Task Force 38 im Taifun

Begonnen von Mario, 18 Dezember 2008, 18:48:11

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Mario

Ich zitiere hier mal Kallis Eintrag im Kalenderblatt, weil ich gern mehr zu diesem Drama erfahren möchte
ZitatTask Force 38 der US-Pazifikflotte
18.12.1944

Auf dem Marsch zur Versorgung gerät die TF.38 am 18.12. in einen Taifun, der Zerstörer Spence sinkt, die Träger Cowpens, Monterey, Cabot, San Jacinto und die Zerstörer Dyson, Hickox, Benham, Maddox werden beschädigt. Von der Versorgungsgruppe sinken die Zerstörer Hull, Monaghan, beschädigt werden die Geleitträger Altamaha, Nehenta Bay, Cape Esperance, Kwajalein, der Kreuzer Miami, die Zerstörer Aylwin (Capt. Acuff), Dewey, Buchanan, die Geleitzerstörer Melvin R. Newman, Tabberer (die 55 Mann der Monaghan rettet), Waterman, der Tanker Nantahala und 1 Schlepper. 146 Flugzeuge gehen verloren. Wegen der Suche nach Überlebenden müssen die für den 19.-21.12. geplanten Angriffe gegen Luzon aufgegeben werden. Die TF.38 kehrt nach Ulithi zurück.
Nach Chronik des Seekrieges
http://www.wlb-stuttgart.de/seekrieg/44-12.htm

790 Seeleute starben in dem Sturm, die meisten mit den gesunkenen Zerstörern, aber auch auf anderen Schiffen. 80 Besatzungsmitglieder wurden zum Teil schwer verletzt. Neun Schiffe, darunter ein Kreuzer und drei leichte Träger, wurden so schwer beschädigt, dass sie zu längeren Reparaturen das Dock aufsuchen mussten. 19 weitere Schiffe wurden leicht beschädigt.
In den nächsten drei Tagen wurden trotz immer noch schweren Seegangs und starker Winde noch 92 Überlebende aus dem Meer gefischt.
Admiral Nimitz schrieb: ,,It was the greatest loss that we have taken in the Pacific without compensatory return since the First Battle of Savo." (Es war der größte Verlust ohne Ausgleich, den wir im Pazifik seit der ersten Schlacht von Savo erlitten haben.)

Nach Wikipedia
http://de.wikipedia.org/wiki/Taifun_Cobra
Siehe dort auch die Weblinks und Einzelnachweise

Mich würde jetzt interessieren, wie es zu diesem Seeunglück kommen konnte. Gerade die Trägergruppen waren doch von einem genauen und umfassenden Wetterbericht extrem abhängig. Konnte man dem Taifun nicht ausweichen, oder wurde er unterschätzt ? Ich glaube auch mal gelesen zu haben, daß Admiral Halsey anschließend dafür verantwortlich gemacht wurde.

Urs Heßling

hallo, Mario,

ich empfehle
Bob Drury & Tom Clavin, "Halsey´s Typhoon", Grove Press, New York, 2007, ISBN-13: 978-0-8021-4337-2

vor 6 Monaten in den USA gekauft + gelesen, enthält, z.B. zum Thema meteorologische Vorhersagen (und deren Ignorieren), vieles, was Du wissen möchtest.

Gruß, Urs
"History will tell lies, Sir, as usual" - General "Gentleman Johnny" Burgoyne zu seiner Niederlage bei Saratoga 1777 im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg - nicht in Wirklichkeit, aber in George Bernard Shaw`s Bühnenstück "The Devil`s Disciple"

kalli

@Urs,

kleine Frage: sind die Angaben der WLB und bei WIKI einigermaßen exakt?

Mario

@Urs
ich neide Dir Deine Englischkenntnisse, hätte ich mich nur etwas mehr angestrengt im Englischunterricht.  :-)
Für Paul Dulls "Japanese Navy" hat es gerade so gereicht, aber viel mehr vermag ich an englischsprachiger Lektüre nicht zu lesen. Leider  :cry:

Urs Heßling

Hallo, Kalli,

WIKI ist sehr gut, es ist praktisch eine Kurz-Inhaltsangabe des von mir empfohlenen Buches (es wird auch im Quellenverzeichnis genannt).

WLB ist - naturgemäß - kürzer (exakt:ja), nennt aber kurz ein zentrales - bei WIKI nicht erwähntes - Thema des Buchs, die mit einer unglaublich guten Seemannschaft des jungen Kommandanten, LtCdr. USNR(!) Henry L. Page, durchgeführte Rettung von 55 meist einzeln in der See schwimmenden Männern (die meisten von der "Hull") durch den Geleitzerstörer "Tabberer" unter Taifunbedingungen, d.h. Wellenhöhen > 10 m (!).

Interessant für die Diskussion im Forum sind noch die Punkte
(a) Technik. Hull und Monaghan hatten durch den nachträglichen Einbau von Radaranlagen nach 1941 bekannte und als "gross deficiency of the Farragut-class" bezeichnete (!) Stabilitätsprobleme.
(b) Schiffsführung. Den Kommandanten der 3 gesunkenen Zerstörer (nur der Kdt. der Hull überlebte) wurde der denkwürdige Vorwurf gemacht, zu lange in der Screen-Formation geblieben zu sein und nicht zuerst an die seemännische Sicherheit ihrer Schiffe gedacht zu haben, da das teilweise formationsbedingte quer-zur-See-Fahren nach Aussage Überlebender den Untergang mitverursacht hatte.
(c) Schiffsverhalten. Der Zerstörer "Dewey" erreichte wohl den inoffiziellen "Rekord" an Stabilitätsverhalten, als er aus 84 Grad (!) Krängung wieder hochkam (aufgrund Abbrechens der wie Segel wirkenden Schornsteine)

@ Adm. Halsey verantwortlich gemacht
Er wurde scharf getadelt, aber nicht verurteilt, die Kritik später durch Nimitz gemildert. Wörtlich:
The ... responsibility ... falls on COMTHRDFLT, Adm William F. Halsey, USN. In analyzing the mistakes, errors and faults included therein, the court classifies them as errors in judgment under stress of war operations and not as offenses" und "The extent of blame ... is impractical to asses".
Übers.: "Die Verantwortung fällt auf Oberbefh. 3. Flotte, Admiral Halsey. In Betrachtung der Fehler, Irrtümer und des Fehlverhaltens, die darin enthalten sind, beurteilt sie der Gerichtshof als Irrtümer unter der Belastung im Einsatz und nicht als Vergehen." - "Der Umfang der Schuld ist praktisch nicht feststellbar."
Nimitz strich "and faults" (Fehlverhalten) und ergänzte im Text hinter "stress of war operations" : "commendable desire to meet military requirements". (lobenswerter Drang, militärische Aufgaben durchzuführen)

Gruß, Urs
"History will tell lies, Sir, as usual" - General "Gentleman Johnny" Burgoyne zu seiner Niederlage bei Saratoga 1777 im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg - nicht in Wirklichkeit, aber in George Bernard Shaw`s Bühnenstück "The Devil`s Disciple"

kalli


t-geronimo

@ Mario:

Wenn Du den Dull auf englisch geschafft hast, dann trau Dich ruhig mal an mehr ran:
"Learning by doing", sprich: nur durch Praxis wird es besser, also von Buch zu Buch.

Ich habe ebenfalls lange gedacht wie Du und mir irgendwann zu meinem ersten englischen Buch (das Du ja schon geschafft hast) ein Wörterbuch gekauft.
Und Du glaubst ja gar nicht, was Dir an Literatur alles bevorsteht, wenn Du erst mal auf der englischen Welle schwimmst!!!


@ Urs:
Wie darf ich das mit den Radar-Anlagen verstehen?
Wirkten da die Antennen negativ (Windangriffsfläche, Schwerpunktverlagerung) oder woher kamen die Stabilitätsprobleme?
Gruß, Thorsten

"There is every possibility that things are going to change completely."
(Captain Tennant, HMS Repulse, 09.12.1941)

Forum MarineArchiv / Historisches MarineArchiv

Urs Heßling

hallo, Thorsten,

keine einfache Frage.

Die Zerstörer der Farragut-Klasse (also hier Hull und Monaghan) hatten durch Einbauten von zusätzlichen Flakgeschützen und Radar 1944 eine fast 500 t höhere Einsatz- als (ursprüngliche) Konstruktionsverdrängung - und fast alles über dem Gewichtsschwerpunkt.

Das Buch berichtet von einer Probefahrt nach Werftzeit im Jahr 1944, bei der die Hull sich nach einer Hartruderdrehung nur sehr zögernd und langsam überhaupt wieder aufrichtete.

Die aufrichtenden Hebelarme des Schiffs (durch tiefliegendes Gewicht) waren also deutlich verschlechtert, der "Kenterwinkel" kleiner.

Beim Taifun kamen die Segelwirkung der Schornsteine und das in der Konstruktion als vorhanden angenommene, aber hier fehlende Gewicht des Kraftstoffs dazu, bis das Schiff einfach nicht mehr hochkam und der Seegang den Rest erledigte, indem z.B. Schotten eingeschlagen wurden und die Schiffe teilweise "von oben geflutet" wurden.

Die Spence, ein Fletcher-Zerstörer mit besseren Stabilitätswerten, hatte zu Beginn des Taifuns schon weniger als 10% Kraftstoff und fiel diesem in der Konstruktion wohl nicht vorgesehenen Fall zum Opfer.

Gruß, Urs
"History will tell lies, Sir, as usual" - General "Gentleman Johnny" Burgoyne zu seiner Niederlage bei Saratoga 1777 im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg - nicht in Wirklichkeit, aber in George Bernard Shaw`s Bühnenstück "The Devil`s Disciple"

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