Reisebericht Lt. E. - Rückzug aus Afrika

Begonnen von dark-schnuffi, 14 April 2008, 19:14:20

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dark-schnuffi

Tagchen,

mit Theos Erlaubnis bekommt Ihr hier nen Reisebericht zu lesen, der als Anlage dem KTB Seetra Italien beigefügt war.

LG
Claudia

"E.
Lt.z.S.d.R.u. Dienststellen-
leiter                        den 13. Mai 1943


Am 8. Mai 1943, um 2000 Uhr, erhielt ich vom standortältesten Marineoffizier, Freg.Kpt.v. L., im Beisein des Chefs der Seetranportstellen, Kptlt. H., den Befehl, zu versuchen, mit mit meiner Dienststelle in bereitgestellten Fahrzeugen nach Italien durchzuschlagen.

Es wurde darauf hingewiesen, daß sämtliche Mitfahrenden freiwillig nur auf eigenes Risiko mitgenommen werden. Ich verteilte meine Dienststelle auf drei Fahrzeuge, zwei Motorboote und ein franz. Fischerboot, das ich selber als Kommandant übernahm. Von meiner Dienststelle nahm ich 11 Mann an Bord. Das Fischerboot, ein ca. 12 m langes, gedecktes Boot mit Mast und Segel und einem von uns eingebauten Automotor wurde reichlich mit Proviant, Trinkwasser und Kraftstoff für den Motor ausgerüstet. Die restlichen Fahrzeuge, zwei L-Boote, stellte ich dem Hafenkommandanten Biserta zur Überführung der restlichen Marineeinheiten zur Verfügung.

Kurz vor der Abfahrt bat mich Oberstleutnant H., ob für ihn und drei seiner Herren eine Gelegenheit zum Mitfahren bestände, was ich bejahte.

Um 2000 Uhr, bei Dunkelwerden, schiffte ich mich mit meiner Besatzung und wenigem Handgepäck ein. Gegen 2100 Uhr legte ich ab. Wegen des am Tage herrschenden schweren Westwindes, der gegen Abend jedoch abgeflaut war, stand am Strande von Kap Cedit, wo ich mich mit meiner Mannschaft einschiffte, eine schwere Brandung. Das Motorboot, was mich in See schleppen sollte, wurde durch die hohe Brandung auf Strand gesetzt, weil der Motor versagte. Der in dem Fischerboot eingebaute Motor lief nur auf Vorwärtsgang und konnte deswegen zum Ablegen vom Strande nicht benutzt werden. Ich liess Segel setzen , um so die See zu erreichen. Etwa 20 m vom Strand entfernt wurde durch die Brandung das Ruder zerschlagen und ging verloren. Mit Hilfe von Staaken und Lukendeckeln als Steuerung arbeiteten wir uns mühevoll aus der Brandung heraus und um ein nahegelegenes Riff mit schwerer Brandung herum.

Um schneller See zu gewinnen, wurde versucht, den Motor anzuwerfen, der jedoch versagte und nicht zum Laufen gebracht werden konnte. Somit waren wir vorläufig nur auf unsere Segel angewiesen. Ich befahl, in der sternklaren Nacht den Nordstern als Richtstern, also Nordkurs, zu steuern. Wir machten ca. 2 Meilen Fahrt. Ein genauer Kurs konnte jedoch wegen der provisorischen Steuereinrichtung nicht eingehalten werden, auch mußten wir mit großer Abtrift rechnen. Bei der Kontrolle der mitgenommenen Besatzung stellte sich heraus, daß sich drei Infanteristen in der Dunkelheit an Bord eingeschlichen hatten.

Während der Nacht überflogen uns mehrere feindliche Flugzeuge. Zweimal wurde unser Kurs von feindlichen Schnellbooten gekreuzt, außerdem wurden wir von Land mit schwerem Kaliber beschossen.
Sonst verlief die Nacht ohne Störungen. Gegen Morgen um 0700 Uhr überflogen uns in Höhe von ca. 2000 m zwei englische Fernaufklärer, sie flogen in Ost-West-Richtung. Gegen 0800 Uhr wurden wieder zwei Flugzeuge unbekannter Nationalität gesichtet. Gegen 0900 Uhr befanden wir uns ungefähr 22 sm nördlich von Kap Cebib. Hier wurden wir von einem englischen Jäger angegriffen. Der Jäger machte uns aus geringer Höhe aus und ging sofort zum Angriff über. In vier Anflügen mit Bordwaffenbeschuß und Bombenwurf schoß er uns beim ersten Angriff den Mast in halber Höhe ab, bei den weiteren Anflügen wurde ein Soldat getötet und einer schwer, drei weitere leicht verwundet. Mehrere Benzinkanister, das Schlauchboot sowie Boot und Ausrüstung wurden schwer beschädigt und durchlöchert. Beim letzten und vierten Anflug warf er zwei Bomben in zwei Meter Entfernung vom Boot ins Wasser, wodurch weitere Verwüstungen am Boot, Segel und Material angerichtet wurden.

Bei diesem Angriff verloren wir unser Notruder, zwei Mann wurden über Bord geschleudert, die durch das schwer zu manövrierende Fahrzeug und den hohen Seegang unter äußerst schwierigen Umständen wieder an Bord geholt werden mußten. Nach diesem Angriff lag das Boot wie ein Wrack hilflos, ohne Motor, Ruder und Segel dem Feinde und dem Wetter, dazu noch in Sicht der afrikanischen Küste vollkommen preisgegeben da. Nach diesem Angriff war die Stimmung an Bord sehr gedrückt. Jeder fragte sich, was nun weiter geschehen würde. Dieser Zustand dauerte jedoch nicht lange an, und zunächst wurden die Verwundeten, soweit es die Verhältnisse zuliessen, untersucht und verbunden, das Boot und seine Rettungseinrichtungen auf ihre Beschaffenheit geprüft. An Deck wurde Ordnung geschaffen, das herumliegende zerschossene Material wurde, soweit es nicht mehr gebraucht werden konnte, über Bord geworfen oder aus dem Wege geräumt. Es wurde versucht, den Motor wieder in Gang zu setzen. Hierbei zeichnete sich besonders der Fahrer des Oberstleutnant H., S., aus, der mit allen Mitteln versuchte, den Motor in Ordnung zu bringen, jedoch ohne Erfolg. Weiter zeichnete sich der Leutnant G. im Bauen von Notrudern, Paddeln und in der Herstellung einer Rotkreuzflagge aus. Da mit dem Motor nicht mehr zu rechnen war, brachte ich an den noch stehenden Maststumpen ein vier qm großes Notsegel an. Ein zweites Notruder wurde aus der Gaffel des zerschossenen Segels hergestellt. Mit diesen nun für die Weiterreise zusammengestellten Hilfsmitteln setzten wir gegen 10.30 Uhr unsere Reise fort.

Der Wind wehte mit Stärke 2 - 3 noch immer aus südwestlicher Richtung. Das Boot machte mit Nordkurs ca. 2 sm Fahrt. Gegen 16.00 Uhr kam aus westlicher Richtung ein Verband feindlicher Bomber (ca. 150) mit einem großen Teil Lightnings und überflog, ohne Notiz von uns zu nehmen, in ca. 2000 m Höhe unser Boot. Gegen 1800 Uhr kam dieser Verband aus östlicher Richtung zurück, etwa 10 Lightnings stiessen aus 1000 m Höhe auf unser Boot herab und setzten diverse Male zum Angriff an. Wir zeigten die provisorische Rotkreuzflagge und es wurde nicht auf uns geschossen. Das wiederholte sich mehreremale und es war eine kolossale Nervenprobe für die Besatzung.

Gegen Abend frischte der Wind aus Westen auf, das Boot lief schätzungsweise 4 sm. In der Nacht wurde der Wind bedeutend stärker und hatte gegen Morgen eine Stärke von 5 - 6 erreicht. Über Tag nahmen Wind und See an Stärke noch zu und wuchsen auf Stärke 7 an. Das Boot mit der schon sehr depremierten Besatzung war ein Spielball der gewaltigen See. Da jedoch keiner der Mitfahrenden die Gefahr des Kenterns ahnte, sondern nur Fliegergefahr befürchtete, blieb die Stimmung einigermaßen erhalten. Durch das provisorische Hilfssteuer wurden große Anstrengungen von der Mannschaft gefordert, um das Boot in Kursrichtung zu halten.

Am 10.5.1943 morgens 0600 Uhr entdeckte ich durch günstige Beleuchtung Land, was sich jedoch bei Sonnenaufgang als ein Irrtum herausstellte. Trotzdem gab ich Befehl, Osten zu steuern, da wir die Nacht über bei dem günstigen Wind eine gute Strecke Nord zurückgelegt hatten. Um 1700 Uhr wurde Land gesichtet und dieses sofort auf Kurs Süd-Ost angesteuert. Von 0700 Uhr morgens bis 1700 Uhr abends hatten wir mit dem günstigen Wind und dem Strom eine gute Strecke Ostkurs zurückgelegt. Ich war der Meinung, die Insel Ustica nördlich Sizilien vor mir zu haben, was sich später aber als ein Irrtum herausstellte. Gegen Abend flaute der Wind auf 1 - 2 ab und so näherten wir uns nur sehr langsam der Küste. Gegen Morgen des 11.5.1943 war vollkommene Flaute eingetreten. Jetzt wurde an Bord fieberhaft nach Rudern und Paddeln gesucht. Aus Lukendeckeln, Kisten und Brettern wurden provisorische Paddel hergestellt. Jeder Mann der Besatzung bekam eines dieser verfertigten Paddel in die Hand gedrückt und nun ging es mit vereinten Kräften an die Arbeit.

Die Besatzung wurde mit Scherzen und allem Möglichen, sogar mit Drohung der Waffe angefeuert, für ihr Leben und ihre Freiheit ihr Letztes herauszugeben, um mit den provisorischen Mitteln das rettende Land zu erreichen. Jedoch auch hier stellten sich uns Widrigkeiten in den Weg. Wir hatten uns der Küste ca. 5 km genähert. Der Strom setzte landabwärts, Wind war nicht vorhanden und wir kamen der Küste nicht näher. In weiter Entfernung sahen wir eine Rauchwolke. Wir versuchten, durch Notsignale uns kenntlich zu machen.

Ein Feuer wurde angezündet, um eine Rauchentwicklung zu erzeugen, aber alles, was wir verbrannten, brannte mit heller Flamme ohne Rauchentwicklung. Zum Schluß wurden wir durch Winken mit einer Flagge von einem ital. Minenräumboot entdeckt. Es kam auf uns zu und fragte nach unserem Begehren, teilte uns mit, daß es sich um die Insel San Martino handelte und schleppte uns nach Marsala ein.

Unsre Verwundeten und unser Gepäck gaben wir auf einen Lkw, da Boot wurde dem Hafenkommandanten übergeben, die Kranken im Marine-Revier in Marsala abgeliefert. Durch Herrn Generalfeldmarschall Kesselring wurde uns Quartier angewiesen und eine Spezialmaschine nach Rom zur Verfügung gestellt. Bei Aufräumungsarbeiten und Setzen eines Notsegels am 9.5. brach ich mir zwei Rippen.

gez. E.
Lt.z.S.d.R. u. Dienststellen-
Leiter"
Nutze jede Nacht, es könnte Deine letzte sein!
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Zerstörerfahrer

Hallo Claudia,

vielen Dank für deine Arbeit. Ich habe diesen Bericht auch im KTB des Dt. Marinekommandos Tunesien als Anlage 2 gefunden. Anlage 3 hatte ich mal hier abgetippt: http://forum-marinearchiv.de/smf/index.php/topic,5468.msg71272.html#msg71272

Nochmals Danke
René

kalli


Kuestenjaeger


Peter K.

Vielen Dank für den interessanten Bericht!

Anfangs 19 Mann in einem 12 m Boot bei dieser Feind- und Wetterlage mit versagendem Motor und nur mit Notruder ...
... vom seemännischen Standpunkt absolut bemerkenswert!
Grüße aus Österreich
Peter K.

www.forum-marinearchiv.de

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