Seelöwe

Begonnen von ufo, 12 April 2006, 13:36:05

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ufo

Seelöwe:

Der Seelöwe (Zalophus californianus wollebackii) gehört innerhalb der Ordnung der Wasserraubtiere zur Familie der Ohrenrobben. ... ? Oh – falscher Film!

Seelöwe:

Und schon gallopiert des Germanen Phantasie. Hätte, Könnte, Wenn und Aber – der Triumph des Konjunktives über den nüchternen und langweiligen Verstand.
Wenn Deutschland den Krieg gewonnen hätte ...

Ja – dazu hätten sie unter anderem erstma' Grossbritannien (oder im damaligen Sprachjargon, dem ich mich hier meinen Schottischen Nachbarn zum Trotz ma' anschliessen will, England) besiegen müssen. Und dazu muss man da halt an Land gehen.

Die Allgemeinvariante sieht oft so aus: Die Luftwaffe hatte die Luftschlacht um England gegen Fighter Command fast gewonnen. Dann aber hat der blöde Führer, der immer schuld is', alles versaut indem er befohlen hat London zu bombardieren. Fighter Command hat sich flugs erholt und ohne Luftherrschaft kein Seelöwe und ohne Seelöwen kein Deutscher Sieg.



Die Wirklichkeit ist ein wenig komplexer.

Ich zerfledder das mal in ideologisch-politische, militärstrategische und praktische Bereiche:  

Zur Ideologie: Angeln liegt in Schleswig, Sachsen als Streifen mitten durch Deutschland. Angelsachsen sind so Germanisch, wie man nur Germanisch sein kann. Die Normannen sind eine Art frankophiler Wikinger. Nordischer geht's nicht.
In den Denkschemata der Nationalsozialisten war England eine entschieden Germanische Nation; fest im Griff des immaginären Jüdisch, kapitalistischen Blocks aber eben kein natürlicher Feind.
Erst spät (viel zu spät für vernünftige strategische Planungen) taucht England überhaupt erst als potentieller Feind in den Planspielen von Luftwaffe und Kriegsmarine auf. Die Wehrmacht hat zu keiner Zeit vor dem Kriege Marschbewegungen in den Downs geplant oder auch nur angedacht.

Schaut man nun, wie das konkret umgesetzt in Reichs-Politik aussah so endete man im grade begonnenen Krieg mit drei Möglichkeiten: Ging man in England an Land, dann gab es die ersten zwei: Man gewann oder man verlor.

Verlor man war das Mist. Die Hauptsorge scheint dabei zum einen natürlich die erfrischende Injektion in die wankende Moral der Engländer gewesen zu sein. Eine abgeschlagene Landung wäre auf der Insel ausgesprochenes Freudenfest gewesen. Nahezu gleichgross aber scheint die Sorge vor dem Gesichtsverlust auf dem Balkan und gegenüber der Sovietunion gewesen zu sein. Eine abgeschlagene Landung hätte die Deutsche Stellung im wackeligen politischen Ränkespiel auf dem Balkan ungünstig beeinflusst.

Gewann man hingegen, so war das eigentlich auch Mist!
Nein?!
Doch! Doch!
Ein Deutsch besetztes England war nicht so wirklich, was man im Führerhaupquartier wollte! Besetzte man England, so brach das Empire auseinander wie eine runtergeschmissene Kristallvase und die 'natürlichen' Feine des Grossgermanischen Reiches würden sofort plündern gehen. Die Russen würden Afganistan und Teile Indiens ergreifen. Japan würde sich Malaya, Burma und ebenfalls Teile Indiens einverleiben. Der Angstgegner USA würde als pro forma Schutzmacht Neuseeland, Australien und den gesammten Süden Afrikas packen.
Heulen und Zähneklappern! Das wollte man nicht wirklich! England war ja eigentlich der natürliche Allierte des Grossgermanischen Reiches. Und das Empire war eigentlich das Brautgeschenk. Zerfiel das Empire so würde England auch die Deutschen Kolonien gar nicht zurückgeben können. Die würde sich der ewig listige Amerikaner einverleibt haben.

England besetzen war also ein entschieden schlechte Lösung!

Die eigentlich gewollte Möglichkeit war die dritte! England musste mehr oder minder intakt um Frieden nachsuchen! Es würde heftig Reparationen zahlen, den einen oder anderen Flugzeugträger als Reparation abgeben (Die hatte die Seekriegsleitung schon allen Ernstes zum Testen eingeplant) und die Deutschen Kolonien zurückgeben. Dann würde man in England einsehen, dass das alles eine ganz dumme Sache war und sich endlich mit dem gesammten Empire als wohlwollender Neutraler oder gar als Verbündeter an die Seite Deutschlands stellen.

Ging es dann Jahre später zu Entscheidungsschlacht zwischen Europa und Amerika, so würden England, Afrika, der Indische Subkontinent und Ozeanien neutral sein und wohlwollend die Germanische Sache unterstützen.
Ohne das Empire intakt aber würden weite Teile Afrikas, Indiens und Ozeaniens an den Bolschewismus oder die USA verloren sein und gegen Germanisch-Europa antreten.

Diese politischen Gedanken erklären viel, viel von der Wankelmütigkeit und Lustlosigkeit mit der Seelöwe geplant wurde. Seelöwe war eigentlich die schlechtere Lösung!


Also suchte man andere Lösungen. Bomben zum Beispiel!

Vom Luftkriege: Man erwartete Wunderdinge von strategischen Bombardements. Das ging auf einen Italiener zurück; Giulio Douhet. Der hatte 1921 sein grundlegendes Werk über strategische Bombardierungen veröffentlicht Praktisch alle Luftwaffen hatten das als geistige Grundlage übernommen.
Innerhalb von etwa vierzehn Tagen Bombardement würde es zu Massenfluchten aus London kommen und die gesammte Produktion in London zum Erliegen kommen. Ebenso würde aus Arbeitskräftemangel die gesammte Transporttätigkeit durch London (40 % der Englischen Einfuhr!) zusammenbrechen. Frachter würden als Freiwild beladen im Hafen liegen, unfähig zu entladen, unfähig zu bekohlen um auch nur zu fliehen aus der Falle.)

Dabei gehörten gerade die Deutschen zu den Nationen, die gelernt hatten, dass das absoluter und ausgemachter Bockmist war. Strategische Bombardements bringen nicht wirklich was. Alle, die aktiv am Spanischen Bürgerkrieg teilgenommen hatten, hätten das wissen können. Die Italienische Luftwaffe hatte das schon ausprobiert. Ein strategisches Bombardement von Barcelona erreichte lediglich ein massives Versteifen des Republikanischen Widerstandes. Erfolg: Null. Erfolg: genaugenommen weniger als Null. Strategische Bombardierungen von (gerade zivilen) Grosszielen verstärken eher den Widerstand.

Taktisches Bombardieren hingegen hatte sich als ausgesprochen wirksam erwiesen. Die Falangisten verloren massiv Nachschub (vor allem Italienischen) durch geschickte Russische Luftangriffe. Die Deutschen setzten taktische Bombardierungen von Knotenpunkten erfolgreich ein um Falangistische Vorstösse zu sichern oder erst zu ermöglichen (Beispiel Guernica – entgegen langläufiger Legende nicht die Grossmutter des strategischen Bombardements)

Wer also am Spanischen Bürgerkrieg teilgenommen hatte nahm eine Füllhorn an taktischem Wissen mit nach Hause. Die Russen verplemperten das Füllhorn, indem sie dann bei einem der Säuberungsmassaker ausgerechnet ihre modernen, genialen Luftwaffenstrategen alle unbrachten und damit wieder auf Feld eins der Lernkurve anfingen.
Amerikaner und Briten hatten den Krieg in Spanien nicht mitgemacht. Die US und die Royal Airforce erwiesen sich aber sowieso als ausgesprochen lernresistent. Dumm für die Deutschen, denn sonst vielleicht Jahre des (sinnlosen) Bombenterrors erspart geblieben wären. Eine Studie ergab, dass Deutschlands Kriegswirtschaft bei taktischen Bombardierungen der Elektizitätsversorgung Anfang 1944 auf den Knien gewesen wäre. Konjunktive ... .  
Die Italiener und die Deutschen hingegen bewahrten sich viele Lehren aus dem Spanien Krieg. Der sehr erfolgreiche Einsatz der Luftwaffe in Polen und im Westfeldzug wäre ohne die Lehren von Spanien nicht denkbar gewesen.
Aber alte Vorurteile fallen langsam. Strategisches Bombardieren galt immer noch als eine Art Allheilmittel; eine Möglichkeit ein Land zu unterwerfen ohne auch nur einen Heeres-Soldaten zu verlieren. Auch die Luftwaffe glaubte an diese alte Doktrin. Rotterdam ist ein trauriges Beispiel für einen taktisch vollkommen nutzlosen Einsatz gegen ein weitgehend ziviles Ziel. Strategische Bombardements waren immer noch anerkanntes Mittel einen Gegner zu unterwerfen.

Nicht so sehr der Führer als vielmehr die Seekriegsleitung und die Luftwaffe drängten darauf England friedensbereit zu bomben. Man brauche gar keinen Seelöwen!

Aus diesen strategischen Überlegungen wandte sich die Aufmerksamkeit der Luftwaffe im Spätsommer 194o weg von den Schiffen der Royal Navy, Jagdflugplätzen, Flugzeugfabriken, hin zu den Docks, Fabriken, Lagerhäusern und eben auch Wohnhäusern von London.
Sinnlos, Nutzlos, Tragisch (wenn man denn der Ansicht ist, dass das Töten von Zivilisten abstossender ist, als das Töten von Berufssoldaten).
Die Zeit zog sich hin. Aus Sommer wurde Spätsommer. Die von Göring versprochenen und von Raeder beschworenen Wunder blieben aus. Die einzigen Flüchtlinge blieben die auf's Land verschickten Kinder. Die Londoner zogen den Riemen des Blechhutes etwas fester, begruben Morgens die Toten der Nacht, löschten die Feuer, räumten auf und machten weiter.
(Wie ein Marschall Harris, der all das gesehen hat, auch nur eine Sekunde aufrichtig geglaubt haben kann, dass sein ganzer Gegenterror später den Krieg auch nur um sieben Stunden verkürzen könnte, entzieht sich meiner Kenntnis. Aber das mehr am Rande.)

Die Zeit zog sich hin. Fighter Command leckte seine Wunden. Amerikanische Flugzeuge trafen ein. Piloten wurden ausgebilded.
Studien der Admiralty aus der Vorkriegszeit erklärten dass Deutschland einen sehr raschen Bewegungskrieg gegen England gewinnen könne. Jede Verzögerung, jeder Extratag hingegen arbeite für die Engländer. Sie sollten Recht behalten.  


Zu den konkreten Vorbereitungen:

Luftwaffe und Kriegsmarine hielten den Seelöwen für riskant und unnötig. Im Falle der Luftwaffe führte das dazu gar nicht erst dafür zu planen. So wie die Luftwaffe überzeugt war den Handelskrieg gegen England im Wesentlichen allein führen zu können, so war man dort überzeugt, dass man England friedensbereit bomben könne. Seelöwe war mehr ein Notnagel, ein Gedankenexperiment. (Das hielt die Luftwaffe nicht davon ab einige Spielprojekte wie eigene Landungsfahrzeuge anzuleiern oder Ende September (!) 194o als Heer und Marine den Seelöwen bereits eingeschläfert hatten detailierte Ausführungsbestimmungen für eben diesen Seelöwen zu erarbeiten.)

Die Kriegsmarine hingegen traff alle notwendigen Vorbereitungen auch wenn sie eigentlich um's Verrecken nicht wollte und das alles irrsinnig riskant fand. Es wurde Schiffsraum kalkuliert und zusammengezogen. Das traf die Deutsche Wirtschaft entschieden hart. Besonders der Handel mit Skandinavien lit sehr unter dem Requirieren von Dampfern. Auch die Versorgung von Grossstädten mit Kohle und Lebensmitteln stellte ein Problem dar, mit der Mehrzahl der Flussleichter an der Kanalküste. Besondere Sorgen bereitete die nahende Erntezeit. Viele Lebensmittel wurden über Flüsse und Kanäle transportiert.
Mögen tat die Seekriegsleitung das alles nicht. Man analysierte und bewertete die Lage mit einem bei der Deutsche Seekriegsleitung ungewohnten Realismus. Es sei nahezu unmöglich die Seiten des Landungsbereiches gegen Einbrüche der Royal Navy aus der Themsemündung und aus dem Raum Portsmouth zu sichern. Minenfelder, so beeindruckend sie auf dem Papier aussähen könnten je nach Tiede überlaufen werden. Gute Eigensicherung und draufgängerische Kommandanten sollten mehr als 7o% einer Zerstörerflottille den Durchbruch durch die maximal machbaren Deutschen Minensperren erlauben!
Die Luftherrschaft im Landungsraum sei absolute Voraussetzung aber Luftangriffe gegen bewegte Seeziele seinen auch dann noch unzuverlässig. (Das Unternehmen Cerberus, bei dem zeitweilig rund 5oo Flugzeuge beider Seiten versuchten nahezu wahllos gegnerische und eigene Schiffe zu versenken, machte später deutlich wie unsicher Erkennung und Versenkung selbst ungepanzerter Einheiten aus der Luft ist.) Es sei nicht als gegeben anzunehmen, dass alle durchbrechenden Schiffe dauerhaft abgefangen werden könnten
Damit aber war für die Kriegsmarine klar, dass man im Landungsraum mit frei operierenden Englischen Zerstörern zu rechne habe. Schlecht! Sehr, sehr schlecht!
Die Strasse von Dover hoffte man mit Seezielartillerie von Land aus decken zu können. Aber – so die Einsicht der Skl – sicher sei auch das nicht.

Aber der Transportraum für die ganze Geschichte stand bereit. In der Rückschau mit den Landungen in Afrika, Italien und der Normandie im Kopfe verfällt man ganz leicht der Idee die Deutschen hätten halt keine Landungsfahrzeuge gehabt mithin sei das nie wirklich was Ernstes gewesen. Wilhelm und Claudius haben beide ebenfalls keine Landungsfahrzeuge mit Rampen und Rakentenwerfern gehabt. Geklappt hat die Invasion beide Male trotzdem.

Uneinigkeit herrschte durchgehend in der Planungsphase auf wie breiter Front man landen könne (Seekriegsleitung), müsse (Oberkommando des Heeres) und solle (meist der Führer in letzter Instanz einen Kompromis zwischen 'könne' und 'müsse' beschliessend).

Diktaturen haben im Krieg den Vorteil, dass Entscheidungen schnell und zentral getroffen werden können. Diktaturen haben im Krieg den Nachteil, dass sich die Peripherie darauf verlässt, das Entscheidungen zentral getroffen werden.
Es gab Komödien bei der Planung, wenn Raeder bei einer Besprechung erklärte, da und dort könne man nicht landen, dann hinausging im guten Glauben, dass die Ignoranten das jetzt endlich eingesehen hätten, nur um dann zwei Wochen später zu erfahren, dass das Heer immer noch mit den in seinen Augen unmöglichen Landungsplätzen plante. Und natürlich musste hinterher wieder ein Führerbeschluss her wo den nun gelandet werden könne und wo nicht.

Das Oberkommando der Wehrmacht war weit davon entfernt die drei Truppenteile in der Hand zu haben. (Das war nichts rein Deutsches. Die Engländer hat ganz ähnliche Probleme. Nur konnten die es sich leisten zwei Jahre mehr oder minder erfolgreich Verteidigungskrieg zu führen und anzugreifen nachdem sie einen Teil der Kommunikationsprobleme ausgebügelt hatten.)

Das Heer plante seinen Teil ausgesprochen sorgfältig – nur eben in völliger Ignoranz der Probleme von Luftwaffe und Kriegsmarine.
Entschieden unrichtig ist die Ansicht das sei alles unausgegoren gewesen. Die Planungen waren entschieden weit gediehen und detailiert. Da wurde niedergelegt wieviele Brieftauben und Fahrräder welche Einheit mitzuführen hatte, da wurden Karten des zu erobernden Geländes erstellt. Es gab Überlegungen welcher Bahndamm und welcher Fluss ein gutes Panzerhindernis darstellen würde und wo man sich gut eingraben könne. Das sah auf dem Papier schon recht gut aus, das ganze Unternehmen.

Detailierte Planungen reichten erstmal bis zum Big Ben. Man wollte London. Cornwall würde einem vielleicht en passant zufallen. Weitere Vorstösse nach Mittelengland und Wales waren mehr im Rohbau was die Planungen anbetraf. Es galt als ziemlich sicher, dass England nach der Einnahme von London erledigt sein würde.

Unter dem Druck politischer Entscheidungen wandelte sich aber nach und nach der Hintergrund, vor dem sich das alles abspielte.
Zwischen Juni 194o bis August 194o spielte die Sovietunion in den militärischen Besprechungen eine ganz unterschiedliche Rolle. Noch im Juni wurde überlegt ob und wie Russland (auch hier nehme ich mal den damaligen Jargon für die UdSSR) in einem Vorstoss nach Süden an die See durch Afganistan und Indien dem Empire weitere Schwierigkeiten machen könnte.
Russlands Pläne in Bessarabien wurden als ungefährlich toleriert. Der Russe als unleidlicher Verbündeter, Lieferant wichtiger Rohstoffe.

Nur zwei Monate später wird entschieden an "Barbarossa" geplant! Damit aber hatte sich die Landung in England im Prinzip bereits erledigt.

Was lange, so lange das Gruselmonster der Deutschen Militärführung vom Leutnant bis zum Führer war – Zweifrontenkrieg in Ost und West – war plötzlich nicht mehr das Problem sondern die Lösung des Problems!

Man musste mit dem Lebensraum im Osten nicht warten bis man im Westen fertig war. Man wurde im Westen fertig gerade indem man über Russland herfiel! Brach dann Russland zusammen, suchte England, seines letzten Festland-Degens beraubt um Frieden nach und man hatte beides auf einen Streich!

Wie simpel! Wie einfach! Und viel weniger Risiko als ein Landungsunternehmen!

Russland brach dann nicht zusammen ... der Rest ist Geschichte.

ufo

So – das ganze war eine etwas ausgeuferte Buchbesprechung zu:

Karl Klee "Das Unternehmen Seelöwe" (3oo Seiten) und "Dokumente zum Unternehmen Seelöwe" (45o Seiten).

Das ist 1958 erschienen in der Reihe 'Studien und Dokumente zur Geschichte des zweiten Weltkrieges' bei Musterschmidt.
Gute Reihe! Da ist Hubatsch "Weserübung" erstmalig aufgelegt gewesen, da hat Waldemar Erfurth seine "Geschichte des Deutschen Generalstabes 1919 – 1945" verlegt, Ludwig Dinklage und Hans-Jürgen Witthöft ihre "Deutsche Handelsflotte 1939 – 1945. Feine Bücher!
Man bekommt den Klee antiquarisch für so ziemlich jeden Preis zwischen 4o Euro (warten, suchen, hoffen) oder um 1oo Euro (jederzeit irgendwo zu haben) für beide Bücher zusammen.

Braucht man den zweiten Band? Ich ja! Da stehen aber wirklich 'nur' über rund 45o Seiten Auszüge aus den Kriegstagebüchern der Abteilung Landesverteidigung der Wehrmacht, des OKW, Generalobers Halders und anderer drin. Da sind die massgeblichen Originalbefehle zur Vorbereitung abgedruckt, die Denkschriften von Jodl und der Seekriegsleitung zum Seelöwen und so dit un' dat. So lässt sich der sich anbahnende Sinneswandel gegenüber der Rolle Russlands richtig schön nachvollziehen. Man erfährt viel über die kleinen Probleme, die Haken und Ösen bei so einem Grossunternehmen. Viele Querelen werden sehr viel deutlicher in internen Papieren der drei Teilstreitkräfte. Wenn man's mag ...
 
Die ganze Geschichte so zum lesen hat man aber auch mit dem ersten Band allein! En detail. Den ersten Band hat's glaube ich grad bei ebay für 25 Euronen. Nicht richtig preiswert – sieht aber tip top aus für ein Buch, das ein halbes Jahrhundert auf dem Buckel hat. Eine zerschraddelte Büchereiversion sah ich letztens auf irgend einer Antiquariats-Seite für unter 2o Euro. Das lohnt echt. Ist halt ein wenig Geschmackssache wieviel einem ein 'schönes' Buch wert ist.
 

Dazugekommen sind für meinen Text einzelne Informationen aus:

David Isby "The Luftwaffe and the War at Sea, 1939-1945: As Seen by Officers of the Kriegsmarine and Luftwaffe"  
Vater und Sohn Bennett "Hitler's Admirals"  
Jak P.Mallmann Showell "Fuehrer Conferences on Naval Affairs"
oder
Wagner Gerhard "Lagevorträge des Oberbefehlshabers der Kriegsmarine vor Hitler 1939 – 1945" (gleicher Inhalt, etwas weniger zusätzliche Dokumente als Showell.)
Salewski "Seekriegsleitung I und III"
Eric Grove "German Capital Ships and Raiders in World War II; Vol2 Scharnhorst to Tirpitz"

Und aus diversen Artikeln:

John P. Campbell "A British Plan to Invade England, 1941" in 'Journal of Military History', Vol. 58, No.4, 663-684
Joseph A. Maiolo "The Knockout Blow against the Import System: Admiralty Expectations of Nazi Germany's Naval Strategy 1934 – 1939" in 'Historical Research' Vol. 72, No.178, 2o2-228
Martin van Creveld "25 October 194o: A Historical Puzzle" in 'Journal of Contemporary History', Vol. 6, No.3, 87-96
Andreas Hillgruber "England's Place in Hitler's Plans for World Domination" in 'Journal of Contemporary History', Vol. 9, No.1, 5-22
Edward Rose & Dierk Willig "Specialist Maps Prepared by German Military Geologists for Operation Sealion: the Invasion of England Scheduled for September 194o" in 'The Catographic Journal', Vol. 41, No.1, 13-35
Alan F. Wilt "Shark and Harpoon: German Cover Operations Against Great Britain in 1941" in 'Military Affairs', Vol. 38, No.1, 1-4
P.G. Lachlan "The German Invasion Plan; Operation Sealion", in 'Royal United Service Institution, Journal' Vol: 92, 541-548
H.A. De Weerd "Hitler's Plans for Invading Britain" in 'Military Affairs', Vol. 12, No.3, 142-148
John Farquarson "After Sealion: A German Channel Tunnel?" in 'Journal of Contemporary History', Vol. 25, No.4, 4o9-431

So – das sollten so die massgeblichen Quellen gewesen sein, die ich genutzt hab.

ufo

Ja – von hier aus kann es nun in alle möglichen Richtungen weitergehen. Vielleicht mag ja jemand das viel jüngere und viel preiswertere "Unternehmen Seelöwe" von Egbert Kieser mal vorstellen.
Soweit ich Auszüge davon kenne, kommt er in Sachen Deteilreichtum und historische Belege deutlich nicht an den Klee heran. Aber er mag trotzdem ausnehmend gut sein?!
Oder den Zeitgenossen von Karl Klee, Ronald Wheatley? Der hat auch ein "Unternehmen Seelöwe" geschrieben. Kennt das jemand? Deutlich weniger umfangreich als der Klee.
Ebenfalls neueren Datums: Peter Schenk "Landung in England: Das geplante Unternehmen 'Seelöwe': der Beginn der amphibischen Grossunternehmen" von 1987. Der kommt vom Umfange (und Deteilreichtum?) schon an den Klee heran. In Sachen abgedruckte Quellen zieht er sicher (erheblich) den Kürzeren. Aber er hat gut 12o Bilder für Liebhaber alter Photos.

Ja – oder man mag diskutieren, ob das irgendwie nachvollziehbar war, dass der jahrzehntelang gefürchtete Zweitfrontenkrieg auf einmal so begehrlich erschien. Hinterher (!) haben zahllose Offiziere aller drei Waffengattungen gesagt oder geschrieben, dass sie beim Start von 'Barbarossa' ein unangenehmes Gefühl im Bauch gehabt haben. Na, ja – hinterher!
In den Papieren, die Klee vorstellt klingt das alles ganz logisch und ganz naheliegend. War es das? Oder ist hier irgendwo der Übergang von 'durchdachter' zu absolut 'diletantischer' Kriegsführung des Reiches?  

Ufo

Ralf

Wow, ufo... Das ist doch auch mal ein echt guter Aufsatz von Dir... Ich möchte am liebsten los und Bücher kaufen!!!
So habe ich das ganze wirklich noch nicht gesehen... Wirklich interessant!
Gruß
Ralf
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,,Du kannst Dein Leben nicht verlängern und Du kannst es auch nicht verbreitern. Aber Du kannst es vertiefen!"
Gorch Fock

Mario

Was heißt hier Bücher Kaufen ??? Es wird Zeit, das ufo endlich mal eins schreibt.
Hiermit gebe ich höchstoffiziell die erste verbindliche Bestellung dafür ab. :-)

Wenn ich nur wüßte, wo ich's mal gelesen habe. Es ging darum, daß die Wehrmacht drei oder vier Landungsabschnitte an der südenglischen Küste festgelegt hatte und die Kriegsmarine darufhinwies, das es aufgrund von Ebbe und Flut unmöglich sei, an allen Abschnitten gleichzeitig zu landen. Aber das zeitgleiche Erstürmen des Strandes und die Besetzung des Küstenstreifens ist unabdingbar für eine erfolgreiche Invasion. Schon eine Verzögerung von ein/zwei Stunden ermöglicht aber die Haranführung von Reserven, sprich Panzertruppen, die eine Landung sehr wirksam verhindern konnten.
In der Normandie verhinderten dies die Schlachtschiffe/Kreuzer oder die strategischen Bomber der Alliierten.

Peter K.

Servus UFO!

Vorweg einmal herzlichen Dank für deine wunderbare Zusammenfassung von Klee´s "Seelöwe!

Ronald Wheatley´s "Seelöwe" ist im Umfang und in den Details deutlich hinter Klee einzureihen, auch Kartenmaterial und Originaldokumente sind nur sehr spärlich anzutreffen.
Egbert Kieser´s "Seelöwe" ist nur geringfügig besser einzustufen als Wheatley - immerhin gibt´s auch ein paar Fotos!

Peter Schenk´s "Landung in England" nehme ich hingegen gerne zur Hand, obwohl er sich eher auf die technische Vorbereitung einer Großlandung konzentriert
Detaillierte Beschreibungen der Landungsmittel - auch mit Skizzen und seltenen Fotos - fehlen hier ebensowenig, wie der geplante chronologische Ablauf des Landungsunternehmens, verdeutlicht mit Hafenplänen und Organigrammen verschiedenster Art.
Grüße aus Österreich
Peter K.

www.forum-marinearchiv.de

Peter K.

Ach ja, historisch nicht unbedingt ernst zu nehmen, aber immerhin interessant zu lesen wäre noch

Kenneth Macksey
Invasion - The Alternate History of the german Invasion of England, July 1940
Grüße aus Österreich
Peter K.

www.forum-marinearchiv.de

DHEO

@ Ufo

sehr interessante lektüre!!!

M.M. nach scheiterte Seelöwe schon am Strand von Dünkirchen.

Grüße

Dirk

wer

sehr, sehr interessanter Aufsatz!

Auch ich schließe mich der Buchbestellung an! :D

gruß

Christian

ede144

Zitat von: DHEO am 13 April 2006, 12:52:57
@ Ufo

sehr interessante lektüre!!!

M.M. nach scheiterte Seelöwe schon am Strand von Dünkirchen.

Grüße

Dirk

Meiner Meinung schon vorher, als man die Panzer anhielt. Hätte man sie laufen lassen und wäre dem Vorschlag der Fallschirmjäger gefolgt, hätte es klappen können.

Gruß

ede

mhorgran

@Ufo
ZitatVom Luftkriege: Man erwartete Wunderdinge von strategischen Bombardements. Das ging auf einen Italiener zurück; Giulio Douhet. Der hatte 1921 sein grundlegendes Werk über strategische Bombardierungen veröffentlicht Praktisch alle Luftwaffen hatten das als geistige Grundlage übernommen.
Innerhalb von etwa vierzehn Tagen Bombardement würde es zu Massenfluchten aus London kommen und die gesammte Produktion in London zum Erliegen kommen. Ebenso würde aus Arbeitskräftemangel die gesammte Transporttätigkeit durch London (40 % der Englischen Einfuhr!) zusammenbrechen. Frachter würden als Freiwild beladen im Hafen liegen, unfähig zu entladen, unfähig zu bekohlen um auch nur zu fliehen aus der Falle.)

Dabei gehörten gerade die Deutschen zu den Nationen, die gelernt hatten, dass das absoluter und ausgemachter Bockmist war. Strategische Bombardements bringen nicht wirklich was. Alle, die aktiv am Spanischen Bürgerkrieg teilgenommen hatten, hätten das wissen können. Die Italienische Luftwaffe hatte das schon ausprobiert. Ein strategisches Bombardement von Barcelona erreichte lediglich ein massives Versteifen des Republikanischen Widerstandes. Erfolg: Null. Erfolg: genaugenommen weniger als Null. Strategische Bombardierungen von (gerade zivilen) Grosszielen verstärken eher den Widerstand.
Diese im ersten Absatz dargestellte Einschätzung der Luftwaffenführung (?) wundert mich denn gerade die Luftwaffendienstvorschrift 16 welche kurz vor Kriegsbeginn in Kraft gesetzt wurde hatte die Problematik von Terrorbombardements gegen zivile Ziele, siehe letzter Absatz, ja klar benannt und als nicht oder nur begrenzt sinnvoll bezeichnet. Als "begrenzt sinnvoll" nur als Vergeltung um Gegner von Angriffen auf die deutschen Städte abzuhalten bzw. diese einzustellen.

Rotterdam ist ja nun nicht gerade ein gutes Beispiel. Horst Boog hat 2007 einen Leserbrief an die FAZ zu diesem Thema geschrieben
(http://www.swg-hamburg.de/Archiv/Beitrage_aus_der_Rubrik_-_Gesc/Leserbrief_Dr_Horst_Boog.pdf

ZitatEine Studie ergab, dass Deutschlands Kriegswirtschaft bei taktischen Bombardierungen der Elektizitätsversorgung Anfang 1944 auf den Knien gewesen wäre. Konjunktive ... . 
Besserwissermodus an  :wink:
Die Bombardierung von rüstungsrelevanten Objekten (wie auch Fabriken, Verkehrsinfrastruktur ...) fällt wohl eher unter den Termini "strategisch" oder im damaligen teutsch - "operativ".
Besserwissermodus aus

ZitatWer also am Spanischen Bürgerkrieg teilgenommen hatte nahm eine Füllhorn an taktischem Wissen mit nach Hause. Die Russen verplemperten das Füllhorn, indem sie dann bei einem der Säuberungsmassaker ausgerechnet ihre modernen, genialen Luftwaffenstrategen alle unbrachten und damit wieder auf Feld eins der Lernkurve anfingen.
Nicht nur das. Sie zogen aus den Ergebnissen die falschen Erkenntnisse in Bezug auf gepanzerte Kriegsführung und damit auf ihre Konzeption der "Tiefenoperation".

Trotz meiner Anmerkungen sehr interessant.

Leandros

www.fredleander.com - a book on Unternehmen Seelöwe - Operation Sea Lion

Bergedorf

Moin Moin,

wer sich ein Bild über die voraussichtlich in dem Buch vertretenen Thesen machen möchte, kann hier einmal reinschauen:
http://www.armchairgeneral.com/forums/showthread.php?t=65498

Gruß

Dirk

Leandros

Zitat von: Bergedorf am 21 Februar 2011, 22:43:56
Moin Moin,

wer sich ein Bild über die voraussichtlich in dem Buch vertretenen Thesen machen möchte, kann hier einmal reinschauen:
http://www.armchairgeneral.com/forums/showthread.php?t=65498

Gruß

Dirk


Hi, Dirk - as you are familiar with the discussions on ACG it might probably have been better to refer to TTTSNBN.......It gives a better impression on what the book is about.
www.fredleander.com - a book on Unternehmen Seelöwe - Operation Sea Lion

Karsten

What does "ACG" and "TTTSNBN" mean?   :?

Karsten
Viele Grüße,

Karsten

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