Ostsee-Flucht: Ostpreussen

Begonnen von TW, 12 Mai 2026, 17:34:51

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Von Königsberg bis Gotenhafen
Von Hedwig Neubacher aus Saugen im Kreis Heydekrug

Eines Nachts [im Februar 1945] wurden alle Zivilpersonen in unserer Wohngegend [in Königsberg] aufgefordert, sich zum Hafen zu begeben. Dort bestiegen wir Kohlenkähne, die uns nach Pillau brachten. Dabei kam man sich vor wie das liebe Vieh. Gleichzeitig gab es uns aber auch einen Hoffnungsschimmer, sich vor der Roten Armee zu retten. In Pillau wurden wir zunächst unserem Schicksal überlassen.

Tausende Flüchtlinge hatten sich in Pillau am Hafen versammelt, in der Hoffnung, um von Schiffen der Kriegs- oder Handelsmarine aus dem von den Russen eingeschlossenen Königsberg befreit zu werden. Wir hatten wieder Glück. Noch am selben Tag legte ein Schiff am Kai an. Um auf das Schiff zu kommen, gab es viel Gedränge. Da nahm Niemand auf den Anderen Rücksicht. Meine Mutter wäre fast ins Wasser gefallen. Wieder saßen wir im Kohlenraum eines Schiffes, noch froh, dass wir hier von Tieffliegern ziemlich geschützt waren.

Wir waren glücklich, als wir auf der Halbinsel Hela wieder festen Boden betreten konnten und uns zunächst der allergrößten Gefahr entzogen hatten. Gemeinsam mit Irmgard - einem Mädchen meines Alters - erkundeten wir die nähere Umgebung. Was wir da zu sehen bekamen war schrecklich. Zerbombte Häuser und verwundete Soldaten, die Ende Februar auf freiem Feld lagen. Wie mag nur deren Schicksal verlaufen sein?

Ich kehrte zu meiner Familie zurück. Plötzlich sahen wir ein Schiff, das Flüchtlinge an Bord nahm. Mit nur ein paar Habseligkeiten bestiegen wir ein Schiff der Kriegsmarine. Viel Wert war ein Eimer, in dem meine Mutter einen Sauerbraten aus Pferdefleisch in Königsberg eingelegt hatte. Das sollte für die nächsten Tage unsere Verpflegung sein. Im Geleit mit drei weiteren Schiffen, die alle bis auf den letzten Platz belegt waren, setzten sich die Schiffe nach Gotenhafen in Bewegung. Ein schreckliches Bild bot der Kohlenraum, in dem die verwundeten Soldaten untergebracht waren. Weitere Soldaten und die Flüchtlinge mussten sich an Deck unter freiem Himmel aufhalten. Froh war schon der, der ein geschütztes Plätzchen gefunden hatte. Wegen zu starken Nebels mussten die Schiffe vor Anker gehen. Erst nach drei Tagen konnte die Fahrt fortgesetzt werden. Ein Tieffliegerangriff konnte die Schiffsflak abwehren. An einem Tage, als ich gerade auf Entdeckung am anderen Ende des Schiffes war, erschüttert das Schiff eine starke Detonation. Oh weh, was war das? Meine Beine konnten fast nicht mehr laufen. Alle Menschen fielen in Angst und Schrecken. Die genaue Ursache der Detonation ließ sich nicht feststellen und so kamen wir denn doch noch glücklich in Gotenhafen (Danziger Bucht) an. Der Eimer mit dem Pferdefleisch war leer, aber sein Inhalt hatte uns vor einem großen Hunger bewahrt.
Schönen Gruß aus Stuttgart
Thomas

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