Ostsee-Flucht: Albert Jensen

Begonnen von TW, 12 Mai 2026, 18:16:15

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Von Pillau bis nach Rügen
von Werner Viehs

Bei Kämpfen mit der Roten Armee bin ich am 4. April 1945 schwer verwundet worden. In einem Lazarett-Zug komme ich zwei Tage später im Hafen von Pillau an. Wir Verwundeten liegen auf Tragbahren an der Pier in Pillau.
 
Unser Einschiffen erfolgt am 8. April auf die "Albert Jensen", ein Transporter für Schütt- und Frachtgüter. Die Bunker-Ladefläche ist mit Stroh ausgelegt. Wir liegen dicht in Reihen nebeneinander. Die Ladeluke ist ca. 6 bis 7 Meter über uns. Zugang ist über eine seitliche Steg-Treppe oder lose Leitern. "Das ist ein geschlossener Sarg!" Einige Sanitäter kümmern sich um uns. Es gibt zeitweilig auch etwas zu essen. Für das 'kleine Geschäft' habe ich eine alte Konservendose. Ein Geleitzug soll zusammengestellt werden. Die Schiffe formieren sich auf Reede. Unser Schiff wird belegt. Knapp 300-400 Verwundete sind da.

Fliegeralarm! Bomben! Erschütterung! Wir sind getroffen! Wassereinbruch. Leichte Schlagseite, .... kentern wir ? Schreie, Schüsse, Selbstmord? In der ersten halben Stunde herrscht Chaos. Die Leichtverwundeten sind fluchtartig nach draußen. Keiner kümmert sich um uns, die Schwerverwundeten. Die Schräglage des Schiffes ist am eingelaufenen Wasser erkennbar. Aber es schwimmt ja noch! Notdurft mach' ich neben mich. Ich verstehe es heute besser, wenn man (exakt wörtlich) die Hosen voll hat. Das passiert auch Helden! Keine Hilfe. Ich kann wieder beten.

Die Schlagseite nimmt zu. Wasser läuft nach. Ich liege in der Mitte und krieche zum oberen Rand. In meinem Bereich sind noch ca. 100 hilflose Schwer-Verwundete. Nach paar Stunden zeigt sich oben am Luk ein Sani, der beruhigt und Hilfe verspricht: "Wir sind noch schwimmfähig". Ob man uns etwas vormacht? Ob es wahr ist? Wir haben keine Übersicht zu den Auswirkungen des Bombentreffers. Hilfe kommt nicht. Brandgeruch und Schräglage verstärken sich. Fast 24 Stunden halte ich es aus.

In jeder Minute erwartete ich etwas Entscheidendes: Hilfe oder Untergang. Jede Minute war eine Ewigkeit. Dann wage ich es, über die ca. 6-Meter-Leiter auszusteigen. Beide Arme sind verbunden. Streifschuss und Stecksplitter. Das linke Bein hat einen schweren, mit Gips verkleisterten Verband. Ein faustgroßes Loch reicht fast bis zum Knochen. Die vielen kleinen Pflaster an den Beinen zählen nicht. Mit dem rechten Bein vermag ich auf die Sprossen der Leiter zu springen und mich weiter hochzuziehen. Erschöpft komme ich oben an. Ich rufe ein in der Nähe liegendes Boot an, lasse mich ins Wasser fallen, schwimme bei schockartig niedrigen Wasser-Temperaturen hinüber. Ich werde sofort herausgezogen. Gott sei Dank.

Mit einem flachen Fährprahm werde ich dicht unter Land, an Minenfeldern und Russen vorbei, nach Hela gebracht. Am 10. April 1945 komme ich dort auf ein Lazarettschiff kleinerer Größe. Ich liege auf dem Kabinenboden zwischen zwei Deutsch-Russen von einem Freiwilligen-Corps. Einer hieß Alex. Wir rauchten eine gemeinsame "Machorka". Mein Verband stinkt. Es ist noch mein Erst-Verband vom 5. April. Die Läuse jucken darunter. Ich könnte den Verband zerschlagen. Draußen spielt der Russe verrückt. Flieger-Angriffe. In der Nähe fallen Fliegerbomben. Immer wieder fliegt der Russe in neuen Wellen an. Er hört nicht mehr auf.
Schönen Gruß aus Stuttgart
Thomas

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