Kapitänleutnant der Matrosenartillerie Kiel

Begonnen von Flottbeker, 22 November 2025, 15:09:52

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Flottbeker

Hallo Miteinander,
Guten Tag!

Ich betreibe seit einigen Jahren Familienforschung und ich habe ein altes Foto gefunden, das meinen Großvater in Gala-Uniform zeigt. In der gleichen Kiste war auch sein Patent, ausgestellt 1916 von Kaiser Wilhelm II. Weitere Informationen habe ich mir ergoogelt, aber einiges bleibt noch offen. Ich hoffe, dass mir die Experten in diesem Forum da etwas weiterhelfen können.

Mein Großvater war Karl Christian Julius Spliedt, geboren am 9. Feb. 1871 in Kappeln/Schlei bei Schleswig als Sohn eines Arztes.
Mit 23 Jahren trat er am 1. Okt. 1894 in die kaiserliche Marine ein.
Seine Einheit war die 1. Division der Matrosenartillerie in Kiel.
Beförderung vom Vizefeuerw. (?) zum Leutnant zur See der Reserve im beurlaubten Stande am 7. Nov. 1899
Beförderung zum Oberleutnant zur See der Reserve am 10. Aug. 1902
Beförderung zum Kapitänleutnant der Seewehr außer Diensten 27. Jan. 1916, Landwehrbez. Altona
Sein jüngerer Bruder (*1873) war der Marine-Ingenieur Ernst Meno Spliedt, der am 1. Okt. 1896 in die Marine eintrat, und am 8 Dez. 1914 mit der SMS Scharnhorst vor den Falkland -Inseln unterging.

Zum angehängten Foto schrieb mein Vater: "Leutnant der Reserve der Marineartillerie, 1898." Ist das eine Leutnantsuniform?

Ich habe keine Informationen gefunden, wann sein Dienst in der Marine beendet war. Für wie viele Jahre musste man sich damals verpflichten, um die Offizierslaufbahn der Marine einzuschlagen?
War es üblich, erst mit 23 zur Marine zu gehen, und nicht schon mit 18 Jahren?
Seine Marine-Karriere (d.h. Beförderungen) kam ja erst so richtig nach Ende seines aktiven Dienstes in Fahrt. Was war der Grund für die Beförderungen von nicht-aktiven Offizieren im Ruhestand?
Im Vergleich dazu verlief die Karriere seines jüngeren Bruders eher 'ruhig'. Erst am 16. Feb. 1907, d.h. 10 Jahre nach seinem Eintritt, wurde er vom Aspiranten in der Werftdivision Hamburg zum Marine-Ingenieur (=Leutnant zur See) ernannt. In den nächsten 7 Jahren erfolgte keine weitere Beförderung. War Marine-Ing. irgendwie eine Sackgasse?
Zurück zum älteren Bruder Karl. Soweit ich weiß, war er nicht im 1. Weltkrieg aktiv. Ich hätte bestimmt von meiner Großmutter gehört, wenn er in Flandern eingesetzt gewesen wäre. In der Liste der aktiven Marine-Angehörigen zum Kriegsbeginn wurde er nicht geführt. Bei Beginn des Weltkriegs war er 43 Jahre alt, am Ende 47 Jahre. War das zu alt, um diese Jahrgänge aus der Reserve zu reaktivieren?

Wie ich gelesen habe, sind die allermeisten personenbezogenen Unterlagen der kaiserlichen Marine bei einem Bombenangriff 1943 verbrannt. Macht es trotzdem Sinn, im Militärarchiv in Freiburg anzufragen?

Im Voraus vielen Dank,
Reiner

joern

Hallo Reiner,
ich denke, dass die Marinelaufbahn als einjährig Freiwilliger begann. K. Spliedt  müsste vor dem 1.10.1894 eine Ausbildung bzw. ein Studium absolviert haben. Ab 1894 dann  zur Kaiserl. Marine mit Ernennung zum Vizefeuerwerker am 6.5.1896. Bis zur Beförderung zum Leutnant z.S.d.R. 1899 und auch zum Oberleutnant z.S.d.R. 1902, absolvierte er dann mehrere Übungen.
In der Ehrenrangliste wird vermerkt, dass K.Spliedt am 12.12.1912 außer Dienst ging. Im 1.WK  1914-18 wurde er dann wiederverwendet.
Das Foto entstand dann wohl 1899.
Grüße Joern

joern

Hier noch die Verwendung von K. Spliedt im 1. WK.
Grüße Joern
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Flottbeker

Hallo Jörg,
Vielen Dank für die schnelle Antwort. Sehr interessant - diese Informationen über seinen Dienst im 1. Weltkrieg hatte ich noch nicht gefunden. Was ist die Quelle - eine der Ranglisten? Daher hatte ich meine vorgenannten Informationen. [Dann könnte ich in dieser Quelle auch noch nach anderen Verwandten suchen.]

Ich brauche noch etwas Hilfe, den Eintrag vollständig zu entschlüsseln:
August 1914 bis März 1915 - Schutzwache Eckernförde, Führ. (=?)
März 1915 Marine I. (Infanterie?)
April 1915 1. Marine- (oder Matrosen-?) D., KD. KF. ?? [in diese Zeit fällt am 27. Jan. 1916 die Beförderung zum KptLtn]
Mai 1916 4. Marine Kompanie Libau, KF. [mit Libau müsste die Hafenstadt im Westen Litauens gemeint sein, nicht die SS Libau (Schiff), da deren Besatzung in englische Kriegsgefangenschaft ging]
Dezember 1917  XI. Matrosen-Artillerie-Abteilung ?
Mai 1918 1. Marine Matrosen-Artillerie-Abteilung
August 1918 1.Marine-Division?
August 1918 1. W.D. ?
November 1918 1. Marine-Infanterie ? zur Verfügung b. E.?

War all dies aktiver Dienst, oder mehr eine administrative Zuordnung?
Er hat Pharmazie studiert, und recht bald nach dem Kriegsende Anfang 1920 seine eigene Apotheke in Hamburg eröffnet.

Beste Grüße
Reiner

joern

Hallo Reiner,
ich versuche mal die Abkürzungen zu deuten:
August 1914 bis März 1915 - Schutzwache Eckernförde, Führ. Führer
März 1915 Marine I. (Infanterie?) Marineinspektion
April 1915 1. Marine- (oder Matrosen-?) D., KD. KF. ?? [in diese Zeit fällt am 27. Jan. 1916 die Beförderung zum KptLtn] Marinedivision, KO,KF Kompanieoffizier,-führer (unsicher)
Mai 1916 4. Marine Kompanie Libau, KF. [mit Libau müsste die Hafenstadt im Westen Litauens gemeint sein, nicht die SS Libau (Schiff), da deren Besatzung in englische Kriegsgefangenschaft ging]
Dezember 1917  XI. Matrosen-Artillerie-Abteilung (Standort Röbsdorf/Gettorf)
Mai 1918 1. Matrosen-Artillerie-Abteilung
August 1918 1.Marine-Division
August 1918 1. W.D.Werftdivision
November 1918 1. Marine-Inspektion zur Verfügung b. E.?

Alles ohne Gewähr, insbesondere bei KO und KF ist mir der Unterschied nicht klar. Vielleicht ist es auch was ganz anderes.
Die Daten sind aus der Ehrenrangliste der Marine (siehe Titelblatt). Die Eintragung zu Ernst Spliedt habe ich auch noch angehängt.
Grüße Joern
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Flottbeker

Hallo miteinander,
Und etwas verspätet ganz vielen Dank an Joern für seine Erklärungen und Informationen.
Ich habe die Zeit genutzt, um aus den verschiedensten Quellen alle mir verfügbaren Informationen zusammenzutragen und in einer Zeitleiste aufzuführen (im Anhang).

Da werden mir viele Zusammenhänge klarer - aber es werden naturgemäß auch weitere Fragen aufgeworfen:

1
Als Einjähriger war man, glaube ich, ein Kadett, und am Ende des Jahres dann Fähnrich (bzw. damals noch Seekadett). Ich habe allerdings auch gelesen, dass es 3 1/2 Jahre bis zum Fähnrich dauern kann. Wie ist dann der Weg zum Vize-Feuerwerker der Matrosenartillerie? Ist dieser Rang äquivalent zum Unterleutnant beim seemännischen Personal? Wieviel Zeit musste man für Schulungen und Übungen aufwenden?

2
Ich entnehme den Ranglisten, dass es eine Reihe von Stufen der Verfügbarkeit oder Einsatznähe gab:
Aktive Seeoffiziere
Im Beurlaubtenstand:
Reserve
1. Aufgebot
2. Aufgebot
Letztlich waren doch alle außer den aktiven Offizieren in ihren privaten Berufen stehend, oder? Gelegentliche Übungen, klar, aber Sold wurde nicht gezahlt. Gelistet nur für den Fall eines Krieges, der ja dann auch kam.
Wer wurde dann eher einberufen, die Reserve oder das 1. Aufgebot? Oder war die Reserve in 1. und 2. Aufgebot aufgeteilt? 

3
Nach meinem derzeitigen Verständnis war mein Großvater nur 1893-94 als Kadett und dann von Mai 1916 an in Libau/Kurland im aktiven Vollzeit-Dienst. Evtl. noch vom Dezember 1917 bis zum Waffenstillstand im November 1918, zurück im Kiel-Hamburger Raum. Trifft das wohl zu? 
3a
Interessant ist, dass der Posten in Libau im Mai 1916 kurz vor der Fertigstellung der 24-cm-Küstenbatterien im August/September 1916 begann. Und dass er schon vorher zum Kapitänleutnant befördert wurde, und nicht während oder zum Ende seines Einsatzes. [Quelle für Küstenbatterien: Bastian, Max, Band 4, Der Seekrieg]
3b
Bei Kriegsende war er Kapitänleutnant und fast 48 Jahre alt. Gab es da irgendwelche Altersgrenzen und damit ,weiße Jahrgänge'?

4
Ich habe versucht, ein Digitalisat der von Joern genannten Ehrenrangliste zu finden. Die 'normalen' Ranglisten sind ja online. Aber ich habe nur den Verweis auf die Deutsche Digitale Bibliothek gefunden (dort anscheinend nicht digitalisiert, nur im Bestand in Leipzig) oder für Geld vom Internationalen Maritimen Museum in Hamburg. Kann man diese Ehrenrangliste irgendwo frei durchsuchen? Ich habe da noch ein paar andere Namen von Interesse.

5
Was bedeutet "e. B."? So was Ähnliches wie "z. D." = zur Disposition?

Fragen, Fragen ...
Danke schon mal!
Reiner

joern

Hallo,
1
Als Einjähriger war man, glaube ich, ein Kadett, und am Ende des Jahres dann Fähnrich (bzw. damals noch Seekadett). Ich habe allerdings auch gelesen, dass es 3 1/2 Jahre bis zum Fähnrich dauern kann. Wie ist dann der Weg zum Vize-Feuerwerker der Matrosenartillerie? Ist dieser Rang äquivalent zum Unterleutnant beim seemännischen Personal? Wieviel Zeit musste man für Schulungen und Übungen aufwenden?llo

 Kadett und Fähnrich sind Dienstgrade der aktiven Offizierslaufbahn. Die einjährig Freiwilligen werden in der Regel z.B. zum Vizesteuermann befördert. Das ist meiner Meinung nach ein Dienstgrad zwischen Unteroffizierslaufbahn und Offizierslaufbahn, denn nach Übungen entscheidet sich ob die Unteroffiziers- oder die Offizierslaufbahn zum Reserveoffizier eingeschlagen werden kann. Bis zum Vize.... waren sie wohl Matrosen (Da bin ich mir nicht ganz sicher)
3
Nach meinem derzeitigen Verständnis war mein Großvater nur 1893-94 als Kadett und dann von Mai 1916 an in Libau/Kurland im aktiven Vollzeit-Dienst. Evtl. noch vom Dezember 1917 bis zum Waffenstillstand im November 1918, zurück im Kiel-Hamburger Raum. Trifft das wohl zu?

Warum erst seit Mai 1916 im Vollzeit-Dienst? Er war doch von Beginn des Krieges bei der Truppe.

Schicke mir doch per PN deine Mailadresse für die Ehrenrangliste.
Grüße Joern


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