Feuergeschwindigkeit SMS Seydlitz

Begonnen von Karlchen, 03 Februar 2007, 15:39:37

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Hades

sehr weise...  :-D

In "Naval Weapons of World War II" stehen für die etwas modernere 28cm SKC/34-Drillinge 17 Sekunden.
Ich nehme an, dass es sich um die min. technisch machbare (oder wie Hastei sagte: mechanisch bedingte) Zeit handelt bei optimalen Bedingungen z.B. das Meer wie ein Babypopo, das Schiff ankert und beschiesst direkt ein Landziel, dass sich auf gleicher Höhe befindet und unbeweglich ist  :-D
Servus
Lothar

t-geronimo

Gruß, Thorsten

"There is every possibility that things are going to change completely."
(Captain Tennant, HMS Repulse, 09.12.1941)

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joe

Hallo an alle,

ich versuche mal, meine Anmerkungen zu gliedern:

- Hülsenauswurf
Hülsenauswurfklappen sind hinten unter dem Turm, da wo er die Barbette überragt. Habe ein Bild der Scharnhorst mit solch geöffneten Klappen, da die Anordnung logisch ist, muß sie hier genauso gewesen sein.

- Theoretische Feuergeschwindigkeit
Liegt offensichtlich (navweaps.com) bei 3 Schuß pro Minute und kann in der Praxis normalerweise nicht erreicht werden. Über den Seegang an dem Tag ist mir nichts bekannt, der hemmt mE die Feuergeschwindigkeit am meisten. Halbsalve alle 10 Sekunden wäre also möglich, wenn auch nur kurzfristig. Ein Teil des Ladevorganges wurde meines Wissens noch von Hand durchgeführt, und der Mensch ist zu vielem fähig.

Nach meinen Informationen interpretiere ich das Abfeuern der Geschütze so: Der Turm selbst wird durch Folgezeiger (also gekoppelt mit dem Feuerleitsystem, sprich hier der Beobachtung durch Entfernungsmesser des AO und seiner Helfer, gleichzeitig automatisch korrigiert durch den Vorhaltewinkel) immer auf einen Punkt x Meter vor dem Ziel gehalten. Nach dem Ladevorgang wird das Rohr in die notwendige Elevation hochgefahren. Abhängig vom Seegang löst der Richtkanonier den Schuß dann aus, sobald die Schiffsbewegung das Ziel fast waagerecht im Visier erscheinen lässt. Er muss also den Schlingervorhalt selbst nach Erfahrungswerten bestimmen, was einen großen Teil der Ausbildung der Richtkanoniere ausmachte. Ein entsprechendes Gerät hierfür wurde erst nach der Skagerrakschlacht eingeführt. Der Schuß muß also das Rohr verlassen, wenn die Schiffsachse genau parallel zur Wasserfläche steht. Da die Granate erst mal 14 Meter durchs Rohr muß, ist der Schuß etwas früher auszulösen - und genau das ist die Schwierigkeit. Hier ist auch die - damals - größte Verzögerung in Abhängigkeit vom Seegang zu sehen.

- Munitionsnachschub zum Turm bzw. zum Geschütz
Da die Aufzugswege zu lang waren für einen Aufzug, gab es eine weitere Umladekammer, also ein Zwischenlager. Aufzug A fährt von Granat/Kartuschkammer zum Zwischenlager, Aufzug B vom Zwischenlager zum Turm. Rund um die Barbette stehen zwei Munitionswagen um 180 Grad versetzt, immer genau neben den Munitionsaufzügen, fahren also um die Barbette herum, natürlich innendrin. Das man bei diesen Wagen keine Möglichkeit fand, einen Drillingsturm optimal zu versorgen, war genau der Grund, weshalb die kaiserliche keine einsetzte.
Jedenfalls war diese Konstruktion mit zwei Aufzügen und Zwischenlager für eine längere hohe Feuergeschwindigkeit ausgelegt. Wie hoch die Förderung tatsächlich war, keine Ahnung

- Gefechtsentfernung
War auf der Doggerbank recht hoch, jenseits der Reichweite der Mittelartillerie, entsprechend 135 hm. Bei einer Reichweite der Geschütze von 181 - 191 hm also zwischen 140 und 180 hm. Laut navweaps für Seydlitz 181 hm bei 13,5 Grad, also sollten wir schon von mindestens 10 Grad Elevation ausgehen, was natürlich die Feuergeschwindigkeit beeinträchtigt. Andererseits - 10 Grad ist so viel nicht. War die Ladestellung der Geschütze auf Null Grad festgelegt? Weiß nicht.

- Rohre auswischen
Die Rohre waren 14 Meter lang bzw. 11 Meter, je nachdem, was man misst. Mit Wischen ist hier nichts zu wollen. Ich erinnere mich an ein Bild vom Rohrreinigen auf einer schweren Einheit der KM, wo bestimmt 10 Mann an einem riesigen Wischlappen hängen. Na, früher mußte ich mein G3 ja auch immer erst nachher reinigen...
Irgendein ganz frühes Turmschiff war wohl mal mit Vorderladern ausgerüstet, diese wurden in Lademulden gefahren, dort gereinigt und geladen. Gut, das muss wohl um 1850 gewesen sein. Aber die Entwicklung der Schiffsartillerie hat ja diese hohen Feuergeschwindigkeiten auch nur hervorgebracht, weil sie im Gefecht nutzbar waren. Um 1880 / 1890 noch 1 Schuß pro 2 Minuten, 1910 schon umgekehrt.

- Beobachtung und Korrektur des Feuers
Bei einer V-Null der Granate von ca. 880 Meter pro Sekunde, 150 hm Entfernung, einer ballistischen Flugbahn sowie Bremsung der Granatengeschwindigkeit durch den Luftwiderstand - ok, schätzen wir mal 20 - 25 Sekunden vom Abschuss bis Einschlag. Nehmen wir mal an, die Lion sei 25 Knoten gelaufen, entsprechend etwa 46 km/h, so kommen wir auf 46000 Meter pro Stunde, 770 Meter pro Minute und 13 Meter pro Sekunde. Die Granate schlägt also ein (wenn sie 25 Sekunden braucht), sobald Lion 325 Meter zurückgelegt hat.
Man kann natürlich auch sagen, daß ich immer nur die Ergebnisse der drittletzten Halbsalve beobachten kann.
Da aber Ausweichmanöver immer auch eine Beeinträchtigung der eigenen Artillerie darstellen, die Briten sowieso in der Überzahl waren, die Schiffe ja auch relativ dicht hintereinander fuhren - ich glaube nicht, daß die groß von ihrer Linie abgewichen sind, um gegnerischen Geschossen auszuweichen. Wenn es hoch kam, trafen 5 Prozent der Geschosse !!! Und das, obwohl das Ziel stillhält, bzw. nicht von seinem Kurs abweicht.

- Überlebende aus Turm Dora
Nach meinen Informationen haben es drei Mann geschafft, aus der Flammenhölle herauszukommen. Einer starb kurz darauf im Lazarett, überlebt haben Ernst König, Ladenummer am linken Geschütz, sowie ein weiterer Mann. Eine - mir gerade nicht in Erinnerung befindliche - Quelle gab an, daß Besatzungsmitglieder der Munitionskammer Turm Dora die Türen zu Turm Cäsar öffneten, um sich zu retten, wodurch die Flammen auch Turm Cäsar vernichteten.

Wie immer, bin ich auf Kommentare, gerne auch Richtigstellungen, sehr gespannt.

Spee

@Joe,

überlebt haben die Matrosen König und Sackut. Beide wurden wegen des Explosionsdruck durch das offene Einstiegsloch des Turmes aus dem Turm (Dora?) geschleudert.
Servus

Thomas

Suicide Is Not a War-Winning Strategy

Leutnant Werner

@joe
Wg: "Auswischen". Dass die da nicht mitm Wischmob ran sind, war mir auch klar. Das ist lediglich der historische Ausdruck für das Rohrreinigen. Bevor Josef informiert hat, dass dies mit Druckluft geschah, war ich persönlich der Meinung, die Rohre wurden in regelmäßigen Abständen mit Wasser ausgespritzt, was ich irgendwo auch mal gelesen habe (weiß bloß nicht mehr wo).
Lademulden bei schweren Vorderladergeschützen zum Reinigen und Laden der Rohre gab es noch bei einer größeren Anzahl von Panzerschiffen der 1870er und 1880er Jahre, z.B.  bei der berühmten INFLEXIBLE, dem Stolz der Mittelmeerflotte

Hastei

Hallo,
Ihr gebt ja keine Ruhe ! Ausgewischt wurde nach dem Schießen !

Wie schon geschrieben, war ich Turmführer auf einem Zerstörer, dort wurde nach jedem Schuß
mit Wasser und Luft durchgeblasen. Das war allerdings ein kleines " modernes" Geschütz,
die konnten das damals noch nicht nach jedem Schuß. Und da könnt Ihr reden und Bücher zitieren, wenn die Mechanik voll "aufgedreht" ist, hat man keinen Einfluß auf die Kadenz, man
kann sie nicht steigern. Langsamer werden ist was anderes. Ihr müßt Euch mal die Temperatur im
Rohr oder Verschluß vorstellen ! Nach soundsoviel Schüssen konnte man das Rohr "wegschmeißen" ,
es war ausgeleiert und ein genaues Schießen war nicht mehr möglich. Es wurde natürlich nicht weggeschmissen ! Und noch etwas, wenn das Schiff explodiert, wäre es mir egal, ob die Munitionskammer leer oder noch halbvoll ist. Die Schüsse gingen ja doch nur ins Wasser, es sah
natürlich für die Andern gewaltig aus, das muß ich gestehen.

Gruß Hastei

joe

@Leutnant Werner
Ich wollte Dich auch nicht veräppeln oder ähnliches.

@Hastei
Nein, wir geben keine Ruhe. Wir wollen es schließlich genau wissen (Grins)

Frage: Wenn ich mit Wasser durchblase - Das Rohr ist doch glühend heiß. Ist bestimmt für die Lebensdauer nicht sehr förderlich, wenn ich hier abschrecke.

Hastei

@joe,

das Rohr ist nicht glühend heiß, und es wird nur ein kurzer Strahl gegeben.
Auswischen mit Bürste und Öllappen nach dem Schießen.  Es ist kein Abschrecken im Sinne
von Stahl-Härten.

Gruß Hastei

joe

Danke für die Info. Aber ihr habt doch nur die Kartuschkammer gereinigt ? Während des Schießens, meine ich. Das anschließend alles gewienert wird, versteht sich ja wohl  :MG:

Hastei

Hallo Joe,
also, nach jedem Schuß ( 1 Schuß/Min) wurde Wasser durchgeblasen. ganz kurz nur ,sh. Kadenz.
Eine Kartuschkammer in dem Sinn hatte das Geschütz nicht, nur Patronenlager und das wurde anschließend gereinigt und der Verschluß dann ausgebaut und auch gereinigt . Anschließend alles einölen, Stopfen aufs Rohrende, fertig. Manchmal bekamen wir den Stopfen aber nicht ab und dann wurde er eben draufgelassen und weggeschossen.
Bei diesem Kalieber, 10 cm , war Geschoß und Kartusche noch zusammen, erst ab 12,7 cm
waren sie dann getrennt. Hatte was mit dem Gewicht zu tun, war dann zu schwer zum händeln.

Gruß Hastei

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