Vp.Boot 1304 - Anhänge

Begonnen von Seekrieg, 14 August 2011, 10:48:53

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Seekrieg

17.Oktober 1939 Swinemünde
Nun drehen wir uns schon eine halbe Stunde lang vor dem Hafen im Kreis herum. Es sieht beinahe so aus, als würden wir die Einfahrt nicht finden, aber es scheint eben nur so. Wir machen nämlich unsere Funkbeschickung und stellen mittels optischer Peilung die durch die Eisenmassen des Schiffes hervorgerufene jeweilige Abweichung des elektrischen Peilstrahls fest, und das dauert seine Zeit.

18. Oktober 1939   Swinemünde
Heute Vormittag liefen wir wieder aus. Rollenexerzieren in See, stand auf dem Dienstplan. Es wurde aber nicht viel daraus. Die See war so unartig, daß sich kaum ein Manöver richtig ausführen ließ. So verholten wir uns schon am zeitigen Nachmittag wieder in den Hafen, improvisierten noch etwas Dienst und glitten dann langsam in den bereitstehenden Feierabend hinein.

19. Oktober 1939   Swinemünde
Heute Vormittag waren wir kohlen. Das ist immer eine schmutzige Angelegenheit. Zum Glück dauerte es nicht lange. Wir benötigten nur 45 Tonnen. Dann waren die Bunker bereits wieder gefüllt. Sie fassen 180 Tonnen.
Anschließend wurde noch Proviant und Wasser übernommen. Es hat fast den Anschein, als sollten wir wieder einmal einen Ausflug machen.
Manchen Kameraden bekommt das Wasser aus den Tanks nicht. Auf der Haut bilden sich Pickel und Ausschläge.

20. Oktober 1939   Swinemünde - In See
Heute ist Freitag und für 10 Uhr ist seeklar befohlen. Das paßt nicht gut zusammen; denn freitags läuft man nicht gern aus, aber wer nimmt heute noch Rücksicht auf gute alte Sitten und Gebräuche.
In Eile werden die letzten Vorbereitungen getroffen. Dann begibt sich jeder auf seine Station. Auf der Brücke wird es ebenfalls lebendig. Pfiffe und Kommandorufe ertönen. Unten an Deck zieht man die Stelling ein und wirft die Leinen los. Über uns im Mast züngeln bunte Signalflaggen
hoch. Heiser sprudelt die Dampfpfeife. Ringsum ist Leben und Bewegung. Wir legen ab. Ein leises Zittern läuft durch das Boot. Die Pier tritt zurück und langsam beginnt es wieder zu wiegen. Bald haben wir die Fahrrinne erreicht. Der Leuchtturm schiebt sich vorüber und die lange Mole, die sich schon wieder mit wilden Wellen balgt. Im Zickzackkurs wird die breit angelegte Minensperre passiert, die den Hafen vor unliebsamen feindlichen Überraschungen sichern soll. Dann schlagen wir einen Haken nach backbord und stampfen davon, stampfen; denn die See zeigt sich wieder von ihrer unliebsamen Seite. Dazu scheint in unverantwortlicher Weise die Sonne.
12 Uhr: Eben hat mich mein Kamerad Herbert Richter auf Wache abgelöst. Nun will ich zum Mittagessen gehen. Es schmeckt. Ich esse aber trotzdem vorsichtig. Man weiß nie, wie sich See und Magen im Laufe des Tages noch anlassen werden.

21. Oktober 1939   In See
Wir stehen am Sund und stampfen mühsam dahin. Es stürmt immer noch. In unserem Funkraum haben wir alles, was nicht niet- und nagelfest ist, vorsichtshalber angebunden, damit es bei dem Auf und Ab nicht auf Wanderschaft gehen kann.
Austreten kann man auch nicht mehr gehen. In unserem SOS-Raum, so benannt nach diesen drei Buchstaben, die ein Spaßvogel beim Deckpönen ans Schott des stillen Örtchens gemalt hat, arbeitet die Wasserspülung bei diesem Seegang rückläufig. Nun ist der ganze Raum voll Sommersprossen.

24. Oktober    In See
Wir pendeln am Sund und schießen Treibminen ab, die der Sturm der letzten Tage leicht-sinnigerweise losgerissen hat. Diese Schießerei ist eine ganz unterhaltsame Sache und etwas für die Scharfschützen an Bord. Trotzdem müssen sie oft mit ihren Gewehren drauf-halten, bis die Minen endlich durchlöchert sind und mürbe abblubbern. Gefährlich sind diese treibenden Minen besonders nachts; denn dann besteht immer die Gefahr, daß man einmal auf eine solche stachlige Kugel auffährt. Zweimal hatten wir auch U-Bootsalarm. Die Wachen wurden verdoppelt, das MG besetzt und die Wasserbomben klar gemacht. Auch das Horchgerät haben wir ausgefahren. Genaues konnte man indessen nicht feststellen, aber das ist so bei U-Booten.

26. Oktober 1939   In See
Ein Funkspruch hat unserem Patrouillendienst hier am Sund ein schnelles und voreiliges Ende bereitet. Wir sollen statt dessen die Sicherung eines großen Schwimmdocks übernehmen, das von Swinemünde nach Kiel unterwegs ist. In flotter Marschfahrt dampfen wir ihm entgegen.

27. Oktober 1939 In See
1. Das Wetter: Tiefhängende Wolken, konzentrisch angesetzte Winde und böige Regenschauer in der Bereitstellung.
2. Das Dock: Es ist neben uns. In den frühen Morgenstunden haben wir es erreicht. Es ist ein mächtiger Kasten, der von drei kräftigen Schleppern mühsam gezogen wird.
3. Kurs und Fahrt: Generalkurs SW, halbe Fahrt. Dabei umkreisen wir das Dock beständig und sichern bald vorn, bald achtern. So laufen wir die Strecke doppelt und dreifach ab und kommen infolgedessen auch nur langsam von der Stelle.
16 Uhr: Unser Transportunternehmen stößt auf schier unüberwindliche Schwierigkeiten. Abgesehen von dem immer stärker aufkommenden Seegang, ist es besonders der Wind, der uns schwer zu schaffen macht. Er stemmt sich in die hohen Seiten des Docks. Was hilft es, daß sich unsere drei Schlepper wie schwere Ackergäule mit ganzer Kraft in die Seile legen! Der Wind hat mehr PS, ist stärker. Die Taue reißen, und das Dock treibt ab. Nun haschen es unsere kleinen Schlepper wieder und bringen stärkere Zugseile an. Das Spiel beginnt von neuem. Wie lange?
Eben trudelt der Wetterbericht ein. Eine Sturmwarnung folgt. Für die gesamte westliche Ostsee besteht bei aufkommendem NNW 6-7 Sturmgefahr.
,,Die guten Leute merken auch alles", glossiert Herbert beim Entschlüsseln der Meldung. Und nun will ich die Sturmwarnung noch hinaus zum Kommandanten auf die Brücke tragen. Viel-leicht weiß er auch noch nicht, daß es aufgebrist hat.
Unser Empfänger tickt unterdessen fleißig weiter. Ein FT. nach dem anderen rollt heran. ,,Dockbegleitung Vp.-Boote 1304 usw. Warnemünde einlaufen." Endlich etwas Vernünftiges! Unser weiteres Verbleiben wäre doch sinnlos; denn helfen können wir nicht, und unser Dock geht schon lange wieder seine eigenen Wege. Wir wenden. Karten- und Ruderhaus arbeiten hastig. Die Position wird genommen. Auf der Seekarte haschen sich Lineal und Winkel. Kurs SSW. Der Rudergänger kurbelt. Kurs SSW. Recht so! Zeit? 1825 Uhr. ,,AK", befiehlt der Kommandant. Der Kamerad am Maschinentelegraph wiederholt und schaltet. Ein Klingelzeichen tönt zurück. Der Maschinenraum meldet: ,,AK." - Recht so!
Steil spritzen am Bug Wogen und Gischt auf. Klatschend schlagen sie an Deck und zerflattern. Andere greifen an den Flanken an. Hart stoßen sie das Boot von einer Seite zur anderen und stolpern dann polternd und schlürfend über Brücke und Aufbauten hinweg. Es ist eine Berg- und Talfahrt wie noch nie.
2200 Uhr: Es ist stockfinster. Man kann die Hand nicht vor den Augen sehen. Nur der weiße Schaum der anrollenden und sich überschlagenden Brecher malt mit mattem Weiß für kurze Augenblicke schemenhaft die flüchtigen Konturen der aufgeregten See ins dunkle Schwarz der Nacht. Auf der Brücke herrscht tiefe Stille. Nur ab und zu knackt das Echolot, fällt die Frage nach Kurs, Zeit und Mißweisung. Knapp sind die Antworten. Recht so? Vier Stunden quälen wir uns schon mühselig durch die wilde See voran. Eben taucht voraus ein Lichtschein auf. Jetzt ist er weg. Da leuchtet es wieder. ,,Warnemünde", meint der Obersteuermann, ,,genau hinhalten." Eine Stunde vergeht. Langsam kommen wir näher. An Land muß man unsere hüpfenden Positionslichter gesehen haben. Die Warnemünder Signalstation blinkt uns an. Nun müssen unsere beiden Signäler noch einmal hinaus. Max Giermann hängt sich die Klappbüchse um und stemmt sich, um bei dem steten Auf und Ab Halt zu bekommen, fest gegen die Brüstung. Da er aber die Hände zum Morsen braucht, versuchen Hans Dievenow und ich ihn zu stützen, damit er bei dem Seegang nicht plötzlich vornüber kippt oder rückwärts über das Peildeck rollt. So muß es gehen. Jetzt fängt die Signalstation von Warnemünde wieder an zu blinken. Eine Serie Kurz blitzt auf. Also ,,H". Kurz-lang folgt. ,,A". ,,Ha-, buchstabieren wir. Es geht weiter. ,,Ha - ben - sie -, Haben sie das Dock gesehen?" fragt Warnemünde an. Wir antworten. Es blinkt weiter. Unsere Hände werden klamm. Die Sturzseen machen uns auch zu schaffen. Kälte und Nässe nehmen den Körper ein. Endlich ist die Signalstelle befriedigt. Nun aber schnell hinunter in den warmen Funkraum. Irgendwo hat die überkommende See auch Einlaß in unser Heiligtum gefunden. Der Empfänger ist naß, die Schreibtischplatte schwimmt und an Deck stehen große Pfützen. Darauf gondeln Bücher, Mappen und Eichkurven, die der Seegang vom Schreibtisch gewor-fen hat, schlürfend hin und her. Sogar meine Koje ist naß. Mitternacht ist vorüber, als wir uns behutsam durch eine schmale Einfahrt in den Hafen zwängen. Endlich haben wir auch unser Liegeplätzchen gefunden und können schlafen gehen.

28. Oktober 1939   Warnemünde
Es war gegen 2 Uhr, als wir endlich zur Ruhe kamen. Jetzt ist es gleich 7 Uhr und schon wird es wieder an Bord lebendig. Ich bin noch recht schläfrig, habe gar keine Lust zum Aufstehen und reibe mir lange die Augen. Es hat doch nicht etwa in unsere Funkbude geschneit? Aber der Schreibtisch ist ganz weiß, der Empfänger auch und auf dem Fußboden scheint Glatteis zu sein!  Salz? Seesalz, natürlich! Das  eingedrungene Wasser ist über Nacht verdunstet und das Salz ist zurückgeblieben. Am Empfänger klemmen sogar die Schalter und die Knöpfe.

29. Oktober 1939   Warnemünde - In See
Das Wetter ist annehmbar, also hinaus aus dem Hafen und dem Dock hinterher.  Abends treffen wir auf unser Dock. Es lebt noch und pendelt gehorsam im Kielwasser seiner drei Schlepper. Wir begleiten es und ziehen wieder unsere Sicherungsspiralen. Langsam bricht die Nacht herein.

30. Oktober 1939   In See
Die Fahrt verläuft programmgemäß. Wir kommen gut vorwärts und als bei Einbruch der Dunkelheit von der nahen Küste die hohe Silhouette des Ehrenmals von Laboe herübergrüßt, betrachten wir unsere Aufgabe als beendet und melden dem BSO: ,,Befehl ausgeführt. Dock nach Kiel gebracht." Dann wenden wir und treten mit eiliger Marschfahrt den Rückweg an.


RonnyM

Das gab mal einen interessanten Einblick. Danke Jürgen  top

Grüße Ronny
...keen Tähn im Muul,
over La Paloma fleuten...

Seekrieg

#2
28. September 1939 Stettin - Oderwerke
Das ist es nun, unser Boot, oder soll es wenigstens werden!  Zwischen vielen anderen Schiffen und versteckt hinter hohen Kränen liegt es eingezwängt im Werftgelände der Oderwerke an der Pier. Noch pocht und hämmert, kratzt und pönt man an allen Ecken. Auf Schritt und tritt stößt man auf ausgebaute Schiffs- und Maschinenteile. Werkzeuge, leere Farbbüchsen und Stapel von Leinen liegen umher, und immer wieder rennt man gegen aufgetürmte Kästen und Kisten und gegen die zahlreichen Werftarbeiter, von denen es in allen Decks noch wimmelt.
Trotzdem weht seit heute mittag die Kriegsflagge am Heck, und damit ist die Indienststellung unseres Bootes zumindest theoretisch vollzogen. Immerhin empfanden wir es alle als Erleichterung, als wir heute morgen mit Sack und Pack einsteigen konnten. Seit über drei Wochen liegen wir schon hier in Stettin und harren der Dinge, die da kommen sollen. Für uns hatte der Krieg bereits am 3. September begonnen. Mit der englisch-französischen Kriegserklärung flatterte zugleich der Gestellungsbefehl ins Haus. Ein schöner, spätsommerlicher Sonntag fand einen jähen Abschluß. Überfüllte Züge brachten uns Männer hastend zu den verschiedenen Sammelplätzen und Gestellungsorten. Im verödeten Heim blieben Frauen und Kinder in traurigem Alleinsein zurück. Das Furchtbare und Unfaßliche war geschehen. Der Krieg hatte begonnen.
Ich mußte mich mit vielen anderen Kameraden in Stettin treffen. In der Turnhalle der Elisabeth-Schule bezogen wir Wartequartier. Hier sollten aus unseren Reihen die Besatzungen für die 13. und 15.Vorpostenflottille zusammengestellt und auf die einzelnen Boote verteilt werden. Soweit die Schiffe bereits eingelaufen waren, wurde fieberhaft an ihnen gearbeitet, um sie so schnell wie möglich kriegsmäßig auszurüsten und zum Einsatz zu bringen. Mit ihrem allmählichen Fertigwerden schmolz dann unser Häuflein immer mehr zusammen. Heute waren wir an der Reihe, wir, die Besatzung des Vorpostenbootes 4 der 13. Vorpostenflottille. Damit vollzog sich im ersten Akt des großen Schauspiels der erste Szenenwechsel.

29. September 1939 Stettin - Swinemünde
Es ging schneller, als wir dachten. Heute morgen schon kam ein Werftschlepper längsseits. Er wühlte unser Boot aus den anderen Schiffen heraus und zerrte es ins Ausrüstungslager. Hier wurde noch einmal alles Mögliche eingeladen. Dann plätscherten wir oderabwärts und immer dorthin, wo zufällig Wasser war. Das war kein schwieriges Unterfangen und verlaufen, bzw. verfahren, konnten wir uns auch nicht; denn die nahen Ufer wiesen Richtung und Weg. Bald wichen sie indessen weit zurück. Tonnen und Wegezeichen traten an ihre Stelle und halfen uns sicher weiter. Das Haff nahm uns auf. Langsam versanken in ihn die fernen Türme von Stettin.
Es war eine schöne Fahrt, das Wasser wie ein Spiegel und das Wetter sonnig und herbstlich warm. Zu geruhsamer Betrachtung blieb indessen kaum Zeit; denn wir hatten nebenbei auch unsere Beschäftigung. Es galt unsere Funkstation in Gang zu setzen. Auf der Brücke hinter dem Kartenhaus ist sie untergebracht. Groß ist sie auch nicht, nur 2 m im Quadrat und 1,70 m hoch. Dafür aber ist jedes Fleckchen ausgenützt. Auf Steuerbordseite, gleich am Schott, steht der große Schreibtisch und davor, fest an Deck verschraubt, der breite, drehbare Schreibtischsessel. Auf dem Schreibtisch hat der Allwellen-empfänger seinen Platz, während der kleine 10-Watt-Sender darüber an der Decke aufgehängt ist. Rechtwinklig davon schließen sich Kommode, Waschtisch und Bücherbord an, und das breite Wandbrett darüber ziert ein schöner, neuer Rundfunkempfänger. So wirkt diese ganze Front beinahe komfortabel. Die Backbordseite trägt privaten Charakter. Sie wird in ihrer ganzen Länge von meiner Koje beansprucht. Darunter befinden sich Schubkästen für Wäsche und Schuhwerk und die Schränke für die zahlreichen Akkumulatoren. Die vierte und letzte Wand enthält schließlich das schmale Schott, das den Zugang zu unserem Heiligtum vermittelt, und die Peilanlage. Das wären sozusagen unsere vier Wände, die praktisch aber nie in Erscheinung treten, weil sie, selbst dort, wo sie vorübergehend einmal geahnt werden, von Schalttafeln, Meßinstrumenten, Kabeln und anderem technischen Filigran überwuchert werden.
Von den zwei Bullaugen weist das eine nach Steuerbord auf See hinaus, während das andere nach achtern führt und den Blick auf den mächtigen Schorn- stein freigibt und die dunkle Rauchwolke, die achteraus im Winde zerflattert. So viel zur flüchtigen Orientierung über unsere Funkstation und unser Arbeitsbereich. - Halt! Eines habe ich noch vergessen! In der Mitte des Funkraumes ist ein freier Platz von ¾ Quadratmeter Größe. Dort kann man stehen!
Zeitig bricht der Abend herein. Es dunkelt, als wir in Swinemünde einlaufen. Die Positionslaternen werden gesetzt. Dann suchen wir uns im Hafen ein Liegeplätzchen und machen schließlich neben einigen schwarzen Schiffsschatten fest.
Der Hafen ist verdunkelt. Was an Schiffen und Booten noch unterwegs ist, schiebt sich vorsichtig tastend das Fahrwasser entlang, bald aber ersterben auch dort Leben und Bewegung. Nur das helle Feuer des Leuchtturmes wird nicht müde. Unentwegt und unbekümmert macht es seine Runde und greift mit hellen Armen weit über das Meer in die finstere, ungewisse Nacht. Träumend folgen ihnen die Gedanken. Was werden die nächsten Tage und Wochen bringen? –

4. Oktober 1939 Swinemünde
Die Tage vergehen. Wir haben alle Hände voll zu tun und sind bald hier, bald dort. Wir übernehmen im Arsenal Stapel von Munition, decken uns in der Ausrüstung mit allem Notwendigen ein, machen an der Liebesinsel fest, fahren zum Kohlen, verholen nach Osternothafen und legen uns schließlich als wohlformiertes Päckchen einsatzbereit an den Hohenzollernkai.
Im Hafen herrscht von früh bis in die späten Abendstunden reges Leben. Es ist ein stetes Kommen und Gehen. Eben ist das Lazarettschiff ,,Der Deutsche" eingelaufen. Jetzt rauschen zwei flinke Zerstörer vorüber und steuern ihren Liegeplatz an. Dort manövriert schwerfällig und unbeholfen ein riesiger Schwimmkran. Dann beleben wieder kleinere Boote das Fahrwasser. Sie eilen hin und her, und alle haben sie gleich uns an allen Ecken und Enden noch Einkäufe und Besorgungen. Auffällig ist die große Anzahl neutraler Schiffe im Hafen, die mit Bannware aufgegriffen oder zur Untersuchung ihrer Ladung nach Swinemünde dirigiert wurden. So brachten allein drei Boote unserer Flottille, die gestern von ihrem ersten Einsatz zurückkamen und in Zusammenarbeit mit einem Zerstörer und zwei Flugzeugen Schiffahrtswege in der Ostsee kontrolliert hatten, zwölf Schiffe ein, darunter einen Engländer, zwei Holländer, Dänen, Finnen und Schweden.
Wir erwarten in den nächsten Tagen ebenfalls unseren ersten Einsatz. Da aber die meisten von uns Landratten sind, denen das Bordleben noch ungewohnt ist, geht der allgemeine Wunsch dahin, daß sich See und Wetter bald beruhigen mögen, damit uns das neue Betätigungsfeld nicht gleich mit einem maximalen Schwierigkeitsgrad entgegentritt. Vorläufig aber zeigt die See keinerlei Entgegenkommen. Ständig fegt ein kalter Herbstwind darüber hin, und die lange Hafenmole verschwindet immer wieder unter dem weißen Schaum der anrollenden Wogen und Brecher. Das ist selbst für mutige Gemüter wenig verlockend.

5. Oktober 1939 Swinemünde
Um unser Boot auch einmal auf See auszuprobieren, waren wir heute zum ersten Male einige Stunden unterwegs. Es war Rollendienst angesetzt, damit die Mannschaft mit dem Boot vertraut wird und sich gegenseitig aufeinander einspielt. Es ging auch alles klar, obwohl der herrschende Seegang alle Manöver unnütz erschwerte. Um 19 Uhr liefen wir wieder ein und machten am Hohenzollernkai fest.

6. Oktober 1939   Swinemünde
Von Tag zu Tag wird man mit den Gepflogenheiten an Bord vertrauter. Man lernt sich sicherer bewegen und das Boot immer besser kennen. Das ist auch eine unerläßliche Voraussetzung und umso wichtiger, als unser Schiff jetzt und für die nächste Zukunft nicht nur unsere Waffe und unser tägliches Zuhause ist, sondern zugleich und vor allem der Garant unserer Sicherheit.
Unser Schiff hat 330 Brutto-Register-Tonnen. (Netto-Rauminhalt 125,26 Register-Tonnen = 354,5 m³) Es wurde 1928 als Fischdampfer im Auftrag der ,,Nordsee", Deutsche Hochseefischerei Bremen/Cuxhaven AG Bremen, für rund 350 000 M gebaut und auf den Namen ,,Eisenach" getauft.
Eine mittschiffs untergebrachte Dreikolben-Heißdampfmaschine bringt das Schiff Geschwindigkeit von reichlich 11 sm. Die Aufbauten sind ebenfalls mittschiffs und enthalten die Brücke mit dem Kartenhaus und die Funkstation. Daran schließen sich der Dom, die Maschinenoberlichter und die Kombüse an. Überragt werden die Aufbauten von dem mächtigen Schornstein von 7m Höhe und den beiden 16 m hohen schlanken Masten. Am vorderen klebt in halber Höhe das klotzige Auge des Scheinwerfers. Der Anstrich des Bootes ist einheitlich grau.
Die Armierung besteht aus einer 2 cm-Flak, einem schweren MG auf der Back und einigen Handfeuerwaffen, die auf der Brücke untergebracht sind.
Damit niemand außenbords fällt, sind überall Haltestangen und Geländer angebracht, und um das ganze Oberdeck zieht sich ein etwa 1 m hoher Eisenzaun, den man aber hierzulande Reling nennt. Das scheint mir überhaupt eine schwierige Seite der Seefahrt zu sein, daß man viele Dinge anders bezeichnet als bei uns zu Hause. So nennt man, um gleich noch ein Beispiel zu erwähnen, die schweren eisernen Sessel, die auf dem Vor- und Achterschiff zu beiden Seiten fest montiert sind und auf denen es sich so gut sitzen läßt, Poller.
Wohnräume sind auf unserem Boot drei vorhanden. Achtern ist das Logis für den Kommandanten und die Unteroffiziere. Unter der Back befindet sich das Matrosendeck, und der dritte entstand schließlich im ehemaligen Fischraum. Alles ist sauber und praktisch eingerichtet.
Und nun zur Besatzung selbst. Sie besteht z. Z. aus dem Kommandanten, 18 Mann seemännischen und 12 Mann technischen Personals. Bis auf zwei sind alles Reservisten. Sieben Mann davon gehören der ehemaligen Stammbesatzung an. Als lebendes Inventar wurden sie gemeinsam mit dem Boot auf Kriegs- dauer gechartert. Sie sollen auf Grund ihrer seemännischen Erfahrungen und schiffsmäßigen Verbundenheit ein ungefähres Klarfahren garantieren und den Sauerteig abgeben für die Masse der übrigen, die von der See noch nicht angesäuert sind. Die Zukunft wird lehren, ob und inwieweit dieses Experiment gelingen wird.

7. Oktober 1939   Swinemünde - In See
Gemeinsam mit drei anderen Booten unserer Flottille laufen wir um 8 Uhr zu unserem ersten Unternehmen aus. Aufgabe ist Kontrolle der Ostseewege und Unterbindung des feindlichen Handels. Kaum auf freier See und jenseits der Minensperren setzen sich die einzelnen Boote von einander ab und streben verschiedenen Operationsstreifen zu. Das Wetter ist erträglich, die Sicht gut.
Gegen 11 Uhr machen wir bereits die erste Rauchfahne aus und halten darauf zu. Das ist ein kleinerer Frachter mit einer hohen Decksladung Balkenholz. Schwerfällig und langsam schaukelt er unter seiner schweren Last dahin. Auf unsere Aufforderung hin stoppt das Schiff. Der Kapitän kommt herüberge- rudert und weist das Schiff als den Dänen ,,Keiserinde Dagmar" aus, der mit einer Ladung Grubenholz nach England unterwegs ist. Unterwegs war, muß es nun heißen.Der dänische Kapitän erhält seine Anweisung und wird dann nach dem vereinbarten Sammelplatz entlassen. Betreten zuckelt er mit südlichem Kurs davon. Vom Nachmittag erhofften wir denselben Erfolg, aber die Rauchfahne, die wir jagten, erwies sich als eine deutsche. Auch das kommt vor. Es ist eben nicht alles Gold, was glänzt und nicht alles Feind, was auf See fährt.

8. Oktober 1939 In See
Der erste Sonntag in See? Von Sonne ist natürlich nichts zu spüren, wohl aber von Wind und Wogen, und wir neuen ,,Seeleute" haben alle Hände voll zu tun, uns aufrecht und in Gang zu halten. Von feindlichen Schiffen ist auch nichts zu sichten, trotz stets wechselnder Kurse, so daß wir den ganzen Tag über die See nur zum eigenen Vergnügen durchfurchen, eine Beschäftigung, die uns der Plattenspieler noch dadurch besonders schmackhaft macht, daß er von Zeit zu Zeit durch alle Deckslautsprecher das Lied jagt: Ja, das ist mein Sonntagsvergnügen!

9. Oktober 1939 In See
Wir kreuzen vor Öland, um zu sehen, was sich hier unter Land oder hinter der Insel versteckt hält, aber wieder ist alle Mühe vergeblich. Vielleicht hat es sich doch schon herumgesprochen, daß die 13. Vorpostenflottille auf Seeräuberpfaden wandelt. Von unseren Nachbarbooten hören wir allerdings, daß sie ein britisches und ein dänisches Schiff gestellt haben.  Das Wetter ist weiterhin häßlich. Der NW versteift sich auf 7 bis 8. Wir drehen deshalb bei und treten den Rückmarsch an. 2200 Uhr: Bornholm wird passiert. Morgen früh wollen wir wieder in Swinemünde sein.

10. Oktober 1939    In See - Swinemünde
Unser erster Seetörn ist beendet. 9.15  Uhr haben wir im Osternothafen festgemacht. Gott sei Dank, möchte man sagen; denn drei Tage und drei Nächte Ostseegeschaukel genügen für den Anfang. Nun zur Bilanz: Von unseren Booten wurden insgesamt fünf Prisen eingebracht. Wir waren also bei weitem nicht so erfolgreich wie die anderen drei Boote unserer Flottille, die vor acht Tagen die Ostsee abkämmten und mit zwölf Schiffen heimkehrten. Was nun uns selbst betrifft, so haben wir unser erstes Unternehmen relativ gut überstanden. Zwei Kameraden mußten wir allerdings ins Lazarett einliefern. Bei dem einen hatten sich infolge des Seeganges schwere Magenkrämpfe eingestellt und der andere hatte sich bei dem Geschaukel mit heißem Wasser verbrüht. Es ist also so, daß man es nicht nur mit dem feindlichen Gegner zu tun hat, sondern auch mit einer feindlichen See. Das ist eine Erkenntnis, die vielen von uns noch gar nicht zum Bewußtsein gekommen ist.

Urs Heßling

moin,

Informationen "aus erster Hand" - top top top und danke  :MG:

ein Gedanke aus eigener Erfahrung: nicht für alle Einträge ein neues Thema anlegen, es kann ein (fortlaufendes) Thema sein.

Gruß, Urs
"History will tell lies, Sir, as usual" - General "Gentleman Johnny" Burgoyne zu seiner Niederlage bei Saratoga 1777 im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg - nicht in Wirklichkeit, aber in George Bernard Shaw`s Bühnenstück "The Devil`s Disciple"

Seekrieg

Hallo Urs,
danke für den Hinweis. Ich bin noch etwas unbeholfen im veröffentlichen. Es soll alles unter 1304 laufen? Jürgen

t-geronimo

Ich führe die beiden Themen mal zusammen.  :O/Y


Hast Du meine PN bekommen?
Gruß, Thorsten

"There is every possibility that things are going to change completely."
(Captain Tennant, HMS Repulse, 09.12.1941)

Forum MarineArchiv / Historisches MarineArchiv

smutje505

#6
Hallo Jürgen deine weiteren Beiträge aus dem Tagebuch deines Vater´s sind sehr spannend einfach Spitze  top top top
...das Bild "Der Deutsche" erinnert mich an meinen Vater,er ist 1936 oder 37 durch die KdF mit diesem Schiff in Italien gewesen. :MG:

Dieses Bild hing bei uns auf dem Flur..

Urs Heßling

moin, Häuptling,

Zitat von: t-geronimo am 14 August 2011, 13:25:47
Ich führe die beiden Themen mal zusammen. 

... dann auch noch mit dem thread "Weserübung-Erinnerungen ... " ?

Gruß, Urs
"History will tell lies, Sir, as usual" - General "Gentleman Johnny" Burgoyne zu seiner Niederlage bei Saratoga 1777 im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg - nicht in Wirklichkeit, aber in George Bernard Shaw`s Bühnenstück "The Devil`s Disciple"

Albatros

Hallo Jürgen,

Dein Vater hat einfach unglaublich gut beschrieben wie der Alltag auf so einem Vorpostenboot war.
Auch betreffend der Technik und der Ausrüstung, wie spärlich doch die Bewaffnung zu beginn des Krieges war......sie besteht aus einer 2 cm-Flak, einem schweren MG auf der Back und einigen Handfeuerwaffen.....

Ich bin schon ganz gespannt auf den nächsten Teil......  :O/Y

:MG:

Manfred

Zitat von: Urs Hessling am 14 August 2011, 13:56:43
moin, Häuptling,

Zitat von: t-geronimo am 14 August 2011, 13:25:47
Ich führe die beiden Themen mal zusammen. 

... dann auch noch mit dem thread "Weserübung-Erinnerungen ... " ?

Gruß, Urs

Ja, das wäre schön...

:MG:

Manfred


Rudergänger

Hallo Jürgen,

auch von mir ein großes DANKESCHÖN für Deine Beiträge über VP 1304.
Dadurch werden  die furchtbaren Ereignisse der Kriegszeit aus der Anonymität gerissen und erhalten ein Gesicht.

Als Hintergrunginformation über die Lage in der Ostsee im Herbst 1939 findest Du auch in einen sehr ausführlichen
Beitrag von Hans R. Bachmann in der Marinerundschau Hefte 4 bis 7 1971.

"Die deutsche Seekriegsführung in der Ostsee nach Ausschaltung der polnischen Marine im Herbst 1939"

Hier wird im 1.Teil u. a. auch auf die Tätigkeit der 13. Vorpostenflottille eingegangen.

Einen schönen Abend

Harald

Baunummer 509

Mit Genuss gelesen. VIELEN DANK FÜR DEINE MÜHEN! top

Sehr gerne mehr davon! 

Gruß

Sebastian

Maurice Laarman

Ja, herzlichen dank, mach rühig weiter!  top

Gruss,

Maurice

HJH

Moin zusammen,
zwei Anmerkungen zu den Fotos oben:
Fischdampfer, jetzt Vp.B. zeigt Vorpostenboot V 409 (AUGUST BÖSCH = BX 246, C. C. H. Bösch) in schwerer See am 28. November 1939.
Sturm zeigt U-Jäger UJ 178 (Fischdampfer FÄRÖER = PG 517, Norddeutsche Hochseefischerei AG) im Jahre 1940.
Gruß Hans


Seekrieg

#13
3. November 1939 Warnemünde
Sich für den Krieg begeistern, heißt sich am Tode freuen, und das tut niemand. Anderseits aber erwartet man vom Krieg, wenn er nun schon einmal da ist, ein gewisses Fließen der Ereignisse, ein die unerträgliche Spannung lösendes Vorwärtsschreiten. Dieses beruhigende und auflösende Moment fehlt aber im Augenblick gänzlich, und mit der vorgerückten Jahreszeit schwindet immer mehr die Hoffnung auf eine schnelle und glückliche Lösung des Völker- konflikts. Trotz dieser verharrenden Tendenz erwarten wir stets voll Ungeduld den Nachrichtendienst mit dem Wehrmachtsbericht und sitzen, wie alle Tage, auch heute wieder hörbegierig vor unserem Rundfunkapparat. Zwei Handgriffe, ein Aufleuchten, ein leises Summen. Es ist so weit.  ,,Deutschland-sender. Wir bringen Nachrichten. Das Oberkommando der Wehrmacht gibt bekannt": Jetzt! Wir lauschen! ,,Im Westen keine nennenswerten Kampfhand-lungen. ...Der Nachrichtendienst ist beendet. Wir bringen noch einmal die genaue Zeit... " Enttäuscht und ärgerlich hat Herbert ausgeschaltet. ,,Mist ist das?" schimpft er. ,,Warum geht es denn nun nicht weiter? Worauf wartet man eigentlich noch? Wenn sie nicht wissen, was sie mit uns anfangen sollen, dann mögen sie uns nach Hause schicken. Ich gehe lieber heute als morgen!"
,,Krieg in der Schwebe" war ein Artikel überschrieben, den ich gestern in der Marinefrontzeitung las.

6. November 1939 Warnemünde
Zwei Tage steht meine Wäsche nun schon im Eimer. Jetzt ist sie gut eingeweicht. Ich gieße das Wasser, das unterdessen kaffeebraun geworden ist, ab und fülle frisches zu. Dann leite ich Heißdampf hindurch. In zwei Minuten kocht meine Wäsche. Eine Zigarettenlänge laß´ ich sie wallen. Lustig flattert meine Wäsche nun auf der Leine hinter dem Schornstein im Winde. Schnell trocknet sie. Leinen soll nach jeder Wäsche weißer werden. Meine Wäsche weist allerdings noch andere Farbnuancen auf. Marine-Weiß nennt man hierzulande diesen Farbton.

Werftliegezeit
21. November 1939 Stettin
,,Nanu, gibt es noch immer kein Geld? Heute ist doch schon der  21.und gestern war bereits Zahltag. Hast du schon Wehrsold bekommen?" So fragt ent- rüstet einer den anderen, aber jeder verneint. Wo ist der leitende Maschinist, unser Zahlmeister? Wer sucht, findet. ,,Ja, Geld gibt es schon", verteidigt er sich, ich brauche es ja selber, aber das muß erst in der Stadt geholt werden." – ,,Na, dann mal los!" - ,,Leicht gesagt. Habt ihr 20 Pfennige für die Straßenbahn?" - ,,Wir? Jetzt am 21.? Welche Zumutung! Wer hat hier im Hafen und noch dazu in Stettin noch Geld? An Land gewesen, Mollen getrunken, Mädel kennen gelernt, " so spricht man durcheinander. Wo soll da noch Geld herkommen! Und wer noch etwas hatte, hat  längst seinem Kameraden aus- geholfen. 20 Pfennige, ungeheure Summe! ,,Hier sind 5 Pfennige. Wer hat noch etwas?" - ,,Hier ein Sechser!" – ,,Ich habe nichts  mehr." - ,,Ich auch nicht." – ,,Hier noch 4 Pfennige." - ,,Hier 3." - ,,Ich habe auch noch einen, meinen Glückspfennig. Fort  damit!" - Wir zählen. 5, 10, 14, 17, 18. 18 Pfennige zum ersten! 18 Pfennige zum zweiten! Pause. 18 Pfennige zum dritten - und letzten. 18 Pfennige, es  bleibt dabei. ,,Ich kann doch nicht gut den Schaffner anborgen", meint der Leitende, ,,muß ich's halt dem Alten melden." Es ist 12 Uhr. Der Leitende kommt  zurück und berichtet: ,,Die 20 Pfennige sind voll, aber bis um 13 Uhr komme ich nicht mehr bis in die Stadt zur Kasse. Nein, es wäre schade um  das Fahrgeld. Ich gehe morgen, ja, gleich  früh." Also ist heute noch einmal Fasttag!

23. November 1939 Stettin
Otto Seiler ist wirklich Kamerad. Das muß man ihm lassen. Heute kam er nicht nur mit  seiner Braut, nein, gleich vier brachte er angeschleppt. Zwei hatte er steuerbords, zwei backbords untergehakt. Wir haben den weiblichen Geleitzug in unserem Deck verstaut, und Otto hat das Wort des Evangelisten wahr werden lassen: ,,Wer zween Röcke hat, der gebe dem einen, der keinen hat." So feiern wir denn Abschied von Stettin; denn unsere Werftliegezeit geht zu Ende. Wer weiß, was die nächsten Tage bringen.

27. November 1939 Dresden
Urlaub. Nachmittags besuchte ich die Kollegen Schule, anschließend ins Rathaus meine Lebensmittelkarten holen und auf der Girokasse das nötige Kleingeld besorgen. Wohin man aber auch kommt, stets begegnet man denselben Fragen. ,,Wann geht denn der Krieg nun eigentlich los? Wann fahren sie nach England hinüber? Wie viel Schiffe haben sie denn schon versenkt?" Schiffe! Das ist die Mehrzahl! Wie viel also? Wie sich die Leute das vorstellen. Sie denken, man fährt hinaus, und dann kommen die feindlichen Schiffe und rufen schon von weitem: ,,Hallo! Ahoi! Hier sind wir! Wollt ihr uns nicht versenken? Vorbereitet ist schon alles." - Daß zu diesem Zwecke erst so und soviel Einheiten Tage und Nächte lang ununterbrochen auf Lauer liegen müssen, bevor man überhaupt eine Rauchfahne sieht, das wollen sie nicht begreifen. Das ist ja auch viel zu uninteressant. Daß der gesichtete Dampfer dann außerdem als harmloser Neutraler oder gar als Deutscher ausgemacht wird, das ist dann noch weniger hübsch. Daß das Vorhandensein dieser wenigen Seestreitkräfte schon genügt und das völlige Veröden der Schiffahrtsstraßen zur Folge hat, das können sie auch nicht einsehen. Wir fahren, und das bedingt, daß die anderen, z. Z. wenigstens, nicht fahren. Größer kann der Erfolg gar nicht sein. Andere wieder machen ihre mehr oder weniger angebrachten Witze. Nun bin ich kein Spaßverderber, aber es gibt Späße, die weh tun. So erzählte mir der Kassierer auf der Girokasse, daß die Urlauber von der Westfront alle die Finger der rechten Hand verbunden hätten und auf meine verwunderte Frage erklärte er mir, daß sie sich diese Verwundung durch allzu viel Skatspielen zugezogen hätten. Versteht man denn in der Heimat nicht, daß der Soldat auch dann große Opfer bringt, wenn der Heeresbericht keine nennenswerten Kampfhandlungen meldet, daß die Opfer bereits in dem Augenblick beginnen, wenn er den Seinen die Hand zum Abschied reicht und daß sie sich täglich und stündlich erneuern. Schließlich kann man bei diesen Leuten nicht alles mit geisti¬ger Armut entschuldigen.

Position Trelleborg
4. Dezember 1939    Swinemünde - In See
1800 Uhr. Stockdunkel ist es. Wir laufen aus, Richtung Sund. Unsere Aufgabe besteht in der Bewachung der Sundsperre und in der Kontrolle der neu- tralen Schiffahrt. Das ist ein heik¬les Unterfangen und weckt wenig Begeisterung; denn manches Boot hat dort im eigenen Minenfeld schon ein jähes Ende gefunden. Die See ist ruhig. Die Boote formieren sich zur Kiellinie und rauschen davon. Es ist 2 Uhr. Ich muß auf Wache. Vorsichtig taste ich mich im Dunkeln über das Vorschiff und klettere zur Brücke hinauf. Die See ist ruhig. Auf Backbordseite flackert ein Leuchtfeuer auf. Wir passieren Arkona. An Funksprüchen ist nichts eingegangen, aber jetzt scheint der Be¬trieb einzusetzen. Ich schreibe mit. Nun geht es ans Entschlüsseln. ,,Vp.Boot eins eins null vier", entziffere ich, ,,nach Explosion an der Sundsperre gesunken." Das ist der erste Funkspruch auf dieser Fahrt. Mich friert und dann wird mir ganz übel. 1104, und mit allen Kameraden, die brauchen wir nun nicht mehr abzulösen. Ein ,,schönes" Omen.

5. Dezember 1939    In See
Wir stehen auf Position. Vor uns ist die Sperre, querab Trelleborg. Die Schwimmwesten werden angelegt und genaue optische Peilungen vorgenommen. Dann fahren wir einmal an der Sperre entlang und werfen leuchtende Markierungsbojen, die uns besonders nachts bei der gefährlichen Nachbarschaft ein sicheres Navigieren ermöglichen sollen. Damit haben wir vorerst alles getan, was wir für unsere Sicherheit unternehmen können. Alles Weitere wird sich finden. Langsam sinkt darüber die Dämmerung herein. Drüben in Trelleborg; flammen die Lichter auf, ein schönes, lang entbehrtes Bild. Dort ist also noch Frieden und wenige Seemeilen davon entfernt, beginnt bereits der Krieg. Es regnet, leise und lau. Wir stehen auf und ab, bald hier, bald dort, die Augen am Glas, die Hände am Peiler.
Unsere Aufgebe hier im Sund besteht in der Überwachung der großen Minensperre, die den Zugang zur Ostsee abriegelt. Sämtliche Boote der Flottille sind zu diesem Zwecke eingesetzt und jedem einzelnen ist eine bestimmte, festgelegte Teilstrecke zur Überwachung zugewiesen. Wir halten den östlichsten Streifen besetzt. Er beginnt im Osten an der schwedischen Dreimeilenzone (sm) in der Höhe von Trelleborg. Etwa in der Mitte der Minensperre befindet sich die Sperrlücke. Sie ist durch den hier vor Anker liegenden Sperrlotsendampfer gekennzeichnet. Schiffe, die den Sund passieren wollen, steuern ihn an und werden dann sicher durch die Minenfelder gelotst. Dies zur allgemeinen Orientierung.
Langsam und vorsichtig pendeln wir Tag für Tag und Nacht für Nacht unsere Position ab. Durch ständige Peilung und genaueste Orientierung nach unseren Markierungsbojen bemü-hen wir uns, den Kurs auf den Zentimeter genau einzuhalten. Trotzdem besteht die ständige Gefahr, namentlich bei Nacht oder Nebel, oder aber infolge von Stromversetzungen in die eigene Sperre zu geraten, wir wären nicht die ersten. Auch mit verschleppten oder vom Sturm losgerissenen Minen muß immer gerechnet werden. Da die deutschen Funkfeuer seit Kriegsbeginn schweigen, sind wir gänzlich auf die neutralen Peilsender angewiesen. Zum Glück empfangen wir das schwedische Peildreieck Trelleborg - Falsterborev - Drogden gut. Auch die dänischen Stationen Stevens und Mittelgrund leisten oft gute Dienste. Auf den Grad genau pirsche ich mich an das Peilminimum heran und rufe dann die ermittelten Werte ins Kartenhaus, wo aus Kompaßstand, Mißweisung und Funkbeschickungskurve die Position gewonnen wird. Es muß genauestens durchgeführt werden; denn die Verantwortung ist groß und das Fahren am Rand der Sperre erfordert nun einmal navigatorische Millimeterarbeit.

9. Dezember 1939    In See
Den ganzen Tag über jagt ein Funkspruch den anderen. Der Spatz ist wieder einmal draußen, und das muß er nun jedem groß und breit erzählen. Spatz, so nennen wir ihn, weil er uns immer durch seine Redseligkeit auf die Nerven fällt. Früher hieß er ,,Rugard" und war ein stiller und bescheidener Rügen-dampfer. Jetzt aber hat er einen Stab an Bord und gibt nun eine Stange an. Zum Glück räkelt er sich die meiste Zeit an der Pier. Ist er aber wirklich ein- mal unterwegs, dann weiß er nicht, wie er tun soll und schwatzt in einem fort. Unsere Antenne ist schon ganz heiß.

11.Dezember 1939 In See
Wir kreuzen vor Trelleborg und zählen die Dampfer, die sich dort zum Auslaufen fertig machen. 24 Schiffe sind es. Teilweise können wir mit dem Glas sogar ihre Namen lesen. Sie sammeln sich dicht unter Land in der Dreimeilenzone wie zu einem Konvoi und werden sich wahrscheinlich in der Nacht still und heimlich unter Land davonmachen. Das einzige Schiff, das die Hoheitsgewässer verläßt und unsere Position kreuzt, ist das Fährschiff nach Saßnitz. Sonst aber läßt sich niemand sehen und noch weniger fassen. So wird es wieder Abend. Die See beruhigt sich etwas, und die Wewa bestätigt es. Südost 6, abflauend.

12. Dezember 1939 In See
Die See, und das ist morgens immer unser erster Blick, hat sich vollends beruhigt. Langsam und bedächtig pendeln wir im Zeitlupentempo wieder auf unserem Überwachungsstreifen hin und her. Gegen 10 Uhr kommt unsere Ablösung. Wir können abdampfen. Das lassen wir uns nicht zweimal sagen und rauschen davon. Um 12 Uhr treffen wir uns mit den anderen Booten der Flottille. Dann geht es mit rascher Marschfahrt heimwärts. Wir freuen uns nach dem anstrengenden Seetörn auf ein paar ruhige Tage im Hafen. Unser Kommandant zieht sich, nachdem er in den letzten Tagen kaum die Brücke verlas- sen hat, in seine Kammer zurück und klemmt sich hinter das Kriegstagebuch. Obersteuermann Jakob Visser klettert auf das Peildeck und übernimmt die Wache. Da wir in Kiellinie fahren und noch dazu als letztes Boot, ist der Kurs gegeben. Aus dem Schornstein quillt dicker, schwarzer Qualm. Die Bugwelle schäumt auf, und man merkt, daß wir die höchste Fahrtstufe anstreben.

18. Dezember 1939 Swinemünde - In See
1910 Uhr: Wir legen ab und laufen wieder aus zur Sundüberwachung. Es ist stockdunkel. Außenbords scheuern die Eisschollen polternd an der Schiffs- wand. Seit gestern hat der Eis-gang eingesetzt. Bald haben wir das freie Fahrwasser erreicht und schleichen lautlos durch die Nacht. Die See ist schweigsam, wir auch. In der Ferne langen von der Greifswalder Oi her in regelmäßigen Abständen die Strahlenbündel des Leuchtturmes wie bleiche Finger einer Geisterhand über den Horizont.

19. Dezember 1939  In See
Wir sind am Ziel, Trelleborg ist wieder querab. Das abgelöste Vp.-Boot quirlt eilig davon. Die Kameraden wollen Weinnachten zu Hause verbringen. Nachmittags kommt ein schwedischer Zollkreuzer längseits, ein niedliches Ding. Er bringt uns Zeitungen. Es gibt also auch hier noch freundliche Leute. Er erhält dafür von uns eine Flasche Korn. So ist uns beiden geholfen. Dann geht es wieder los, das Fahren hin und her, das Stehen auf und ab.

22. Dezember 1939 In See
0200 Uhr nachts. Nach der Gewalt, mit der es mich durch den Funkraum wedelt, schätze ich auf Windstärke 8 - 9. Die Wogen fegen über die ganze Brücke hinweg, und von der Decke unserer Behausung tropft es unentwegt. Obersteuermann Jakob Visser sucht Landschutz auf. Wir gehen auf Südkurs und krebsen für den Rest der Nacht vor der Insel Möen. Hit dem Hellwerden läßt der Sturm etwas nach. Wir begeben uns deshalb wieder auf unsere Position. Da haben wir die Bescherung! Der Sturm hat Minen losgerissen. 1245 Uhr schießen wir die erste durch Gewehrfeuer ab. 1530 Uhr erledigt eine Maschinengewehrgarbe die zweite.
Gegen 17 Uhr treffen wir die ,,Freiburg", Nr. 1303. Das Boot hat auch zwei Minen abgeschossen. ,,Uranus", unser Führerboot, das drei Stunden später unseren Weg kreuzt, signalisiert: Drei Minen erledigt. Der Nordwest hat auf 5 bis 6 abgeflaut, aber dafür hat sich Nebel eingestellt.


23. Dezember 1939 In See
0030 Uhr: Das Katz-und-Maus-Spiel zwischen uns und dem Sturm scheint sich zu wiederholen. Es hat erneut aufgebrist. 0145 Uhr: Es wird immer toller. Die See gefällt sich wieder einmal in Superlativen. Die Wewa gibt Sturmwarnung NO 8/9. Der ,,Sperling", der auch unterwegs ist, quittiert sofort und meldet: ,,Suche Landschutz auf". Wir mit unserem ,,Filzlausgeschwader" bleiben natürlich noch auf Position. Es gibt eben neben der Bodenverbundenheit auch eine Seeverbundenheit und in dieser Hinsicht lassen wir uns von niemandem etwas vormachen. Also weiter mit AK den Wellenberg hinauf und auf der anderen Seite wieder herunter, tief steckt unser.Boot dabei die Nase ins Wasser. Jetzt holt es wieder ganz und gar nach backbord über, um sich im nächsten Augenblick tief nach steuerbord, zu verneigen. Gleichzeitig hüpft es auch noch auf und nieder. Wir loten vorsichtshalber, damit wir bei dem Gehopse nicht etwa auf dem Meeresboden aufstoßen. 18 m! Da wird es wohl noch gehen. Weiter im Hexentanz. Wir klammern uns irgendwo fest, damit wir in unserm Bau nicht wieder herumkollern wie Steinchen in einer Kinderklapper. Wenn jetzt Heinz Rühmann mit an Bord wäre, müßte er uns auf der Stelle das Lied ,, Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern", vorsingen. Zu zweit halten wir die Station besetzt. Der Empfänger tickt. Nun soll man auch noch aufnehmen. In einsichtsvoller Weise gibt die Landstelle die FTs langsam und exakt und manchmal zwei und dreimal. Endlich stehen wir wieder im Schatten der Insel Möen und atmen etwas auf, aber bereits um 8 Uhr wagen wir uns wieder hervor, obwohl die Wettermeldung immer noch WSW 8 vorsieht. Langsam gewöhnt man sich an die ewige Schaukelei.

24. Dezember 1939 - Heiliger Abend   In See
Nun liegen wir schon die dritte Nacht hinter der Insel Möen und suchen Landschutz. Im kargen Mondlicht sieht die Insel mit ihrem steilen Profil wie eine dunkle Wetterwolke aus, die aus der See heraufsteigt. Unser Führerboot ist auch hier. Es kommt längsseits und will zwei Sack Kartoffeln haben. Mit einer Beule am Heck bezahlen wir die Gefälligkeit, aber so ist es, wenn der Flottillenchef zum Heiligen Abend durchaus Kartoffelsalat haben will und sein Smutje vergeßlich ist. Diese Angelegenheit hatte außerdem ein neckisches Vorspiel; denn da zu jedem Stelldichein auch eine vorherige Vereinbarung gehört, so sah sich der Koch von 1301 zuvor genötigt, uns sein Anliegen wissen zu lassen. Er setzte deshalb folgenden Morsespruch auf: ,,Koch am Koch - Haben Sie Kartoffeln?" und der Signalgast blinkte los: ,,K an K - Haben sie Kartoffeln?" Unser Signalgefreiter Giermann nahm den Spruch auf und sagte sich, K. an K kann wie üblich nur Kommandant an Kommandant heißen und reichte ihm den Spruch. Dieser aber war mitten in der Nacht nicht zu Spaßen auf- gelegt und ließ antworten: ,,Ich bin kein Bauer." Daraus entwickelte sich dann ein lebhafter Blinkverkehr, bis man schließlich dahinter kam, daß es sich lediglich um einen Naturalienaustausch von Koch zu Koch handelte und dem wurde dann auch stattgegeben. -Der Wetterbericht ist wieder heiter. West 8, auffrischend. Ich gehe ins Ruderhaus und gebe den Bericht durch das Sprachrohr hinauf zum Kommandanten auf dem Peildeck.
Wenn der Sturm bis heute abend nicht nachläßt, müssen wir unseren Christbaum anbinden und uns daran. Auf diese Weise ist dann vielleicht eine kleine Weihnachsfeier möglich. Hans Hellriegel, mit dem ich mich recht gut zusammengelebt habe und dessen Gedanken in derselben Richtung zu schweifen scheinen, wirft die Frage auf, ob wir uns nicht rasieren und etwas schön machen wollen. Was heißt hier schon schön. Wir sind keine Stadtsoldaten. Gestern hat mich die See beim Überdeckgehen zweimal abgebraust. Das ersetzt ein Vollbad. Also verzichten wir auf die bürgerlichen Bräuche und lassen alles beim alten. Vorläufig wäre Rasieren ja auch noch eine technische Unmöglichkeit. Unten im Wohndeck machen die Matrosen rein Schiff, einer putzt sogar den Christbaum an. Mich könnten dazu keine zehn Pferde bewegen. Um 1730 Uhr ist Abendbrot. Franz Pellin hat Kartoffeln, Bockwurst und Sauerkraut gekocht. Es schmeckt. Anschließend versammelt uns der Kommandant im großen Wohndeck und spricht ein paar Worte, schlicht und ohne Pathos. Dann bekommen wir aus der Kombüse unseren Weihnachtsteller mit Schokolade, Backwerk und Rauchwaren und vom Himmel endlich vernünftiges Wetter. Danach wird Grog aufgetragen, das internationale Getränk der Seeleute.   
20 Uhr. Meine Freiwache geht zu Ende. Nun habe ich wieder Dienst bis 0200 Uhr nachts. Auf der Welle ist wenig Betrieb. Ob zu Hause wie jedes Jahr im Fenster die geschnitzten Bergmänner stehen, die mit ihren Lichtern nachts verkünden, daß hier Kinder Weihnacht feiern. Nein! Zu Hause ist ja auch verdunkelt. Das Licht ist gefesselt und die Freude auch.

25. Dezember 1939 - 1. Weihnachtsfeiertag In See
0030 Uhr treffen wir uns mit ,,Uranus", Nr. 1301 und ,,Freiburg", Nr. 1303 und gehen in einer ruhigen Ecke vor Anker. Schrill klingen das Rasseln der schweren Kette und das Rattern der Winde. Jakob Visser kommt zu mir. Wir wollen vorsichtshalber noch einmal funkpeilen. Eineinhalb Stunden dauert diesmal unser Peilen. Liegt das nun am Peiler oder am Grog? Stevens kommt klar, aber Trelleborg verheimlicht heute ganz und gar sein ,,Tr"-Morsezeichen. Nach meiner Ablösung um 3 Uhr unternehme ich einen Rundgang durchs Boot. Die Wachen sind nur halb besetzt. Auf dem Peildeck steht Alwin Kalauch. Eingehüllt in seinen dicken Wachmantel lehnt er in einer Ecke an der Persenning und schaut hinaus in die Nacht. Hell ist der Mond jetzt hervorgetreten. Auf der gleißenden und spiegelnden Fläche der See suchen seine Augen nach Minen und feindlichen U-Booten.
An Oberdeck ist niemand zu sehen. Alles ist ruhig. Nur im Wohndeck der Matrosen herrscht noch lautes Leben. Eberhard Henke, einer unserer Ruder-gänger, voll des süßen Weins, kann sich gar nicht beruhigen und lehnt es kategorisch ab, auf Wache zu ziehen. Kein begütigendes Wort verfängt, kein noch so gut gemeinter Ratschlag der Kameraden. Er fühlt sich stark. Auch der Kommandant vermag nichts auszurichten; denn auf alle seine Vorhaltungen antwortet Eberhard nur durch lautes Absingen des Schlagers: ,,Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern." Davon platzt unserm Alten schließlich der Kragen. Er läßt sich aus seiner Kammer sein Schießeisen holen. Unterdessen aber hat unser Eins WO mit einigen anderen schon den grölenden Sänger dingfest gemacht und in die SOS-Zelle (Klo) gesperrt. Sie erfüllt auch in diesem Falle eine befreiende Wirkung. Außerdem stellt man noch einen Posten vor das Schott.
Erster Feiertag. 0800 Uhr: Wir fahren wieder. Die See ist ruhig, unser Funkempfänger auch. Gegen 11 Uhr kommt Nr.1309, ,,Stemmer", und bringt Post, zwei Seesäcke waren voll. Mit dem Mittagessen, Truthahn und Spargel, hat sich unser Koch heute selbst übertroffen. Nach dem Kaffeetrinken werden Liebesgaben verteilt. Unsere Patenstadt Eisenach hat unserem Boot, das ja den Namen Eisenach trägt, 2 000 Zigaretten, 500 Zigarren, Tabak, Spiel-karten und ein schönes Bild von der Wartburg geschickt. Dann kommt uns Obersteuermann Jakob Visser besuchen. Er beschreibt mit der Hand einen Bogen und sagt: ,,Wir gehen hier herum und dann vor Anker. Es regnet, und aufgebrist hat es auch schon wieder. Da werden wir nicht hier mitten im Wasser stehen bleiben." Von unseren Obersteuerleuten ist mir der aIte Visser der liebste. Er hat so eine ruhige, natürliche und auch so völlig unmilitär- ische Art und ist von der Stammbesatzung mit übernommen worden. Zwar peilt er nach alter Seemannsart gern über den Daumen, aber da seine Navi- gation trotzdem stimmt, und er von jeder Rauchwolke am Horizont schon sagen kann, wie viel Tonnen da den Berg heraufkommen, so geht alles in Ordnung, und so muß es wohl auch sein. 1900 Uhr: Der Anker rasselt in die Tiefe.

26. Dezember 1939 - 2. Weihnachtsfeiertag - In See
0730 Uhr seeklar. Wir hieven den Anker. Laut rumpelt die schwere Kette über Deck. Von den beiden Nachbarbooten erschallt dasselbe Gerassel. Es ist noch dämmrig und leichter Schneefall hat eingesetzt. So kommt es, daß uns unser Nebenmann ,,Freiburg" zu nahe kommt und uns einen argen Rippenstoß versetzt, aber dafür verläuft der Tag dann umso ruhiger. Aus dem Schnee wird Regen und trübes Wetter. Wir pendeln hin und wieder her. Um 16 Uhr bricht bereits die Nacht herein und bald geht auch der zweite Feiertag zu Ende.

27. Dezember 1939  In See
Unser Christbaum verliert schon recht die Nadeln. Auch für die Kameraden hat der Baum seinen Zauber verloren. Sie füllen ein klei¬nes Fläschchen, daß in besseren Tagen Rum enthielt, mit Bier und hängen es in die Zweige. Wir wollen sehen, ob jemand darauf hereinfällt.
Auf Wache ist heute wieder Betrieb. Dann gibt es noch eine U-Bootsmeldung. Ein Vorpostenboot funkt: ,,Feindliches U-Boot im Quadrat RT. Habe acht Wasserbomben geworfen." Dieser FT ist wichtig. Ich gehe sofort ins Kartenhaus nebenan. ,,Jakob, hallo! Feindliches U-Boot im Quadrat RT. Ist das in unserer Nähe?" Jakob Visser meldet es dem Kommandanten, der auf der Pritsche im Kartenhaus einige Minuten der Ruhe pflegt. Er wühlt in den Karten und hat endlich die richtige. Hier muß es sein. Also Quadrat RT. R hier und T da. Genau Lüneburger Heide. Allgemeines Hallo. Sogar der Kommandant lächelt. Rarität! Dann will man auch noch wissen, wie man dort Wasserbomben wirft.
Mit rotem Kopf und in meiner Funkerehre verletzt, ziehe ich mich in meine Höhle zurück. Haben mich die Feiertage so mitgenommen? Mein Ansehen als Funker steht auf dem Spiel. Eine Stunde schleicht dahin. Dann tickt der Empfänger wieder. ,,Standort unmöglich", melden die U-Jäger. Kurz darauf folgt die berichtigte Standortangabe. Jetzt bin ich rehabilitiert und kann wieder hervortreten. Der Kommandant und Jakob Visser ziehen ihr Lächeln zurück.

28. Dezember 1939 In See
Im Morgengrauen kreuzt ein Kutter unsere Bahn. Wir halten ihn an, lassen ihn aber bald als unverdächtig wieder ziehen. Die See ist unruhig geworden. Schon beim Frühstück rollt das Brot über die Back, hüpft der Kaffee aus den Tassen, laufen schwarze Pfützen hin und her. Wir schlagen die Schlinger-eisten hoch, damit uns nichts an Deck rollt. Gegen 11 Uhr erscheint unsere Ablösung. Wir erstatten Bericht, weisen sie ein und steuern dann den Sperr-lotsendampfer an, wo wir uns mit den anderen Booten der Flottille zum gemeinsamen Heimmarsch treffen wollen. Endlich ist es so weit. Ein schönes Ge- fühl, und unser Boot fühlt es auch. AK läuft es und zittert förmlich vor Freude und Aufregung. Zeitig wird es Nacht. Urlaub. Morgen um diese Zeit wollen wir schon zu Hause sein. Brav stampft unser Boot Meile um Meile. Der Mond verbreitet wieder sein fahles Dämmerlicht, und wie dunkle Schatten schieben sich unsere Boote durch die bewegte See. Apathisch torkeln darüber die Positionslaternen in den Masten. Es geht heimwärts!

29. Dezember 1939 Stettin - Dresden
0600 Uhr: Es ist noch stockdunkel. Knarrend und scharrend schieben sich die Boote der Flottille das letzte Stück durchs Haffeis nach Stettin. Es ist ein klarer, eiskalter Wintermorgen. Alles andere geht dann sehr schnell. Wir erreichen noch den D-Zug um 10 Uhr und sind 1230 Uhr bereits in Berlin. Hier gebe ich noch ein Telegramm auf. 1327 Uhr geht die Fahrt weiter und um 17 Uhr bin ich zu Hause.

Urs Heßling

Zitat von: Seekrieg am 17 August 2011, 14:18:46
5. Dezember 1939    In See
Trotzdem besteht die ständige Gefahr, namentlich bei Nacht oder Nebel, oder aber infolge von Stromversetzungen in die eigene Sperre zu geraten, wir wären nicht die ersten.

dazu der Chronik-Text
21.10.– 4.12.1939
Ostsee
Auf den im Belt und Sund ausgelegten dt. und dän. Defensiv-Minensperren gehen die dt. Vorpostenboote V 701 (21.10.), V 301 (25.11.) und der U-Jäger UJ 117 (4.12.) verloren

Gruß, Urs
"History will tell lies, Sir, as usual" - General "Gentleman Johnny" Burgoyne zu seiner Niederlage bei Saratoga 1777 im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg - nicht in Wirklichkeit, aber in George Bernard Shaw`s Bühnenstück "The Devil`s Disciple"

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