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S.M.S GOETZEN - Information über ein Kuriosum

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Leutnant Werner:
Auszug aus Graichen, Gisela/ Gründer, Horst: Deutsche Kolonien – Traum und Trauma
(Ullstein, ISBN: 978-3-548-36940-2)
aus dem Kapitel „Zu Lande, zu Wasser und in der Luft – Technik und Wissenschaft in kolonialem Auftrag“, S. 325 – 327.

„Ebenfalls auf diesem See (dem Tanganjika-See) unterwegs war die „Graf Goetzen“, damals nicht nur das Flaggschiff der kleinen Seen- und Flußflotte der Deutschen, sondern mit einem Gewicht von 800 Tonnen das größte Schiff auf Afrikas Seen überhaupt. 1913 war sie im niedersächsischen Papenburg von den drei Schiffsbauern Hermann Wendt, Rudolf Tellmann und dem Meister Anton Rüter auf der Papenburger Meyer-Werft erbaut worden.

Doch Deutsch-Ostafrika erreichte das Schiff nicht als Ganzes. Die „Goetzen“ wurde von Schrauben zusammengehalten und nach der Montage wieder in ihre Einzelteile zerlegt. Sie wurde in 5000 Holzkisten verpackt. Anschließend gingen die drei Ingenieure mit den Kisten von Hamburg aus auf große Fahrt durch das Mittelmeer und den Suez-Kanal bis nach Daressalam. Die Mittellandbahn in Deutsch-Ostafrika, die dann die Fracht übernahm, führte damals noch nicht bis nach Kigoma am Tanganjika-See. Und so mußten Tausende von Trägern die Kisten schultern – und auch die drei Europäer -, um sie bis an das Ufer des Sees zu tragen. Es wurde ein monatelanges Unterfangen.

Im Frühjahr 1914 war man am Ziel. Bald würde der Kaiser selbst auf dem Schiff den See befahren, hieß es damals in Kigoma, der Hafenstadt am Tanganjika-See. Auf einer Anhöhe wartete der „Kaiserhof“ auf den Besuch des Potentaten. Der kleine Palast sollte als Ausgangspunkt für kaiserliche Safaris dienen. Doch Wilhelm II. setzte weder in den Palast noch auf die „Goetzen“ je einen Fuß. Die drei Papenburger standen kurz vor Beginn des ersten Weltkrieges unter erheblichem Zeitdruck und hatten diverse Schwierigkeiten zu meistern, wie einem Brief des Leiters des Unternehmens, Anton Rüter, an die Meyer-Werft zu entnehmen ist: „ Mit Ausnahme eines unbrauchbaren Tischlers und eines Elektrikers habe ich keine weiteren Europäer bekommen. Ich beschäftige jetzt 20 Inder und 150 Schwarze.“ Doch am Ende gelang alles. Schraube für Schraube, Metallplatte für Metallplatte entstand die „Goetzen“ neu. Am 5. Februar 1915 ging sie auf Jungfernfahrt.

Doch der erste Weltkrieg machte aus dem Passagier- und Frachtdampfer bald ein Kriegsschiff. Bewaffnet mit einer 10,5-Zentimeter-Kanone, die man aus dem 1915 im Rufijidelta versenkten deutschen Kriegsschiff „Königsberg“ geborgen hatte, befuhr die „Goetzen“ den See und versenkte einen kleineren britischen Dampfer. Sie diente dem Kommandeur der Schutztruppen in Deutsch-Ostafrika, Paul von Lettow-Vorbeck, als Soldatentransporter. Aber am Ende konnte auch der Einsatz der „Goetzen“ nicht die Niederlage der Deutschen abwenden. Nach zwei Bombenangriffen belgischer Wasserflugzeuge auf das Schiff befahl Lettow-Vorbeck, die „Goetzen“ zu versenken. Denn wer dieses Schiff besaß, beherrschte den Tanganjika-See. Gemäß dem Befehl versenkten die drei Papenburger Schiffsbauer ihr eigenes Werk . nicht jedoch ohne der „Goetzen“ eine kleine Chance zu geben, irgendwann wieder den See befahren zu können: Vor der Versenkung schmierten sie alle Maschinenteile sorgfältig mit Fett ein, in dem Glauben, nach dem Krieg wiederzukommen, die „Goetzen“ zu heben und erneut in Betrieb zu setzen.

Doch diese Hoffnungen erfüllten sich nicht. Geborgen wurde die „Goetzen“, aber nicht von den Deutschen. Zunächst versuchten es die Belgier. Doch bald nach der Bergung ging das Schiff 1920 nach einem Sturm im Hafen von Kigoma unter. Aber die „Goetzen“ war viel zu kostbar, um sie dort verrotten zu lassen. Einige Jahre später wagten sich die Briten, ab 1922 die neuen Herren in Kigoma, an die Bergung. Die Wiederinbetriebnahme dauerte 3 Jahre und kostete 30.000 Pfund. Am 16. Mai 1927 wurde das Schiff auf den Namen „Liemba“ umgetauft und mit dem Auftrag versehen, einmal pro Woche den 700 km langen See hinauf- und hinunterzufahren.

Das Schiff erfüllt seinen Auftrag noch heute, wenn auch mit Diesel- statt Dampfantrieb, und ist damit eines der dienstältesten Schiffe der Welt. 1951 holte der Hollywood-Regisseur John Huston die ehemalige „Goetzen“ ins internationale Rampenlicht. Als „African Queen“ ist sie der Star neben Humphrey Bogart und Katherine Hepburn, die Kulisse für den verbalen Schlagabtausch zwischen dem rauhbeinigen Kapitän und der spitzzüngigen Missionarstochter. Am Ende des Films wurde die „African Queen“ versenkt – allerdings nur deren Nachbau im Studio. In der Realität fährt sie noch immer und bleibt unter unzähligen Lackschichten die alte „Graf Goetzen“, das Schiff mit der vielleicht bewegtesten Geschichte der Welt. Zweimal gebaut, zweimal gesunken, zweimal gehoben und – von Zwangspausen abgesehen – seit fast 90 Jahren im Dienst.“

Anmerkungen:
1.   Der Bericht wird von einem Foto unterstrichen. Dieser zeigt den „Goetzen“ weiß angemalt mit einer 10,5 cm- Schnellfeuerkanone hinter einem schwarzen Splitterschild auf dem Forecastle.
2.   Goetzen führte außerdem standardmäßig als Gouvernementsdampfer 1 x 8,8 cm SK hinter Schutzschild (am Heck aufgestellt)  sowie 2 x 3,7 cm Revolverkanonen (einer mittschiffs vor Brücke, eine am Heck).
3.   Es hätten drei Dampfer werden sollen, von denen das Schwesterschiff RECHENBERG auf der Werft vor dem Stapellauf abgebrochen wurde
4.   Laut Gröner Indienststellung am 09.06.1915 als SMS GOETZEN. Es handelt sich damit um das einzige, noch vorhandene Kriegsschiff der ehemaligen kaiserlichen Marine (man möge mich bei Gelegenheit korrigieren)
5.   Das mit der „African Queen“ ist falsch dargestellt. Die „Queen“ ist die vergammelte Dampf-Pinasse von Humphrey Bogart, der deutsche Gouvernementsdampfer heißt im Film „Luisa“ und ich bin nicht sicher, dass es sich dabei um den „Goetzen“ handelt.
6.   Das es auf den großen afrikanischen Seen zu Versenkungen zwischen den Fahrzeugen der verschiedenen Kolonialmächte kam, weiß ich, dass aber „Goetzen“ etwas versenkt hat, war mir nicht bekannt. Um welches Fahrzeug handelte es sich dabei?

Ansonsten: Schön erzählte Geschichte

Gruß
Lt.


Zerstörerfahrer:
Moin Moin,

nicht nur die Geschichte der " Goetzen ", sondern auch die der anderen Dampfer auf dem Tanganjika-See ist sehr interessant, auch nachzulesen bei Lochner " Kampf im Rufiji-Delta ".

Hab jetzt mal kurz drin geblättert, aber nichts von der von dir angesprochenen Versenkung gefunden.

Leutnant Werner:
Das ist das, was ich meine, Rene: Der Röhr sagt auch nichts, und in dem stehen einige andere Versenkungen drin. Muss nicht alles stimmen, was Graichen/Gründner da herausgefunden haben.

Gruß
Ekke

Achilles:
Vielleicht als kleine Ergänzung, für alle die wie ich das Buch nicht haben und trotzdem gerne mal ein Foto sehen würden.

Als Graf Goetzen in Kisten auf Reisen ging

Peter K.:
Irgendwann ´mal gab´s da sogar eine brauchbare Fernsehdokumentation zum Thema !

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