Russische Marinebasis am Bosporus

Begonnen von Thomas, 10 Januar 2007, 16:10:35

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Thomas

Hallo,

mich beschäftigt ein weitergehendes Balkan-Problem aus der Vorgeschichte des dt.-russ. Krieges.

Vom 12.11.1940 an fand der Molotow-Besuch in Berlin statt, der die Fortführung der russisch-deutschen Beziehungen klären sollte. Im Zuge dieser Gespräche trug Ribbentrop Moltow den detaillierten Entwurf eines "4-Mächte-Paktes" vor, also dem Beitritt der SU zum bestehenden 4-Mächte-Pakt D-I-JP. Es handelt sich um eine gesonderte Vereinbarung, mit zwei Anhängen als geheime Zusatzvereinbarungen. Der schriftliche Entwurf (der von Ribbentrop quasi vorgelesen wurde) stammt vermutlich vom 9.11.1940 oder früher, jedenfalls ist er handschriftlich von der deutschen Botschaft mit dem Datum abgezeichnet.

In dem Vertragsentwurf werden Interessensphären abgegrenzt, neben den europäischen Neuordnungen aufgrund des Krieges werden Mittelafrika zu D und Nordafrika und NO-Afrika zu Italien, SO-Asien zu Japan, und alles südlich Batum-Baku in Richtung Persien etc. der SU zugeschlagen. Angefügt wurde später, dass JP außerdem auf seine Kohle- und Öllizenzen auf Sachalin verzichten soll, wofür SU bereits zuvor als Ausgleich 100.000 to. Öl p.a. angeboten hatte).

Relativ zügig beantwortete die SU diesen Vertragsvorschlag am 26.11.1940, nachdem wohl Molotow Stalin in Moskau unterrichtet hatte. Man war grundsätzlich zu einer Annahme bereit, aber unter bestimmten Bedingungen, und formulierte diese quasi als ERgänzung zum deutschen Entwurf:
1. aus 2 geheimen Zusatzprotokollen sollten 5 werden (Finnland, Persien, etc.)
2. in einem dieser Protokolle werden Beziehungen zu Bulgarien und Türkei geregelt. Bulgarien wird als russische Sicherheitszone definiert, da es als Schwarzmeerstaat die Sicherheitsinteressen berühre. Hier sollte ein gegenseitiger Beistandspakt ohne territoriale Anforderungen abgeschlossen werden, der von den 4 Grossmächten durchgesetzt werden sollte.

Mir geht es nun um die Erweiterung dieser russischen Ansprüche:

3. In dem gleichen geheimen Zusatzprotokoll sollte der SU auf Pachtbasis eine Basis für Land-und Seestreitkräfte im "Rayon des Bosporus und der Dardanellen" mit langer Pachtlaufzeit zugestanden werden. Diese Basis sei nötig, da die britischen Seestreitkräfte im Mittelmeer langfristig eine Bedrohung für die SU darstellten. Sollte sich die Türkei sperren, hätten die 3 Mächte SU-D-I alles Notwendige zu veranlassen, um den russischen Anspruch durchzusetzen. Im Prinzip könnte man dieses als Kriegsvorbereitung der SU gegen GB deuten, da die Lenkung der russischen Interessensphäre nach Osten auf Persien, Indien etc. eine Konfrontation mit GB bedeuten würde.

Unter diesen Bedingungen erklärte Molotow die Bereitschaft der SU, dem Pakt beizutreten.
Deutsche Reaktionen auf den Molotow-Ergänzungsvorschlag sind nie erfolgt, vielmehr gab es gleichzeitig (geheime) Abstimmungen mit Bulgarien über den möglichen Beitritt zum 3-Mächte-Pakt und zur Zurückweisung russischer Wünsche, daneben die anlaufenden Truppenverschiebungen, bei denen für den März41 der Grenzübertritt zu Bulgarien abgesprochen wurde, um in Griechenland einzumarschieren.

Ist diese russische Forderung irgendwie sonst belegt oder wurde sie gegenüber der Türkei geäußert? Gibt es dazu Angaben, welchen Umfang dieser gepachtete russische Stützpunkt annehmen sollte - er müßte sicher gross genug sein, um die Dardanellen ausreichend zu sperren. Hat die SU diese Forderung in 1945 gegenüber den Alliierten oder der Türkei wiederholt?

Bin für jeden Hinweis dankbar.
Grüße
Thomas

Langensiepen

#1
Na, da haben die Herrn Hitler und Stalin sich ja was schönes ausgedacht.  Kein türkischer Politiker oder Militär hätte auch nur eine Handbreit Land irgendwem überlassen. Allein schon die Vorstellung einer `Pacht ` zeigt das die Verantwortlichen für diesen Plan der mentale Zustand der Türkei unbekannt war oder aber – Scheiß rauf – man wollte Krieg.  Für die Wehrmacht oder die Rote Armee wäre es ein verfrühtes Vietnam geworden. In Kürze: Die Besorgnis der Türkei richtete sich bis so um 1941 gen Italien, danach  ging der Blick in Richtung DR und UdSSR. Ab 1943 wurde Schutz bei den USA gesucht und gefunden, vorher war man schon eng an GB gebunden. Der NATO Eintritt ist ausschließlich auf Herrn Stalins Balkanlandraub zurück zuführen. Nebenbei gab es in der Türkei kein mess- oder bemerkbares kommunistisches Element, das als 5.Kolonne wirken konnte. . Da dir ja ne Uni-Bibl. zu Verfügung steht, hol dir die Materialsammlung `Die Türkei in den Jahren 1935-1941 / 1943` G. Jäschke. Ist zwar Nazi Werk, aber mit klarem Verstand versteht man schon was dort  geschrieben ist.
BERND   8-)
PS: Was steht riesengroß in Stein gemeiselt an den Dardanellen? DUR! Eben!

Spee

Servus Thomas,

als Kriegsvorbereitung würde ich die sowjetischen Äußerungen nicht sehen.
Molotow ging nur auf die Fragen von deutscher Seite ein und stellte entsprechende Gegenfragen. Ein Abstecken der Interessenshpären ohne konkrete Maßnahmen. Molotow sprach von einer ähnlichen sowjetischen Mission in Bulgarien, wie Deutschland diese schon in Rumänien hatte. Man wolle sich aber zu diesem Punkt mit den Bulgaren selbst unterhalten, ein Einmischung in die inneren Angelegenheiten Bulgariens strebe man nicht an.
Mit der Türkei wolle man auch reden, um "eine Garantie gegen einen Angriff auf das Schwarze Meer über die Dardanellen nicht nur auf dem Papier" zu haben. Von deutscher Seite wurde eine Revision des Vertrages von Montreux angestrebt.
Molotow forderte am 26.November dann "Land und Marinestützpunkte im Gebiete des Bosporus und der Dardanellen auf Grund eines langfristigen Pachtvertrages". Die Türkei solle per Vertrag einem Bündnis beitreten. Nur im Falle einer Weigerung sollten gemeinsame militärische Maßnahmen ergriffen werden, welche per Protokoll fixiert werden sollen.
Insgesamt interessierte die sowjetische Seite mehr ihre Sicherheit, denn die Ausdehnung ihres Territoriums. Als Hauptfragen standen von sowjetischer Seite Finnland, Bulgarien, das Schwarze Meer und Japan. Gebietserweiterungen in Richtung Indien usw. wurden von deutscher Seite angeboten, von Molotow aber nicht beachtet.

Quelle: Dr. Paul Schmidt; Statist auf diplomatischer Bühne 1923-45 (Dr. Schmidt war Chefdolmetscher im Auswärtigen Amt)
Servus

Thomas

Suicide Is Not a War-Winning Strategy

Thomas

Hallo Thomas,

das ist eine gute Zusammenfassung der Molotow-Gespräche von Schmidt (und durch Dich  :wink: ) und stellt völlig richtig die Aktenlage des Außenministeriums dar.

Sowohl gegen Bulgarien als auch gegen die Türkei lassen die russischen Äußerungen gegenüber Deutschland nicht auf eine einfache Wiederholung der Bessarabien- oder Baltikum-Behandlung durch die SU schließen, sondern berücksichtigen - soweit man natürlich den russischen Äußerungen Glauben schenken kann - die territoriale Integrität beider Länder. Allerdings sollte die Anpachtung des Marinestützpunktes in den Dardanellen notfalls auch unter Druck von drei Grossmächten durchgesetzt werden.
Allerdings fragt man sich doch etwas, warum Molotow geheime Zusatzprotokolle verlangt. Das hat doch wohl etwas mit den Machtabsprachen zu tun.

Die "Molotow-Antwort" und den deutschen Vertragsentwurf habe ich verfügbar aus den ADAP, Band XI,1. Wenn dem nichts entgegensteht, würde ich das gerne einmal hier unter Zitierung einstellen.

Grüße
Thomas

Langensiepen

#4
Allerdings sollte die Anpachtung des Marinestützpunktes in den Dardanellen notfalls auch unter Druck von drei Grossmächten durchgesetzt werden.
Ich frage mich beim lesen solch `diplomatischer Ergüsse `, tat man auf deutscher Seite nur so oder glaubte man wirklich am das was man schrieb?  So als wenn Japan die USA auffordern würde ihr Stützpunkte in California oder am Panama Kanal zu überlassen. Hier an Verhandlungen zu glauben ist auch aus der sicht von 1940 gefährlicher Irrglaube. Gerade die deutsche Diplomatie und das deutsche Militär waren  durch x-Verbindungen, auch privater Art, bestens über die inneren Zustände in der Türkei informiert. Man wusste, das nach dem Befreiungskrieg und den wirtschaftlichen hin- und her der 20iger / 30ziger Jahre die türkische Nation ( und das ist so gemeint wie geschrieben ) niemals irgendwelcher Art von Fremdbestimmung oder Besatzungen zu lassen würden. Der Befreiungskrieg war nun mal gerade 15 Jahre her. Wußte man in Berlin wirklich nicht was Sache war? Hat nicht Gen. Çakmak intensiv dem deutschen Militär- Attache anlässlich der `Italien-Krise` klar und deutlich vorgeführt, das die Türkei im Falle eines Angriffes zum Partisanenkrieg und zur Taktik der verbrannten Erde übergehen würde und sich in keiner Weise anders verhalten würde die die Briten 1940. Die MiLLiYET ( eine der größten Tagenszeitungen ) hat mal vor Jahren eine Zusammenfassung von Zeitungsartikel der Jahre 1936-46 herausgebracht. Das was ich da lesen kann, lasen deutsche Diplomaten schon vor 65 Jahren. Will sagen: Was war bei der Nazidiplomatie eigentlich noch Diplomatie, oder war alles Reichsparteitag unter Herr Ribbentrop.
BERND

Spee

Ich würde es nicht als Diplomatie verstehen. Eher sehr stümperhafte Versuche darin.
Ribbentrop bzw. Hitler haben versucht, das sowjetische Interesse gen Süden zu lenken. Molotow hat das wohl sofort durchschaut. Einerseits haben die Russen nicht wirklich ein Interesse an Indien und andererseits ging es der sowjetischen Führung darum, nicht durch irgendwelche Gebietsverteilungen zwischen Deutschland, Italien und Japan in irgendeiner Form abgeschnürrt bzw. abhängig zu werden. Deshalb z.B. dann auch die spätere Forderung nach einem Stützpunkt im Bereich des Skaggerak/Kattegat.
Während die deutsche Seite die sowjetischen Interessen aus Europa heraushaben wollte und die Sowjetunion in einen Konflikt mit den Briten bewegen wollte, ging die sowjetische Seite diese Verhandlungen sehr realistisch an. Es ging um die Sicherheit des Landes, da man zu diesem Zeitpunkt allein dastand. Die alliierte Seite hielt die Sowjetunion für einen Unterstützer der Achse und der Achse selbst konnte die Sowjetunion auch nicht trauen.
Servus

Thomas

Suicide Is Not a War-Winning Strategy

Thomas

Hallo Thomas,

aus allem zusammen vom 23.8.1939 bis zum 26.11.1940 würde ich den Schluss ziehen, dass sich das wesentliche Interesse der russischen Seite im Herbst 1940 tatsächlich noch auf den Balkan bezog, letztlich insbesondere die Dardanellen zu kontrollieren. Ggf. noch Finnland.

Die revisionistischen Ziele in Bezug auf den I. Weltkrieg waren inzwischen realisiert.
Die militärische Stellung, so wie Du schreibst, unsicher und isoliert, die Rüstungsanstrengungen liefen auf höchsten Touren.
Die Sache mit dem Ostseeausgang stammt aus dem Telegramm Stalins an Molotow, sie ist nach meinem Eindruck von Molotow als Testballon für die deutsche Reaktion benutzt worden und nicht wiederholt worden. Insbesondere steht davon nichts mehr in den "Restforderungen" vom 26.11.1940.
Gerade dieser Punkt wird m.E. in der Literatur ziemlich aufgebauscht. Wenn überhaupt, ging es um freie Durchfahrt.

Grüße
Thomas

P.S. Frage an die Moderation: Kann ich die Dokumente einstellen oder ist das problematisch?

Spee

@Thomas,

so sehe ich das auch. Die sowjetische Führung hat nur getan, was jeder in ihrer Situation getan hätte. Das beste daraus machen und Zeit gewinnen. Natürlich ging es der Sowjetunion nur um einen freien Durchgang durch die Ostsee, aber daß kann man ja mal mit einer (völlig irrelevanten) Forderung verbinden. Mal schauen, was kommt.

PS: Von der Moderation: Scans aus Bücher einstellen, prinzipiell nein -> Copyright. Ausnahme, du hast das Buch geschrieben bzw. du hast eine Genehmigung dafür. Ein abgeschriebener Text ist in diesem Fall kein Problem, da es sich um ein offizielles staatliches Dokument handelt. Dafür hat niemand Gehirn verbraucht.
Servus

Thomas

Suicide Is Not a War-Winning Strategy

Thomas

Na denn:

Abschrift Dokument Nr. 405, aus ADAP Serie D, Band XI.1:
104/112 669-70
Der Botschafter in Moskau an das Auswärtige Amt
Telegramm
Citissime                                                Moskau, den 26. November 1940     5 Uhr 34
Strenggeheim                                         Ankunft: 26. November    8 Uhr 50
Nr. [2562] vom 25. 11.
Für Herrn Reichsminister persönlich.
Molotov bat mich heute abend zu sich und erklärte in Gegenwart Dekanozov Nachstehendes.
Die Sowjetregierung habe Inhalt der Ausführungen Herrn Reichsaußenministers in der abschließenden Unterredung vom 13. November geprüft und nehme wie folgt dazu Stellung:

„Die Sowjetunion ist bereit, den Entwurf des von Herrn Reichsaußenminister in der Unterredung vom 13. November skizzierten Viermachtepakts über die politische Zusammenarbeit und gegenseitige wirtschaftliche [Unterstützung] unter nachstehenden Bedingungen anzunehmen:
1.) Sofern die deutschen Truppen unverzüglich aus Finnland zurückgezogen werden, das gemäß den Abkommen von 1939 (Anemerkung: gemeint ist das Geheime Zusatzprotokoll zum Nichtangriffspakt) zur Einflußsphäre der Sowjetunion gehört. Dabei verpflichtet sich die Sowjetunion, friedliche Beziehungen zu Finnland sicherzustellen sowie die deutschen wirtschaftlichen Interessen in Finnland (Ausfuhr von Holz und Nickel) zu wahren.
2.) Sofern in den nachsten Monaten Sicherheit der Sowjetunion in den Meerengen durch Abschluß eines gegenseitigen Beistandspaktes zwischen Sowjetunion und dem seiner geographischen Lage nach in der Sicherheitszone der Schwarzen-Meer-Grenzen der Sowjetunion liegenden Bulgarien sowie durch Schaffung einer Basis fur Land- und Seestreitkrafte der UdSSR im Rayon des Bosporus und der Dardanellen auf der Grundlage einer langfristigen Pacht gewährleistet wird.
3.) Sofern als Schwerpunkt der Aspirationen der Sowjetunion der Raum südlich Batum und Baku in der allgemeinen Richtung auf den Persischen Golf hin anerkannt wird.
4.) Sofern Japan auf seine Konzessionsrechte betreffs Kohle und Naphtha auf Nord-Sachalin [verzichtet].

In Übereinstimmung mit Vorstehendem müßte der von Herrn Reichsaußenminister skizzierte Entwurf des Protokolls über die Abgrenzung der Inter-essensphären im Sinne einer Festlegung des Schwerpunktes der Aspirationen der Sowjetunion sudlich Batum und Baku in der allgemeinen Richtung auf den Persischen Golf abgeändert werden.

Ebenso müßte der Entwurf des Protokolls beziehungsweise Abkommens zwischen Deutschland, Italien und Sowjetunion bezuglich der Türkei abgeändert werden, und zwar in dem Sinne der Sicherstellung einer Basis fur [Land-](*)  und Seestreitkrafte der UdSSR am Bosporus und Dardanellen auf der Grundlage einer langfristigen Pacht nebst einer Garantie der Unabhängigkeit und des Territoriums der Türkei seitens genannter drei Staaten, falls sich die Türkei bereit erklärt, sich dem Viermächtepakt anzuschließen.

Dieses Protokoll müßte vorsehen, daß im Falle Weigerung der Türkei, sich den vier Mächten anzuschließen, Deutschland, Italien und die Sowjetunion übereinkommen, die erforderlichen militarischen und diplomatischen Maßnahmen auszuarbeiten und durchzuführen, worüber besonderes Abkommen abgeschlossen werden müßte.

Ferner müßte vereinbart werden:
a)   ein drittes geheimes Protokoll zwischen Deutschland und der Sowjetunion uber Finnland (vgl. oben Punkt 1);
b)   ein viertes geheimes Protokoll zwischen Japan und der Sowjetunion über den Verzicht Japans auf die Naphtha- und Kohlenkonzessionen auf Nord-Sachalin (gegen eine angemessene Entschädigung),
c)   ein fünftes geheimes Protokoll zwischen Deutschland, der Sowjetunion und Italien mit der Anerkennung dessen, daß sich Bulgarien im Hinblick auf seine geographische Lage in der Sicherheitszone der Schwarzmeergrenzen der Sowjetunion befindet und daß es daher als politisch notwendig erachtet wird, einen gegenseitigen Beistandspakt zwischen der Sowjetunion und Bulgarien abzuschließen, der in keiner Weise das innere Regime Bulgariens, seine Souveränitat und Unabhängigkeit berühren soll."

Abschließend erklarte Molotov, sowjetischer Vorschlag würde statt der vom Herrn RAM ins Auge gefaßten zwei geheimen Protokolle deren fünf vorsehen. Für die deutsche Stellungnahme ware er dankbar.
SCHULENBURG"

Dieses Telegramm wurde bei der Übermittlung nach Berlin verstümmelt; als Nummer war dort ,2362" notiert. Die richtige Telegrammnummer und die Textwörter in eckigen Klammern sind dem Entwurf der Botschaft Moskau entnommen (292/183 876-81).
(*) Im Berlin-Exemplar "leichte".


Grüße
Thomas

Spee

Dankeschön!!

Feiner diplomatischer Kram. Die Grundfrage ist in Prinzip immer noch offen bzw. nicht angesprochen. Wird die UdSSR überhaupt ein 4-Mächte-Abkommen unterzeichnen wollen? Mit Italien vielleicht, mit Deutschland und den Japanern nur unter Vorbehalt bzw. mit gewaltigem Mißtrauen. Im Grunde ist die ganze Diplomatie zu diesem Zeitpunkt nur Zeitschinderei, einen wirklichen Hintergrund sehe ich nicht.
Seit dem am 6.Juni 1940 der sowjetische Militärattaché in Bulgarien gemeldet hat, daß nach einem Waffenstillstand mit Frankreich; Deutschland, Italien und Japan einen Angriff gegen die Sowjetunion planen, dürfte die Glaubwürdigkeit aller Vereinbarungen für die sowjetische Seite gleich Null gewesen sein.
Servus

Thomas

Suicide Is Not a War-Winning Strategy

Thomas

Hallo,

weiter im diplomatischen Kram  :-D man beachte die "Interessen auf die Wohlfahrt der beteiligten Völker"

hier der Vorschlag Hitlers und Ribbentrops, nach den Besuchsprotokollen von Schmidt in den ADAP beachtenswert von Ribbentrop NICHT an Molotow übergeben, sondern VORGELESEN:

Abschrift ADAP, Serie V, Band XI,1 Nr. 309:
"292/183 883-89
Entwurf eines Abkommens zwischen den Staaten des Dreimächtepakts und der Sowjetunion *)
Abkommen zwischen den Staaten des Dreimächtepakts Deutschland, Italien und Japan einerseits und der Sowjetunion andererseits

Die Regierungen der Staaten des Dreimächtepakts Deutschland, Italien und Japan einerseits und die Regierung der UdSSR andererseits haben in dem Wunsche, in ihren natürlichen Interessensphären in Europa, Asien und Afrika eine neue, der Wohlfahrt aller beteiligten Volker dienende Ordnung herbeizuführen und fur ihre auf dieses Ziel gerichtete Zusammenarbeit eine feste und dauernde Grundlage zu schaffen, folgendes vereinbart:

Artikel I
In dem Dreimächtepakt von Berlin vom 27. September 1940 haben Deutschland, Italien und Japan vereinbart, der Ausdehnung des Krieges zu einem Weltkonflikt mit allen Mitteln entgegenzutreten und fur eine baldige Wiederherstellung des Weltfriedens zusammenzuarbeiten. Sie haben dabei ihren Willen bekundet, ihre Zusammenarbeit auf solche Nationen in anderen Teilen der Welt auszudehnen, die geneigt sind, ihren Bemühungen eine ahnliche Richtung wie sie selbst zu geben. Die Sowjetunion erklärt sich mit dieser Zielsetzung des Dreimächtepakts solidarisch und ist ihrerseits entschlossen, mit den drei Mächten auf dieser Linie politisch zusammenzuarbeiten.

Artikel II
Deutschland, Italien, Japan und die Sowjetunion verpflichten sich, ihre natürlichen Interessensphären gegenseitig zu respektieren. Sofern diese Interessen sphären sich berühren, werden sie sich über die sich daraus ergebenden Fragen fortlaufend freundschaftlich verständigen.
Deutschland, Italien und Japan erklären ihrerseits, daß sie den gegenwärtigen Besitzstand der Sowjetunion anerkennen und daß sie ihn respektieren werden.

Artikel III
Deutschland, Italien, Japan und die Sowjetunion verpflichten sich, keiner Mächtegruppierung beizutreten und keine Mächtegruppierung zu unterstützen, die gegen eine der vier Mächte gerichtet ist.
Die vier Mächte werden sich in wirtschaftlicher Beziehung nach jeder Richtung hin unterstützen und die zwischen ihnen bestehenden Abmachungen ergänzen und erweitern.

Artikel IV
Dieses Abkommen tritt mit der Unterzeichnung in Kraft und gilt für eine Zeitdauer von 10 Jahren. Die Regierungen der vier Mächte werden sich rechtzeitig vor Ablauf dieser Frist über die Frage einer Verlängerung des Abkommens verständigen.

Ausgefertigt in vierfacher Urschrift in deutscher, italienischer, japanischer und russischer Sprache.
Moskau, den.........1940

Entwurf Geheimes Protokoll Nr. 1
Die Vertreter von Deutschland, Italien, Japan und der Sowjetunion haben bei der heutigen Unterzeichnung des zwischen ihnen geschlossenen Abkommens folgendes festgestellt:

1)   Deutschland erklärt, daß, abgesehen von den im Friedensschluß durchzuführenden europäischen territorialen Revisionen, der Schwerpunkt seiner territorialen Aspirationen in den mittelafrikanischen Gebieten liegt.
2)    Italien erklärt, daß, abgesehen von den im Friedensschluß durchzuführenden europaischen territorialen Revisionen, der Schwerpunkt seiner territorialen Aspirationen in den Gebieten Nord- und Nordostafrikas liegt.
3)   Japan erklärt, daß der Schwerpunkt seiner territorialen Aspirationen im ostasiatischen Raum südlich des japanischen Inselreichs liegt.
4)   Die Sowjetunion erklärt, daß der Schwerpunkt ihrer territorialen Aspirationen im Süden des Staatsgebietes der Sowjetunion in Richtung des Indischen Ozean liegt.

Die vier Mächte erklären, daß sie, vorbehaltlich der Regelung von Einzelfragen, diese territorialen Aspirationen gegenseitig respektieren und sich ihrer Verwirklichung nicht entgegensetzen werden.

Moskau, den.......... 1940

Entwurf Geheimes Protokoll Nr. 2
abzuschließen zwischen Deutschland, Italien und der Sowjetunion

Anläßlich der heutigen Unterzeichnung des Abkommens zwischen Deutschland, Italien, Japan und der Sowjetunion haben die Vertreter von Deutschland, Italien und der Sowjetunion folgendes festgestellt:
1) Deutschland, Italien und die Sowjetunion stimmen in der Auffassung überein, daß es in ihrem gemeinsamen Interesse liegt, die Türkei aus ihren bisherigen internationalen Bindungen zu lösen und fortschreitend für eine politische Zusammenarbeit mit ihnen zu gewinnen. Sie erklären, daß sie dieses Ziel in enger Fühlungnahme nach einer noch festzulegenden Richtlinie gemeinsam verfolgen werden.
2)  Deutschland, Italien und die Sowjetunion erklaren ihr Einverständnis, zu einem gegebenen Zeitpunkt gemeinsam mit der Türkei ein Abkommen zu schließen, worin die drei Mächte den Besitzstand der Türkei anerkennen.
3)  Deutschland, Italien und die Sowjetunion werden gemeinsam darauf hinwirken, daß das gegenwärtig geltende Meerengenstatut von Montreux durch ein anderes Statut ersetzt wird. Durch dieses Statut würde der Sowjetunion das Recht einzuräumen sein, mit ihrer Kriegsflotte jederzeit unbeschränkt die Meerengen zu passieren, während alle anderen Mächte, ausschließlich der übrigen Schwarzmeerstaaten, aber einschließlich Deutschlands und Italiens, auf das Recht der Durchfahrt durch die Meerengen fur ihre Kriegsfahrzeuge grundsätzlich verzichten. Die Durchfahrt von Handelsschiffen durch die Meerengen würde dabei selbstverständlich grundsätzlich freizubleiben haben.

Moskau, den..........1940"

*) Dieser Entwurf stammt aus den Geheimakten der Botschaft in Moskau. Das Datum "9.11.40" wurde handschriftlich in der rechten oberen Ecke des ersten Bogens vermerkt.

Grüße
Thomas

EDIT: Ich hoffe jetzt stark auf einen Kommentar von BERND  :MG:

Langensiepen

#11
EDIT: Ich hoffe jetzt stark auf einen Kommentar von BERND

Freu dich mal nicht zu früh.   :-D  Die Angelegenheit zeigt mal wieder wie weit  Nazi-Deutschland moralisch gesunken war. Selbst Staaten in denen es noch einen Rest an Verständnis und Unterstützung gab wurden betrogen und hintergangen. Ich hab mal die türkische Literatur auf die von dir hier vorgelegten Dokumente hin `überlesen`
Was da zwischen Stalin und Hitler 1940/41 abging war in der Absicht bekannt, im Detail nicht. Das Russland den alten Traum  vom dem Besitz der Meerengen nicht aufgegeben hatte galt als Binsenweisheit.
Während Regierung und Militär trotz deutscher Versicherungen nach dem Sommer 1940 nicht mehr glaubten, das Hitler Italien den Griff nach der türkischen Ägäisküste untersagen würde und man sich daher dichter an GB anschloss, war die Stimmung in der Bevölkerung den entgegen gesetzt. Große Teile sahen in Deutschland das Land, das in der Gründungszeit der Republik der Türkei ein ehrlicher und aufrichtiger Partner war. Man hielt es schlicht nicht für möglich das Deutschland, nach dem gemeinsam verlorenen Weltkrieg , der Türkei in den Rücken fallen würden. Was wäre wenn , hab ich ja schon beschrieben.
BERND
PS: Diese Karikatur aus der Milliyet vom  Frühjahr 1941 benötigt keine Erklärung..oder doch  :?

Copyright ist geklärt, solange man nicht Böses über die Milliyet sagt hat man keine Einwende, außerdem überlasse ich den Brüdern oft Fotomaterial zum Nulltarif   8-)


fällt mir gerade noch zum Dauerthema BS ein. Wären die Kriegsmarine locker durch die Dardanellen gekommen? So mit `` Z vor `` und drauf auf die Freunde von damals. Gemein von mir ?  :-D   :-D 

Spee

Tja, zur deutschen Politik der Jahre muß man nichts mehr sagen. Die Karrikatur spricht Bände.
Servus

Thomas

Suicide Is Not a War-Winning Strategy

Thomas

Hallo Bernd,

die Karrikatur spricht Bände, vielen Dank für die Einstellung.

Vielleicht noch zum Abschluss der Geschichte: die Gespräche mit SU wurden natürlich nicht weitergeführt, vielmehr liefen die Vorbereitungen BARBAROSSA. Im Dez40 wurde die entsprechende Führerweisung (nach derjenigen von Marita, die bereits die in Aussicht gestellte Position der SU betr. Bulgarien beeinträchtigte) unterzeichnet. Ende Jan41 fragte Molotow nochmal ausdrücklich in Berlin nach, wieso denn keine Antwort käme. Deutsche Begründung: Er müsse keine Bedenken haben, dass sei ganz normal, schloeßlich dauern die Abstimmungsgespräche zwischen den drei Paktmächten etwas länger, da die SU doch komplizierte Fragen aufgeworfen hat (JP, TR-IT etc.).

Schon in den letzten Dezembertagen40 bis 10.1.41 fanden in der SU strategische Kriegsspiele statt. Inhalt auf Grundlage der Erkenntnisse aus dem West- und Polenfeldzug: Dt. Vorstoß aus Ostpreußen, über Polen und aus Rumänien mit russischem Gegenschlag.

Im Juli41 plante man auftragsgemäß im OKH aufgrund des günstigen Verlaufes im Rußlandfeldzug bereits den Vorstoß eines Panzerkorps durch die Türkei nach Syrien. Die Straßendurchfahrtpläne als OKH-Kartenmappe für die Türkei wurden im Frühjahr 1941 gedruckt (falls man sie schon bei MARITA benötigen würde).

Grüße
Thomas

Huszar

Mal ehrlich, glaubt jemand, dass die Japaner die ru. Forderungen angenommen hätten? (Konzessionen aufgeben, Stossrichtung SO-Asien?) Erstens würde Japan weiteres Öl verlieren (wovon nie genug da war), zweitens fasse ich die Richtungsangabe "südlich der jap. Inseln" so auf, dass China ausgeklammert wird.

Des weiteren: Bulgarien. Souverenität respektieren, usw... Die Souverenität welches bulgarischen Staates? Die mit Hauptstadt Sofia oder Moskau? Mechanismus sollte durch die Baltenstaaten und Finnland bekannt sein. Ebenfalls Finnland.

Klar hat Dtl da wirtschaftliche Interessen, die natürlich anerkannt werden - kommt der nächste Übernahmeversuch, soll doch Dtl versuchen, diese Interessen durchzusetzen  :-D

Türkei: Diese Gewaltanwendungs-Option kann ich mir so vorstellen: die SU soll ruhig versuchen da einzumarschieren, wir werden natürlich eine wohlwollende Neutralität wahren. Sprich: dein Bier, willst dus, sollst du auch für bluten....


Diese ganzen Vertragspläne haben für die SU wesentlich mehr Vorteile, als für alle anderen...


mfg

alex
Reginam occidere nolite timere bonum est si omnes consentiunt ego non contradico
1213, Brief von Erzbischof Johan von Meran an Palatin Bánk von Bor-Kalán

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