Radargelenktes Feuer deutscher Kriegsschiffe im WWII

Begonnen von Matrose71, 09 August 2014, 17:08:26

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Gabler

Moinmoin,

wie angedroht nachfolgend eine zeichnerische Rekonstruktion der speziellen OB-Anzeige des Vormars-FuMG 39 auf Gneisenau mit Beispieldarstellungen des Angriffs vom 22.02.1941 auf den Frachter Harlesden:

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Was sehen wir hier?

Die Darstellung ist im Maßstab 1:1 abgebildet, der Röhrendurchmesser betrug 100mmm. Dann sehen wir die grüne horizontale Zeitlinie des "A-Scopes", des weiteren die grüne vertikale Lichtmarke, die von hinten auf die Mattscheibe projiziert wurde und die man abschalten konnte.

Der horizontale Ausschnitt war auf 25km Breite bzw. Entfernung eingestellt, so daß ein Millimeter Breite auf dem Schirm 250m Länge in der Realität entsprach. Die Meßkette wurde bei Krautwig im Suchbetrieb auf eine Grundeinstellung von 150hm eingestellt. Dementsprechend liegt der dargestellte Bildausschnitt in einem Entfernungsbereich von 2,5km bis 27,5km (15km-12,5m bzw. 15km+12,5km). Der Anzeigebereich wurde also etwas nach fern erweitert, der unmittelbare Nahbereich bis 2,5km hingegen (als irrelevant) nach links herausgeschoben.

Dementsprechend lag auch das (direkte) Nullzeichen links außerhalb des Sichtbereichs. Es ist in der Zeichnung links des Bildschirms angedeutet. Von hier aus sind auch die Entfernungsangaben maßstäblich eingetragen. Das allererste Echozeichen der Harlesden auf 184hm hatte eine Höhe von 1-2mm und war bei einer angenommenen Impulsbreite von 300m auch nur etwa einen Millimeter breit. Ein kleiner Pips also nur, wie man hier sehen kann. Aber klar, wäre das Signal schon deutlich größer gewesen, hätte der Funkmesser wohl nicht aufgepasst! Was auch klar wird: Bei einer solchen Zeichengröße erübrigen sich Einstellbemühungen nach Echospitze, -flanke oder -Fußpunkt, zumindest bei dieser Entfernung. Ein weiterer Aspekt wird hierbei anschaulich: Bei einer solch kleinen Zeichengröße wird das Echo beim Einmessen mit Hilfe der Lichtmarke von dieser praktisch vollständig überdeckt! Genau deshalb war es erforderlich, die Lichtmarke abschaltbar zu machen, um durch Vergleich mit/ohne Lichtmarke die Einmessung auf ebendiese Nullmarke zu verbessern. Zum Vergleich nochmals eine "echte" Lichtmarke, die von Herrn Arthur Bauer vor etwa 10 Jahren rekonstruiert und wieder in Betrieb genommen wurde, siehe hier:

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Das Foto wurde durch den herabgeklappten Lupenrahmen, welcher die Vergrößerungslupe enthält, gemacht. Die Lichtmarke erscheint daher breiter und oberer sowie unterer Bereich der Röhre sind abgeschnitten. Die Beschreibung der Wiederinbetriebnahme findet sich hier:

https://www.cdvandt.org/exhibits-detais-17a.htm

Zurück zur Zeichnung: Die unterhalb der Zeitlinie angebrachte Strichplatte mit der Skalierung von -20hm bis +20hm war nicht ab Werk am OB-Gerät verbaut, sondern wurde von Dr. Krautwig nachträglich während der Unternehmung, also auf See angebracht. Sie diente der Aufschlagmessung, spielte aber zu diesem Zeitpunkt noch keine Rolle. Ich habe sie so ausgeführt wie im SAS-Handbuch skizziert. Hilfreich wäre sicherlich, im Nahbereich unter 5hm noch eine engere Sklalierung in 100m- oder sogar 50m-Schritten zur besseren Ablesung vorzunehmen, aber das wäre reine Spekulation.

Das Ziel wurde wie schon beschrieben laufend geortet. Der Fahrtüberschuß während der Annäherung sollte nur etwa 5 Meilen betragen, um sich möglichst nicht zu früh durch eine zu große Bugwelle zu verraten. Deshalb dauerte es eine Stunde, bis um 22:28 die Entfernung noch bei 50hm lag. Nun konnten zum ersten Mal zwei Spitzen erkannt werden. Dies ist in der unteren Darstellung festgehalten. Auch das Nullzeichen ist mit abnehmender Entfernung wieder in die Anzeige zurückgeschoben worden. Ob und wie die Höhe des Nullzeichens sich ändert, ist nicht nachvollziehbar, daher habe ich sie in derselben Größe belassen, da auch nicht weiter relevant. Zur besseren Erkennbarkeit der Spitzen wurde die Lichtmarke ausgeblendet. Zu diesem Zeitpunkt mußte die Senderleistung über die Anodenspannung schon dreimal reduziert werden, von 6kV auf 1,5kV, also auf ein Viertel. Dennoch nahm das Zielzeichen bereits die "halbe Skala" ein. Ich nehme an, er meinte damit die Hälfte der oberen Bildschirmhälfte, denn nur in diese Richtung wurde dieses Strahlsystem vertikal abgelenkt.

Fortsetzung folgt...

Thorsten Wahl

Wie gesagt Krautwig sagt:"da die EU (der Aufschläge) klein sind gegen die Zielentfernung wird der Einbau einer Zusatzeinrichtung vorgeschlagen,mit deren hilfe durch Umlegen eines Schalters für die Dauer der Aufschlagmessung der Maßstab in der Umgebung der Nullmarke STARK VERGRÖßERT wird
Meine Herren, es kann ein siebenjähriger, es kann ein dreißigjähriger Krieg werden – und wehe dem, der zuerst die Lunte in das Pulverfaß schleudert!
WoWs : [FMA]Captain_Hook_

Gabler

ja genau, darüber bin ich ja kürzlich gestolpert. Tatsächlich schreibt er ja korrekt, NUR der Maßstab wird vergrößert und nicht das gesamte Bild, wie etwa mit der vorgeblendeten Lupe. Die zuschaltbare "Zusatzeinrichtung" besteht aus dem zusätzlichen Ablenkverstärker und er schreibt selbst, daß damit der dargestellte Entfernungsausschnitt auf 5km vergrößert wird. Der Vergrößerungsfaktor ist als 5-fach. Das verwurste ich noch in einer weiteren Darstellung.

Gabler

Zwischenzeitlich habe ich auch über die Größe des Nullzeichens nachgedacht: In irgendeiner Quelle hieß es, das Nullzeichen sei stets größer als das Zielzeichen und in all den Prinzipdarstellungen ist es auch immer so dargestellt. Es scheint auch irgendwie logisch, denn sonst würde das Zielzeichen ja nicht bei Annäherung irgendwann im Nullzeichen verschwinden - sonst gäbe es ja gar keine Mindestreichweite, was gewiß nicht so ist. Schließlich liegt es noch irgendwie nahe, daß, wenn das Zielzeichen sich bei Annäherung vergrößert, auch das Nullzeichen sich vergrößert - ohne daß ich das im Moment argumentativ begründen könnte. Kurzum: Wahrscheinlich passt die Größe des Nullzeichens im Bild oben nicht so ganz, ich habe das bei der folgenden Darstellung geändert:

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Wenige Minuten nachdem das Ziel so wie in der ersten Zeichnung sich zeigte, nahm das Echozeichen um 22:35 bei 35hm bereits die "ganze Skala" ein, reichte also wohl bis an das obere Ende der Röhre, woraufhin die Anodenspannung erneut heruntergeregelt wurde, nun auf 1kV. Dann, um 22:39 war die Entfernung auf 26hm verringert und die Scheinwerfer wurden aufgeblendet, der Beschuß begann. Auf dem oberen Bild der zweiten Zeichnung habe ich in der oberen Darstellung diese Messung eingetragen. Auch hier war also "ganze Skala" ausgefüllt, das Zeichen reichte bis zum Bildschirmrand. Das Nullzeichen wanderte mit abnehmender Zielentfernung immer weiter nach rechts in Richtung Lichtmarke.

Ob die E von der Funkmessstelle auch an den Schußwertrechner telefonisch übermittelt wurde (und nicht nur an die Brücke), ist fraglich, auch wenn das Ziel vom optischen E-Messer erst bei 63hm erfasst wurde. Unklar auch, ob die Ausleuchtung für eine genaue optische Messung überhaupt ausgereicht hat. Jedoch waren auf solch geringe Gefechtsentfernung die optischen Basis-Geräte genauer als das Dete-Gerät, weshalb ich annehme, daß die Basisgeräte als E-Geber für die Artillerie verwendet wurden, allerspätestens sobald das Ziel angeleuchtet wurde.

In diesem Moment der Feuereröffnung oder kurz zuvor wurde die OB-Anzeige umgeschalten. Durch den Auslenkverstärker wurde das Ziel jetzt um das 5-fache verbreitert. Die Kontur des Zielzeichens war so besser erkennbar, die beiden erwähnten Spitzen auseinandergezogen. Infolge des vergrößerten Entfernungsmaßstabs sprang auch das Nullzeichen um den 5-fachen bisherigen Abstand des Zielzeichens wieder nach links und verschwand fast vollständig. All das ist in der unteren Abbildung dargestellt.

Krautwig berichtet weiterhin, daß sich das Höhenverhältnis der Spitzen zueinander im Zeitverlauf geändert hat, so daß man daraus zumindest eine Lageveränderung erkennen konnte. In welche Richtung oder gar um welchen Wert, erscheint mir jedenfalls zum jetzigen Zeitpunkt nicht bestimmbar. Ich würde aber zumindest soweit gehen, daß die Silhouette eines Kriegsschiffs ein deutlich anderes Zeichen ergab als die eines Frachtschiffs. Man könnte also mit Hilfe entsprechender Versuche die Ziele zumindest grob voneinander unterscheiden. Jedoch ist zu bezweifeln, daß hierüber noch Erfahrungswerte gewonnen und dokumentiert wurden.

Ob die Aufschläge auf der vergrößerten Anzeige überhaupt zu erkennen waren, ist ebenso fraglich, denn der Artillerieangriff wurde durch die MA eingeleitet und deren Aufschläge waren wohl nicht zu sehen, offenbar auch nicht auf diese geringe Entfernung, andernfalls hätte er das vermutlich erwähnt. Ein hypothetisches Aufschlagzeichen ist zur Veranschaulichung gestrichelt links neben dem Zielzeichen angedeutet. Hier nun käme die unterhalb angebrachte Skala zum Tragen, die abgelesene E-Ablage bzw. der Entfernungsunterschied ("EU") läge in dem Fall bei "5 Hundert kurz".

Solange der Maßstab der Anzeige so vergrößert war, konnte die Meßkette nicht zur Entfernungsmessung verwendet werden, denn deren Teilung änderte sich nicht. Um nach einer Aufschlagmessung wieder die E messen zu können, mußte die Verstärkung also wieder ausgeschalten werden, vor der nächsten Aufschlagmessung dann wieder zugeschalten werden usw. Damit spätestens wird offenbar, daß eine einzige Röhrenanzeige für Entfernung, Peilung und auch noch Aufschlagmessung nicht praktikabel ist.

Ich spekuliere daher mal ins Blaue hinein: Da sich damit eine bedeutende Fehlerquelle bei der E-Messung eröffnete - zumal ab Bismarck die Meßkette als E-Geber direkt an den Schußwertrechner angeschlossen wurde - hat man bei der Gema diese Zusatzfunktion nicht für den OB-Einsatz übernommen, sondern stattdessen eine feste Ausschnittsvergrößerung für eine detaillierte Zielzeichendarstellung in die Übersichtsanzeige des NB-Geräts integriert - in Form einer zweiten Röhre. Dort konnte man nun  das Zielzeichen mit der Skala separat einmessen, und eventuell auch die Ablage (allerdings bislang nicht nachgewiesen), während die OB-Anzeige wiederum ausschließlich zur Zielmessung verwendet wurde. Das erscheint alles jedenfalls sehr sinnvoll. Eine Darstellung der vollständigen NB-Anzeige ist in Arbeit. Auch die Peilung wurde kurze Zeit später über die nachgerüsteteten Peilzusätze mit Hilfe der separaten PB-Röhre vom OB-Gerät getrennt. Dazu ev. später mehr.

Soviel von meiner Seite aus. Vorläufig  :-D

Grüße

Gabler

Thorsten Wahl

Im Trenckle ist die Rede von 10,5 cm geschossen deren Einschläge erkennbar waren. Vermutlich Batterie im Raum Stavanger.

Außerdem wurden mit Seetakts Luftminenabwürfe vermessen. Und dann Räumbote in die betroffene  Gegend geschickt.
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WoWs : [FMA]Captain_Hook_

Gabler

Das Gerät bei Vidgel/Stavanger war offenbar ein FuMO 2 Calais B von der Marineküstenbatterie von der Goeben:

http://www.deutschesatlantikwallarchiv.de/radar/norwegen/rn_.htm#Stavanger

Hier der Standort der Batterie:

https://maps.app.goo.gl/c5hvTSC5gctPTCYS6

Hier ev. der Standort des FuMO-Geräts, dort ist offenbar heute noch eine Radaranlage:

https://maps.app.goo.gl/ntvGxrtNXT9JK1bB7

Das FuMO 2 hatte als FuMG 40 eine Übersichtsanzeige -fein- im NB-Gerät mit einen Anzeigebereich von 4km und damit gegenüber der Krautwig-Konstruktion nochmal eine um 25% vergrößerte Anzeige.

Und im Unterschied zu dem FuMG 39 auf Gneisenau mit seiner Seetaktantenne hatten die FuMO 2 bereits die breitere 2x16-Dipol-Antenne Bauart "Calais". Durch die um 60% vergrößerte Dipolanzahl war sicher auch die abgestrahlte Energie in vergleichbarer Größenordnung erhöht. Das würde die Erkennbarkeit von Einschlägen auch kleinerer Kaliber erklären. Leider waren die Schiffsbordanlagen frühestens ab Dezember 1943 (achterer Stand Scharnhorst) mit den Calais-Antennen ausgerüstet worden. Trotzdem wäre das ein absolut vergleichbares Gerät, insofern müßte das auch auf Scharnhorst möglich gewesen sein (im Unterschied zu Gneisenau 1941).

mhorgran


SchlPr11

Hallo,
Marineküstenbatterie von der Groeben nach Karl von der Groeben 17.09.1788 - 13.07.1876, preussischer Offizier und General - REINHARD

Gabler

:-) Danke, es gab aber auch noch einen August Karl von Goeben (1816-1880), ebenfalls preussischer General, allerdings der Infanterie:

https://de.wikipedia.org/wiki/August_Karl_von_Goeben

Auf der Atlantikwall-Seite wird die MKB als  "von der Goeben" benannt. Es gab auch eine MKB Goeben in Swinemünde, wo bekanntlich ebenfalls Seetaktanlagen aufgestellt worden waren, und zwar schon 1937 zum Wehrmachtsmanöver. Die Artillerie wurde wohl nach der Besetzung Norwegens dorthin gebracht, jedoch nach Husöen, was in der Nähe von Drontheim bzw. Trondheim liegt.
Nach dieser Quelle:
https://deutsche-kuestenartillerie-in-norwegen.de/inhaltsverzeichnis/gliederung/armee-oberkommando-norwegen-wehrmachtsbefehlshaber-norwegen/bereich-lxx-armeekorps/territorialabschnitt-stavanger/artilleriegruppe-stavanger-sued/

handelte es sich bei der Batterie in Vigdel um die 3. Abteilung der MKB 503, vormaliger Name "von der Groeben". Da diese Seite recht detailliert ist, nehme ich auch an, daß das der zutreffende Name war. Demnach gab es aber offenbar keine 10,5cm Kaliber Geschütze wie bei Trenkle zu lesen, sondern 17cm SKL/40. Von einem Dete-Gerät ist allerdings keine Rede. Auf einem Foto ist aber ein Geräteschrank zu sehen, der sieht ein wenig aus wie ein T-Gerät der Gema...

Grüße

Gabler

Guten Morgen Allerseits,

hab´ mal ein bißchen weiter recherchiert: In der allerersten Dete-Geräteliste des OKM von vmtl. Sommer 1939 war das Dete-g-Gerät Nr. 4 für den Einsatz bei der "Batterie Goeben" vorgesehen, das ist wie schon erwähnt eine Anlage südöstlich von Swinemünde/Swinoujisce im Wald:

https://maps.app.goo.gl/Gc2AkS9ocjkNhDyW9

Hier gibt es eine Touristeninfo dazu:

https://www.polish-online.com/polen-reisetipps-museen/swinemuende-feuerleitstand-strandbatterie-goeben.html

In der zweiten Dete-Liste vom November 1939 war vorgesehen, diese Seetakt-Anlage stattdessen auf Sylt aufzubauen, was aber wohl nicht geschah. Zumindest gibt es auf einem Übersichtsplan von 1941 über alle Dete-Anlagen in der Deutschen Bucht kein Dete-Nah-Gerät auf Sylt, lediglich ein Flum-(Dete-Fern-)Gerät findet sich bei Wenningstedt (dort ist der Flughafen). Nach dem vorliegenden Schriftverkehr in den Funkmessakten wurde die Anlage aus Swinemünde wie schon erwähnt nach Husöen bei Trondheim verlegt, war also offenbar nie auf Sylt. Der Radarturm in Swinemünde soll 1939 gebaut, aber anscheinend auch nicht fertiggestellt worden sein. Ob also dort die Anlage zuerst in Betrieb genommen wurde, ist fraglich.

Das hat jetzt mit der Batterie "von der Groeben" in Vigdel/Stavanger nichts zu tun, hier besteht lediglich Verwechslungsgefahr wegen des Namens. Da gibt es ebenfalls einige Merkwürdigkeiten, zum Beispiel nach dem Kaliber:

Weshalb wurden von einer Marine-Küstenbatterie Seeziele mit einer 10,5-Flak bekämpft? Nach der Küstenbatterie-Seite waren 17cm-Geschütze errichtet, was doch eher zu einer weitreichenden Seezielbekämpfung passt. Weiterhin passt das Bild des verbunkerten Geräteraums nicht zu einem FuMO 2, bei welchem es sich bekanntlich um einen mobilen Drehstand handelte. Das würde eher zu einem FuMO 3 oder gar FuMO 4 (mit großer Seeart-Antenne) passen. Überhaupt, was wurde eigentlich genau beobachtet? 4 Granateinschläge und 4 Minenexplosionen oder gar 8 Minenexplosionen? Wenn letzteres der Fall war, konnte man daraus auf die Sichtbarkeit von Ari-Einschlägen jedenfalls nicht schließen.

Nach Studium des ersten Bands der Funkmessakten bis Ende 1941 gab es in Vigdel jedenfalls (noch) kein Seetakt-Gerät. Erwähnt werden in einem Funkspruch vom Oktober 1940 lediglich zwei Marinegeräte und drei Luftwaffengeräte in ganz Norwegen (!), wobei die Marinegeräte Flum-Geräte waren, ebenso das Luftwaffengerät (!) in Vigdel, welches bis 1941 noch durch ein Würzburg-Gerät ebenfalls der Luftwaffe ergänzt wurde, wie sich aus dem Lageplan aller Dete-Geräte in Norwegen, Stand Ende 1941 ergibt (s. Anhang). Dem Plan ist auch zu entnehmen, daß bis dato nur zwei Seetakt-Geräte, Bauart "Calais" ganz im Nordosten Norwegens aufgestellt wurden (Nr. XXIV und XXV). Alle anderen Calais-Anlagen sind tabellarisch dokumentiert und keines davon in Norwegen, geschweige denn in Vigdel. Es sieht also ganz danach aus, als wären die beschriebenen Beobachtungen NICHT von einem FuMO 2 erfolgt, zumindest nicht in Vigdel.

Trenkle gibt als Quelle Mitteilungen verschiedener Autoren (u.a. Schmalenbach u. Gießler) an ihn aus dem Jahre 1978 an, also mehr als 30 Jahre nach den Ereignissen. Vielleicht ist da etwas durcheinander geraten. Möglicherweise haben sich die Ereignisse schon so zugetragen, nur sind Zahlen- und Ortsangaben mit der Zeit doch mit Vorsicht zu genießen. Es könnte allenfalls sein, daß vielleicht später noch eine verbunkerte Anlage FuMO 3/4/5 nachgerüstet wurde. Die sind aber technisch nicht unbedingt mit den Bordanlagen vergleichbar. Soviel zu meinen Erkenntnissen und Folgerungen.

Schönes Wochenende

Gabler

Gabler

Hallo Allerseits. Ich mal wieder  :-)

nochmal noch zu den Geräten in Vigdel: Die Kombination Freya und Würzburg war lt. Trenkle typisch, da die Luftwaffe beide Geräte zur Luftabwehr eingesetzt hat. Das Freya fungierte als weitreichendes Aufklärungsradar und bei Annäherung wurde das Würzburg als Flakleitgerät eingewiesen. Die Freya-Antennen waren soweit ich weiß eher etwas nach oben gerichtet, um maximale Reichweiten gegen hochfliegende Ziele zu erreichen (und um nicht durch Nahreflexionen gestört zu werden). Die Engländer haben das bald erkannt und sind bei Annäherung in den Tiefflug (ca. 150m Höhe) übergegangen und haben damit den Freya-Schirm unterflogen. Daher wurde die Ergänzung dieses Systems durch Seetaktgeräte gefordert und zum Teil auch durchgeführt.

Das Seetakt-Gerät war dafür die ideale Ergänzung, es konnten sowohl Tiefflieger als auch Seeziele auf bis zu 40km erfasst werden. Also entweder erfolgte die beschriebene Beobachtung mit einem eventuell später aufgestellten Seetakt-Gerät (FuMO 2/3/4/5?) oder, als zweite Möglichkeit, vielleicht wurde der Gegner auch mit dem Würzburg-Gerät erfasst. Dessen Reichweite war etwa genau so groß und die kreisförmige Anzeige ("J-Scope") und damit die Bildschirmauflösung war aufgrund dieser speziellen Anordnung etwa drei mal so groß (theoretisch Faktor Pi) als bei der horizontalen Anzeige ("A-Scope") des Gema-Geräts, siehe hier, sehr schön im Vergleich:

https://www.radartutorial.eu/12.scopes/sc09.de.html

Wer weiß, vielleicht konnten auch damit Minenexplosionen oder Granateinschläge beobachtet werden.

Wie dem auch sei. Nach diesem Ausflug zu den Landgeräten möchte ich gerne wieder zu den Bordgeräten zurückkehren und dabei noch einmal auf meine eigene im Beitrag #843 getroffene Einschätzung:
ZitatUm nach einer Aufschlagmessung wieder die E messen zu können, mußte die Verstärkung also wieder ausgeschalten werden, vor der nächsten Aufschlagmessung dann wieder zugeschalten werden usw. Damit spätestens wird offenbar, daß eine einzige Röhrenanzeige für Entfernung, Peilung und auch noch Aufschlagmessung nicht praktikabel ist.
näher eingehen.

Weshalb ich mich selbst so intensiv mit den Geräten befasse, ist rein historisch-technisches Interesse, beruflich und privat habe ich mit dem Thema so gut nichts zu tun, bin aber schon seit meiner Jugendzeit vom Thema Marine, speziell dem "Duell im Dunkeln", also dem technologischen Wettlauf fasziniert. Aber jedes Mal, wenn ich mich damit wieder genauer befasse, tun sich in der Regel mehr Fragen auf als Antworten, so komplex und konfus ist das, was man darüber so erfahren kann. Nun versuche ich also herauszufinden, welche Geräte wann verbaut wurden und wie sie aufgebaut waren. Erst mit dem technischen Verständnis für die einzelnen Geräte ergibt sich die Möglichkeit, deren Anwendung und damit letztlich deren Fähigkeiten und Grenzen nachzuvollziehen, bevor man sie richtig beurteilen kann. Mit viel Mühe können wir heute aus der zumeist veralteten deutschsprachigen Fachliteratur und den neu zur Verfügung stehenden Online-Quellen etwas Licht ins Dunkel bringen, ebenso wie aus den immer zahlreicher auftauchenden digitalisierten historischen Fotos von Schiffen und Geräten.

Bis heute habe ich bspw. noch kein einziges vollständiges Exemplar des Handbuchs der Gema-Seatakt-Geräte zu Gesicht bekommen, allenfalls Bild- und Textausschnitte. Und selbst dort werden die Geräte zwar in technischer Hinsicht sehr genau beschrieben, die Leistungsdaten bleiben aber auch da im Dunkeln. Vor allem gibt es keine Bedienungsanweisungen! Es gibt detaillierte Aufnahmen der Gerätesätze bspw. diverser Drehstände unterschiedlicher Zeiträume oder auch die Aufnahmen vom Innern der FuMO-Drehhaube von Prinz Eugen. Da sieht man dann x Kästen mit 3, 4 oder 5 Anzeigeröhren, eine Vielzahl von Handrädern und Knöpfen, aber wie bedient man das? Eine Anleitung dafür habe ich noch nirgends gesehen.

Daher habe ich mir mal angesehen, wie das bei anderen Geräten funktioniert, bspw. bei den optischen Richt- und Entfernungsmessgeräten auf den Schiffen oder auch bei gewöhnlichen Geschützen, die besser dokumentiert sind. In beiden Fällen wird wie beim Dete-Gerät die Erfassung eines Seeziels in der Ebene von zwei Werten bestimmt: Der Richtung (zur Seite) und der Entfernung. Mathematisch betrachtet handelt es sich um ein mitgeführtes (lokales) Polarkoordinatensystem zur exakten Beschreibung der Position. Soviel zur Theorie. In der Praxis gibt es dafür bei den optischen Geräten zwei Bedienleute: Den Höhen- oder Entfernungsrichtmann und den Seitenrichtmann. Jeder hat seinen eigenen Richtstand in der Regel mit eigener Optik für die Zielbeobachtung, dazu ein Messinstrument und die Möglichkeit, das Ziel dementsprechend anzuvisieren. Sowohl beim optischen E-Messer als auch bei den Geschützen können die Richtleute ihre Arbeit eigenständig und unabhängig voneinander durchführen, sie haben ja jeweils ihre kompletten Richtstände.

Genau das ging bei der ersten Generation der Gema-Geräte, also beim FuMG 39 nicht! Zwar gab es auch hier zwei Bedienleute, den Auswerter und den Funkpeiler, aber nur der Auswerter hatte einen vollständigen "Richtstand" zur Verfügung. Er konnte auf dem Bildschirm des OB-Geräts einen einmal erkannten Kontakt beobachten und mit Hilfe der Messkette die Entfernung bestimmen und das auch völlig eigenständig. Der Funkpeiler hingegen hatte im Prinzip nur ein Handrad bzw. die Bedienknöpfe des Drehmotors für die Haube und konnte damit die Antenne hin- und herdrehen. Er erhielt aber keine direkte "Rückmeldung" von irgendeiner Optik, er hatte ja keine und starrte praktisch gegen die Wand. Um den Seitenwinkel eines Kontakts zu bestimmen, mußte er vom Auswerter eingewiesen werden, welcher auf "seinem" OB-Gerät das Zielecho beobachtete und die Richtung nach dem Maximumverfahren bestimmen und dem Funkpeiler entsprechende Anweisungen zur genauen Einpeilung geben mußte. So etwa: "Halt, Stop. Da war was. Zurück. Nicht so weit. Vor, noch ein wenig mehr. Das war jetzt zuviel..." So oder ähnlich wird sich das sicherlich manchmal zugetragen haben. Erst wenn der Auswerter mit der maximalen Auslenkung des Zielzeichens zufrieden war, konnte der Funkpeilgehilfe wiederum am "Lagezeiger" die Peilung ablesen, notieren und weitergeben. Man kann sich vorstellen, daß das umständlich und zeitraubend und auch nicht sonderlich genau war. Hinzu kommt, daß anders als bei den optischen Geräten der "Entfernungsrichtmann" nicht gleichzeitig mit dem Seitenrichtmann einmessen konnte, sondern es mußte zuerst die Seite bestimmt und erst dann die Entfernung genommen werden, was dann eben länger dauerte. Kurzum: Mit dieser einzigen OB-Röhre mußten gleich zwei Werte, Peilung und Entfernung und dazu auch noch nacheinander erfasst werden. Das war sicher nicht die allerbeste Lösung.

Mit dem speziellen Krautwig-Gerät auf Gneisenau kam nun noch eine dritte Funktion, die Messung der Entfernungsablage mit Hilfe der umschaltbaren Anzeigenverstärkung hinzu, währenddessen zudem noch keine Zielentfernung genommen werden konnte. Jene war zudem nur einer von eigentlich zwei erforderlichen Werten für die Aufschlagmessung. Die Frage der seitlichen Ablage (also des Winkelversatzes) und damit des vierten Wertes wurde im übrigen in diesem Thread vor längerer Zeit schon einmal erörtert (s. Beiträge #278 ff.). Ein Aufschlag konnte überhaupt nur erfasst werden, wenn dieser innerhalb des Öffnungswinkels der Antenne lag. Lag er zu weit ab, war er überhaupt nicht zu sehen. Die Peilung der Einschläge mußte auf dem selben Wege erfolgen wie die des Ziels. Die Wassersäulen waren laut Krautwig aber nur etwa 1 bis 2 Sekunden lang zu sehen und die Winkelablage konnte auf dem OB-Schirm nicht direkt in Grad abgelesen werden, man mußte vielmehr die Antenne nach dem selben oben schon beschriebenen Maximumverfahren wieder möglichst genau auf das Echozeichen der Wassersäule eindrehen: Der Auswerter sollte also den maximalen Ausschlag des Echozeichens bestimmen und den Funkpeiler entsprechend einweisen, wobei die Höhe der Wassersäule noch nicht einmal konstant ist, sondern sich schnell ändert. Und das ganze dann noch in vielleicht 2 Sekunden, von denen er im übrigen selbst im besten Fall mindestens eine halbe Sekunde Reaktionszeit benötigt. Das hat so wahrscheinlich nicht funktioniert.

Ich glaube also abschließend sagen zu können, daß das FuMG 39 als Entfernungsmessgerät für die Artillerie wie beabsichtigt eine überragende Verbesserung darstellte, abgesehen vielleicht vom Nahbereich. Für die vollständige Feuerleitung mit Peilung, war es wie bekannt (noch) zu ungenau. In zweiter, ursprünglich gar nicht geforderter Funktion war das Gerät als seetaktisches Gerät ebenfalls hervorragend geeignet, die Reichweite mit etwa 2/3 der optischen Sicht tagsüber aber den optischen Geräten nicht ebenbürtig. Dazu kam die eingeschränkte Praktikabilität aufgrund der Tatsache, daß nur eine Braun´sche Röhre für mindestens zwei Zwecke vorhanden war.

Das basierte auf der ablehnenden Haltung der verantwortlichen Stellen bei der Marine, denen die Röhre zu empfindlich war und änderte sich erst im Juni 1940 mit den größeren Genauigkeitsanforderungen der Luftwaffe, denen sich die Marine letztlich nicht verschließen konnte. Damit war der Weg frei für eine zusätzliche Ausstattung des Gema-Geräts für die taktische Übersichtsanzeige mit (vmtl.) integrierter Aufschlagbeobachtung in Form der NB-Anzeige und zweitens für ein zusätzliches Peilgerät (mit dem PB-Anzeigegerät) und einem integrierten, wesentlich genaueren Vergleichsverfahren. Erst damit wurde der "Funkpeilgehilfe" zum richtigen "Funkpeiler" oder meinetwegen Seitenrichtmann und die oben genannten Nachteile waren beseitigt. Auch konnte er nun selbstständig die Gegnerpeilung bestimmen. Dieser Nachholeffekt in der Handhabung ist meiner Ansicht nach mindestens so wichtig wie die mit dem Vergleichsverfahren erzielte Verbesserung der Genauigkeit.

Um ein (vielleicht) letztes Mal auf den AVKS-Bericht zur Bismarck zu kommen: Der Prüfer meinte, ein dritter Mann für die Entfernungsmessung -grob- sei entbehrlich. Und ja, das war er auch, denn diese Funktion konnte gemeinsam mit der E-Messung -fein- von einem einzelnen Entfernungsrichtmann ausgeführt werden, da beide Funktionen des Gema-Geräts, also taktische und Feuerleitung, nicht gleichzeitig ausgeübt werden konnten. Die Geräte standen im übrigen deshalb möglichst nebeneinander. Zur taktischen Verwendung des PB-Geräts schreibe ich noch was. Soweit aber mal der Versuch eines vorläufigen Resummés.

Auch zum NB-Gerät habe ich wie schon erwähnt noch was in petto und das Peilgerät ist es auch wert, nochmals genauer unter die Lupe genommen zu werden. Dann, ja dann haben wir die Gema-Anlage fast komplett und können uns ganz anderen Dingen zuwenden...  :lol:

So weit, Grüße in die Runde

Gabler



mhorgran


Leopard2A6EX

Danke Gabler - wieder mal große Klasse! Kannst du nicht vielleicht, in deinem Erklär- und Erzählstil, all das bündeln und in einem eigenen Buch zu dem Thema veröffentlichen? Ich wäre dein erster Kunde! Also nur, falls du sonst nichts weiter zu tun hast.. 😎😬😉😉

Gabler

Hallo Ihr zwei,

vielen Dank für den Zuspruch! Habe jetzt mal zu einem speziellen Schiff (Walter Holtzapfel) einen anderen Gesprächsfaden verwendet, der Übersichtlichkeit halber:
https://forum-marinearchiv.de/smf/index.php?topic=29054.msg462259#msg462259

Grüße und schönes Restwochenende

Gabler

Darius

Hallo Radar-Forschungsteam,

diese "Radar"-Themen wären eigentlich eine gute Basis für einen Fachartikel im HMA 
--/>/> https://www.historisches-marinearchiv.de/sonstiges/artikel/index.php  :MZ:

:MG:

Darius

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