Ophelia-Zwischenfall

Begonnen von Mark Alt, 15 November 2021, 11:01:11

Vorheriges Thema - Nächstes Thema

0 Mitglieder und 1 Gast betrachten dieses Thema.

Mark Alt

Moin,

am 18. Oktober 1914 wurde das Hospitalschiff (Hilfslazarettschiff) Ophelia, die nach Überlebenden des am Tage vorher ereigneten Gefechtes vor Texel suchte, von den Briten eingebracht. Unter den britischen Vorwürfen stand, daß das Schiff vorher nicht als solches von den deutschen Behörden angegeben wurde. Diesbezüglich schreibt Der Krieg zur See / Der Krieg in der Nordsee Bd. 2 auf der Seite 201 folgendes:
Zitat,,Auf deutscher Seite konnte man sich diesen Beschluß zunächst nur so erklären, daß die amerikanische Regierung die deutsche Mitteilung von der Umwandlung des Dampfers ,,Ophelia" in ein Hilfslazarettschiff versehentlich nicht an die englische Regierung weitergegeben habe. Diese Annahme erwies sich nach einer Note vom 8. Februar 1915 als irrig."
Was für eine Note diese war und was ihr Inhalt war, wird nicht erklärt. Weiss jemand etwas näheres darüber?

Gruß
Andreas

Matthias Strauß

Hallo Andreas,
meine nächste Publikation befasst sich mit den dt. Lazarettschiffen im Seekrieg 1914-1918, darunter natürlich auch mit der "Causa Ophelia". Die von Otto Groos (KzS, Nordsee Bd. 2) angeführte Verbalnote ist zwar in englisch, aber vom amerikanischen Außenministerium an das dt. Auswärtige Amt gerichtet und löst das Problem der Übermittlung an die brit. Regierung bez. der "Ophelia" als gemeldetes Lazarettschiff lt. Haager SK von 1907 nicht.
Es gibt in dt. Archiven diesen gesamten Vorgang für den, der dafür Interesse hat. (Quelle: BArch R 901 82122-82127, Akten des Auswärtigen Amtes, Amt III, betreffend "Die Beschlagnahme des HLS "Ophelia" durch engl. Streitkräfte" Bd. 1-6) Die Unterlagen befinden sich im Archiv Berlin-Lichterfelde. Zum Glück konnte ich diese Unterlagen noch vor Corona in wichtigen Teilen kopieren und auswerten.
Inzwischen kam das Buch von Stephen McGreal, "The war on Hospital Ships 1914-1918" heraus. Auf S. 28 spricht er davon, dass die "Ophelia" ordnungsgemäß als Lazarettschiff bei den Engländern registriert war, was ich nach dem Studium der amerikanischen Verbalnoten 1914-1916 nicht als belegt erkennen kann. Ich versuche, sobald es wieder möglich ist, nach London zu reisen, um die englischen Dokumente einzusehen.
Jack 

Axel Niestlé

#2
Hallo Andreas,

zum Thema OPHELIA gibt es in der kürzlich veröffentlichten Publikation von Reinhard Nachtigal - Ruses and Perfidy ein ganzes Kapitel, das den diplomatischen Streit um das Schiff behandelt.

Beste Grüße

Axel Niestlé

Urs Heßling

moin,

Zitat von: Axel Niestle am 15 November 2021, 20:37:06
Publikation von Reinhard Nachtigal - Ruses and Perfidity
tja ... das müßte in gutem Englisch "Ruses and Perfidy" heißen

Gruß, Urs
"History will tell lies, Sir, as usual" - General "Gentleman Johnny" Burgoyne zu seiner Niederlage bei Saratoga 1777 im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg - nicht in Wirklichkeit, aber in George Bernard Shaw`s Bühnenstück "The Devil`s Disciple"

Urs Heßling

moin,

Zitat von: Matthias Strauß am 15 November 2021, 19:25:46
Buch von Stephen McGreal, "The war on Hospital Ships 1914-1918" heraus.
Einige Fälle :
Glenart Castle
Kriegsverbrecherliste (8.) Wilhelm Kiesewetter
Anklage: Versenkung des Lazarettschiff Glenart Castle am 28.2.1918 als Kommandant des U-Boots UC 56
Ergebnis: Ermittlungsverfahren beim Reichsgericht eingestellt, da Kiesewetter in Übereinstimmung mit einem Befehl der Admiralität handelte, der die Versenkung von Lazarettschiffen in bestimmten Gebieten erlaubte

Llandovery Castle und
Llandovery Castle
Kriegsverbrecherliste (9.) Helmut Patzig
Anklage: Versenkung der Norw. Bark Eglantine (26.6.1918, beschossen für Minuten) und des brit. Lazarettschiff Llandovery Castle (27.6.1918) als Kommandant des U-Boots U 86
Patzig entzog sich dem Ermittlungsverfahren durch Flucht, seine Wachoffiziere Dithmar und Boldt wurden verurteilt, flüchteten aus der Haft, ihr Urteil wurde aufgehoben und Patzig in einem späteren Ermittlungsverfahren freigesprochen

Rewa
Kriegsverbrecherliste (11.) Wilhelm Werner
Anklage: Versenkung der brit. Schiffe Clearfield (24.10.1916), Artist (7.1.1917), Trevone (31.1.1917),  Torrington (8.4.1917) und der brit. Lazarettschiffe Rewa (4.1.1918) und Guildford Castle (10.3.1918) als Kommandant des U-Boots U 55
(Anm.: in den ersten vier Fällen - dabei fehlen noch die Fälle der brit. Schiffe Toro (13.4.1917) und Belgian Prince (31.7.1917) – kam es nach heutigem Wissen jeweils zur Tötung Überlebender)
Werner entzog sich dem Ermittlungsverfahren, das schließlich auf die Anklage betreffs der Torrington reduziert wurde, durch Flucht, es erfolgte kein Urteil in Abwesenheit, er kehrte später nach Deutschland zurück und machte Karriere in der SS. Die Versenkung der Belgian Prince wurde von britischer Seite einem anderen Boot zugeordnet. Die Anklage betreffs der Guildford Castle war falsch.

Dover Castle
Kriegsverbrecherliste (19.) Karl Neumann
Anklage: Versenkung des brit. Lazarettschiff Dover Castle am 26.5.1917 als Kommandant des U-Boots UC 67
Es gab ein Verfahren vor dem Reichsgericht Leipzig 1921.
Ergebnis: Freispruch, da Neumann in Übereinstimmung mit einem Befehl der Admiralität handelte, der die Versenkung von Lazarettschiffen in bestimmten Gebieten freigab

Gruß, Urs












"History will tell lies, Sir, as usual" - General "Gentleman Johnny" Burgoyne zu seiner Niederlage bei Saratoga 1777 im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg - nicht in Wirklichkeit, aber in George Bernard Shaw`s Bühnenstück "The Devil`s Disciple"

Axel Niestlé

Zitat von: Urs Heßling am 15 November 2021, 21:38:34
moin,

Zitat von: Axel Niestle am 15 November 2021, 20:37:06
Publikation von Reinhard Nachtigal - Ruses and Perfidity
tja ... das müßte in gutem Englisch "Ruses and Perfidy" heißen

Gruß, Urs

Tja, haste recht, Urs! Aber gutes Englisch ist halt nicht mein Ding.

Beste Grüße

Axel

Mark Alt

Danke für Eure Antworten. Vor einigen Jahren habe ich einige kurze Beschreibungen über das Gefecht und den anklüpfenden Zwischenfall gelesen und da von englischer Seite so vieles den Deutschen untergestellt war, hatte den Eindruck es war sowieso eine Spionage- oder Aufklärungsaktion. Nun habe ich Groos und Naval Staff Monographs (NSM) dazu gelesen, und die machen es komplizierter. Bei NSM Vol. XI auf der Seite 121 gibt es eine merkwürdige Fußnote:

Zitat,,The signal intercepted was not in the Naval Code but in that used by merchant vessels for naval communication. We had obtained a copy of this. The signal was from Ophelia to the Officer Commanding Fleet Auxiliaries asking for further orders after reaching the Haaks Light Vessel. (H.S. A. 283. p. 388 and I.D.H.S.)"

Da habe ich auch die bezüglichen Entschlüsse des X. Haager Abkommens von 1907 gelesen, und dort ist es wirklich nicht verboten, dass Lazarettschiffen über Funkgeräten verfügen können, im Gegenteil: es ist ausdrücklich erwähnt worden, dass Lazarettschiffe nicht beschlagnahmt werden dürfen mit der Begründung, sie hätten Funkgerät an Bord. (Artikel 8 )

Es wird im Abkommen auch nicht geregelt, wie viele Leuchtraketen ein Lazarettschiff an Bord haben darf.

Urs: Eine Liste über angegriffene Lazarettschiffe im ersten Weltkrieg gibt es eine Zusammenstellung auf EnWiki: List of hospital ships sunk in World War I]

Da steht, dass die österreich-ungarische Lazarettschiff Elektra am 18. März 1916 von dem französischen U-Boot Ampère torpediert wurde. Gab es eine Ermittlung in diesem Fall, oder geschah es nur versehentlich?

(Merkwürdigerweise steht die Ophelia in der Liste unter den Namen Huntley, obwohl mit ihr nach der Beschlagnahme nur noch Treibstoff transportiert wurde.)

Urs Heßling

moin,

Zitat von: Mark Alt am 15 November 2021, 23:53:52
Urs: Eine Liste über angegriffene Lazarettschiffe im ersten Weltkrieg gibt es eine Zusammenstellung auf EnWiki: List of hospital ships sunk in World War I]
Ja, bekannt.
Die Fälle Asturias und Donegal wurden wohl nicht weiter verfolgt, da die verantwortlichen Kommandanten (Pustkuchen, Saltzwedel) gefallen waren. Außerdem war die
Donegal nach u-boat.net ein "Armed Ambulance Transport", hatte also nicht den völkerrechtlichen Schutz eines Lazarettschiffs !
Die Versenkungen der Portugal und Vperiod im Schwarzen Meer wurden aus mir nicht bekannten Gründen nicht verfolgt (evt. weil es kein Russisches Kaiserreich mehr gab ??)
Die Warilda war gemäß u-boat.net kein angemeldetes Lazarettschiff

Zitat von: Mark Alt am 15 November 2021, 23:53:52
Da steht, dass die österreich-ungarische Lazarettschiff Elektra am 18. März 1916 von dem französischen U-Boot Ampère torpediert wurde. Gab es eine Ermittlung in diesem Fall, oder geschah es nur versehentlich?
Alliierte Kriegsverbrechen - wenn es denn eines war - wurden nach Kriegsende meines Wissens nicht untersucht oder verfolgt - bestes Beispiel ist der Fall Baralong

Gruß, Urs
"History will tell lies, Sir, as usual" - General "Gentleman Johnny" Burgoyne zu seiner Niederlage bei Saratoga 1777 im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg - nicht in Wirklichkeit, aber in George Bernard Shaw`s Bühnenstück "The Devil`s Disciple"

beck.Schulte

Lieber Urs, ich hatte von dir eigentlich was anderes zum Thema ,,War-Crime-List" erwarte. Das Ganze war ausschließlich eine Propaganda Show zur internationalen Ächtung des U-Bootes im Handelskrieg. Das U-Boot bedrohte GB nicht Wilhelms dickes Dampfer. Es galt also diese Gefahr auszuschalten. Nicht mehr und nicht weniger. Ich habe ja mal im MNB geschrieben, dass die richtigen Baby-Killer in den Gothas und Zeppelinen auf allen 3 Listen nicht vorkamen. Warum? Weil GB zur gleichen Zeit Bomben auf unwillige Eingeborenen im Irak warf.  Wer was anderes darin sieht ist schlichtweg naiv. Gleiches gilt für die Frage ob siegreiche Nationen ihre am Feind begangenen Kriegsverbrechen ahnden. Wer tut den sowas? Das gleiche gilt für Hospitalschiff. Nebenbei war der Marineführung in WHV und Berlin schon mit 1- 2 Ausnahmen immer bekannt wer von ihren Boot was versenkt hat.
Wie schon oft gesagt: In Freiburg lagert Massen an Akten zu dem Thema ( auch in Englisch , französisch und italienisch ) geht aber keiner der deutschen ,,Historiker" ran. Auch hier im Forum kein Thema.  Also dat war es ma kurz von hier.

Ekki

Freiburg.

Da war ich einmal. Die Akte, die ich haben wollte, war nicht auffindbar. Hat wohl jemand mitgenommen. Kopieren war scheiße organisiert. Wartezeiten. Damals wohnte ich in der relativen Nähe, konnte abends nach Hause fahren. Jetzt melde Dich mal an für 3 Tage, mit Hotel und allem, und Du kriegst Deine Akten nicht....

Die Menschen, die dort beschäftigt waren, waren sich ihrer Aufgabe (=Dienstleistung) nicht bewusst. Haben einen wie einen Bittsteller behandelt, trotz Anmeldung und Gedöns. Es war so wie "lass uns und unsere Akten doch in Ruhe. Wir kommen mit den Akten sehr gut alleine klar".

Is 12 Jahre her, kann sich ja geändert haben. Digitalisierung und so. War aber prägend.

beck.Schulte

#10
Wat dat? Ich bin seit 1975 fast jedes Jahr dort gewesen. (Eine Woche Hotel, Verpflegung, 700km Anreise)  . Ich hatte nie Probleme. Für den 1. Tag Akten wurden vorbestellt ( die lagen auch vor) und dann jeweils nachgeordert. Ging immer reibungslos auch in der vor PC Zeit, bis  teilweise 2x am Tag nachgeordert. . Das Personal nett und freundlich. Es hatte halt seinen Preis (Kopierkosten), aber wer sich intensiv z.B.  mit der Kaiserlichen Marine beschäftige war darauf angewiesen.
Selbst unser Theo , der den Laden ja über Jahrzehnte ständig beschäftigte, hatte ein recht gutes Verhältnss zum Personal im Lesesaal. Die Ausnahme war ja mal das von der Archiv-Leitung ausgesprochne "Zutritt-Verbot". Aber unser Schlachter aus Telgte war ein Kämpfer. Anwalt eingeschaltet und schon war der Zutritt wieder möglich.  :-D
PS: Ekki ? Jetzt kann ich dich einordnen. Wir hatten ja in 90zigern Kontakt!

Urs Heßling

moin, Ekki,

Zitat von: Ekki am 16 November 2021, 12:21:33
Die Menschen, die dort beschäftigt waren, waren sich ihrer Aufgabe (=Dienstleistung) nicht bewusst. Haben einen wie einen Bittsteller behandelt, trotz Anmeldung und Gedöns. Es war so wie "lass uns und unsere Akten doch in Ruhe. Wir kommen mit den Akten sehr gut alleine klar".

Is 12 Jahre her, kann sich ja geändert haben.
Muß es wohl; ich habe nur ausgesprochen positive Erfahrungen gemacht (mehrfach seit 2012)

Gruß, Urs
"History will tell lies, Sir, as usual" - General "Gentleman Johnny" Burgoyne zu seiner Niederlage bei Saratoga 1777 im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg - nicht in Wirklichkeit, aber in George Bernard Shaw`s Bühnenstück "The Devil`s Disciple"

Urs Heßling

moin, Bernd,

Zitat von: beck.Schulte am 16 November 2021, 11:49:08
Lieber Urs, ich hatte von dir eigentlich was anderes zum Thema ,,War-Crime-List" erwartet. Das Ganze war ausschließlich eine Propaganda Show zur internationalen Ächtung des U-Bootes im Handelskrieg. Das U-Boot bedrohte GB nicht Wilhelms dicke Dampfer. Es galt also diese Gefahr auszuschalten.
Na gut.

Dann kriegst Du (und kriegen alle Anderen) mal mein unfertiges Manuskript

Gruß, Urs
"History will tell lies, Sir, as usual" - General "Gentleman Johnny" Burgoyne zu seiner Niederlage bei Saratoga 1777 im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg - nicht in Wirklichkeit, aber in George Bernard Shaw`s Bühnenstück "The Devil`s Disciple"

Ekki

@Beck-Schulte:
Nö. Firmierte hier früher unter Leutnant Werner. Jetzt kannst Du mich einordnen.

Impressum & Datenschutzerklärung