Kampfschwimmer-Einsatz 1945 - Ein Erlebnisbericht

Begonnen von OldMan, 06 Januar 2026, 19:23:13

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OldMan

Ich eröffne heute auf Anraten von User @Violoncello ein neues Thema, da eine Einstellung des Erlebnisberichts meines Vaters, Matr.OGfr. Wolfgang Schröter (späterer Volksoffizier) unter der Haupt-Thematik "Bücher" etc. nicht passend wäre: Das dort angegebene Buch zu "Kleinkampfmitteln" usw. sei ohnehin vergriffen und auch teilweise fehlerhaft.
Nun zu den Erinnerungen meines Vaters:
Leider hat er keine genaue Datierung überliefert, der ungefähre Zeitraum der "Handlungen" ergibt sich aus der Abfolge seiner Erinnerungsnotizen, die er auch erst ab 1987 (Beginn seines Rentner-Daseins) aufgeschrieben hat. Leider habe ich ihn damals (und später) nicht gefragt: Einmal, weil ich nicht wusste, dass er etwas aufschreibt, andermal, weil ich damals selbst auch keine Zeit für diese Dinge (Memoiren usw.) hatte. Nun stehe ich selbst im Rentenalter und komme endlich dazu, einiges auszuwerten, was militärhistorisch interessant sein könnte.
Im Prinzip setze ich fort, was ich bereits in Teilen im thread "Was ist mit den Marinesoldaten aus dem Ägäis-Bereich geworden?" übermittelte. Der Rückmarsch meines Vaters Einheit aus Griechenland durch den Balkan gibt dabei eine ungefähre zeitliche Einordnung des weiteren folgenden Teils seiner Erlebnisse bis Kriegsende, die letztlich nach dem Krieg in Brunsbüttel Koog bei der "GMSA", den Minenräumern, endete...
Ich bitte erst einmal um Geduld und werde also in den nächsten Tagen (nach Fortschritt der Auswertung) den Erlebnisbericht mit Blick auf das Thema des threads fortsetzen.

OldMan



Nihil, nihil (Von Nichts wird Nichts)

t-geronimo

Wenn du möchtest können wir den Bericht anschließend auch auf unserer Webseite veröffentlichen:

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Gruß, Thorsten

"There is every possibility that things are going to change completely."
(Captain Tennant, HMS Repulse, 09.12.1941)

Forum MarineArchiv / Historisches MarineArchiv

OldMan

Danke, Admin. Die Entscheidung, den Bericht auf der Website zu veröffentlichen, überlasse ich den Fachleuten des Forums.
Ich stelle zunächst zwei Blätter aus seinen handschriftlichen Aufzeichnungen ein (er hat sich mit Druckbuchstaben Mühe gegeben, denn seine eigentliche Handschrift war Sütterlin und die konnte niemand wirklich lesen). Diese erzählenden Notizen stellen den Anschluss her, zu dem, was schon in genanntem Ägäis-thread berichtet wurde, und führen dann zum Folgenden, in dem es um diesen Spezialeinsatz mit den Kampfschwimmern ging. Ich muss hier noch anmerken, dass mein Vater gerade über die Ereignisse bei Kriegsende auch mir gegenüber (vor allem in den 50er und 60iger Jahren; und erst recht anderen Personen) kaum etwas mehr als Andeutungen machte: Vielleicht weil er fürchtete, deswegen irgendwelche Schwierigkeiten bei den Alliierten (und auch bei den Russen anfänglich, denn mein Vater ging 1946/1947 zurück nach Dresden) in kriegsrechtlicher Hinsicht zu bekommen.
Soweit noch zur Einleitung. Ich glaube, man kann die eingestellten Bilder gut lesen.
Ich werde demnächst weiter schreiben.

OldMan
Nihil, nihil (Von Nichts wird Nichts)

OldMan

Noch als Ergänzung zum o.a. Notierten: In Spittal erhielt der Eisenbahntransport der 2. Marine-Kraftwagen-Abteilung, der mein Vater angehörte, eine neue Lok zur Weiterfahrt (wie sie dann erzählt wird). Bis dahin wurde der Rückmarsch im "Ägäis"-thread beschrieben (in St. Peter im Holz war der Transport Opfer von Tieffliegern geworden). Der Kamerad meines Vaters, zu dem in den späten 50igern die Verbindung abriss, noch dazu dann nach 1961 mit dem Mauerbau, war der Matr.OGfr. Max Walter.

OldMan
Nihil, nihil (Von Nichts wird Nichts)

OldMan

Ich setze mal fort (wie aus den angehängten Bildern entnehmbar):

"... mit mir nach Hamburg zu gehen. Wir hatten uns zu einem Sondereinsatz bei einem Sonderstab der Kriegsmarine zur besonderen Verfügung zu melden. Dieser Stab war unmittelbar der 1. Seekriegsleitung in Sengwarden bei Wilhelmshaven (Schliktau) unterstellt. Wir waren froh, den Rückzug durch den Balkan halbwegs gut überstanden zu haben, auch die "Schlacht um Berlin", und hatten nun kein gutes Gefühl, was das Kommende betraf. Im Stab des Sonderkommandos meldeten wir uns bei einem Fregattenkapitän. Es erfolgte eine kurze Einweisung und die Einweisung in unsere Unterkunft in einer Baracke; wenig später erhielten wir durch einen Läufer den Befehl, uns wieder bei dem betreffenden Fregattenkapitän zu melden. In der Schreibstube wurden wir ohne großes Drum und Dran mit unserer Aufgabe vertraut gemacht: Bei strikter Geheimhaltung sollten wir mit zehn Kampfschwimmern nach Mittelholland gehen, um die Westalliierten, die dort schon Fuß gefasst hatten und auf Norddeutschland zu marschierten, aufzuhalten; Heer, Luftwaffe und Marine standen schon in Kämpfen mit den vorrückenden Engländern, auch Kanadiern und Angehörigen der polnischen Anders-Armee.
Max Walter wurde zum Oberfähnrich und ich zum Leutnant zur besonderen Verwendung ernannt. Die Uniform blieb diesselbe, nur die Gefreitenwinkel wurden vom Ärmel entfernt und für die Schulterklappen kamen die Schulterstücke eines Volksoffiziers drauf. Meine Ernennung stand nur auf einer Ernennungsurkunde, nicht aber im Soldbuch. Genauso erging es meinem Kameraden Max."

Kurzer Einwurf: Mir kam das, wenn Vater mal etwas dazu sagte (selten genug) immer ein wenig unwahrscheinlich vor, aber ich zweifle doch nicht an der Authentizität, Vater war immer vorneweg, wie mir seinerzeit, als wir vor dem Mauerbau bei Verwandten in Schleswig-Holstein zu Besuch waren, zu Ohren kam. Es ging ja auf Kriegsende zu, da wird wohl vieles improvisiert worden sein.

"Alles war klar und am folgenden Abend gegen 18:00 Uhr übernahmen wir unsere Spezialgruppe und machten uns miteinander bekannt: Acht als Kampfschwimmer ausgebildete Maate und Bootsmänner, Munition und Sprenggerät sowie für acht Tage Marschproviant für Einzelkämpfer. Am folgenden Morgen setzten wir uns mit zwei Fahrzeugen in Richtung Holland in Bewegung. Ich fuhr mit dem 170 V Kübel Mercedes und Oberfähnrich Walter mit dem alten guten Büssing, auf dem die Männer aufgesessen, das Gerät und Proviant verladen war. Nicht sehr weit sind wir gekommen; kurz hinter Wittmund mussten wir uns, da es Tag mit Sonnenschein geworden war, im Wald verstecken. Die englischen Flieger waren da und kontrollierten die Straßen. Sie schossen auf alles, was sich bewegte. Da konnte nur eine gute Deckung retten, denn unseren Auftrag durften wir nicht gefährden: Rein in die Deckung, raus aus der Deckung, es war wie ein Versteckspiel! So näherten wir uns über Aurich nach Leer, Weener, Nieuweschans der deutsch-holländischen Grenze und überschritten sie. Im Raum Winschoten begann unser Einsatz. Kleine Brücken und Wehre wurden gesprengt, um Straßenverbindungen unbrauchbar zu machen. Den Panzern und anderen Fahrzeugen wurde damit der Vormarsch erschwert, aber sie nicht wirklich aufgehalten.
Unser Kommandounternehmen wurde immer wieder durch feindliche Flieger gestört. So blieb es nicht aus, dass wir sechs Kameraden verloren und sie weder mitnehmen noch begraben konnten Die Holländer, die sich bewaffnet hatten,zwangen zum Rückzug auf die Reichsgrenze. Leider fielen die letzten zwei Maate holländischen Widerstandskämpfern in die Hände.
Von einer deutschen HKL (Hauptkampflinie) haben wir nichts gefunden; ein englischer Jäger schoß auch noch unseren Kübelwagen in Brand. Der Büssing hatte hingegen in einer Feldscheune Deckung gefunden und war nicht bemerkt worden: Wir warteten bis zur Dunkelheit und schlichen dann vorsichtig bei Bourtange nach dem deutschen Neuheede. Bei Papenburg stießen wir auf eine motorisierte Einheit der SS, die im Vorrücken auf Holland war. Nach kurzem Austausch zur Lage rollten wir durch Leer in Richtung Aurich. Hier hatten wir uns bei einem Marinestab zu melden und über die Ausführung unseres Auftrags zu berichten. Zu unserer großen Überraschung trafen wir am anderen Morgen bei diesem Stab einen der beiden von den Holländern gefangengesetzten Maate: Er hatte mit einem Fahrrad die Flucht aus der Gefangenschaft gewagt und sich bis zu diesem Stab durchgeschlagen."

Wieder ein Kommentar: Leider hat mein Vater keine Datierungen dazu angegeben. Er hat allerdings erst, im Rentenalter angekommen, begonnen, seine Erinnerungen aufzuschreiben und wusste es wohl selbst nur noch ungenau.
Seine weiteren "Abenteuer" haben dann nichts mehr den Kampfschwimmern zu tun, sind mE jedoch nicht weniger interessant.
Zunächst hatte er im Hafen Aurich einen Marine-Fährpram, beladen mit Munition, zu bewachen und die Umladung auf LKW, die durch zivile Dienstverpflichtete (ca. 30 Frauen und alte Männer) stattfand, zu kontrollieren. Der Pram hatte eine 2cm-Zwillingsflak mit Marine-Artilleristen an Bord, die aber nur bei Direktanflug in Aktion treten sollten. Nach Ausführung dieses Auftrags erfolgte Abmeldung in der Kommandostelle Aurich und er und sein Kamerad wurden wieder nach Sengwarden in Marsch gesetzt.
Ganz zum Schluss landete mein Vater bei einer "Sicherungsgruppe Dönitz" (Kapt.Lt. Lüth?) in Plön (Lager "Forelle").

Soweit der Erlebnisbericht; "oral history" eben.

OldMan

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OldMan

In Sengwarden, um diesen thread zu einem gewissen Abschluss zu bringen, wurde mein Vater (mit seinem Kameraden) zum 2. Admiral Nordsee befohlen; um eine Auszeichnung für seinen Einsatz zu empfangen (EK II.). Danach erfolgte die erwähnte Abkommandierung nach Plön (Lager Forelle). Mein Vater schreibt in seinen Erinnerungen: "Im Großen und Ganzen hatten wir nichts zu tun. Als wir einige Tage dort waren, es mögen fünf oder sechs Tage gewesen sein, bemerkten wir, dass etwas "vor sich ging". Das beunruhigte uns. Es war das Treiben der höheren Offiziere, das sichtlich nervös wurde; ein reges Kommen und Gehen folgte. Nichts Gutes ahnend, fassten wir zwei den Entschluss nach reiflicher Überlegung, uns abzusetzen. Der Engländer rückte näher und näher und wir wollten auf keinen Fall hier in Plön etwa in Gefangenschaft geraten.
Gesagt, getan, am frühen Morgen verstauten wir unsere Klamotten im LKW und passierten dann unangefochten die Wache. Hätte man uns erwischt, wären wir vor ein Standgericht gekommen; wir hatten von derartigen Fällen schon gehört. Was wir eigentlich tun wollten: Genau wussten wir es noch nicht. Wir hatten noch einen alten Fahrbefehl nach Hamburg; das wollten wir nutzen. Als nächstes legten wir uns wieder unsere alten Dienstgrade zu, schnell wurden die Obergefreitenwinkel wieder an die Feldblusen genäht und die alten Schulterklappen montiert. Nun waren wir wieder Männer der 2. MKEA (Marine-Kraftfahr-Einsatz-Abteilung) auf der Suche nach ihrer Einheit, die sich im Holsteiner Raum befinden sollte, da sie bei Berlin nicht mehr zum Einsatz kam.
Da wir hörten, dass um Hamburg schon alles vom "Tommy" besetzt war, beschlossen wir, uns bei der Marinekraftfahrkompanie in Brunsbüttel als Versprengte zu melden. Wir fuhren über Neumünster. In Itzehoe hatten wir dann bemerkt, dass dort Schlagbäume errichtet worden waren und Zivilisten mit roten Armbinden versuchten auch, uns anzuhalten und uns Waffen und Gerät, Munition und Fahrzeug abzunehmen. Wir sollten uns von denen internieren lassen. Das kam natürlich gar nicht infrage. Mein Kamerad Max gab Gas, der Schlagbaum splitterte und ich schoss mit der MPi zweimal in die Luft. Die Straße war danach leergefegt und wir fuhren dann weiter nach Brunsbüttel."

Dort meldeten mein Vater und sein Kamerad sich bei einem OLtn. Runge, dem KC der erwähnten Kraftfahreinheit. In der Kompanie waren Auflösungserscheinungen zu bemerken, Dienstbetrieb fand nur sporadisch noch statt. Hier erlebte mein Vater das Kriegsende, d.i. die Bedingungslose Kapitulation.

Er schreibt weiter, dass in Brunsbüttel etliche MR-Boote und Hilfsschiffe lagen und der britische Zerstörer "Princess Louisa" deren Kapitulation veranlasste. Die Mannschaften an Land mussten in den Unterkünften bleiben, die Offziere sich bei einem Kommandeur der Briten, die inzwischen von Itzehoe aus in Brunsbüttel einmarschiert waren, melden. Nach britischem Befehl mussten am 10. Mai 1945 alle deutschen Einheiten im Sportstadion antreten, ein britischer kommandierender Offizier hielt eine Ansprache, dann wurde wieder in die Unterkünfte weggetreten. Einige Tage war Ruhe; keiner wusste recht, was werden sollte. Österreicher durften sich entlassen lassen und heimreisen.
Die Stadt Brunsbüttelkoog hatte Antrag bei der Royal Navy gestellt, mit den LKW der Marine Versorgungsfahrten in die umliegenden Orte durchführen zu dürfen. Dem wurde stattgegeben und so fand mein Vater eine neue Beschäftigung.Seine Einheit wurde im August 1945 dann in die "German Mine Sweeping Administration" eingegliedert.
In jener Zeit lernte mein Vater meine Mutter (Flüchtling aus der Nähe von Preußisch-Eylau, heute Bagrationowsk) kennen. Sie lebte dort nach abenteuerlicher Flucht bei ihrer älteren Schwester (Kriegerwitwe, mit Kleinkind, meine älteste Cousine, heute Cuxhaven), die dort untergekommen war, arbeitete da bei der "Volksküche"... Hochzeit war dann in Brunsbüttel im April 1946. Man muss den Mut schon bewundern, in dieser Zeit eine Familie gründen zu wollen.

OldMan
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