Ostsee-Flucht: Liep

Begonnen von TW, 12 Mai 2026, 17:20:15

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Fluchtbericht mit dem Dampfer ,,Liep" aus der Sicht von Kindern
von Gerhard Krosien

Der Abend war schön - wie fast alle Juliabende es am Kurischen Haff sind! Es war angenehm warm, die Sonne strahlte noch vorm Untergehen vom Himmel. Und doch - am 30. Juli 1944 - schien einiges anders als sonst zu sein! Die Erwachsenen hatten in den letzten Tagen öfter zusammengestanden und mit den Händen gestikulierend geredet, ihre Gesichter hatten dabei einen ziemlich besorgten Ausdruck gehabt. Irgendetwas lag in der Luft! Das hatten auch wir Bowkes bemerkt.

Am nächsten Morgen geschah etwas für uns ganz Ungewohntes: Obwohl Alltag, mussten wir Kinder unsere ,,guten Kleider" anziehen, was wir eigentlich nur an Sonn- oder Feiertagen sowie bei festlichen Anlässen taten. Mutter ergriff eine kleine Reisetasche, hängte sich den leinenen, sonst neben der Hauseingangstür hängenden Beutel um, in dem für den Fall eines Bombenalarms wichtige Dokumente zusammengetragen und verwahrt waren. Sie nahm die Jüngste von uns vier Kindern an die Hand. Dann trotteten wir alle in einen strahlenden Sommermorgen hinaus zur Bushaltestelle an der Hauptstraße zwischen Schmelz und der Stadt Memel.

Der Bus machte halt an der Dange vor der Anlegestelle, von wo aus ich schon so oft mit der Fähre nach Sandkrug zur Kurischen Nehrung hinübergefahren bin. Diesmal hieß es hier: Endstation, alles aussteigen! ,,Soll es heute womöglich in großer Gesellschaft auf die Nehrung gehen?", fragten wir uns. Doch nicht der altgewohnte Raddampfer liegt heute am Steg! Ein blendend weißes Fahrgastschiff, die ,,Liebe", soll es diesmal offensichtlich sein. In aller Gemütsruhe strömen die Menschen auf das Schiff und verteilen sich über die verschiedenen Decks. Wir Kinder durchstöbern alle möglichen Ecken des Schiffs und sind immer wieder erfreut darüber, dass so viele Freunde von uns diese Reise mitmachen.

Eine Musikkapelle spielt auf dem Kai flotte Weisen, zuletzt ,,Muss i denn, muss i denn zum Städtele hinaus..." Dann fallen die Leinen ins Wasser, das Schiff legt ab. Winken hinüber und herüber. Großvater bleibt zurück. Die Fahrt geht los. Stundenlang bei schönstem Sonnenschein durchs Kurische Haff mit der ,,Liebe", so, wie ich sie vom Kahn aus schon öfters vorüberziehen gesehen habe. Gegen Mittag ist die Dampferfahrt quer durchs Kurische Haff zu Ende. Labiau heißt unsere Station. Alle Mitgereisten verlassen das Schiff.

Am Spätnachmittag geht der ,,Ausflug" weiter: diesmal per Bummelzug. Endstation ist Osterode in Ostpreußen. ,,Hier soll wohl übernachtet werden", spekulieren wir Kinder. Die Familien bekommen von dienstbaren Geistern in Uniform Adressen auf Zetteln und ziehen darauf in unterschiedliche Richtungen der Stadt davon. Wir machen uns auf den Weg zu der uns zugewiesenen Adresse und stehen schließlich vor einem zweistöckigen, roten Backsteinhaus. Wir treten in den Hauseingang und drücken an der Klingel. Lange rührt sich nichts. Nach erneutem Klingeln wird die Haustür halb geöffnet. Eine Frau von etwa 60 Jahren mustert uns alle der Reihe nach von oben bis unten - ganz Abwehr! ,,Ach, sie sind wohl die von der Partei angekündigten Flüchtlinge aus dem Memelland", sagt sie dann und zeigt uns unser Zimmer. Wie betäubt lassen wir uns auf das einzige Bett und auf die Liege im Zimmer sinken. Mutter weint. ,,Flüchtlinge" hat die Frau gesagt! Was ist das? Wir verstehen das alles noch gar nicht! Heute wissen wir`s: Wir Memelländer waren die ersten Deutschen, die ihre Heimat fluchtartig vor der Roten Armee verlassen mussten. Aber die Mutter hatte uns damals nichts davon erzählt.
Schönen Gruß aus Stuttgart
Thomas

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