"Turkmenetz-Stawropoljskj" 1917 und "Narodnik" 1918-1920

Begonnen von Violoncello, 16 Oktober 2026, 10:48:50

Vorheriges Thema - Nächstes Thema

0 Mitglieder und 1 Gast betrachten dieses Thema.

Violoncello

Hallo zusammen,

verfügt jemand über Informationen zu

1. dem Torpedoboot "Turkmenetz-Stawropljskj", das bis zum Beginn der Oktober-Revolution 1917 der russisch-baltischen Flotte angehörte,
 
2. dem Boot "Narodnik", das im russischen Bürgerkrieg von 1918-1920 auf der Seite der "Weißen" in der Peipus-Flottille eingesetzt wurde?

Viele Grüße

Violoncello

kalli


Violoncello

Hallo Kalli,

danke für das Einstellen des Fotos, das eine gute Vorstellung von "Turkmenetz-Stawropoljskj" vermittelt!

Zu Deiner Frage: Mich würden einige technische Angaben zu beiden Fahrzeugen interessieren, außerdem das Schicksal des Torpedoboots am bzw. nach dem 25./26.10.1917 und von "Narodnik" 1920.

Mit besten Grüßen

Violoncello

kalli

Turkmenetz Stawropolskj (Typ Ukraina):
730 t, 73,18 m lang , 7,10 m breit, Tiefgang 3,35 m, 4.500 kW, Höchstgeschwindigkeit 25 kn Besatzung 90; 2x 75-mm Geschütze (eine Kanone am Vorschiff und eine am Heck); 4 x 57-mm-Geschütze; 3 x 380-Millimeter-Torpedorohre in zwei Drehlafetten
Mit Verbleibangaben kann ich auf die Schnelle nicht dienen.

Zarewitsch Alexej (ab 24. April 1917 Republikanjez, ab 22. Juli 1917 Narodnik). 1913 in Finnland gebaut. Verdrängung 200 t, Länge 38,5 m, Breite 6,4 m, Tiefgang 1,9 m. Maschinenleistung 200 PS Geschwindigkeit 10,5 kn. Bewaffnung: zwei 75/50-mm-Kanonen und zwei Maschinengewehre.
Auch hier keine Verbleibangaben.
Es gibt in der russischen Literatur weiterführende Angaben und auch im Internet ist einiges zu finden. Links dazu erspare ich mir.





Violoncello

Hallo Kalli,

besten Dank für die Angaben und das Foto. Falls Dir - ohne Aufwand - noch etwas Auffallendes zu "Turkmenetz Stawropolskj" am 25./26.10.1917 in die Hände fallen sollte, wäre ich für eine Information dankbar.

Mit besten Grüßen

Violoncello

kalli

Das Schiff hat eine sehr lange Geschichte. 1904 in Riga als Truchmenetz  auf Kiel gelegt, diente es Rußland 57 Jahre lang. 1949 wurde sie der DOSSAF zugeordnet und 1962 aus den Schiffslisten gestrichen.
Vom 12. bis 19. Oktober 1917 nahm es an der Moonsund-Operation teil. Speziell zum 25./ 26.10. habe ich keine Angaben gefunden. Es ist aber wahrscheinlich, dass nach der Räumung des Rigaer Meerbusens Rückzug-Kurs auf die nördliche Ostsee genommen wurde, um an der Februarrevolution teilzunehmen. Am 7. November 1917 wurde sie Teil der Roten Ostseeflotte. Vom 10. bis 18. April 1918 wechselte das Schiff von Helsingfors nach Kronstadt.
Literatur u.a.:R.M. Melnikow Torpedoboote / Zerstörer Sankt Petersburg 1999, navsource.narod
Bild B zeigt den Besuch von Zar Nikolaus II. auf dem Schiff. Durch höchsten Befehl vom 6. Oktober 1908 wurde das Schiff in Turkmenetz Stawropolskj umbenannt.

olpe

#6
Hallo,
in S.S. Berezhnoy ,,Korabli i vspomogatel'nye Suda Sovetskogo voenno-morskogo Flota (1917-1927)" (,,Schiffe und Hilfsschiffe der Sowjetischen Seekriegsflotte 1917-1927") Moskau 1981 ist folgendes vermerkt (die damaligen Formulierungen habe ich beibehalten, auch den Telegrammstil. Engl. Transliteration):

Zitat:
"TURKMENETS-STAVROPOL'SKIY":
(bis 1908 "TURKMENETS "), von 15.06. bis 28.07.1920 – "MIRSA KUCHUK", ab 31.12.2922 - "AL'TFATER", ab 1945 - "SOVETSKIY DAGESTAN". Auf Kiel gelegt 1904 in Riga durch freiwillige Spenden, Stapellauf 1904, in Dienst 1905. Bis 27.09.1907 als Minenkreuzer klassifiziert. Generalreparatur 1910. Teilnahme am 1. Weltkrieg, der bürgerlichen Februar-Revolution und dem Bürgerkrieg (Eisfahrt 10.-19.04.1918). 25.10.1917 ging (Anm.: die Besatzung) auf die Seite der Sowjetmacht. Seit 05.1918 in Reserve. 21.11.1918 Wechsel in den Bestand der Wolga-Flottille und ab 13.05.1919 in die Astrachan-Kaspische Flottille. Ab 31.07.1919 Übergang in die Wolga-Kaspische Flottille, ab 05.07.1920 in die Seestreitkräfte des Kaspische Meeres und ab 27.06.1931 – in die Kaspische Seekriegsflottille. Nahm an Kämpfen gegen konterrevolutionäre Banden im Gebiet Lenkoran am 07.-09.1920 teil. 06.1922 Besuch im Iran. Von 1922 bis 1923 – Stationsschiff in den Häfen Enzeli (Anm.: Bandar Anzali) und Astara (beide im Iran). Generalreparatur und Modernisierung vom 26.05.1925 bis 30.05.1930. Am 23.08.1926 Umklassifizierung als Kanonenboot. Teilnahme am Großen Vaterländischen Krieg. 18.07.1949 an die astrachaner Organisation DOSFLOT ([Allunions]Vereinigung zur freiwilligen Unterstützung der Marine der UdSSR) für die Nutzung als Schulschiff und ist aus der Flottenliste gestrichen worden.

Zitat Ende.

Speziell zum 25.10.1917 schreibt Berezhnoy: ,,25.10.1917 ging auf die Seite der Sowjetmacht ..." (,,... перешел на сторону Сов. власти."). ,,ging" ist sicher auch im Sinne eines Überlaufens zu verstehen bzw. die Besatzung ,,schlug" sich auf die andere Seite ...

Die "NARODNIK" folgt im Kielwasser ... :-) ...

Grüsse
OLPE

olpe

Hallo,
hier aus gleicher Quelle das andere Schiff:

Zitat:
"NARODNIK"
(bis 22.07.1917 - "RESPUBLIKANETS", bis 24.04.1917 - "TSESAREVICH ALEKSEY"), ab 1919 "TAARA". Ehemaliger Fracht-Passagierdampfer., gebaut 1913 in Finnland. 08.1915 vom Seefahrtsamt gekauft, bewaffnet und in den Flottenbestand eingegliedert. 26.10.1917 ging (Anm.: die Besatzung) auf die Seite der Sowjetmacht. Fiel am 20.10.1918 auf dem Fluss Velikaya in die Hände des Gegners im Zuge der Einnahme von Pskov durch die Weißen. 20.12.1918 von Teilen der Roten Armee in Estland und aufständischen Arbeitern aus(?) Emajõgi (Anm.: das ist eigentlich ein Fluss im Kreis Tartu in Estland. Gemeint ist möglicherweise das Gebiet/Rayon) zurückgeschlagen und kehrte in die Russische Sozialistische Föderative Sowjetrepublik zurück, aber am 14.01.1919 verblieb das Schiff aufgrund der winterlichen Bedingungen und, da kein Rückzug möglich war, in Tartu. Erneute Eroberung durch Weißgardisten, und im Frühjahr 1919 Eingliederung in den Bestand der (Anm.: Binnen)See-Fluss-Division von Kanonenbooten des bürgerlichen Estlands. 13.-20.05.1919 beschädigt beim Kampf mit sowj. Flottenkräften, nahm danach an keinen weiteren Kampfhandlungen teil. Im Frühjahr 1920 desarmiert und zum Fracht-Passagierdampfer umgebaut. Bis zur Bildung der Chudskoyer Dampfschifffahrts(gesellschaft) (Chudskoe Osero = Peipussee) in der ESSR (Anm.: Estnische Sozialistische Sowjetrepublik) 12.1940 befand es sich in einem nicht fahrbereiten Zustand. Es wurde nicht übernommen (orginal: nicht ,,nationalisiert", ich würde es so interpretieren: ,,die Sowjetrepublik hat auf das Schiff verzichtet") und kurz danach verschrottet.
Daten: 200t; 38,5/6,4/1,9m; 200Ps; 11kn; 330 Meilen; 3x 75mm Geschütze und 2 Maschinengewehre; 31 Mann

Zitat Ende.

Grüsse
OLPE

PS: kurze Ergänzung zur "TURKMENETS-STAVROPOL'SKIY": die Ereignisse im Kaspischen Meer zu jener Zeit (1918-1920) werden auch Beleuchtet in einem interessanten Werk: Tagebuchaufzeichnungen des englischen Zahlmeister-Hilfssekretärs Patrick Thornhill (Royal Navy) während seines Einsatzes bei der British Caspian Naval Force auf dem Hilfskreuzer H.M.S. ,,PRESIDENT KRUGER" 1918-1919.
https://forum-marinearchiv.de/smf/index.php?msg=178162
https://forum-marinearchiv.de/smf/index.php?msg=195037

Violoncello

Hallo Kalli, hallo Olpe,

ganz herzlichen Dank für die ausführlichen Informationen zur wechselvollen Geschichte beider Boote. Sie sind für mich sehr wertvoll, da sie helfen, den militärischen Werdegang des in Rußland geborenen Abwehroffiziers Korvettenkapitän Valerius ("Valerj Wilhelmowitsch") von Graßmann zu erhellen und besser zu verstehen. Er diente als Leutnant als Wachoffizier auf "Turkmenetz Stawropolskj" und vermutlich bereits als Oberleutnant als 1. Offizier auf "Narodnik".

Mit besten Grüßen

Violoncello


kalli

Aha, darum ging es Dir:  корветтен-капитан фон Грассманн
(Marine-Aufklärungs- und Gegenspionage-Einsatzteam im Schwarzen Meer)

Dazu existiert ein umfangreicher russischer Artikel.

Violoncello

Hallo Kalli,

das ist gut kombiniert! Ja, für eine fast abgeschlossene Überarbeitung meines Buchs "Marineeinsatzkommandos im Kommando der Kleinkampfverbände der Kriegsmarine 1944-1945" aus dem Jahr 2012, die unter dem thematisch erweiterten Titel "Deutsche Marineeinsatzkommandos im Zweiten Weltkrieg" erscheinen wird, habe ich gleichrangig auch die fünf Marineeinsatzkommandos des Amts Ausland/Abwehr im OKW berücksichtigt, darunter das Marineeinsatzkommando Schwarzes Meer. In allen Fälle geht es auch um die Behandlung ungewöhnlicher oder herausragender Biografien. Hierzu zählt zweifellos die von Graßmanns, obwohl er nicht Führer eines Kommandos, sondern "nur" eines Trupps war.
Hast Du den russischen Artikel digitalisiert?

Mit besten Grüßen

Violoncello

kalli

Hallo Hartwig,
ich schicke Dir den Artikel (digital). Interessant wäre auch das als Quelle angegebene Buch. Das habe ich leider nicht.

Violoncello

Hallo Kalli,
herzlichen Dank!
Mit besten Grüßen
Hartwig

Impressum & Datenschutzerklärung