Ostsee-Flucht: Ubena

Begonnen von TW, Heute um 13:13:22

Vorheriges Thema - Nächstes Thema

0 Mitglieder und 1 Gast betrachten dieses Thema.

TW

Von Nickelswalde über Hela nach Kopenhagen
von Margot Schmiede

In der Nacht vom 20. April 1945 kamen wir nach Nickelswalde, wo wir auf einen Prahm sollten, der aber wegen Überfüllung schon schwankte. So mussten wir, Gott sei Dank, wieder herunter. Es kam ein zweiter Prahm, der uns dann aufnehmen konnte. Das Gebiet dort war schon in russischer Hand. Wahrscheinlich deshalb hüllte die Wehrmacht in einer Art letztem Unternehmen die Gegend in künstlichen Nebel, um unsere Fluchtaktion zu verbergen. Unsere Flucht gelang.

Der Prahm brachte uns vor die ebenfalls eingenebelte Reede von Hela. Mit Strickleitern, die dauernd beängstigend schwankten, kamen wir auf das Lazarettschiff ,,Ubena", das voller Verwundeter war. Wir saßen auf dem Deck auf dem Boden. Es war schrecklich eng. Unsere Vorräte waren aufgebraucht. Wir hatten wenig zu essen und zu trinken. Glücklicher Weise konnte meine älteste Schwester während der Überfahrt auf dem Schiff als Schwesternhelferin arbeiten. Von ihr bekam ich manchmal etwas Haferflockensuppe. Häufigen Flieger- und U-Boot-Alarm versetzten uns wiederholt in Unruhe. Die Ubena fuhr jedoch im Verband. Ich vermute, dass wir auch auf diese Weise von Schäden durch die feindlichen Angriffe verschont blieben. Vier Tage, vom 20. bis 23. April 1945, waren wir in dieser Situation in Richtung Dänemark unterwegs.

Am Abend des 23. näherten wir uns der Küste. Bevor die Ubena in einen Hafen einfuhr, verfügte der Kapitän noch das Seebegräbnis der vielen Toten, die während der Überfahrt sowohl im Schiffslazarett wie auch in den Reihen der Flüchtlinge verstorben waren. Sie wurden in schwarze Tücher gehüllt und im Meer versenkt. Wir hielten eine kleine Andacht. Dann lief unser Schiff in das hell erleuchtete Kopenhagen ein. Es lag da wie im tiefsten Frieden. Wir fühlten uns gerettet.
Schönen Gruß aus Stuttgart
Thomas

Impressum & Datenschutzerklärung