Informationen zu Japanischem Bericht gesucht

Begonnen von Dominik, 19 Mai 2006, 16:01:43

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Dominik

"In the first week of July 1941, the government of the United States made a historic mistake. It took an intercepted message from the Japanese Foreign Ministry at face value and conluded that the Second World War was on the point of spreading to the Pacific Ocean. The American responce, economic sanctions backed by military precautions, and Japan's reaction to them, turned this misinterpretation into a self-fulfilling prophecy."

aus Dan Van der Vat "The Pacific Campaign", ISBN 1 48158 123 2, Introduction (Seite 19)

Hat Jemand Informationen betreffend dieser abgefangenen Nachricht? Van der Vat geht hier leider nicht weiter drauf ein.

Gruß

Dominik

Mario

Hallo Dominik

Ich bin mir fast sicher, davon schonmal gelesen zu haben. Was genau interessiert Dich daran ? Der genaue Wortlaut dieser Nachricht ?
Wenn ich am Wochenende Zeit finde, dann blättere ich mal nach.

Dominik

@Mario,

der genaue Wortlaut muss es nicht sein, nur eine grobe Inhaltsübersicht und um was für eine Art Bericht es in Wirklichkeit war. Es muss ja ziemlich starker Tobak enthalten sein, wenn Van der Vat diese Message als Grund für die amerikanischen Sanktionen hinstellt.

Gruß

Dominik

Thomas

Hallo,

vermutlich geht es hierum:
Die us-Sicht der japanischen Aktivitäten hatte sich entscheidend durch den russisch-japanischen Angriffspakt vom 13.4.1941 verschärft. Im Frühjahr wurden dann japanische truppen in Indochina stationiert, es gab Gespräche mit Frankreich, bereits zuvor mit NL-Ostindien betreffend Ölexploration.

Am 2.7.1941 wurden folgende Meldungen abgefangen: Einberufung von 1-2 Millionen Reservisten, Rückruf aller japanischen Schiffe aus dem Atlantik, sowie "weitere Hinweise", die Kriegsabsichten intendierten: Anhebung der Nachrichtenzensur, Beschluß für eine Informationskampangne zur Kriegsvorbereitung,  Meldung über "Imperial Conference" mit dem Ergebnis der Realisation einer Großasiatischen Einflußsphäre unter japanischer Führung ohne Rücksicht auf die internationale Entwicklung..
Meldung über japanischen Kabinettsbeschluß: Okkupation des Südens von Frz.-Indochina "regardless of american reaction".

Am 10.7. informierten die USA Großbritannien, dass im Falle des Einmarsches japanischer Truppen in Frz.-Indochina ein sofortiges finazielles und wirtschaftliches Embargo gegen Japan erklärt wird.

Am 12.7. wurde Petain die japanische Note als Ultimatum übergeben, dass ohne Eingehen auf die japanischen Wünsche bis letztlich zum 20.7.1941 ein Einmarsch in Indochina erfolgen würde. Auch diese Nachricht wurde (abgesandt an die japanische Botschaft) abgefangen und entschlüsselt.

Matsuoka als Opposition im Kabinett resignierte nach englischen Aufklärungsberichten am 16.7.1941, zwei Tage später wurde Toyoda Außenminister.

16.7.: Beginn engl-amerik. Gespräche zum beabsichtigten Wirtschaftsembargo.

24.7.: Roosevelt-Forderung auf Unversehrtheit und Neutralität Frz.-Indochinas.

Am 25.7.1941 informierte das japanische Außenministerium Grew davon, dass die Vichy-REgierung die japanischen Wünsche für ein Protektorat Frz. Indochina anerkennt. Das bedeutete ungehemmten Ausbau der japnischen Militärpräsenz dort, Kolonialstatus und strategische Umzingelung der Phillippinen. Sofortige Antwort am Folgetag: Einfrieren aller japanischer Vermögenswerte in den USA.

Morison, Band III The Rising Sun in the Pacific, S. 60ff.,
Woodburn-Kirby, The War against Japan, Band I, S. 69 ff.

Vielleicht noch zur Rahmenhandlung dieser Juli-Abläufe, um es in die Gesamtdramatik einzuordnen:
17.6. schroffer Abbruch der Verhandlungen mit NL-Ostindien betreffend Ölexploration für Japan
20.6. Die USA bannen "aus Gründen des Eigenbedarfes" alle Ölexporte mit Ausnahme Großbritannien und "westliche Hemisphäre"
21.6. Note Roosevelts an Japan, die nicht beantwortet wird
22.6. deutscher Angriff auf Rußland

Grüße
Thomas :-)

Dominik

@Thomas,

Danke für die Zusammenstellung der Meldungen! Wenn ich das richtig verstehe, sind die aufgefangenen Meldungen vom 02.07. genutzt worden, um das bereits  - seit dem 20.06. - bestehende Öl-Embargo auch offiziell als solches zu bezeichnen. Denn jede für sich kann auch anders gedeutet werden:

- Einbeziehung weiterer Reservisten für den Kampf in China
- Rückruf der Schiffe aus dem Atlantik wegen der Ausweitung der dortigen Kämpfe zwischen KM und RN
- Anhebung der Nachrichtenzensur wegen Kampf in China
- Informationskampagne zur besseren Darstellung des Krieges mit China
- der Wunsch nach einer Großasiatischen Einflussphäre, die schon seit 1905 bekannt sein sollte (Korea)
- Okkupation frz-Indochinas zur Abschnürung von Nachschublieferungen für China

Für mich unverständlicherweise wurde jedoch angenommen, alles würde für einen Kriegsausbruch mit den Vereinigten Staaten sprechen. Unverständlich deshalb, weil durch rassische und rassistische Vorurteile Japan doch eh in vielen Belangen unfähig war. Und gerade hier soll Japan von sich aus einen Zweifrontenkrieg planen?  :/DK:

Mario

Hallo Dominik
Ich habe heute Nachmittag mal in verschiedenen Büchern geblättert, doch nichts Konkretes zu Deiner Frage finden können.
Vieleicht machen wir einen Fehler, wenn wir jede Handlung und Entscheidung von 1941 einzeln bewerten. Vielmehr sollte man die Politik Japans und der USA in seiner Gesamtheit betrachten. Ich will damit sagen, daß es für eine Entscheidung wie dem Ölembargo, oder das Einfrieren der jap. Guthaben immer eine Vielzahl von Gründen gab. So wurde z.B. das Öl, das ursprünglich an Japan geliefert werden sollte nicht nur einfach zurückgehalten. Nein, es wurde tatsächlich für die Sowjetunion gebraucht. Also ein weiterer Punkt, der für das Ölembargo sprach.

Durch den Kriegseintritt der Sowjetunion, spätestens aber einige Wochen später, als sich die ersten Anzeichen mehrten, daß die Wehrmacht länger als ein paar Wochen für die Zerschlagung der Roten Armee brauchte, gewannen die USA Zeit. Deutschland war gebunden und auf absehbare Zeit nicht in der Lage strategisch Richtung Westafrika, Südatlantik und Südamerika vorzustoßen bzw. massiv gegen England vorzugehen. Dies führte unter anderem zu der politisch-militärischen Option, stärkeren Druck auf Japan auszuüben. Die Gefahr eines Zweifrontenkrieges war für Roosevelt nicht gebannt, aber sie verlor Viel von ihrem Schrecken.

Thomas

Hallo Dominik,

Mario hat zunächst einmal völlig recht, wenn er darlegt, dass die Entwicklungen nur in ihrem Ablauf und umfassend interpretiert werden können.
Bei den hier vorliegenden Meldungen gehen die angelsächsischen Autoren (einschränkend: ex post) von damals angehenden Alarmsirenen aus. Wenn diese Bedeutung der Meldungen richtig wiedergegeben wäre, erklärt sich mir das daraus, dass der Konkretisierungsgrad der früheren Alarmzeichen drastisch durch die Juli-Meldungen gesteigert worden ist.
Explizit wurden die Mobilisierungen auf einen Pazifik-Krieg Japans bezogen, die Neutralität Rußlands war (schon wegen des dramatischen Ringens mit Deutschland seit 14 Tagen) 100%ig gesichert, englische Quellen gingen doch sogar davon aus, dass Rußland innerhalb weniger Wochen zusammenbricht. Dies einmal auf die strategische Perspektive Atlanzik/Pazifik bezogen:
Damit würden die USA und GB in wenigen Wochen allein gegen JP (mit Rücken frei) und D+I stehen.
Alle diese Signale wurden daher wohl klar als Kriegskurs JPs verstanden; auch der Abzug sämtlicher Handelsschiffe aus dem Atlantik zur Bereitstellung der Tonnage im Pazifik.
Quellen (die das ausführlich darlegen) siehe oben.

Grüße
Thomas

Thomas

Hallo nochmal,

habe die Nachricht vom 2.7.1941 in einer etwas merkwürdigen Ecke nochmals gefunden:
B. Rodow, Die USA und Japan bei der Vorbereitung und Entfesselung des Kriegs im Stillen Ozean 1938-1941, Berlin 1953,
wiedergegeben nach "Hearings before the joint committee on the investigation of the Pearl Harbour attack, Washington 1946, Band 12 mit Abdruck des erbeuteten Schriftwechselns vom 1.7. bis 8.12.1941.

Es handelt sich um zwei Telegramme an Oshima und Nomura (Außenminister in Berlin und Washington), strengste Geheimhaltung.

mindestens bekannt seit dem 6.7.1941, Tagebuch Grews Botschafter Tokio vom 6.7.1941:
an Oshima, Auszug:
1. Wie auch immer sich die Weltlage verändern möge, das japanische imperium wird durch Schaffung eines aufblühenden Großasiens seine Politik weiterverfolgen.
2. Die Kaiserliche Regierung wird ihre Versuche fortsetzen, den chinesischen Zwischenfall zu bereinigen. Sie wird auch Schritte unternehmen, um nach Süden vorzudringen und sich eine sichere Grundlage für Japans Existenz und Verteidigung zu schaffen.

an Nomura:
... Auch die die verschiedenen anderen Pläne sind unter Berücksichtigung der lebenswichtigen Punkte im Süden zu forcieren. Gleichzeitig muß die Vorbereitung zu einem Vordringen nach Süden verstärkt und mit der Politik gegenüber Frz.-Indochina und Thailand in Einklang gebracht werden. Was den deutsch-russischen Krieg anbetrifft, so besteht völlige Bereitschaft, die Frage im Sinne unserer eigenen Interessen zu lösen.
... Es muß alles versucht werden, um einen Kriegseintritt der Vereinigten Staaten zu verhindern. Japan wird nach den Bestimmungen des Dreierpakts handeln und entscheiden, wann und wie es seine Streitkräfte einsetzt.

Grüße
Thomas :-)

Dominik

@Mario und Thomas,

natürlich müssen wir die einzelnen Geschehnisse im Zusammenhang betrachten. Allerdings bereitet mir die Nachricht an Nomura Kopfzerbrechen. Hier sollte ein Krieg mit den USA unter allen Umständen vermieden werden! Nahm man in den USA an, dass Japan bei einem Vorstoß in südlicher Richtung an den von den USA beanspruchten Philippinen vorbei England und Holland angreifen wollten? Dies würde man mit der abgefangenen Nachricht an Oshima erklären können (Bereinigung chinesischen Zwischenfall + Vordringen nach Süden). Letzteres würde aber auch für Indochina und Thailand zutreffen und nicht nur auf einen Krieg Japans gegen England/USA/Holland.

Jetzt kann man sich natürlich die Frage stellen, ob man auf amerikanischer Seite das Recht (Verträge) hatte, deswegen das Ölembargo zu verhängen. Auf amerikanischer Seite musste man sich ja ausrechnen können, welche Folgen dieses Embargo haben würde. Aber ich glaube, hier trifften wir wieder in Theorien ab, die auch in anderen Threats kein Ergebnis erzielt hatten.

Deswegen: Danke für die Antworten, die meine Fragen mehr als beantwortet haben!

Gruß

Dominik

Thomas

Hallo,

um die genannten historischen Zusammenhänge zu zitieren:
Im Juli 1941 tobte der Richtungsstreit in der japanischen Führung, der mit der kaiserlichen Konferenz und der Festlegung der strategischen Ziele an sich geklärt werden sollte.

Weiterhin: Der Ausbruch des ft.-russ. Krieges ist in seinen Erschütterungen nicht zu unterschätzen: Japan will sich offenbar bis zu einem Zeitpunkt seiner Wahl aus den Folgewirkungen heraushalten - warum? - weil die Südexpansion auf dieser Konferenz definitiv festgelegt worden ist. Aus japanischer Sicht sinnvoll - an den Anfang jeder Expansion ist die Versorgung gestellt.
Umgekehrt werden die us-austr-engl. Operationsplanungen vom Frühjahr zur Abwehr japanischer Aggressionen im SW-Pazifik bestätigt. Frz.Indochina und Thailand sind erste Ziele, aber der Hauptstoß muss sich gegen die Erdölquellen richten. Für diese Vorbereitungen ist ein aus japanischer Sicht ein provozierter "verfrühter" Eintritt der USA in den Krieg unerquicklich: Die Ziele noch nicht erreicht, die Möglichkeit der Überraschung im Erstschlag sinkt drastisch. Also in der Logik: Krieg erst, wenn Japan das will und den ersten Schlag führen konnte (das gleicht auch der Position zu Rußland).

Fazit: USA bereitet Reaktionen für die erkannten vorbereitenden japanischen Schritte gegen Indo. und Thailand vor: Stahl- und Ölbykott. Mit dieser Vorwarnzeit, den us-britischen Abstimmungen vom 12.7.1941 in einer Strategiekonferenz ist dann die schnelle Reaktion auf die frz.-jap. Verständigung am 26.7. erklärbar: alle Maßnahmen kommen aus der Schublade.

Grüße
Thomas

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