Daten- und Fakten-Quiz Marine Fall 37: Welches Schnellboot ?

Begonnen von Urs Heßling, 08 April 2015, 18:02:15

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Urs Heßling

moin, Thorsten,
top :MG:

Dazu die ganze Geschichte (so sollen idealerweise einmal alle "Blätter" meiner Schnellboots-Übersicht aussehen, aber bis dahin fließt noch viel Wasser von Linz nach Konstanza ...)

Schnellboot S 68

Die Kiellegung erfolgte Anfang des Jahres 1942. Es gab eine Verzögerung der Fertigstellung wegen Mangels an Antriebsmotoren, denn die vorgesehenen Motoren wurden auf einem Unterseeboot eingebaut. Die Indienststellung erfolgte am 1.7.1942 durch Oberleutnant zur See Jürgen Goetschke; er blieb Kommandant bis zum April 1943, das Boot gehörte in dieser Zeit zur 5. Schnellbootflottille; deren Chef war der zuvor als Bootskommandant erfolgreiche und mit dem Ritterkreuz ausgezeichnete Korvettenkapitän Bernd Klug.

Die erste Aufgabe nach Verlegen des Bootes ins Einsatzgebiet im Westteil des Englischen Kanals und zum Stützpunkt Cherbourg war am 28.7.42 die Hilfeleistung und Suche nach Überlebenden für die von brit. Zerstörern und Kanonenbooten versenkten bzw. beschädigten Vorpostenboote V 202 und V 203

In der Nacht vom 3./4.8. 1942 griff die 5. S-Flottille zusammen mit der 2. und 4. S-Flottille und mit insgesamt 19 Booten von dem Hafen Saint Peter Port auf der Kanalinsel Guernsey aus einen britischen Geleitzug bei Start Point an der Westspitze Cornwalls an, die starke Geleitsicherung konnte aber alle Boote abdrängen und es wurden keine Treffer erzielt. Auch eine Wiederholung dieser Unternehmung in der Nacht  6./7.8. führte zu keinem Erfolg. Im September und Oktober 1942 wurden hauptsächlich Minenlegeunternehmungen durchgeführt.

Am 14.10.1942 suchte die Flottille vergeblich nach Überlebenden des deutschen Hilfskreuzers Komet, der in der Nacht zuvor beim Versuch, zu einer Kaperfahrt in den Atlantik durchzubrechen, nördlich von Cherbourg mit der gesamten Besatzung von 251 Mann von einem britischen Schnellboot versenkt worden war. In der Nacht vom 19./20.11.1942 nahm das Boot an einem erfolgreichen Angriff der 5. S-Flottille auf einen britischen Küstengeleitzug südlich von Plymouth teil, erzielte aber selbst keine Treffer.

Ein Angriff auf einen britischen Küstengeleitzug in der Lyme-Bucht in der Nacht vom 26./27. 2. 1943 war äußerst erfolgreich. Das Boot versenkte den norwegischen, unter dem Kommando der Royal Navy fahrenden U-Jagd-Trawler ,,Harstad" und erzielte zusammen mit S 85 unter Oberleutnant zur See Kolbe Treffer auf dem Landungsboot ,,LCT 381", das von Besatzungsmitgliedern von S 85 geentert und schließlich durch das Boot S 65 unter Oberleutnant zur See Sobottka versenkt wurde,  und zusammen mit S 81 unter Oberleutnant zur See Wendler auf dem Frachter ,,Modavia" (4858 BRT), der ebenfalls sank.

Im März 1943 wurde das Boot beim Rückmarsch von einer Angriffsunternehmung durch Auflaufen auf Felsen schwer beschädigt und lag ohne Kommandant und Besatzung bis zum Juli 1943 zur Reparatur im Marinereparaturbetrieb in Cherbourg. In dieser Zeit wurde nachträglich ein Beschußschutz der Brücke, die ,,Panzerkalotte", eingebaut.

Neuer Kommandant seit dem 14.7.1943 war Oberleutnant zur See Henry Moritzen. Bei einem Verlegungsmarsch, der in der Nacht vom 24./25.7.1943 von Boulogne nach Ostende zusammen mit dem Boot S 77, das an die 2. S-Flottille übergeben worden und auf dem ein noch unerfahrener Kommandant erst seit 12 Tagen an Bord war, durchgeführt wurde, wurden beide Boote durch britische Motorkanonenboote (MGB) abgefangen. Das im Gefecht durch Explosion eines eigenen Torpedos schwer beschädigte S 77, dessen Kommandant im Gefecht fiel, mußte selbstversenkt werden. Moritzen wurde der Vorwurf gemacht, bei bzw. nach der Beschädigung des Rottenbootes weitergefahren zu sein und es im Stich gelassen zu haben. Er wurde als Kommandant abgelöst und ein Kriegsgerichtsverfahren eingeleitet, das Ergebnis ist mir nicht bekannt.

Am 28.7.1943  wurde das Boot von der 5. an die 8. S-Flottille abgegeben; kurzzeitig (28.7. - 6.8.43) war Leutnant zur See Achim Quistorp der Kommandant . Am 6.8.1943 übernahm Leutnant zur See Wulff Fanger das Kommando und behielt es bis zum Februar 1944. Seit dem 10.9.43 erfolgten wieder Einsätze im Westraum, jetzt im Verband der 8. S-Flottille vom Stützpunkt Ijmuiden aus.

In der Nacht vom 23./24.9.1943 führten die 2,. 4., 6. und 8. S-Flottille mit insgesamt 29 Booten das Minenunternehmen ,,Probestück" vor der englischen Ostküste bei Harwich durch. Im Gefecht mit britischen Wachfahrzeugen sank S 96 unter Leutnant zur See Sander, das zuvor selbst den Trawler ,,Franctireur" versenkt hatte, durch Rammstoß eines britischen Motorboots, das danach ebenfalls verlorenging, S 68 erhielt einen Artillerietreffer, der beide Außenmotoren beschädigte.

Einen Monat später, in der Nacht vom 23./24.10.1943, erfolgte ein erneuter Großeinsatz dieser 4 Flottillen mit insgesamt 31 Booten. Die britische Abwehr war jedoch so stark, daß er bis auf die Versenkung eines Trawlers erfolglos blieb, 2 deutsche Boote der 4. S-Flottille, S 63 unter Leutnant zur See Howaldt, der mit seiner Besatzung gerettet wurde und S 88 unter Stabsbootsmann Räbiger, der zusammen mit dem Flottillenchef KK Lützow fiel, gingen verloren. S 68 wurde erneut beschädigt und in Rotterdam repariert.

In der Nacht vom 4./5.11.1943 gab es einen letzten gemeinsamen Verminungseinsatz der 4 Flottillen, dann führte das durchgehend schlechte Wetter, vor allem Nebel, zu einer langen ,,Winterpause".
Eine ganz normale Begleitfahrt für das Boot S 81, das zur im August 1942 gebildeten Schulflottille in die Ostsee verlegt wurde, dauerte wegen Schlechtwetter, das eine Rückkehr nach Westen immer wieder verhinderte und wegen Motorschäden schließlich 3 Wochen.
Im Januar 1944 wurde der ,,FAT"-Stellzug eingebaut, sodaß das Boot in der Lage war, den neuen FAT (flächenabsuchender Torpedo) zu verschießen.

In der Nacht vom 12./13.2.1944 führte die Flottille unter Korvettenkapitän Zymalkowski  mit den Boote S 64, S 65, S 68, S 85, S 93, S 99, S 127, S 129 und S 133 eine Minenunternehmung an der englischen Ostküste südlich der Humbermündung durch, die Boote S 65 (mit Oberleutnant zur See Schuur als stellvertrendem Kommandanten) und S 99 (Kapitänleutnant Knapp) versenkten dabei den brit. Minensuchtrawler ,,Cap d`Antifer".

Noch im Februar 1944 wurde das Boot aus dem Fronteinsatz herausgezogen, verlegte nach Swinemünde und wurde dort an die 2. Schnellboots-Schulflottille abgegeben, wo es bis zum Juli 1944 eingesetzt wurde; die Namen der Kommandantenschüler aus dieser Zeit sind nicht aufgezeichnet.

Am 6. oder 15.7.44 wurde das Boot an die neu aufgestellte 5. Schnellbootflottille übergeben, deren Boote bei einem Luftangriff der RAF auf Le Havre am 14.6.1944 vernichtet worden waren. Neuer Flottillenchef wurde Kapitänleutnant Holzapfel, neuer Kommandant wurde Oberleutnant zur See ,,Fritze" Schay, der das Boot bis zum Dezember 1944 führte. Ende Juli 1944 verlegte die Flottille nach Helsinki, dann nach Hamina und wurde dort zu Überwachungsfahrten eingesetzt.

Am 30.8.1944 wurde die Flottille eingesetzt, um das Wrack des von sowjetischen U-Jägern versenkten deutschen Unterseeboots U 250 mit Wasserbomben zu zerstören. Das Wrack war allerdings zuvor von den Sowjets schon geborgen worden. Beim Rückmarsch von der Operation sank S 80 (Obersteuermann Borkenhagen) vor Viborg durch Minentreffer mit 5 Mann der Besatzung.

Am 2.9.1944 brach Finnland die diplomatischen Beziehungen zum Deutschen Reich ab, die Flottille musste nach Baltischport (Estland), dann, wegen der erfolgreichen sowjetischen Landoffensive, am 22.9. weiter nach Windau verlegen. Auf den beim Rückzug geworfenen Minen sanken viele kleine sowjetische Schiffe und Boote.

Von September bis Dezember 1944 fuhren die Boote der Flottille zusammen mit Booten der 2. S-Boots-Schulflottille unter Kapitänleutnant Klose zahlreiche Aufklärungs- und Minenunternehmungen vor der baltischen Küste, an welchen davon S 68 teilnahm, ist nicht mehr genau festzustellen. Am 18.11.1944 erhielt das Boot im Gefecht mit sowjetischen Schnellbooten einige nicht bedeutende Treffer.

Am 20.12.44 übernahm Oberfähnrich zur See Eduard Lohse das Kommando und führte das Boot als Einheit der 3.Schulflottille unter dem aus britischer Kriegsgefangenschaft ausgetauschten Kapitänleutnant Hans Detlefsen in der Ostsee bis zum Kriegsende. Die letzte Unternehmung war am 7.5.1945 der letztlich erfolglose Versuch, Zivilisten von der Insel Hiddensee zu evakuieren.

Bei der Abschlußmusterung der Schnellboote durch Kommodore Petersen in der Geltinger Bucht war S 68 dabei, anschließend wurde das Boot an die Royal Navy ausgeliefert.
Im Januar 1946 wurde das Boot im Rahmen der Verteilung der Kriegsbeute an die US-amerikanische Militärregierung in Deutschland übergeben.

Im Juli 1947 wurde das Boot an Dänemark verkauft. Die dänische Marine stellte es als ,,T 62" in Dienst. Im Jahre 1951 bekamen alle ehemals deutschen Schnellboote Namen und aus ,,T 62" wurde ,,Viben" (dt.: Kiebitz). Das Boot blieb noch 14 Jahre lang im Dienst, nahm an NATO-Manövern teil und wurde erst 1965, als letztes Boot der Kriegsmarine-Schnellboote in der dänischen Marine, außer Dienst gestellt.

Eine ereignisreiche "Geschichte" !

Gruß, Urs
"History will tell lies, Sir, as usual" - General "Gentleman Johnny" Burgoyne zu seiner Niederlage bei Saratoga 1777 im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg - nicht in Wirklichkeit, aber in George Bernard Shaw`s Bühnenstück "The Devil`s Disciple"

RonnyM

...keen Tähn im Muul,
over La Paloma fleuten...

kgvm

Da passt meiner Meinung nach was nicht:
"Die Indienststellung verzögerte sich um fast ein halbes Jahr, weil die vorgesehenen Motoren auf einem U-Boot eingebaut wurden."
Andererseits schreibst Du, daß die Kiellegung im Januar 1942 erfolgte und die Indienststellung im Juli 1942.
Das würde meinem Verständnis nach bedeuten, daß ohne die Verzögerung das Boot im Monat der Kiellegung fertiggstellt worden wäre :?

bodrog

fast (ein halbes Jahr) scheint wohl hier das entscheidente Wort zu sein - gehe ich recht in der Annahme, das die Motoren in die IX D 1 - Boote U 180 sowie U 195 eingebaut worden sind? Dann müsste also bei der Anzahl Motoren insagesamt vier aber wahrscheinlich mindestens zwei Schnellboote davon betroffen gewesen sein...

Urs Heßling

#19
moin,

Zitat von: kgvm am 11 April 2015, 14:06:07
Das würde meinem Verständnis nach bedeuten, daß ohne die Verzögerung das Boot im Monat der Kiellegung fertiggstellt worden wäre :?
Zitat von: bodrog am 11 April 2015, 15:54:10
fast (ein halbes Jahr) scheint wohl hier das entscheidente Wort zu sein -
Nein und Ja, 6-8 Wochen waren normal zwischen Kiellegung und ID

Zitat von: bodrog am 11 April 2015, 15:54:10
richtig in der Annahme, das die Motoren in die IX D 1 - Boote U 180 sowie U 195 eingebaut worden sind?
Ja, das ist mein Kenntnisstand

Zitat von: bodrog am 11 April 2015, 15:54:10
Dann müsste also bei der Anzahl Motoren insagesamt vier aber wahrscheinlich mindestens zwei Schnellboote davon betroffen gewesen sein...
Ja, vier, S 65 - S 68, erkennbar an den verzögerten ID-Zeitpunkten gegenüber den vorhergehenden und folgenden Booten.

Gruß, Urs
"History will tell lies, Sir, as usual" - General "Gentleman Johnny" Burgoyne zu seiner Niederlage bei Saratoga 1777 im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg - nicht in Wirklichkeit, aber in George Bernard Shaw`s Bühnenstück "The Devil`s Disciple"

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