Ostsee-Flucht: Andros

Begonnen von TW, 13 Mai 2026, 16:09:03

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Mit dem Frachter ,,Andros" von Pillau nach Swinemünde
Von Hildegard Schulz

Am 5. März konnten wir in Pillau an Bord des Frachtdampfers ,,Andros" gehen. Das Schiff war schon hoffnungslos überbelegt, trotzdem fanden wir noch einen Platz im Vorschiff. Wie wir hörten, sollte die Fahrt nach Swinemünde zwei Tage dauern.

Unsere Fahrt von Pillau nach Swinemünde dauerte nicht zwei sondern sechs Tage und Nächte. Nach dem zweiten Tag der Fahrt war die Verpflegung ausgegangen, es gab jetzt nichts mehr zu essen. Am dritten Tag war auch das Trinkwasser verbraucht. Viele Flüchtlinge hatten etwas Verpflegung dabei. Man teilte, solange man konnte. Einer half dem anderen. Es bildete sich eine Art Notgemeinschaft an Bord. Am vierten Tag hatte niemand mehr etwas Eßbares, doch das Schlimmste war der Durst. Durchfall verbreitete sich. Die Zahl der Kranken wurde rasch größer. Doch es gab weder einen Arzt noch einen Sanitäter an Bord. Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung griffen um sich. Jeder hoffte, dass die Fahrt bald zu Ende sei; doch es dauerte und dauerte.

Ich erinnere mich an laute Gebete der Flüchtlinge. Da stimmte irgendjemand unter uns das Lied an: ,,Aus tiefer Not schrei ich zu dir"; viele sangen mit. Der Gesang klang dumpf und verzweifelt – ich werde ihn in meinem ganzen Leben nicht vergessen.
Schönen Gruß aus Stuttgart
Thomas

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