Vp.Boot 1304 - Anhänge

Begonnen von Seekrieg, 14 August 2011, 10:48:53

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Seekrieg

20. Februar 1940 Stettin
Die Wehrmachtsstreife hat gewechselt. Weniger geistreiche und intelligente Leute versehen jetzt das schwere und verantwortungsvolle Amt. Franz fuhr gestern schon die erste Ramming mit ihnen. ,,Ich hatte so meinen Törn", berichtet er, ,,weißt du, so von einer Gaststätte zur anderen und war eben im Mokkastübchen hinter einem Glas Bier gelandet. Da kam die Streife. Nun weiß ich nicht mehr genau, war nun meine Ehrenbezeigung nicht zackig genug oder habe ich doch ein kleines bißchen gewackelt. Jedenfalls fragte mich der Streifenführer: ,,Wieviel Biere haben Sie denn schon?" Ich tat natürlich ganz entrüstet. ,,Ich habe mir eben erst eins bestellt", sagte ich, ,,nicht wahr, Herr Ober?" Der Ober erschien als Kronzeuge und bestätigte meine Aussage. ,,In einer halben Stunde kommen wir wieder", meinte dann der Feldwebel. ,,Bitte", antwortete ich, ,,da bin ich aber möglicherweise nicht mehr da. Da sitze ich wahrscheinlich in dem Lokal nebenan." Daraufhin ließen sie mich dann in Ruhe und zogen ab. Ich ging aber dann auch und suchte mir ein störungsfreies Lokal. Das war nicht ganz einfach; denn in Stettin gibt es z. Z. ganze 72 Lokale, die für Wehrmachtsangehörige verboten sind, aber ich dachte, bes¬ser ist besser. Bei der bösartigen Sturheit dieser Wehrmachtstreifen muß man damit rechnen, daß sie einem noch einmal über den Weg laufen, und ob man dann noch so friedlich ist, das weiß man im voraus nie genau." Nein, das läßt sich schwer berechnen. Auch die Friedfertigkeit hat ihre Grenzen.

21. Februar 1940 Stettin
,,Wenn es dem Esel zu wohl wird, geht er aufs Eis tanzen oder gibt dem Alten Kontra." Die alte Weisheit mußte sich Hans heute von Jakob Visser sagen lassen, weil Hans immer Widerpart gab und infolgedessen mit dem Kommandanten in Kollision geriet. ,,Eure Rede sei: Ja, ja; nein, nein. Was drüber ist, das ist von Übel." Im übrigen ist das alles halb so schlimm. Kleine Meinungsverschiedenheiten kommen in jedem Betrieb und selbst in den besten Familien vor. Das ist ein Teil vom Allzumenschlichen. Manchmal gibt es bereits schon früh solche kleinen Reibereien, wenn unsere Nummer Eins zum Aufstehen pfeift und sein Weckruf ertönt: ,,Seemann! Seemann! Reise, Reise, nach alter Seemannsweise! Lüft an das Kätchen! Hoch das Bein! Ein jeder muß der Erste sein; kommt hoch ihr müden Leiber! Der Bäcker von Laboe ist da. Komm hoch, Seemann! Reise! Reise! Aufstehen!" Ist er recht freundlich, dann stehen wir auch gleich auf und sparen ihm die Hälfte der Litanei. Setzt er aber seine strenge, zivile Postschalter-Beamtenmiene auf, dann muß er noch einmal wecken kommen, vorsichtig natürlich und mit Bedacht; denn nicht umsonst hat Walter Grabs an seine Koje geschrieben: Vorsichtig wecken! Bin leicht erregbar! Der Morgen hat nun einmal seine kritischen Momente und mit recht heißt es im Sprichwort: Aller Anfang ist schwer, auch der vom Tage. Dafür sind wir aber abends umso freundlicher, auch zu unserer Nummer Eins, und das weiß er und so drückt er manchmal beide Augen zu.

22. Februar 1940   Stettin
Was unser Koch Franz Pellin auf den Tisch bringt, das schmeckt immer gut. Nur für sein berühmtes Labskaus kann ich mich nicht begeistern, obwohl andere Kameraden diese graue Masse mit Vorliebe und in rauhen Mengen vertilgen.
Was ist Labskaus? Labskaus ist eine Art norddeutsches Nationalgericht, ein ausgesprochenes Seemannsfutter und entspricht ungefähr dem, was wir zu Hause schlicht und einfach Kartoffelmus, bzw. Püree nennen. Laut Kochbuch setzt sich dieser Gaumenkitzel wie folgt zusammen: Man schneidet Fisch in kleine Stücke, stellt es mit Salz und Zitronensaft hin, dünstet es dann in Speck und Zwiebeln gar. Das Ganze gibt man zu zerstampften Salzkartoffeln, verdünnt das Gericht mit Brühe oder Wasser und schmeckt es mit Salz und Pfeffer ab. Zum Schluß mischt man kleingeschnittene Salzgurken unter das Gericht. Es ist immerhin möglich, daß diese Definition stimmt. Trotzdem kann ich dieses Menü privat nur als Aufwaschgericht  bezeichnen; denn wie man beim Aufwaschen und Geschirrspülen zuerst einmal alle Töpfe leert, so schüttet auch Franz zunächst sämtliche Essensreste und Küchenüberbleibsel  der vergangenen Woche in eine große Tonne, bindet dieses billige Kombüsenspreu dann mit  etwas flüssigem Kartoffelmus an und nennt das Ganze hoch- trabend und gottesfürchtig Labskaus.
Dieses Gericht gilt als vorzüglich, wenn die Geschmacksrichtungen so gemengt  sind, daß   bei einem Gabelbissen, gleichzeitig der Zunge eine Handvoll Kartoffelmus, den rechten Backenzähnen Heringsreste und der linken Kaumuskulatur Rindfleischbrocken zugeteilt werden und wenn außerdem am Gaumen ein Scheibchen saure Gurke kitzelt. Über den Geschmack läßt  sich streiten,  besonders natürlich mit  Kochkünstlern und Meistern des Geschmacks, und zu ihnen gehört unser Franz Pellin. Er hält sich an das BibeIwort: Was Gott tut, das ist wohlgetan, und was ich koche, das schmeckt gut!

23. Februar 1940    Stettin
Es  schneit  und stürmt. Mit Hans mache ich es mir in unserem Funkraum bequem. Hier sitzt es sich ruhig und  gemütlich, und gestört werden wir auch nicht; denn noch keiner hat das kleine Emailleschildchen am Schott zu unserem Funkraum abgeschraubt,  daß die Reederei in früheren, friedlichen Zeiten hat  anbringen lassen. Ein zackiger Blitz ist darauf, und darunter steht: Vorsicht Hochspannung: Zutritt  streng verboten! Die Direktion. Es hat mithin auch heute noch Gültigkeit und wird von den meisten auch vorsichtshalber respektiert. So ist man hier oben meist  allein, mit sich und mit seinen Gedanken.
Im Kartenhaus schnarcht´s. Das war nicht ausgemacht, aber es geht auch so. Jakob Visser ist´s. ,,U.v.D. soll ich heute spielen", meinte er vorhin. ,,Du weißt Bescheid", und damit legte er sich nebenan auf die lange Bank im Kartenhaus. Es schläft sich gut dort. Die Bank ist gepolstert, und höchst selten kommt jemand zu uns herauf auf die Brücke, und wenn, dann weiß ich eben Bescheid. Ehe jemand die eiserne Stiege und den Gang zur Brücke vorge-kommen ist, habe ich ihn längst gehört und Jakob geweckt. Er wird einen U.v.D. abgeben, der in bezug auf Wachsamkeit und soldatischem Schneid schwer zu überbieten ist, und darauf kommt es ja an.

24. Februar 1940                              Stettin
Franz T. ist H.v.D. Einsam und versonnen sitzt er im Heizraum vor den Kesseln. Die Kameraden sind wieder an Land gegangen. Ich will ihm ein Weilchen Gesellschaft leisten, klettere die steile Leiter hinunter und nehme neben ihm auf einer alten Kiste Platz. Schwarz türmen sich um uns die großen Haufen Kohlen, die aus den Bunkern nachgerollt sind. Schaufel und Poker stehen daneben. Vor uns glühen rot die Feuer unter den drei mächtigen Kesseln. Ihr heißer Atem weht herüber. Mechanisch hackt die Speisewasserpumpe, und nervös zittern die Zeiger der Manometer über uns. Franz hat sie alle im Auge. Er kann das; denn er schielt etwas und ist deshalb für diesen Posten der geeignete Mann. Wir klönen. Viel haben wir uns ja nicht zu sagen. Wir erleben doch beide dasselbe, und unsere Gedanken sind auch dieselben, aber vielleicht kann mir Franz manches aus seinem Bereich erzählen; denn hier unten im Heiz- und Maschinenraum bin ich Laie.
Wir quetschen uns durch das enge Schott hinüber in den Maschinenraum. Fettig glänzen die geputzten Flurplatten. Satter Öldunst steigt in die Nase, aber sonst herrschen auch hier die Ruhe und Gelassenheit des Werftbetriebes. Still stehen jetzt die vier großen, schwenkbaren Zylindertöpfe. Stumm und untätig langen aus ihnen die starken Kolbenstangen heraus und stützen sich schwer auf die mächtige Kurbelwelle, die sich als Schraubenwelle bis zum Heck fortsetzt und die schwere, vierflüglige Schraube trägt. Matt spiegelt sich im dunklen Öl der Bilch der blanke Stahl der Welle. Und stark ist sie, fast wie Mutti in der Hüftgegend. Daß sich dieser Koloß überhaupt zu drehen vermag! Als unser Boot im Dock lag, haben wir uns ein-mal mit fünf Mann an einen Flügel der Schraube gehängt, aber selbst dann rührte sie sich nicht von der Stelle. Welch ungeheure Kraft muß doch im Dampf stecken, der solche Mas-sen in Bewegung setzt und auf Touren hält. Durch ein krauses Gewirr von Dampfrohren und -leitungen wird er den oszillierenden Zylindern zugeführt. Eine Serie bunter Ventilräder davor regelt den Pulsschlag der Maschine.
Zur Linken strahlt das blanke Messinggehäuse des Maschinentelegrafen. Der Zeiger, sonst gewöhnt in hastigen Sprüngen auf der Skala mit den einzelnen Fahrtstufen hin- und herzueilen, verweilt jetzt beharrlich auf Stopp. Gleichfalls auf Null stehen der Umdrehungs- und Fahrtanzeiger. ,,Wenn wir AK fahren", belehrt mich Franz, ,,macht die Schraube 107 bis 108 Umdrehungen in der Minute und dann laufen wir gut unsere zehn Seemeilen."
Die sechs Sprachrohre und die Signalglocken dienen ebenfalls der Befehlsübermittlung. Einmal klingeln bedeutet zehn Umdrehungen mehr, zweimal zehn weniger. Dieses Handrad hier führt zur Umsteuerungsmaschine und ermöglicht den Vor- und Rückwärtsgang, und das kleine Ding da ist die Zirkuline. Sie arbeitet mit 2,5 Atmosphären. Hier brummt der Generator", erklärt Franz weiter und führt mich auf die Backbordseite. ,,Er versorgt uns mit elektrischem Strom, wenn wir die Feuer aus haben, und das wird voraussichtlich schon morgen der Fall sein, dann übernimmt der Diesel daneben diese Arbeit. Nun will uns die Werft noch einen zweiten Diesel mit Generator einbauen; denn wenn die Scheinwerfer eingeschaltet werden, dann schafft es unsere alte E-Maschine nicht mehr. Es greift eben eins ins andere." Wir wandern wieder in den Heizraum zurück. Franz kontrolliert Wasserstand und Dampfdruck und wirft ein paar Schaufeln Kohlen auf. ,,So", meint er, ,,nun habe ich wieder eine ganze Weile Ruhe. Draußen auf See müssen wir anders ran. Da wandern gewöhnlich 6 bis 7 Tonnen pro Tag über die Schaufel. ,,6 Tonnen? Das wären 120 Zentner? Damit langen wir zu Hause gut zwei Jahre, und unser Boot frißt diese Menge an einem einzigen Tage. Kostspielige Angelegenheit! Ich bin noch lange bei Franz sitzen geblieben. Wir haben ein paar technische Probleme gewälzt und über dies und das gesprochen. ,,Früher genügte es, ein tapferer Soldat zu sein", meinte Franz zum Schluß, ,,aber heute möchte man, um bestehen zu können, neben dem Mut noch eine gute Portion technisches Wissen und handwerkliches Können mitbringen. Heutzutage ist das Kriegführen eine technische Angelegenheit. Pfeil und Bogen tun´s nicht mehr!

25. Februar 1940   Stettin
Die vier jungen Heizer, die vor etwa drei Wochen zu uns kamen, haben sich recht gut bei uns eingelebt. Zwar haben wir sie hier und da noch etwas zurechtbiegen müssen, aber jetzt sind sie Kameraden, wie wir sie uns nicht besser wünschen können. Einer von denen ist der Hamburger Heinz B., die Ruhe und Gelassenheit selbst. Noch hat ihn keiner einen Schritt rennen sehen, unvorstellbar ist uns allen, wenn Heinz einmal ein Mädchen haben sollte. ,,Du wirst selbst in der Hochzeitsnacht nicht zurechtkommen",  hän-selte ihn heute Konrad Fischer, ,,und noch beim Bluseaufknöpfen sein, wenn die Sonne schon wieder hoch am Himmel steht."

26. Februar 1940    Stettin
Die Kälte halt unvermindert an. Wenn das Thermometer wirklich einmal nur -5° C anzeigt, glaubt man schon, es wird Frühling, und dann erweist es sich als Falschmeldung. Einige Kameraden sind krank. Die Grippe geht um. Gefährlicher in¬dessen erscheint mir noch das Werftirresein zu sein, das nach wie vor den größten Teil der Besatzung erfaßt hat. Gefährlich nenne ich das Werftirresein deshalb, weil es in seinen Anfangssymptomen schwer zu erken-nen ist und sich im Endstadium kaum noch überblicken lässt. Es wird hervorgeru¬fen durch das Gewühle des Werftbetriebes, das dauernde Pochen, Hämmern und Rumoren, durch die Passivität und den Anblick der abgetakelten und auseinandergenommenen Umgebung. All diese Umstände und das dauernde ,,in-der-Luft-hängen", färben ab und verursachen dann eine analoge geistige Einstellung und einen Gemütszustand, der ähnliche Auflockerungen aufweist. Planlos irrt man umher, immer ist man auf der Suche nach neuen Abwechslungen und unterhaltenden Abenteuern. Trotzdem findet man weder an Bord noch an Land Befriedigung und Ruhe. Man dreht neue Bolzen, haut über den Zapfen, geht gerade und krumme Wege, aber die latente Miß- stimmung bleibt, der Rapport auch. Und schließlich gleitet die Entwicklung mit dem Auftreten akuter Anfälle von Zerstörungswut langsam ins chronische Fahrwasser über. Unter diesen bedenklichen Vorzeichen machten sich heute auch Funkmaat Hans und sein Funkgefreiter zum Landgang fertig. Sie zogen wieder zur Stadt, auf daß sie sich zerstreuen ließen. In den niedrigen Räumen des ,,Mokkastübchens" berauschten sie sich zunächst auftaktgemäß am Neuen und tranken ein paar Gläser Grog. Dann wechselten sie hinüber in ein besseres Café mit Kabarett, Musik und Tanz. Jetzt ist am Eingang etwas los. Was? Ja, was? Der ganze Saal reckt schon die Hälse. Hans hat es zufällig beobachtet. Neue waren angekommen, auch einige Kameraden von der Marine. Einer von ihnen hat einen besseren Herrn vom Heer nicht ganz vorschriftsmäßig und exakt genug gegrüßt. Er muß noch einmal zurück und den Gruß ordentlich wiederholen. Tollpatschig so etwas hier im Lokal, in dieser öffentlichen Weise zu ahnden. Und selbst wenn unsere soldatischen Manieren draußen auf See etwas gelitten haben und nicht mehr ganz kasernenhofrein sind, so ließ sich dieser militärische Fehltritt auf andere Art und Weise aus der Welt schaffen. Peinlich ist das. Der ganze Saal ist aufmerksam geworden.
Die Neuen nehmen in unserer Nähe Platz. Der Gemaßregelte aber segelt quer über den Saal zur Kapelle. Eben verhandelt er mit dem Dirigenten. Ich möchte gern wissen, was er dort will. Die Musik setzt ein, zwei, drei Takte. Jetzt wissen wir Bescheid. Er revanchiert sich mit einem Schlager. ,,Bravo!" ruft es aus einer Ecke des Saales. Schon stimmen einige ein und bald singt alles im Rhythmus der Kapelle mit: ,,Das kann doch einen Seemann nicht er-schüttern, keine Angst, keine Angst Rosmarie!" - Ein Stuhl ist leer geworden.
Unterdessen komme ich mit einem Unteroffizier vom Heer, der mit an unserem Tisch sitzt, ins Gespräch. Wir erörtern die Kriegslage und politisieren. ,,Wir sind jetzt alle mit holländischen Landkarten ausgerüstet worden", erzählt er und orakelt etwas von einer möglichen Offensive in diesem Raum. Ich will es ihm nicht glauben. Es wird zu viel ge¬sprochen und noch mehr phantasiert, und das meiste reimt sich nicht. Auffällig ist jedoch, wie gut unterrich-tet meist die jungen Mädchen sind. Sie wissen genauer als wir, welche Schiffe hier im Hafen liegen, was aus- und einläuft und eventuell geplant ist. Eine Fahrlässigkeit ist in dieser Beziehung eingerissen, an der der feindliche B-Dienst seine helle Freude haben wird.

2. März 1940 Stettin
Hättest auch an Bord bleiben können, mußte ich gestern abend denken, als ich durch die Finsternis stapfend, heimkehrte. Es war ein herrliches Rund- funkprogramm. Laut und vernehmlich klang es von dem Rauboot an der Pier herüber. Eine Koloratur jagte die andere. Ich blieb stehen und lauschte. Schließlich trat Ruhe ein und dann ein Stimmengewirr. Radio ist das aber auch nicht, sagte ich mir. Das interessierte mich nun einigermaßen. Ich ging dicht an das an der Pier liegende Boot heran und riskierte einen Blick durch ein halbgeöffnetes Bullauge. Eben ging der Singsang wieder los, diesmal im Chor. Geschunkelt wurde auch, und mitten zwischen den Kameraden saßen fesche Blondinen, und der Käpt´n war auch dabei. Das war ein Remi-Demi!
,,Wie bringen sie nur jetzt noch die Mädels an Bord, wo es doch so streng verboten ist und die Werftpförtner ebenfalls Anweisung haben, genaue Torkontrolle durchzuführen?" fragte ich heute morgen beim Frühstück. ,,Ach", antwortet Otto Seidler, und er ist auf diesem Gebiet Spezialist, ,,das geht alles. Auf 1308 haben sie dieser Tage abends zwei Mädel einfach in Uniform gesteckt, die Haare fein säuberlich unter die Mütze geschoben und dann sind sie mit vier Mann eingehakt und ein Lied auf den Lippen durchs Werfttor marschiert. In der Nacht sind doch alle Katzen grau. Die Blondinen vom Rauboot aber haben sie heute nacht über die Mauer gehoben." ,,Über die 2 m hohe Einfriedigung?" ,,Natürlich, das war doch erst der Hauptspaß. Kannst du dir nicht vorstellen, wie die gestrampelt haben?"

3. März 1940 Stettin
Ein Telegramm für Funkmaat Hell. ,,Helge ist da. Mutter und Kind wohlauf. Deine Magdalena." - ,,Gott sei Dank!" sagt Hans. Er ist schon fort zur Kantine; denn das ist ein Ereignis, das begossen werden muß. Das war ein schwerer Sonntagnachmittag. Ein Kasten Bier nach dem anderen rollte ins Deck, und zuletzt mußten wir uns gar noch vom Nachbarboot zwei Kisten Exportbier, das sind zweimal fünfzig Flaschen, ausborgen. So gut geht es uns! Gesang, Zerrwanst und Backsgeschirr sorgten für die lärmende musikalische Umrahmung. Darüber ist es Nacht geworden. Müde und bettschwer ist einer nach dem andern in die Koje gerollt. Still und leer ist es jetzt im Deck. Nur Walter Grabs klemmt noch als einziger beharrlich hinter der Back, aber die Augen in seinem roten Kopf blicken auch schon glasig. Wehmütig und unbeweglich hän-gen sie an den vielen leeren Flaschen auf der Back, ein untrügliches Zeichen, daß er scharf nachdenkt. Sicher plant er wieder einmal die Vergrößerung seines Betriebes ins Überdimensionale. In solchen Stunden fällt ihm das Denken und Unternehmen am leichtesten.
Wie in einer Kneipe am Morgen steht die stickige Luft grau und schwer im Raum, gelangweilt gähnen sich die leeren Bierkisten an und in den leeren Flaschen wohnt das Grauen. Mit langer Rauchfahne verglimmt im überfüllten Aschebecher die letzte Zigarettenkippe. Langsam sinkt nun auch Walter vornüber auf die Back, der allerletzte. Hans habe ich schon vor einer Stunde zur Ruhe gebracht. Es war schwer, den neuen, stol-zen Vater dazu zu bewegen, aber als ihn ein magenbeschwerender Druck zu darmbetrügender Tätigkeit an die Reling zwang, hakte ich ihn unter und schleppte ihn nach achtern in seine Kapsel. Er war schwer mitgenommen, sprach krauses Zeug und hielt den Mond für den Swinemünder Leuchtturm. Ich ließ ihn bei seinem Glauben und war froh, als ich ihn endlich im Korb hatte. Schwer und stöhnend wälzte er sich hin und her. Ich habe noch die Schlingerleisten hochgeklappt, damit er nicht herausfällt. Sicher ist sicher. Kinderkriegen ist nun einmal eine schwierige Angelegenheit. Mutter und Kind sind zwar wohlauf, aber dem Vater, dem geht's sehr schlecht.

5. März 1940 Stettin
So vergeht nun die Zeit, langsam, unwirklich und mit minimalem Nutzeffekt. Da war es doch, weiß Gott, auf See besser. Da gab es Bewegung, Leben und Erleben. Dort waren wir eine verschworene Gemeinschaft. Hier dagegen sieht an bereits wieder das schichtenweise Übereinander und manchmal treten, mit Ausnahmen natürlich, die oberen Zehntausend schon recht eckig; in Erscheinung. So macht sich denn langsam eine im¬mer größere Leere in uns bemerkbar. Sie muß ausgefüllt werden; denn nichts ist gefährlicher als das Nichts.

6. März 1940 Stettin
Es geschehen noch Zeichen und Wunder. Es gibt Urlaub!

11. März 1940 Dresden
Heute nachmittag besuchten uns einmal die Großeltern. Wir kamen aber vorerst nicht recht zum gegenseitigen Erzählen; denn Günter (5) benützte diese personelle Ausweitung sofort für seine Zwecke, brachte jedem einen Stuhl herbei und nun mußten wir uns nach seiner Anordnung in Reih und Glied setzen. Dann suchte er die Stäbe herbei, mit denen wir abends die Verdunklungspappen in den Fensterrahmen befestigen und band an jeden ein Taschentuch, einen Schal oder ein Handtuch, was eben gerade zur Hand war. Nun sollten es Fahnen sein, und die mußten wir in die Hand nehmen und schwenken. Nach diesen Vorbereitungen bestieg er einen Stuhl und hielt eine Rede, wie er sie in ähnlicher Form wohl im Rundfunk gehört hat. ,,Soldaten an den Rheinen", hub er an, ,,Soldaten im Westwall und ihr Soldaten auf den Schiffen! Jetzt ist Krieg. Da kommen die Flieger und da wird geschossen, und die Vatis schießen auch alle. Krieg ist nicht schön. Da sind die Muttis so traurig, und Günter ist traurig und Jürgen ist auch ganz traurig." - Er sprach eine ganze Zeit. Wir haben ihm still zugehört und hatten wohl alle die gleichen Gedanken.

12. März 1940 Dresden
Wohin man auch kommt und mit wem man auch immer spricht, alles wartet auf die große Entscheidung, die doch nun endlich kommen muß. Die erste Frage lautet danach, der erste Blick in die Zeitung gilt diesem Verlangen und der Nachrichtendienst wird hauptsächlich aus diesem Grunde erwartet und abgehört. Irgendwie muß es ja nun weitergehen.
Ein Kollege, den ich gestern sprach, brachte die augenblickliche Stimmung in der Heimat wohl am klarsten zum Ausdruck, wenn er sprach: ,,Man kann doch nicht ewig mit erhobener Faust stehen bleiben. Man muß auch einmal zuschlagen, noch dazu, wo jeder Muskel bis zum Zerreißen gespannt ist. Wartenkönnen mag gut sein und eine Kunst, aber, auch das zehrt am Körper eines Volkes."
Soweit die Meinung der Heimat. Die Front selbst hat keine, wenigstens keine offizielle, dazu ist ihr Menschen-Material zu labil, zu variabel. Natürlich sehnen sich alle nach einem baldigen Ende des Krieges, die Soldaten in den Bunkern des Westwalles, das Heer in den weiten Gefilden Polens, und auch wir wollen nicht noch einmal in Eis und Schnee vor Trelleborg liegen, wenn daheim die Kerzen am Weihnachtsbaum brennen und voll und schwer die Glocken klingen. Solche Wochen des Wartens und Harrens deprimieren. Sie kommen einer verlorenen Schlacht gleich, und mit solchen Dingen muß man vorsichtig umgehen.

19. März 1940 Stettin
Nun sind die schönen Tage vorüber. Heute früh traf von den Urlaubern einer nach dem andern wieder in Stettin ein. Verpaßt haben wir scheinbar nichts; denn wir liegen immer noch in der Werft und bauen, bauen. Vielleicht paßt das Heck doch nicht so richtig ans Vorschiff, weil es gar so lange dauert. Die Kameraden gehen weiterhin fleißig an Land und von Tag zu Tag steigt ihre Anwartschaft auf das Stettiner Ehrenbürgerrecht.
Franz hat unterdessen Wilhelm in die Zange genommen und preßt ihn nach seinen Urlaubs-erlebnissen aus wie eine alte Zitrone. ,,Wie war´s denn nun zu Hause", fragt er. ,,Schön." ,,Hattest du gute Zugverbindung?" ,,Ja." ,,Wann warst du denn zu Hause?" Gegen 19 Uhr abends." ,,Hat sich deine Frau denn recht gefreut?". ,,Ja." ,,Was hast du denn dann gemacht?" ,,Ich habe in aller Ruhe einmal Abendbrot gegessen." ,,So, und dann?" ,,Dann haben wir er-zählt." ,,Na, und was hast du dann gemacht?" ,,Dann bin ich schlafen gegangen". ,,Allein?" ,,Nein, meine Frau auch." ,,Na, - und dann?" ,,Dann habe ich das Licht ausgemacht." ,,So, und dann?" ,,Dann, war's finster." ,,Schade", resigniert Franz, ,,ich dachte schon, ich hätte von dir noch etwas lernen können."

22. März 1940 Stettin
Friedfertige laufen immer Gefahr von weniger Friedfertigen angegriffen zu werden. Diese Erfahrung mußte nunmehr auch unser Kamerad Wilhelm machen. Nachdem er dieser Tage erst, allerdings vergeblich, nach seinen Urlaubserlebnissen interviewt worden war, hat man jetzt einen fingierten Brief in Umlauf gesetzt, in dem sich seine Frau beim Kommandanten über die sittliche Abwertung ihres Gatten beschwert.
Er beginnt gleich nach den üblichen Einleitungsfloskeln mit der brüsken Frage: ,,Was haben Sie aus meinem Mann gemacht? Bevor Sie sich seiner im September vorigen Jahres bemächtigten", fährt dann die resolute Briefschreiberin anklagend fort, ,,war er ein Muster von einem Ehegatten. Heute dagegen erlebt man an ihm nur noch Enttäuschungen und zivilisationswidrige Lebensäußerungen. So entfernte er gleich nach seiner Ankunft mein teures Meißner Kaffeegeschirr und setzte statt dessen große Kaffeetöpfe, die er Mucken nannte, auf die Back, und damit meinte er wieder unseren guten, ausziehbaren Speistisch. Seine Klamotten, ein anständiger Mensch sagt Jacke und Hose dazu, knüllte er fest in den Kleiderschrank und sagte: Ich habe sie im Spind seefest verkeilt! Alles hat jetzt eine andere Bezeichnung und keine gute. Sogar unsere beiden Ehebetten, der Stolz meiner Ausstattung, heißen nur noch Kojen oder Körbchen. Gleich nach der ersten Nacht hat er außerdem an seinem Bett, bzw. seiner Koje, die beiden gegenüberliegenden Beine etwas gekürzt, so daß es jetzt unangenehm kippelt. Mein Wilhelm aber sagt, es müsse schaukeln, sonst könne er nicht filzen, worunter er schlafen versteht. Auch das Rauschen des Meeres will er nicht entbehren. Infolgedessen muß die ganze Nacht die Wasserleitung laufen und das Meeresrauschen vortäuschen. Kein Wunder, daß die Wasserrechnung nun höher ausfällt als das Kostgeld. ,,Dramatischer gestaltet sich am Morgen noch das Aufstehen. Erst pfeift mein Wilhelm ein paarmal  durch die Zähne.  Dann brummt  er etwas wie Reise, Reise, erzählt von einem Bäcker aus Laboe, von Pier und nackten Frauen, von Sonne am Firmament, von Filzlaus rennt, lauter krauses und wirres Zeug. Dann springt er plötzlich aus seinen Bettkorb und steht stramm. Ich muß mich neben ihn stellen, und zuletzt werden noch unsere beiden Kinder und meine alte Mutter, die mit bei uns wohnt, nach der Decks- naht ausgerichtet. Nach der Vollzähligkeitsmusterung, so nennt er diese Schikane, wird der Dienstplan bekanntgegeben. Die Kinder dirigiert er in die Schule. Ich  bekomme den Herd als Station zugewiesen und unsere in Ehren ergraute Omi muß die Decks feudeln. Mein Wilhelm aber legt sich unter-dessen auf die Couch und sagt, er wäre kaputt und brauche eine längere Liegezeit. Sie dauert  gewöhnlich auch ein bis zwei Sunden nach Tisch. Dann sticht er mit mir in See. So bezeichnet er neuerdings unseren Nachmittagsspaziergang. Ich muß in seinem Kielwasser folgen. Im Zickzackkurs patrouilliert er durch die Straßen von Niederwalluch. Bald heißt es 2 Dez nach backbord, 4 Strich Steuerbord, hart Steuerbord, halbe Kraft, 6 Knoten. Es ist schreck- lich, mit ihm zu gehen. Man könnte heulen. Das darf ich aber auch wieder nicht; denn dann heißt es gleich, ich wäre eine Heultonne und die dürfe er nicht ansteuern. Dabei bin ich gar nicht so stark. Was mich etwas stämmiger erscheinen läßt, hat seine natürliche Ursache, und nicht ohne Grund spricht mein Wilhelm in sei¬nem schiffstechnischen Jargon von einem kleinen, auf Stapel gelegten Peter. So werden, wie mir mein Mann erklärte, doch die Schiffs-embryos  genannt. Mit Vorliebe steuert mein Mann bei diesen Patrouillenfahrten natürlich sein Stammlokal an. Hier geht er vor Anker und übernimmt Proviant. Einmal trafen wir dort auch unseren alten, verdienten Hausarzt. Pietätlos begrüßte er ihn mit den Worten: Na, wie geht's, alter Leichenheini. Hast du viel Betrieb in deinem Schlunz? Ich war sprachlos und frage mich oft, ist das nun dein Wilhelm oder ist er's nicht. Er spricht  so anders, er denkt ganz anders und er fühlt auch ganz anders. Am meisten aber macht mir die Sprache zu schaffen. Sie ist so sehr milieugebunden. Wenn ich z. B. auch weiß, daß ich die Stubentür schließen muß, wenn er ruft: Schott dicht!, so bleiben mir andere Redewendungen dagegen völlig verschlossen, und ich wäre Ihnen zu Dank verpflichtet, wenn Sie mir in dieser Richtung etwas unter die Arme greifen würden. So lagen z. B. eines morgens noch in unseren soge-nann¬ten Kojen. Da klingelt es einmal. Es war der Milchmann. Mein Wilhelm aber ruft sofort: Zehn mehr! Was muß man da tun? Und was bedeutet: Die Waschfrau zeigt von achtern klar! Was ist achtern? Was klar? Und was hat mein Mann mit einer Waschfrau zu tun? Sie sehen, Herr Kommandant, auch in einem Urlaub bleiben noch viele Fragen offen, und ich glau¬be, es ist nicht zu viel verlangt, wenn ich Sie deshalb, und hoffentlich nicht vergebens, um die nötige Auskunft bitte."
Dieser Brief, mit Schreibmaschine geschrieben, lag gestern abend in unserem Wohndeck auf der Back und wandert nun reihum von Mann zu Mann, er wird schmunzelnd gelesen, glossiert und weitergereicht. Es ist eine harmlose und aus dem augenblicklichen Leerlauf zu erklärende kameradschaftliche Foppe- rei. Anderseits zeigen diese Zeilen aber auch sehr deutlich, wie sich das neue Erleben, die jetzt völlig andere Umgebung während der paar Urlaubstage im alten, familiären Milieu auswirkt, und wenn das ganze auch humoristisch und versöhnlich abgefaßt ist, so sind die geschilderten Diskrepanzen trotzdem vorhanden und lassen eine bestimmte psycho-physische Analyse zu. Wer diesen mit ,,Ihrer geschätzten Antwort entgegensehende Isolde B." verbrochen hat, läßt sich mit Bestimmtheit nicht sagen. Da es aber an Bord nur zwei Schreibmaschinen gibt, die eine gehört dem Chef, die andere dem Flo-Ing, so geht man sicher nicht fehl, wenn man als Urheber dieses ,,Pamphlets" den jungen, schreibmaschinengewandten Maschinengefreiten Konrad F. annimmt, der beim Flo-Ing Schreiberdienste versieht.

24. März 1940  - 1. Osterfeiertag -                        Stettin
Ostermontag. Es schneit. Trotzdem hat uns der Osterhase gefunden. Er hat drei Eier gelegt und ein anständiges Mittagessen gekocht. Da es keinen Urlaub gibt, der Kommandant meint, es sei so schön, wen wir einmal alle beisammen wären, haben manche Kameraden ihre Frauen kommen lassen. Sie sind zum Mittagessen eingeladen, und nun ist wieder allerhand Leben an Bord. Ich bin M.v.D., verlebe den Tag an Bord und wundere mich, daß das überhaupt geht.

Albatros

Es ist unglaublich interessant das ganz ,,Normale Leben" der Leute in diesen Kriegszeiten geschildert zu bekommen. Was haben sie empfunden, gedacht, getan, gesagt......

Zitat von: Seekrieg am 27 August 2011, 17:58:10
20. Februar 1940 Stettin
Die Wehrmachtsstreife hat gewechselt. Weniger geistreiche und intelligente Leute versehen jetzt das schwere und verantwortungsvolle Amt.

Auch wenn es nur ein Tagebucheintrag ist, war sicher nicht ganz ungefährlich so eine Aussage  :MZ:  top

:MG:

Manfred


Elektroheizer

Erst dachte ich "blöder Kommentar":
Zitat von: RonnyM am 26 August 2011, 17:19:25
...das liest sich wirklich gut - bei 30° im Schatten
Jawie 30 Grad im Schatten, es ist Winter! Wo ist der Kerl, im Urlaub? Dann hab ich aus dem Fenster geschaut um die Schneelage zu peilen. Und hab mich gewundert, warum die Bäume so grün sind... Und dann hab ich gedacht "blöder Elektroheizer"    :MLL:

Also dieses Tagebuch nenne ich wirklich anschaulich geschrieben  top
,,Ihr seid alle Individuen" - "Ich nicht!"

Seekrieg

14. April 1940   Swinemünde
Der Kreis hat sich geschlossen. Wir sind an unseren Aus¬gangspunkt zurückgekehrt. Sonntag ist es auch wieder. Eine arbeits- und ereignisreiche Woche liegt hinter uns, die kommenden werden ihr nicht nachstehen. Die Dinge sind in Fluß geraten und werden bei der ihnen inne-wohnenden Schwerkraft vorerst auch nicht zum Stehen kommen. In weni¬gen Tagen ist die Front um einige hundert Seemeilen vorge¬tragen worden. Das hat zur Folge, daß auch die Kette der Vorpostenboote vorverlegt werden muß und die Häfen Swine¬münde und Stettin die längste Zeit unsere Stützpunkte ge¬wesen sind. Ein Hafen im Norden Dänemarks ist als neue Ausgangsbasis für unsere Flottille vorgesehen. Schon mor¬gen sollen wir uns auf die Chaus-see machen.

4.   Die Front wird vorverlegt

15. April 1940   Swinemünde - In See
Unsere Flottille zieht um. Es wird gepackt, geschnürt und genagelt, gekarrt, geschleppt und gestapelt. Auch die ge¬samte Verwaltung, die ihr sonniges Dasein bisher in Swinemünde ver-bracht hat, steigt mit allem Drum und Dran ein. ,,Wer die Welt gestalten will, muß darauf ver-zichten, sie zu genießen", sagt schon Lenau, er scheint auch ein Milita¬rist gewesen zu sein!
Eben wird die große eiserne Kassette mit dem Kriegsschatz gebracht. Der Postbüttel krebst auch schon an Deck herum. Dort wird eben der Schneider samt seiner Nähmaschine an Deck gehievt. Der Schuster folgt mit demselben Apparat und all seinem Werkzeugkästen, und zum Schluß, nicht zu vergessen, da besonders wichtig und kriegsentscheidend, kom-men Packen und Kisten mit Papier und Formu¬laren, Akten und Mappen.
1900 Uhr: Es ist alles vollzählig an Bord. Die Leinen werden losgeworfen, und ratternd schiebt sich unser Seeomnibus in die Kiellinie der auslaufenden Flottille. Im Minenfeld schla-gen wir noch ein paar Haken und dann geht es mit flotter Marschfahrt nach Norden davon.

16. April 1940   In See
Weiter geht die Fahrt. Die Gjedser Sperre wird passiert, ein langer Minenwall, der, eine Er-gänzung der Sundsperre, den feindlichen Schiffen den Übertritt von der westlichen nach der mittleren Ostsee verwehren soll. Dann schlängeln wir uns um Lolland herum, an Langeland vorbei und als die Sonne sinkt, stehen wir mitten im Großen Belt.
Die See ist leicht bewegt, das Wetter kalt und frisch. Der Sturm im Antennenwald ist im Ab-flauen, und es gibt wieder Augenblicke, wo man kurz aufschauen, einen Blick durchs Bullau-ge werfen oder mit einem Kameraden ein paar Werte wechseln kann.
Mit einigen habe ich mich schon an¬gefreundet, besonders mit einem jungen Seemann, der bis Kriegsausbruch die Afrikalinien befuhr, verbindet mich engerer Kontakt. Er ist ein ruhiger Mensch. Schön läßt es sich mit ihm unterhalten und vernünftig sind seine Anschauungen und Ansichten. Ich wundere mich, daß ich ihn nicht schon eher entdeckt habe. ,,Ja, weißt du", antwortet er mir, ,,ich bin erst kürzlich wieder zugestiegen, war einige Tage verreist", und dann berichtet er treu und brav, wie er sich aus alkoholischen Gründen drei Tage Bau zuge-zogen hätte, und dann wären noch einmal drei Tage hinzugekommen, weil er, als der Ar-restdirekter seine Zel¬le zur Inspektion betrat, ,,Seite!" gerufen hatte. ,,Weißt du", erklärt er entschuldigend, ,,man hat manchmal solche unvorhergesehene Anwandlungen."
Neben ihm und manchen anderen ruhigen und feinen Kamera¬den haben aber die übrigen, die sich nur bei lautem Wortschwall und nur unter soundsoviel Phon wohlfühlen, das Über-gewicht. Sie reißen das Maul so weit auf, daß man noch das letzte Mittagessen sehen kann, oder sie treten einem in ihrem ungestümen Geltungsdrang dauernd auf die Zehen und sind dann noch entrüstet, wenn man sie beisei¬te schiebt.
Die Welt ist eben groß und die Natur mannig¬fach in ihren Spielarten, und nicht immer sind dem lieben Gott seine Schöpfungen hundertprozentig geglückt.

17. April 1940                             In See - Frederikshavn
Langsam kommen wir dem Kriegsschauplatz näher. Flieger¬- und U-Bootsalarme treten im-mer häufiger auf. Der Feind hat seine Gegenmaßnahmen getroffen und sucht mit allen Mit-teln unsere Seewege im Skagerrak, Kattegat und der westlichen Ostsee zu unterbinden. An Bord werden Ausguck und Wachen verdoppelt.
Der Tag verläuft ohne besondere Ereignisse. Nur unser Kalender im Funkraum fiel klat¬schend von der Wand, und wir waren im Augenblick im Zwei¬fel, ob man das nicht für ein böses Omen halten sollte. Benötigten wir ihn etwa nicht mehr? Sollte der 17. April unser letz-ter Tag sein? - Vorsichtshalber hängten wir unseren Kalender aber doch wieder auf und ka-men auch wohlbehalten in Frederikshavn, unserem neuen Stützpunkt, an. Um 2230 Uhr la-gen wir fest.

18. April 1940                             Frederikshavn - In See
Frederikshavn, die Eingeborenen sagen Fredrikshaun, ist ein Provinzstädtchen von etwa
10 000 Einwohnern. Fast unmerklich hebt es sich aus der See heraus und umschließt huf-eisenförmig den ausgedehnten und geräumigen Hafen. Blick und Anlage sind nach Osten gerichtet und bieten, vor Nord- und Weststürmen geschützt, den einlaufenden Schiffen eine ruhige und sichere Zuflucht. Schon in frü¬heren Zeiten muß man die Bedeutung und Wichtig-keit dieses Ortes erkannt haben, wie die altertümlichen Befestigungs¬anlagen und dickwan-digen Wehrtürme verraten, von denen man hier und da noch verbliebene Reste, versteckt zwischen Lagerschuppen, Gebäuden und Werftanlagen entdeckt. Sie werden überragt von den Türmen der Stadt und beschattet von den zahlreichen Kränen und Schornsteinen der Werften, die der Stadt ihren Charakter verleihen. Es ist ein sau¬beres, fleißiges und betrieb-sames Städtchen.
Dies ist der erste flüchtige Eindruck, der sich auf dem kurzen Sondierungsgang durchs Städtchen gewinnen ließ. ,,Hier laßt uns bleiben und unsere Zelte aufschlagen", sagte mein neuer Kamerad, nachdem er festgestellt hatte, daß nicht nur Kaffee und Kuchen von beson-derer Güte sind, sondern daß auch das Bier durchaus genießbar ist, und da¬mit traf er zwei-fellos das richtige. Vorläufig ließen sich diese Pläne allerdings noch nicht verwirklichen. Es wurde seeklar befohlen, um 2300  Uhr liefen wir aus und bald nahmen uns Nacht und See wieder auf.

5.   Auf Vorposten

19. April 1940                                 In See
Man merkt doch deutlich, daß wir jetzt immerhin 250 sm nördlicher stehen. Eisig weht wieder der Wind. Böen schütteln uns und zeitweilig jagen dichte Schneegestöber über die unruhige See. Die Sicht ist miserabel. Erst ge¬gen Mittag klart es etwas auf. Jetzt kann man auch wie¬der sehen, wo wir uns befinden. Mit dem Artillerie-Schulboot ,,Delphin" (525 Tonnen, 16 Kno-ten) grasen wir die Gegend ab und sehen nach, wo es etwas für uns zu tun gibt.
Wir brauchen auch nicht lange zu warten. Bald machen wir voraus ein Schiff aus. Es liegt still und hängt auf¬fällig tief und schief im Wasser. Vorsichtig pirschen wir uns heran, um fest-zu-stellen, was eigentlich anliegt. Bald sind wir im Bilde. Es ist das 5 847 BRT große, 1921 in Dienst gestellte Turbinenschiff ,,Hamm" der Hapag mit einer Ladefähigkeit von 8 520 Tonnen, das gestern hier einer Mine oder einem Torpedotreffer zum Opfer fiel. Ein Werftschlepper ist bereits längseits gegangen. Wir ma¬chen ebenfalls an dem Schiff fest, während ,,Delphin" uns ständig umkreist, um zu verhindern, daß ein möglicherwei¬se in der Nähe befindliches U-Boot dem Schiff noch den Fangschuß verabreicht und uns gleichfalls mit zum Teufel schickt.  
Um die Lage noch gründlicher peilen zu können, klet¬tern wir auf das getroffene Schiff hin-über. Es ist von seiner Besatzung verlassen. In den Decks und Maschinenräumen gurgelt dumpf das eingedrungene Wasser, ein un¬heimlicher Anblick. Nur die Brücke und die Räume in den Aufbauten kann man noch betreten. Sie müssen fluchtartig verlassen worden sein. Schränke und Kästen stehen offen, als habe man im letzten Augenblick schnell noch das Notwendigste zusammengerafft und mitgenommen.
Über das Ach¬terdeck spülen bereits die Wellen, gierig und frivol. Noch aber hält sich das Schiff zäh und verbissen. Dieser Umstand veranlaßt den Kommandanten, einen Abschlepp-versuch zu wagen. Gelingt es uns nicht, das Schiff bis in den Hafen zu bringen, dann kann man es immer noch in flachem Wasser auf Grund setzen. So spannen wir uns denn davor, treten auf den Gashebel und zuckeln los. Mit 3 sm Fahrt geht es auf die Küste zu. Darüber wird es Nacht. Der volle Mond geht auf. Sein heller Schein gibt uns das Geleit. Sichernd zieht ,,Delphin" in großen Schleifen seine Kreise um uns. Ob wir es schaffen?

20. April 1940                             In See - Frederikshavn
Kalt, feucht und diesig steigt der neue Tag herauf. Auf¬frischende Winde leisten ihm Gesell-schaft. Die See wird unruhig, und bald geht unsere Fahrt auf und ab. Immer unwilliger zerrt das zerschossene Turbinenschiff ,,Hamm" an den starken Tauen. Mit allen Kräften hält es die trotzige See zurück. Sie will ihr Opfer haben. Kurz vor Mittag ist es so weit. Wir müssen die Seile kappen und das Schiff seinem Schicksal überlassen, wenn wir uns nicht selbst gefähr-den wollen. Nur vier bis fünf Stun¬den hätten wir noch gebraucht. Die nahe Küste ist schon in Sicht. Es hat nicht sollen sein.
Zäh wehrt sich das Schiff, sinkt aber unaufhaltsam tiefer, und dann ver¬schlingt es die See, ein kurzer Strudel. Es ist vorbei. Auf 24 m Tiefe hat es seine Ruhe gefunden. -
Wir steuern Frederikshavn an. Da die Gewässer minen¬verseucht sind, bringt ,,Delphin" sein Bugschutzgerät aus. Da unserem Boot diese Einrichtung noch fehlt, folgen wir dicht aufge-schlossen im Kielwasser. Gegen 18 Uhr sind wir von unserem ersten Ausflug in das Skager-rak zurück und machen in Frederikshavn fest.

6.   In Frederikshavn in der Werft

21. April 1940   Frederikshavn
So ein Motorschlitten hat doch seine Mucken und ist gern krank, besonders dann, wenn er am dringendsten gebraucht wird. Gutes Zureden hilft auch nichts und so fahren wir denn in die Werft. Die Zylinder müssen ausgeschliffen, die Kolben überprüft werden, und das ist ein schweres Stück Arbeit und wird einige Tage dauern; denn sie sind etwas größer als der an meinem 200 cm³-Motorrad.
Unterdessen geht der Krieg weiter. Immer neue Truppen rollen an, werden hier verladen und treten die Überfahrt nach Norwegen an. Frederikshavn scheint einer der Hauptumschif-fungsplätze dafür zu sein. In den späten Abendstunden laufen die Transporter gewöhnlich aus. Heute ist das Mo¬torschiff ,,Ahrensburg" an der Reihe. (Bananenschiff, 1939 in Dienst gestellt, 96 m lang, 13 m breit, 2 988 BRT, 16 kn). Besorgt schauen wir ihm nach. Kalt und mondhell ist die Macht, und im Skagerrak wimmelt es von englischen U-Booten. Gute Fahrt!

22. April 1940   Frederikshavn
Der Werftbetrieb geht wieder los. Arbeiter kommen an Bord und Leute mit dicken Zeich-nungsrollen unter dem Arm. Zwar gestaltet sich die sprachliche Verständigung noch schwie¬riger als bei uns zu Hause, aber bei etwas gutem Willen ist ein allmähliches Klarkommen doch möglich. So sehr uns dieser Werftbetrieb auch zuwider ist, so bietet er doch den Vor-teil, daß wir jeden Abend an Land gehen können, und davon machen wir auch reichlich Ge-brauch.
In einer fremden Stadt läßt man sich gern treiben, wohin soll man auch gehen. Zunächst hat man doch noch kein Ziel. So vertraut man sich am besten dem Strom der Straße an. Er führt immer ,,Unter die Linden", auf die ,,Reeper¬bahn", den ,,Holm" oder wie immer die euro-
päische Bezeich¬nung für den Begriff stärkster geselliger Konzentration auch lauten mag. Hier in Frederikshavn ist die ,,Danmarkgadet" die Hauptschlagader des Verkehrs. Sie läuft paral¬lel zur Küste durchs ganze Städtchen, wird beiderseitig flankiert von abgehenden Quer-straßen, die entweder zum nahen Strand führen, oder auf der anderen Seite bald zwi¬schen Wiesen und Feldern versickern.
Die ganze Siedlungsform verrät die zweckmäßige Form einer Fischgräte, die nach allen Sei-ten eine gleichmäßi¬ge Belastung und gerechte Wahrnehmung aller Interessen ermöglicht. Sie deutet zugleich die Entstehungsgeschichte des Städtchens an, daß von ackerbautrei-benden Fischern und seefahrenden Bauern gegründet und gestaltet wurde, jedenfalls von Leuten, die mit einem Bein im Feld und mit dem anderen im Wasser standen. Später trat zu diesen bei¬den, wirtschaftlichen Primäreffekten noch der Handel zur See, ein gesteigertes Geschäftsleben und, gebunden an die Werften, eine nicht unbedeutende Industrie. All diese Faktoren führten das Städtchen schließlich zur Blüte und zu einem harmonischen Wachs-tum.
Bevölkert wird Frederikshavn in der Hauptsache von zwei Sippen, den Petersen und den Nielsen. Das sonst noch im Städtchen lebt, sind unbedeutende Minderheiten ohne jeden lokalen Einfluß. Ruhig und gelassen verläuft das Leben. Friedlich und abwartend ist die Ten-denz. Wir füh¬len uns wohl in unserem neuen Stützpunkt, und die kommen¬den Tage und Wo-chen werden zeigen, inwieweit der erste Eindruck berechtigt war.
Im Straßenbild ist begreiflicherweise jetzt das Feldgrau des Heeres und das Blau der Ma-rine vorherrschend. Truppen, die zum Schutz von Stadt und Hafen hier statio¬niert sind, und auf dem Durchmarsch befindliche Verbände, bestimmen das Gepräge.
Frederikshavn ist stark gesichert. Da ist keine Schutt¬halde zu klein, keine hölzerne Kiosk-Bude so schwach gebaut, daß nicht ein 2 cm-Fla-Mg darauf Platz findet. Keine Mulde im Gelände, kein Straßengraben ist zu flach, um nicht ein Geschütz aufzunehmen oder einen Scheinwerferstand unterzu¬bringen. Es gibt keinen Stein und kein Grasbüschel am Strand, hinter dem nicht ein MG versteckt lauert. In weni¬gen Tagen ist ganz Dänemark in einen äu-ßerst stachligen Igel verwandelt worden.
Deshalb hielt sich auch der englische Flieger, der in den späten Nachmittagsstunden Frede-rikshavn anflog, gar so hoch. Anstandshalber schoß unsere Flak. Im Nu verschwand er vorn Himmel und die Zivilbevölkerung von der Straße. Wahrscheinlich aber wollte er nur einmal sehen, was bei uns anliegt und welcher Transporter heute abend ausläuft. Wenn er niedriger geflogen wäre, hätte er sehen können, daß heute das Schwesterschiff ,,Togo" Dienst hat. Eben schiebt es sich still und leise aus dem Hafen. Aufdringlich leuch¬tet wieder der Mond dazu. Dann wird es still im Hafen und an Bord auch. Die Kameraden schlafen schon. Wir haben die Ruhe nötig und viel Schlaf nachzuholen. Am besten wäre es, man könnte auf Vor-rat schlafen, aber so weit ist die Technik noch nicht.

23. April 1940   Frederikshavn
Unser Boot kommt ins Dock. Ich weiß nicht, welch schwieri¬ge Bauchoperation wieder vor-genommen werden soll. Jeden¬falls klopft und schweißt es schon wieder an allen Ecken, nur mit dem Unterschied, daß es diesmal dänische Arbeiter und dänische Maschinen sind, die diese Reparaturen ausführen. Und nicht nur an unserem Boot wird gearbeitet. Es liegen hier noch mehr deutsche Schiffe zur Überholung, und wie es in Frederikshavn aussieht, so wird es in allen dänischen Werften sein. Das bedeutet eine starke Entla¬stung der heimischen Werften und ein Defizit für die englischen; denn bislang arbeiteten die dänischen Werften fast ausschließlich für England. Dies beweisen auch die vielen für englische Rechnung in Auftrag gegebenen Schif¬fe, die nun von deutschen Ingenieuren fertig gebaut und in Dienst gestellt werden.
Ähnlich verhält es sich mit den landwirtschaftlichen Produkten des Landes, die zu einem hohen Prozentsatz nach England exportiert wurden, nunmehr aber in Deutschland ihren Ab-nehmer finden. In Kriegszeiten verkehren sich Potentiale oft ins Gegenteil, und im Augen-blick liegen die Verhältnisse so, daß Dänemark als Industrie- und Agrarland für England ausfällt. Das aber sind nicht unbedeutende Auswirkungen, die wenigstens am Rande einmal mit erwähnt werden müssen.


24. April 1940   Frederikshavn
Unentwegt rollt der Nachschub. Unaufhörlich treffen neue Transporte ein. Kolonnen mar-schieren durch die Straßen nach dem Hafen, werden verladen, und beinahe fahrplanmäßig starten die Transportschiffe, ehemalige Frachtdampfer der,,Deutschen Afrika-Frucht-Co.", zur Überfahrt nach Norwegen. Oft beobachten wir von Bord aus mit dem Glas das Verladen. Manchmal gehen wir auch zum Verladekai hinüber und schauen zu.
Welche Gedanken mögen die feldgrauen Kameraden bewegen, wenn sie das feste Land verlassen und in dem dunklen La¬deraum verschwinden oder sich, bepackt mit Gewehr, Stahlhelm, Gasmaske und dem schweren Tornister, mühsam das steile Fallreep herauf-zwängen. Sie fürchten sich vor keiner Gefahr, so hört man sie oft reden, aber von einer Seefahrt, da sind sie nie begeistert. Dann wollen sie schon lieber mit dem Flugzeug fliegen. Das ist ihnen wenigstens bekannt und vertraut. Hier an Bord dagegen ist ihnen alles gar so fremd und neu, so ungewohnt und unheimlich.
Wie wenige mögen es sein, die das Meer überhaupt schon einmal gesehen haben, und nun sollen sie sich ihm gleich auf Gnade und Ungnade anvertrauen. ,,Wir fahren ja auch", hielt ich dieser Tage einigen Feldgrauen entgegen, mit denen ich mich darüber unterhielt. ,,Ja", mein-ten sie, ,,ihr seid´s gewöhnt." Gewöhnt nicht, aber gewohnt worden.
Neulich standen einmal ein paar Landser rätselnd vor unserem Boot. ,,Was könnte das sein?" beratschlagten sie, ,,ein Zerstörer oder gar ein Schlachtschiff?" Schließlich wandten sie sich an mich. Ich hatte ihnen, an der Reling leh¬nend, schon eine ganze Weile amüsiert zugehört. ,,Das ist ein Vorpostenboot", antwortete ich ihnen, aber das woll¬ten sie nicht glau-ben. Unter Vorpostenboot stellten sie sich, dem binnländischen Sprachgebrauch des Wortes Boot folgend, etwas Kleineres vor, etwa einen größeren Holzkahn mit Paddel. ,,Das wäre dann ein Boot", meinten sie, ließen sich dann aber doch überzeugen, daß man mit solchen Miniaturkähnen nicht gut zur See fahren kann.
Das Verladen geht noch immer weiter, Infanterie, Ar¬tillerie, etwas Motorisiertes, Kavallerie und Pioniere werden eingeschifft, von jedem etwas. Man packt nicht mehr ganze, geschlossene Einheiten auf einen Transporter, damit bei einem etwaigen Verlust eines Schiffes, mit dem ja auch bei stärkster Sicherung gerechnet werden muß, nicht eine Waffengattung völlig ausfällt und der Verband dann, schließlich ohne ein einziges Geschütz oder einen Panzer dasteht.
Auf der Verladerampe halten Wagen, Autos, Motorräder und einige Panzer. Alles muß mit. Die Verladekräne knar¬ren. Ein ganzes Bündel Kisten hieven sie auf einmal hoch. Ein anderer Kran nimmt Pferde an Bord. Schön in Kisten verpackt, schweben sie in der Luft. Dort bau-melt eine Gu¬laschkanone am starken Drahtseil. Ruhig raucht dabei die Esse. Die Boh-nen müssen ja noch weich werden. Was so ein Schiff alles in seinem Leib verstaut, und wie schnell ist unter Umständen alles verloren.
Meinen Kameraden von der Afrikalinie, der neben mir steht und mich auf meinem abend-lichen Spaziergang beglei¬tet hat, scheinen ähnliche Gedankengänge zu bewegen; denn nachdem wieder einmal allerhand Kriegerisches in der gro¬ßen Ladeluke verschwunden war, meinte er: ,,Manchmal mutet einen all das Tun wie Wahnsinn an." Als ich aber die Un¬terhal-tung mit ihm fortsetzen will, geht er nicht weiter aus sich heraus. So bleibt denn der kurze Satz isoliert im Raume stehen und bietet den Gedanken einen willkommenen Fluchtpunkt.
,,Manchmal mutet einen all das Tun wie Wahnsinn an." Manchmal? Das Wort stört mich. Gleiche Dinge müssen doch immer die gleiche Erkenntnis und die gleiche Schlußfolge¬rung  auslösen. Warum also das einschränkende ,,manchmal". Das bedeutet doch, daß diese krie-gerischen Vorkehrungen mitunter auch als nicht wahnsinnig, also als vernünftig, bezeichnet werden können.
Und dem ist wirklich so; denn es gibt zwei Möglichkei¬ten zu denken. Einmal kann ich meine Überlegungen als Einzelmensch, als isoliertes Individuum vornehmen und zum anderen aber auch als Teil einer kompakten Staatsmasse. Als Einzelmensch fühle und handele ich aber nach ethi¬schen Prinzipien. Der Staat dagegen setzt sich bewußt dem Einzelnen, wie auch der Gesamtheit gegenüber, über all diese sittlichen Grundsätze hinweg. Er denkt und han-delt nach dem Gewaltkodex vorsintflutlicher Steinzeitmenschen, und hält sich außerdem noch Leute, die dieses Tun philoso¬phisch begründen und gesetzlich untermauern.
Wenn es also diese zwei Wege gibt, dann kann man auch bei¬de beschreiten, den einen als Individualist und den ande¬ren als Verfechter des brutalen Staatsgedankens. Man kann die Standpunkte auch wechseln oder miteinander verquicken, ganz wie es einem beliebt, da ja beide Komplexe in Perso¬nalunion in uns vereinigt sind. Schon Goethe sprach bedau¬ernd von diesen zwei Seelen in unserer Brust. Je nachdem, ob wir also die humanistische Seite in uns zum Tragen bringen oder nach Machiavelli die tierischen Restinstinkte spielen lassen, wird die Überlegungsresultante jeweils eine andere. Daß dabei die private ethische Argumentati-on wertvoller ist und höher im Kurse steht als die staatspolitische, ist erwiesen und bekannt. Sie deshalb aber zum kategorischen Imperativ zu erheben, ist gewagt. Dies käme einer Kampfan¬sage an jede Staatsform gleich und wäre völlig zwecklos, solange die Welt sowohl von der reinen als auch von der praktischen Vernunft dirigiert wird.
Nun sind mir wieder meine Gedanken durchgegangen. Ich mußte ihnen nachrennen und sie wieder zurückholen. Man weiß nie, was sie für Unheil anrichten, wenn man sie sich selbst überlässt.
Unterdessen ist auch das letzte Kriegs¬material verstaut. Jetzt kommt Bewegung in die dazu-gehö¬rigen Einheiten. Die Soldaten nehmen ihr Gepäck auf. Die lange Reihe der Ge-wehrpyramiden auf dem Verladekai ver¬schwindet und ein Zug nach dem andern tritt den Marsch ins Dunkel des Schiffsrumpfes an. Bis zur Dämmerstunde muß die Einschiffung be-endet sein; denn über Nacht soll der Sprung über das Skagerrak gewagt werden.
Heute ist es wieder ein ehemaliges Bananenschiff der ,,Deutschen Afrika-Frucht-Co", das sich zur Überfahrt bereit macht. Der ,,Pionier", 1933 gebaut, 107 m lang, 13 m breit,
3 285 BRT, läuft seine 15 sm und fährt am liebsten allein. Wie oft hat er das Skagerrak schon überquert. Mancher Torpedo hat schon seine Bahn gekreuzt, aber mit geschickten Haken und Sprüngen gelang es ihm bisher, diesen gefährlichen Begegnungen auszuwei-chen. Das beweist natürlich keineswegs den KdF-Charakter sol¬cher Seefahrten!   

25. April 1940                                   Frederikshavn
Jetzt hat sich auch die Feldpost bis zu uns durchgefragt. Postalisch fette Tage folgen den mageren. Es regnet Brie¬fe, große und kleine, dicke und dünne, zartsüße und sol¬che nüch-ternen Charakters. Die Heimat ist uns wieder auf den Fersen, und oft sind unsere Gedanken wieder zu Hause. Oft weilen sie aber auch bei den Kameraden draußen auf See; denn im Zuge der Ausweitung der Fronten, nehmen die kriegerischen Auseinadersetzungen auch auf See immer härtere Formen an. Dies ergibt sich aus der neuen strate¬gischen Lage, die nicht nur Vorteile, sondern auch beacht¬liche Nachtelle im Gefolge hat. Einer der schwerwiegend¬sten ist bei diesen langen Anmarsch- und Versorgungswegen die offene Flanke. In offene Flanken stößt man aber von jeher gern. So wimmelt es denn im Skagerrak und Kattegat von feindlichen U-Booten, und oft dringen auch leichtere Überwasserseestreitkräfte bis in dieses Seegebiet vor.
Dieser Tage gelang es einer Minensuch-Flottille drei englische Unterseeboote einzukreisen und mit 60 Wasser¬bomben zu bekämpfen. Zugute kam ihr dabei, daß der Eng¬länder unsere Bewaffnung nicht näher kennt; denn sonst hätten sich die drei U-Boote bei ihrer wesentlich stär¬keren Armierung wohl leicht die M-Boote von Halse halten können oder mindestens in einer Entfernung, die ihnen nicht mehr gefährlich werden konnte.
Auch zwei französische Zerstörer, die sich zu einem Ausflug ins Skagerrak aufgemacht hat-ten, wurden von unseren Kleinfahrzeugen vertrieben. Das mag unglaublich klingen, aber in einem Gebiet, in dem der Feind operiert, lassen schon einzelne kleine Boote auf die An-wesenheit weiterer Streitkräfte schließen, und ist die Kimm auch weit, für Operationen zur See ist sie immer noch nah genug, um nicht unliebsame Überraschungen in der Hinterhand zu haben.
Und daß das Skagerrak auf alle Fälle gehalten werden muß, liegt auf der Hand; denn die Front in Norwegen steht und fällt mit der Sicherheit der maritimen Zufahrtswege. So sieht sich die deutsche Seekriegsführung im entschei¬denden Einsatz und durch die Entwicklung des Krieges vor größte Ausweitungen gestellt. Sie sind um so schwieriger zu meistern, als die Flotte bei ihrer größeren Anlaufzeit im Bau rüstungsmäßig noch nicht auf den Höchst-stand ge¬bracht werden konnte, den Heer und Luftwaffe bereits einnehmen. Armeen lassen sich aus dem Boden stampfen, Schlachtschiffe nicht. Es bleibt abzuwarten, ob England die-se Chance erkennt und mit einem energischen Vorstoß ins Skagerrak und Kattegat die in Norwegen stationierten deutschen Streitkräfte von ihrer strategischen Basis ab¬schneidet, oder ob es seine Flotteneinheiten wieder wie im ersten Veitkrieg abwartend auf Eis legt.

26. April 1940   Frederikshavn
Schwerfällig und den kleinen Kindern gleich, die eben an¬fangen sprechen zu lernen, ver-suchen wir mit stolpernder Zunge die Formulierung fremder Laute und Worte; denn die Zei-chen-, Gesten- und Gebärdensprache ist nun einmal kein dauernder Notbehelf. Damit kommt man allenfalls beim Fri¬seur klar, wo die lange Mähne und das stopplige Kinn schon für sich selber sprechen und die Zusammenhänge bei etwas Intelligenz zu erraten sind. Auch im Café ist die Ver¬ständigung noch relativ einfach. Man angelt sich am Büfett das Nöti-ge zusammen, legt einen Zehnkronenschein daneben, und schon stimmt die Richtung.
Schwierig ist dagegen schon die Konversation in einem Konfektionsgeschäft. Gestern wollte ich für die liebe Gattin ein Paar schöne, weichseidene Strümpfe erstehen, um die steten Lie-besbeteuerungen auch einmal etwas materiell zu untermauern. Optimistisch betrat ich den Laden und verlangte Strümpfe. Achselzucken war die Antwort. Also deutete ich auf meine Beine. ,,Benklaeder", sprach das Mädchen und legte ein Paar Hosen auf den Ladentisch. Nun blieb mir nichts anderes übrig, als meine Haxe zu heben und ein Stück Stumpf heraus zunesteln. ,,Stroemper?" ,,Ja, Stroemper!" Gott sei Dank!
Nun muß ich ihr noch klarmachen, was für welche; denn den Stoß Herrensocken, der jetzt anrollte, den wollte ich ja auch nicht. Wie sage ich es ihr nur? Ich kann doch nicht gut auf ihre Beine zeigen oder an ihre Waden fassen. Vielleicht sagt sie dann: ,,Bitte erst nach La¬denschluß!" Also fahre ich einen neuen Anlauf. ,,Stroemper für die Frau." Nichts. ,,Mädchen. Gattin. Für die Alte!" Endlich fällt der Groschen. ,,Damenstroemper?" ,,Ja, Damenstroemper." Langsam treten die Schweißperlen wieder von der Stirn zurück.
Einige dänische Sprachkenntnisse erweisen sich doch als unbedingt nötig. Etwas können wir auch schon, und merkwürdig, es sind dieselben Worte, die auch das kleine Kind zuerst er-faßt. Es spricht von einer Flasche Milch und wir von einer ,,Flaske Oil". Das ist Bier. Dann will das Kind noch etwas anderes. Dazu sagt man hier ,,Toilet". Es sind die beiden Grund-begriffe, die man für einen an¬ständigen und gesitteten Lebenswandel nun einmal benötigt.
Auch das ,,Vesko" und ,,Magne tak" geht uns schon recht geläufig über die Lippen. Schließ-lich sind wir höfliche Menschen. Und was die jüngeren Kameraden betrifft, so wissen sie sogar schon, wie Mädchen und Fräulein auf dä¬nisch heißt. Für sie ist auch das lebenswich-tig, und da¬bei wird es allein nicht bleiben.

27. April 1940   Frederikshavn
Unsere Werftarbeiten sind beendet, vorläufig wenigstens. Etwas muß man ja auch noch für die nächste Liegezeit üb¬rig lassen. Morgen laufen wir wieder aus. Die Kameraden brauchen uns. Das ist ein zusätzlicher Grund zu einem kleinen Abschieds- und Dämmerschoppen. Also verbringen wir den Abend hinter einer Flaske Oil und vor einem Wie¬ner Schnitzel. Das Wiener Schnitzel ist international und gibt es infolgedessen auch hier, aber in bezug auf das Oil machen wir eine einschneidende und betrübliche Erfahrung. Die Gaststätten führen hier nämlich zwei Sor¬ten von Bier, ein kräftiges, das tagsüber verabreicht wird, und ein alkohol-armes, die zweite Sorte, die ab 18 Uhr ausgeschenkt wird. Am Abend liebt man keine alko¬holischen Exzesse. Nach Feierabend will man seinen gutbürgerlichen Frieden haben.
Das ist auch gut für uns; denn wohin sollte es führen, wenn wir uns jetzt einen antrinken woll-ten, wir würden dann alles doppelt sehen. Es wäre kein Klarkommen mehr. Haben wir doch so schon alles doppelt, doppelte Währung, doppelte Zeit und doppelte Sprache. Wir rechnen mit Kronen und bezahlen mit Mark, sehen die dänische Turmuhr und richten uns nach der deutschen Sommerzeit, essen ein Paar warme Würstchen und sagen dazu ,,Polster". Es ist schon gut, wenn von Staatswegen etwas auf Ruhe und Ordnung gehalten wird. Man lebt dann ruhiger und vermut¬lich auch länger.

7.   Im Kattegat

28. April 1940                               Frederikshavn - In See
1230 Uhr seeklar. Mit Vp.Boot 1301 und 1303 laufen wir aus, Kurs Nordwest. Klar ist der Himmel, ruhig die See und schön die Fahrt. Auf Backbordseite begleitet uns noch einige Zeit der schmale Streifen der Küste. Skagen mit seinem Leuchtturm kommt in Sicht und ver-schwindet wieder. Dann ist ringsum See, das Kattegat.
,,Bei freier Jagd Vorpostenstreifen auf den Hauptverkehrslinien des Kattegat", lautet die Auf-gabe. Die Wachen sind vollzäh¬lig besetzt. Scharf wird nach allen Seiten Ausschau ge¬halten. Es kann losgehen.
Sonntag ist auch wieder und in 14 Tagen ist bereits Pfingsten. Wie die Zeit vergeht! Zu Hau-se werden die Glocken läuten, die Bäume blühen. Die Leute werden schö¬ne Kleider anzie-hen und spazieren gehen, vielleicht auch tanzen. Hier hebt kein Fisch deswegen die Flosse höher. Für sie ist alle Tage Feiertag oder Werktag, ganz wie es gebraucht wird. Hier gehen die Tage ineinander über wie die Wogen und Wellen. Im Kriege müßte man eigentlich die Sonntage abschaffen. Sie haben keine Berechtigung mehr und machen das Leben nur noch schwerer.

29. April 1940                                 In See
Wir fahren. Zu sehen ist nichts. So haufenweise laufen die französischen Zerstörer auch nicht mehr herum, und was von feindlichen U-Booten vorhanden ist, das ist längst wegge-taucht und in den Keller gegangen. Glatt ist die See, ohne Wogen und ohne Schiff. Wir stop-pen, wollen doch einmal horchen, ob nicht irgendwo etwas rauscht oder wackelt. Die Unter-wasserhorcher haben das Gerät ausgefahren und kurbeln, nichts! Nur das blecherne Klirren des Wassers tönt an ihr Ohr.
Also weiter! Sprung auf! Marsch, Marsch! Mit A.K. pre¬schen die Boote wieder davon. Etwa eine halbe Stunde dauert der Galopp. Dann wird wieder gestoppt, das Hör¬rohr angesetzt und das Wasser nach Schraubengeräuschen abgetastet. Vergebens,
Das Spiel beginnt von neuem. Meist wird dabei der Kurs um einige Grad geändert. Andere Fahrt stufen und Formatio¬nen werden gewählt. Auf diese Weise haben wir bald das ganze Kattegat abgekämmt und durchgehorcht, und wenn wir auch keinen unmittelbaren Erfolg zu verzeichnen hatten, so haben wir doch die feindlichen U-Boote wenigstens zeitweise von unseren Transportwegen abgedrängt und ihnen die Beobachtung und die Aufstellung in ih-ren Wartepositionen nach Möglichkeit erschwert.

30. April 1940   In See - Frederikshavn
Bis dicht unter die Küste Norwegens sind wir vorgesto¬ßen, nun drehen wir bei und zacken zurück. Alle Kurse, Fahrtstufen und Formationen werden wieder durchprobiert. Aus dem Stopp springen wir auf A.K, von 0° auf 180° und von der Kiellinie in die Dwarslinie. Manch-mal bleibt unser Boot dabei ein Stückchen zurück, wie ein Mensch, der mitten im Laufen Seitenstechen bekommt; denn 1305 ist einer solchen impulsiven Fahrtweise nicht gewach-sen. Das kann eine gute alte Dampfmaschine durchhalten, nicht aber die Motoren. Sie arbei-ten unregelmäßig und laufen heiß. Wir versuchen unser bestes.
Nachmittags: Es geht nicht mehr. Das muß nun auch der Kommandant einsehen. Während der letzten Wache, das sind 6 Stunden, haben wir 77 Manöver gefahren. Das war zu viel und ging zu weit. Lager, Kolben und Zylinder sind heißgelaufen, und die Kompressoren kann man überhaupt nicht mehr anfassen. Sollen wir warten, bis sie auseinander fliegen und die Brocken durch die Gegend schwirren?
Frage: Was nun? Die Kompressoren werden doch am not¬wendigsten gebraucht. Sie liefern die Preßluft, die zum Anwerfen der Motoren benötigt wird. Es ist ja nicht wie bei einer Dampfmaschine, die man einfach umsteuert und dann wieder laufen läßt. Unsere Motoren müssen nach jedem Stopp neu angeworfen werden. Während der Fahrt wer¬den dann die Pressluftflaschen wieder neu gefüllt. Jetzt aber wa¬ren die Laufzeiten ständig so kurz, daß die Kompressoren ununterbrochen laufen mußten, und trotzdem ist unser Vorrat an Preßluft schon bis auf 25 Atmosphären abgesun¬ken. Vielleicht reicht er noch für zwei oder drei Manö¬ver, vielleicht auch nicht. Dafür aber kann man jetzt auf den Zylinderdeckeln Spiegeleier bra-ten.
Der Flottillenchef bekommt Meldung, damit er das Boot nicht vollends ,,zur Kracke" fährt. Nach zwei Stunden hat er sich zu einem Entschluß durchgerungen und läßt uns laufen, heimkommen werden wir wohl noch. Langsam und heißer prusten wir davon. Gegen Mitter-nacht machen wir in Frederikshavn fest. Morgen geht es wieder in die Werft. Wir waren lan-ge nicht dort!

8.   Frederikshavn - Flensburg

1. Mai 1940                                        Frederikshavn
Wir kommen nicht wieder in Frederikshavn in die Werft. Die notdürftige Ausflickerei hat kei-nen Zweck. Eine gründliche Generalüberholung ist nötig. So wird denn unserem Boot eine größere Werftliegezeit von etwa sechs Wochen verordnet. Sie soll in Flensburg stattfinden. Morgen brechen wir auf.

2. Mai 1940                              Frederikshavn - In See
14.00 Uhr. Wir laufen aus, Kurs Süd, heimwärts. Das war ein kurzer Fronteinsatz. Daß 1305 gerade jetzt ausfallen mußte, jetzt, wo jedes Schiff und Schiffchen dringend gebraucht wird. Aber Schiffe sind keine Menschen. Ma¬schinen und Boote geben her, was ihre Konstrukteure und Erbauer berechnet haben, was das Leistungsschild be¬sagt. Eine Steigerung darüber hinaus aber, oder ein Durchhalten auch dann, wenn einmal nicht alle Rädchen laufen, das gibt es nicht. Nur der Mensch vermag bei genügend starker willensmäßiger Konzentration über sich hinauszuwachsen. Er allein vermag das Volumen seiner Kräfte auszuweiten und besonders in Stunden der Gefahr Höchstes zu leisten. Trotzdem tut man gut, solche menschliche Superlative nicht in Rechnung zu setzen, sondern sich an die nüchternen Worte eines modernen Philo¬sophen zu halten, der erklärt: ,,Der Mensch ist nicht das, was er in ein-zelnen hohen Momenten zu sein vermag, son¬dern was er in jedem Augenblick mindestens ist. Der Wert eines Menschen richtet sich nach der untersten Grenze seines Wesens und seines Seins." (nach Stöcker)
Auf Steuerbordseite zieht die dänische Küste vorüber, auf der anderen Seite die Weite der See. Aus den Bull¬augen unseres Funkraumes hat man einen herrlichen, stets wechselnden Rundblick. Als ich im Vorjahr meinen Urlaub an der See verbrachte, kostete ein Zimmer mit Blick auf die See stets zehn Mark mehr. Jetzt ist alles umsonst, die Aussicht, das Essen, die Schlafgelegenheit, das Trinken und das Rauchen. Nicht einmal Kurtaxe braucht man zu be-zahlen. Trotzdem ist man nicht zufrieden, aber das liegt wohl in der menschlichen Natur.
Bei der flotten Marschfahrt können wir morgen abend schon in Flensburg sein. Bis dahin verbleiben uns noch etwa 24 Stunden. Wir werden sie uns christlich teilen und immer zwei Mann werden je vier Stunden Wache gehen. Es ist noch lebhafter Funkverkehr, aber zu zweit kann man schon auf dem laufenden bleiben. Mein Kamerad ent¬schlüsselt, und ich nehme auf. Buchstabe reiht sich an Buchstabe, Gruppe an Gruppe. Merkwürdig ist dabei, daß trotz der scharfen gedanklichen Konzentration zweitstufi¬ge Assoziationen entstehen, und ob man nun bei Tage seine Funkwache absitzt oder ob man zu nächtlicher Stunde mit fließendem Stift die Buchstabenkolonnen auf dem Papier aufmarschieren läßt. Plötzlich rennt mitten durch die Buchstabenreihen ein kleiner Junge, dreht sich um und lächelt. Dann ver-blaßt das unwirkliche Bild. So schnell wie es gekommen, verschwindet es auch wieder. Dafür zeigt sich auf dem Weiß des Funkspruchzettels langsam Gertruds liebes Gesicht. Einzelne Züge bekommen schärfere Konturen. Deutlich tritt die Mundpartie hervor, jetzt wieder blicken die Augen hell und klar. Dann breitet sich ein Schleier über alles. Eigensinnig verweilt noch die dunkelblonde Haarlocke über der Stirn, bis auch sie vom Bleistift durch immer neue Schriftzeichen zerstampft und verwischt wird. Grüße von daheim. –
lch möchte gerne wissen, was sie jetzt machen und wie es ihnen geht. Im letzten Brief be-klagte sich Gertrud über zu wenig Post. Günter fragt immer wieder: ,,Wenn kommt denn nun endlich unser Vati?"

3. Mai 1940 In See - Flensburg
Nun ist es schon wieder Mittag geworden. Eben hat man auf der Brücke den Standort be-stimmt. Knapp 80 sm haben wir noch zu fahren. Vor 20 Uhr werden wir kaum in Flensburg einlaufen.
Bei der Wachablösung finde ich wieder ein paar inter¬essante FT´s vor. Ein Vp.Boot ist von fünf englischen Fliegern angegriffen worden, nachdem zwei abgeschossen waren, drehten die restlichen drei ab. Auch ein engli¬sches U-Boot ist nach heftigem Wasserbombenangriff von unseren U-Jägern versenkt worden.  Ein großer Ölfleck be¬zeichnet die Untergangsstelle.
Mit dem bewußten Ölfleck auf dem Wasser hat es aller¬dings seine besondere Bewandtnis. Gewiß rechtfertigt das Auftreten von Öl die Annahme, daß das Boot getroffen und zumindest die Betriebsstoffzellen leck sind. Nun hat aber der Engländer, eben aus dieser Überlegung heraus, in sei¬ne Unterseeboote eine besondere Ölzelle eingebaut, aus der bei Gefahr Öl abgelassen werden kann. Dadurch soll die Vernichtung des Bootes vorgetäuscht und der Gegner von weiteren Angriffen abgehalten werden. Es ist also ein tot stellen, wie es auch in der Tierwelt, besonders von den Insekten, bei Gefahr gern angewandt wird. Bedau¬erlicher-weise ist dieser Trick aber bekannt, und nicht umsonst besteht die Anweisung: Mit Wabos grundsätzlich nicht sparen!
Die Sonne ist im Untergehen. Lange kann unsere Fahrt nicht mehr dauern. Wir sind schon in der Flensburger Förde. Immer näher treten zu beiden Seiten die Ufer her¬an, und immer schmäler wird die Nahtstelle zwischen Däne¬mark und Deutschland. Voraus kommt jetzt, um-spielt vom letzten Licht des scheidenden Tages der massig Bau der Marineschule in Sicht. Weitläufig breiten sich ihr zu Füßen die Anlagen der Marinenachrichten- und der Torpedo-schule aus. Dann nimmt uns Flensburg auf. Im Werftgelände le¬gen wir an. Von einem nahen Kirchturm schlägt es eben 22 Uhr. Wir sind wieder in Deutschland.

4. Mai 1940                                  Flensburg
Klar Deck überall und dann gibt es Urlaub. Wie ein Blitz aus heiterem Himmel trifft uns die Kunde und sie zündet. Im Geschwindschritt wird gearbeitet. Wabos und Munition werden ab-gegeben. Die Decks werden gefeudelt, Pütz und Besen geschwungen. Aus allen Luken und Schotten strömen und spritzen Bäche reinigenden Wassers wie bei Windstär¬ke 8.
Auch bei uns im Funkraum herrscht Hochbetrieb. Die Geheimsachen werden überprüft und im großen G-Spint in der Kommandantenkammer verstaut. Dann werden die Stöße von Schlüsselzetteln sortiert, gebündelt und verpackt. Sie sollen heute noch vernichtet werden. Schnell setze ich eine Vernichtungsverhandlung auf.
Die mühevolle Arbeit vieler Tage und Nächte geht unter den Kesseln des nebenanliegenden MS-Bootes 1109 in hellen Flammen auf. Kurzlebig ist die Arbeit des Funkers. Mit dieser letz-ten kriegerischen Handlung schließt der Dienst. Freiheit und Urlaub treten jetzt an seine Stel-le.

Fortsetzung etwa Mitte September

Urs Heßling

#34
hi, Jürgen,

wieder  top :TU:)  :MG:

Zitat von: Seekrieg am 29 August 2011, 15:35:05
das 5 847 BRT große, 1921 in Dienst gestellte Turbinenschiff ,,Hamm" der Hapag mit einer Ladefähigkeit von 8 520 Tonnen, das gestern hier einer Mine oder einem Torpedotreffer zum Opfer fiel.

torpediert durch das britische Unterseeboot HMS Seawolf http://www.uboat.net/allies/warships/ship/3426.html


Zitat von: Seekrieg am 29 August 2011, 15:35:05
In den späten Abendstunden laufen die Transporter gewöhnlich aus. Heute ist das Mo¬torschiff ,,Ahrensburg" an der Reihe. (Bananenschiff, 1939 in Dienst gestellt, 96 m lang, 13 m breit, 2 988 BRT, 16 kn). Besorgt schauen wir ihm nach. Kalt und mondhell ist die Macht, und im Skagerrak wimmelt es von englischen U-Booten. Gute Fahrt!

Der gute Wunsch hat etwas genützt : http://www.historisches-marinearchiv.de/projekte/asa/ausgabe.php?where_value=581  Die "Ahrensburg" überstand den Krieg


Zitat von: Seekrieg am 29 August 2011, 15:35:05
Heute ist es wieder ein ehemaliges Bananenschiff der ,,Deutschen Afrika-Frucht-Co", das sich zur Überfahrt bereit macht. Der ,,Pionier", 1933 gebaut, 107 m lang, 13 m breit, 3 285 BRT, läuft seine 15 sm und fährt am liebsten allein. Wie oft hat er das Skagerrak schon überquert. Mancher Torpedo hat schon seine Bahn gekreuzt, aber mit geschickten Haken und Sprüngen gelang es ihm bisher, diesen gefährlichen Begegnungen auszuwei-chen.

versenkt am 2. 9. 1940 durch das britische Unterseeboot HMS Sturgeon, mehr als 300 Mann gehen mit dem Schiff unter ... http://www.historisches-marinearchiv.de/projekte/asa/ausgabe.php?where_value=673


Zitat von: Seekrieg am 29 August 2011, 15:35:05
Auch zwei französische Zerstörer, die sich zu einem Ausflug ins Skagerrak aufgemacht hat-ten, wurden von unseren Kleinfahrzeugen vertrieben.

Auszug aus der Chronik ... zeigt, daß es auch anders hätte ausgehen können ...
23.– 25.4.1940
Nordsee
Kurze Gefechtsberührung der 8. franz. Zerstörer-Division (Kpt.z.S. Barthes) mit den Großzerstörern L'Indomptable, Le Malin und Le Triomphant im Skagerrak mit V 702 und V 709 (7. Vorpostenflottille). Dabei passieren die Minenleger Roland und Cobra auf dem Marsch von Wilhelmshaven nach Kristiansand in unmittelbarer Nähe, ohne gesichtet zu werden. Ein Angriff deutscher Bomber auf den Zerstörerverband am 24.4. bleibt erfolglos. In der Nacht vom 24./25.4. bringen die Minenleger unter Sicherung von fünf Torpedobooten im Skagerrak die Minensperre V aus.

und zu Frederikshavn hätte ich als ehemaliger Schnellbootsfahrer auch einiges zu erzählen  :O/Y aber das lassen wir hier  :wink:

Gruß, Urs

"History will tell lies, Sir, as usual" - General "Gentleman Johnny" Burgoyne zu seiner Niederlage bei Saratoga 1777 im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg - nicht in Wirklichkeit, aber in George Bernard Shaw`s Bühnenstück "The Devil`s Disciple"

Baunummer 509

Wieder mit Genuss gelesen  top

smutje505

Hallo Jürgen Suuuuper  top top top...vor allem die Erklärung vom Labskaus :ROFL:...kann die nächsten Berichte kaum erwarten :MG:

TD

Hallo Manfred u.a.

dank für die guten Wünsche.
Gestern neue OP, geplante Entlassung Mitwoch im Eimer,
heute morgen mühselig erreicht Wochenende nach Hause und
dann passiert wieder etwas und es wird wohl nicht klappen..

Da kann man nur froh sein daß man so ein schönes Hobby hat ud nebenbei dieses nette Forum !

Gruß

Theo
...ärgere dich nicht über deine Fehler und Schwächen, ohne sie wärst du zwar vollkommen, aber kein Mensch mehr !

Albatros

Zitat von: Seekrieg am 29 August 2011, 15:35:05

Es ist ja nicht wie bei einer Dampfmaschine, die man einfach umsteuert und dann wieder laufen läßt. Unsere Motoren müssen nach jedem Stopp neu angeworfen werden. Während der Fahrt wer¬den dann die Pressluftflaschen wieder neu gefüllt. Jetzt aber wa¬ren die Laufzeiten ständig so kurz, daß die Kompressoren ununterbrochen laufen mußten, und trotzdem ist unser Vorrat an Preßluft schon bis auf 25 Atmosphären abgesun¬ken. Vielleicht reicht er noch für zwei oder drei Manö¬ver, vielleicht auch nicht. Dafür aber kann man jetzt auf den Zylinderdeckeln Spiegeleier bra-ten.


Hallo Jürgen ( Seekrieg),

Irgendetwas ist mir da entgangen, ich hatte geglaubt Vp.Boot 1304  hatte eine Dampfmaschine ( Kohle) als Antrieb...... :MV:

:MG:

Manfred

Seekrieg

Hallo Manfred, gut aufgepaßt!!!
Ein kleiner Sprung im Tagebuch. Vater war für ein paar Tage wegen Erkrankung des Wachleiters ausgeliehen auf Vp. 1305 (ex. Wuppertal-Cuxhaven). Dort gab es die Probleme, leider nicht nur mit der Maschine, sondern auch mit der Kameradschaft. Ich habe diesen Texteil ausgelassen. -

Gruß Jürgen

Albatros

Das mit 1305 war mir entgangen..... :O/Y

:MG:

Manfred

Albatros

Zitat von: Seekrieg am 29 August 2011, 15:35:05

Fortsetzung etwa Mitte September


.........ich glaube nicht nur ich hoffe das es bald weiter geht....... :MZ:

:MG:

Manfred

Seekrieg

Hallo Manfred,
ja, es sollte weitergehen, aber vorher wollte mich noch jemand anrufen. (bis jetzt noch nicht). Deshalb die Sendepause. Aber schau mal in - Kaiserliche Marine - Vp.Boot "Dirk v. Minden", auch ganz interessant. Außerdem: der Beitrag "U-Boot Seal gefangen" ist ein weiter Teil von 1304!
Mit abendlichen Grüßen
Jürgen

Seekrieg

16. Mai 1940 Frederikshavn
Heute fand eine Besichtigung der in Frederikshavn liegenden Verbände durch Admiral Carls statt. In seiner Ansprache würdigte er unsere Sicherungsarbeit und betonte, daß durch den unermüdlichen Einsatz der Vorposten-, U-Jagd- und Minensuchflottillen das Norwegenunternehmen erfolgreich und mit so geringen Verlusten durchgeführt werden konnte. Von den bisher über See transportierten Verbänden in Stärke von 70 000 Mann seien nur 1,2 % verloren gegangen, und das sei eine gute Bilanz. Ein gewisser Stolz, mit unseren kleinen Booten dabei gewesen zu sein, bleibt hängen. -

17. Mai 1940 Frederikshavn
Wir haben einen neuen Funkraum bekommen. Der alte hinter der Brücke ist Kommandantenkammer geworden. Unsere neue Station besteht aus einem großen Holzkasten, der fix und fertig geliefert, nur achtern auf die Aufbauten aufgesetzt zu werden brauchte. Kartoffelkiste nennen die Kameraden respektlos dieses Gehäuse, aber damit haben sie zweifellos unrecht. Für uns bleibt es unsere Station, und nicht umsonst wird die Heiligkeit und Unantastbarkeit dieser Stätte wieder durch das bekannte Emailleschildchen deklariert: Zutritt verboten. Lebensgefahr! Die Direktion.
Räumlich weist unsere neue Arbeitsstätte ungefähr die gleichen  Ausmaße auf wie die alte. Inhaltlich aber ist sie bedeutend großkalibriger geworden. Zu unserem kleinen 10 Watt-Sender ist ein neuer, größerer mit 200 Watt Leistung getreten. Mit ihm kann man schon ganz vernehmlich an die Heaviside-Schicht klopfen und Rabatz im Äther machen. Einige neue Umformer gehören natürlich auch dazu. So sind wir denn jetzt im FT. für en gros und en detail eingerichtet, und das Plus von wieder 12 Schaltern und 5 Meßinstrumenten nehmen wir dafür gern in Kauf. Hans scheint von der neuen Station so begeistert zu sein, daß er sie gar nicht mehr verlässt. Aber wie gesagt, das scheint nur so. In Wirklichkeit büßt er hier in Ermangelung einer anderen Zelle einen fünftägigen Stubenarrest ab.
Ein neues Geschütz haben wir auch noch bekommen. Vorn auf der Back hat es seinen Platz gefunden. Es war höchste Zeit, damit man sich wenigstens aufdringliche Feinde etwas vom Halse halten kann.
Nachmittags half ich Konrad bei seinen umfangreichen Schreibarbeiten. Er versinkt förmlich zwischen Papieren und Formularen. Zur rechten Hand und zum technischen Sekundanten des Flo-Ings avanciert, hat er alle Hände voll zu tun, und viel Last ruht auf seinen jungen Schultern. Als blutjunger Ersatz stieg er im Februar bei uns ein. Vor seiner Einberufung zur Wehrmacht war er HJ-Führer. Er hat die Oberschule absolviert und wurde von der Partei geformt. Auf Grund dieses geistigen und politischen Übergewichtes spielte er sich sehr bald in den Vordergrund, und bei seinen aggressiven Ungestüm und der sehr schlaggewandten Zunge konnte es nicht ausbleiben, daß er im Kameradenkreis bald überall aneckte und sich reichlich unbeliebt machte.
Mit Vorliebe suchte er sich auch an mir (Lehrer) zu reiben und den bestehenden Gegensatz zwischen Schule und HJ an Bord wieder aufleben zu lassen. Dann gab es harte Worte und kompakte Vorwürfe. Schließlich aber war er konkreten Argumenten gegenüber nicht verschlossen, und wenn man ihm auf gleich hohem Niveau entgegentrat, ließ er sich auch gern widerlegen. Er war, wie konnte es in seinem Alter anders sein, immer noch ein Suchender, und als es mir endlich gelang, den staatspolitisch gesteuerten Teil seiner Seele von seinem eigenen, persönlichen Ich zu trennen und mit einer sauberen Individualethik zu versehen, hatte ich gewonnen. Er schloß sich mehr und mehr mir an und wurde mir schließlich zu einem vertrauten Kameraden. -
Heute nehme ich Konrad das Maschinentagebuch ab und beginne mit den Eintragungen, der täglichen Bilanz und der Kurvenübersicht. Es ist eine monotone Arbeit, aber nicht uninteressant für den, der diese Art von Tagebuchführung nicht kennt.
Von Zeit zu Zeit schaut uns dabei unser neuer Decksgenosse Jumbo, unser Bordhund über die Schulter und erzwingt sich durch seine freundliche Aufdringlichkeit ein paar flüchtige Liebkosungen.

18. Mai 1940 Frederikshavn - In See
Am 15.5. kapitulierten die Niederlande. Kurz vorher mußte der erste aus der Verwandtschaft sein junges Leben lassen. Gertruds Cousin, Kurt Escher, war Feldwebel im I.R.72. Mit einigen Kameraden hatte er sich freiwillig zu einem Stoßtrupp gemeldet. Beim Angriff auf den Bahnhof in Dortrecht am 13.5.40 fiel er, gerade mal 27 Jahre alt.
An der Westfront geht der Vormarsch unaufhaltsam weiter. Gestern wurde Brüssel eingenommen und die Maginotlinie in 100 km Breite durchstoßen. Auch unser kleines Vorpostenboot 1304 begibt sich heute wieder auf den Kriegspfad; denn nach wie vor können die Fronten in Norwegen nur gehalten werden, wenn die Nachschubwege frei sind und Skagerrak und Kattegat fest in deutscher Hand bleiben, dies aber ist in erster Linie Aufgabe der kleinen Verbände.
Um 1300 Uhr legen wir ab und laufen gemeinsam mit dem Artillerieschulschiff ,,Fuchs" (525 t, 16 kn) aus, Kurs Nord, Position Skagerrak. Aufgabe: Vor- postenstreifen.
Die See ist still. Ruhig dampfen wir dahin. Es ist ein Glück, daß wir diese Strecken nicht zu laufen brauchen. Mit Grauen gedenken wir manchmal der armen Infanteristen, die jeden Kilometer zu Fuß und oft kämpfend zurücklegen müssen. Wie mag auf den endlosen Märschen der schwere Tornister niederdrücken, das Gewehr auf den Schultern scheuern, wie werden die Füße in den Stiefeln bren¬nen, todmüde werden die Kameraden niedersinken und wie froh werden sie sein, wenn sie eine trockene Unterkunft finden und einmal nicht auf die Gastfreundschaft des Chausseegrabens angewiesen sind.

19. Mai 1940 Skagerrak
Kurz vor 5 Uhr schon geht die Sonne strahlend auf. Mit ihr zugleich erscheinen die ersten Flugzeuge am Himmel. Sie fliegen Sicherung und halten Ausschau nach feindlichen Streitkräften. Auch an Bord ist alles auf dem Posten. Die Wachen sind besetzt, und scharfe Augen suchen laufend die See nach feindlichen Überraschungen ab. Auf dem Peildeck stehen drei Mann und halten Augen und Ohren offen. Drohen sie müde zu werden, treten drei andere an ihre Stelle. Fünf weitere Kameraden stehen auf der Brücke. Sie halten ebenfalls angestrengt Ausschau. Im Kartenhaus studiert der Steuer- mann eingehend die Seekarte, um allen Unebenheiten aus dem Wege gehen zu können. Unten übern Schiffsboden klebt der Horcher am Gerät und bannt die Gefahren der Tiefe. Zur weiteren Sicherung "haben" Maschinenwehre, ein Fla-Geschütz und die neue 8,8 "blank gezogen". Und an der Reling liegen griffbereit die Wabos. Theoretisch dürfte uns also nichts passieren.
Ich habe Funkwache. Der Betrieb ist z. Z. ruhig. Mit Funkmaat Hans und Hänschen, dem kleinen Funkgast, der im Dezember bei uns eingestiegen ist, teilen wir uns in unsere Aufgaben. Hänschen hat sich schön gemacht und gut herangebildet. Er wird jetzt mit allem allein fertig, und ist für uns eine wertvolle Hilfe. Seine Leistungen sind wieder ausschlaggebend für den Grad der kameradschaftlichen Wertung, und da Hänschen sich auch sonst gut einfügt, so herrscht bei uns immer ein schönes, harmonisches Verhältnis. Und das erleichtert die ,,Kriegführung" wesentlich.
1100 Uhr, die Post ist da! Es ist schon allerhand, wenn ab und zu ein Vorpostenboot losfährt, wenn sich 50 Mann abrackern und unter Umständen in Gefahr und Not begeben, nur um ein paar Briefe an Ort und Stelle zu bringen. Rauschend kommt 1309 angeschoben und macht längsseits fest. 09 ist recht vielseitig. Es macht seine Kriegsfahrten und erledigt nebenbei noch unsere postalischen Geschäfte. Außerdem betreiben die Kameraden auf 1309 auch Fischfang. Neuerdings haben sie sich auch noch auf die Viehzucht verlegt, wie die zwei Schweine beweisen, die vergnügt an Oberdeck herumrennen. ,,Auf See dürfen sie das", erklärt mir ein Kamerad von nebenan, ,,sonst aber haben sie ihre Stallung unter dem Fla-Geschütz, dessen Podest zu diesen Zwecke mit einigen Brettern verkleidet ist. Die Verpflegung erhält unser vierbeiniger Proviant aus den zahlreichen Abfällen der Kombüse. Die Streu liefert die Kantine in Form von Holzwolle und Strohhülsen, die zur Verpackung von Flaschen usw., dienten und das Ausmisten besorgt von Zeit zu Zeit das überkommende Wasser der See. So haben wir weiter gar keine Arbeit mit den Schweinen, nur daß wir sie eines Tages werden essen müssen".
Großartig, wie sie das gemacht haben. Vielleicht kann man auf der Back auch noch einen Schrebergarten herrichten und damit den anfallenden Natur- dünger auch noch einer sinngemäßen Verwertung zuführen.
Der Nachmittag gestaltet sich etwas kriegerischer. Wieder gab es allerhand treibende Minen abzuschießen. Mit Gewehr und Mg halten unsere Scharf- schützen so lange hin, bis die gefährlichen Kugeln endlich absacken. Auch Robert Buchheister beteiligt sich mit an dieser Schießerei, allerdings auf seine Art. Als Heizer darf er nicht an das Schießeisen; denn seine Waffe ist die Pokerstange, und auch bei der Marine gilt der Grundsatz: Schuster bleib´ bei deinem Leisten. Robert weiß sich aber zu helfen. Er holt sich eine ganze Schaufel Kohlen an Oberdeck und wirft nun mit den einzelnen Kohlenbrocken nach den Minen. Seitdem Kameraden von einem anderen Boot auf diese Weise eine Mine zur Explosion gebracht und sich damit von B.S.O. eine öffent- liche Belobigung zugezogen haben, drängt sein Ehrgeiz in die gleiche Richtung, bisher allerdings ohne Erfolg. Aber Robert ist ja noch jung, und was nicht ist, das kann noch werden. So wird es langsam Abend, Sonntagabend, und der erste Tag mit 1304 auf See geht seinem Ende entgegen.

Albatros

#44
Hallo Jürgen,  Deine Vortsetzung top

Zitat von: Seekrieg am 01 Oktober 2011, 10:22:52

Der Nachmittag gestaltet sich etwas kriegerischer. Wieder gab es allerhand treibende Minen abzuschießen. Mit Gewehr und Mg halten unsere Scharf- schützen so lange hin, bis die gefährlichen Kugeln endlich absacken. Auch Robert Buchheister beteiligt sich mit an dieser Schießerei, allerdings auf seine Art. Als Heizer darf er nicht an das Schießeisen; denn seine Waffe ist die Pokerstange, und auch bei der Marine gilt der Grundsatz: Schuster bleib´ bei deinem Leisten. Robert weiß sich aber zu helfen. Er holt sich eine ganze Schaufel Kohlen an Oberdeck und wirft nun mit den einzelnen Kohlenbrocken nach den Minen. Seitdem Kameraden von einem anderen Boot auf diese Weise eine Mine zur Explosion gebracht und sich damit von B.S.O. eine öffent- liche Belobigung zugezogen haben, drängt sein Ehrgeiz in die gleiche Richtung, bisher allerdings ohne Erfolg.

Erstaunlich das dies erlaubt war, .........wie weit mag man so ein Stück Kohle werfen können 30-50 m, mehr sicher nicht.......ob das eine so gute Idee war wenn in dieser Entfernung die Mine hoch geht ?  :MZ:

:MG:

Manfred


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