Bearing-Only Target Motion Analysis

Begonnen von shinpuren, 08 August 2026, 21:47:00

Vorheriges Thema - Nächstes Thema

0 Mitglieder und 1 Gast betrachten dieses Thema.

shinpuren

Hallo ihr Lieben :)

Ich beschäftige mich zur Zeit ziemlich viel mit der Marinedienstvorschrift 416 und dem dazugehörigen Tabellenheft und bin auf der Suche nach weiteren Ausbildungsunterlagen.

Vor allem interessiert mich etwas was die Amis "Bearing-Only Target Motion Analysis" nennen. Auf Deutsch übersetzt "Analyse der Zielbewegung auf der Basis von Peilungen".

Die Amerikaner haben zu dem Thema reichlich Unterlagen und Verfahren entwickelt. Einige dieser Verfahren aus den 50er Jahren sind auch heute noch fester Bestandteil der US Marine. So zum Beispiel die Spiess TMA oder Single-Leg bzw Double-Leg Ekelund Ranges. Ekelund Ranges ermöglichen die Errechnung oder zumindest Schätzung der Entfernung zu einem Ziel nur anhand von Peilungen. Spiess TMA geht sogar noch einen Schritt weiter und ermöglicht die Bestimmung von Entfernung, Geschwindigkeit und Kurs des Ziels. Beide Methoden sind technisch nicht anspruchsvoll und hätten im 2. Weltkrieg durchaus angewendet werden können, aber Beweise dafür habe ich nicht wirklich gefunden. Die offizielle Meinung der Amerikaner ist, dass diese Methoden erst in den 50er Jahren erfunden worden sind. Einige Leute munkeln, dass manche US Uboot-Kapitäne diese Methoden schon im 2.Weltkrieg anwendeten oder sie währenddessen entwickelt worden sind. Ekelund ist zu jung um im 2.Weltkrieg gedient zu haben, aber Spiess war definitiv auf einem US Uboot im Pazifik.

Mich würde interessieren ob es zu diesem Thema irgendwelche Unterlagen der Kriegsmarine gibt. Im Detail interessiert mich wie die Kriegsmarine die für die Torpedolösung erforderlichen Werte ermittelt hat (Geschwindigkeit, Entfernung, Lage). Auch interessiert mich wie man mit Hilfe der Horchpeilung den Zielkurs bestimmt hat, um zum Beispiel ein Ziel abzufangen.

Einige der Fakten die ich bereits ermittelt habe:

Der Zielkurs lässt sich natürlich anhand der Lage schätzen, allerdings benötigt dies visuellen Kontakt zum Ziel. Eine Horchpeilung ist dafür also völlig unbrauchbar. Ich vermute deshalb, dass man einfach zur Horchpeilung hin navigiert hat und den Kontakt auf Peilung 0 gehalten hat bis man visuellen Kontakt hatte. Falls jemand komplexere Navigationsverfahren kennt wäre ich sehr dankbar. Ich weiß, dass es heutzutage LEAD/LAG LOS Navigation gibt und man anhand der Peilungsmuster mit "Speedstrips" minimale Entfernung/maximale Entfernung bestimmen kann, aber mich würde interessieren ob dieses Wissen bereits in der Kriegsmarine Anwendung fand. Falls ja, dann ziemlich sicher unter anderen Namen.

Falls visueller Kontakt zum Schiff gegeben war, lief einiges anders ab als hier manchmal im Forum dargestellt wird. Auf meiner Suche fand ich zum Beispiel einen anderen Beitrag der den Wortlaut "Target Motion Analysis" enthielt. Dort wurde ein Beitrag von ZEISS verlinkt, dass in den Periskopen Stadimeter eingebaut waren. Diese Information kann ich so leider nur bedingt bestätigen. Es ist korrekt, dass Typ II Uboote mit Stadimeter ausgerüstet waren. Viele der VII und IX Boote hatten allerdings kein Stadimeter. Ich bin im Besitz von Kopien der Bedienungsanleitungen für das Angriffsperiskop als auch das Nachtseh-Luftzielfernrohr (NSLR) für VII und IX Boote und beide Anleitungen erwähnen kein Stadimeter.

Desweiteren war die nötige Längeninformation nicht vorhanden. Es ist zwar richtig, dass Identifikationsbücher gab wie zum Beispiel das "Taschenbuch der Handelsflotten 1940" von Erich Gröner. Diese Identifikationsbücher waren aber häufig unvollständig, hatten fehlerhafte Informationen und die Erkennung des Ziels bei Dunkelheit, Nebel oder große Entfernung war mehr als schwierig. Es existierten militärische Schattenrisse, aber auch dort habe ich in meiner Recherche fehlende Werte gefunden. Dazu kam das Risiko von künstlichen Mast- oder Schiffaufbauten oder Maßnahmen der Spionageabwehr (Streuung von Falschinformationen).

Aus den KTBs kann ich demnach entnehmen, dass häufig gefeuert worden ist ohne das Schiff eindeutig zu identifizieren und die Identifizierung diente meistens eher nur zur Schätzung der Brutto-Register-Tonne und der Freund/Feind-Erkennung.

In meiner Recherche bin ich unter anderem durch einen Freund (M. Hamacher, danke an dich!) auf andere Verfahren gestoßen wie zum Beispiel "Ausdampfen" (Parallelkurs und Geschwindigkeitsanpassung bis Eigengeschwindigkeit = Zielgeschwindigkeit), der V-Kurve, "Ausdampfverfahren" (Feuern bei konstanter Peilung) oder "Auswanderungsverfahren" (Feuern bei Peilungsänderung).

Die Informationslage zu diesen erwähnten Verfahren ist aber äußerst dünn.
Ich habe diverse Marinedienstvorschriften durchgesehen. So zum Beispiel M.Dv 416 und M.Dv 416T und habe auch dort keine Erwähnung dieser Verfahren gefunden. Auch das Ubootkommandantenhandbuch hat diese Verfahren nicht wirklich erwähnt.

Deshalb meine Fragen:

1. Gibt es noch weitere Marinedienstvorschriften die Navigationsmethoden und Einsatztaktik beinhalten? Meiner Recherche nach nein. Stattdessen müsste dieses Wissen in der Ausbildung vermittelt worden sein. Die Ausbildungsunterlagen für Ubootsfahrer sind aber leider nicht digitalisiert oder vielleicht sogar gar nicht mehr vorhanden?

2. Existierten "Bearing-Only TMA" Methoden in der Kriegsmarine? Ich weiß, dass "Mitkoppeln" oder andere nautische Verfahren quasi das 1x1 der Marine sind. Ich interessiere mich für Primärquellen die nautische Navigation in den Jahren 1939-45 erklären. Vor allem im militärischen Kontext zur Peilung eines Ziels.

3. Welche technische Verfahren zur Ermittlung der Werte habe ich nicht auf dem Schirm? Ich weiß, dass FuMO (Funkmessortung), heute vermutlich eher unter Radar bekannt, Einsatz auf deutschen Ubooten fand. So zum Beispiel das "Seetakt", "Berlin" Geräte oder auch weitere FuMOs. Im Rahmen von Sonar ist mir nur die Felchen Anlage als Entfernungsmesser bekannt. Das GHG, KDB oder Balkongerät eigneten sich meiner Einschätzung nach NICHT zur Entfernungsmessung, da Lautstärke ein irreführender Faktor bei der Entfernungsmessung ist. Auch die Bedienungsanleitung für das GHG erwähnt keinerlei Methoden oder technische Spezifikationen für die Entfernungsmessung. Mir ist es deshalb etwas schleierhaft wie eine Entfernungsmessung nur anhand der Horchpeilung stattgefunden haben soll. Ich bin mir bewusst, dass einige Zeitzeugen davon sprechen, dass sie Lautstärke als Entfernungseinschätzung verwendeten, aber ich halte dies aus heutiger Sicht für ineffizient, da Unterwassergeräusche lauter oder leiser wirken können je nach Umgebungseinwirkung. Wer mir nicht glaubt kann Dokumente wie die RP-33 der US Navy durchblättern oder mit Sonar-Offizieren reden. Eine Entfernungsmessung via Dopplereffekt halte ich auch für unmöglich, da die fehlende Computerunterstützung fehlte.

Falls jemand Dokumente besitzt die eine meiner Recherchenergebnisse bestätigen oder widerlegen wäre ich dafür sehr dankbar.

Falls jemand bis hierher gelesen hat möchte ich mich dafür bedanken. Der Text ist leider etwas länger geworden als er hätte sein müssen und ich habe immer noch das Gefühl nicht alle meine Recherchenergebnisse dargelegt zu haben.

Mit freundlichen Grüßen

Christian



shinpuren

Ich habe etwas recherchiert und einiges herausgefunden.

Zitat1. Gibt es noch weitere Marinedienstvorschriften die Navigationsmethoden und Einsatztaktik beinhalten? Meiner Recherche nach nein. Stattdessen müsste dieses Wissen in der Ausbildung vermittelt worden sein. Die Ausbildungsunterlagen für Ubootsfahrer sind aber leider nicht digitalisiert oder vielleicht sogar gar nicht mehr vorhanden?

Diese Annahme war inkorrekt.

Marinedienstvorschrift 304 Zusatzheft II beschreibt diverse Einsatztaktiken und auch Parametergewinnung für das Torpedo-Dreieck:

  • Kapitel B: Schätzung für Gegnerfahrt, Lagewinkel, Schneidungswinkel
  • Kapitel C: Koppeln
  • Kapitel D: Ausdampfverfahren
  • Kapitel E: Auswanderungsverfahren

Die restlichen Kapitel beinhalten Abbildungen von Rundschiebern. M.Dv 304 war hauptsächlich für Überwassereinheiten gedacht, aber ich vermute mal, dass einiges hier von auch auf Uboote anwendbar war.

Zitat2. Existierten "Bearing-Only TMA" Methoden in der Kriegsmarine? Ich weiß, dass "Mitkoppeln" oder andere nautische Verfahren quasi das 1x1 der Marine sind. Ich interessiere mich für Primärquellen die nautische Navigation in den Jahren 1939-45 erklären. Vor allem im militärischen Kontext zur Peilung eines Ziels.

Ich glaube die Kriegsmarine war hier nicht sehr weit. Zwar gab es "Kreuzeraufgaben" und ähnliches, aber es gab kein einheitliches Verfahren wie Spiess TMA oder Ekelund Ranges. Kreuzeraufgaben kommen am nächsten an Spiess TMA heran würde ich sagen.

Für Uboote waren die gängigsten Verfahren wohl:

  • Mitkoppeln: Bestimmung von Kurs und Geschwindigkeit über regelmäßige Peilungen und Konstanthalten der Entfernung
  • Ausdampfen: Parallelkurs bei gleichen Abstand und regelmäßíge Peilungen ergeben Kurs und Geschwindigkeit, da Eigenfahrt = Gegnerfahrt.
  • Kreuzen: Kurs des Ziels kreuzen und AOB Null Situation führt zu Aufschluss über Gegnerkurs.
  • Folgen: Hinter das Ziel setzen mit gleich bleibenden Abstand ergibt Gegnerkurs und Geschwindigkeit

Leider geben die meisten KTBs wenig Ausschluss darüber WIE die nötigen Eingaben für das Torpedodreieck erfasst worden sind.

Ich glaube aber mit dem bestehenden Tabellenbuch M.Dv 416T, den Taktiken in M.Dv 304,II und anderen Quellen wie V-Tafel und co, habe ich mittlerweile ein viel besseres Bild über die Abläufe von damals.



Besonders Interessant fand ich die beiden Rundschieber für Auswanderungsverfahren A und B. Leider sind einige Seiten nicht mehr leserlich im Digitalisat des Bundesarchivs.


Hat jemand zufällig eine vollständige Kopie der M.Dv 304,II?

TomShark

Hallo Christian!

ZitatLeider geben die meisten KTBs wenig Ausschluss darüber WIE die nötigen Eingaben für das Torpedodreieck erfasst worden sind

Du hast dir das ja im Prinzip bereits selbst mit der Auflistung der möglichen Verfahren beantwortet. TVRE.org gibt eine kleine Auflistung, wie oft welche Verfahren angewandt wurden. Die ist natürlich nicht sonderlich representativ, aber gibt zumindest einen Eindruck, der sich einem selbst auch bestätigt, wenn man einige KTBs gelesen hat. Und da spielt das Schätzen von (einzelnen) Schußwerten eine große Rolle. Dagegen sind wiederum bestimmte Werte leichter, andere schwerer zu schätzen bzw. haben unterschiedlich großen Einfluss auf die Schußgenauigkeit, wobei letztere auch wiederum (zumindest teilweise) von der Schußsituation abhängig ist (zb. bei großer E führt eine um 1kn verschätze Gegnerfahrt vermutlich zum Fehlschuss, was bei einem Schuss aus 700m dagegen sehr wahrscheinlich noch in der Toleranz liegt). Daher würde ich annehmen, dass immer aufgrund der vorliegenden Situation entschieden wurde, wie die Schußwerte ermittelt werden. Was Ausdampf/Auswanderungsverfahren angeht könnte ich mir vorstellen, dass diese  eher in der Frühphase des Krieges (mehr Einzelfahrer) angewandt wurden. Auf Geleitzüge sind diese zwei Verfahren nicht wirklich anzuwenden.

Das von dir ja bereits angesprochene Vorsetzverfahren ist eine gute Kombination verschiedener Möglichkeiten. Zunächst das Ausdampfen der Fahrt, hierbei kann auch gleich der Kurs festgestellt werden. Mitkoppeln des ganzen Vorsetzens erlaubt zudem eine weitere Methode zur Geschwindigkeitsmessung (durch regelmässige Peilungen, zb. alle 3:15), womit man das Ergebnis durch das Ausdampfen verifizieren kann. Durch Vorsetzen bis Lage 0 lässt sich die exakte Kursline bestimmen. Die eigene Position mitgekoppelt, lässt sich nun auch immer die Entfernung zu einem beliebigen Punkt auf der Kurslinie bestimmen (zb. die geplante Angriff"box"). Genauso ist die Pos und E des Gegners anhand der Peilung und Schneidung der Kurslinie festzustellen, auch ist der WZB hier jederzeit leicht zu errechnen. Spätestens ab diesem Zeitpunkt liegen alle notwendigen Schußdaten vor bzw. können leicht aktualisiert werden. Einmal in den Torpedorechner eingegeben, aktualisiert sich hier (unveränderter Gegnerkurs vorausgesetzt) die Gegnerlage ständig, und in Folge der eigentliche Schußwinkel als Ergebnis des Tordedozieldreickes. Vor dem Schuß wird die geschätzte oder berechnete E eingegeben.

Generell wurde u.a. empfohlen mit möglichst geringem Schußwinkel zu feuern. Das hat neben verschiedenen Vorteilen auch den, dass die E zunehmend weniger Einfluss auf die Rechnung nimmt je geringer der Schußwinkel (und damit der Parallaxwinkel) ist.

Eine weitere Messmethode der Gegnerfahrt ist das durchwandern im Sehrohr. Hier wird die Zeit abgestoppt, die das Zielschiff benötigt, um von Bug bis Heck den Mittelstrich des Sehrohrs zu durchwandern. Mit der geschätzten Schiffslänge des Gegners lässt sich die Fahrt berechnen.

Entfernungsmessungen können ebenfalls im Sehrohr unter Zuhilfenahme des Strichbildes erfolgen. Es wird die Anzahl der Zentiradien festgestellt, die das Zielschiff ausfüllt (das geht vertikal oder horizontal). Dann kann im Tabellenheft die Entfernung bei geschätzter Masthöhe (oder Schiffslänge) und Anzahl Zentiradien abgelesen werden.

Alles in allem gibt es wirklich einige Anwendungen, mit denen man die nötigen Werte ermitteln kann.
Mit der Ubootsimulation Wolfpack kann man sich da übrigens ein sehr gutes Bild machen und die Verfahren effektiv anwenden. Sehr zu empfehlen!

Und was die M.Dv 304,II angeht, die hätte ich vollständig, ja (wenn du damit die fehlende Seite 16 meinst :)) Kann ich dir gerne zukommen lassen. Ist zwar auch teils etwas verblasst, aber ich finde es ist alles lesbar.

Hoffe ich konnte mit den Infos noch was zu deiner Fragestellung beitragen.

Liebe Grüße!

Tom


 


Impressum & Datenschutzerklärung