu seiner Niederlage bei Saratoga 1777 im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg - nicht in Wirklichkeit, aber in George Bernard Shaw`s Bühnenstück "The Devil`s Disciple"

Big A

Ja, schade, Bryson war mir immer als sehr ironischer Schreiber mit einer guten Portion Humor geläufig, und nun das???

Axel
Weapons are no good unless there are guts on both sides of the bayonet.
(Gen. Walter Kruger, 6th Army)

Real men don't need experts to tell them whose asses to kick.

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