Ostsee-Flucht: Karlsruhe

Begonnen von TW, 13 Mai 2026, 17:53:27

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Mit Frachter ,,Karlsruhe" von Stolpmünde nach Wismar
Von Ursula Natzke

Am 8. März verließ ich mit dem Frachter ,,Karlsruhe"  den Stolpmünder Hafen. Es herrschte starker Seegang. Kaum hatten wir die Hafenausfahrt hinter uns, wurden bereits viele Menschen seekrank. Einige Flüchtlinge, die schon länger unterwegs waren, besaßen Kochtöpfe und Pfannen. Diese mußten herhalten, um das Erbrochene die steile Leiter hinauf tragen zu können. Leute, die in der Nähe lagen, bekamen wegen des starken Seegangs manches davon ab. (...) Feindliche Flugzeuge verminten die Seewege vor der Küste. Wir hofften, nicht getroffen zu werden, auch nicht von Torpedos feindlicher U-Boote. Bei Dunkelheit wurde die Maschine gestoppt und alle Lichter wurden gelöscht. (...) Unterwegs gab es kaum etwas zu essen. Man musste stundenlang vor dem Gang zur Toilette anstehen – jeder sollte sie nur drei Minuten benutzen. Einmal spendierte uns ein Matrose eine Waschschüssel mit heißem Wasser. Wir durften uns in seiner Kammer waschen. Es war gerade Sonntag. Für uns ein Fest. Nach sieben langen Tagen und sechs fast schlaflosen Nächten landeten wir am Vormittag des 13. März im Hafen der Hansestadt Wismar.
Schönen Gruß aus Stuttgart
Thomas

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Mit Frachter ,,Karlsruhe" von Stolpmünde nach Wismar
Von Eva-Leonore Danielzik

Am Donnerstag, den 8. März gegen 8 Uhr, legte die Karlsruhe ab. Einige Jungens standen anfangs an der Reling, und immer, wenn eine Boje zu sehen war, riefen sie: ,,Da – eine Treibmine!" Das war schrecklich zu hören und belastete mich sehr, da wir ja alle um die Gefahr wußten.

Dann wurde ich auch noch seekrank. Der Magen war leer, aber das Würgen schlimm. Die Toiletten auf dem kleinen Frachter reichten nicht aus. Die Männer erleichterten sich vom Heck des Schiffes aus über Bord, später auch wir Frauen, hinter einer Sichtschutzwand. Einmal konnte ich heißen Kaffee bekommen, gegessen haben wir aber kaum. Ob es auf dem Schiff etwas zu essen gab, oder ob wir vielleicht noch etwas hatten, ich weiß es nicht mehr. Menschen starben und wurden im Meer versenkt – Kinder wurden an Bord geboren.
 
Immerzu begleitete uns die Sorge, auf eine Mine zu stoßen, von Flugzeugen beschossen oder von U-Booten versenkt zu werden. Nachts gab es ein paarmal Fliegeralarm. Dann hielten wir die Ladeluken mit Decken zu, damit der Lichtschein aus den Laderäumen nicht zu sehen war. Es war, als ducke sich das Schiff. Wir duckten uns mit und hielten den Atem an, bis die Flugzeuge wieder verschwunden waren. Es sollen englische Maschinen gewesen sein, die die Ostsee verminten.

Sechs Tage und sechs Nächte waren wir unterwegs. Erst fuhren wir nordwärts bis vor Bornholm, dann südwärts bis vor Rügen. Angesichts der Kreidefelsen lagen wir 56 Stunden vor Rügen und warteten auf andere Schiffe oder auf Geleitschutz. Manchmal sahen wir Schnellboote und auch andere Marineeinheiten in unserer Nähe. Tage und Nächte kauerten wir fast immer auf einem Fleck, erlebten an Deck unter freiem Himmel alle Wetter: Schnee und Regen, Sonne und Wind, Kälte und Nebel. Endlich, am Dienstag, den 13. März 1945, legten wir mittags in Wismar an. Wir waren gerettet. Dankbar für unser neues Leben gingen wir an Land!
Schönen Gruß aus Stuttgart
Thomas

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