Graf Spee macht es ganz anders

Begonnen von Urs Heßling, 21 Dezember 2025, 19:29:21

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Urs Heßling

moin,

ich habe die Fahrt des Kreuzergeschwaders einmal zu einer "Sea Story" geändert  :O/Y

Graf Spee macht es ganz anders ...

Die Fahrt und das Schicksal des deutschen ostasiatischen Kreuzergeschwaders unter Admiral Graf Spee und seiner Schiffe sind bekannt.  Es hätte aber auch ganz anders kommen können ...

Der kleine Kreuzer Dresden bleibt im Südatlantik (die Trennlinie zum weiter nördlichen Operationsgebiet der Karlsruhe ist der Äquator), verlegt nicht in den Pazifik und führt zuerst auf der Route Rio de la Plata-Europa, dann auf der Route Kapstadt-Europa Kreuzerkrieg. Nach dem Bekanntwerden des Verlustes der Emden am 9.11.1914 funkt Kapitän Lüddecke an die Admiralität die Überlegung, dass es einen enormen Eindruck im Indischen Ozean machen werde, wenn er mit der Dresden wie eine "wieder auferstandene" Emden in dieses Gebiet vorstoße und er für sein Schiff ein solches Vorgehen befürworte. Die Admiralität stimmt zu.
Dresden erreicht mit maschinenschonender Fahrt und der Kaperung mehrerer Frachter und Übernahme derer Kohle in der Walvis Bay den Indischen Ozean und beginnt im Januar 1915 dort den Handelskrieg. Wegen der immer dringlicher werdenden Maschinenprobleme läuft Lüddecke schließlich den neutralen niederländischen Hafen von Padang an der Westküste Sumatras an. Dort wird das Schiff von einem britischen Geschwader gestellt und beschossen. Da Lüddecke ein Auflegen freigestellt wurde, läuft er mit seinem Schiff aus dem Hafen aus, um Verluste der Zivilbevölkerung zu vermeiden, und lässt die Dresden in der Bucht vor Padang versenken.

Die Admiralität beordert die bisher an der Westküste Südamerikas südlich des Panamakanals Handelskrieg führende Leipzig anstelle der Dresden in den Südatlantik aufgrund der Überlegung, dass ein Ansteigen der Versicherungsraten in London wegen Verlusten vor dem Rio de la Plata und Kapstadt für Großbritannien einen größeren Verlust bedeute als für Deutschland der des alten Kleinen Kreuzers. Nach einigen Erfolgen auf dem Weg nach Süden an der Westküste Südamerikas wird die Leipzig auf der Reede von Coronel vom Cradock`schen Geschwaders gestellt und von Good Hope und Glasgow in neutralen Hoheitsgewässern beschossen. Auch Fregattenkapitän Haun versenkt sein Schiff, fast die gesamte Besatzung überlebt und wird in Chile interniert. Viele Offiziere und Unteroffiziere der Leipzig kehren mit der alten Bark Tinto (1916/17) über Norwegen in die Heimat zurück.

Als die Nürnberg nach ihrem Besuch in Honolulu und der Zerstörung der Funkanlage auf der Fanning-Insel am 8.9. wieder zum  Geschwader stößt, überredet Kapitän von Schönberg unter dem bei den Alliierten bestehenden Eindruck der Erfolge der Emden im Indischen Ozean anhand der auf Hawaii erschienenen Zeitungen und auf Fanning gefundener Meldungen Graf Spee, ihn und sein Schiff an die Küste Australiens und Neuseelands zu detachieren. Die von dort zum europäischen Kriegsschauplatz abgehenden Truppentransporte  sollen durch Beschießung von Hafenanlagen wie Sydney, Melbourne, Auckland und Wellington – unter Wahrung des Kriegsrechts, das Beschießen unverteidigter Häfen verbietet – aufgehalten oder zumindest verzögert werden.

Nürnberg wird entsprechend entlassen, ihr Kommandant erfährt bei der Aufbringung eines kleinen Seglers von der Einschiffung und dem Aufenthalt der NZEF (New Zealand Expeditionary Force (8.500 Mann))  für den europäischen Kriegsschauplatz im Hafen von Wellington und benachrichtigt Graf Spee, der nun – trotz einer angenommenen Gefährdung durch den Schlachtkreuzer Australia – seinen Plan, mit den beiden eigentlich schon veralteten Panzerkreuzern um Kap Hoorn herum in den Atlantik durchzubrechen, im Sinne der traditionell-deutschen Auftragstaktik wegen eines übergeordneten Kriegsziels (der Landkriegführung) aufgibt

Nach der Beschießung von Papeete am 22.9. werden bei den Marquesas am 24.- 27.9. je vier 8,8 cm-Geschütze der Panzerkreuzer ausgebaut und auf dem 15 kn schnellen Reichspostdampfer Yorck eingebaut, der danach als Hilfskreuzer auf der Australien-Panama-Route eingesetzt wird. Die Yorck wird nach einigen Erfolgen wie die Geier wegen Unbrauchbarkeit ihrer Maschinenanlage auf Hawaii interniert und dort im April 1917 aufgebracht und als Hilfsschiff der US Navy verwandt.

Auf die Meldung der Nürnberg hin laufen die Panzerkreuzer mit den Versorgungsschiffen Göttingen und O.J.D.Ahlers über Tonga zurück nach Westen zur Lord-Howe-Insel nordwestlich von Neuseelands Nordinsel. Ihre Bewegungen werden von der britischen Funkaufklärung erkannt, aber die britische Admiralität geht davon aus, daß der britische Panzerkreuzers Minotaur zusammen mit dem japanischen Schlachtkreuzer Ibuki ,,more than a Match" (überlegen) gegenüber den beiden deutschen Schiffen seien. Das taktische Geschick Spees zieht man nicht ins Kalkül ...

Nach weiteren Nachrichten der Nürnberg treffen die Panzerkreuzer am 12.10. westlich der Cook-Straße mit ihr zusammen und greifen an deren Westausgang den am 16.10. unter dem Schutz der beiden alliierten Schiffe aus Wellington ausgelaufenen Konvoi von 10 Transportschiffen aus der Landdeckung durch Cape Farewell, der Nordspitze der Südinsel, heraus in der Morgendämmerung des 17.10., die die deutschen Schiffe im Westen schwer erkennbar macht, an.
Entsprechend der bei der tatsächlichen Versenkung der Emden bewiesenen Bevorzugung britischer Schiffe steht Minotaur an der Spitze des Geleits, das andere Geleitschiff am Ende.

Während die Panzerkreuzer die Minotaur zu zweit aus einer Crossing the T-Position heraus bekämpfen und in kurzer Zeit ausschalten, greift die Nürnberg , die von Graf Spee Befehl hat, sich aus dem Artilleriegefecht herauszuhalten und von Scharnhorst und Gneisenau je 6 Torpedos übernommen hat, die Transportschiffe an; es wird allerdings keine Katastrophe für den Geleitzug.
Von den 10 Schiffen versenkt Nürnberg die Spitzenschiffe Maunganui (7.527 BRT) und Tahiti (7.585 BRT), bei den anderen Schiffen Athenic (12.234 BRT), Arawa (9.626 BRT), Waimana (8.128 BRT), Ruapheu (7.705 BRT), Orari (7.207 BRT), Limerick (6.827 BRT), Hawkes Bay (4.583 BRT) und Star of India (7.316 BRT) gelingt es den Kapitänen, ihre Schiffe in der Golden Bay und der Tasman Bay an der Nordseite der Südinsel aufzusetzen und den eingeschifften Soldaten das Leben zu retten.

Dann kann das zweite Geleitschiff in das Gefecht eingreifen. Die sehr gut schießende Ibuki erzielt mit ihren 30,5 cm-Geschützen einen schweren Treffer in einem Maschinenraum der Gneisenau, die fast bewegungsunfähig liegenbleibt. Dann treffen Scharnhorst und Ibuki mit gleichzeitigen Salven ein Munitionsmagazin des Gegenübers. Beide Schiffe gehen in heftigen Detonationen unter, auf Scharnhorst gibt es keine Überlebenden, auf Ibuki nur wenige.

Da der nun dienstälteste Offizier, Kpt.z.S. Märker, der Kommandant der Gneisenau, den größtmöglichen Gewinn eines weiteren Vorgehens darin sieht, die kampferprobten Besatzungen seiner Schiffe  in die Heimat zu bringen, plant er eine Rückkehr über Mexiko.
Die Gneisenau wird selbstversenkt, ihre Besatzung von Prinz Eitel Friedrich übernommen. Der Hilfskreuzer und die Nürnberg laufen in Richtung der mexikanischen Westküste. Aufgrund der durch Room 40 entschlüsselten Funksprüche mit der deutschen Etappe, die die Kohlenversorgung sicherstellen soll, werden sie aber schon bei Samoa von einem australisch-japanischen Geschwader (KAdm Patey) mit dem Schlachtkreuzer Australia, dem brit. Kreuzer Newcastle und den japanischen Panzerkreuzern Izumo und Asama abgefangen und gestellt. Da Märker die Besatzungen der artilleristisch hoffnungslos unterlegenen und maschinell heruntergefahrenen Schiffe nicht sinnlos opfern will, läuft er das US-Gebiet Ost-Samoa an und geht mit mehr als 1000 Mann, darunter beiden Söhnen des Grafen Spee, in die Internierung.
Beide Schiffe werden dort im April 1917 selbstversenkt, die Besatzungen gehen in die Gefangenschaft

Damit ist der Handelskrieg auf den Weltmeeren mit Kreuzern der Kaiserlichen Marine beendet.

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Gruß, Urs
"History will tell lies, Sir, as usual" - General "Gentleman Johnny" Burgoyne zu seiner Niederlage bei Saratoga 1777 im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg - nicht in Wirklichkeit, aber in George Bernard Shaw`s Bühnenstück "The Devil`s Disciple"

delcyros

Zitat von: Urs Heßling am 21 Dezember 2025, 19:29:21moin,


Dann kann das zweite Geleitschiff in das Gefecht eingreifen. Die sehr gut schießende Ibuki erzielt mit ihren 30,5 cm-Geschützen einen schweren Treffer in einem Maschinenraum der Gneisenau, die fast bewegungsunfähig liegenbleibt. Dann treffen Scharnhorst und Ibuki mit gleichzeitigen Salven ein Munitionsmagazin des Gegenübers. Beide Schiffe gehen in heftigen Detonationen unter, auf Scharnhorst gibt es keine Überlebenden, auf Ibuki nur wenige.


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Gruß, Urs


Fragt sich aber, mit welchen Geschossen soll die IBUKI um 1914 einen zündfähigen Panzerdurchschlag in die Magazine erreichen können?

Sven L.

Hallo,

hatte die kaiserliche japanische Marine zu diesem Zeitpunkt noch keine AP-Granaten?
Grüße vom Oberschlickrutscher
Sven


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Solange man seinen Gegner nicht bezwungen hat, läuft man Gefahr, selbst bezwungen zu werden.
Clausewitz - Vom Kriege

delcyros

Keine die eine "Durchschlag" im zündfähigem Zustand mit Verzögerung, zumal bei 10-20 Grad Einschlagwinkel hinbekommen. Sie haben im Wesentlichen die letzten Britischen 2crh APC-Geschosse verwendet, allerdings mit anderem Granatfüller und non-delay fuze.
Damit ist eine Wirkung primär auf die KC-Platten zu erwarten, aber nur in eingeschränktem Maße dahinter. Kann immer noch katastrophal auf Kasematten, Barbetten und Türme wirken, aber Treffer in den Magazinen wären da nicht unbedingt das erste woran ich denke.

Urs Heßling

moin,

dann muß ich meine "Geschichte" abändern :wink:  danke für den technischen Hinweis :TU:)

Die wesentliche Änderung - die Wendung zurück nach Westen - bleibt davon unbenommen.

Gruß, Urs
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maxim

Ist das bei 30,5 cm-Granaten, die schräg von oben kommen, relevant?

Die Deckspanzerung war maximal 60 mm oder?

delcyros

#6
Das Problem ist grundsätzlich. Die 12"/45 cal. 41st year Geschütze auf der IBUKI waren mit 15 Grad maximaler Rohrerhöhung (Navweaps) oder 23 Grad (Lengerer et al) versehen. Damit erreicht man bei maximaler Schussweite 20 Grad Fallwinkel und mehr. Das ist ausreichend für Deckstreffer. Homogene Schiffsdecks (mit Schiffbaustahl oder niedrigprozentigem Nickelstahl) beanspruchen das Geschoß nicht so sehr wie K.C.-Panzer, aber die Magazine liegen unter mehreren Decks, von denen das Oberdeck und das Panzerdeck verstärkt waren. Das ergibt eine Situation, in welcher das Geschoss entweder dicht unter dem Oberdeck detoniert (wenn der Zünder überhaupt anspringt) oder blind bleibt und gar nicht zündet (wegen zu flachem Einschlagswinkel, nominell braucht es 20 Grad, unter 15 Grad funktioniert er nicht).
Damit das Geschoss irgendwie plausibel in die Magazine gelangt, müsste es durch einen Bereich des oberen Rumpfes der keine Panzerung aufweist eindringen (sonst non-delay-Zünder) und danach eine dünnere Sektion der unteren Barbetten treffen, wo der Zünder anspringt und das Geschoß in der unteren Barbette dicht über den Umladekammern zur Detonation bringt.

Da die Japaner keine englischen 12" C.P.C. Pulvergranaten benutzen, sondern stattdessen Shimose als Granatfüller, haben sie auch nicht die Möglichkeit, dass die Pulverfüllung das Geschoss beim Durchschlag aufbricht und einen engen, aber tiefen Pfad der Zerstörung anrichtet (Falklands).
Genauer betrachtet haben sich SCHARNHORST und GNEISENAU nicht als sehr verwundbar gegenüber 12" Einzeltreffern erwiesen. Maßgeblich für das Sinken beider Schiffe war der akkumulierte Schaden über dutzende Treffer hinweg (praktisch unter Verschuß des Munitionsvorrates zweier Schlachtkreuzer).
Auch ein Treffer mit Folge eines Magazinbrandes würde nur eine gewisse Chance auf eine zerstörerische Detonation haben. Bei den Engländern mit Cordite etwa 50%, bei R.P. C/12 vermutlich etwas weniger.

maxim

Vielen Dank für die Erklärung!

Wäre es irgendwie wahrscheinlich gewesen, dass die Granate durch die oberen Decks geht (also hier der Zünder nicht anspringt) und erst durch das Panzerdeck ausgelöst wird (was dann praktisch am Magazin sein könnte)?

Das Argument, dass selbst ein Munitionsbrand nicht unbedingt eine Explosion auslöst, finde ich bei einem deutschen Schiff nachvollziehbar. Es gab eine Munitionskammerexplosionen, u.a. bei britischen, französischen, italienischen und japanischen Schiffen, vor oder während des Ersten Weltkriegs. Gab es überhaupt eine auf einem deutschen? Eventuell auf Karlsruhe?

delcyros

#8
Da das Oberdeck als strukturelle Komponente verstärkt war, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass entweder der Zünder angesprochen hätte oder die Füllung wegen Stoßes detoniert. Bei Falkland hatten C.P.C. Pulvergranaten bei Deckstreffern auf hohe Distanz dagegen Wirkung in den unmittelbar unter dem Deck gelegenen Räumen, mit entsprechenden Folgen z.B. für die darunter liegenden Kasematten.
Shimose bzw. Mélinite ist dagegen ähnlich wie Lyddite ein hochempfindliches Sprengmittel, welches auch ohne Zünder regelhaft beim Auftreffen zur Detonation kommt. Bei Deckstreffern auf sehr große Entfernung muss das nicht zwingend geschehen, aber mir liegen keine Unterlagen dazu vor. Hier liegt ein bedeutender Nachteil Japans zu Beginn des ersten Weltkrieges darin, das man an diesem eigentlich viel zu empfindlichen Sprengstoff für Spgr. und Psgr. festhielt, obwohl dazu eigentlich ein unempfindlicherer Sprengstoff (TNT) erforderlich ist. Eine panzerbrechende Wirkung ist deshalb von japanischen Granaten mit "live" Ladung gegen K.C. gar nicht zu erwarten. Dieses Problem teilten aber auch England mit seinen Lyddite-Granatfüllungen für H.E. & A.P.C.-Geschosse (letztere bis es im Frühjahr 1918 die 60/40 Shellite/TNT-Mischung ersetzt wurde) und die USA mit ihren etwas weniger sensiblen expl. D-Füllungen für ihre A.P.-Geschosse bis Anfang der 1930'er (wegen einer zu geringen Packdichte, was zwar 1924 erkannt, aber erst ab 1928 langsam behoben wurde). England führte aber bekanntlich auch C.P.C.-Geschosse mit Schwarzpulverfüllung, welche den Nachteil der Stoßempfindlichkeit nicht aufwiesen, eine natürliche Verzögerung besaßen aber natürlich nicht den hohen Panzerdurchschlag der A.P.-Geschosse reproduzieren konnten.

In der Hinsicht sei im besonderen an die SATSUMA und TOSA Experimente von 1924 erinnert. Die neuesten japanischen 14 Zoll A.P.C.-Granaten mit Shimosefüllung detonierten entweder beim Auftreffen wirkungslos am Panzer oder zerbrachen daran mit einer low-order Detonation. Nur bei Treffern auf ungepanzerte Strukturen (Rumpf, Aufbau) oder Unterwasser kam es zu wirkungsvollen Explosionen. Ein Aspekt der hier viel zuwenig beleuchtet wurde, ist dass Japan die Entwicklung von Tauchgeschossen auch deswegen vorantrieb, weil man der Meinung war, das die Entschleunigung des Geschosses im Wasser eine vorzeitige Explosion wegen Stoßes des hochempfindlichen Granatfüllers vermied.

Vgl. dazu Koike  Shigeki, 日露戦争と下瀬火薬システム.小池重喜 (The Russo-Japanese War and the system of Shimose gunpowder)

Sven L.

Hallo delcyros,

ZitatAuch ein Treffer mit Folge eines Magazinbrandes würde nur eine gewisse Chance auf eine zerstörerische Detonation haben.

Gilt das auch, wenn Kartuschen und Granaten im selben Raum gelagert wurden?
Grüße vom Oberschlickrutscher
Sven


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Clausewitz - Vom Kriege

t-geronimo

Zitat von: maxim am 03 Februar 2026, 17:34:44...Gab es überhaupt eine auf einem deutschen? Eventuell auf Karlsruhe?

Wenn auch ein Torpedotreffer zählt würde mir spontan SMS Pommern in den Kopf kommen.
Explodierte nicht eine ihrer Kammern?
Gruß, Thorsten

"There is every possibility that things are going to change completely."
(Captain Tennant, HMS Repulse, 09.12.1941)

Forum MarineArchiv / Historisches MarineArchiv

Urs Heßling

moin,

Zitat von: t-geronimo am 03 Februar 2026, 22:14:16Wenn auch ein Torpedotreffer zählt würde mir spontan SMS Pommern in den Kopf kommen.
Explodierte nicht eine ihrer Kammern?
Wahrscheinlich ja, ebenso wie Prinz Adalbert

Toll, wie und in welcher Richtung sich dieser lange ruhende Thread noch entwickelt :O/Y

Gruß, Urs
"History will tell lies, Sir, as usual" - General "Gentleman Johnny" Burgoyne zu seiner Niederlage bei Saratoga 1777 im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg - nicht in Wirklichkeit, aber in George Bernard Shaw`s Bühnenstück "The Devil`s Disciple"

maxim

Ah, ok, dann eventuell doch einige Magazinexplosionen.

@ delcyros: vielen Dank für die ausführliche Erklärung! Das ist sehr spannend. Mir war nicht bewusst, dass das Problem so massiv war. Bei der Royal Navy hatte ich von dem Problem gelesen. Britische panzerbrechende Granaten (mir zumindest nicht klar, welcher Typ) durchschlugen die schwerste Panzerung von deutschen Schiffen doch einige Male, z.B. auf den Schlachtkreuzern bei Doggerbank und Skagerrak.

Allerdings funktionierten die britischen Granaten nicht gut, siehe z.B. diese Aussage zur Skagerrakschlacht:
ZitatDreyer calculated that with a better shell, the British could have expected to claim considerably more sinkings between 7.00 and 7.30 pm: "three or four battle cruisers and four or five battleships".
https://www.jutland1916.com/tactics-and-technologies-4/ordnance-2/
https://www.navalgazing.net/Shells-at-Jutland
https://en.wikipedia.org/wiki/Battle_of_Jutland

Es findet sich mehrmals die Aussage, dass nur einer von 17 Treffern auf schwerer Panzerung wie vorgesehen erst hinter diese explodierte. Wenn man sieht, wie viele schwere Türme auf deutschen Schiffen trotz dieser Probleme außer Gefecht gesetzt wurden, hätte das viel schlimmer ausgehen können.

Sven L.

Bei Pommern und Prinz Adalbert war es ja so, dass Kartuschen und Granaten in einem Raum gemeinsam gelagert wurden.
Die getrennte Lagerung wurde erst ab Nassau/von der Tann eingeführt.
Grüße vom Oberschlickrutscher
Sven


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Clausewitz - Vom Kriege

delcyros

#14
Zur Einordnung englischer Geschosse:

Lyddite gefüllte H.E.-Geschosse:
Explodieren beim Auftreffen auf Panzerung durch Shock auch ohne Zünder, beim Auftreffen auf Strukturteile durch den Zünder. Nach den Bellisle-trials sehr große Schadens- und Splitterwirkung auf ungepanzerte Strukturen.
Lyddite gefüllte A.P.C.-Geschosse:
bis 1918 mit fuze 16 (non-delay). Blinde 15" A.P. Mk.Ia Geschosse zerbrechen bei 20 Grad Auftreffwinkel gegen 240 lbs C.A. (15cm) Platten, sie durchschlagen aber auch 15" C.A. bei normalen Auftreffen heil. Ebenso 13-inches Mk Ia (hvy) erreichen einen intakten Durchschlag gegen 13" CA bei nur ~1,100 fps (=335 m/s) aber schaffen es auch bei 2000 fps nicht intakt durch eine 6" Platte, wenn sie um 20 Grad geneigt liegt.
-geladene A.P. -Geschosse detonieren generell beim Aufschlag durch Stoß (gegen K.C.) oder Zünder (gegen Schiffbaustahl) mit minimaler Verzögerung (wie japanische Geschosse). Nur beim Aufschlag gegen einer Platte, die mit sehr hohem Energieüberschuss angegriffen wird, in welcher das Geschoss kaum verzögert und Stoß ausgesetzt ist, ist ein Durchschlag möglich. Dies verursacht erhebliche Schäden an den K.C.-Platten und im dahinterliegenden Raum, ist aber in der Wirkung lokal sehr begrenzt.
Schwarzpulver gefüllte C.P.C.-Geschosse:
besitzen natürliche Verzögerung wegen der geringen Detonationsgeschwindigkeit des Pulvers. 15" C.P.C. mit type 15 fuze ist wirksam bis gegen 0,5 cal K.C. -Platten. Geschosse zerbrechen, generell nach dem Durchschlag in wenige, große Stücke, die mit geringer Geschwindigkeit die Flugbahn des Geschosses fortsetzen und in einem engen Winkel auch innerhalb des Zieles tiefe, aber unvollständige Zerstörungen verursachen.
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noch 1916 wird eine Projectile-Commission eingerichtet. Sie kommt Anfang 1917 zum Schluß, dass mit den Geschossen alles stimmt und empfiehlt stattdessen primär C.P.C. für große und mittlere Entfernungen und A.P.C nur auf kurze Entfernungen unter "günstigen" Winkeln, wo ein Durchschlag erwartet werden kann.
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Noch 1917 wird unter Dreyer eine zweite Kommission (Shell-Commission) eingerichtet, die den Ergebnissen der ersten Kommission in allen Punkten widerspricht. Relevant dafür ist unter anderem die Beobachtung, dass deutsche 28cm (L3,2) und 30,5cm (L3,4) Psgr. auf großer Entfernungen und großen Winkeln (Gefecht auf der Doggerbank) tiefe Durchschläge erzielt haben und diese Performance von den eigenen A.P.-Geschossen nicht erreicht werden kann. Daraufhin werden Ressourcen gebündelt und (a) neue Geschosse, (b) neue Granatfüllungen, und (c) parallel dazu auch neue Zünder entwickelt.
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1918
Einführung 15" MkIIa Greenboy (Mk IIIa ab Frühjahr 1918 ähnlich aber mit anderen Führungsbändern), neben 13,5" Mk II/IIIa und 12" Mk VIIa Greenboy:
15" getestet auf 20 Grad gegen 10"/400 lbs (250mm) C.A.-Platten (A.P.C. X gegen 8")
13,5" getestet auf 20 Grad und 8"/320 lbs (200mm) C.A.-Platten (A.P.C. X gegen 6")
12" getestet auf 20 Grad und 6"/240 lbs (150mm) C.A.-Platten
Zunächst zahlreiche Rückschläge, die mit Einführung der 15" Mk IVa zunächst bei Vickers und Hadfield, dann auch bei anderen Herstellern stark zurückgehen. Mehrere frühe 15" und 13,5" Geschosslose werden trotz Fehlschlägen an die BCF (vor allem HMS TIGER, REPULSE und RENOWN) ausgeliefert (markiert als A.P.C. X und A.P.C. R).
Nachdem T.N.T.-Granatfüller verworfen werden, da sie bei den dickwandigen A.P.-Geschossen entweder nur eine unvollständige Geschosszerlegung oder eine Beschädigung des Zünders zur Folge haben, wird mit Mischungen auf Basis von Shellite experimentiert. Die Geschosse haben zunächst eine Shellite 50/50 Füllung und type 16 mark III (delay) fuze, die uneinheitlich in der Zündverzögerung sind. Ab Mitte 1918 wird 60/40 Shellite-Füllung und einen von den Kruppzündern abgeleiteten type 16D mark IV Zünder ausgeliefert, der sehr befriedigend funktioniert.
Trotzdem verlieren relativ viele "life"-Geschosse in Tests beim Durchschlag durch die Platte ihren Zünder, weshalb noch 1918 die 15" mk IVa (constricted base) eingeführt und ausgeliefert wird, die diesen Fehler behob.
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1920
Einführung des nochmals verbesserten 15" MkVa (einige Geschosse bleiben heil beim Durchschlag von 12"/480lbs C.A. bei 20 Grad, diese werden mit einem blauen Band markiert). >> diese Geschosse werden für die Baden-trials 1921 erstmals verwendet.
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zum Vergleich, das 1912 eingeführte 30,5cm Psgr. L/3,4 muss eine Abnahme bei 30 Grad Winkeln und 150mm K.C. Platten heil durchstehen (minimale Abnahme) und war in experimentellen Tests gut bis 240mm K.C. und 20 Grad. und darüber hinaus in späteren Nachtests dazu fähig im zerbrochenen Zustand einen Grenzdurchschlag einer 225mm K.C. Platte bei ~550m/s und 45 Grad zu erreichen. Es besaß eine T.N.T. Granatfüllung mit wirksamer Zündverzögerung. Die Zerlegung des Geschosses war jedoch, bedingt durch den T.N.T.-Granatfüller uneinheitlich. Diese 28cm L/3,2 und 30,5cm L/3,4 -Geschosse waren besser als die 38cm L/3,5 Psgr. als auch die folgenden 28cm L/3,7 Psgr.-Geschosse.

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