Fragen zum uneingeschränkten U-Bootkrieg

Begonnen von Mark Alt, 03 November 2019, 11:42:19

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Mark Alt

Hallo,

hätte eine Frage zur Bekanntmachung des uneingeschränkten U-Bootkrieges vom 4. Februar 1915. Die lautet:

Zitat
Bekanntmachung

1. Die Gewässer rings Großbritanniens und Irlands einschließlich des gesamten englischen Kanals werden hiermit als Kriegsgebiet erklärt. Vom 18. Februar 1915 an wird jedes in diesem Kriegsgebiet angetroffene feindliche Kauffahrteischiff zerstört werden, ohne daß es immer möglich sein wird, die dabei der Besatzung und den Passagieren drohenden Gefahren abzuwenden.

2. Auch neutrale Schiffe laufen in dem Kriegsgebiet Gefahr, da es angesichts des von der britischen Regierung am 31. Januar angeordneten Mißbrauchs neutraler Flaggen und der Zufälligkeiten des Seekrieges nicht immer vermieden werden kann, daß die auf feindliche Schiffe berechneten Angriffe auch neutrale Schiffe treffen.

3. Die Schiffahrt nördlich um die Shetlands-Inseln, in dem östlichen Gebiet der Nordsee, in einem Streifen von mindestens 30 Seemeilen Breite entlang der niederländischen Küste ist nicht gefährdet.

Was war dieser Mißbrauch neutraler Flaggen, die am 31. Januar von der britischen Regierung angeordnet war?
Als Anfang wird hier der 18. Februar angegeben, doch wird allgemein der 22. Februar als solche betrachtet. Warum diese vier Tage Verzögerung?

Danke im Voraus
Andreas

Urs Heßling

#1
moin,

der hier angesprochene U-Boot-Einsatz war meines Wissens (noch) nicht uneingeschränkt.

Warnungslose Angriffe auf erkannte Fahrzeuge feindlicher Nationen waren möglich, aber im Allgemeinen wurde er nach Prisenordnung geführt.
https://www.dhm.de/lemo/kapitel/erster-weltkrieg/kriegsverlauf/u-boot-krieg.html

Sonst wären Geschehnisse wie der Baralong-Fall nicht möglich gewesen.

In zahlreichen Internet-Darstellungen wird der Einsatz als "uneingeschränkter U-Boot-Krieg" bezeichnet. Das ist mE irreführend.

Auch in dieser englischen(!) Darstellung ist von "Blockade", aber nicht von "unrestricted" o.Ä. die Rede. Die erwähnte "Anordnung" der brit. Regierung war nur eine "Empfehlung".
http://www.naval-history.net/WW1Book-World_War_1_Timeline_or_Chronology_1914-1915.htm, scrollen zum Januar 1915 und weiterlesen

Gruß, Urs
"History will tell lies, Sir, as usual" - General "Gentleman Johnny" Burgoyne zu seiner Niederlage bei Saratoga 1777 im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg - nicht in Wirklichkeit, aber in George Bernard Shaw`s Bühnenstück "The Devil`s Disciple"

Mark Alt

Danke Urs für die Antwort. Es mag so stimmen, denn im Reichsanzeiger wurde am 4. Februar 1915 Die Blockierung Englands angekündigt, ohne das Wort ,,uneingeschränkt" zu erwähnen, am 31. Januar 1917 hieß es aber schon Verkündung des uneingeschränkten U-Boot-Krieges.

(Ich konnte es mir nicht entscheiden, dachte aber neuerlich, dass es eine Kriegführung ist, in der die völkerrechtliche Regeln nur nicht vollkommen geachtet werden.)

Zitat[January] 30th - British Admiralty warn British merchant vessels to fly neutral or no ensigns in vicinity of British Isles (see February 6th, 7th and 11th).

[February] 6th - British S.S. "Lusitania" arrives at Liverpool flying United States flag (see 7th, January 30th and May 7th).

[February] 7th - British Foreign Office issue statement justifying use of neutral flag at sea (see 6th, 11th, and January 30th).

Am 30. Januar war es also nur eine "Warnung" keine britische Flagge zu benutzen beim ansteuern der Häfen, am 7. Februar wurde es schon rechtfertigt. Letztere scheinbar nach der deutschen Blockade-Ankündigung.

Zitat[February] 1st - British Admiralty issue orders forbidding neutral fishing vessels to use British ports.
Was war das Ziel dieser britischen Anordnung? Die Neutralen zu schonen?

ZitatSonst wären Geschehnisse wie der Baralong-Fall nicht möglich gewesen.

Konnte nicht der uneingeschränkte U-Boot-Krieg auch nach Prisenordnung geführt werden? Laut EnWiki wurde HMS Prize am 14. August 1917 von U 43 vernichtet als das Q-ship einen Überraschungsangriff gegen das Boot ausführen wollte – zum Beispiel. Umstände nicht erwähnt aber scheint eine typische Q-ship-Operation zu sein gegen ein U-Boot das nach der Prisenordnung vorgehen wollte.

Gruß
Andreas

Urs Heßling

#3
moin,

Zitat von: Mark Alt am 04 November 2019, 16:29:21
Konnte nicht der uneingeschränkte U-Boot-Krieg auch nach Prisenordnung geführt werden? 
An sich wiederspricht sich das. Es ist möglich, daß auch nach dem 1.2.1917  in Einzelfällen (bei Neutralen) noch nach Prisenordnung verfahren wurde.


Zitat von: Mark Alt am 04 November 2019, 16:29:21
Laut EnWiki wurde HMS Prize am 14. August 1917 von U 43 vernichtet als das Q-ship einen Überraschungsangriff gegen das Boot ausführen wollte – zum Beispiel. Umstände nicht erwähnt aber scheint eine typische Q-ship-Operation zu sein gegen ein U-Boot das nach der Prisenordnung vorgehen wollte.
Die Prize wurde von UB 48 versenkt, siehe Prize, nachdem sie das Boot beschossen hatte.

Ich gehe davon aus, daß Steinbauer nicht nach Prisenordnung verfahren wollte, sondern davon, daß er, wie auch andere Kommandanten, auftauchte, um das kleine Schiff ("keinen Torpedo wert") mit Artillerie zu versenken (was dann einem Q-Ship die Möglichkeit zur Aktion gab)

Gruß, Urs
"History will tell lies, Sir, as usual" - General "Gentleman Johnny" Burgoyne zu seiner Niederlage bei Saratoga 1777 im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg - nicht in Wirklichkeit, aber in George Bernard Shaw`s Bühnenstück "The Devil`s Disciple"

t-geronimo

Hallo Andreas!

Hast Du / Kennst Du Joachim Schröder: "Die U-Boote des Kaisers"? Das Buch hat, soweit ich mich erinnere, hier im Forum und auch außerhalb sehr gute Kritiken bekommen und ich meine, dass genau Deine Frage eines der Hauptthemen des Buches ist (ich kenne es nicht).
Gruß, Thorsten

"There is every possibility that things are going to change completely."
(Captain Tennant, HMS Repulse, 09.12.1941)

Forum MarineArchiv / Historisches MarineArchiv

Mark Alt

Hallo Thorsten,

das Buch habe ich nicht, im Forum war es schon im Gespräch, das habe ich gesehen. Es erschien im Jahre 2002, und dächte es seien viele Dinge seitdem im Internet bezüglich des Themas erschienen.

Bei Wikipedia gibt es eine Definition zu lesen:
,,Die Bezeichnung uneingeschränkter U-Boot-Krieg wird verwendet, wenn Schiffe ohne vorherige Warnung angegriffen werden."

Ich weiss nicht, wie passend diese Erklärung ist. Scheint mir etwas zu einfach zu sein. Jetzt lese ich bei Scheer nach, das ist frei im Netz zu lesen in englischer Sprache. Der Ausgangspunkt ist sicherlich die völkerrechtswidrige britische Fernblockade und dann der Vorschlag der deutschen Offizieren im November 1914, eine U-Boot-Kampagne zu starten. Das Buch zitiert diese ,,Suggestion" und darin steht:

Zitat ,,... Consequently the U-boat cannot spare the crews of steamers, but must send them to the bottom with their ships. The shipping world can be warned of these consequences, and it can be pointed out that the ships which attempt to make British ports run the risk of being destroyed with their crews. This warning that the lives of steamers" crews will be endangered will be one good reason why all shipping trade with England should cease within a short space of time."

Nebst Vergeltung und Selbstverteidigung geht es hier also auch um Abschreckung. Laut dem text sollen die Dampfer vernichtet werden. Aber was ist mit Segelschiffen? Sollte das Leben ihrer Mannschaft erspart werden?

Die Bekanntmachung vom 4. Februar wird von Scheer sehr kritisch angesehen. Er schreibt zynisch:
,,Unfortunately, when they declared the War Zone, those in authority could not bring themselves to state in so much words that all shipping there was forbidden."

Bis zum 18/22. Februar wurde das Abschiessen der Schiffe unter neutraler Flagge untersagt. Kann es dann gesagt werden, dass damit der uneingeschränkte U-Boot-Krieg abgesagt wurde? Bei Scheer wird zu dieser Zeit nicht mal erwähnt. Wie kann man diese Monaten dann bezeichnen?

---
Zitat von: t-geronimo am 05 November 2019, 12:22:57
Das Buch hat, soweit ich mich erinnere, hier im Forum und auch außerhalb sehr gute Kritiken bekommen...

Da die Ansprüche und Erwartungen sehr unterschiedlich sein können, hat auch das Schröder-Buch negative Kritiken anderswo bekommen. Einen solchen Fall schildert die mMn beste Kundenrezension, die so lautet:

ICH HABE MIR DAS BUCH NUR WEGEN DENN BILDERN GEKAUFT UND DA SIND DAN KEINE BILDER DRIN ICH WILL MEIN GELD ZURÜCK DAS IST DU VERARSCHE HERR SCHRÖDER WIESO SIND DA KEINE BILDER DRIN SIE........ 


:ROFL:

t-geronimo

Manchmal lohnt, sich nicht so sehr auf das Internet zu verlassen (jede Wikipedia-Definition ist nur so gut und exakt wie ihr Ersteller) und mal in ein gutes Buch zu investieren.

Aus einer eigentlich negativen Kritik bei Amazon:
ZitatDie militärischen Aspekte werden nur nebensächlich behandelt. Im Vordergrund steht der Dialog der Regierung (Kanzler und Kaiser) mit der Marineleitung darüber, ob und im welchem Maße ein uneingeschränkter U-Bootkrieg nun durchgeführt werden soll. Zu vielen Seiten wird Raum gelassen für die politische Korrespondenz der kriegsführenden Regierungen.
Das politischer Hintergrund teilweise nötig ist um militärische Entscheidungen zu verstehen, leuchtet ein. Doch hier ist die politische Gewichtung eindeutig übertrieben. Somit ist der Titel "Die U-Boote des Kaisers" irreführend. Nicht die U-Boote selbst sind Mittelpunkt, sondern die Politik der Marine. Es müßte deshalb vielmehr heißen "Die deutsche Politik der Seekriegsführung im 1. Weltkrieg".
Also scheinbar genau das was Du suchst.  :MZ:
Gruß, Thorsten

"There is every possibility that things are going to change completely."
(Captain Tennant, HMS Repulse, 09.12.1941)

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Mark Alt

Im Internet sind die Bezeichnungen wirklich ganz verschiedlich.
Im Wikipedia-Artikel über den U-Boot-Krieg zum Beispiel steht folgendes:

Zitat,,Am 22. Februar 1915 befahl die deutsche Reichsregierung den uneingeschränkten U-Boot-Krieg gegen Handelsschiffe Krieg führender und neutraler Staaten innerhalb dieser Gewässer."

Im ersten von Urs angegebenen Link ist hingegen folgendes zu lesen:
Zitat,,Daraufhin erklärte das Deutsche Reich das Seegebiet rings um Großbritannien zum Kriegsgebiet und befahl am 22. Februar 1915 den U-Boot-Krieg nach Prisenordnung gegen Handelsschiffe alliierter und neutraler Staaten innerhalb dieser Gewässer. In Ausnahmefällen wurde auf jedes Schiff scharf und ohne Warnung geschossen, auch ohne vorherigen "Schuss vor den Bug"."

Da beim Beginn der U-Boot-Kampagne am 22. Februar 1914 die neutralen Schiffe dem Befehl von 18. Februar entsprechend zu schonen waren, die Schonungslosigkeit aber für die feindlichen oder als solche mit Sicherheit erkannten Schiffe galt, ist mir letztere Erklärung äußerst merkwürdig. Zumal da es neulich (1. September 2014) von "© Deutsches Historisches Museum" veröffentlicht wurde.

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